
Foto © Christian Erdmann
#homedevelopedfilm

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„Das Leben ist schön und diese Arbeit ist sogar noch schöner als das Leben“, sagte einmal Kees van Dongen, dessen Lebenswerk darin bestand, schöne Frauen in einem dramatischen und modernen Stil zu porträtieren.
[barnebys.de]

Was euch zum Verderben wurde, will ich sagen: Ihr verstandet euch nicht auf die Liebe. Euch fehlte es an Kunst; durch Kunst hat die Liebe Bestand.
Ovid, Die Liebeskunst

Manchmal hat Lila, wie jede Frau von Geist, ihre Zusammenbrüche.
Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein

Er starrte in die Schönheit seiner Geliebten mit einem Blick, der sie schon seit tausend Jahren gesucht zu haben schien und nun, wo er sie antraf, plötzlich beschäftigungslos wurde, was ein Unvermögen ergab, das unverkennbar die Züge eines Stupors, eines beinahe idiotischen Staunens an sich trug. Das Gefühl lieferte bereits keine Antwort mehr auf dieses Übermaß der Forderung, das eigentlich mit nichts anderem mehr zu vergleichen war als dem Wunsch, sich aus einer Kanone gemeinsam in den Weltraum schießen zu lassen!
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Verliere deine Zeit je nach der Laune deiner Dame.
Ovid, Die Liebeskunst

Dieser Traum war vielleicht wahnsinnig, aber er war schön.
Eliphas Lévi, Geschichte der Magie

„Ihre Beine, Fräulein Clarisse“, sagte Walter, „haben mit wirklicher Kunst mehr zu tun als alle Bilder, die Ihr Papa malt!“
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

„Wenn es um eine Frau geht, wen interessieren da Tatsachen?“
Die Dame im See, 1947

Schließlich aber, an einem Roulettetisch, entdeckte Kit ein symmetrisches Gesicht, und es gehörte einer Frau, die man hierzulande als sphinxe Knopffienne bezeichnete. Es schwebte über dem Rouletterad und sah Kit direkt an, mit einem tierhaften, zeitlosen Blick, der jede Art von einleitendem Geplauder von vornherein ausschloss, als wüsste diese Frau bereits alles, was er mittlerweile zu erkennen glaubte – oder später erkennen würde, sofern keine Ereignisse eintraten, auf die er unbedingt sogleich würde reagieren müssen -, als besäße sie eine Gleichgültigkeit gegenüber den meisten Formen des Terrors, einschließlich derer, welche die Anarchisten jener Tage zu verkörpern oft für notwendig erachteten. Die Schwierigkeit lag in dem außergewöhnlich fahlen Bernsteinbraun ihrer Iriden: viel zu hell, um ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, kein eindeutiger Farbton, sondern eher so, als hätte eine Gelbsucht es nicht vermocht, in das Titanweiß vorzudringen, das sie umgab. Man konnte es, nahm er an, auch anders ausdrücken: Sollte man einem Hund mit derart farblosen Augen begegnen, so würde man sogleich wissen, dass das, was einen da ansah, kein Hund war.
Thomas Pynchon, Gegen den Tag

Oft hat eine stumme Miene Stimme und Wort.
Ovid, Die Liebeskunst

Liebe ist eine Art Kriegsdienst: Hinweg mit euch, ihr Faulen; ängstliche Leute dürfen nicht unter dieser Standarte kämpfen.
Ovid, Die Liebeskunst

Since a beautiful woman loves me,
no one should trouble my peace.
For I have been such a loyal suitor
that has never been considered
a false or prideful lover.
Evil tongues will never
wag joyfully on my account,
for I seek to do no wrong;
I ask nothing
but that she call me her sweetheart.
(Puisque bele dame m’eime, Medieval)

Ich hatte die Fähigkeit, mich zu wundern, offenbar verloren. In der Welt des Stoffes gab es nichts das Erstaunen wertes, außer Dora Spenlow.
Charles Dickens, David Copperfield

Der will ich sein, dem sie rasend das Haar zerrauft, der will ich sein, dem sie die zarten Wangen mit den Nägeln zerkratzt, den sie weinend oder mit finsteren Blicken ansieht, ohne den sie nicht leben kann, obwohl sie es gerne wollte.
Ovid, Die Liebeskunst

Das Geschlecht des Mannes und das der Frau unterliegen der gegenseitigen Anziehung nur vermittels einer ganzen Verschwörung von Ungewißheiten, die sich zwischen beiden einschalten und unaufhörlich erneuern, ganz als ließe einer einen Schwarm von Kolibris frei, die, um ihr Gefieder sich glätten zu lassen, bis in die Hölle geflogen wären.
André Breton, L’Amour fou

Madame Lysiane hatte ihren Pensionärinnen das Tragen schwarzer Spitzenwäsche verboten. Jede andere Farbe – Rosa, Grün, Elfenbein – war gestattet, aber da sie wußte, wie schön sie in ihren schwarzen Spitzen war, konnte sie den Damen diesen Schmuck nicht erlauben. Sie bevorzugte Schwarz weniger deshalb, weil ihre milchweiße Haut in dieser Umhüllung noch sanfter schimmerte, sondern weil diese Farbe der Unterwäsche eine gewisse Feierlichkeit verleiht und sie dadurch noch frivoler wirken läßt.
Jean Genet, Querelle

Allen schien Andromache größer als billig; Hektor war der einzige, der sie für mittelgroß erklärte.
Ovid, Die Liebeskunst

Laß ihn vor deiner Türe liegen, „O grausame Pforte“ klagen und viele demütige, viele drohende Reden halten.
Ovid, Die Liebeskunst

Wie die Wüste oder der Wald bis zum Himmel erzittert, wenn des Löwen Leib erbebt, so erzitterte das ganze Zimmer vom Plüschteppich bis zur letzten Vorhangfalte am Fenster, als Madame Lysiane den Kopf, ihre zornige Mähne und ihre alabasternen (oder perlmuttfarbenen) Schultern schüttelte: Jeden Abend rüstete sie sich stolz zur Eroberung des schon besiegten Mannes.
Jean Genet, Querelle

Bei Flaubert fand man feierliche, machtvolle Gemälde, grandiosen Prunk in einem barbarischen und glänzenden Rahmen, worin glühende und zarte, geheimnisvolle und hochmütige Geschöpfe ihre Kreise zogen, aber auch Frauen, die unter ihrer vollendeten Schönheit leidende Seelen verbargen, in deren Tiefe er eine entsetzliche Zerrüttung, ein wahnwitziges Verlangen ausmachte; Frauen, die tieftraurig waren über die schreckliche Mittelmäßigkeit der vergangenen und der noch kommenden Lüste.
Joris Karl Huysmans, Gegen den Strich

Er sagt, dass er nicht fertig wird mit ihr. Wäre er eines Tages fertig, müsste er auf der Stelle tot umfallen, und so bin ich im Grunde unsterblich.
Michael Kumpfmüller, Die Herrlichkeit des Lebens

Andromache saß nie rittlings auf Hektor, weil sie himmellang war.
Ovid, Die Liebeskunst

Oft wirst du Regen ertragen müssen, der sich aus der Himmelswolke löst, und oft frierend auf nacktem Erdboden liegen.
Ovid, Die Liebeskunst

Und der eine mag vor dem anderen fliehen, das Wesentliche wissen sie doch voneinander. Und der eine mag einen neuen Freund oder eine Geliebte nehmen, er kommt ohne die geheime, ungeschriebene Erlaubnis des anderen von ihrer Gemeinsamkeit nicht los. Das Schicksal solcher Menschen vollzieht sich auf parallel verlaufenden Wegen, der andere mag noch soweit weggehen, und sei es in die Tropen.
Sándor Márai, Die Glut

Dunkle Farben stehen Schneeweißen: Der Briseis stand Dunkles; als sie geraubt wurde, trug sie auch gerade ein dunkles Gewand.
Ovid, Die Liebeskunst

Wer, sooft es ihm beliebt, „Da, nimm“ sagt, hat das Genie gepachtet.
Ovid, Die Liebeskunst

Beauty of whatever kind, in its supreme development, invariably excites the sensitive soul to tears. Melancholy is thus the most legitimate of all the poetical tones.
Edgar Allan Poe, The Philosophy of Composition

Sie zog mit der Liebe eines Malers ihre Augenbrauen nach, emaillierte sich ein wenig an Stirn und Wangen, so daß diese aus dem Naturalismus zu jener leichten Überhöhung und Entfernung von der Wirklichkeit gelangten, die dem sakralen Stil eigentümlich ist (…)
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Das Altertum möge andere erfreuen, ich preise mich glücklich, daß ich erst jetzt geboren bin.
Ovid, Die Liebeskunst

Bei 0:13 hört man sowas wie ein Lachen von Nico, nach dem false start im Bataclan. Oder eben das, was in der Nico-Welt schon als Lachen zählen könnte. Es ist natürlich eher so ein anderweltlich amüsiertes „M-hm“, aber unter gewissen Voraussetzungen könnte man es als ein Lachen verstehen. Am Ende hört man Lou Reed und John Cale beim „She’s a femme fatale“-Refrain lächeln, weil Nico schon wieder einen Einsatz verpatzt hat. Wunderschöner Moment dieser drei.


AndersSehend:
… ebenso wie die Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen mit Vincent Price, die auch immer unter dem Der Phantastische Film-Banner gesegelt sind.
Christian Erdmann:
Wegen dieser Filme war ich einmal eine Weile Mitglied in einer Vincent Price Appreciation Society. Die schickten mir dann ein Heft zu, in dem es ein sehr gutes Interview zu lesen gab mit Ferdy Mayne – Graf Krolock aus „Tanz der Vampire“. Zu meinem großen Bedauern finde ich das Heft gerade nicht… es ist ein Tohuwabohu hier, man möchte Jeanne Moreau als Kammerzofe.
„Laura“, „Leave Her To Heaven“, „House of Wax“, „The Fly“, „Diary of a Madman“, die beiden „Dr. Phibes“-Filme, „Theatre of Blood“, „Witchfinder General“ – die Liste der Filme mit Vincent Price, die mir ans Herzl geklebt sind, ist lang, aber tatsächlich ist der Corman / Poe-Zyklus mit Price für mich das gewesen, was für andere der „Struwwelpeter“ war, und ich bekenne mich dazu, daß C.G. Jung mir wahrscheinlich sagen würde, Barbara Steele müsse irgendwas mit meiner Anima zu tun haben… die älteren Söhne einer befreundeten Familie schleusten mich regelmäßig durch ins Kino, und Vincent Price war sowas wie ein vertrauter Onkel. :)
Es scheint lange ein ungeschriebenes Gesetz gegeben zu haben, nach dem schauspielerische Leistungen in einem Horrorfilm tunlichst nicht als solche zu würdigen sind, Vincent Price hätte ansonsten in der Kandidatenliste der Motion Picture Academy wiederholt auftauchen müssen. Er hat perfektioniert, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist: süffisantes, subtiles Overacting. – Mit seinem Minimalbudget hat Corman es irgendwie geschafft, Poe’sche Alpträume mit einer zumindest gefühlten Opulenz wie aus Hammer Horror-Filmen zu verbinden, und das alles mit seiner eigenen psychedelischen Extravaganz aufzuheizen. Und Price genießt seine Rollen zwischen sadistischem Prospero und zerkrumpelnd-melancholischem Psychopathen so sehr. Wunderbare Szene aus „The Masque of The Red Death“: Hazel Court – „in whose bosom you could sink the entire works of Edgar Allan Poe“ (TIME Magazine) – Hazel Court als Juliana versucht ja immerzu vergeblich, eine magische Vereinigung mit Satan zu vollziehen; als Prospero ihrer müde wird, wird sie Opfer seines Falken. Unvergleichlicher Genuß, Price dabei zuzusehen, wie er das rotgefärbte Dekolleté betrachtet und erklärt: „I beg you, do not mourn for Juliana. We should celebrate. She has just married a friend of mine.“
AndersSehend:
Verrückt, war das ein US-Amerikanischer Verein? Das klingt für mich eher nach der liebevollen Verschrobenheit, die den Engländern immer nachgesagt wird.
Christian Erdmann:
Das war eine deutsche Society. Das war Anfang der 90er, ganz kurz vor seinem Tod, und die Society schlief dann auch ein. Ein Autogramm von Vincent Price bekam ich aber. Er hatte nicht die Schrift, die man von einem so weitausholenden Wesen möglicherweise erwartet. :)


