The Vice Barons kommen aus Belgien, dem wundersamen Land. Ihre zwischen Pulp-Garage und Stripclub pendelnde X-tatic-Sleaze-Diskographie beginnt Anfang der Neunziger in Brüssel, mit der Band befreundete Stripperinnen bereichern die Bühnenshow, der Keyboarder Vince Vincent heißt außerhalb von Les Vice Barons offensichtlich Vincent Verstraeten und schätzt das „Mirage“-Video von Ladytron. Männer von exquisitem Geschmack also.
„PC-Szenepolizei also bitte aufpassen und rechtzeitig Boykottmaßnahmen einleiten“, schrieb das Ox-Fanzine 1997. Der Rest kauft lüstern Tracks der Vice Barons und hilft der Band damit hoffentlich, einen neuen Plattenvertrag an Land zu ziehen.
„Lookin‘ In The Face Of Evil“ ist 2023 erschienen, produziert vom legendären Jim Diamond aus Detroit, der u.a. mit The White Stripes, The Sonics und The Devils gearbeitet hat.
Ende 2024 ein neues Lebenszeichen. Praise the Lord. Oder den anderen.
Und jetzt hatte Aljoscha in seinem Universum ein Schwarzes Loch entdeckt, das Ledas Existenz und Bedeutung verschluckte. Hatte er eine eigene Welt? Vielleicht là-bas. Tief unten. „Wir werden sehen“, dachte Aljoscha, griff nach seiner Jacke und machte sich auf in die Stadt.
Der Rathausplatz rumorte wie ein antikes Amphitheater. Publikum brodelte erwartungsfroh der Abenddämmerung und dem Beginn der Aufführung entgegen. Aljoscha stand neben einem jungen Paar, dessen aufgeregtes Getue den Börsenkursen in der Zeitung galt, obwohl es eher blöden Urlaubsphotos, einem skandalösen Liebesbrief oder dem Striptease einer Horde Heinzelmännchen angemessen war. Das mußte man tolerieren, aber nicht direkt neben sich. Aljoscha wanderte weiter, kam zu einer Absperrung seitlich der Bühne, und fand, daß dieser lumpenproletarische Standpunkt Sicht genug bot. Auf den Tribünenplätzen ging es pomphaft und bourgeois zu, während der Plebs den Platz als das betrachtete, was er vor Erfindung der Bannmeile zu sein pflegte: als den seinen.
Aljoscha sah, was man von der Tribüne aus nicht sah: Tänzerinnen und Tänzer, die hinter der Bühne, im Dunkel vor dem kolossalen Rathaus, Drehungen und Sprünge probten, Bruchstücke des bevorstehenden Balletts, und die Bewegungen, die jeder Akteur dort ganz für sich ein letztes Mal probte, waren wie eine exklusive Ouvertüre. Aus tiefer Konzentration brachen plötzlich Tanzfiguren hervor; ebenso abrupt brach die Bewegung wieder ab. Vor dem gewaltigen, sinistren Bauwerk wirkten die fragilen Tänzerinnen wie bleiche Priesterinnen am Tor zu einer anderen Welt; die Tänzer erschienen wie Boten vor dem Turm von Babel. Ihre blitzartigen und doch geschmeidigen Tanzbewegungen vor der eigentlichen Aufführung glichen den Signalen einer geheimen, rituellen Kommunikation, deren wortlose Intensität Gewaltiges ankündigte. Babylon wird fallen, beispielsweise. Mochte das Übermächtige mit seinen Schatten drohen, Babylon wird fallen. Zen-Meister Huang-Po hätte gesagt: Der Geist der Bewegung besiegt das Steingewordene und Starre. Oder: Ewiger Übergang gerinnt nicht. Vielleicht hätte er auch gesagt: Iß niemals Steckrüben.
Während Aljoscha noch gebannt zusah, kämpfte sich zu seiner Linken ein beherztes Mütterchen bis zur Absperrung durch; nachdem sie ein wenig Luft geschöpft hatte, stieß sie Aljoscha mit dem Ellenbogen an: „Hier sparen wir 30 Rubel!“
Aljoscha sagte: „30 Rubel? Donnerwetter.“
„Nicht wahr? Jedenfalls, hier haben wir ein schönes Plätzchen gefunden“, freute sich die alte Frau im Plural, als wäre sie mit Aljoscha zusammen aufgebrochen, um dem spektakulären Ereignis beizuwohnen.
