How beautiful she was. Und wie traurig. Das Lied vom einsamen Mädchen: Estella Blain, geboren als Micheline Estellat am 30. März 1930, Tochter einer Familie baskischen Ursprungs, verbringt ihre Kindheit im Montmartre-Viertel, in der Nähe der Pathé-Studios in der rue Francoeur, sieht dort fasziniert die Künstler kommen und gehen, singt nach dem Krieg in Pariser Terrassencafés, nimmt Schauspielunterricht, aus dem Traum wird ernste Berufung, 1953 spielt sie im Théâtre du Grand-Guignol neben Michel Piccoli, dreht noch im selben Jahr ihren ersten Film, blondiert ihr Haar, heiratet den jungen Schauspieler Gérard Blain, das schüchterne Mädchen wird zum Star, orientiert sich in Kleidungsstil, Frisur und Make-up an den Hollywood-Schauspielerinnen der 1950er, der Glamour verdeckt das Trauma der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie aufwuchs. Scheidung von Blain 1956, doch sie behält den Namen. Sie heiratet ein zweites Mal, sie hat einen Sohn. Sie ist Madame de Montespan in „Angelique und der König“. Sie dreht über 20 Filme in 15 aufregenden Jahren. Und erlebt dann, wie andere Idole die Fantasie der Öffentlichkeit bewegen.
Als sich in den 1970ern Produzenten und Regisseure nicht mehr für sie interessieren, kehren die Dämonen der Kindheit zurück, ihre Zerbrechlichkeit, Empfindsamkeit und Melancholie wandeln sich in Depression. Als der Sohn sein eigenes Leben zu leben beginnt, fühlt sie sich allein, elend, nutzlos.
Am Neujahrstag 1982 findet man sie am Strand in der Nähe ihres Hauses in Port-Vendres im Département Pyrénées-Orientales. Sie hat sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Für ihre letzte Reise wird ihr Körper nach Toulouse gebracht, im Beisein zahlreicher Künstler und Filmschaffender wird ihr Leichnam im Krematorium Cornebarrieu eingeäschert.
1967 oder 1968, die tragische Schönheit singt die Einsamkeit.
„Miss Muerte“ / „The Diabolical Dr. Z“, 1965, einer der Hauptgründe für Orson Welles‘ Begeisterung für Jess Franco.
Originally titled Miss Muerte („Miss Death“), this is one of Franco’s best movies. It was supposedly based on a novel by „David Kuhne,“ but it owes its essential plot to Cornell Woolrich’s novel THE BRIDE WORE BLACK, which Francois Truffaut would film two years later. THE DIABOLICAL DR. Z opens with the death of Dr. Zimmer, another Orloff disciple whose disfigured daughter (Mabel Karr) seeks revenge on the Medical Board responsible for shaming him into a fatal coronary. As the instrument of her vengeance, she employs an exotic dancer named Miss Death (Estella Blain), whom she brainwashes with a sadistic acupuncture machine and sends out into the male world with a translucent danceskin and poisoned fingernails. Franco himself plays the rather large supporting role of a police inspector, unable to sleep since becoming a father; his partner in detection is played by Daniel White, who composed the scores for many of Franco’s films.
Franco co-wrote this kinky melodrama with Jean-Claude Carrière, an unsung specialist in fetishistic storytelling who also scripted several of Luis Bunuel’s last films, like DIARY OF A CHAMBERMAID (1969) and THAT OBSCURE OBJECT OF DESIRE (1977). As embodied by Blain (who committed suicide in 1981), Miss Death is one of the most lethal divinities of European horror. Beautiful black-and-white photography suffuses the visuals with an unnerving, silvery, surgical sheen.
Tim Lucas, Horrotica, The Sex Scream of Jess Franco
Jesús Franco’s The Diabolical Dr. Z (1966) is a heady, atmospheric venture that stands out among the director’s works as one of his most striking films. With its singularly captivating female antagonist and a plot thick with gothic flair, Dr. Z was groundbreaking in several ways. The film presents a unique departure from traditional horror tropes, challenging the norms with a woman leading the charge into villainy, a rarity for its time and an element that adds to its enduring fascination.
[surgeonsofhorror.com, 2024]
In einem Interview sagte Jess Franco einmal, wenn er nur drei Filme aus seinem Werk für die Nachwelt erhalten dürfte, würde er sich für Succubus, Venus in Furs und The Diabolical Dr. Z entscheiden.