AndersSehend:
Ich weiß zwar nicht, wie ich heute auf die Corman’schen Poe-Verfilmungen reagieren würde, erinnern kann ich mich jedoch daran, dass sie lange nachgewirkt und einen enormen Eindruck auf mich gemacht haben, auch in dem Alter noch, als ich bereits ironiefähig war. Diese Wirkung hat sicherlich viel mit Prices Schauspielkunst zu tun, süffisantes, subtiles Overacting trifft es auch für mich genau :-), wobei die Synchronisation auch sehr gut gewesen sein muß.
Christian Erdmann:
Wobei uns natürlich klar ist, daß „Verfilmungen“ ein bißchen das falsche Wort ist, der Deal war immer loosely based on, mal mehr, mal weniger. Und ja, ich liebe die Synchronfassungen auch sehr! Auch wenn, siehe „Tanz der Vampire“, zuweilen doch recht heftig manipuliert wurde, haben die Synchronsprecher in den 60ern oft Großes geleistet. Vincent Price wurde am kongenialsten von Friedrich Schoenfelder gesprochen, darf mal zitieren: „Vor allem seine Synchroneinsätze für den Amerikaner Vincent Price haben einen legendären Status.“ [lauschrausch.eu]
AndersSehend:
Hast Du einen Tipp für mich, welche zwei, drei Filme aus dem Corman-Poe-Zyklus ich mir wieder anschauen sollte? Ich glaube, ich habe damals alle gesehen, für mehr wird meine Zeit wahrscheinlich nicht reichen, und diesmal auf jeden Fall die Originalfassungen. Ich freue mich jetzt schon auf Prices Stimme, die ich bisher bewusst nur aus dem Thriller-Finale kenne.
Christian Erdmann:
The most hilarious ist wohl „The Raven“ mit Price, Boris Karloff, Peter Lorre und Jack Nicholson, und alle vier kennen keinen Bahnhof mehr. „House of Usher“ ist der Klassiker, „The Pit and The Pendulum“ mein spezieller Favorit wegen Barbara Steele, „Premature Burial“ ist zwar auch phantastisch, aber ohne Vincent Price, dafür mit Ray Milland. „The Haunted Palace“ ist dann ja eigentlich mehr an Lovecraft orientiert, auch ein überaus gelungener Film; „The Masque of the Red Death“ ist dann der opulenteste, Corman durfte den ja in den Kulissen von „Becket“ drehen, in denen gerade noch Richard Burton und Peter O’Toole brilliert hatten. Kameramann war übrigens Nicolas Roeg. „Red Death“ ist vielleicht der ernsteste und beeindruckendste. Aber dann ist da noch „Tomb of Ligeia“, der meiner Erinnerung nach beim „Phantastischen Film“ des ZDF immer fehlte, jedenfalls kenne ich ihn erst durch die DVD. „Ligeia“ war Prices Lieblingsfilm aus der Serie. Unterscheidet sich vom Rest schon dadurch, daß er Außenaufnahmen hat, wurde in Norfolk Abbey, England, on location gedreht. Price trägt eine schwarze Sonnenbrille, die seltsam anachronistisch, weil überaus cool und futuristisch wirkt. Der Film hat immer exzellente Kritiken gefunden, wurde mit „Vertigo“ oder Cocteaus „Orphée“ verglichen.

[SPIEGEL ONLINE Forum
Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?
Januar 2010]

„The Masque of the Red Death is Corman’s most vivid illustration of the ways in which perversity and horror can be thinly disguised as beauty.“ – David J. Hogan, Dark Romance
„I think a reason those films were so successful was that we all took them very seriously, and managed to convince the audience of our sincerity. There was no tongue-in-cheek attitude until we made The Raven, which was meant to be funny!“ (Hazel Court)


[Diary of a Madman]
Roger Corman in „How I Made a Hundred Movies in Hollywood and Never Lost a Dime“ über seine erste Poe-Adaption, „House of Usher“ („Die Verfluchten“):
„In Vincent, I found a man of cultural refinement for Usher. He was a first-rate actor and handsome leading man who had a distinguished career. I felt audiences had to fear the leading man but not on a conscious, physical level based on strength. I wanted a man whose intelligent but tormented mind works beyond the minds of others and who thus inspires a deeper fear. Vincent’s performance was brilliant.“
„Vincent would always have a twinkle in his eye on the set, laughing and joking, but when we would be shooting, he’d flip right back into character. We became very good friends. In fact it was Vincent who encouraged me with my painting, which eventually led to sculpting. He loved my work and even bought a number of them.“ (Hazel Court)
„You remember the fun we had when you poisoned me?“

Für die Rolle des Matthew Hopkins in „Witchfinder General“ war ursprünglich Donald Pleasence vorgesehen, AIP jedoch bestand auf Vincent Price.
„But the result is nothing short of sensational. As AIP head Sam Arkoff put it, ‚Michael Reeves brought out some element in Vincent Price that hadn’t been seen in a long time. Vincent was more savage in that picture. I was surprised how terrifying Vincent was in that. I hadn’t expected it.‘
Price’s white-gloved Witchfinder is indeed terrifying – monolithic, implacable, frighteningly inscrutable. Reeves occasionally tracks into his face to study his reaction to the mayhem he’s set in train, as when he oversees the ducking of Lowes and two other ‚confessed idolaters’… But Price is giving away nothing. It’s only when Sara, anxious to save her uncle’s life, expediently agrees to meet Hopkins at night „in private talk“ that we see his features, seamed yet somehow sad, flicker fleetingly into life. Prior to taking his leave of her, he frowns in brief puzzlement at her feigned coquettishness. He can’t work this woman out, or indeed any woman.“ (Jonathan Rigby, English Gothic)
Der durch und durch puritanische Hexenjäger scheint sich jeden sadistischen Genuß an seinen grausamen Hinrichtungen zu verweigern; sogar diese perverse Lust hat er in sich abgetötet, und das ist vielleicht das Irritierendste an der Performance von Vincent Price in diesem Film.