„Soll ich Ihnen etwas sagen“, fuhr sie fort, „ich weiß gar nicht, was gespielt wird. Ich war nur auf dem Przewalski-Prospekt und habe Rollschuhe für meine Enkelin gekauft, bei Kastschej, da“, – sie raschelte mit ihrer Einkaufstüte – „und dann sah ich die Versammlung hier. Früher war ich oft im Theater! Ich hab noch den großen Grindko gesehen! Der hat sich ja nachher dann umgebracht. Die Größe, Gott, was hab ich mich da zermartert!“ – Aljoscha nahm an, daß diese letzte Bemerkung den Füßen der Enkelin galt und nicht dem großen Grindko, und setzte zu der Frage an, wie alt das Kind denn sei, aber das Mütterchen war soeben untergetaucht, um stöhnend und umständlich ihr Gepäck auf den Steinplatten zu deponieren. Wieder lotrecht fragte sie: „Aber welches Stück wird denn nun aufgeführt?“
„Ballett. Zu Musik von Gustav Mahler.“
„Ach, ein Ballett.“ Das schien nicht nach ihrem Geschmack. Aljoscha rechnete damit, daß sie unter beträchtlichem Aufwand Sack und Pack wieder emporhieven würde, doch sie beschloß: „Na, besser als ein Kurkonzert. Haben Sie schon einmal ein Kurkonzert erlebt, junger Mann?“
„Nein, bislang nicht.“
„Es macht Kranke gesund und Gesunde krank. Um 22 Uhr 30 muß ich gehen, sonst versäume ich meine Metro. Würden Sie mich zur rechten Zeit auf den Weg schicken?“
„Leider besitze ich keine Uhr“, sagte Aljoscha.
„Am Rathausturm ist eine Uhr“, sagte das Mädchen zu seiner Rechten.
„Ach? Na ja! Dann geht es. Gehören Sie wohl zusammen, Sie beide?“
Aljoscha und das Mädchen wechselten einen Blick. Sie war meerjungfräulich schön und trug so gewiß einen nordischen Namen, wie sie ihr Haar in Salzwasser wusch. „Nein, wir gehören nicht zusammen“, bekundete Aljoscha.
„Nicht? Na, was nicht ist, wird noch“, bestimmte das Mütterchen mit resoluter Fröhlichkeit. Die Meerjungfrau lächelte vielsagend und viel verschweigend, und dann setzte die Musik ein.
Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein. Betreten wir also die Korridore und Gemächer der entlegeneren Flügel. Kein Zaudern, keine Glaubensfragen. Es gibt Falltüren und Schlangengruben, wir wissen das, wir wissen das. Was nicht ist, wird noch? Daß etwas war, wird sein. Etwas wird am Ende dieses Weges liegen. Vergessene Geschöpfe mit Augen, die vor Trauer bluten, ein halb irr gewordenes Faktotum, das jede Faszination hierher verschleppt und an schwere Steine kettet, ein Louvre an Bildern, ein Logbuch der Traumfahrten, ein Labyrinth, ein Minotaurus, ein Kerberos, der die Schätze der Vergangenheit bewacht, oder die Schätze der Zukunft, vielleicht auch nichts als Spinnweben und der heulende Wind – was immer auch geschehen muß, laß es geschehen.
Während des ersten Aktes übermittelte die alte Dame Aljoscha und dem Mädchen tuschelnd ihre Eindrücke, wie eine Gouvernante, die sich reckt, um ihren Schutzbefohlenen die vorbeifahrende Kutsche des Königs zu beschreiben. Während des zweiten Aktes hauchte die Meerjungfrau Aljoscha einige Gedanken zu; was sie sagte, war nicht eigentlich an ihn gerichtet, und er vergaß sogar, verlegen nach einer Antwort zu grübeln, weil er spürte, wie um sein Herz gelegte Zwingen sich langsam zu lösen begannen. Während des dritten Aktes dann verließ das Mütterchen den Schauplatz, nicht ohne sich gerührt von ihren Schäfchen zu verabschieden.
