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Ultra-Dylan / Grandpa’s Apfelkuchen ins Gesicht

Bob Dylan, The Night We Called It A Day Video Screenshot.

SPIEGEL ONLINE Forum

05.01.2007

Kritischer Leser:

Dylan ist vermutlich ein Sonderfall. Auch biographisch. Als der Typ sich noch nicht als erweckter Christ verstand (…)

Christian Erdmann:

Geschätztester, ich muß es wiederholen: auf „Time Out Of Mind“, 1997, „Love And Theft“, 2001, und „Modern Times“, itzt, findest Du nicht die Spur von reborn-Christ-Genuschel, sondern einen älteren Mann in Hochform, den alten Mann und das Mehrgehtnicht. „Time Out Of Mind“ war Dylans Rückkehr als Ultra-Dylan, nach Jahren, in denen er seinen Weg und seine Stimme verloren hatte, dann zurück mit der Stimme von, öhm, Gott selbst, und mit Songs, die ewig weitergehen könnten, jeder einzelne, und mit Musikern, die mit allen Wassern gewaschen sind, ultracool, knochentrocken, die spielen anstrengungslos alles an die Wand.

Auf „Oh Mercy“ deutete sich das an, ging aber wieder verloren zwischendurch – das Echo der Gitarren, die leicht unheimliche Atmosphäre, die dabei entsteht, das Südstaaten-Element, das ganze New Orleans & Mississippi & Louisiana swampland voodoo-Zeug. Auf „Time Out Of Mind“ war es wieder da. „Love And Theft“ war musikalisch vielfältiger, alle möglichen Stilrichtungen mit viel Spaß aus dem Ärmel geschüttelt, jede Note, jeder Schlag sitzt. „Lonesome Day Blues“. Hölle. Das älteste Schema der Welt, und diese Musiker spielen es, als wäre es entweder soeben erfunden, oder als würden sie es in der Tat schon 100 Jahre spielen. Und Dylans Stimme obendrauf, auf all diesen Songs, knattert Zeile für Zeile, als müßte er schnell noch seine eigene „Ilias“ und seine eigene „Odyssee“ abliefern. Ich wäre mit dem Nobelpreis für Literatur an Dylan einverstanden. Jedenfalls kann niemand sonst halsbrecherische Zeilen wie diese

She’s looking into my eyes, she’s holding my hand
She’s looking into my eyes, she’s holding my hand
She says, „You can’t repeat the past.“ I say, „You can’t? What do you mean, you can’t? Of course you can.“ 

in einem ziemlich rasanten Song unterbringen („Summer Days“).

Und in einem Song wie „High Water“ findet sich zwischen all den apokalyptischen Untergangsbildern immer ein seltsamer absurder Humor, der mich an Buster-Keaton-Filme denken läßt. The book of life in jeder Zeile, und dann manchmal Zeilen, die sind wie, nun, wenn Kinder ins Buch des Lebens was Lustiges kritzeln und die Tintenkleckse machen.

Wie er im Song „Things Have Changed“ bei der Zeile „The next sixty seconds could be like an eternity“ diese kleine Lücke nach eterni- läßt und das -ty so müde nachschiebt, als hätte er die Ewigkeit gerade hinter sich.

„We recorded ‚Man In The Long Black Coat‘ and a peculiar change crept over the appearance of things. I had a feeling about it and so did he. The chord progression, the dominant chords and key changes give it the hypnotic effect right away – signal what the lyrics are about to do. The dread intro gives you the impression of a chronic rush. The production sounds deserted, like the intervals of the city have disappeared. It’s cut out from the abyss of blackness – visions of a maddened brain, a feeling of unreality – the heavy price of gold upon someone’s head. Nothing standing, even corruption is corrupt. Something menacing and terrible. The song came nearer and nearer – crowding itself into the smallest possible place. We didn’t even rehearse the song, we began working it out with visual cues. The lyrics try to tell you about someone whose body doesn’t belong to him. Someone who loved life but cannot live, and it rankles his soul that others should be able to live. Any other instrument on the track would have destroyed the magnetism. After we had completed a few takes of the song, Danny looked over to me as if to say, This is it. It was.“

Bob Dylan Ticket Konzert Hamburg 2002.

31.03.2011

Angemessen überirdisch war er dann bei der „Love & Theft“-Tour, 2002, als Charlie Sexton einer der beiden Gitarristen war, die Band einfach in Killerstimmung und Dylan genau so, wie man es in kühnsten Träumen erhofft. Theophanie, wie sie sein soll. Und am Ende ging er kurz vor uns, dem Publikum, in die Knie. Angeblich hatte er so eine Geste auf der Tour vorher noch nie gemacht. In mir ist so eine Stimme, die sagt, keep it like that. :)

Das ALLER-erste, was ich mal von ihm sah, war der Hut. In einem schwedischen Kino. Als Scorseses Kamera in „The Last Waltz“ runterschwebt für Dylan, „Forever Young / Baby Let Me Follow You Down“. Mit seinem Blick zu Robbie Robertson nach den ersten Zeilen hatte er mich. Ewiglich.


Gespräch zwischen Mister ray05 und mir im SPIEGEL ONLINE Forum. „Together Through Life“ von Bob Dylan war soeben erschienen. Mai 2009.

Christian Erdmann [Aljoscha der Idiot]:

Mit „Modern Times“ wurde ich auch nicht wirklich warm, aber warum dem Mann nach den beiden atemberaubenden Vorgängern – sowas wie „Time Out Of Mind“ und „Love & Theft“ muß gemeint gewesen sein, als es mal hieß, da wäre was aus dem Kopf von Zeus entsprungen – nicht auch einen kommerziellen Mega-Abräumer gönnen. „Together Through Life“ macht stellenweise einfach Gänsehaut, noch banaler kann ich es nicht sagen. Der einzige Nachteil, den „It’s All Good“ hat: daß es nicht noch eine Stunde so weitergeht, als Fahrt durch eine amerikanische Nacht, die, like life, den Rückweg vom Lost Highway sucht, währenddessen aber im panoramischen Überblick nicht auf die wunderbaren, Dylan-typischen bösartigen Streiche verzichten kann. Man sitzt mit idiotischem Grinsen auf dem Rücksitz, thinking: das ist so phantastisch, daß es fast lachhaft ist. Der Rolling Stone schrieb: „Dylan has never sounded as ravaged, pissed off and lusty.“

ray05:

Der Opener ist ganz offensichtlich Howlin‘ Wolfs „Who’s Been Talking“, manches erinnert an Tom Waits nachmittags um 5, viel an Dylan selber, logisch, der Rest macht eine ganz schmale Spur zu deutlich, dass es sich im rocking chair wunderbar plaudern lässt – aber geschenkt das alles. 

Den Rückweg vom Lost Highway hat der Meister schon mit „Time Out Of Mind“ generalstabsmässig vorbereitet, wobei zu jenem Zeitpunkt noch nicht hundertprozentig klar war, ob er letztlich nicht doch als störrisch-renitenter dirty old man der Zirkusmanegen enden könnte. Diese Ungewissheit hielt die Spannung aufrecht…

Christian Erdmann:

Oui oui. Ich meinte allerdings den Rückweg vom Lost Highway aus der „Together Through Life“-Perspektive selbst. :)

ray05:

Aber nun: Mit dieser neuen Platte hören wir Dylan den ganzen verdammten Verkehr seines Eingebundenseins einfach nochmal regeln, nun allerdings endgültig nicht mehr als Betroffener einer Welt der Heimsuchung und des zu Bannenden oder Einzuverleibenden oder Auszudrückenden, der Zeichen und Schatten an der Wand eben, sondern mit dem Here-I-Am-Sitting-So-What-Keep-a-Laugh-On-Your-Face-Gestus des glücklichen Heimkehrers, des Familienzusammenführers, der sich mit einem vernehmlichen HEY-YO in den Schaukelstuhl fallen lässt.

Christian Erdmann:

Nicht mehr betroffen, nicht mehr heimgesucht? Du meinst, die Löcher, die sich da ins Herz bohren, sind Autopilot-Abläufe und Dylan geht es ingesamt mehr um den sonic effect? Not sure about that. Man fragt sich immer noch, wieviele Zeilen aus, etwa, „Forgetful Heart“ immer noch an Sara gerichtet sein könnten: We loved with all the love that life can give, When you were there, you were the answer to my prayers.

Unherausfindbar, denn: was Dylan seit „Time Out Of Mind“ (wieder) gnadenlos gut beherrscht: er findet für einen Song einen Refrain wie

I feel a change comin‘ on
And the fourth part of the day’s already gone

Und um diesen Refrain baut er Strophen, die er im Prinzip endlos weiterbauen könnte, in denen er abwechselnd phantastische, vitriolische Wortspiele betreibt, Surrealismus mit präzisen Zustandsbeschreibungen durcheinanderwirbelt, UND einen Blick ins Innerste gewährt. Nur weiß man, und das ist Dylans Genie, nie genau, was was ist.

In den Liner Notes zum „Biograph“-Box Set sagt er ja zu „You’re A Big Girl Now“:

„Well I read that this was supposed to be about my wife. I wish somebody would ask me first before they go ahead and print stuff like that. I mean it couldn’t be about anybody else but my wife, right? … I don’t write confessional songs. Emotion’s got nothing to do with it. It only seems so, like it seems that Laurence Olivier is Hamlet.“

Großartig, oder? Natürlich schreibt Dylan kaum anderes als confessional songs, nur eben keine, die obvious sind. Was Dylan sich von Kerouac abgeguckt hat: das eigene Leben zum Mythos zu machen. Dylan hat nur eine ganz andere Methode dafür. In der japanischen Ästhetik gilt das waka-Gedicht als semantische Artikulierung, die aus einer nicht-zeitlichen Ausdehnung der assoziativen Verkettung von Worten oder einem Netzwerk von Bildern und Ideen besteht. Genauso funktioniert z.B. „Tangled Up In Blue“, genauso funktionieren seine Songs wieder seit „Time Out Of Mind“. Den schöpferischen Grund dieser vielstimmigen Fülle von Bedeutungen, Bildern, Ideen nennen die Japaner kokoro – die schöpferische Subjektivität. Äußerste Subjektivität. Im waka findet Selbstausdruck durch Naturbeschreibung statt. Dylan beschreibt sich, mit äußerster Subjektivität, in diesem Sturzbach von Bildern, auch wenn sie scheinbar gar nichts mit ihm zu tun haben, weil er seit „Time Out Of Mind“ sein kokoro wiedergefunden hat. :)

ray05:

Verbindendes Element und Zentrum der Autorität ist ausschliesslich Dylans Stimme, Grandpa’s raspelnde Einwürfe mit der gewohnten alten Flinte auf dem Schoß, Kinder und Enkel zu Füssen, gibt’s noch Apfelkuchen – ja, so what, isso. Denke trotzdem, da kommt noch was auf uns zu, später, die Flinte schiesst noch mal … aber jetzt: das lag eine Spur zuviel einfach alles auf der Hand …

Christian Erdmann:

Weiß nicht, ob einer, der „My Wife’s Home Town“ aufnimmt, mit HEY-YO im Schaukelstuhl schaukelt. :) Für mich hat diese Platte (again) mit Unterwegssein zu tun, was treibt und aufrecht hält, ist nach wie vor „This Dream Of You“, und wer die beißende Ironie des „It’s All Good“ nicht sieht, kriegt halt Grandpa’s Apfelkuchen ins Gesicht: Talk about me Babe / if you must / throw on the dirt / pile on the dust / I’d do the same thing / if I could / you know what they say / it’s all good. Chuckle chuckle at 2:45. Warum kann er nicht? Business down the road.