Diskussion im SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, Juli 2009
hans-werner-degen:
Der Logik folgen heißt, dass ein Rädchen des Denkens folgerichtig ins andere greift… und das kann man bei Nietzsche nicht sagen…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
So wie es „logisch“ ist, daß aus der Rede vom „Übermenschen“ bei Nietzsche, die Sie vermutlich ähnlich krude verstehen wie Nietzsches Rede von der „Lust“ oder Nietzsches Rede vom „Willen zur Macht“, folgt, daß es auch „Untermenschen“ gibt, nicht wahr?
Zeigen Sie mir eine Stelle, in der Nietzsche von „Untermenschen“ redet. Tip: es gibt genau eine. Und wenn Sie es schaffen, auch diese Passage „logisch“ und „logosgemäß“ so zu verstehen, wie Nietzsche zur Nazizeit verstanden wurde, machen wir eine Schießbude auf. Drei Treffer gewinnen das Goldene Kalb.
„Herrschen? Meinen Typus Andern aufnöthigen? Gräßlich! Ist mein Glück nicht gerade das Anschauen vieler Anderer?“ (Nietzsche)
hans-werner degen:
Wenn es Übermenschen gibt, muß es Untermenschen geben… sonst wäre das Über… sinnlos und leer. Verwende ich einen solchen Begriff, muß jedem klar sein, dass es da noch etwas anderes geben muß… und der Gegensatz von Über… ist Unter…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Fakt ist, daß das Wort bei Nietzsche nur einmal, und zwar in einem völlig anderen Zusammenhang, auftaucht. Sie können Nietzsche jederzeit kritisieren, aber doch bitte nicht derart oberflächlich. Im einem der Links, die Sie gestern anbrachten, hieß es wieder mal (yawn): „Für Nietzsche wäre er wohl die Verkörperung des Übermenschen gewesen.“ Nein, wäre er nicht, da können Sie Gift drauf nehmen.
Das Über ist konzipiert als reines Heraus aus dem Bestehenden. Es gibt in der menschlichen Sprache „das Übernatürliche“, wo wäre „das Unternatürliche“?
Noch was zu gestern: Hermeneutik ist nicht Identifikation, auch da ver fahren Sie nicht redlich, nicht „logosgemäß“. Nietzsche-Interpretationmacht einen nicht zum „Nietzsche-Jünger“.
hans-werner degen:
Zu jedem Wort, das einen Bezug auf Variabilität enthält, gibts einen Gegensatz. Und zu dem arischen Übermenschen gabs schnell den semitischen Untermenschen. Und ich halte Nietzsche nicht für so blöd, dass er diesen Gegensatz nicht gekannt hätte.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Was heißt denn um Gottes Willen „nicht so blöd, diesen Gegensatz nicht gekannt zu haben“? Welchen? Den von den Nazis konstruierten, zugespitzten, fatalen und letalen? Wie soll er denn den gekannt haben? Bei Nietzsche selbst gibt es zig Äußerungen zu „arisch“ und „semitisch“, in vielerlei Färbung, mit einem erkennbaren Wandel der Konnotationen, als Gegensätze, als Nichtgegensätze. Weder hat Nietzsche bei „arisch“ an eine „deutsche Herrenrasse“ gedacht, noch war er antisemitisch; er war erklärter Anti-Antisemit, sein Bruch mit Wagner ging nicht zuletzt auf dessen extremen Antisemitismus zurück. Wollen Sie behaupten, Nietzsche hätte seinen Antisemitismus nur mit Synonymen bemäntelt?
Der späte Nietzsche hat „Rassenmischung“ als „Quell großer Kultur“ befürwortet. Die einschlägigen Passagen bei Nietzsche lassen mindestens erkennen, wie fern Nietzsche dem stand, was Wagner oder Hitler aus Gobineau folgerten. Und Sie haben jede einzelne Passage Nietzsches, in der er von „Rasse“ spricht, überhaupt erst einmal daraufhin zu untersuchen, ob er da überhaupt den Begriff im Sinne der gebräuchlichen „Rassentheorie“ verwendet, das ist nämlich beileibe nicht immer der Fall.
Kaufen Sie sich übrigens das Buch, das Sie gestern verlinkt haben. Taureck wird es freuen, und Sie haben ein Beispiel dafür, wie eine differenzierte Kritik an Nietzsche aussehen kann. Taureck ist übrigens auch nicht immer auf dem richtigen Dampfer, meinem Verständnis nach, aber wer ist das schon. Die Zeit, in der man Nietzsche mit in kindischer Hartnäckigkeit wiederholten Empörungen diskreditieren konnte, ist jedenfalls vorbei, dafür hat akribische wissenschaftliche Arbeit doch nun wirklich in breiter Front gesorgt. Wenn Sie bei „Alle Lust will Ewigkeit“ nicht weiterkommen als bis zu masturbierenden Pennälern, mag das nur embarrassing sein. Wenn Sie aber partout und hartnäckig den „Willen zur Macht“ auch so verstehen wollten, wie es zur Nazizeit geschah, wäre das indes ein Problem. Aber nur das Ihre.
oliver twist aka maga:
@Aljoscha
Mit dem „Alle Lust will Ewigkeit“ habe ich keine Probleme. Man kann den Satz in zweierlei Hinsicht deuten. Und Nietzsche hat mit dem Denken Gobineaus, Wagners und Chamberlains nichts gemein. Man sollte aber nicht vergessen, dass der ursprünglich dem Rassendenken fremdstehende Mussolini – noch Mitte der 30er Jahre machte er sich lustig über den Hitlerschen Rassenwahn – stark vom Denken Nietzsches beeinflusst worden ist. Der Übermensch, der ja nur Übermensch sein kann, wenn andere keine Übermenschen sind, hat zwar nicht den Amoralismus in der Politik begründet – der ist so alt wie der Mensch selbst -, er hat ihn aber zu etwas Erstrebenswerten gemacht und ihm seine philosophische Rechtfertigung gegeben. Es gibt tausend Gründe dafür, wenn man nach seinem Lieblingsphilosophen – meiner ist Aristoteles – gefragt wird, nicht Nietzsche zu nennen.
PS: Kennen Sie Hitchcocks Film „Rope“, zu deutsch „Cocktail für eine Leiche“?
BerSie:
Das ist wahr! Meiner ist Bertrand Russell. Leider verstand der nichts von Logik und wurde vermutlich schon von Thomas von Aquin widerlegt – vielleicht ist das der Grund für meine Sinnkrise!?
Was hat „Rope“ mit Nietzsche zu tun? Das Motiv der beiden Mörder war wohl so etwas wie spätpubertärer Größenwahn. War übrigens ein Experiment – der Film. Hitch wollte den „echtzeitmäßig“ in einem Take aufnehmen. Ging allerdings damals noch nicht, da die Länge der Filmrollen nur eine knappe halbe Stunde erlaubte…
Aber das hat nichts mit Nietzsche zu tun! ;)
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
@maga
Es gibt tausend Gründe dafür, überhaupt keinen „Lieblingsphilosophen“ zu haben, weil sie alle wertvoll sind. Sicher kenne ich „Rope“, guter Film, aber wie BerSie sich auch schon wunderte – ist von Nietzsches „Übermensch“-Idee so weit entfernt wie „Rope“ von Hitchcocks bestem Film. Nein, weiter. :)
Zitat von BerSie:
Das ist wahr! Meiner ist Bertrand Russell.
Sehr gut! Der hat seine amerikanische Professur verloren, weil seine Schriften, wie ein Vertreter der Anklage vor Gericht erklärte, als „wollüstig, libidinös, lüstern, unkeusch, erotoman, aphrodisisch, respektlos, unwahr und bar jeglicher Moral“ zu betrachten seien. Also wen das nicht reizt. :)
Zitat von hans-werner degen:
Ich habe Nietzsche nicht haftbar gemacht, nur gezeigt, dass diese Interpretation möglich und daher zulässig ist.
Ihre Interpretation des „Übermenschen“ jedenfalls ist aus Nietzsche heraus nicht zulässig. Daß Nietzsche nicht von „Untermenschen“ spricht, daß er kein Antisemit war, daß Sie beim Zitieren meines Beitrags das Nietzsche-Zitat, das Ihnen nicht in den Kram paßt, vielsagenderweise weggelassen haben, nämlich: „Herrschen? Meinen Typus Andern aufnöthigen? Gräßlich! Ist mein Glück nicht gerade das Anschauen vieler Anderer?“, all das ist gar nicht so relevant. Entscheidend ist Ihre falsche Sicht auf Nietzsches Begriff „Übermensch“ selbst.
Ich hatte Ihnen einen Hinweis dazu gegeben:
„Das Über ist konzipiert als reines Heraus aus dem Bestehenden. Es gibt in der menschlichen Sprache ‚das Übernatürliche‘, wo wäre ‚das Unternatürliche‘?“
Das „reine Heraus aus dem Bestehenden“, darum geht es. Dazu bedarf es keines „Untermenschen“, dazu bedarf es nur des bisherigen Menschen. Der Über-Mensch ist nicht Herr über andere, er ist Herr über sich selbst. Jeder Versuch, aus Nietzsches Begriff des Übermenschen irgendeine Idee von Gewaltausübung über andere abzuleiten, ist barer Unsinn. Wenn Sie sich da auf eine Stufe mit den Nazis stellen wollen, tun Sie das, aber machen Sie Ihre Motive klar.
Freut mich, daß Sie Taureck so schätzen. Ich werde Ihnen mal aus Taurecks „Nietzsche-ABC“ referieren, was da zum „Übermenschen“ zu lesen ist.
„Um alles über Nietzsche zu sagen, könnte man bemerken, daß er mehr Bilder benutzt und schafft als irgendein anderer Denker. … Bild ist auch der ‚Übermensch‘, ein Wort, das Nietzsche zum Beispiel in Goethes Faust finden konnte, wo Faust von dem Erdgeist mit diesem Titel ironisch angeredet wird. … ‚Übermensch‘, ins Griechische übersetzt, könnte ‚Hyper-Anthropos‘ oder auch ‚Meta-Anthropos‘ heißen. Bei Lukian ist hyperánthropos tatsächlich belegt. … ‚Hyper-Anthropos‘ käme etwa … einer höheren biologischen Evolutionsstufe jenseits der neuronalen Komplexität des Menschen (gleich). ‚Meta-Anthropos‘ dagegen meint einen Menschentypus, der in der Lage ist, alles Menschliche zum Gegenstand zu machen.“
Taureck schreibt weiter, es gehe Nietzsche nicht um den Hyper-Anthropos, „…sondern um die reflektierende Gestalt des ‚Meta-Anthropos‘. Der Übermensch ist für Nietzsche primär ein Mensch, der über den Menschen Bescheid weiß und kraft dieses Wissens die Grenzen des bisherigen Menschen überschritten hat.“
Der Übermensch ist ein Selbst-Schöpfer, der keinen Dogmen mehr hinterherlaufen muß, fähig, das Leben ohne vorgegebenen Sinn zu bejahen.
hans-werner degen:
Und warum hat er das nicht geschrieben, wenn er es gemeint hat?
Und grundsätzlich: gerade Taureck nennt Nietzsche den protofaschistischsten Denker in der Ahnenliste des Faschismus.
ray05:
My Nietzsche
Wilamowitz‘ bekannte Kennzeichnung Nietzsches als „Prophet einer irreligiösen Religion und einer unphilosophischen Philosophie“ ist so paradox wie zutreffend. Nietzsches Selbstauskunft: „Ich bin ein Immoralist“; ich ergänze à la Wilamowitz: Er ist ein moralischer Immoralist.
Nun, was bedeutet es denn, wenn Nietzsche konstatiert: „Gott ist tot. Wir haben ihn umgebracht.“ Er bezeichnet damit den Kulminationspunkt menschlicher Dekadenz, das low level life, das nur noch nach Instanzen und „Gerechtigkeit“ blökt, die Lebensarmut und -schwäche, die sich im Wunsch nach den Imperativen umfassender „Moral“ oder „Tugend“, von selbstgebasteltem „Recht“ und „Gesetz“ offenbart und ohne deren Verabreichung in immer höheren Dosen keine Lebensäußerung mehr möglich scheint. Nietzsche ist nicht nur der „Antichrist“, er ist auch der Platon-Umkehrer.
Tja, die Erkenntnis, das „logosgemäß“ gültig zu Formulierende, beisst sich mit schöner Regelmäßigkeit selbst in den Schwanz, sagt Nietzsche, die von ihr behauptete „Wahrheit“ ist nichts weiter als eine Komödie. Der Primat logosgeleiteter „Wissenschaft“ geht nicht zufällig Hand in Hand mit der schleichenden Entmündigung Gottes. Erst schickt man ihn in die Kurzarbeit, dahin, wo er nur noch „gut“ oder „gütig“ zu sein braucht, dann verbannt man ihn in die Sphäre des Imaginären, schließlich entsorgt man ihn vollends, und kann sich – befreit – so ganz der menschlichen Erkenntniskomödie hingeben: Selbstgerecht moralisierend und halbsenil vor sublimer Geistesschwäche.
Fort mit der „Sklavenmoral“, lasst uns dem Leben zurückgeben, was des Lebens ist, höchste Zeit für die Umkehr, sagt Nietzsche, für die „Umwertung aller Werte“. Gott werden wir nicht mehr zum Leben erwecken können; ihn als ausgestopften Popanz vor uns her zu tragen, kommt nicht in Frage, das überlassen wir den Kirchen. Nein, WIR als Menschen ohne Gott werden unsere Lebenshülle zurücktragen müssen, freilich noch hinter Plato zurück, weil dessen Sokrates schließlich als Erster mit dem Unfug anfing, den Logos über den Ausdruck zu stellen, die Kunst zu diskreditieren, indem er die Leinwände mit Tugend- und Erkenntnissuppe vollspritzte.
Es ist moralischer, sich hin- und dranzugeben, als sich zu bewahren, sagt Nietzsche mit Clawdia Chauchat; ja, berstend vollgepackt soll es sein, das Leben, mit lustvoller Intensität und intensiver Lust wechselwirkend zwischen den zwei Lebenssäulen (Werten) des Ekstatischen, Gefährlichen, bejahend Hingebenden und des Abmessenden, Gestaltenden, die „fröhliche Wissenschaft“ Betreibenden. Was sei nun das Ergebnis dieser Wechselwirkung, deren höchster Ausdruck, die höchste Moral, die höchste Erkenntnis, die „Wahrheit“? Eben: Die Kunst. Künstlerisches Leben, lebendige Kunst.
Ist zu lau. Eher: Ästhetisches Leben. Leben als Gesamtkunstwerk.
KLMO:
Eine sehr schöne kompakte Zusammenfassung.
Über die Sklavenmoral bzw. die daraus resultierende Immoral Nietzsches braucht man nicht viel zu referieren. Nietzsche: „Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Auslegung von Phänomenen…“ (Die Natur kennt keine Moral, nur der Mensch, der sie definiert und auslegt.)
Nietzsche stellt, und dies berechtigt, alles in Frage, er ist ein Zerstörer, er bricht die alten morbiden Gemäuer bis zu ihren Fundamenten nieder. Und hier beginnt die Stunde des Übermenschen, der versucht, auf diesen alten Fundamenten ein neues Gebäude zu errichten.
Vom Grundtenor her habe ich Nietzsche sehr gut verstanden, besonders auch was das Christentum anbelangt. Was machte ein Peter Abaelard, der in einem Kloster verstarb, anderes, indem er in seiner Schrift „Sic et Non“ (Ja und Nein) 158 Widersprüche der Kirchenväter zusammenfasste und diesen 1800 Zitate von Streitfragen hinzufügte. Die Verurteilung durch das Konzil zu Sens erwog ihn, den Ländern der Christenheit den Rücken zu kehren und zu den Heiden zu gehen, um dort in Ruhe und Frieden unter den Feinden Christi christlich zu leben. Nietzsche setzt doch nur bei Abaelard nach 800 Jahren wieder an, nur radikaler, konsequenter.
Die Gottesfrage und das Christentum muss bei Nietzsche differenziert werden, deren Unterscheidung Christen oft nicht gelingt. „Wir haben Ihn getötet“ heißt nichts anderes, als dass menschliche Bilder zerstört werden, da sie letztendlich in die Irre und in einen Götzendienst führen. (Siehe erstes Gebot – klassisches Beispiel, wenn auch hier Nietzsche von den „Umkehrungen aller Werte im Christentum“ spricht.)
In einem Punkt bin ich mir nicht sicher: ob man bei Nietzsche von einem reinen Atheisten sprechen kann, womöglich will er auch hier nur alte Fundamente zerstören. Auch hier ist Nietzsche nachvollziehbar. Seine Intentionen gehen eher hin zu einem Deismus, der allerdings mit dem Christentum nichts mehr zu tun hat.
Man lese nur seine Verse:
Noch einmal, eh‘ ich weiterziehe
Und meine Blicke vorwärts sende,
Heb‘ ich vereinsamt meine Hände
Zu Dir empor, zu dem ich fliehe,
Dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
Daß allezeit
Mich Deine Stimme wieder riefe.
Darauf erglüht tief eingeschrieben
Das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
Auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich – und ich fühl‘ die Schlingen,
Die mich im Kampf darniederziehn
Und, mag ich fliehn,
Mich doch zu seinem Dienste zwingen.
Ich will Dich kennen, Unbekannter,
Du tief in meine Seele Greifender,
Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
Du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will Dich kennen, selbst Dir dienen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
@ ray / KLMO: „Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“ (Hrubesch). :)
Der dominierend ästhetische Zug von Nietzsches Denken enthält ja den anti-ideologischen Duktus auch rücksichtslos in der Form: Wille zum System = Mangel an Rechtschaffenheit. Der Dorn in der Seite der Nietzsche-Ablehner ist ja nicht nur, daß er allen Schmock wegtritt mit dem Ruf, die alten Lebenskrücken seien ohnehin marod. Es ist auch die Schwierigkeit, dem interdisziplinären Seiltanz Nietzsches überhaupt zu folgen: die Form seiner Experimentalphilosophie selbst ist künstlerisch.
Von ihm „logische“ Stringenz zu erwarten bedeutet doch schon, nicht nachzuvollziehen, wie er neben Moralkritik und Religionskritik auch Rationalitätskritik betreibt, Kritik an der rationalen Vernunftanmaßung. Kunst / Kultur / Kultivieren / Selbstkultivierung als lebensdienliche Alternative zur „Wahrheit“: DIE Wahrheit als absoluten Maßstab der Erkenntnisse gibt es nicht. Der Intellekt ist Erzeuger von Illusion. Wahrheit ist eine Lüge, die interessehalber von einer Allgemeinheit aufrechterhalten wird. Für Nietzsche ist „Wahrheit“ ein bewegliches Heer von Metaphern, bestenfalls kann er „die“ Wahrheit als die Illusion fassen, von der man vorsätzlich vergessen hat, daß sie eine ist. Wirklichkeit wird sprachlich konstituiert, in der Konstitution findet jene Produktivität statt, die Nietzsche ästhetisch nennt.
Leben, gelingendes Leben, ist ein Erfolg der Kunst. Von diesem Gedanken hat Nietzsche niemals gelassen. Produktivität am Grunde aller Wirklichkeit: Nietzsche siedelt das Künstlerische auf denkbar elementarer Stufe an, wenn er schon mentale Prozesse als künstlerische Leistung faßt. Die Wirklichkeit selbst wird so zum Gesamtkunstwerk, als Konglomerat erzeugter Bedeutungen. Es gibt keine Wirklichkeit außer der, die wir uns mittels kognitiv-produktivem Enthusiasmus erschaffen. Aber das ist nur der Ausgangspunkt: der Übermensch ist ja eben der, der den durchschauten Konstruktionen eigene entgegensetzt.
Der zugleich gelassene und ausgelassene Immoralismus, der sich bei Nietzsche im Lauf seines Schreibens als Ideal ausprägt, ist immer vor dem Grundgedanken Nietzsches zu sehen: das größte Kunstwerk ist eine Welt, die sich aushalten läßt. Und der in dieser Hinsicht „Starke“, weil Schöpferische, Selbstbestimmte, Freie, ist nicht ohne moral sense, im Gegenteil: im „Werde, was du bist“ ist von Anfang an ein praktischer Vektor, ein fließender Übergang von Ästhetik zu Ethik. Was Nietzsche ablehnt, ist das aggressiv organisierte Ressentiment, das ein schlechtes Gewissen andreht, die Moral als Vampirismus.
Und, ja, unschätzbar der Gedanke, einen fundamentalästhetischen Grundtrieb aufzulösen in zwei sich gegenseitig herausfordernde Komplementärtriebe, deren Wechselspiel an allem teilhat. Immer ist Sichhin- und drangeben und Sichbewahren zugleich – nur selten zu gleichen Teilen. :)
Edda Sörensen:
An ray / Aljoscha:
Der Aufenthalt auf Sardonien ist Euch anscheinend wirklich bestens bekommen, um nun mit solch wunderbar zu lesenden, wahrhaftigen Gedanken zu Nietzsches Intentionen das Forum zu bereichern. Deshalb trage ich es Euch nicht nach, dass Ihr mit dem Hubschrauber nach Rom und dort First Class weiter auf die McCoy-Islands geflogen seid, das Geld der Vatikanbank abgehoben und eine Yacht gechartert habt, mit der Ihr nun mit Euren Ladies eine Kreuzfahrt rund um die Jungferninseln macht. Eine wunderbare Zeit voll brillanter Gedankengänge wünscht Euch
Edda