„Als Aljoscha mitten in der Nacht an den Knöpfen seines Radios drehte, fand er einen ihm bis dahin unbekannten Sender, der ein paar Stücke von The Fall durch den Äther schickte, der Gruppe um Mark E. Smith, dessen Vortrag sich zu Gesang verhielt wie ein Woolworth-Hemd zu einem Chanel-Kleid; nörgelige Bestandsaufnahmen, ultraweitschweifige, meterlange, tagelange Tiraden von stoischer Besserwisserei, mit dem linken Fuß zuerst aufgestandene, ins Mikrophon oder Megaphon gemäkelte Bezichtigungen, über einen knochentrockenen, eins überbügelnden Rhythmus hingegossen wie Bier über einen Pub-Tisch. Das Ganze klang wie Staubsaugen auf Kopfsteinpflaster und tat einem Mann mit einem Messer im Bauch notwendig gut.“
„Aljoscha der Idiot“, by me.
Michael Ruff über The Fall in der SPEX Mai 1988. Ein paar Exzerpte.
Ein Leben mit The Fall. Die einzige Band, die einen nie enttäuschen kann, weil sie sich nie entwickelt. Der Fehler liegt immer bei Dir, Freundchen.
Oder der flutlichtbestrahlte Super-Bash von ’86 mit Extra-Spot auf Brix, die Kleine vom Roten Planeten, und die reizende, Ballettwäsche tragende Marcia Schofield, die dann sogar einen Song singen durfte!
Das ist das Verschlagene an The Fall: sie haben sich immer entwickelt – sie haben sich nie entwickelt. Nie haben sie irgendetwas gemacht, was nicht sofort als The Fall zu identifizieren gewesen wäre, und doch ist ihre Karriere bestimmt von Wechseln, Fortschreiten, ungewöhnlichen Schritten und Experimenten.
(M.E.S. über The Frenz Experiment)
„Von den Songs haben wir drei in einem Studio in Brixton aufgenommen, das ungefähr so groß war wie dieser Tisch hier. Dementsprechend rauh ist auch der Sound geworden, und das bildet einen guten Gegensatz zu den tracks, die in den Abbey Road Studios entstanden sind. (…) ‚Hit The North‘ war der Song, von dem ich am meisten besessen war, und wir haben lange daran gearbeitet.“
(„Victoria“, The Kinks)
„Warum ich das singen wollte? Nun, ich hatte eine Vorahnung. Heute ist sie eingetreten, und alle Zeitungen schreiben, dies und das sei wie im viktorianischen Zeitalter. (…) Aber ich muß schon lachen, wenn das heutige England als viktorianisch bezeichnet wird – in der viktorianischen Zeit war entschieden mehr los (…) 1850 – Mädchen von 19 Jahren schreiben über Alchemie, Vikare über Hexenkraft. Es werden vorsätzlich völlig nutzlose gothische Gebäude gebaut. Das war bestimmt interessanter als England heute.“
(Sonic Youth)
„Sie möchten gerne The Fall Anno ’84 sein. Sie sind immer zwei Jahre hinter uns.“
Heißt also, dies heute sind The Fall Anno ’86. (…) Die neue LP ist also in etwa das, was die letzte sagen wollte.
Nach „Hotel Bloedel“ kommt mit „Bremen Nacht“ die inspirierende Wirkung einer Deutschland-Tournee erneut zum Tragen. Dabei hieß es früher, du magst Deutschland nicht besonders.
„Das stimmt nicht. Hier gefällt es mir eigentlich am besten. Der Song handelt von den Geschehnissen bei unserem letzten Auftritt in Bremen, es war in einer Universität, niedrige Decken, ziemlich voll. Ich fühlte mich nicht besonders (…), und nach dem Konzert begann ich, mich sehr merkwürdig zu benehmen, als wäre ich nicht Herr meiner selbst. Ich bin im Hotel herumgelaufen, habe überall geklopft und gefragt ‚Ist Steve Hanley hier?‘ Und Brix schrie immerfort, ich solle ins Zimmer zurückkommen. Ich bekam Haßanfälle und fürchtete, es sei der Teufel in mir, obwohl ich wußte, das konnte nicht sein. Aber als ich mich ins Bett legte, hatte ich überall am Körper diese roten Stellen, als hätten sich Fingernägel in mich gebohrt. Mein Rücken hatte rote Flecken, wie verbrannt. Das hielt acht Stunden. Jeder hat mir danach gesagt, ich wäre nicht mehr als ich selbst zu erkennen gewesen. Es muß irgendein Geist gewesen sein. Vielleicht ist das Gebäude während des Kriegs bombardiert worden oder ähnliches. Während des Auftritts fühlte ich, wie etwas an meinem Bein zog, aber das Publikum war nicht in Reichweite.“
The Fall
… werden populärer, weil keiner, der sie kennt, sie je vergessen wird und immer mehr dazukommen werden. Woher diese unbändige Beharrlichkeit?