Als Fanfare hatte die Musik begonnen, triumphal, wie eine Huldigung an Mars. Die Tänzer ließen ein Epos aufleben, in dem gewaltige Mächte miteinander rangen, und die Musik rief Aljoscha den martialischen Hauptmann ins Gedächtnis, von dem er geträumt hatte in der Nacht der Katzenmenschen. Es war strahlende Musik, die vorwärts stürmte wie ein göttlicher Streitwagen, sie warf alles und jeden zwischen die Fässer des Zeus mit den Gaben des Wehs und den Gaben des Heils. Bilder, die den Rausch sich erprobender Kräfte beschworen, naturhaften Trieb, der die Konstellationen der Masse bestimmte – Wesen wurde zu Gepräge, Gepräge zu Gefüge, Gefüge zu Struktur, Struktur zu Formation, Formation zu Organisation, Organisation wurde totalitär, wurde Tyrannei, alle nur noch Paladine einer fatalen Gesetzmäßigkeit, alle nur noch einstimmig sich einstimmend auf einen großen Glauben, in dem Menschliches unter Menschen sich verlor. Die Musik jedoch, sie untergrub latent ihr eigenes Pathos und ließ dunkle Vorahnungen wie schleichendes Gift durch die Motive rinnen. Inmitten des heroischen Taumels fühlt ein Namenloser die Bedrohung, kehrt sich ab vom hymnischen Wahn – er hält Ausschau. Aber wird er klug aus seiner Suche? Begreift er, was ihn treibt?
Er rettet sich in einen Traum von anderen Sphären. Lyrische, verführerische Musik, wie eine Huldigung an Venus. Himmlisch helle Anmut der Tänzerinnen, eine Vision von Heilung und Erlösung, vor Augen geführt wie ein neues Versprechen für Tantalus, zu nah, um jemals wieder zu verlöschen, zu schön, um jemals Wirklichkeit zu werden, ohne Opfer zu verlangen – zu erbarmungslos schön.
Was dann kam, war anders, unvorstellbar anders. Zunächst war nur Vibrieren, eine schaurige Präsenz, aus unendlichen Tiefen kommend, als Klang zunächst kaum hörbar; dann, so unerwartet, als würde eine Statue ihr steinernes Haupt bewegen, eine Stimme. Eine Frauenstimme. Eine Welt entfernt.
O MENSCH
singt sie und etwas regt sich, 2000 Faden tief, là-bas,
O MENSCH
auferweckt, beschworen,
GIB ACHT
unbeirrbar aufsteigend, höher und höher,
GIB ACHT
bis es an die Oberfläche kommt und auftaucht unter einem Purpurhimmel,
WAS SPRICHT DIE TIEFE MITTERNACHT?
schattenlos sich erhebend in unheimlicher Stille, unauslöschlich, unausweichlich – die Gestalt der Namenlosen, die namenlose Gestalt.
ICH SCHLIEF! ICH SCHLIEF!
Ihre Macht ist göttlich genug, um Blasphemie zu sein. Sie kennt ihre Opfer. Sie macht sich auf den Weg, um
AUS TIEFEM TRAUM
in tiefen Traum
BIN ICH ERWACHT
zu führen einen Erstgeborenen und ihn an vergessene Weisen zu erinnern, vergessene Seinsweisen, versunkene Kaskaden quälend süßer Töne, wie sie die Undinen singen.
DIE WELT IST TIEF
Die nunmehr Anwesende legt über ihn den Hauch des Abwesenden und spricht: „Du bist nur halb von dieser Welt.“
UND TIEFER ALS DER TAG GEDACHT
Sie schießt ihm eine Silberkugel durch den Kopf und spricht: „Unbedingte Liebe oder überhaupt nichts. Die Wurzeln sind abgeschnitten. Du wirst verdorren.“
TIEF IST IHR WEH
Sie schlingt die Arme um ihn, und ihre Augen sind Speere aus Licht, und sie spricht: „Aber eine Sehnsucht ist in dir, mächtig wie Tigersprünge, maßlos wie Prinzenwünsche, geduldig wie ein Reptil.“
LUST –
Sie peitscht ihn mit Ruten und spricht: „Sie rührt sich nicht. Doch sie ist hellwach. Und so viel älter als das Schlaflied, das die Welt ihr singt.“
TIEFER NOCH ALS HERZELEID
Sie zeigt sich in den Winkelspiegeln eines Kaleidoskops, in dem bunte Glassplitter zu Sternen werden, und sie spricht: „Schönbildschauer, meine Gunst ist ein Palast, mit hunderttausend Juwelen geschmückt. Lerne zu vergessen und tritt ein.“
WEH SPRICHT: VERGEH!