Diskussion im SPIEGEL ONLINE-Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, Juli 2009
hans-werner degen:
Bei all seinen Werken muß man fragen wieweit er krank war…
Oder wie Tucho ihn für einen Masochisten halten.
Gerade im zitierten Gedicht: Alle Lust will Ewigkeit… das ist der Traum des masturbierenden Pennälers.
ray05:
Ich denke, Sie sehen das Bild der „Lust“, die „tiefe Ewigkeit“ will, sehr einseitig sexuell konnotiert. Dabei gibt’s ja so viele Dinge, auf die sich „Lust“ richten und beziehen kann.
Wenn Sie nun aber gedanklich „die Lust“ von ihrer Ausrichtung und Bezogenheit auf „Objekte“ wieder befreien – die „Eierschalen“ zertrümmern, wie Malewitsch sagen würde -, dann haben Sie „die Lust“ wieder mit sich selbst als Lust zur Deckung gebracht und die Lust kann sich wieder selbst als Lust identifizieren und denken. Das mit sich selbst IDENTISCHE, das EINE, dessen Schau Platon empfiehlt, kann nun gar nicht mehr anders, als „ewig“ sein und „Ewigkeit“ wollen, da sie nur als „Ewiges“ denkbar ist [und sich selbst nur als Ewiges, als Totalität, denkt].
Genau darum ging es Gottfried Benn in dem von KLMO zitierten Brief an Wellershof. Und deshalb habe ich das berühmte Lied aus dem „Zarathustra“ als Antwort [oder Hinweis] zitiert.
hans-werner degen:
Seh ich anders.
Lust trägt immer den Moment der Ewigkeit in sich, zumal im Moment ihrer Erfüllung… aber sie verlangt keine Ewigkeit, denn im Moment ihrer Ewigkeit würde sie die Lust an der Lust verlieren, denn dann würde letztlich der Moment der Nicht-Lust zur begehrten Lust.
ray05:
Nun, es ist ja gerade die Abwesenheit von Lust, die Benn als „Gemähre, nichtswürdiges Vorwölben von Süchten und Verschleiern und Sesselgemurmel“ beschreibt, und es ist ihre Anwesenheit als das „Andere“, „in der Tiefe“ Ruhelose und Unsichtbare, die es trotzdem zu schauen gilt. Es ist das unsichtbare Anwesende, das uns „gemacht“ hat, jene Lust, deren „Erfüllung“, wie Sie sagen, tatsächlich im Unendlichen liegt. Bis dahin werden wir das sein, was wir seit Menschengedenken immer waren: Strebende, Denkende, Irrende, Hoffende, Arbeitende, Erfahrende, „Entbergende“, SICH-SORGENDE und WOLLENDE.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne, – geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
Sagtet ihr jemals Ja zu einer Lust? O, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfädelt, verliebt, – …“ (Zarathustra)
Wille zur Macht = Selbstbejahung des Lebens = Lust. Alle Höhen und Abgründe des Lebens in sich einschließend. Augenblick der absoluten Selbstbejahung des Lebens: die Welt wird TIEF, wenn künstliche begriffliche Unterscheidungen zusammenbrechen. ETWAS wollen ist ALLES wollen, weil: alles verkettet, verfädelt, verliebt. Lust will Ewigkeit = in jedem wachen Augenblick ist zugleich Vergänglichkeit und die Zeitlosigkeit der Erfüllung. Entweder das, oder man ist ein trüber Gast auf der dunklen Erde. „Alle Lust will Ewigkeit“ ist nicht der Traum des masturbierenden Pennälers, sondern Transkription einer Zeile aus einem poetry slam der DNA. :)
hans-werner degen:
Das Nietzsche-Problem ist nicht die Falschheit seiner Ideen, sondern die perfekte Sprache, in der sie vorgetragen werden. Seine Sprache ist so perfekt, dass man in ihren Bann kommt ungeachtet der falschen Erkenntnis…
Edda Sörensen:
O Mensch gib acht: Herr Degen, was Sie hier so von sich geben, beginnt nun, nach Bücherverbrennung zu riechen. Ihr Deutschlehrer hat ganze Arbeit geleistet, fragt sich nur welche.
hans-werner degen:
Über Nietzsches Faschismus lässt sich trefflich streiten… aber seine Aphorismen sind Beweis für und gegen alles. Und das heißt letzten Endes: Er war des klaren, logosgemäßen, verständlichen Ausdruckes nicht mächtig. Hitler und Goebbels verstanden ihn in ihrem Sinn und nutzten seine Ideen und Sprache.
Edda Sörensen:
Aber Sie meinen dessen mächtig zu sein? Über Ihre Art die Dinge zu sehen, kann man letztlich nur herzlich lachen. Jetzt ist wohl Nietzsche für das 3. Reich verantwortlich? Wohl genauso, wie der Erfinder der Fackel für die Nazi-Fackelzüge verantwortlich ist?
Vielleicht sollten Sie mal wieder einen Blick in die Unzeitgemässen Betrachtungen werfen, insbesondere das Kapitel über die Bildungsphilister – vielleicht geht Ihnen ja doch noch ein Licht auf…
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Edda, den Autor des Buches, zu dem Degens erster Link führt („Nietzsche und der Faschismus“), kenne ich persönlich. Der würde, wenn er sowas wie „Nietzsche war des klaren, logosgemäßen, verständlichen Ausdruckes nicht mächtig“ läse, umgehend seinen Lehrstuhl umtreten und nach Italien auswandern wollen.
Edda Sörensen:
Wollen wir ihn informieren? Vielleicht nimmt er uns ja mit :o)
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
„Nach Italien auswandern“ heißt übrigens nicht, daß er da irgendwo an einem Ort bleibt. Der hat ein Wohnmobil.
Edda Sörensen:
In der Tat, da wirds eng mit 3 Schreibtischen. Und ich wollte auch noch Ray und BerSie mit auf die Reise nehmen, wegen der göttlichen Komödie. Na gut, ein andermal, und besser organisiert :o)
BerSie:
Ja… danke! Puuh… jetzt könnte ich glatt ein leidendes Pferd umarmen! ;)
Edda Sörensen:
Das könnte ja Wunder bewirken, das Pferd gewinnt dann den grossen Preis von Longchamp und wir ziehen gen Italien. Das Pferd kommt natürlich auch mit.
ray05:
Macht also mindestens 5 Schreibtische. Aus Platzgründen übereinander montiert, freilich. Da bekommt der Begriff „Philosophenturm“ eine ganz neue Bedeutung … :)
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
BerSie verschlampt immer alles. Jetzt sucht er nebenan seine Bruckner-CD. Alles verschlampt der. Von Taureck gibt es auch ein „Nietzsche-ABC“. Mit BerSie würden wir da auch irgendwas verschlampen. „Nietzsche-AB“. „BerSie, wo ist das verdammte C?“. Nee, mit dem fahr‘ ich nicht. :)
Edda Sörensen:
BerSie umarmt doch das Pferd, das dann aus Dankbarkeit den grossen Preis von Longchamp gewinnt und mit dem Preisgeld bekommen wir locker einen Landsitz auf Sardinien mit 4 Meter Schreibtischen, da darf der doch ab und an was verschlampen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Shön, ih übe mih in Kompromißbereitshaft. Aber ih warne Euh, es gibt auh ein „Mahiavelli-AB“ von Taurek. Und das sieht shon ziemlih sheiße aus dann.
Volker Paul:
Würde ein zweites Wohnmobil die Lage vielleicht entspannen? Ich könnte da aushelfen. Allerdings: hat das andere eine Hängerkupplung? Meines jedenfalls nicht und der Anhänger mit den Musikern muss doch auch noch mit.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Wenn wir schon beim Philosophieren Turmform annehmen wie die Bremer Stadtmusikanten, können wir auch selbst Musik machen. Schlage vor, als erstes studieren wir „Stand Up Comedy“ von U2 ein. Aus gegebenem Anlaß brüllen wir am Grabmal des Unbekannten Masturbierenden Pennälers „Stop helping God across the road like a little old Lady!“ in Richtung Degen/Trier.
Volker Paul:
Ok, gute Idee. Ich kann Klarinette anbieten … Du singst?
ray05:
Sardonisches Tagebuch:
TAG 1
Organisatorisches. Elefanten schmücken, den Bücherbus einparken (Edda!), den Professor suchen (Aljoscha!), die Band ausnüchtern (alle!). Turm steht, Internetverbindung auch. Erster Streit: Wer darf oben sitzen. Kompromiss: Wer oben sitzt, muss dann auch die Elefanten und Musiker im Auge behalten. Die Band kann keinen Jazz, stelle ich fest, ich will sie heimschicken; sie sagen mir, Judas Priest habe noch keiner heimgeschickt. Auf ganz Sardonien gibt es keinen einzigen Piraten, den BerSie vergessen könnte. Außerdem hat er Volkers Klarinette verlegt. Aller Anfang ist schwer, bzw. ambivalent, wie Aljoscha sagt. Ich dreh mir erstmal eine. Wo ist eigentlich der Tabak?
Edda Sörensen:
Den Bücherbus hab ich ohne Schrammen eingeparkt und stieg dann auf die Leiter, um dem Elefanten eine Hibiskusblüte aufs Ohrwaschl zu malen. Der hielt andächtig still, weil ich den weichsten Pinsel benützte, das mag er gern, von weichen Pinseln unter sardonischer Sonne gestreichelt zu werden. Doch dann wurde er unruhig: ein Brummen, ein Hubschrauber der Vatikanflotte landet direkt neben dem Philosophenturm und heraus springt ein in rot-lila Kutte gehüllter Degen, stürmt den Bücherbus und schon fliegen die Nietzsche-Bände, darunter auch ein Tabakpäckchen, in hohem Bogen raus. Aljoscha, geistesgegenwärtig wie immer, fängt alles auf, wirft Dir mit einem gezielten Seitenpass den Tabak direkt in die Hände und wir alle zusammen werfen den Degen ins Mittelmeer. Den Hubschrauber behalten wir.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Nachmittag. Gewehrschüsse. Mein Vorschlag, nachzuschauen, ob es nicht vielleicht Brigitte Bardot und Jeanne Moreau sein könnten beim Beginn der Sardonischen Revolution, stieß auf taube Ohren. Morgen geplant: Hain durchwandern und über Geschwbl philosophieren. Hoffentlich kann ich überhaupt gehen, da Edda mir doch sehr heftig auf die Zehen stieg. Muß unbedingt KLMO schreiben, daß ich mir Gracqs „Das Ufer der Syrten“ unter den Nagel gerissen habe.
BerSie:
2.Tag
Persönliche Notizen
Uff! Brauche Ruhe! Aljoscha referiert den ganzen Tag über Nietzsche und U2 und Edda zerstampft sardonische Gebirgsmulche für eine Reptilien-Pastete. Habe mich mit Volkers Klarinetten-Chillum zum Chillen in eine küstennahe Cannabisplantage zurückgezogen. Guter Stoff… sehe Gespenster. Armer Ray; aber soll er die Elefanten doch selber waschen… war ja seine Idee! Werde versuchen, Berlusconi in seiner Villa Certosa mit meinem Tele in flagranti zu erwischen, um den Urlaub zu finanzieren.
Edda Sörensen:
Das Rezept für die Salbe, mit der man blaue Flecken auf grossen Zehen heilen kann, gab mir heut nachmittag eine alte Sardin, die hier um die Ecke die Gärtnerei betreibt. Man suche von der Sonne ausgetrocknete Gebirgsmulche, zerstampfe und verarbeite sie dann mit Olivenöl zu einer Paste. BerSie dachte wohl, das sei das Abendessen und suchte mit Volker im Schlepptau das Weite. Aljoscha liegt nun bandagiert in der Hängematte und sinniert über die Lethargie der Zivilisation nach. Derweilen übt die Band, bereits vom Rotwein beflügelt, im Schatten des Philosophenturms, den bisher noch keiner betreten hat.
ray05:
Einer in diesem Verein muß das Praktische übernehmen. Ich konstruiere den P-Turm um in ein Paternostersystem. Obwohl jetzt jeder jedem viermal in der Minute direkt gegenübersitzt, schreiben wir uns aus Gewohnheit weiterhin E-Mails. Für Eddas bunte Hibiskuselefanten flattern die ersten Angebote rein. Das Bistum Trier braucht neue Wunder und ist gewillt, eine Million für die Tiere zu bezahlen; allerdings soll die Finanzierung über die Vatikanbank erfolgen. Ich sage zu, unter der Bedingung, dass Trier einen Treiber schickt und die Transportkosten übernimmt. Sie sagen zu, sie wüssten schon jemanden.
Die Band sitzt im Bücherbus – ich habe ihnen die Lektüre von „Gitarren zu Pflugscharen“ empfohlen.
Edda Sörensen:
Jetzt können wir nur hoffen, dass die Vatikanbank nicht noch vor der Auszahlung Wind davon bekommt, dass wir ihren Hubschrauber gekapert haben. Aber wenn man bedenkt, wie lang es gedauert hat, bis der Papst erfuhr, was die Lefebvre-Bruderschaft so alles anstellte, dann brauchen wir uns diesbezüglich ja keine Sorgen zu machen. Aljoscha liegt noch immer mit seinem bandagierten Zeh in der Hängematte, wirkt jedoch schon ziemlich geheilt, denn er sucht bereits mit dem Feldstecher die Gegend nach den bildhübschen, weiss gekleideten Revoluzzerinnen ab, die beide Maria heissen.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Nacht. Schön hier. Bißchen Palaver, als ich ankündigte, mit dem Helikopter Flugblätter für die Dorfbevölkerung abwerfen zu wollen. Was denn draufstehe. Ich sagte, der Text laute: „Sardonier! Wir wollen keinen Gott mehr, der die Ordnung der Natur stört, der der Vater der Verwirrung ist, der den Menschen in dem Augenblick bewegt, in dem der Mensch Greueltaten begeht; ein solcher Gott läßt uns vor Empörung erschaudern, und wir verbannen ihn für alle Zeiten in die Vergessenheit, aus der der niederträchtige Robespierre ihn wieder hervorholen wollte!“ Ray meinte, er könne Sardonisch, und, naja, so fanden sie heraus, daß ich den Marias mitteilte, ich hätte ihre Stellungen am Supramonte entdeckt und daß ich bereit wäre, sie am Steineichenwald zu treffen. Edda muß was in die Reptilien-Pastete getan haben, das mir dann während des Fluges das Gefühl gab, ein Sardonischer Scheibenzüngler zu sein. Wo die Flugblätter jetzt gelandet sind, weiß ich auch nicht. Blöd. Kurz vor Mitternacht spielten wir noch die lustige Leichensynode nach. Da mein Zeh wieder schmerzte, spielte ich den exhumierten Papst Formosus.