„Ich schreibe Texte und bringe sie zu der Musik, die mir gefällt. So ist meine Persönlichkeit. Ich habe es auch anders versucht, mit ‚Hey! Luciani‘ zum Beispiel. Wir werden mit Michael Clark, dem Tänzer, demnächst auch live auftreten. Die Holländer wollen im Juni ein neues Ballett aufführen, für Wilhelm von Oranien, 250 Jahre Protestantismus und so. Es wird zwei Bühnen geben, eine für die Tänzer, eine für die Band. (…) Michael ist ein echter Fall-Fan, ist aus dem königlichen Hofballett wegen Leimschnüffelns rausgeflogen und dergleichen.“
M.E.S., married man, carry bag man. Ein Freund fürs Leben.
Moira Shearer, geboren am 17. Januar 1926 in Dunfermline, Schottland, tanzte seit 1942 am Sadler’s Wells Theatre, der führenden Bühne für Ballett in London, und stieg dort auf zur Primaballerina. Sie ist in drei Filmen von Michael Powell und Emeric Pressburger zu sehen, 1948 im Wunderwerk „The Red Shoes“, dem Ballett-Kultfilm schlechthin; 1951 in „The Tales of Hoffmann“; 1959 in „Peeping Tom“, jenem brillanten Film, der Michael Powells Karriere als Regisseur in Schutt und Asche legte.
1944 glänzt Moira Shearer als Odile in „Schwanensee“:
„In her black and gold dress, Moira Shearer had a burnished beauty that night that caught the breath as she made her dramatic entrance. Triumphant, evil, she took the stage with glittering assurance and slipped with ease into the exacting pas de deux and variations with a noble and romantic partner in David Paltenghi. With swift and dramatic touches she cast her spell over Prince and Court alike and then in a flash of baleful black and gold movement was gone, leaving an audience under an enchantment as irresistible as that woven in the tale.“ [1]
Zwei Jahre später begeistert sie als Aurora in „The Sleeping Beauty“,
„In the opinion of Arnold Haskell, one of the foremost ballet critics, she had a magnificently fluid style, great and unusual beauty and a fine intelligence. He wrote: ‚Shearer has an attack and self-possession altogether unusual in a young British dancer, gaining the sympathy and then the enthusiasm of the audience from the moment she stepped on the stage'“ [2],
1948 als Giselle (The Times: „… a performance outstanding for its poetry and lyricism“, 3)
und als Cinderella:
„Through it all Shearer moved with lyrical enchantment. In the first act she invested the part with a simple pathos and a wistful humour as, with her broom for a partner, she danced in imagination at the ball. Her arrival at the Palace was the crowning moment of the ballet. She was the fairy-tale princess of everyone’s dreams.“ [4]
Musical Opinion: „Moira Shearer made a most appealing Cinderella. The role suits her and her imagination and intelligent control of her technique, both of dancing and of mime, enabled her to suggest, unerringly, the many and swiftly changing emotions to which the little maiden is subject during the first really exciting moments of her life. (…) With Michael Somes, a noble and ardent Prince Charming, she is at her radiant best.“ [4]
Michael Powell in einem Interview über „The Red Shoes“:
„The salient feature of this film is simply Moira Shearer. Before this film could be started it was necessary to find a dancer on the brink of becoming a ballerina, about twenty years of age; beautiful; exquisit figure and legs; strength of character; who could dance all the classical parts; and finally a dancer who could act and not an actress who pretended to dance. If we had not found Moira Shearer we could not have made this film.“ [5]
„The press show of The Red Shoes followed ten days after her appearance as Giselle. Professional film previews are usually cold, unenthusiastic affairs but half way through the film, when the ballerina bows before the curtain at the end of the ballet, hardened critics burst into applause. An American reporter there said he had never heard this happen in all his experience of press shows. The same thing occurred at the premiere on July 18th.“ [6]
[Entwurf von Hein Heckroth für „The Red Shoes“]
Martin Scorsese, 2009 [independent.co.uk]:
„The first word that comes to mind about Moira Shearer in The Red Shoes is ‚radiant,‘ particularly in the way she was lit in the film and the angles used in her close-ups. The combination of actor/dancer seemed so natural for her. The nature of her physical build said so much about the character, even just a glance from her or a close-up.