Sie steht in einem perfekten Kreis und spricht: „Glaubst du an die Möglichkeit des Ideals, das Seiende zu berühren?“
DOCH ALLE LUST WILL EWIGKEIT, WILL
Sie benetzt sein Auge mit einer Träne und spricht: „Du bist das Auge. Du bist der Schauplatz. Finde die eine Illusion, von der du vergessen kannst, daß sie eine ist.“
TIEFE, TIEFE EWIGKEIT
Morgenglocken lösten den Bann: der Traum verflüssigte, die Umgebung nahm ihren Platz wieder ein. Auch der Namenlose auf der Bühne rieb sich die Augen: er sah ein ätherisches weibliches Wesen – einen Engel. Jähe Lichtung. Kehre des Seins. Er näherte sich vorsichtig, und der Engel scheute nicht zurück, gab sich zum Pas de deux, zum Nichts als Zwei…
Oder war dies wieder nur ein Traum in einem Traum? Zur Schlußsequenz der Symphonie über schicksalsschweren Paukenschlägen schritt das engelhafte Wesen am Bühnenrand von rechts nach links, als müßte es die Parade der vom Schattenreich mit einem Gestellungsbefehl Versehenen abnehmen, schritt langsam von einem Ende zum anderen, von Kether zu Malkuth, vom Sein zum Woanderssein, von den Brettern, die die Welt bedeuten, zum Ausgang, von der Wirklichkeit zum Riß in der Wirklichkeit, von irgendeinem Hier zu irgendeinem Dort.
Und gerade so, als läge im Erscheinen dieses ätherischen Wesens nichts anderes als ein immerwährendes Urteil, das Unerreichbarkeit verhängt, sah der Namenlose aus der Ferne zu wie ein Gerufener, der doch nicht folgen kann, obgleich es sein Wille ist. Und mit einem letzten Blick in ihre unbewegten Augen fragte er sie – nichts. Er fragte sich, ob er sie wohl jemals wiedersehen würde. Und sagte stumm Adieu.
War dies das Ende? Oder schritt sie nur voraus auf einem Weg ins Folgenschwere, in eine wirkliche Geschichte, die vielleicht immer schon bestanden hat, als einzig mögliche? Es gab keine Antwort mehr auf diese Frage. Der Vorhang war gefallen.
Die Menge gönnte den Tänzern stürmische Ovationen, um sich dann doch recht eilig zu zerstreuen. Aljoscha sah sich um. Er hätte gerne noch auf irgendwas gewartet, doch er wußte nicht, worauf. Als er zu seinem Fahrrad ging, fiel ihm endlich ein, woher er den Text des Liedes von der tiefen Welt kannte – es war das Mitternachtslied aus Nietzsches Zarathustra. Das Gefährt für den Heimweg stand seltsam resigniert da. Zen-Meister Huang-Po hätte gesagt: Stell’ dein Fahrrad nicht an einen Baum, an den der Hund pißt.
We No Who U R Jubilee Street Do You Love Me? Tupelo Red Right Hand Mermaids From Her To Eternity West Country Girl God Is In The House Watching Alice Into My Arms Higgs Boson Blues The Mercy Seat Stagger Lee Push The Sky Away
Encore:
We Real Cool Papa Won’t Leave You, Henry Jack The Ripper Deanna (on request) Give Us A Kiss
Uh, yes. :) Guilty, Your Honour. Übrigens tatsächlich einer der atmosphärischsten S/W-Filme jener Zeit, sehr schön und spooky, Franco war ja durchaus ein Meister der cinematography, auch wenn er diese Meisterschaft später zugunsten… uh… anderer Prioritäten… etc. :) Diana Lorys ist dann später noch einmal sehr beeindruckend (anders beeindruckend) in einem weiteren Jess Franco-Film, „Nightmares Come At Night“. Der in ganz besonderem Maße Francos Talent zu einzigartiger, unverständlicher, unvergeßlicher Schönheit kombiniert mit Szenen, die, filmtechnisch, eine echte Belastung darstellen für das Nervensystem auch des Verständnisvollsten.