Dylans Mythos als Mystery Man ist verewigt, jetzt arbeitet er an etwas anderem: an der Rettung besagter amerikanischer Nacht, an der Rettung jenes Kosmos, durch den all diese Songs hallen, seine eigenen, die, die er in seinen Radiosendungen gespielt hat, er rettet diese Welt mit all diesen Charakteren, die ihm wahrer erscheinen als die zeitgenössischen mit ihrem Jahrmarkt der Zwergen-Eitelkeiten, und damit hat er ja nicht mal unrecht. Da gibt es den Jack White-Favoriten, das Sweetheart, ebenso noch wie die Frau, die über stuff more potent than a gypsy curse verfügt, und da gibt es vor allem den Dylan-Charakter selbst, der all das über Zeit und Raum hinweg zusammenhält. „Beyond Here Lies Nothin'“ könnte von Robert Mitchum in „Out Of The Past“ stammen, nur eben, daß The Past / Lost Highway immer wieder einholt: schon der nicht-zeitlichen Ausdehnung von Dylans Kunst wegen. :)

Jemand sagte, die Platte ist voll von Lyrics, die Dylan im Schlaf schreiben könnte. Aber sie ist auch wieder voll von

Well, now what’s the use in dreaming
You got better things to do
Dreams never did work for me, anyway
Even when they did come true

Einhalt gebietenden Wendungen, die den Autopilot widerlegen. Die Musik? Jemand sagte: soul fire + sexy apocalyptic carnival. Ich schließe mich an.

ray05:

Eigentlich ist es banal: Der Rezipient schließt von der Größe des Loches in seinem Herzen auf das Kaliber der Waffe des Künstlers. Ich halte Dylan für ein außerordentliches Geschütz, die Auswirkungen von „Time Out Of Mind“ kannst Du in meiner Herzgegend auch nach mehr als zehn Jahren noch buchstäblich abtasten. Vielleicht bin ich gerade deshalb wenig geneigt, dieser aktuellen Platte die Brust vorbehaltlos hinzuhalten – nur weil sie eben aktuell ist, vielleicht, oder weil sie von Dylan ist, vielleicht, sie könnte von Miles Davis im Grabe eingespielt worden sein, das änderte nichts -, sondern konstatiere mit der Erfahrung des Mannes, dem eine derartige Unbedingtheit der Kunstrezeption HEUTE kaum gut zu Gesicht stünde, erstmal die Perfektionierung von Methode.

Für mein Empfinden kann Dylan heute all jene Vorzüge, die Du mit Recht GENIAL nennst, die er sich von Gertrude Stein, Burroughs, Kerouac oder sonstwem ANEIGNETE und für seine Zwecke dienstbar machte, methodisch, ohne selbst mehr als notwendig INVOLVIERT zu sein, herstellen. Ich möchte sogar soweit gehen, die GENIALITÄT Dylans genau an dieser Fähigkeit zur endgültigen Etablierung einer DYLANMASCHINE festzumachen. Das klingt nun böse, und bringt mich freilich in heftigsten Konflikt mit heiligen Weltinnenräumen, die ich selbst im Widerspruch natürlich respektiere – trotzdem mag ich im Moment in Dylans Fall „schöpferische Subjektivität. ÄUSSERSTE Subjektivität“ – wie Du sagst – lediglich als METHODISCHEN Kern auffassen, den zu sehen, freizulegen und anzuwenden Dylan durchaus sitzend im Schaukelstuhl mit Apfelkuchen gelingen dürfte. Wir sind uns sicher einig, dass Dylan zurzeit eine Art Historisierung, Wiedererzählung all jener Mythen, Lieben, Figuren und Schlagschatten versucht; genau das meinte ich mit meinem Bild des Heimkehrers, die Kinder und Enkel zu Füßen. HEY-YO. Aber ich denke, Dylan wird uns bald nochmal richtig dicke Löcher verpassen …. :) 

Vermutlich würden uns mit der Zeit noch eine ganze Reihe weiterer Referenzsongs anderer Amerikaner einfallen, die Dylan im Sinne einer bewahrend-zeitbremsenden Kanonisierung benutzt, verkontextualisiert, eingliedert, in die Risse des Raumzeitkontinuums fugt; und mit der Zeit fallen uns auch die unterirdischen Gänge auf, die jeden Song des neuen Albums mit irgendeinem anderen des Dylanuniversums „vitriolisch“ verbinden.

Dankenswerterweise wurde auf „Tangled Up In Blue“ hingewiesen, die Platte „Blood On the Tracks“ ist jener Angelpunkt des Dylanwerkes, der einerseits die Motivation der Kehre „Slow Train Coming“ vorausdeutet, zum anderen den Schlüssel zur Enträtselung der von Dylan selbst gespielten Aussenseiterfigur in „Pat Garrett & Billy the Kid“ – die er schlichtweg selbst ist – liefert.

Und dann: Die Zeit des Dylankosmos läuft seit „Blood/Tracks“ rückwärts und sukzessive verlangsamt, mit „Time Out Of Mind“ als komplett statischem Fluchtpunkt. Seitdem ist es nicht mehr dasselbe dylaneske Unterwegssein als kathartischem Auferlegtsein incl. einzig möglichem Weg nach draussen – der Mystery Man, der keine Alibis verkauft -, es sind nicht mehr dieselben rätselhaften Wendungen mit quietschenden Reifen, es ist all das und vermutlich noch viel mehr, allerdings wohlarrangiert als Déjavu in einem Sittengemälde namens „Dylans Americana.“

Klar, die Musik ist sexy und sonstwas, eben bilderbuchhaft amerikanisch; apokalyptisch? Nö. Karneval? Zydeco-Neworleans ist dabei, sure.

Christian Erdmann:

Point taken. „Time Out Of Mind“, Pièce de résistance der Dylan-Neuzeit, der Referenzpunkt, der die Essenz definiert, für mich zufällig am Ende eines (schreibe das Wort errötend) Schicksalskreises, funktionierte bei mir damals so, als wäre ich der Charakter in „Tangled Up In Blue“ und er die rothaarige Frau:

Then she opened up a book of poems / And handed it to me / Written by an Italian poet / From the thirteenth century / And every one of them words rang true / And glowed like burnin‘ coal / Pourin‘ off of every page.

Hinzu kam, daß kurz zuvor mein Vater gestorben war. Kurz, nachdem „Modern Times“ bei mir anlangte, starb meine Mutter. Zuletzt kamen Dylan-Platten in schmerzlichen Phasen, wo die schwingende Sichel auch Tod eines alten Selbst forderte. Die neue Platte hat in dieser Hinsicht frei. „I’m motherless, fatherless“ („Shake Shake Mama“).


Und die Platte dazwischen, auf der er sang „I wish my mother was still alive“ (in „Lonesome Day Blues“) – ? Das ist es ja eben: „Blood On The Tracks“ ist kanonisiert als die ultimative „separation“-Platte. Aber sie ist vielleicht viel mehr „methodisch“ (in Deinem Sinne) als gedacht. 2001 sagte Dylan nämlich genau über „Love & Theft“:

„I’ve never recorded an album with more autobiographical songs. This is the way I really feel about things. It’s not me dragging around a bottle of absinthe and coming up with Baudelairian poems. It’s me using everything I know to be true.“

Und weiter hieß es:

Asked about the Lonesome Day Blues line, he declines to discuss her death last year, except to say, „Even to talk about my mother just breaks me up.“

Insofern wäre ich nach wie vor vorsichtig mit der Beantwortung der Frage, where Dylan does what. Point taken auch zu „Dylans Americana“, ist schon richtig und alles sehr schön formuliert von Dir, aber er steckt einfach von Anfang an zu tief in all dem drin und will da auch nicht raus. Es geht nicht um Folk, Blues, irgendein Genre. Was Dylan an den „oldtimers“, wie er in den „Chronicles“ schreibt, immer bewundert hat, ist ihre „chilling precision“. Und die zu erreichen, ist keine kleine Sache, frag Flaubert. Und nach der strebt auch Dylan nach wie vor, seit „Time Out Of Mind“ vielleicht wie nie zuvor; „using everything“, um auszudrücken, „how he feels about things“. Richtig mag aber sein, daß die dichterische Präzision schon längst nicht mehr nur rein gegenwärtigen Erfahrungen gilt.

ray05:

So, tonight’s the night: No Direction Home – Bob Dylan von Martin Scorsese [2005]. Doppel-DVD. 204 Minuten Spielzeit. Nie gesehen bislang, mal schauen, wie weit ich heute damit komme …

„Martin Scorsese schaffte tatsächlich ein kleines Meisterwerk. Auswahl, Schnitt, Rhythmus und Distanzgefühl waren seine wichtigsten Werkzeuge. Und so wurde der Film eben nicht nur eine Hommage an Bob Dylan, sondern auch ein phantastisches Stück bildhafter Kulturgeschichte. Und wenn nach diesem Film noch jemand der Meinung ist, Dylan könne nicht singen, sei kein Poet und kein originaler Musiker, dann muss es sich um einen Kunstbanausen handeln,“ meint Herr Fuchs auf amazon. :)

Christian Erdmann:

Sehr guter Film. Wirklich großartig, was der Rezensent da „bildhafte Kulturgeschichte“ nennt, sprich, die Art, wie Scorsese Zeitdokumente einspielt. Das erste, was mir gerade einfällt, weil es mir als erstes die Haare aufstellte: Odetta, so nach einer Viertelstunde etwa, kurz nachdem Dylan erzählt, was für eine Haltung ihm Folk vermittelte gegenüber Institutionen und Ideologien.


Der erste Film, den ich je auf Video aufnahm, war übrigens Dylans „Renaldo & Clara“. :)

ray05:

Mann-o-mann, Tuschkin; das ist genau DIE Stelle, bei der ich gestern abend nicht mehr weiterschauen konnte, den Film stoppen musste. Es sind Allen Ginsbergs bewegte Pausen, die so erschüttern, diese Zeitlöcher; sein Überwältigtsein von der erlebten Wahrheit, dass mit Dylan DIE – nicht irgendeine – „Botschaft an die nächste Generation weitergegeben wurde“. 

Zehn Minuten zuvor meinte Dylan: „Ich musste die Songs so schreiben; in einer Sprache, die ich niemals zuvor gehört hatte.“ Dann sagte einer: „Die Songs hatten eindeutig mit unserem Leben heute zu tun, aber gleichzeitig schienen sie 200 Jahre alt zu sein.“

Kämpfen musste ich dann schon, als Mavis Staples von der schwarzen Gospelgruppe Staple Singers sagte: „Wie konnte es sein, dass ein 20jähriger Weisser sang: Durch wieviele Straßen muss ein Mann gehen, bis er Mann genannt werden kann … Das ist es doch, was mein VATER erlebte; ER war es doch, den man nie als Mann bezeichnete. Dylans Lieder waren inspirierend wie beim Gospel, was er schrieb, war wahr.“


Anhang:

IsArenas:

Hallo Aljoscha! Und er macht einen poltischen Anspruch in seinen Texten geltend, den er irgendwann vor bald 30 Jahren schon in Frage stellte (…)

Christian Erdmann:

Hallo, die Reduktion auf „politischen Anspruch“, „Protestsänger“, „Revolution“ etc stellte er selbst doch schon viel früher in Frage. 

– Wie viele von den Leuten, die sich wie Sie im gleichen musikalischen Bereich abplagen, sind Protestsänger? Leute, die den Song dazu benutzen, um gegen die Gesellschaft zu protestieren, in der wir leben. Sind es viele?
– Yeah, Sie können sagen, 136. 
– Sie meinen exakt 136?
– Naja, gut, es mögen 132 sein.
– Können Sie mir einige davon nennen?
– Protest? Oh… Sie wollen nur Sänger?
– Yeah, geben sie mir ihre Namen. Wer sind Sie?
– Na ja, hm… ich werde mal anfangen…
– Wie ist es mit Barry McGuire? Ist er einer?
– Nein, nein…
– Was ist er?
– Er, er ist so ne Art von Mittelwestler und … (unverständlich) … bestätigt jedem, daß McGuire ein Protestsänger war, daß er wirklich ein Protestsänger zu sein hatte…
– Was bedeutet Ihrer Meinung nach das Wort „Protest“?
– Für mich? Es bedeutet… singen, wenn ich nicht singen will.
– Was?
– Es bedeutet, gegen deinen Willen singen zu müssen.
– Sie singen gegen Ihren Willen zu singen?
– Nein, nein.
– Singen Sie Protestsongs?
– Nein.

– Bevorzugen Sie Songs mit einer unterschwelligen oder einer direkten Botschaft?
– Mit was?
– Eine unterschwellige oder direkte Botschaft?
– Oh, ich mag solche Songs wirklich überhaupt nicht. Botschaft? Wie meinen Sie das? Welcher Song hat eine Botschaft?
– Naja, „Eve Of Destruction“ und solche Songs.
– Die ziehe ich welchen vor?
– Ich weiß nicht, Ihre Songs scheinen eine unterschwellige Botschaft zu haben.
– Unterschwellige Botschaft!?
– Na ja, sie klingen danach!
– Wo haben Sie das gehört?
– In einem Filmmagazin.
– O mein Gott! (Lacht) O mein Gott! Na ja. Wir wollen’s lassen. Wir wollen diese Dinge hier nicht diskutieren.