Impressionen von der Ausstellung
Rendezvous der Träume –
Surrealismus und deutsche Romantik
Kunsthalle Hamburg
07.08.2025

Die Handschrift von Salvador Dali.
Erklärung zum Regentaxi
Generalkommissariat für die öffentliche Vorstellungskraft
Das „Regentaxi“ für die snobistische und surrealistische Dame enthält ‚pflanzliche Dunkelheit‘, eine Regen-Installation im Innenraum, 200 lebendige Weinbergschnecken, 12 liliputanische Frösche, jeder von ihnen trägt eine sehr feine goldene Agrippa-Krone auf dem Kopf – Der Fahrer trägt einen Helm gefertigt aus einem Haifischgebiss. Die Dame wird vorzugsweise mit einem schäbigen Netz bedeckt sein, auf dem das Stigma von Millets Angelus und diesen sensationellen Pflückerinnen aufgedruckt sein wird.
Alles Gute für das ganze Jahr 1938
Salvador Dali

Jane Graverol, Le Sacre du Printemps, 1960.
Jane Graverol wurde am 18. Dezember 1905 in Ixelles, Belgien, geboren. Sie studierte an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel, einer ihrer Lehrer war Jean Delville. Seit den späten 1930er Jahren wandte sie sich dem Surrealismus zu; „her compositions mainly centred on strong and determined female figures. Blending fairytale with the grotesque, and often depicting the erotic female body, Graverol described her paintings as ‚waking, conscious dreams‘.“
1940 bat sie René Magritte, sich ihre Gemälde anzusehen. Er war von ihren Werken so beeindruckt, dass er seine Galeristen davon überzeugte, sie auszustellen.

Giorgio De Chirico, Portrait prémonitoire de Guillaume Apollinaire, 1914.
Giorgio De Chirico kam im Juli 1911 nach Paris und fand dort schnell die Bewunderung des Dichters Guillaume Apollinaire, der das Werk des Malers in mehreren Artikeln verteidigte. De Chirico war überaus dankbar für die Unterstützung durch Apollinaire und würdigte ihn mit diesem Porträt. Eine „vorahnende“ Zielscheibe im Profil des Dichters bezeichnet genau die Stelle, an der Apollinaire einige Jahre später während des Krieges von einem Granatsplitter getroffen wird.

Johann Heinrich Füssli, Queen Mab, 1814.
Romeo. I dream’d a dream to-night.
Mercutio. And so did I.
Romeo. Well, what was yours?
Mercutio. That dreamers often lie.
Romeo. In bed asleep, while they do dream things true.
Mercutio. O, then, I see Queen Mab hath been with you.
She is the fairies‘ midwife, and she comes
In shape no bigger than an agate-stone
On the fore-finger of an alderman,
Drawn with a team of little atomies
Athwart men’s noses as they lie asleep;
Her wagon-spokes made of long spinners‘ legs,
The cover, of the wings of grasshoppers,
The traces, of the smallest spider’s web,
The collars, of the moonshine’s watery beams,
Her whip of cricket’s bone, the lash of film,
Her wagoner a small grey-coated gnat,
Not half so big as a round little worm
Prick’d from the lazy finger of a maid;
Her chariot is an empty hazel-nut
Made by the joiner squirrel or old grub,
Time out of mind the fairies‘ coachmakers.
And in this state she gallops night by night
Through lovers‘ brains, and then they dream of love;
O’er courtiers‘ knees, that dream on court’sies straight,
O’er lawyers‘ fingers, who straight dream on fees,
O’er ladies ‚ lips, who straight on kisses dream,
Which oft the angry Mab with blisters plagues,
Because their breaths with sweetmeats tainted are:
Sometime she gallops o’er a courtier’s nose,
And then dreams he of smelling out a suit;
And sometime comes she with a tithe-pig’s tail
Tickling a parson’s nose as a‘ lies asleep,
Then dreams he of another benefice:
Sometime she driveth o’er a soldier’s neck,
And then dreams he of cutting foreign throats,
Of breaches, ambuscadoes, Spanish blades,
Of healths five fathom deep; and then anon
Drums in his ear, at which he starts and wakes,
And being thus frighted swears a prayer or two
And sleeps again. This is that very Mab
That plats the manes of horses in the night,
And bakes the elf-locks in foul sluttish hairs,
Which, once untangled, much misfortune bodes:
This is the hag, when maids lie on their backs,
That presses them and learns them first to bear,
Making them women of good carriage:
This is she—
Romeo. Peace, peace, Mercutio, peace!
Thou talk’st of nothing.

Ein René Magritte-Auge.