Wie Franco in dieser einen Szene aus „Der Teufel kam aus Akasava“ Soledad Miranda hinterherschaut, das ist vielleicht der Schlüssel zum ganzen Franco. Diese Schönheit in meinem Film, heilige Hölle. Das sagt dieser Blick, und: für diese Schönheit unternehme ich, was in meiner Macht steht, kinky, fetischistisch, bizarr, bonkers, aber zum Teufel nicht durchschnittlich und langweilig.
„Küss mich, Monster“, völlig ditzy, als Film kaum erkennbar, hat – neben der rasanten Version von „Sock It To’Em J.B.“ von Rex Garvin & The Mighty Cravers (kannte vorher nur die Specials-Version) – auch so eine Szene: Franco in seinem Cameo als… hm… wird von hinten erschossen und läßt sich, die Arme hochwerfend, von Janine Reynaud und Rosanna Yanni auffangen. Hätte ich auch so gemacht. :) Leaving the building, going to Max Schreck-Land. :) See you later.
10.10.2014
Anonym:
Was macht eigentlich die klimpernde Dame. Can’t she get no satisfaction?
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Mad Scientist-Thema. Howard Vernon als Dr. Orloff ist ein Entführer schöner Nachtclub-Damen. Um das durch Feuer entstellte Gesicht seiner Tochter neu erschaffen zu können, entfernt er den Damen die perfekte Haut. Referenz: der phantastische Les yeux sans visage von Georges Franju. Orloff hat einen furchterregenden, ihm sklavisch ergebenen Gehilfen mit sehr eigener Geschichte namens Morpho. Es gibt in nahezu jedem guten Jess Franco-Film einen Morpho. Inspector Tanner wird auf den Fall angesetzt. Diana Lorys ist Wanda Bronsky, Tanners Ballerina-Freundin, die sich, als sie Tanner investigativ unterstützt, selbst in höchste Gefahr begibt. Can’t she get no satisfaction? Kann schon sein. Wird nicht so recht klar, was sie an Tanner findet.
Bizarrer und wundervoller Film, aber Vorsicht vor Jess Franco. Kulturell verdammte, fetischistische Faszination in abgründigen Kontexten. I don’t give a damn about my bad reputation. Or his. :)
Eine der schönsten Szenen der Filmgeschichte: Elsa Lanchester als „Bride of Frankenstein“, als Karloff erscheint und sich ihr mit klumpiger Zärtlichkeit nähern will; wie sie sich, kaum zwei Minuten in der Vertikalen, schon ganz enragierte Lady, Colin Clive / Frankenstein zuwendet mit diesem „Was soll das heißen! Was hast du dazu zu sagen? Rechtfertige dich!“-Blick… grandios, einfach brillant.
Cugel:
Sehr schön beobachtet und beschrieben! Ich habe mich noch immer nicht ganz erholt von der Erheiterung über den theatralisch-pathetischen Ausbruch des den ganzen Film über ja eher düster-grummeligen Dr. Pretorius ein paar Augenblicke zuvor: „THE BRIDE OF FRANKENSTEIN!!“
Christian Erdmann
Ja, auch wunderbar! Thesiger war auch so ein Exzentriker vor dem Herrn, ich liebe diese Anekdote über ihn, als er in einer Londoner Bustür eingeklemmt dem Fahrer zuruft: „Stop! Stop! You’re killing a genius!“ – Whale wollte zuerst keinen „Frankenstein“-Nachfolger machen, hat ihn dann doch gemacht, weil er ihn zu seinen Bedingungen machen konnte. Und das beinhaltete dann, bei all der bestechenden Qualität, die auf jeder Ebene in diesem Film zu bewundern ist, auch eine beträchtliche Lust, over the top zu gehen – vielleicht genau das, was den Film unter all den bezaubernden Universal-Klassikern nochmal hervorhebt.
Elsa Lanchester hat sich zu ihrem legendären swan hiss tatsächlich von mißgelaunten Schwänen im Regent’s Park inspirieren lassen. :)
Cugel:
Eben zufällig beim Stöbern herausgefunden: Elsa Lanchester spielte auch die Miss Marbles in „Murder by Death“ (Eine Leiche zum Dessert), meine Allzeitlieblingskrimikomödie und der erste Film, den ich in den 80ern auf Video aufzeichnete. Nach einem runden dutzend Mal Anschauen habe ich irgendwann aufgehört zu zählen, interfamiliäre Konversation fand nur noch mittels Dialogzeilen aus dem Film statt.