– Haben Sie den Begriff „Folk-Rock“ erfunden?
– Sicher. Ich saß an einem Tag so rum und sagte: „Folk-Rock.“

– Nehmen Sie an den neuen Sachen teil? Sexuelle Freiheit und auch…
– Ich nehme an keiner Sache teil! (Lacht) Überhaupt nicht! Ich wette, Sie können nicht eine Sache nennen, an der ich teilhabe! Hauen Sie ab, ich warne Sie! (Lacht)
(1965)

Bzw. auch sein Satz zu „Auf welcher Seite stehst du“ – : „Ich meine, auf welcher Seite kann man denn stehen?“

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David Bowie – Fantastic Voyage

[Ereigniskarte IV]

David Bowie reading a book.

„Lodger“: Avantgarde, die so tut, als wäre sie Pop, voller seltsamer Texturen, phantastisch inkohärent und relentlessly odd. Einige Songs („African Night Flight“, „Move On“, „Red Sails“) handeln vom Unterwegssein, aber so, als würde man ölfarbverschmierte Postkarten erhalten von einem, der schneller als die Post ist. Wir sind alle nur durchgängerisch hier. Andere Songs handeln vom Nichtweggehenwollen (-> „Look Back In Anger“, oder „Yassassin“: „You want to fight / But I don’t want to leave“). Für „Red Money“ verwendet Bowie den backing track des ersten Songs seiner Kollaboration mit Iggy Pop („Sister Midnight“), mitten im Text diese Szene:

I was really feeling good
Reet Petite and how d’ya do
Then I got the small red box
And I didn’t know what to do
‚cause my fingers could not grope
And I could not give it away
And I knew I must not drop it
Stop it, take it away

In einem Interview sagt Bowie, er habe entdeckt, daß er in seinen Gemälden immer wieder rote Kästen male, und erkannt, daß sie irgend etwas Bedeutendes symbolisieren müssen: „This song, I think, is about responsibility. Red boxes keep cropping up in my paintings and they represent responsibility.“

Mehr als zwei Dekaden später läßt David Lynch in „Mulholland Drive“ Betty Elms in ihrer Tasche eine mysteriöse blue box finden. Es wird behauptet – I don’t know -, dies sei ein Lacan-Zitat: 

„Suppose you’re dreaming about yourself disguised as your desired self / other and you open a box with a key to find only darkness, your dream will collapse, and you’ll wake up to find your real self. That’s the situation as it occurs in dreams. But when you’re not dreaming, and you open that same box, your psychosis has just killed you.“

Bei eigentlich allen Bowie-Songs versteht man auch beim tausendsten Hören nicht ganz, was sie so großartig macht, man weiß nur, außer Bowie hätte niemand sonst einen Schimmer, wie man sie so großartig macht. „Lodger“ wirkt zugänglich, man freut sich über die Einladung, und am Ende läuft man darin herum wie in einem Lynch-Film. „Fantastic Voyage“ ist ein eher trügerischer erster Song. 

„We’re learning to live with somebody’s depression / And I don’t want to live with somebody’s depression“. „Fantastic Voyage“ reagiert pissed off darauf, daß man in Zeiten atomarer Aufrüstung von Narren regiert wird und unser Hiersein von der Willkür ihrer Launen abhängt. Leben unter nuklearer Bedrohung an einem lächerlich seidenen Faden, das Gefühl der Machtlosigkeit und die Angst davor, daß die menschliche Existenz, this fantastic voyage, ein sinnlos abruptes Ende findet, eben: daß die Auslöschung allen Lebens („They wipe out an entire race“) von somebody’s depression abhängen könnte. Auswirkungen apokalyptischen Ausmaßes durch pathologische Unvernunft von Macht- und Befehlshabern. (Iggy Pop drei Jahre später in „Watching The News“: „The President today announced that he’s pushing all the buttons in a giggling fit.“)

„Fantastic Voyage“ handelt von Unterwegssein und Nichtweggehenwollen zugleich und ist geradezu humanistisches Manifest, in dem das schöpferische Individuum den Wert des Lebens selbst verteidigt gegen politisch instrumentalisierbare Werte (dignity, loyalty), die im globalen Machtkampf destruktive Kraft entwickeln. Depression kann jeden ereilen, hier aber steht das Wort depression im Kontext einer glasklaren Erkenntnis: es geht im Weltschlamassel nicht um einen clash zwischen Kulturen oder Zivilisationen. Es geht um einen clash zwischen denen, die das Leben lieben, und denen, die das Leben nicht lieben.

„And the wrong words make you listen in this criminal world“ und „I’ll never say anything nice again, how can I“ sind für jeden Erdbewohner mit nicht völlig zersetztem Zerebrum zwei der -zig besten Bowie-Zeilen. Ob sich in „Fantastic Voyage“ der Einfluß der Freunde aus der Berliner linken Szene bemerkbar macht oder Bowie sein rotes Kästchen responsibility in der Hand hält, „Lodger“, dieses immer irgendwie im Schatten (von „Low“ und „Heroes“) gebliebene Bowie-Album, für Adrian Belew mittlerweile „the greatest thing Bowie has given to the world“, beginnt mit einem unerwarteten Schub ins Irdische. Einerseits. Andererseits gleitet „Fantastic Voyage“ ungreifbar überirdisch dahin. Bowies Realität ist noch lange nicht die Realität von, sagen wir, Coldplay. Das Arrangement nur dieses einen Songs und die Art, wie Bowie ihn singt, machen hinlänglich deutlich, daß Bowie jeden Kontakt mit Coldplay ablehnen muß. (-> „It’s not a very good song, is it?“)

Albumcover und Albumtitel scheinen eine Verbindung zu Polanskis „Der Mieter“ herzustellen, remember it’s true: nach ihrer allerersten Begegnung in den Büroräumen von Essex Music, 1967, gingen Bowie und Tony Visconti in ein Kino, um sich Polanskis „Das Messer im Wasser“ anzusehen. 

Zu allem anderen besitzt „Fantastic Voyage“ auch noch den Charme eines Arrangements für Mandolinen, die man dann quasi gar nicht hört. Bowie schickte seinen Fahrer kreuz und quer durch Montreux, um Mandolinen aufzutreiben, drei Mandolinen werden schließlich von Tony Visconti, Simon House und Adrian Belew gespielt, jede auf drei Spuren, macht zusammen eigentlich neun Mandolinen, die dann im Mix nur noch als schimmernder drone im Hintergrund erscheinen, über Kopfhörer gerade noch als Mandolinen wahrnehmbar. Das muß man alles auch erstmal so machen.

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David Bowie – Heimweh nach der Zukunft

[Ereigniskarte III]

David Bowie in "The Man Who Fell To Earth" ("Der Mann, der vom Himmel fiel"), Regie Nicolas Roeg, 1976.

„Station To Station“, „Low“, „Heroes“: Benjamins Engel der Geschichte, der auf das starrt, wovon er sich entfernt, während „ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft…“, und er klingt wie Bowies „Speed Of Life“. Bowie sagte einmal, er habe immer eine Art Heimweh nach der Zukunft verspürt. Das beinhaltet die Vorstellung, daß die Zukunft dich schon kennt. Daß Dinge aus der Zukunft in der Gegenwart Zeichen geben. SO DEEP IN YOUR ROOM YOU NEVER LEAVE YOUR ROOM SOMETHING DEEP INSIDE OF ME YEARNING DEEP INSIDE OF ME. „Low“, „Heroes“, „The Idiot“, „Lust For Life“, vier Sterne als Sternbild, ähnlich wichtig für mich wie der Große Wagen für phönizische Seefahrer.

Mehr zu „Station To Station“, „Low“ und „Heroes“ -> hier. „Sound And Vision“ handelt von totalem Rückzug, drifting into my solitude, waiting for the gift. Wenn man so will, und ich wollte immer, ist der bezaubernde 8-Sekunden-Cameo-Auftritt von Mary Hopkin ein Lebenszeichen der Muse, der Anima, der Sphinx. „Katharsis eher; Entfremdung und Depression, aber auch genau der Weg hinaus.“ – „Sound And Vision“ ist, als könne man, umgeben von unauslotbarer Dunkelheit, der Kristallisation von Schönheit zusehen.

„Low“, das Album, war seiner Zeit so voraus, daß es praktisch jeder Zeit voraus ist, und darin jederzeit zeitlos. Wie oft man „Low“ auch hört, man hat immer das Gefühl, nie etwas Vergleichbares gehört zu haben. 

Seite 1: Expressionistische Fragmente, angst ridden, klaustrophobisch und in futuristischer Verzerrung, zugleich in fiebriger Euphorie irgendeiner Bestimmung auf den Fersen und darin unfaßbar tröstlich und uplifting.

„Aljoscha der Idiot“, Kapitel 17: „Oleg war ein freundlicher Skeptiker, der sich für gewöhnlich wohlwollende Zurückhaltung im Urteil auferlegte und ganz aus Besonnenheit bestand, manchen Phänomenen aber völlig rückhaltlos den Status ‚Wunder‘ zusprach, etwa der LP Low von David Bowie, der Oleg mit numinoser Scheu begegnete.“

Tatsächlich hatte es mich beeindruckt, wie dieser scheinbar so wohltemperierte Mensch einmal über die ersten beiden Platten der Psychedelic Furs gesagt hatte: „Zwei Meisterwerke.“ Über „Low“ hat sich Oleg nie geäußert. Ich habe, so much for Dichtung und Wahrheit, meine eigene Verehrung in diese Szene geschmuggelt.

Tony Visconti bringt für die Aufnahmen einen Eventide Harmonizer mit. Als Bowie und Eno ihn fragen, was der H910 so tut, antwortet Visconti: „It fucks with the fabric of time.“ Nicht zuletzt der Klang der Snare von Dennis Davis auf „Low“ („like an explosion contained in a tin can“, pitchfork.com) verdankt sich diesem Wunderteil.

Cut: „Outside“, 1995, der Song „Segue: Nathan Adler (1)“, Bowie erzählt mit der Stimme von Nathan Adler, daß Leon Blank mit einer Machete „a zero in the fabric of time itself“ schnitt.

Fucking with the fabric of time, Einstiche / Einschnitte vornehmen in Gefüge und Textur der Zeit. „Station To Station“, „Low“, „Heroes“ – die eigentliche „Trilogie“ in Bowies Werk, eine Trilogie vom Beschwören des Unausweichlichen. Was nichts anderes bedeutet als: Bewußtseinszustände vermischen sich mit der realen Welt, aber nicht in der Psyche des Protagonisten, sondern in der Echtzeit. Das ist das Verblüffende. Daß man auf diese Weise ein ganz neues Leben beginnen kann, Jesus. Rekonstruktion des Selbst durch magischen Realismus. „A New Career In A New Town“.

„The only heroic act one can fucking well pull out of the bag in a situation like that is to get on with life from the very simple pleasure of remaining alive, despite every attempt being made to kill you.“ (Bowie, Oktober 1977)

„Talking through the gloom“ (in „What In The World“), von Isolation zu Isolation („so deep in your room“), ist schon Anrede an das (die) Kommende, noch Verborgene: wenn man so will, und ich wollte immer, ist „You’re just a little girl with grey eyes“ die Muse, die Anima, die Sphinx, auch wenn man von der Bedeutung des gerade Gesagten noch keinen Funken versteht. Musikalisch ist „What In The World“ ein irrwitziger, überschnappender Tumult, bei dem passenderweise Iggy Pop backing vocals beisteuert, als würde er bei 37000 km/h aus dem Fenster eines Raumschiffs rufen, und bei dem überhaupt nur der Bass von George Murray bei klarem Verstand ist.

„Be My Wife“ ist eins meiner liebsten Bowie-Videos. Schmerz, Verlassenheit, Traurigkeit, die sich zu Tode weinen möchte, jenseits von Gut und Böse, eine verletzte, gebrochene Seele; zugleich so particularly glum und weird, daß es komisch ist, auch für den Interpreten selbst, voller fuck it-Szenen, als wäre es die Anstrengung nicht wert, wo-bin-ich-und-wie-komme-ich-hierher-Miene, man ahnt, wie mutig Bowie in „Be My Wife“ Gefühle teilt, und doch bleibt die Mitteilung unlesbar, kryptisch.

Cool, berührend und scary zugleich.
Letzte Anstrengung, eine Ehe zu retten, unironische Bitte? Ein Liebeslied, das am Liebeslied zweifelt? Umwandlung genuiner Angst in Sehnsucht und Zukunftshoffnung? Die Band will Bowie große Gesten abverlangen, der im Video dann aber lieber ganz und gar verstummen möchte.