Es gehört zu „Le double secret“, 1927.
„ln so far as possible, I make a point of making only paintings that give rise to mystery with the precision and enchantment necessary to the life of ideas.“ (Magritte)

Salvador Dali, Double énigme, 1936

Max Ernst sitzt auf Dostojewskis Schoß und streichelt seinen Bart. Wer würde das nicht.
Max Ernst, Das Rendezvous der Freunde (Au rendez-vous des amis), 1922

Max Ernst, Le jardin de la France, 1962

2019 konnte ich Rembrandts „Landschaft mit dem barmherzigen Samariter“ in Krakau sehen. Das Gemälde schien so magisch von innen heraus zu glühen, dass man sich fragte, welches okkulte Wissen ein Maler wie Rembrandt 1638 besaß und in sein Werk übertrug.
Jeder weiß es – Kunst läßt sich nicht reproduzieren, weder auf Papier noch digital. Man muß direkt vor dem Gemälde stehen, um seine Tiefe, seine Macht wirklich zu spüren, um beides zu erleben – die Präsenz des Künstlers in diesem Werk und das absolute Eigenleben des Gemäldes. Und manche Bilder haben dieses Leuchten, das man nicht erklären kann. So ist es auch mit „Der Goldfisch“ von Paul Klee (1925). In den mysteriösen Tiefen der Unterwasserwelt wirkt sein goldener Glanz übernatürlich, leuchtend und strahlend wie etwas Göttliches.
Oder wie eine Idee.
David Lynch: „Ideas are like fish. If you want to catch little fish, you can stay in the shallow water. But if you want to catch the big fish, you’ve got to go deeper. Down deep, the fish are more powerful and more pure. They’re huge and abstract. And they’re very beautiful.“
„Ideas are so beautiful and they’re so abstract. And they do exist someplace. I don’t know if there’s a name for it. And I think they exist, like fish. And I believe that if you sit quietly, like you’re fishing, you will catch ideas. The real, you know, beautiful, big ones swim kinda deep down there so you have to be very quiet, and you know, wait for them to come along.“

André Masson, Portait of the Poet Kleist, 1939.
Obwohl er im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und traumatisiert wurde, verlor Masson nie seine Faszination für deutsche Kultur und Schriftsteller wie Nietzsche, Goethe oder Heinrich von Kleist.

Victor Brauner, The Philosopher’s Stone, 1940
Brauner wurde in Rumänien geboren. Aus Angst vor dem Aufstieg des Faschismus in Rumänien kam er 1930 nach Paris. Er lernte Yves Tanguy kennen und schloss sich der surrealistischen Gruppe an. Er fühlte sich zu esoterischen Ideen hingezogen, und seine Bibliothek verriet ein profundes Interesse an Magie und Alchemie.

Hätte ich ein Bild mitnehmen können, wäre es dieses gewesen. Valentine Hugo, Rêve du 21 décembre 1929.
Ihr Mädchenname war Valentine Gross. Mit einer Zeitmaschine wäre eine meiner ersten Stationen der Abend des 29. Mai 1913, das Théâtre du Champs-Élysées in Paris, die Premiere des Balletts „Le Sacre du Printemps“. Die Musik von Igor Strawinsky und die Choreographie von Vaslav Nijinsky verursachten einen der berühmtesten und berüchtigtsten Skandale der Kunstgeschichte. [Ich habe ausführlich darüber geschrieben: Le Sacre du Printemps].
Valentine Gross liebte Diaghilews Ballet Russes und hatte während der Proben zu „Sacre“ Skizzen angefertigt, die im Foyer des Theaters gezeigt wurden. Über diese Nacht schrieb sie:
„Nichts von all dem, was je über die Schlacht des Sacre du Printemps geschrieben wurde, vermittelt einen schwachen Eindruck von dem tatsächlichen Geschehen. Das Theater schien von einem Erdbeben heimgesucht zu werden. Es schien zu erzittern. Leute schrien Beleidigungen, buhten und pfiffen, übertönten die Musik. Es setzte Schläge und sogar Boxhiebe. Worte reichen nicht, um eine solche Szene zu beschreiben.
Ich weiß nicht, wie es möglich war, daß dieses Ballett, das die Zuschauer von 1913 so schwierig fanden, in einem solchen Aufruhr zu Ende getanzt wurde. Ich stand zwischen den beiden mittleren Logen, fühlte mich im Auge des Hurrikans ganz wohl und klatschte mit meinen Freunden. Ich bewunderte den titanischen Kampf, der stattgefunden haben mußte, um diese unhörbaren Musiker und diese betäubten Tänzer nach den Gesetzen ihres nicht sichtbaren Choreographen zusammenzuhalten. Das Ballett war atemberaubend schön.“
Ich bin schon so lange von diesem Ballett fasziniert, von Strawinskys Musik, ich muß nur die ersten Töne von „Sacre“ hören and it still gives me a chill. Valentines Bericht begleitet mich fast ebenso lang, und es machte mich glücklich, eines ihrer Werke in dieser Ausstellung zu finden. Ihr Traum vom 21. Dezember 1929 ist verstörend und faszinierend, ein wunderschöner Alptraum, das Bild, von dem man mich wegzerren mußte.

Alle Fotos Christian Erdmann


10.05.2006
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Nicht der beste Buñuel-Film, aber einer meiner liebsten: „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, über, nun ja, Archibaldo de la Cruz und dessen beständigen Versuch, zum Frauenkiller zu werden, der aber beständig scheitert, weil irgendwelche Fügungen ihm im letzten Moment die Arbeit abnehmen. Am Ende muß dann eine lebensgroße Puppe im Feuer schmelzen, aus mehreren Gründen eine unvergeßliche Szene. Die wunderschöne Darstellerin der Lavinia – das Vorbild der Puppe – beging einige Tage nach Abschluß der Dreharbeiten Selbstmord.

07.02.2007
Nachtschwester Ingeborg:
Immer wieder stelle ich fest, dass der interessanteste Europäische Film seit einigen Jahren aus Spanien kommt. Erinnern möchte ich auch an einen der wirklich großen Regisseure der Filmgeschichte: Luis Buñuel – der Mann hat über 40 Filme gedreht, von denen die allermeisten absolut phantastisch sind, große Filmkunst eben.
Christian Erdmann:
Spanien: einer meiner Favoriten ist Julio Médem, „Die Liebenden des Polarkreises“. Beantwortet die Frage „Können zwei Menschen füreinander bestimmt sein?“ überaus intelligent mit einem dezidierten „Ja, aber“. Buñuel wurde hier ja schon mehrfach gewürdigt (kann man natürlich nicht oft genug tun), Allmacht des Verlangens und Ohnmacht des Verlangens, beides Buñuel-Spezialitäten. Und richtig, 40+, da war immer das Gefühl, daß es noch viel zu entdecken gibt (aus seiner mexikanischen Phase), aber jetzt wird es langsam Zeit. Man lebt nicht ewig.
Nachtschwester Ingeborg:
Letzte Woche lief auf 3sat „Die Last mit der Lust“ von Manuel Gómez Pereira, mit Victoria Abril und Javier Bardem, fesselnde Geschichte, tolle Schauspieler, Erotikthriller. „Tesis“ von Alejandro Amenábar, der Snuff-Video Thriller schlechthin. Luis Buñuel ist eine Galaxie für sich. Kaum ein Filmemacher hat eine eigene Welt erschaffen so wie es Buñuel gelang. Der Regisseur der Moderne.
Christian Erdmann:
Zu den ersten Filmen, die ich mal auf Video aufgenommen habe, gehörten „Tanz der Vampire“ und „Das Gespenst der Freiheit“. Jeden, der zu mir kam, habe ich dann erstmal gezwungen, „Das Gespenst der Freiheit“ anzusehen. Ich weiß gar nicht, warum dessen Erzählweise so ungewöhnlich sein soll – genau so geht das Leben. Dramaturgie quittiert den Dienst am Linearen, Episoden entstehen aus Abzweigungen, nichts ist schockierender als Ansichtskarten, Mademoiselle Rosenblum beendet das soziale Ritual, und durchs Zimmer tappt in der Nacht ein Strauß, was soll sein.
Hab immer das Gefühl, hinter der perversen Komik sagt Buñuel todernst: Koinzidenz und das essentielle Mysterium aller Dinge kannst du umarmen oder nicht.
13.03.2008
David M.:
„Die Elixiere des Teufels“ von Hoffmann fand ich schon sehr gut!
Christian Erdmann:
Dann kennen Sie bestimmt auch „The Monk“ von M.G. Lewis? Wenn nicht, auch unbedingt lesen! „Die Elixiere des Teufels“ wurde ja mal verfilmt mit Dieter Laser, hab aber keine Erinnerung daran, zu lange her. Meine Lieblingsfilmmönche sind natürlich die rauchenden, trinkenden und kartenspielenden aus Buñuels „Das Gespenst der Freiheit“, die dann bei den flagellantischen Exerzitien von Mademoiselle Rosenblum und ihrem Begleiter hochmoralisch entrüstet aus allen Wolken fallen: „Er will Schläge? Die kann er haben!“
06.07.2009
Christian Erdmann:
The Devil made it all, Schnaps, Dialektik, me do it, und ich weiß auch, wo er herkam. Liebste Buñuel-Szenen („Wollen nicht wenigstens die Mönche bleiben?“) machen wir dann morgen.



15.02.2010
Christian Erdmann:
Buñuels Filme sind alle großartig, aber „Belle de Jour“ ist mein liebster… dann vielleicht „Tristana“, „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“, „Das Gespenst der Freiheit“, „Viridiana“… eine Schweizer Zeitung schrieb 1962 nach „Viridiana“, Buñuel gehöre in eine Zwangsjacke gesteckt. Feuer und Schwefel kommen immer so anstrengungslos aus Buñuels Unbewußtem, aber es gab auch handfeste Inspirationen: lustigerweise wurde Buñuel dafür der Blasphemie geziehen, daß er in „Viridiana“ ein Messer in Form eines Kruzifix zeigte. Buñuel meinte, die Dinger gebe es überall in Albacete, und überhaupt hätte seine Schwester mal eine Nonne gesehen, die mit so einem Kruzifixmesser ihre Äpfel schälte. Surrealisten und Nonnen, immer ein inniges Verhältnis, da konnte man kaum mal Zigarettenpause machen.

[SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – Was ist ‚großes Kino‘?“]

„Un Chien Andalou“ mit einem neuen Score von „The Flushing Remonstrance“, live eingespielt am 26. März 2017 im LetLove Inn, Astoria, Queens, NYC.
Die faszinierende Person, die wir auf der Straße sehen (5:30 – 7:50) und die als „Hermaphrodit“ bezeichnet wird, ist Fano Messan (1902 – 1998). Fano Messan (auch Maesens) war eine Künstlerin, die sich der Bildhauerei widmete, von Man Ray fotografiert und von Kees van Dongen gemalt.