Gerade fällt mir noch ein: als Dick Charleston alias David Niven nach der Ankunft mit seiner Frau Dora das Gästezimmer betritt, ergreift er eine vermeintliche Spielzeugmaus, um dann erschrocken auszurufen: „Sie lebt!“ (Kann mich leider nur an die Synchronfassung erinnern, die Originalszene finde ich nicht im Netz) Ich fresse einen Besen, wenn das keine Anspielung auf Elsa Lanchester war!
Christian Erdmann:
Ah! Ich liebe sie auch als Miss Plimsoll, die Nurse für Sir Wilfrid / Charles Laughton in „Zeugin der Anklage“, wo sie mit ihrer unerbittlichen Fürsorge den ohnehin schon grummeligen Real Life-Husband in Verzweiflung stürzt, grandiose Dialogsequenzen galore. – Die Frau war ja nur knapp über 160 cm, aber als „Bride“ wirkt sie ca. 2 m groß. :) Diese B-Filme haben permanent auf allen möglichen Ebenen ziemlich wagemutige Dinge getan, schon dafür liebe ich sie. Ich meine, Dr. Pretorius in „Bride of Frankenstein“: „… if you like your bible stories.“ – 1935 war das ein ziemlich blasphemischer Punch.
[SPIEGEL ONLINE Forum Lieblingsfilme – was ist „großes Kino“?]
Elsa Lanchester, Herself, New York 1983, p. 133 ff:
There were two parts for me in The Bride of Frankenstein. In the opening scenes, I played Mary Wollstonecraft Shelley, dressed extremely elegantly, sweeter than sugar.
In this prologue, Mary Shelley’s dress was the most fairy-like creation that I have ever seen before or since in a film. It had a low neck, tiny puffed sleeves, and a bodice that continued in a long line to the floor and onto a train about seven feet long. The entire white net dress was embroidered with iridescent sequins – butterflies, stars, and moons. It took seventeen Mexican ladies twelve weeks to make it.
It was James Whale’s idea that, later in the film, Dr. Frankenstein’s second creation, the strange and macabre female monster, should be played by the same actress. Quite a contrast to the sweet and dainty Mary Shelley. We shot the prologue first, and it took only two or three days. Then I worked another week or ten days as the Monster’s Bride.
I think James Whale felt that if this beautiful and innocent Mary Shelley could write such a horror story as Frankenstein, then somewhere she must have had a fiend within, dominating a part of her thoughts and her spirit – like ectoplasm flowing out of her to activate a monster. In this delicate little thing was an unexploded atom bomb. My playing both parts cemented that idea.
Charles had the definite theory that very, very sweet women were tough bitches underneath, and he’d often say in semifun, „Don’t be frightened of Elsa if you find her too honest and she seems bitchy. She’s really, you know, very nice inside.“
Apart from the discomfort of the monster makeup and all the hissing and screaming I had to do, I enjoyed working on the film. I admired Whale’s directing and the waiting-for-something-to-happen atmosphere he was able to create around us. He and Jack Pierce, the makeup man, knew exactly what they wanted, so I didn’t have to do many makeup tests. They had Queen Nefertiti in mind for the form and structure of the Bride’s head.
I’ve often been asked how my hair was made to stand on end. Well, from the top of my head they made four tiny, tight braids. On these was anchored a wired horsehair cage about five inches high. Then my own hair was brushed over this structure, and two white hair pieces – one from the right temple and the other from the left cheekbone – were brushed onto the top.
I was bound in yards and yards of bandage most carefully wound by the studio nurse. I didn’t particularly want to be seen by anyone. Nor did Boris Karloff. We weren’t trying to be secretive. We just didn’t want to be stared at. Poor Boris Karloff! When he ate in the studio commissary, he would cover up his head and shoulders with a piece of butter muslin, lifting it quickly like a curtain to pop some food into his mouth.