Tatsächlich ist das Video auch Tribut an einen Stummfilmstar, den Bowie bewundert, Buster Keaton. Während der Dreharbeiten zu „The Man Who Fell To Earth“ studiert Bowie Buster Keaton-Biographien, plant angeblich sogar einen Film über Keaton. Die Ernsthaftigkeit der Lyrics von „Be My Wife“ kontrastiert Bowie im Video mit einer Art Keaton-auf-LSD-Verkörperung.

David Bowie, Buster Keaton.

Im April 1976, als Bowie und Iggy Pop sich auf der Reise von Zürich nach Moskau befinden, bleibt ihr Zug für einige Stunden in einem Warschauer Bahnhof stehen. Bowie macht einen Spaziergang durch den Zoliborz-Distrikt und erwirbt ein paar Platten des Folk & Tanz-Ensembles Śląsk. Der Gesang auf einem Stück namens „Helokanie“ muß Bowie sehr beeindruckt haben, ein entferntes Echo davon findet sich auf „Warszawa“. 

Die erfundene Sprache, die Bowie auf „Warszawa“ und „Subterraneans“ singt, klingt wie die Sprache einer untergegangenen Zeit. Die vier Stücke auf Seite 2 von „Low“ sind Seelenlandschaft als lichtlose Stadt, Streifzüge durch kalte andere Seiten, und doch erhebt sich Bowies Stimme voller Hoffnung. Vorerst vollkommen private Sprache, die den dunklen Bann bricht. Ultimativ autistische Geste, die plötzlich universelle Kraft annimmt, das Universum öffnet. Ein Ruf in hermetischer Sprache, der einen tanzenden Stern an den Himmel setzt.

„The only hold over from the proposed soundtrack [für „The Man Who Fell To Earth“] that I actually used was the reverse bass part in Subterraneans. Everything else was written for Low.“

SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – was ist großes Kino?“

29.05.2006

Gwynplaine:

Nicolas Roeg hat übrigens auch diesen abgefahrenen Science Fiction Film „The Man Who Fell To Earth“ mit David Bowie in der Hauptrolle gedreht. Hat den mal jemand gesehen?

Christian Erdmann:

12mal (grobe Schätzung).
Ich kann mich sogar rühmen, mal „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ gesehen zu haben, jenen Film, über dessen Qualität Bowie mal sagte: „Meine 32 Elvis-Presley-Filme in einem“, und der rasch von allen Beteiligten offensiv vergessen wurde.
Ich liebe den Roeg-Film, und mir ist auch egal, ob Bowie sich da in einer seiner allerbesten musikalischen Phasen („Station To Station“ / „Low“), psychisch indes schwer angeschlagen, vornehmlich selbst spielt. Zumindest ist das einer der Filme, die mit einem anderen Schauspieler eigentlich ohnehin undenkbar gewesen wären.

David Bowie, 1976.

Alles, was ich tun konnte, sagt Nicolas Roeg über Bowie in „The Man Who Fell To Earth“, war: stop myself from trying to influence him.

Ich würde gar nicht mehr darauf schwören, daß „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ so schlecht war, jedenfalls ging ich ins Streits-Kino allein und mit Tarnkappe, nicht wegen Marlene Dietrich, sondern strictly wegen Bowie. So wie „Boys Keep Swinging“ auch eine der wenigen Singles war, die ich besitzen mußte. Auf „Lodger“ nannte Bowie das Leben Fantastic Voyage und sollte mir eine tiefere Wahrheit begegnen, lasse ich es wissen. Auf „Look Back In Anger“ läßt ein Engel wissen, daß es Zeit ist zu gehen.

„You know who I am,“ he said 
The speaker was an angel
He coughed and shook his crumpled wings 
Closed his eyes and moved his lips 
„It’s time we should be going.“
(Waiting so long, I’ve been waiting so, waiting so)
„Look back in anger, driven by the night, till you come.“
(Waiting so long, I’ve been waiting so, waiting so) 
„Look back in anger, see it in my eyes, till you come.“
No one seemed to hear him
So he leafed through a magazine
And, yawning, rubbed the sleep away
Very sane he seemed to me
 
Im Video malt Bowie sich selbst als Engel, später fangen Gesicht, Gemälde und Spiegelbild sozusagen an, ihr Selbst zu tauschen. Ein Song über den Tod als Tod des alten Selbst – oder darüber, daß der Engel eben noch warten muß. Carlos Alomar beschließt, sein Solo zu einem wtf-Rhythmusgitarrensolo zu machen, Dennis Davis am Schlagzeug im horror vacui füllt jeden erreichbaren Raum mit irgendwas, „Lodger“ ist ein Album voller im Bowie-Kanon unterschätzter Experimente und „Look Back In Anger“, ein eher nicht so prominenter Song, für mich das Juwel. Bowies akrobatische Vocals über sheer force am Rande der Unbeherrschbarkeit, WAITING SO LONG, I’VE BEEN WAITING SO, WAITING SO einer der schönsten Chorusse in der an Chorusschönheit nicht armen Songgeschichte Bowies.

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David Bowie – From Kether to Malkuth

[Ereigniskarte II]

David Bowie, Thin White Duke, Station To Station.

Ziemlich bald nach „Aladdin Sane“ besaß ich die LP „Images“, auf der Bowies prä-„Space Oddity“-Aufnahmen für das Deram-Label versammelt waren, alle Songs auf dem Cover mit bunter Zeichnung illustriert. „The Laughing Gnome“ und der Friedhofsmonolog von „Please Mr. Gravedigger“, Duett für verschnupfte Stimme und sound effects, dazwischen eine Anthologie wunderlicher Charaktere, seltsam old-fashioned anmutend, Bowies Old Curiosity Shop, aber mit Bildern, die mich nicht mehr losließen, wie das schöne einsame Mannequin aus „Maid Of Bond Street“:

This girl is a lonely girl
Takes the train from Paddington to Oxford Circus
Buys the Daily News
But passengers don’t smile at her, oh no, don’t smile at her.

Oder die little backward steps aus „Sell Me A Coat“:

A winter’s day, a bitter snowflake on my face
My summer girl takes little backward steps away

Bowies Method Acting als mädchenmörderischer Grabschaufler war nicht gerade Erbauungsliteratur, aber extrem beeindruckend. Ich schulte daran mein Cockney-Englisch und trug in der 8. oder 9. Klasse Passagen aus „Please Mr. Gravedigger“ in den Pausen vor. Half meinem Ruf als liebenswürdig aber spooky ganz ungemein.

Mikro-Epen von schräger Theatralik, die durch alle Ritzen fielen, charmant bis faszinierend bis wunderschön. (Bis unwiderstehlich: „In The Heat Of The Morning“, 2008 von Alex Turner folgerichtig für The Last Shadow Puppets gekapert.) Themen, die wiederkehren würden: gender-Verwirrung („She’s Got Medals“), messianische Figuren in apokalyptischen Szenarien („We Are Hungry Men“), spirituelle Suche: zwei Songs („Silly Boy Blue“, „Karma Man“) künden von Bowies Interesse an Tibetanischem Buddhismus. Harrers „Seven Years in Tibet“ hatte er im Anschluß an Kerouacs „The Dharma Bums“ schon als Teenager verschlungen. Bowie verstand Buddhismus als „a process of self-discovery, of discovering the truth for oneself.“ – „Silly Boy Blue“ ist auf einfache Weise fremdartig schön, und Bowie singt Zeilen wie „Yak butter statues that melt in the sun“ vollkommen unbeirrt und absolutely gorgeous.

And I’m floating in a most peculiar way
And the stars look very different today
For here am I sitting in a tin can
Far above the world
Planet Earth is blue
And there’s nothing I can do

Bowie schreibt „Space Oddity“ um Weihnachten 1968. Apollo 8 erreicht am 24. Dezember die Mondumlaufbahn, Astronaut Anders macht mit einer Hasselblad 500 das -> Earthrise-Foto – die Erde, kalt und blau und allein.

Natürlich sieht Bowie Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ im Sommer 1968 x-mal. Irgendwann in dieser Zeit „a flirtation with smack“. Die Actrice mit dem preziösen, geradezu vernunftwidrigen Pseudonym Hermione Farthingale beendet die turbulente Liebesbeziehung mit Bowie. Einen Tag danach entsteht die erste Version von „Space Oddity“. Mirakulös, wie Bowie es schafft, bei all der Komplexität und all den Akkordwechseln des Songs die Leere und Stille des Weltraums zum Basiseffekt der Musik zu machen.

David Bowie, Thin White Duke.

SPIEGEL ONLINE Forum „Elvis – Immer noch der King?“

August 2008

eigentlicher_Schwan:

… aber der Einfluss von Bowie geht so weit, …

Christian Erdmann:

„There is old wave, there is new wave, and there is David Bowie“, sagte schon Aischylos. Endlich mal ein Bowie-Rühmer. Zum Haarölpieseln, wie der Mann in der Regel aus den falschen Gründen gerühmt oder gleich ganz ignoriert wird. Was ist das nur für eine Welt. Sterndeuter anwesend? Bowie und Elvis haben beide am 8. Januar Geburtstag. Gute Ecke da: Scott Walker und Jimmy Page 9. Januar, Blixa Bargeld 12. Januar. Ziemlich revolutionäres Potential beim angeblich so conservativen Capricorn.

eigentlicher_Schwan:

Endlich mal jemand, der mir zustimmt, nicht widerspricht!
Ich glaube das Älterwerden ist anstrengend für einen Popstar. Bowie hat es super gelöst, könnte man meinen…

Christian Erdmann:

Vielleicht, weil er sich nie als Popstar verstanden hat? Das wäre ja eben einer der falschen Gründe. Stunning looks, Bisexualität, Ziggy Stardust, alles geschenkt, kommt nur eben so ein Film wie „Velvet Goldmine“ dabei raus. Guter Film vielleicht, hat nur letztlich wenig mit Bowie (oder Iggy) zu tun. Und wenn man weiß, wo „Low“ herkam, – dagegen produziert die Gothicfraktion das muntere Geschnatter von Internatsschülerinnen. – Sicher konnte Bowie ja immer beides zugleich, im Abgrund sein und Drüberstehen, sicher konnte er mit allem immer auch spielen, aber am besten war er ja immer dann, wenn soul searching und Sinnsuche sein Großmeistertum übernahmen, „Station To Station“ zB, von Manierismus ist das alles ziemlich weit entfernt.

eigentlicher_Schwan:

Ja, vielleicht. Etwa so wie ich meinte, er wäre viel souveräner als Elvis.
„Station To Station“ liegt bei mir seit vielen Jahren rum, wenig gehört. Vielleicht liegt’s daran, dass ich zu der Zeit dann doch eher Kraftwerk oder Brian Eno gehört habe.

Memo: Finde soul searching im Frühwerk!

Christian Erdmann:

Bei „Word On A Wing“ beginnen, über „Quicksand“ gehen, Ereigniskarte ziehen: „Lady Grinning Soul“, eigentlich immer schon mein Favorit von „Aladdin Sane“ (neben „Aladdin Sane“ selbst), erschien auch gerade auf einer UK-Kompilation, die Bowie selbst zusammengestellt hat, seine eigenen favourites also. Darauf ist auch „Some Are“, ein Track, der während der Arbeit zu „Low“ entstand, „Desolation Row“ in vier Zeilen, von einem Berliner Fenster aus.

eigentlicher_Schwan:

Bei „Word On A Wing“ beginnen, über „Quicksand“ gehen, Ereigniskarte ziehen… 

Ich seh schon, das ist die Glückskarte! Ein echter Bowie-Kenner! Thx!
„Aladdin Sane“ hatte meine große Schwester, das war wohl meine Küchenschrankkante… :-)

Christian Erdmann:

Verstehe.

„The cries of wolves in the background are sounds that you might not pick up on immediately. Unless you’re a wolf.“  – Bowie

I’m closer to the Golden Dawn
Immersed in Crowley’s uniform of imagery
I’m living in a silent film
Portraying Himmler’s sacred realm of dream reality
I’m frightened by the total goal
I’m drawing to the ragged hole
And I ain’t got the power anymore
No I ain’t got the power anymore

I’m the twisted name on Garbo’s eyes
Living proof of Churchill’s lies
I’m destiny
I’m torn between the light and dark
Where others see their target
Divine symmetry
Should I kiss the viper’s fang
Or herald loud the death of Man
I’m sinking in the quicksand of my thought
And I ain’t got the power anymore

Don’t believe in yourself
Don’t deceive with belief
Knowledge comes with death’s release

I’m not a prophet or a stone age man
Just a mortal with potential of a superman
I’m living on
I’m tethered to the logic of Homo Sapien
Can’t take my eyes from the great salvation of bullshit faith
If I don’t explain what you ought to know
You can tell me all about it on the next Bardo
I’m sinking in the quicksand of my thought
And I ain’t got the power anymore.