The colour, the way the film was photographed by the great Jack Cardiff, stayed in my mind for years. The film would be shown every Christmas on American television in black and white, but it didn’t matter – we watched it. Even though it was in black and white on TV, we saw it in colour. We knew the colour. We still felt the passion – I used to call it brush-strokes – in the way Michael Powell used the camera in that film. Also, the ballet sequence itself was like an encyclopedia of the history of cinema. They used every possible means of expression, going back to the earliest of silent cinema.
It is a film that I continually and obsessively am drawn to.
The movie that plays in my heart.“
Allison Shoemaker, 2016, consequence.net:
If The Red Shoes was a bad movie, but with all the dancing intact, it would still be remarkable. Watch the film’s central ballet alone and you’re seeing one of the greatest sequences ever committed to celluloid. But even though the ballet scenes are easily the film’s most striking, dance is a bit of a red herring. The Red Shoes isn’t a dance movie … The Red Shoes is a movie about life.
As played by the luminous (an overused word, justly applied here) Moira Shearer, a ballerina making her film debut, Victoria begins the film with only one desire: to dance. Her drive steers her into the path of ballet luminary Boris Lermontov (the remarkable Anton Walbrook), who is completely uninterested until he sees that glint of possession in her eyes. „Why do you want to dance?“ he asks her. „Why do you want to live?“ she responds.
You learn everything you need to know about what comes next in that central, 20-minute ballet. It’s hallucinogenic, non-literal — no stage in the world has ever looked like that — and more about Victoria’s inner conflict than it is about Anderson’s tale. She’s consumed by her art but beginning, ever so slowly, to fall in love with the very person whose music underscores her thoughts. On one side, the man who would make her a truly great artist. On the other, the man who could make her happy. On her feet, the red shoes. How could anyone not be torn apart?
Whatever Powell and Pressburger sacrificed of themselves to get the film made, whatever deal with the devil or pound of flesh it required, it seems to have been worth it. The Red Shoes is a terrifying, visually stunning piece of filmmaking, and its distinctive aesthetic (thanks largely to the Oscar-winning work of German painter and theatre artist Hein Heckroth) keeps its surrealist landscapes from seeming even the least bit dated.
While beloved by cinephiles — Martin Scorsese cites the film as a favorite and personally spearheaded a seven-year restoration effort, the results of which can be seen on Criterion’s DVD release — The Red Shoes seems to have slipped from the larger cultural memory. It’s unlikely to come up in a round of pub trivia or shown in a double-feature with All About Eve (another great backstage film, which won the big award two years later). But watch it, and try not to wonder about who else is making such a choice, what artist is running away from a life of warmth and love in pursuit of a beast that never stops feeding. Watch and just try to forget it.
„The red shoes,“ Lermontov says, „are not tired. In fact, the red shoes are never tired.“
„The Tales of Hoffmann“ ist ein weiterer Lieblingsfilm von Martin Scorsese, und auch George A. Romero, der Regisseur von „Night of the Living Dead“, ist ihm verfallen: „I was just enthralled by it. Some of the imagery just sticks with you. It was the first music video, as far as I’m concerned.“ (Romero)
[1] Pigeon Crowle: Moira Shearer – Portrait of a Dancer, London 1949, 35 [2] Crowle, 47 [3] Crowle, 64 [4] Crowle, 69 [5] in: Crowle, 56 [6] Crowle, 65
Humanist ist Rob Marshall, ein englischer Musiker, Songwriter und Produzent. Marshall und Mark Lanegan kennen sich seit einer Soulsavers-Tour 2008; 2016 schickt Marshall per Email Songideen an Lanegan, der Lyrics dazu schreibt, und so erscheint Marshall bei der Hälfte der Songs von „Gargoyle“ (2017) als Co-Autor. Auf „Somebody’s Knocking“ (2019) setzen Lanegan und Marshall die Zusammenarbeit fort. Für sein Humanist-Projekt kann Marshall neben Lanegan so illustre Namen wie Dave Gahan und Peter Hayes (Black Rebel Motorcycle Club) gewinnen.