Aus „The Questionnaire“, The Guardian Weekend, 21 November 1992, Frage an Siouxsie Sioux:
With which historical figure do you most identify ?
Siouxsie: Luis Buñuel, for his humour and conviction. I like the story of him taking rocks to the preview of Un Chien Andalou, to pelt the critics when they showed disapproval. To his surprise they applauded.
„Mystery is the essential element of every work of art.“
„People always want an explanation for everything. It’s the logical result of centuries of bourgeois education. And when they can’t explain something, they end up by turning to God. But what good does that to them? They then have to explain God. As for myself, I simply cannot change the way I am. I have not been blessed with the faith. I’m afraid that a life that includes ambiguities and contradictions interests me. Mystery is beautiful.
The idea that I might be eternal fills me with horror. For example, if my best friend, who died a long time ago, appeared before me and touched my ear with his fingers and immediately set fire to it, even then I wouldn’t believe that he had just come from Hell. Nor would I have any greater belief in God, or in the Immaculate Conception of the Virgin; nor would I think that the Virgin could help me pass my exams. I would simply say to myself, ‚Luis, look, this is just another mystery that you can’t understand.'“ – Luis Buñuel


In einem Interview zu „Belle de Jour“ erzählt Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, wie der Schauspieler Paco Rabal, „der viele Frauen in ganz Madrid kannte“, für Informationen aus erster Hand sorgte. Er nahm Carrière in Bordelle mit, „wo wir mit den Frauen sprechen konnten – nur sprechen – und vor allem mit der Madame, der Lady.“ Und man fand bestätigt, ja, es gäbe durchaus gut situierte Frauen, die in solchen Etablissements arbeiten. Buñuel und Carrière merkten bei der Arbeit am Drehbuch „bereits am allerersten Tag“, daß es nötig war, der Protagonistin Séverine eine weitere Dimension zu verliehen: sie sollte Tagträume haben, Visionen, Fantasien, die von ihr Besitz ergreifen.
„Und so überlegten wir direkt, was Séverines Tagträume sein könnten. Wir trauten uns nicht, uns etwas auszudenken, weil wir Männer waren. Also fragten wir die Frauen um uns herum (…), um ihre sexuellen Fantasien zu erfahren. Zwei Männer wie wir hatten nicht das Recht, einer Frau Fantasien anzudichten. Und so haben wir uns für verschiedene Fantasien entschieden. Alle Fantasien im Film entstammen der Vorstellungskraft von Frauen.“










12.06.2011 @ray05
Bin im übrigen davon überzeugt, der obere Rand der schwarzen Strümpfe, der sich in Buñuels Filmen so häufig sichtbar von der milchweißen Haut abhebt, bedeutet nicht einfach Obsession oder Fetisch, das hat bei ihm apotropäischen Charakter, so wie in Vampirfilmen dem Bösen das Kreuz entgegengehalten wird, so wird dieser Anblick all den „bösen“ Mächten entgegengehalten, die bestreiten wollen, daß es Eros ist, der die Realität ständig überfließen läßt in Poesie. :)
Freitag, 31.08.2012
Wie man zur Burg Pernštejn kommt: Man nimmt einen Zug von Brno nach Tišnov, steigt dort um in einen Zug nach Nedvedice, schaukelt durch wilde Gebirgslandschaft, ruft „Hüte festhalten, Ladies!“, Mylady ruft „Ich halte nicht am Borgo-Pass!“, es riecht verdammt stark nach Knoblauchwurst, man erinnert sich an die Fledermaus von gestern abend mitten in Brno, groß wie die von Willem Dafoe ausgelutschte in „Shadow of the Vampire“, steht dann recht unvermittelt auf dem Bahnhof dieses Fleckens unterhalb der Burg und hat noch zwei Kilometer zu gehen. Aufwärts. Aufregend, die Burg in der Ferne zu sehen.
Man kommt nur mit Führung in die Burg. Es gibt vier verschiedene Besichtigungsrouten, für drei davon muß man vorab eine Reservierung tätigen. Und wenn man „Nosferatu – Phantom der Nacht“ von Werner Herzog – mit Klaus Kinski, Bruno Ganz, Isabelle Adjani – für einen der besten und schönsten Filme aller Zeiten hält, ist es von höchster Wichtigkeit, herauszufinden, welche der Besichtigungsrouten an möglichst viele der Punkte führt, die Herzog zwischen dem 1. Mai und dem 6. Juli 1978 für seine Kamera auswählte. Alle Szenen auf der Burg in „Transsylvanien“, auf der Nosferatu / Graf Dracula (Klaus Kinski) Jonathan Harker (Bruno Ganz) empfängt, wurden auf Burg Pernštejn gedreht – insgesamt etwa 25 Minuten des Films.
Mein „Mám otázku“ („Ich habe eine Frage“) war bei der wunderbaren Radka Loukotova aus dem Ticket Office gelandet. Sie bedauerte zunächst, daß die Tour, die ich favorisiert hatte, nur auf Tschechisch angeboten wird. Ich antwortete, das sei kein Problem, erwähnte „Nosferatu“ und unseren Wunsch, auf der Burg so viele Schauplätze des Films wie nur irgend möglich sehen zu können. Mlle. Loukotova kannte den Film nicht, setzte aber Hebel in Bewegung, „trying to figure out where it was taken“, und teilte wenig später mit, ein Kollege habe bestätigt: „it was taken in the Entrance Hall, Tyrolean Courtyard, Reception Hall“. Ich schickte ihr einige Screenshots aus dem Film, unter anderem mit dem Gang, den Bruno Ganz im oberen Stock unternimmt, bis er an die dritte Tür kommt: jener Raum, in dem Harker untergebracht ist, an Lucy schreibt, und bei Nacht dem Nosferatu schließlich zum Opfer fällt. Die charmante Antwort: „Dear Mr. Erdmann, you are welcome, there’s nothing to thank for. :) Thank you for that pictures, they helped a lot. It is – as I thought – Entrance Hall and Reception Hall and they both are in number I. But because of that corridor it would be better to join number III… But I have to tell you that the room in the corridor isn’t included. You will see just the closed doors – is it enough? :) Well, it seems it’s really complicated at our castle, but I believe you will like it here :)“
Besichtigungsrunde III also. Im Ticket Office kommt es zur herzlichen Begrüßung mit Mlle. Loukotova („You must see that movie!“). Wir waren für 14:00 gebucht, dürfen aber noch in die 13:00-Tour rutschen. Daß man nur mit Begleitung in die Burg darf, hat sicher auch den Vorteil, daß man sich nicht verirren kann, unabsichtlich oder absichtlich. Gewissermaßen ist es in der Tat „really complicated at our castle“: der Palas ist labyrinthisch.
Im Burghof hinter dem IV. Tor schauen wir uns die Kapelle an und warten auf den Beginn der Führung. Überwältigt von dem Gefühl, wirklich hier zu sein.


Der erste Teil der Szenen, die Herzog auf Burg Pernštejn dreht: Harkers Ankunft.
Man betritt den Palas über dieselbe Treppe, auf der Bruno Ganz zur Begegnung mit Klaus Kinski emporsteigt.



Die Treppe ist überdacht, ein diagonaler Korridor gleichsam, und sie ist so lang, daß man sich fragt, ob bzw. wie Herzogs Kamera auf den Trittstufen stand. Klaus Kinski dagegen steht im Freien.
Es ist leider nicht erlaubt, im Palas zu fotografieren. Auf dem folgenden Bild ist aber zu sehen, wo die Szene spielt. Links, erkennbar an den runden Fenstern, der Aufgang mit der Treppe, die Bruno Ganz hochsteigt. Klaus Kinski wartet hinter der Tür, von der ein kleines Stück zu sehen ist. Besichtigungsrunde III verweilt auf diesem Plateau, und während 25 Menschen der jungen tschechischen Dame zuhören, die uns durch die Burg führen wird, stehen wir da, wo Kinski stand, und flüstern mit Augen groß wie Untertassen. „Ich bin Graf Dracula und heiße Sie in meinem Schloß willkommen“: right here. In der Mitte die Mauer, von der Kinski den Kerzenleuchter nimmt; rechts, unter dem Wappen, der Eingang, durch den Dracula und Harker ins Burginnere gelangen.





Wir kommen in die Entrance Hall: die im 16. Jahrhundert entstandene Eingangshalle mit dem phantastischen Diamantengewölbe. Die erste Szene, die hier spielt, ist das Nachtmahl, mit dem Graf Dracula seinen Gast bewirtet.
Der Erker mit dem Tisch befindet sich auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite der Halle. Teile des Diamantengewölbes der Entrance Hall sind im establishing shot sichtbar.

Die Ausstattung unternahm Herzogs Team, Herzog erwähnt im Audiokommentar des Films „völlig leere Eingangsräume“. Teilweise benutzte man für die Szenen Mobiliar und Gegenstände, die andernorts auf der Burg zu finden waren; die Uhr dagegen wurde von einem handwerklich begabten Mathematiker namens Cornelius Siegel eigens für den Film angefertigt. – Jörg Schmidt-Reitwein, der Kameramann, von Herzog zurecht gerühmt als Magier der Beleuchtung, ist Sohn eines Malers.



„Hören Sie? Hören Sie! Die Kinder der Nacht, wie sie Musik machen!“




Harker schneidet sich mit dem Brotmesser in den Finger, das Blut reizt den Vampir, der vorgibt, nur die Wunde aussaugen zu wollen, „Bitte lassen Sie mich… das ist das älteste Heilmittel der Welt…“, Harker weicht vor dem enragierten, plötzlich gefährlichen Vampir zurück, Nosferatu / Kinski drängt ihn durch die Halle, an einem der Treppenaufgänge vorbei, Harker fällt in einen der Stühle vor dem Kamin. Der Vampir läßt schwer atmend ab: „Wir sollten noch zusammen aufbleiben… es ist noch lange bis zum Sonnenaufgang.“ Harker schlummert vor dem Kamin ein.


Der Kamin existiert nicht. Im Audiokommentar sagt Herzog: „Dieser Kamin ist gebaut“, wir dachten, daß Herzog an einen vorhandenen Kamin diesen bizarren Vorsatz anbringen ließ, tatsächlich befindet sich aber in der Halle kein Kamin.

Nach dieser alptraumhaften Nacht erwacht Harker in der Halle; der Vampir ist verschwunden. Harker findet einen reich gedeckten Tisch vor und beginnt dann, die Burg zu erforschen, dieses Gemäuer, „das so irregulär und so seltsam ist und so viele merkwürdige Türen hat, da habe ich gesagt, das muß ohne Schnitt gehen, wir dürfen hier nicht schneiden, wir müssen sozusagen dem Mann jetzt folgen. Und wir müssen das Gefühl haben, es gibt keinen Ausgang.“ (Herzog)
(Bei der Silhouette, die man am Ende dieses Filmausschnittes sieht, handelt es sich um die Ruine von -> Burg Strečno in der Slowakei, nicht um Pernštejn)
Hinter Bruno Ganz eine rätselhafte Tür, die auch später für ihn verschlossen bleibt, und von der wir auch während der Führung nicht erfahren, wohin sie führt.

Blick in Richtung Eingang:

Harkers Blick fällt auf eine der beiden Treppen, die sich an den Längsseiten der Halle befinden – sofern man bei diesem unübersichtlichen Grundriß von „Längsseiten“ sprechen kann.

Die Handkamera folgt ihm durch die Halle, und schwenkt dann, seinem Blick folgend, zum Diamantengewölbe hoch.


Harker takes the stairs. Auf der anderen Seite der Halle führt eine fast identische Treppe hinauf. Falls der Nosferatu-Liebhaber darob in der Halle die Orientierung verliert: ein kleines Fenster gibt es nur bei dem einen Treppenaufgang.


Auch einige Szenen des Films „Bathory“ von Juraj Jakubisko wurden auf Burg Pernštejn gedreht. Hier führt Erika, eine Dienerin Elisabeths, Caravaggio (the same) die Treppe hinauf; auch Jakubisko läßt zum Diamantengewölbe schwenken.
Herzogs Kamera steht hier in der Reception Hall, einem Saal, der die Eintrittshalle im ersten Stock gleichsam wiederholt. An einem Punkt der Führung stehen wir genau da, wo die Kamera steht, um dann wie Bruno Ganz den Gang zu erforschen. Dieser Gang führt rund um den Palast und war ursprünglich ein Wehrgang auf der Burgmauer.


Harker geht an zwei Fenstern vorbei, schaut in zwei Räume, deren Türen offenstehen, und kommt dann zur dritten Tür; in diesem Raum findet er seine Packtaschen.
Man findet Inschriften an mehreren Stellen der schmalen Gänge; im Ausschnitt Herzog – Nosferatu – III erkennt man eine davon bei Minute 2:55. Vermutlich haben Soldaten, die sich bei der Nachtwache langweilten, im 16. Jahrhundert die Wände mit Rötelstift bekritzelt. Manche der Inschriften sind Zitate, etwa aus der Bibel, man findet auch eine der ersten Übersetzungen Ovids ins Tschechische, anderes ist originäres Gedankengut der Soldaten. Vielleicht hat sich auch eine unglückliche Prinzessin verewigt, oder die in den Burggängen umherirrende Weiße Frau: natürlich hat Pernštejn sein Gespenst, der Geist einer Kammerzofe, die es vorzog, sich im Spiegel zu bewundern, statt fromm zu beten. Darum gibt es hier auch einen Spiegel, von dem es heißt, daß jeder, der hineinblickt, binnen eines Jahres seine Schönheit verlieren wird.
Harkers Zimmer:

Blick auf die Burg von außen. Harker befindet sich in dem Eckzimmer mit den hell umrahmten Fenstern. Links der Turm der Vier Jahreszeiten.