1997: „I have found over these last few years, that the one continuum that is throughout my writing is a real simple, spiritual search.“

Aleister Crowley und der Hermetic Order of the Golden Dawn, dem Crowley angehörte; Nietzsche-Obsession und der Übermensch; „Himmler’s sacred realm of dream reality“: was Bowie schon 1971 als sinking in the quicksand of my thought erlebt, treibt 1975 den Thin White Duke, Bowie also zu jener Zeit, da er sich nur noch von Milch, roter Paprika und Tonnen von Kokain ernährt, noch tiefer in esoterische Mythologie, sein Wohnsitz in L.A. das Hauptquartier eskalierender Magick. „Don’t look at the carpet / I drew something awful on it“ („Breaking Glass“, 1977). Bowie zeichnet Pentagramme an die Wände und – wie auf dem back cover der „Station To Station“-CD zu sehen – den kabbalistischen Baum der Sephiroth auf Fußböden. Der Dichter in Cocteaus „Le sang d’un poète“ springt durch einen Spiegel, Bowie erschafft sich Durchgänge auf magische Weise:

„I took it all most seriously, ha ha ha! I drew gateways into different dimensions, and I’m quite sure that, for myself, I really walked into other worlds. I drew things on walls and just walked through them, and saw what was on the other side!“ – Bowie, NME Interview, 1997.

Nichts bezeichnender als dieses most seriously, ha ha ha. Wie -> nebenan geschrieben:

„Zu Bowies Ungreifbarkeit trägt bei, daß er zu zwei Arten von Interviews neigt: ein ur-englisches an-die-Nase-Tippen, das sagt, haha, war alles nur Spaß, oder aber eine Art, über seine Kunst zu reden, die klarmacht, daß alles noch viel tiefer ging, als wir dachten.“

Das Interesse an den Nazis in Bowies Kabbala-Artus-Phase Mitte der Siebziger ist nicht politisch, sondern gilt der okkulten Seite der Nazimythologie, ihrer Suche nach dem Heiligen Gral. Du mußt mal was essen, Mann, sagt sein Gitarrist Carlos Alomar zu Bowie, „der weißeste Mann, den ich je gesehen hatte“, durchscheinend weiß, der nach Alomars Schätzung nur noch 44 Kilo wiegt. Allerdings geht Alomar mit Zahlen flexibel um; über das Feedback von Earl Slicks Gitarre am Anfang von „Station To Station“ sagt er: „Earl Slick was asked to do something that was unnatural and that was, ‚I want you to sustain a note for, like, 15 years.'“

The return of the Thin White Duke, throwing darts in lovers‘ eyes.
Here are we, one magical moment
Such is the stuff from where dreams are woven
Bending sound
Dredging the ocean lost in my circle
Here am I
Flashing no colour, tall in this room overlooking the ocean
Here are we, one magical movement from Kether to Malkuth
There are you
You drive like a demon from station to station.

„Here am I, tall in this room overlooking the ocean“. Das könnte auch der auf eine Insel vertriebene Duke und Magier Prospero sagen, in Shakespeares „The Tempest“. „Such ist the stuff from where dreams are woven“ variiert „We are such stuff / As dreams are made on“, The Tempest, Act 4, Scene 1. Bowie lebt 1975 in L.A. to the syllable das Szenario aus „Quicksand“: bedrohlicher Orientierungsverlust im faszinierenden Labyrinth der Narrative vom Transzendieren des Menschlichen/Allzumenschlichen.

Die Erschöpfung in „Quicksand“ – erst death’s release gewährt Wissen, Weisheit, Erkenntnis und Einsicht („Bardo“ ist im tibetanischen Buddhismus der Zwischenraum zwischen zwei Existenzen, zwischen Tod und Wiedergeburt also) – wird aufgefangen durch die traurig-strahlende Schönheit von Arrangement und Gesang. Er, der sang: „Ain’t there one damn song that can make me break down and cry?“ hat so viele Songs geschrieben, die einen zum Weinen bringen können.

Auf „Station To Station“ wirkt Bowie tatsächlich wie ein von dämonischer Macht Besessener: bei den Aufnahmen ist er am Rande der Zurechnungsfähigkeit und des mentalen Zusammenbruchs, und zugleich majestätischer Kommandeur von Ozeanen, Elementen, Strömen, Richtungen, Schauspielen, Welten. Schwere, dunkle Textur nach dem Intro, der Tempowechsel – und es ist schon der zweite Tempowechsel des Songs – bei „It’s not the side effects of the cocaine“ einer der großartigsten Momente der gesamten Kunstgeschichte. Majestätischer Kommandeur auch einer Band, die dann den dramatischsten, donnerndsten, pulsierendsten, euphorischsten funk abliefert, der je einen Zug bewegt hat. Oder eine spirituelle Reise. Was hier Fahrt aufnimmt, läßt sich nicht mehr aufhalten. „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“, Aleister Crowley.

„Throwing darts in lovers‘ eyes“: wie Prospero in his circle einen Zauber zu wirken weiß, der Liebende macht. Selbstredend ist auch Tarot zu dieser Zeit für Bowie „a bit of an obsession of mine … along with most things alchemical (and chemical I should think)“. Crowley erwähnt im Buch Thoth für seine Tarotkarte VI, The Lovers, den Pfeil als besonderes Symbol der Richtung, direction, das die Dynamik des Wahren Willens offenbart; darum hat Cupidos Köcher die Inschrift Thelema („Wille“). Die Komplementärkarte zu The Lovers ist nach Crowley XIV, Art. Die Kunst. 

Immer wieder wird Bowie „a real simple, spiritual search“ als das eine Kontinuum seiner Kunst bezeichnen, als den großen Zusammenhang in seinem Werk. Dabei ständig die Grenzen zu verschieben, die wir um unsere Existenz gezogen haben, und in Bereiche vorzudringen, die dazu neigen, sich zu entziehen, gehört zu Bowies Unternehmen. Auch Bowies Songs sind gateways in andere Welten.

„Searching for music is like searching for God“, erklärt Bowie in einem „60 Minutes“-Interview von 2003. „There’s an effort to reclaim the unmentionable, the unsayable, the unseeable, the unspeakable.“

Einmal sagt Bowie über sich: „I built models of the things that I didn’t fully understand.“ Genau dafür aber weiß er alle vorhandenen Mittel wie ein Magier zu nutzen. Harry Maslin, Co-Producer bei „Station To Station“:

„David knows exactly what he wants, it’s just a matter of sitting there and doing it till it’s done … David knows a great deal about technical things. He doesn’t know everything, he’s not an engineer, but he knows more about arranging a song, he knows more about how to relate to people and get what he wants out of them … If you listen to the rhythms specifically on this album, there are very strange things going on rhythmically between all the instruments … David’s a genius when it comes to working out rhythmic feels. He was the mainstay behind it all.“

Living in a silent film von „Quicksand“ wird zu Flashing no colour, auch das Albumcover für „Station To Station“ läßt Bowie in letzter Sekunde noch zu Schwarzweiß ändern.

The return of the Thin White Duke, making sure white stains.

„White Stains“: dies, das, und Titel einer Gedichtsammlung von Aleister Crowley. Kether und Malkuth: Sephiroth im System der Kabbala. Kether gilt als Ziel der spirituellen Suche: das Verborgenste, das sich dem Begreifen entzieht.

It’s not the side effects of the cocaine
I’m thinking that it must be love
It’s too late to be grateful
It’s too late to be late again
It’s too late to be hateful
The European canon is here

„The European canon“ – gewiß auch Bowies Faszination für deutsche Bands wie Neu! und Kraftwerk, für Filme des deutschen Expressionismus. Ein Europäer im Exil, der seine Rückkehr nach Europa beschwört. Und dabei ein furchterregend makelloses Album von bösartigem Glamour produziert. Jahre später erklärt Bowie, daß es ihm nicht gelinge, sich an die Aufnahmen in irgendeiner Form zu erinnern.

„To understand the way David works is to know that you can’t understand the way David works.“ – Harry Maslin

„It’s the tension between the artifice and the emotion, the sheer enigmatic complexity of what’s being expressed, and the uncanny feeling that the band are creating something that’s not entirely down to their own consciousness that has kept me listening to Station to Station for more than 20 years.“ – Alex Needham

Should I believe that I’ve been stricken
Does my face show some kind of glow? 

Bowie kultiviert 1975 auch intensives Interesse an der Kirlian-Fotografie, der Visualisierung von Korona-Entladung (vulgo: Aura). Thelma Moss von der UCLA konstruiert eigens eine Kamera für ihn. „Does my face show some kind of glow?“ heißt natürlich auch: ist es denkbar, daß dies Antlitz einmal noch vor Liebe glüht? Der Outsider, der Verbindung herzustellen versucht, emotional connection.

„Wild Is The Wind“, das blutende Herz eines Androiden. „Word On A Wing“, ein Song wie ein Schutzamulett. „Stay“, der synästhetischste Song, den ich kenne: an gewissen Stellen sehe ich ihn Funken sprühen.

Gott. Liebe. Der Heilige Gral.

„Every man and every woman is a star“, Aleister Crowley. Zarathustra: eine andere Namensform von Zaraθuštra ist (mittelpersisch) Zardušt. Ziggy Stardust, Starman, waiting in the sky, he’d like to come and meet us but he thinks he’d blow our minds.

David Bowie, Station To Station, Thin White Duke.
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David Bowie has left the Planet

Januar 2016

David Bowie has left the Planet. Von Christian Erdmann. Bild: David Bowie in "The Man Who Fell To Earth" ("Der Mann, der vom Himmel fiel", Regie Nicolas Roeg.

Im Herbst 2009 erging ein questionnaire mit 13 Fragen an den Autor von „Aljoscha der Idiot“. Die zweite Frage war: „Haben Sie schon herausgefunden, was ‚das alles‘ soll?“

Meine Antwort war: „Doch, schon. Unsere Mission ist, das alles mit Bedeutungen aufzuladen. Und ins Hinterland zu gelangen, wie David Bowie sagte. Ich glaube, er meinte so eine Art Hinterland der Realität.“ 

The hinterland, the hinterland
We’re gonna sail to the hinterland
And it’s far far far far far far far far away
It’s far far far far faa faa da-da da-da da
1 2
3-4
0000

Eine andere Frage: Musik für das Leben auf der einsamen Insel nach einer Flugzeug-Notlandung. Der erste Song, den ich wählte, war „Aladdin Sane“ von David Bowie:

„Was Mike Garson in diesem Stück macht, ist das Beunruhigendste, Faszinierendste, Beeindruckendste und Heftigste, das man je von einem Piano im Rock-Kontext gehört hat, Punkt. Eine der großartigsten Improvisationen, die es überhaupt je gegeben hat, genau das, was im Englischen ‚haunting‘ heißt – es verfolgt dich für immer mit seiner bizarren Schönheit. Bowie beschwört diese schwüle Vorkriegs-Dekadenz, diese seltsame Wehmut, das Jahr 1913 erscheint in Klammern im Titel des Songs, auch das Jahr 1938, aber 1913 war auch das Jahr von ‚Le Sacre du Printemps‘, wie schon gesagt. Es ist, als ob der ‚lad insane‘ Strawinskys Paroxysmus im Kopf hat.

Bowie beschwört in dem Song zunächst diese traumgleiche, ominöse, extravagante Atmosphäre, etwas, das dem Untergang entgegengeht, während noch der Champagner perlt, und einen Charakter am Abgrund, crying for escape. Und dann bricht dieses komplett wahnsinnige Solo los. Anarchisch, dissonant, absolut brillant, absolut virtuos, zersplittert, zerklüftet, wie der Geist dieses Charakters selbst. Als ob alle Neuronen, alle Synapsen in die Schizophrenie britzeln. Unglaublich, einzigartig. Wirklich, ich weiß nicht, ob es etwas vergleichbar Waghalsiges gibt. Dieses Pianosolo ist todesmutig. 

Man kann Bowie nicht genug rühmen für seine Furchtlosigkeit. Er gibt zwei Akkorde vor für den Mittelteil und sagt zu Garson, von dem er einiges über Avantgardemusik gehört hat: mach mal. Und der macht das in einem einzigen Take. Vor einer Weile sagte Garson, er bekommt noch immer jeden Tag Briefe und Emails wegen dieses Solos von 1973. Ich muß dem auch noch schreiben.“

Es gäbe viele Bowie-Stücke für viele Notlandungen, vor allem aber ist Bowies Erscheinen in diesem Frage-und-Antwort-Spiel symptomatisch eben dafür: Er war da, seit ich ein Bewußtsein habe, und er wird da sein, bis ich das Bewußtsein verliere. Bowies „Cat People“ in Aljoschas Ohr war nur der bedeutendste Schachzug der Mächte-die-da-sind.