„Fernab liegt die Welt / Wie versenkt in eine tiefe Gruft“. Do it, scheint die Braut durch Zeit und Raum zu hauchen. Ritt durch nebelnächtiges Land, bis zum Rauschen aller Lebenstöne. Do it. Kann ich zurück zu meiner Hochzeit bitte? Und der Tod sagt, aber sicher, ich begleite dich.
I’m riding through the kingdom A ghost is riding by my side As we roll up to the kingdom Ours is just to ride or die
There is no medicine to cure us There is no medicine to take Beware the shark below the surface Beware the love that you forsake
Keep a-ridin‘ Keep a-ridin‘ baby
Death tripping through the kingdom Death is riding by my side We are rolling through the kingdom Ours is just to ride or die
Doctor are you gonna cure us Give us some medicine to take I am the shark below the surface I am the love that you forsake
Mama turn your floodlights on Let them radiate Turn your floodlights on Let them radiate
Lieblingsfilme: Was ist ‚großes Kino‘? [SPIEGEL ONLINE Forum], 2007 – 2009.
Christian Erdmann:
Während hier alles brachliegt, breche ich eine Lanze für Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Entgegen aller anderslautenden Gerüchte ist der Film nur lang, aber in keiner Sekunde langweilig. Im Zeitalter der screenshots ist es möglich, sich Gainsborough-Bilder an die Wand zu hängen, die nicht von Gainsborough sind, weil sie von Kubrick sind. Schauspieler, von denen man das nicht unbedingt erwartet – Ryan O’Neal, Marisa Berenson – gehen einem plötzlich mit der stillen Intensität an die Nieren, die Kubrick in ihre Gesichter gezaubert hat. Von Nebendarstellern wie Murray Melvin als Reverend Runt gar nicht zu reden, der seine geheime Liebe zu Lady Lyndon unter seiner zimperlichen Pietät verbirgt; wenn man Melvin am Spieltisch sieht, wie er der Blicke zwischen Redmond Barry und Lady Lyndon gewahr wird, und man Zeuge wird, mit welch minimalen Mitteln er ausdrückt, daß für ihn gerade eine Welt zusammenbricht, möchte man Helmut Berger zustimmen: „Es gibt keine Charlotte Rampling mehr“.
Der Film ist ebenso ätzende Satire wie distanziert-zärtliche Annäherung. Man fällt in Szenen hinein, bis die Erzählstimme ironisierende Kontrapunkte setzt. Ein ständiges Wechselbad zwischen tiefer, süßer Romantik (Barry und Lady Lyndon auf dem Balkon) und knallharter Entlarvung von Opportunismus und Oberflächlichkeit.
Bei der Duellszene zwischen Barry Lyndon und Lord Bullingdon nach 2½ Stunden war seinerzeit die Hälfte der Kritiker, die nach „Clockwork Orange“ von Kubrick offenbar alles, nur nicht dies, erwartet haben, vermutlich bereits eingeschlafen; mir hingegen stockte der Atem. Über 10 Minuten hinweg. Im Grunde ist „Barry Lyndon“ ein Actionfilm par excellence, nur daß der special effect, den Kubrick dabei einsetzt, darin besteht, die „Action“ aus Gesichtern hervorscheinen zu lassen, Gesichter entweder von einer dem Zeitalter entsprechenden Maskenhaftigkeit, oder, wie bei Redmonds Barrys Mutter, dem höflichen Highwayman-Räuber und seinem Sohn, oder dem englischen Offizier, den Redmond zu Beginn des Films brüskiert und hernach in einem Duell zu töten vermeint, von einer gnadenlos überzeugenden Authentizität. Souveräner und virtuoser als Kubrick, das in jeder Sekunde detailversessene Genie, führt niemand in die Mitte des 18. Jahrhunderts.
Händel, Vivaldi, Schubert, The Chieftains – nicht nur setzt Kubrick mit dem Einsatz der Musik immer, IMMER, auf unübertreffliche Weise Stimmungen, die Musik gehört so sehr zu diesen Bildern, daß man hinterher Schuberts Klaviertrio (opus 100) nicht mehr hören kann, ohne an Marisa Berensons stummes Leiden zu denken. Dös is faktisch, wie Joseph Roth immer sagte, außer für jene, die bei Schuberts Klaviertrio an Catherine Deneuve in „The Hunger“ denken, natürlich.
Unterschätztes Meisterwerk, ganz großes Kino.