Sometimes members of the cast would have tea. After all, many English actors were in the cast. I may have been seen drinking tea, but I drank as little liquid as possible. It was too much of an ordeal to go to the bathroom – all those bandages – and having to be accompanied by my dresser!
A word about the screams and that hissing sound I made to show my anger and terror when rebuffing my groom. Actually, I’ve always been fascinated by the sound that swans make. Regents Park in London has lots of them on the lake. Charles and I used to go and watch them very often. They’re really very nasty creatures, always hissing at you. So I used the memory of that hiss. The sound men, in one or two cases, ran the hisses and screams backward to add to the strangeness.
The poet Shelley had written that „poetry turns all things to loveliness; it exalts the beauty of that which is most beautiful, and it adds beauty to that which is most deformed.“ James Whale seemed to carry out this thought, giving his monsters spiritual beauty and pathos, over and above the horror.
Samuel Rosenberg observed that drownings ran throughout Mary Shelley’s lifetime. Her husband’s first wife, Harriet, having lost Percy to Mary, drowned herself in the Serpentine Lake in London’s Hyde Park. Mary tried „to drown herself in a ‚leap from the Putney Bridge into the Thames‘, but the voluminous air-entrapping garments … kept her afloat…“ Then „Shelley was drowned during a severe electrical storm while sailing in the Mediterranean.“ And then, in 1957, James Whale was found dead „under mysterious circumstances“ – floating in his large pool at the foot of his hillside garden behind his Brentwood home.
I read voraciously. Every book I ever bought, I have. I can’t throw it away. It’s physically impossible to leave my hand! Some of them are in warehouses. I’ve got a library that I keep the ones I really really like. I look around my library some nights and I do these terrible things to myself – I count up the books and think, how long I might have to live and think, ‚F@#%k, I can’t read two-thirds of these books.‘ It overwhelms me with sadness. – David Bowie 2002
‚Heathen‘ is about knowing you’re dying. It’s a song to life, where I’m talking to life as a friend or lover. I virtually couldn’t change a word the moment I sung it into a tape recorder. – David Bowie 2002
What’s your favorite song you ever wrote and is there a particular reason it’s the favorite?
David Bowie: Right now I would say the song „Heathen“. It came pouring out one morning at the studio up in Woodstock. I had little or no control over it. It had me in tears as I sang it. It felt like it was being plucked from my very being. An epiphany of sorts. It seems to be a summation of some kind and I think will become a personal milestone of some sort to me. It contains for me a strong indication of how beautiful and wonderful life is and how I regret that I will have to relinquish my hold upon it.
„Ring Ring“ gehört nach 111 Jahren Überlegung zu meinen 111 Lieblingsvideos. Agnethas Outfit in dem Clip raubte mir den Schlaf. Schön auch die deutsche Version: „Auch bei mir reißt mal der Draht! Häng dich an den Apparat!“ Unter 14 07 03 kann man Agnetha und Anni-Frid dann anrufen. Juliet Forrest, Dead Men Don’t Wear Plaid: „You know how to dial, don’t you. You just put your finger in the hole and make tiny little circles.“ Khm. Phil Spector-Wall of Sound auf Schwedisch: Michael B. Tretow hatte die Idee, „to simply record the song’s backing track twice in order to achieve an orchestral sound. Changing the speed of the tape between the overdubs, making the instruments marginally out of tune, increased the effect.“ Agnetha, I had such a crush on her.
Lemmy Kilmister, Motörhead: „Ist das ein Scheiß? Ist das ein Scheiß? Agnetha! Anni-Frid! Großartige Songs. Schreib mal einen Song wie ‚Fernando‘!“ Pete Paphides, britischer Musikjournalist: „If you don’t like ABBA, you don’t like Pop.“ Und wenn du Pop nicht magst, wenn du einen großen Popsong nicht würdigen kannst, nehme ich dir auch nicht ab, daß du irgendwas von Led Zeppelin verstehst. Nichts Schlimmeres als idiotisch-prätentiöse „Rock-Puristen“, die glauben, auf eine Gruppe wie ABBA verächtlich herabschauen zu müssen. Lemmy wußte, daß Benny Andersson und Björn Ulvaeus perfekte Popsongs schrieben; er wußte, was für ein Wunderwerk ein Popsong sein kann, und alle, bis auf idiotisch-prätentiöse „Rock-Puristen“, wissen auch, wie tief Pop gehen kann. Joe Strummer, Ian McCulloch, Elvis Costello – bekennende ABBA-Fans.