„Als Aljoscha durch die Korridore eilte, begegneten ihm zwei Zeppelinpiloten und ein schwarzer Hund, ein Flaneur suchte die blaue Terrasse, und in einer Bildergalerie führte ein Mann mit einem Messer durch ein Jahrzehnt der Kunst.“ – „Black Dog“ von Led Zeppelin, „Montage Terrace (In Blue)“ von Scott Walker und „Art Decade“ von David Bowie, of course.

In meiner 5. und 6. Klasse gab es einen Jungen, der eigentlich ein Mädchen war und sicher auch wurde. Er war gut befreundet mit Iris, also mußte es geschehen: Star dream girl hörte „Ziggy Stardust“, so begegnete ich Bowie zum ersten Mal. Bald darauf „The Jean Genie“, mit 14 erwarb ich meine erste Bowie-LP, „Aladdin Sane“.

„You consider ‚Jean Genie‘ now and chuckle at yourself, the naive way you used to think it was heavy rockin‘ shit. And then you play it and it is.“ – Chris Roberts, 1990

Seit 2013 tourt die Ausstellung „David Bowie is“ durch Museen weltweit. Die Frage, wer David Bowie ist, blieb ein Mysterium auch für den kompetentesten Bowieforscher, und das war natürlich immer Bowie selbst. Sammler von Persönlichkeiten und Ideen, sicher. Eine Ein-Mann-Multitude. Wie kein anderer kannte er den Weg vom Unbewußten zur dramatischen Inszenierung. Was mir sofort zu Bowie einfiele: ein Außenseiter, der Verbindung herzustellen versucht und dabei doch immer alien bleibt. Während er gleichzeitig mit seiner Kunst, mit seinem Charisma einen ganzen Planeten überwältigt. Romantiker und Modernist, der sich ständig an nicht sichere Orte versetzt, aristokratisch und funky, dabei zugleich tiefschürfend und ruhelos auf spiritueller Fahrt.

„Angst. Isolation. Verlassenheit. Diese Themen ziehen sich durch meine gesamte Arbeit, ich habe sie eigentlich auf jedem Album in irgendeiner Weise aufgegriffen. Ich bin noch immer auf dieser spirituellen Suche.“ (2002)

Man war immer irgendwie überrascht, wenn Bowie Dinge tat, die Normalsterbliche tun, wie: mit Harald Schmidt zu sprechen oder einfach Teil einer Band zu sein. Tin Machine mußte am unwiderruflich Über- und Außerirdischen scheitern, das um Bowie war. Wie jovial und leutselig er sich auch geben mochte, wie einnehmend er auch war, wenn er als Mockney um die Ecke kam: er war immer in weiter Ferne so nah.

„There are some artists who are as big as life itself. They are part of your life and somehow escape the obligation of mortality. We cannot imagine our world without them. I can’t think of any other musician who achieved such a level of intimate distance with their audience.“ – Henry Rollins 

„Pin-Ups“ war noch heartbreak beat für Iris, insbesondere „Sorrow“, obwohl Iris weder blonde Haare noch blaue Augen hatte, die Exkursion in die Welt von „Diamond Dogs“ fand nur noch in meinem eigenen Zimmer statt, und das war auch der beste Ort dafür. Das slicke „Young Americans“ war kühl-erotische Liaison, kein Killer-Riff wie Carlos Alomars Killer-Riff in Bowies white funk bitch „Fame“, mit den Zuggeräuschen von „Station To Station“ donnerte Bowie zurück in besagtes Zimmer und blieb als expandierendes Universum.

Als in der Nacht des 8. Januar 2013 das „Where Are We Now?“-Video plötzlich auf Bowies Website erschien, weinte ich. Als ich am Montagmorgen, 11. Januar, die vier Worte las: David Bowie ist tot – konnte ich nicht weinen. Es blieb den ganzen Tag unwirklich. Was oder wen er auch meint, „Where the fuck did Monday go?“ singt Bowie auf seinem letzten Werk und stirbt an einem Sonntag. Erst am Abend war ich bereit, es zu akzeptieren. Ich sah das „Survive“-Video und las dies:

So I went for a dizzying car ride through the Hollywood Hills and listened to ‚Diamond Dogs‘.
All of my nostalgia instantly turned to awe. I was hearing him sing about fiction as a mask to show his naked soul. This changed my life forever. Every song of his was a way for me to communicate to others. It was a sedative. An arousal. A love letter I could never have written.
It has become and remains a soundtrack to a movie he painted with his voice and guitar.
He sang, ‚Hope, it’s a cheap thing.‘ I don’t need hope to know that he has found his way to the place that equals his untouchable, chameleon-genius beauty. The black star in space that only HE belongs.
This crushing moment of fear and loss can only be treated the way his music has affected everyone who was fortunate enough to hear and love it. Let’s NEVER let go of what he gave us.

Marilyn Manson.

Da endlich konnte ich weinen.

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Ulalume! Ulalume!

Pic from "Ulalume" by Nestore Buonafede, 2009

The skies they were ashen and sober;
The leaves they were crispéd and sere —
The leaves they were withering and sere:
It was night, in the lonesome October
Of my most immemorial year:
It was hard by the dim lake of Auber,
In the misty mid region of Weir: —
It was down by the dank tarn of Auber,
In the ghoul-haunted woodland of Weir. 

Here once, through an alley Titanic,
Of cypress, I roamed with my Soul —
Of cypress, with Psyche, my Soul.
These were days when my heart was volcanic
As the scoriac rivers that roll —
As the lavas that restlessly roll
Their sulphurous currents down Yaanek,
In the ultimate climes of the Pole —
That groan as they roll down Mount Yaanek
In the realms of the Boreal Pole. 

Our talk had been serious and sober,
But our thoughts they were palsied and sere —
Our memories were treacherous and sere;
For we knew not the month was October,
And we marked not the night of the year —
(Ah, night of all nights in the year!)
We noted not the dim lake of Auber,
(Though once we had journeyed down here)
We remembered not the dank tarn of Auber,
Nor the ghoul-haunted woodland of Weir. 

And now, as the night was senescent,
And star-dials pointed to morn —
As the star-dials hinted of morn —
At the end of our path a liquescent
And nebulous lustre was born,
Out of which a miraculous crescent
Arose with a duplicate horn —
Astarte’s bediamonded crescent,
Distinct with its duplicate horn. 

And I said — „She is warmer than Dian;
She rolls through an ether of sighs —
She revels in a region of sighs.
She has seen that the tears are not dry on
These cheeks where the worm never dies,
And has come past the stars of the Lion,
To point us the path to the skies —
To the Lethean peace of the skies —
Come up, in despite of the Lion,
To shine on us with her bright eyes —
Come up, through the lair of the Lion,
With love in her luminous eyes.“

But Psyche, uplifting her finger,
Said — „Sadly this star I mistrust —
Her pallor I strangely mistrust —
Ah, hasten! — ah, let us not linger!
Ah, fly! — let us fly! — for we must.“
In terror she spoke; letting sink her
Wings till they trailed in the dust —
In agony sobbed; letting sink her
Plumes till they trailed in the dust —
Till they sorrowfully trailed in the dust. 

I replied — „This is nothing but dreaming.
Let us on, by this tremulous light!
Let us bathe in this crystalline light!
Its Sybillic splendor is beaming
With Hope and in Beauty to-night —
See! — it flickers up the sky through the night!
Ah, we safely may trust to its gleaming,
And be sure it will lead us aright —
We safely may trust to a gleaming
That cannot but guide us aright
Since it flickers up to Heaven through the night.“

Thus I pacified Psyche and kissed her,
And tempted her out of her gloom —
And conquered her scruples and gloom;
And we passed to the end of the vista —
But were stopped by the door of a tomb —
By the door of a legended tomb: —
And I said — „What is written, sweet sister,
On the door of this legended tomb?“
She replied — „Ulalume — Ulalume —
‚T is the vault of thy lost Ulalume!“

Then my heart it grew ashen and sober
As the leaves that were crispéd and sere —
As the leaves that were withering and sere —
And I cried — „It was surely October,
On this very night of last year,
That I journeyed — I journeyed down here! —
That I brought a dread burden down here —
On this night, of all nights in the year,
Ah, what demon has tempted me here?
Well I know, now, this dim lake of Auber —
This misty mid region of Weir: —
Well I know, now, this dank tarn of Auber —
This ghoul-haunted woodland of Weir.“

Said we, then, — the two, then, — „Ah, can it
Have been that the woodlandish ghouls —
The pitiful, the merciful ghouls,
To bar up our way and to ban it
From the secret that lies in these wolds —
From the thing that lies hidden in these wolds —
Have drawn up the spectre of a planet
From the limbo of lunary souls —
This sinfully scintillant planet
From the Hell of the planetary souls?“

„Ulalume“ by Edgar Allan Poe, 1847

Pic from „Ulalume“ by Nestore Buonafede, 2009

„Ulalume“ by Jeff Buckley: „Closed on Account of Rabies“, Poemes and Tales of Edgar Allan Poe, 1997

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Musik

Bob Dylan: Dem eigenen inneren Verfolger immer einen Schritt voraus sein

SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“

August 2009

Bob Dylan: Dem eigenen inneren Verfolger immer einen Schritt voraus sein. Diskussion mit Christian Erdmann im SPIEGEL ONLINE Forum.

Christian Erdmann:

Immer schon einer meiner Favoriten von Dylan. Nur drei Akkorde, keine Sekunde Langeweile. Ein Mann zwischen Scharlatanen in „the wild unknown country“ und der Frau, die ihn „insane“ macht, deren Anziehungskraft aber auch durch surrealste Odysseen hindurchwirkt. Das Leben halt.

Edda Sörensen:

In diesem Lied hier können Sie viel über Bob Dylan erfahren. Der „Jokerman“ ist sein musikalisches Selbstbildnis.

Christian Erdmann:

Da geht’s schon los. :) EIN Song als „sein Selbstbildnis“ – ? Ich schlage das hier als Diskussionsgrundlage vor. :)

„… someplace along the line Suze had also introduced me to the poetry of French symbolist poet Arthur Rimbaud. That was a big deal, too. I came across one of his letters called ‚Je est un autre,‘ which translates into „I is someone else“. When I read those words the bells went off. It made perfect sense. I wished someone would have mentioned that to me earlier.“ (Dylan, Chronicles Vol.1)

Edda Sörensen:

Sein „musikalisches“ Selbstbild, Aljoscha – oder kennst Du ein anderes seiner unzähligen Lieder, das ihn so präzise portraitierte?

Klar dass die Inspirationen geradezu auf seine blankpolierten :) Antennen niederregneten und ihm bei Dylan Thomas und natürlich erst recht mit Rimbaud die Lichter aufgingen und hinter neu aufgestossene Türen seines Wesens leuchteten, was ihn dann zu einigen abrupten Richtungswechseln seiner Art veranlasste – sehr zum Leidwesen der Fangemeinde, die ihn zu gerne schön ordentlich in einer Schublade aufbewahren wollte – und schwubbs di wubbs, schon war er ganz woanders :o)

Christian Erdmann:

Ja, ok. :)

Shedding off one more layer of skin
Keeping one step ahead of the persecutor within

Dem eigenen inneren Verfolger immer einen Schritt voraus sein: eine gute Maxime und sicher auch eine treffliche Selbstbeschreibung. Bedeutet aber auch, daß man sich nicht auf „Jokerman“ als Selbstbildnis reduzieren lassen kann. Driften, Woanderssein als geradezu genetischer Grundzug: sich über alle Erwartungen und Festschreibungen hinwegzusetzen, auch die eigenen. Deshalb Rimbauds „Ich ist ein Anderer“. In dem Interview mit Paul Gallo Anfang der 90er, seinem ersten nach 10 Jahren, hielt er nicht mehr viel von „Jokerman“: „That’s a song that got away from me. Lots of songs on that album [Infidels] got away from me. They just did.“ Der Song scheint ihm offenbar im Nachhinein zu konstruiert: „That could have been a good song. It could’ve been. … It probably didn’t hold up for me because in my mind it had been written and rewritten and written again.“ Und wenn man nur die Zeilen oben vergleicht mit dem Dylan von 1965 oder mit der Art, wie elastisch Dylan-Anthropologie seit „Time Out Of Mind“ Song für Song ins Rollen kommt, ahnt man vielleicht, was er meint. :)

river runner:

Guten Tag Frau Sörensen, da Sie ja fließend ausländisch lesen können, habe ich Ihnen schon mal den -> Brief von Rimbaud rausgesucht, damit Sie dem Künstler Aljoschka leichter Rede und Antwort stehen können, was Sie sich da gerade für eine unbedachte Formulierung geleistet haben :-))

Frau Sörensen, das war nur ein kleiner Scherz, weil Aljoscha doch leicht gereizt reagiert hatte. „Da geht’s schon los. :) EIN Song als „sein Selbstbildnis“ – ?“

Ich habe mir inzwischen folgende Gedanken gemacht: Seine Fans seit den 60ziger Jahren halten Bob Dylan für den größten Songwriter unserer Zeit, seine Gegner sagen, er kann nicht singen und die Texte versteht doch keiner. Die Bob Dylan-Fans sind als Kenner begeistert, wie er mit den Masken des Jokerman spielt, und wie er als Prophet agiert.