Gwynplaine:
Auf jeden Fall! „Barry Lyndon“ bewundere ich sehr. Die Duell-Szene ist in der Tat sehr intensiv. Auch der Hass in Bullingdons Augen, als er von seinem Stief-Vater demütigende Prügel bezieht.
Christian Erdmann:
Das Großartige und Wunderbare ist, daß Kubricks angeblich immer so „kühler“ Blick und diese permanente Desillusionierung nicht verhindern, daß man genuine compassion mit diesen Figuren empfindet, noch nach 27 Stunden, als Redmond und Lady Lyndon am Bett ihres sterbenden Sohnes sitzen. Kubrick bringt einem, bei aller Kritik an ihnen, diese Figuren näher, als es viele andere „ach so intime“ Filme der 70er heute – wenigstens bei mir – vermögen. „Das siebente Siegel“ wird immer groß sein, aber „Szenen einer Ehe“? Gut, wichtig… aber nichts für mich.
BerSie:
Bei „Barry Lyndon“ möchte ich ergänzen, dass in den Innenräumen mit lichtstarken Objektiven nur bei Kerzenlicht gefilmt wurde! Damals eine Innovation!
Christian Erdmann:
Mit Equipment von der NASA! Marisa Berenson hat erzählt, daß bei manchen close-ups die Schauspieler sich keine Handbreit rühren durften, sonst wären sie aus dem Fokus verschwunden.
Ich könnte gar nicht aufzählen, wo überall ich, seit Marisa Berenson in „Barry Lyndon“, überhaupt nicht mit mir handeln lasse und auf Einwände bezüglich schauspielerischer Leistung sofort in verständnisloses Anstarren verfalle, im günstigsten Fall die Virtuosität zartester Mundwinkelbewegungen rühme und insgeheim eine Karriere als Minnesänger ins Auge fasse. Kann mich noch gut erinnern, wie mal, als ich 15 war oder so, Wolf von Lojewski den Film „The Jungle Princess“ mit Dorothy Lamour ansagte und dabei schwer didaktisch wurde. Als der Film vorbei war, beschloß ich: ich höre dich nicht, Wolf von Lojewski, nie mehr.
Christian Erdmann:
Marisa Berenson in „Barry Lyndon“ ist so verstandraubend, ich krieg‘ immer SO’N Hals wegen Redmond, wenn er seinen Tabakqualm in ihr Antlitz bläst.
Sagte ich schon, daß „Barry Lyndon“ der Lieblingsfilm von Brian Eno ist? Wahrscheinlich schon. Das Leben ist ja auch deshalb oft so unverständlich, weil es Menschen gibt, die sich nicht sofort beim ersten Auftauchen von Lady Lyndon in Spa in sie verlieben.
Es war einer dieser Tage, an denen nichts so ist, wie es sonst ist. Anfang oder Mitte der 90er Jahre, im großen Saal mit ebensolcher Leinwand, im Schloßtheater in Münster. Eigentlich wollte ich ‚Barry Lyndon‘ sehen, zum allerersten und bis heute letzten Mal. Irgendwie habe ich das auch, und dann doch wieder nicht. Normalerweise kann ich problemlos zwischen ‚Im Film, in der Geschichte sein‘ und ‚Zwischendurch einmal die Machart bewundern‘ wechseln, wobei ich meistens bis auf kleine Millisekundenausflüge komplett in der Geschichte bin beim ersten Viewing. Aber damals saß ich nur so da in diesem Kinosessel – völlig umsetzungshingerissen – und habe mich first and foremost seit der Kerzenszene den Restfilm über immer nur gefragt „Wie zum Henker haben die das gefilmt?“, weil nirgendwo Anzeichen für eine andere Beleuchtung als eben diese Kerzen auszumachen waren. Makes perfect sense, lichtstarke Objektive von der NASA. Was auch sonst, Kubrick halt … trotzdem, ich kann mich überhaupt nicht an die Geschichte erinnern, die Du – zusätzlich zur Umsetzung und vor allem Marisa Berenson – so wunderbar und bewundernd beschreibst. Lediglich Ryan O’Neal ist bei mir hängengeblieben nach ‚Paper Moon‘, dachte so bei mir „Was für ein gutaussehend-blasiertes Arschloch dieser Mann, in dieser Rolle, einfach großartig“, während ich den Film nicht sah. Da fällt mir ein, ich muss Peter Greenaway in meine Lieblingsfilmliste aufnehmen, weil ich bis ‚Prosperos Bücher‘ alle seine Filme eben in jenem Schloßtheater erwischt habe.