In der BBC 4-Doku „The Joy of ABBA“ erinnert Orchesterdirigent Charles Hazlewood daran, daß „S.O.S.“ in d-Moll beginnt, „the saddest of all keys“. John Grant: „This is one of the greatest pieces of music ever made.“ John Lennon und Pete Townshend zählten „S.O.S.“ zu den größten Popsongs aller Zeiten. Grant: „Agnetha has that perfect understanding of the content of the song – the sadness in her voice! It’s just really… a beautiful thing.“
Grant nennt das, was ABBA machen, auch auf einem Song wie „Knowing Me, Knowing You“, Goth-Pop. ABBA waren eine einzigartige Mischung aus Glamour und tiefster Traurigkeit, incredibly cheerful – und oft verdammt dunkel.
Das Geheimnis der „Zauberstimmen aus dem schwedischen Märchenwald“ (Lemmy), „the beautiful alchemy that happened between Frida and Agnetha’s voices“ (Kim Wilde), diese unglaublich strahlenden Stimmen, die alles, was cheesy sein könnte, einfach transzendieren. Diese beiden Stimmen zusammen = a piece of heaven. Und strahlender als auf „Chiquitita (Spanish Version)“ – ist Gesang im Kosmos nicht vorgesehen. Schöner Kommentar zu ABBA auf YouTube: „Their melody purify the soul much love from Kigali Rwanda“.
Sexy und quirky – I mean, come on – und trotzdem, Agnethas Gesicht am Ende: die ganze ABBA-Geschichte in einem Moment.
„There is something spiritual about a great pop song“, sagt jemand in „The Joy of ABBA“. Kim Wilde: „That was their talent of making something very normal seem otherworldly.“
Als Benny Anni-Frid zum ersten Mal den Backing Track von „Dancing Queen“ vorspielt, beginnt sie zu weinen. „I was so moved by it.“ Bewegt von der Schönheit der Melodie, des Arrangements, von der Magie dieses Klangraums. Und die Texte: „The Winner Takes It All“ ist, wie Kim Wilde sagt, „one of the most painful songs to listen to“. In vielen ABBA-Songs geht es um „the difficulty of the human condition“. ABBA „have a pure joy to their music“ (Bono), und darunter liegt Melancholie, nordische Düsternis. Bei „The Visitors“ erkennen manche sogar eine an Joy Division erinnernde bleakness.
Spooky New Wave-Synthesizer, Anni-Frids mysteriöser Gesang, die indischen Linien der Melodie, Tomorrow Never Knows in tiefe Dunkelheit getaucht. Jemand hat zu „The Visitors“ auf YouTube geschrieben: „We had a radio station here that played this record for weeks without telling its listeners who the band was. They were getting dozens of calls a day raving about the song and requests that it be played again. Once the station finally announced that it was ABBA, the calls stopped. People are such idiots.“ – Zuerst scheint der Text noch ambivalent, geht es vielleicht um diffuse, paranoide Todesangst …? No. Aber um den sense of mystery des Songs zu bewahren, erklärte Björn erst sehr viel später, er habe tatsächlich an die Situation der Dissidenten in der Sowjetunion gedacht. But the song is more universal than that, of course. Von „Ring Ring“ bis hier: ABBA haben gezeigt, was Pop vermag.
I hear the doorbell ring and suddenly the panic takes me The sound so ominously tearing through the silence I cannot move, I’m standing Numb and frozen Among the things I love so dearly The books, the paintings and the furniture Help me The signal’s sounding once again and someone tries the door-knob None of my friends would be so stupidly impatient And they don’t dare to come here Anymore now But how I loved our secret meetings We talked and talked in quiet voices Smiling Now I hear them moving Muffled noises coming through the door I feel I’m Crackin‘ up Voices growing louder, irritation building And I’m close to fainting Crackin‘ up They must know by now I’m in here trembling In a terror evergrowing Crackin‘ up My whole world is falling, going crazy There is no escaping now, I’m Crackin‘ up These walls have witnessed all the anguish of humiliation And seen the hope of freedom glow in shining faces And now they’ve come to take me Come to break me And yet it isn’t unexpected I have been waiting for these visitors Help me