Dann bekehrt sich Bob Dylan nach einem Motorradunfall zum Christentum und singt naive Lieder mit naiven Texten, wie z.B. „Property Of Jesus“. (…)

Christian Erdmann:

„Aljoschka“ ist hübsch, aber mir muß keiner Rede und Antwort stehen. :)

„John Wesley Harding“ ist für mich aber Ausdruck eines anderen Zugangs zur Bibel als das, was Dylan in seiner „christlichen Phase“ treibt, mit gelegentlich zweifelhaftem künstlerischem Ergebnis. Zwischen dem Motorradunfall und „Slow Train Coming“ liegt mehr als ein Jahrzehnt, und bis „Street Legal“, 1978, ist Dylan noch mit einer ganz anderen Verbindung von Persönlichem und Mythologischem zugange. Der Symbolismus des Tarot zum Beispiel, auf dem Back-Cover von „Desire“ war ja THE EMPRESS abgebildet, in „Changing Of The Guards“ von „Street Legal“ zieht sich der blasse Geist des Todes ergeben zurück „between the King and the Queen of Swords“. – Zwischen „Street Legal“ und „Time Out Of Mind“ ist auffällig, was Dylan nicht auf seine offiziellen Veröffentlichungen steckte, z.B.

What can I say about Claudette? Ain’t seen her since January
She could be respectably married or running a whorehouse in Buenos Aires

Solche Reime auf solches Gepolter kriegt nur Dylan hin, selbst in seiner christlichen Phase konnte er das nicht ganz verhindern, Arbeitshypothese 4b. :)

Edda Sörensen:

Völlig einverstanden – nach seiner fast tödlichen Krankheit und George Harrisons tragischem Tod erreichte er eine zutiefst menschliche Seelenebene, an der er uns mit „Time Out Of Mind“ in bewundernswerter Aufrichtigkeit teilnehmen liess.

Christian Erdmann:

Wobei „Time Out Of Mind“ allerdings schon fertig war, als Dylan ’97 dem Tod von der Schippe sprang.


Die „Not dark yet, but getting there“-Atmosphäre, das Gefühl, daß der Himmel bald dichtmacht, die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit, all das steht sicher am Grund von „Time Out Of Mind“.

„Vieles auf dem neuen Album ist nach Einbruch der Nacht entstanden. Ich mag Unwetter und bleibe dann die ganze Nacht über auf. Und dann finde ich mich plötzlich in einer seltsam meditativen Stimmung wieder, und als das beim letzten Mal passierte, ist mir dieser Satz eingefallen, der nicht mehr aus meinem Kopf wollte: Und Du arbeite, solange der Tag andauert, denn es wird die Nacht des Todes anbrechen, wenn niemand mehr arbeiten wird.“

Aber der Sturzbach von Gedanken, mit dem Dylan auf „Time Out Of Mind“ durch dunkle, leere Straßen wandert, beinhaltet auch Trotz und Zuversicht, und führt dann ja direkt zum Darktown Strutters Ball von „Love & Theft“. Nicht, daß Dylan seinen Sturzbach da stoppen würde, aber der Putz ist auch dazu da, um auf ihn zu hauen, panties sind dazu da, auch mal über Bord zu fliegen, und Stil ist dazu da, um alles reinzuwerfen, von W.C. Fields bis Donizettis „Don Pasquale“, und als Crooner mit Pokerface auch Shakespeare ein bißchen aufzumischen. Schließlich ist Dylan mit allen persönlich bekannt, auch mit dem Mississippi Judge, der Charles Darwin tot oder lebendig will. Oder den anderen. „Either one, I don’t care“.


Ich weiß nicht, wie gut die Übersetzung der „Chronicles“ ins Deutsche gelungen ist, aber wenn’s geht, sowieso unbedingt das Original lesen. Wobei Dylan sich gerade um „Zeitabläufe“ da sehr wenig kümmert. Seine Sprache hat den amerikanischen odd ramble-Rhythmus eines Kerouac ohne Sentimentalität, eines Chandler mit weniger hard-boiled-Attitüde, mehr Staub auf den Stiefeln und mehr freight train rattle als backbeat, sein lakonischer Humor ist ein Genuß, seine Beschreibungen können mit zwei, drei Pinselstrichen aus dem singulären Dylan-Universum verblüffend genau sein, und er ist auch hier ein Geschichtenerzähler vor dem Herrn.

Wunderbar auch, wie Dylan über das (die) schreiben kann, die er bewundert. Es stimmt auch nicht, was irgendwo anklang, daß Dylan nur sehr wenig Persönliches preisgibt. Wenn man nun endlich sensationelle Details etwa über sein Sexleben oder mystical sphinx Sara erwartet hat, ist man natürlich auf dem falschen Dampfer. Für mich ist z.B. sensationell, was Dylan wann gelesen hat. :) Dylans Kenntnisse sind, wie es sich für das wandelnde Orakel der Neuzeit gehört, immens. Was er über Robert Johnson 

(Du weißt schon: „Da Robert Johnsons Gitarrenspiel sich innerhalb kurzer Zeit so stark verbessert hatte, erzählte man sich, er habe seine Seele an den Teufel verkauft und sei von diesem im Gegenzug in die Geheimnisse des Gitarrenspiels eingewiesen worden.“) 

zu sagen hat, war genau das, was noch über Robert Johnson gesagt werden mußte. Und eine Sache, die er über Johnson sagt, gilt exakt so auch für ihn:

„John Hammond had told me that he thought Johnson had read Walt Whitman. Maybe he did, but it doesn’t clear up anything. I just couldn’t imagine how Johnson’s mind could go in and out of so many places. He seems to know about everything, he even throws in Confucius-like sayings whenever it suits him. Neither forlorn or hopeless or shackled – nothing hinders him. As great as the greats were, he goes one step further. Johnson is serious, like the scorched earth.“

Hier noch ein Beispiel für „zwei, drei Pinselstriche“, es geht um Daniel Lanois, den berühmten Produzenten, der für „Oh Mercy“ im Studio war:

„Lanois was a Yankee man, came from north of Toronto – snowshoe country, abstract thinking. (…) One thing about Lanois that I liked is that he didn’t want to float on the surface. He didn’t even want to swim. He wanted to jump in and go deep. He wanted to marry a mermaid.“


Und ein Beispiel dafür, wie Dylan aufnimmt und was er daraus macht:

„Harry Lorayne, however, was no match for Machiavelli. A few years earlier, I’d read ‚The Prince‘ and had liked it a lot. Most of what Machiavelli said made sense, but certain things stick out wrong – like when he offers the wisdom that it’s better to be feared than loved, it kind of makes you wonder if Machiavelli was thinking big. I know what he meant, but sometimes in life, someone who is loved can inspire more fear than Machiavelli ever dreamed of.“

Bob Dylan: Dem eigenen inneren Verfolger immer einen Schritt voraus sein. Diskussion mit Christian Erdmann im SPIEGEL ONLINE Forum.
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Musik

Ladytron: Gravity The Seducer

Ladytron, "White Elephant" Video, Mira Aroyo, Helen Marnie.

Neues Video von Ladytron, „White Elephant“. Kommt bei einigen nicht so gut an, ich hingegen nehme diesen Kommentar hier als Arbeitshypothese: „They transcend the very fabric of our boring universe. Gods, they are. Gods.“ – „Müssen denn alle Menschen Menschen sein? Es kann auch ganz andere Wesen als Menschen in menschlicher Gestalt geben.“ (Novalis, Neue Fragmente, 739). Vielleicht auch nur Augen weit geschlossen in einem Mulholland Drive-Chambre, das sich wiederum in einem Normandieschloß befindet. 

„A white elephant is an idiom for a valuable but burdensome possession of which its owner cannot dispose and whose cost (particularly cost of upkeep) is out of proportion to its usefulness or worth.“ 

Bringt das weiter? Schließlich sind Ladytron nicht dazu da, Mysterien zu lösen, sondern sie zu personifizieren. Song / Video als Traumstruktur, erhaben, wunderschön, todtraurig. 

(30.07.2011, SPON)

Mädchen, die vom Himmel fielen, die kühle erotische Provokation immer mit Wissen um die Kompliziertheit von Kommunikation verbanden, und die bei der Rückkehr in die Satelliteneinsamkeit noch ein paar kryptische Abschiedsworte funken. Spaceship returns, „it’s over“, Stimmen von hinter der Schwarzen Sonne, verhallt und deadpan. Eine unendliche Melancholie, eine unbeschreibliche Traurigkeit können Ladytron in ihre Melodien legen. „Alles Gold der Welt für Menschen, die es beherrschen, solche Stimmungen aus Silizium und Strom zu zaubern“, schreibt ein Rezensent auf amazon.de zu Witching Hour. Es ist der sense of detachment, der da zu hören ist, das Gefühl von Bindungslosigkeit, Schwerelosigkeit, Unerreichbarkeit. Wenn es da keinen Sinn macht, daß das fünfte Studioalbum von Ladytron Gravity The Seducer heißt, macht nichts Sinn.

Wenn scheue Menschen wie Helen Marnie die Hand aufs Herz legen, wirkt das für den flüchtigen Beobachter immer noch wie eisige Gleichgültigkeit, aber nur für den. Offenbarungen wie in „White Elephant“ mögen rätselhaft erscheinen, „suggesting a lingering fear of the inability to connect emotionally, an android-like anxiety“ (avclub.com), und wenn ein Song jetzt „Melting Ice“ betitelt ist, bedeutet das vor allem immer noch, daß Vertrauen ein Eisberg ist, und melting ice leaves nowhere to go. Ace of Hearts schreiben Ladytron noch immer Ace of Hz,

aber Begegnungen finden jetzt an entfernten Gestaden statt, wo unwirkliches Licht auf Schiffswracks fällt. Metaphern für rätselhafte Vergangenheit gehören zu einem romantischen Mystizismus, den jede Unmittelbarkeit verschreckt.

Ladytron-Songs handelten schon immer primär von Beziehungen und Gefühlen, nur auf ungewöhnliche, distanzierte Weise, und, vor allem, mit einem latenten Versus-Gestus und einem leicht feindseligen Blick, dem blank-eyed electrogaze, der Gefahr signalisierte. Der auch bedeutete: man beherrscht die Kunst der Verführung, aber auch die Kunst, ihr zu widerstehen.

Seit Witching Hour wurde die Ladytron-Klanglandschaft zunehmend dichte Materie: dramatisch, mitreißend, mächtig, gorgeous, dahinfegender big beat auf fusseligen Riffs und mit subtiler Distortion, darüber meist Helen Marnies Stimme, die schon immer einen unwirklichen Hauch hatte, deren Ungerührtheit mit der präzisen Diktion aber auch einer Agentin der Disziplinierung zu gehören schien, die den tease-and-denial-Eindruck, den Ladytron vermittelten, vollendete. Manchmal meinte man, in der funkelnden Schönheit echte Wärme zu spüren („All The Way“), dann wieder wirkte es wie Mimikry, Täuschung des Signalempfängers durch Nachahmung. 

Daß Helen Marnie als Nachnamen den Vornamen der Protagonistin eines meiner Lieblingsfilme hat, ist mir lange gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich wegen „Helen’s ability to crash ships with the mythical purity of her vocal chords“, wie ein Rezensent auf amazon.com schreibt. Nicht selten wurde aber auch der Eindruck beschrieben, „that Marnie is mocking ‚you,‘ whoever ‚you‘ are“; „there’s a feeling of vicious contempt when she addresses ‚you‘; „Helen Marnie, her sweet, intoxicating yet eerie vocals“; „(Ladytron’s) singers sounded sophisticated, remote and contemptuous.“ Sophisticated, mocking, contemptuous: durchaus wie Hitchcocks Marnie. Daß Mira Aroyo immer wieder Stücke auf Bulgarisch sang, was sich im Ladytron-Kontext anhört wie Extraterrestrisch, paßte dazu. 