Anonym:
(Annette to Barry Lyndon) …wenn ich Ihren Blog weiter verfolge, kann ich meinen Job an den Nagel hängen, nur noch all dies in mir, was mich so sehr an das erinnert, das ich liebte. Thackereys „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ hat mal zu meinen geheimnisvollen Top Ten gehört, die man nie wirklich erklären kann. Eine Berührung ohne Grund. Den Film von Kubrick kenne ich noch nicht. Die Szene, die Sie zum Abspielen hineingestellt haben, ist a-tem-be-raubend. Ich werde mir nun ein Kino mieten, ein Glas Schampus einschenken und schauen! Monsieur, wie halten Sie all das aus!
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Britta: *Neglected masterpiece* wie „Marnie“, I seem to have a penchant for those. Mich verwirrt immer, wenn Kubricks Filme, zumal dieser, „kalt“ genannt werden. Weil jemand Leidenschaft, Herz und Seele in seiner Kunst nicht nach gängigen Klischee-Vorstellungen zeigt? Finde die zweite Hälfte von „Barry Lyndon“ in ihrer Intensität manchmal kaum auszuhalten. Ein guter Satz, den man bei imdb lesen kann:
„[…] so beautiful to look at that it almost becomes artistic pornography (in the sense of creating intense emotion).“ Auch: „The film’s greatest scene – the gambling table, where Barry and Lady Lyndon stare at each other in the candlelight like clockwork figures forced into humanity, is a masterpiece of cinema translating minimalist acting into genius …“
Ist es wichtig, daß der Erzähler mit ironischer Überlegenheit kommentiert, was wir sehen und hören? Schon. Bedeutender aber ist, wie die Intimität und Tiefe der Bilder, wie all die subtilen Gesten und Blicke die Selbstsicherheit des Erzählers unterminieren. Wie Ryan O’Neal Barry eine Komplexität gibt, die eine Beschreibung als irischer Halunke, Opportunist & upstart oberflächlich bleiben läßt. „Barry Lyndon“ betritt man wie eine Welt, und man gleitet durch sie wie durch einen Traum. Kubrick gibt einem die Zeit dazu. Und in there fühlt man, wie unendlich komplexer alles ist, als selbstgerechte Kommentare glauben machen wollen. So wie man hinter der makellosen Beherrschtheit und scheinbaren Unnahbarkeit bei Marisa Berenson a flood of emotions erkennt. Bis mit ihren Tränen die Geschichte absolutely heart-wrenching wird. Und man verläßt diese Welt mit derselben Melancholie, mit der man aus manchen Träumen erwacht.
Marisa Berenson bekam die Anweisung, schon Monate vor Drehbeginn jedes Sonnenlicht zu meiden. :)
Nach meinem Greenaway-Elaborat (pej.) auf SPON könnte ich auch forschen. Ray und ich hatten da mal diese Perückenphase. „Der Kontrakt des Zeichners“ und „Drowning By Numbers“, meine Favoriten von Greenaway.
Ich habe übrigens einen Brief von Murray Melvin (Reverend Runt), eine äußerst liebenswürdige Antwort, die er auf dem Briefpapier eines Theaters in Nordwales schrieb, wo er in einer Inszenierung von „The Devils“ gerade dieselbe Rolle spielte, die er auch in Ken Russells Film hatte (Father Mignon): „It’s a sort of rebirth and a very strange feeling.“
Annette: a-tem-be-raubend. Nichts weniger. Zu Zeiten kenne ich überhaupt keine atemberaubendere Szene der Filmgeschichte, hands down. Es wäre mir aber sehr lieb, wenn wir all das zusammen aushalten könnten, zumindest bis wir alle unseren Job an den Nagel hängen und auf dem Zauberberg der geheimnisvollen Top 10(0)(0) einchecken, empfangen von Händels Sarabande im Kubrick-Arrangement, ready for one spellbinding experience after another. Naja. Sorry it took me wild. Was ich eher NICHT mehr aushalte, ist dieser ganze Dödelkram, mit dem man zugeschüttet wird.