Die folgende Szene: Harker erwacht aus der Nacht, in der er von Graf Dracula heimgesucht wurde, eilt hinunter, und wir können die Entrance Hall noch einmal en detail erkunden. Zuletzt läuft er, wie schon in einer Szene zuvor, in den kleinen Burghof: dies ist der „Tyrolean Courtyard“.
Unfaßbar, als wir den Hof betreten, gerate ich an derselben Stelle in das Löchlein zwischen den Steinen wie Bruno Ganz. Während die Führung im Tiroler Hof erneut anhält, besetze ich die Stelle, an der Bruno Ganz für immer leicht ins Straucheln kommt (1:20), und muß fast weinen. Niemand bessert diese Stelle jemals aus, das ist ein Befehl.
Auch diese Szene aus „Bathory“ wurde im „Tyrolean Courtyard“ gedreht:
Schaut man im Tiroler Hof nach oben, sieht man nur ein winziges Stück Himmel. Durch das bizarr zusammengewachsene Gebilde der Gebäude blieb über dem alten Burghof nur noch ein Lichtschacht in der Mitte des Palas.
Die Ursprünge der Burg liegen im 13. Jahrhundert, 1285 wird Burg Pernštejn erstmalig erwähnt. „Pernštejn“ ist eine altböhmische Abwandlung von Bärenstein. Die ersten Herren der Burg trugen den Namen von Medlov, später übernahm der auf der Burg lebende Familienzweig den Namen Pernštejn. Im Laufe des 14. Jahrhunderts verlor die Familie an Bedeutung, auf der Burg wußte sich Vilém I. von Pernštejn jedoch zu behaupten. Er hielt eine kleine Truppe auf der Burg, die man manchmal nur schwer von einer Diebesbande unterscheiden konnte, und es gelang ihm, Vorteile aus der Unterstützung verfeindeter Parteien zu ziehen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde damit begonnen, die Burg zu befestigen; Viléms Sohn Jan I. ließ die Wehrhaftigkeit der Burg erhöhen, seine Herrschaftszeit und die Regentschaft seiner Söhne Vratislav I. und Vilém II. (in der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts) bedeuten die Aera der größten Bautätigkeit auf der Burg.
Im 16. Jahrhundert wurden Burgen als Familienwohnsitz weitgehend von komfortablen Schlössern abgelöst. Unter Vilém II., der seine Familie zur reichsten im Böhmischen Königreich und in der Markgrafschaft Mähren gemacht hatte, begann sich auch Pernštejn in das Denkmal einer Adelsfamilie zu verwandeln. Die letzte Bautätigkeit von Bedeutung erlebt Pernštejn in der Mitte des 16. Jahrhunderts unter Jan II., von dem der Satz stammt: „Wenn es nichts mehr zu bauen gibt, laßt etwas abtragen und baut es neu auf.“ 1596 aber zwingt der unaufhaltsame Vermögensverlust die Familie zum Verkauf der Burg; einige Jahrzehnte später stirbt die Familie, als wäre ihr Fortbestand nur auf der Burg möglich gewesen, vollkommen aus.

Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges ging die Burg in den Besitz der Grafen von Lichtenstein-Kastelcorn über, kaisertreu und trotz Belagerung durch die Schweden (1645) auf der Seite der Sieger, 1655 wurde Pernštejn zur mährischen Landesfestung ernannt, während viele andere Burgen als mögliche Nester des Widerstandes gegen die Habsburger zerstört wurden.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts übernahm die Familie der Stockhammer die Burg, unter deren Herrschaft die Wände und das Deckengewölbe des Rittersaals mit Stuckverzierungen versehen wurden. Seit 1760 keine Festung mehr, kam die Burg gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz von F. I. Schroeffel von Mansberg; dessen Nichte ehelichte 1828 Vilém Mitrovsky. So gelangte Pernštejn in den Besitz der letzten Adelsfamilie, die, obgleich nicht ständig auf der Burg wohnhaft, bedeutende Spuren hinterließ: Viléms Sohn Vladimir I. ließ die vernachlässigte Burg mit großem Aufwand sanieren.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit Büchern aus dem Familienbesitz der Mitrovsky im großen Saal des Renaissancegebäudes eine Bibliothek gegründet, eine naturgeschichtliche Sammlung kam hinzu.
In dieser Bibliothek drehte Herzog die Szene aus „Nosferatu“, in der Graf Dracula den Kaufvertrag für das Haus in Wismar umgehend abschließen will, als er ein Bildnis von Harkers Frau Lucy – Isabelle Adjani – sieht. Es ist die wunderbare „Ich lege keinen Wert mehr auf Sonnenschein und blitzende Fontänen“-Szene: „Die Papiere, den Vertrag, ich unterschreibe sofort!“ – „Eigentlich haben wir noch keinen Preis festgesetzt…“ – „Das ist doch ganz unwichtig!“ Unsterblich.



Wir dürfen die Bibliothek von einer Treppe aus sehen. Und in der naturgeschichtlichen Sammlung haben wir unter der Vielzahl ausgestopfter Vögel den einen entdeckt, von dem Herzog oder ein Requisiteur bei den Dreharbeiten sagte: den stellen wir Kinski auf den Tisch. Es gibt dort zwei ausgestopfte Adler; den für den Film ausgeliehenen Adler erkennt man daran, daß er etwas in den Fängen hat, das einmal ein kleines Füchslein war.
Der ausgestopfte Wolf, der am Anfang dieser Szene zu sehen ist, steht noch an derselben Stelle.
„Zeit, das ist ein Abgrund, tausend Nächte tief…“
Als wir in einem der oberen Stockwerke, man hat längst die Orientierung verloren, einen Treppenabsatz erreichen, flattert hinter einer Glasscheibe, die einen Gang abtrennt, aus unerfindlichen Gründen eine kleine Fledermaus, wie ein Nachkomme der kleinen Gesellen, die bei Bruno Ganz am Fenster hängen. Den Enthusiasmus, mit dem wir dem zur Unzeit aufgeregten Flattermäuschen begegnen, quittiert unsere Führerin mit abgeklärtem Lächeln.
Nach der Führung durch den Palas genießen wir eine köstliche heiße Schokolade in der Gaststube, der alten Burgschenke aus dem 16. Jahrhundert, dann erkunden wir noch einmal das weitläufige Burgareal, jeden Zentimeter, der von außen zugänglich ist.
Blick auf das IV. Tor mit den Wappen des Grafen Vilém Mitrovsky und seiner Gemahlin Josefina Schroeffel von Mansberg.

Blick in die andere Richtung: das III. Tor, rechts die alten Kutschenhäuser, links der sogenannte Schroeffel-Garten.

Im Schroeffel-Garten

Zuletzt identifizieren wir noch den Schauplatz der Szene, in der Harker von der seltsamen Kutsche in die Burg gebracht wird; die Kutsche fährt durch das Tor des sogenannten Barbakan, der die Verteidigung mit Feuerwaffen ermöglichte.






Anhang: Kommentarsektion Antirationalistischer Block
Oktober 2012
Monika Cate:
WOW!! Danke, wunderschöner abendlicher Ausflug für mich. Als ich sah, daß Teil 3 Eurer Reise dran war, hab ich mir erstmal eine köstliche heiße Schokolade gemacht und als ich von Eurer las, nahm ich gerade einen Schluck :) Werde den Film nun mit wieder neuen Augen sehen, nehme ich mir gleich fürs Wochenende vor. DANKE!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
In der Schenke hört man noch das Gejohl und Geklirr der Soldaten, die da vor Jahrhunderten ihren Sold verzechten, und genießt diese köstliche heiße Schokolade folglich etwas verschämt. Danke also für Deine Solidarität. :)
ray05:
Die Sachwalter des Burgtourismus wissen nichts von „Nosferatu“? Da treibt’s mir gleich den Pflock ins Herz, wenn das höre. Erinnert an Prag: dort sind auch alle mit plötzlicher Taubheit geschlagen, wenn der Name Kafka fällt. :)
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Seufz, ja. Um meine Zähren zu trocknen, sagte ich mir: keiner von uns kennt alles. Ich zum Beispiel kannte bis vor kurzem „Inception“ nicht. Ich kenne „Inception“ auch jetzt noch nicht so richtig, weil mir der autistische Krach von Hans Zimmer, gegen den die Schauspieler phasenweise anschreien müssen, so auf den Senkel ging.
Daß man keine heilige Zusammengehörigkeit von „Nosferatu“ und Pernstejn zelebriert, hat sicher viele Gründe, und für viele Dinge ist vielleicht auch erst jetzt langsam Zeit. Im Sozialismus dürfte die Burg tatsächlich nichts als ein leerer Spuk gewesen sein.
Kafka: Prag, Hotel, Nacht, an der Rezeption saß dieser studentisch aussehende Mensch mit Buch. Ging nochmal runter zu ihm, weil ich dachte, den könnte ich nach dem Kafka-Museum fragen. Also nicht dem in Kafkas Geburtshaus, sondern dem anderen, von dem man nie was liest. „What was the name?“ Über seinem Nerd-Pizzateller googelte er dann erstmal nach Kafka. Ich meine, der hat ja auch einiges hinter sich da, der Kafka. Verfemung aus politischen Motiven, Vereinnahmung aus politischen Motiven, Vermarktung. Verstehe schon, wenn es Zeit braucht, Kafka einfach so entdecken zu wollen als weltbesten Literaten aus Prag. Something else aber: die schmerzliche Einsicht, daß man tatsächlich einen Schritt vor den anderen setzen kann, ohne Herzog, Kinski, Kafka, Rilke und Rimbaud, Cave und Cale, 89% dessen, was unsereins so liebt, auch nur zu kennen. Ist aber so. Diese Einsicht macht aus unsereins den Nerd. Ich hab nur irgendwann beschlossen, unverdrossen ins Wasser schreiben. :)
ray05:
Ins Wasser schreiben: da denk ich an Flaschenpost. Ist eh alles Flaschenpost durch Zeit und Raum. Jedes gut verkorkte Zettelchen trägt die geheime Überschrift „Message to our folks“. :) Ich werd der Isar ne richtig altmodische Flaschenpost mit auf die Reise geben. Meinste, die können Englisch in Bulgarien?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ne Menge alter Verstecke von Schwarzmeerpiraten da unten. Was hast Du vor, eine Piratenbraut aus dem 17. Jahrhundert nach Marienbad einladen? :)
„Alles ist Flaschenpost durch Zeit und Raum“, voilà. Take them down the only road you’ve ever been down. You know the one that takes you to the places where all the veins meet.
Anonym:
…unverdrossen ins Wasser schreiben:
Ja, tun Sie das weiter!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
„Here lies one whose name was writ in water“. But I’m a lucky man.

„Poppy Day (2 Minutes Silence)“ is based on John McCrae’s poem In Flanders Fields.
The poem was written in 1915 after he lost a friend during a battle in World War I.
„Join Hands“ Remaster Liner Notes 2006:
The mantra-like ‚Poppy Day‘, which included lyric snatches from First World War poet John McCrae’s ‚In Flanders‘ Fields‘, had been conceived after Severin had observed the televised two-minute’s silence on Remembrance Sunday 1978. „We wanted to write a song that would fittingly fill that gap,“ he said.

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Foto © Christian Erdmann
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