Velocifero – lies: „Bringer of Speed“ – war ein Werk von bedrohlicher Brillanz („I wrote a protest song about you“), wo meist alle Maschinen auf Alarmstufe standen und mit Hyperenergie zündeten. Gravity The Seducer bringt Ladytron zurück aus der Satelliteneinsamkeit, bedeutet aber zugleich die Einladung, hinter die vermeintliche Indifferenz zu schauen, das Mysterium zu akzeptieren und in der leicht geisterhaften Ästhetik, im eisigen Hall, im Unwirklichen, Traumhaften, Versponnenen die Dinge aufzufinden, die direkt von Herzen kommen.

Ein feingliedriges Handumdrehen der kühlen Schottin und der bulgarischen Molekularbiologin, und ihre seltsam unheimlichen, herzzerreißenden Melodien erscheinen ätherisch, schwebend, verschwommen; „an airy feel that often sounds as if its creators‘ feet are barely touching the ground“ (pitchfork.com), den Beat tragen Luftgeister, wir befinden uns in einem wunderlichen, aber faszinierenden Traum: „Surrender with me, we’re walking in our sleep.“ Bring eine Violine, Photographien und verlorene Dinge.

Das Wagnis der Annäherung vollzieht sich im Unbestimmten, undeutlich und schemenhaft. Helen Marnies surreale Stimme vermittelt Unmögliches: entfernte Nähe. Sie kommt aus einer unwirklichen Sphäre, in der sie den Kampf zwischen Sehnsucht und Zurückweisung der Sehnsucht austrägt. „Holding hands with a mirage / You do not exist.“ Strange girl mit immer schon eigener Phänomenologie: das Geräusch von Schritten auf einem Schulhof, aber niemand ist zu sehen. Wenn Ladytron zur Bandgeschichte gern den Mythos erzählten, man habe sich zufällig in einem Zug in Bulgarien getroffen, gab schon dies der romantischen Möglichkeit den Vorzug gegenüber profaner Realität.

Daß kein Ladytron jemals lächelt, weiß man seit den Zeiten des „Blue Jeans“-Videos, als Helen Marnie und Mira Aroyo so aussahen und klangen, wie sowjetische Musik zu „Gorky Park“-Zeiten hätte klingen sollen.

Ladytron, Helen Marnie, "White Elephant" Video.

Jetzt sehen sie so aus und klingen, als wären sie in ihrer eleganten Schönheit Schwestern von Delphine Seyrig in „Les lèvres rouges“, oder überhaupt so, als würden sie ihr eigenes Marienbad durchqueren. Auf der Suche nach der verlorenen… Verlorenheit. Abstrakt und atmosphärisch, so war der Band-Plan für Gravity The Seducer. Helen Marnie erscheint als Hohepriesterin der schönen Priesterinnen,

um in ein Reich betörender Bilder zu führen, die auf magische Weise betrügerisch sein könnten, in dem aber nicht mehr kühle Verachtung das zu Fürchtende ist. Die Frage nach ihrem „favorite sci-fi movie“ beantwortete Mira Aroyo einmal mit „Solaris“, Tarkowski.

Der Planet Solaris wird von einem riesigen, mysteriösen Ozean bedeckt, dem eine Frau entsteigt, weil dieser ominöse Ozean in Wahrheit eine von menschlichen Kommunikationsversuchen gelangweilte, intelligente Wesenheit ist, die sich dann aber, mit Röntgenstrahlen gereizt, dazu entschließt, Träume und Gefühle der Raumfahrer-Störenfriede zu materialisieren. So ähnlich kommt das Strange Girl mit der eigenen Phänomenologie auf Gravity The Seducer zu uns, und ähnlich bewegend wie Natalja Bondartschuk in „Solaris“ kämpft sie um ihre Identität, und was sie dazu braucht, ist unsere Wehmut, dieses seltsame Sehnen, von dem sie lebt. Darum ist Gravity The Seducer so haunting und so full of mystery. Suggerierten Ladytron ehedem mit unterkühltem Gestus „unusual sexuality“, wie der Telegraph einmal schrieb, ist die Erotik von Gravity The Seducer im Grunde ein Austausch von Wehmut, der Überleben sichert.

Ladytron, Helen Marnie in "White Elephant".

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Musik

Eagles of Death Metal, Hamburg 2019

Schlägt langsam Dreizehn. Shaking hands with Jesse Hughes. Madame & ich befinden uns in der ersten Reihe, aber eher Außenposten rechts, zwar mit perfekter Sicht auf die Bühne, von der Bühne aus gesehen aber eigentlich eher im Funkloch. Trotzdem marschiert kurz danach

Jesse mit seiner weißen Gitarre um den Boxenturm herum, bleibt vor mir stehen, strahlend, like a long lost friend, wir schütteln uns die Hand, mit meiner Linken berühre ich den Oberarm von fatherbadass, kurz darauf habe ich sonnenhell schockiert vergessen, welches der erste Song war. „I Only Want You“. Natürlich. Surreal intimer Moment im Hexenkessel. Vor uns in the wings Legende Slim Jim Phantom von den Stray Cats, der mit Miss Jennie Vee liiert ist. Könnte Gott / Teufel bitte ein Sonett für Jennie Vee verfassen. Als sie mit Bass und Gesang für etwa 1,5 Minuten „Ace Of Spades“ angestimmt hat, kniet Jesse nieder, um ihre Hand zu küssen, Miss Vee nimmt den Handkuß äußerst huldvoll entgegen, 10 Sekunden lang sind die beiden ganz in ihrer eigenen Welt, zu Herzen gehend dabei Jesses Blick. Ja, der Mann gibt in Interviews auch mal Zinnober zum Besten, nicht alles posttraumatisch, manches nur töricht, selbst seinem guten Freund Mark Lanegan tat es weh, im März 2018, Hughes so „off the rails“ zu sehen, und er bat öffentlich: „Come back bro“. Aber wenn in einem Wanderzirkus eine Ballerina abends allein vor ihrem Zirkuswagen tanzt, dann ist es Herr Boots Electric, der sie ansieht voll Bewunderung und aufrichtiger Zärtlichkeit. „Jesse’s an eccentric, idiosyncratic, high-IQ nutball“ (Josh Homme), aber seine Empathie kennt keine Grenzen. Man darf nie vergessen, was diesem Mann aufgebürdet wurde, und daß es in seiner Lage überall Falltüren gibt. Ob ein Eagles of Death Metal-Konzert jemals wieder gänzlich unbekümmert sein kann, weiß der Himmel, a total blast ist jedenfalls immer auch a different kind of celebration jetzt. Wenn ich es richtig verstanden habe, war es ein Bataclan-Überlebender, der eine Tricolore mit der Aufschrift LOVE mitgebracht hatte, die dann von Jesse über die Bassdrum gelegt wurde. Ein neues Album ist gerade erschienen, „The Best Songs We Never Wrote“, unter den Covern das an diesem Abend auch gespielte „Moonage Daydream“ von David Bowie, Jesse wollte es klingen lassen, als käme es „from the times of Robert Johnson. Jack White has this recording machine at his studio in Nashville from the 30s which allows people to record a two minute, 50 second song directly to disc. I brought my whole band and we recorded it crowded round this bizarre single microphone. We sang the song and the cracks and pops are exactly the way it was recorded direct to a vinyl disc.“

Am bewegendsten aber „Trouble“.

„Cat Stevens is a hero to me and someone that I hold in high regard. ‚Trouble‘ itself is a powerful song about a very simple theme of personal trauma. I experienced an event in Paris that was very traumatic and this became my go-to song. It was the song I listened to every day that summed up the experience.“

Eagles of Death Metal, Hamburg 2019.

Statt Sonett.

Jennie Vee, Eagles of Death Metal.

Statt Hamburg: London, 2 Tage später

Eagles of Death Metal, 2019, Jennie Vee.
Eagles of Death Metal, 2019, Jesse Hughes.
Eagles of Death Metal, Jennie Vee.
Eagles of Death Metal, Jesse Hughes.
Jennie Vee, Eagles of Death Metal.

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Eagles of Death Metal

Jesse Hughes, Eagles of Death Metal.

Kurzer Dialog mit mir im SPIEGEL ONLINE FORUM am 29.08.2008:

T. K. Rauhut:

Sind die der Bukowski der Musik?

Die sind der Mozart des Sleaze, der Irving Klaw des Glamour, der Felix Krull des Rock’n’Roll, der Batman des Porn, der Backroom von Marlenes „Boys in the Backroom“ und der Mein Freund Harvey der Rolling Stones.

Eagles of Death Metal, Hamburg 2015, Ticket für das in die Markthalle verlegte Konzert.

„Hamburg!! You gobbled up all the tickets so quickly for our 06 June show, and we love you deeply for it. And that means we want to see even more of your sexy faces that night. We will now be performing at Markthalle. If you bought tickets for Gruenspan, your tickets will be honored at Markthalle.“ 

Badass-Wochen in Hamburg. Erst Marcelo Diaz, in Chile auch „Entengesicht“ genannt, mit seinem genial-schurkischen Freistoß past belief (90+1); dem Vernehmen nach beantwortete er Rafael van der Vaarts Vorschlag („Ich schieße“) mit angekautem Zigarillo im Mundwinkel und den Worten: „Tomorrow, my friend, tomorrow.“ Fünf Tage später, der Teufel ist nie weit hinter dir, Jesse „The Devil“ Hughes und die Eagles of Death Metal in der Markthalle. 

Minutenlang ohrenbetäubender Jubel, Rummel und Getöse, bevor auch nur der erste Ton von „Bad Dream Mama“ gespielt ist. Jesse Hughes ist überwältigt von so viel Licht und Liebe, freut sich wie ein Schneekönig über die entfesselte Tausendschaft und schüttelt zwischen den ersten Songs immer wieder ungläubig den Kopf. „Do you feel this shit goin‘ on right now? Do you feel this shit?“ fragt er uns und sich selbst. „Ach! Ach! Ach!“, wie Madame de Saint-Ange sagt. Konsequent monothematischer Groove durch die Philosophie im Boudoir. Die zuvor von Madame mit einem Tritt gegen den Türrahmen beklagte Absenz von Joey Castillo („The Sexy Mexy“) ist verschmerzt, Dave Catching, der mindestens zweitbeste Mann, der je aus Memphis kam, trägt jetzt einen weißen Bart von ZZ-Top-Länge und hat morgen Geburtstag. „It’s your fucking birthday tomorrow, right?“ Jesse kündigt ein Geburtstagsständchen für später an, aber das Vorhaben geht im allgemeinen Tumult unter. Für wen sonst tragen die Ladies so willig Teufelshörner, für wen sonst setzen Jungs sich Puschelohren auf, einfach, weil sie Puschelhase sein wollen für den Reverend. Ein Song namens „The Reverend“ feiert Weltpremiere, nach „I Want You So Hard (Boy’s Bad News)“ geht die Band von der Bühne, Jesse kommt allein zurück, spielt „Midnight Creeper“, und als er nach requests fragt, zündet noch der unkomplexeste Witz: Jemand ruft „Secret Plans“, Jesse: „Or did you say Secret Pants?“ „Brown Sugar“ von den Stones und „New Rose“ von The Damned, dann läßt Jesse seine three motherfuckers wieder auf die Bühne rufen, und es gibt „I Only Want You“ und „Speaking In Tongues“ für die Muschikatzen.  

„Two hours spent in heaven is cheap at any price.“ (JH). 

Auch Teil des Abends: You only wanted Snow White but you got the witch. It’s so easy without complexity.

Der hyperaktive Dave Grohl, wer sonst, zelebrierte Dave Catchings Geburtstag dann einen Tag später vor einem Trilliardenpublikum: 

-> Foo Fighters with Dave Catching, Rock am Ring 2015

Lektionen fürs Leben außer Death By Sexy: gern erzählt Hughes diese Geschichte über Benjamin Disraeli:

„The story is that he was walking along a very narrow sidewalk in a thunderstorm, and the gutters were full, and his political enemy was coming from the opposite direction. His enemy stopped short and glared at him, and said ‚I never step aside for a scoundrel.‘ And [Disraeli] tipped his hat, stepped into the gutter, and said ‚I always do.‘ Be the first one to step in the gutter, man. Just keep movin‘. I’m not gonna stop and bend ears for an asshole anytime, know what I mean?“