Matt Packer, thequietus.com, 29.07.2016:
For Barry Lyndon is not just a hidden gem in the Kubrick canon that struggles for attention among glitzier company. It is, by monolith-shattering light years, the director’s greatest achievement – certainly the Kubrick Fan’s Kubrick Film; the one that his most ardent devotees consider to be the optimal showcase for all of his finest flourishes: ravishing symmetry, plunging depth-of-field, immaculate script structure, clever casting – every supporting player as crucial to the overall mosaic as the leads – and outstanding performances, particularly from co-stars Ryan O’Neal and Marisa Berenson. Oh, yes… and matchless, faultless music timing – the kind that, if you really focus on it, sprains your mind with its agonising levels of concentration.
Ryan O’Neal’s lead performance is flat-out astonishing, and confoundingly under-acknowledged. This is, in every sense, his captain Willard or Michael Corleone: a whole, three-dimensional figure who feels more like a real person than a scripted character worn by an actor. O’Neal sells Redmond’s three-hour transition from sympathetic underdog to contemptible bum with exquisite subtlety.
Marisa Berenson doesn’t even make her first appearance in the film until the 99th of its 187 minutes, but more than earns her co-star billing, exuding ornate poise and bone-China fragility as a woman who doesn’t realise she has let a morally rabid dog into her home until it’s too late. Drawn at first to Redmond’s chivalric veneer – a mirage cultivated on the Chevalier’s watch – the Countess of Lyndon eventually crumples into the countenance of a bagged-up cat that has been hurled into a river in the company of a brick. Never much of a household name, despite her superb showing in the film, Berenson follows Lolita’s Sue Lyon and 2001’s Keir Dullea in the distinguished line of ace Kubrick finds that are almost wholly identified by their work with the director.
Marisa Berenson:
„I liked him [Kubrick] very much. He had a lot of dry humour. Contrary to what people think – they have this image of Stanley as this difficult ogre – he wasn’t at all. He was a perfectionist but every great director I’ve worked with has been a perfectionist. You have to be to make extraordinary films.“
Vielen Dank für das Feature! Mittlerweile gibt es also Filmkritiker, die in „Barry Lyndon“ nicht nur den schönsten Film aller Zeiten sehen, sondern ihn sogar als Kubricks besten Film bezeichnen. Jedenfalls finde ich es überaus erfeulich, daß Marisa Berenson und auch der vor zwei Jahren leider verstorbene Ryan O’Neal noch erleben können (konnten), wie ihre schauspielerischen Leistungen in dem Film endlich angemessen gewürdigt werden. Bilgi Ebiri zum Beispiel schreibt:
„I think O’Neal gives an excellent performance, and I would direct anyone who does not agree to the scene where he faces his dying son on the deathbed. O’Neal’s performance is perfect — at first, averting his eyes, avoiding eye-contact, and then facing his son, trying to lie to him, telling him that he’s not going to die. Listen to the way he whispers his lines, and to the way his voice breaks as he does so. This kind of emoting without affecting is SO difficult, even for the finest actors, that I still have a hard time believing that he was acting in that scene. When he finally breaks up — it’s shattering, every time I watch it, and I’ve watched this scene many times. Also, note how well his delivery of the story of his heroics matches his earlier delivery of the same story. His intonations are the same, but this time he’s got tears in his eyes, and he can’t keep it up — his voice breaks up and he falls apart. O’Neal portrays this deterioration so well that it’s terrifying.“
Barry verliert ja nach dem Duell mit Lord Bullingdon ein Bein, und Ryan O’Neal hat erzählt, Kubrick habe ihn gefragt, ob er sich das Bein amputieren lassen könne. Offenbar war er tatsächlich für einen Moment nicht sicher, ob Kubrick das ernst meine. „I wasn’t sure if he meant it or not.“ – In diesem Sinne, alles für die Kunst :), wünsche schöne Weihnachtszeit! Gruß, CE
Brücke-Museum Berlin, 24. November 2025. Das Brücke-Museum kann immer nur 2% seines Bestandes in den Ausstellungsräumen präsentieren, drei Monate lang sind derzeit ausschließlich Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff in einer umfangreichen Werkschau zu sehen. Zwei andere Gründungsmitglieder der „Brücke“, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, haben mich immer sehr beeindruckt, mit dem Werk von Schmidt-Rottluff war ich nicht so vertraut. So nutzten wir den Tag nach dem Konzert von Black Rebel Motorcycle Club im Astra Kulturhaus, um diesen mythischen Ort zu sehen, holy ground, das Brücke Museum selbst versäumt nicht, immer wieder daran zu erinnern, daß David Bowie, ein großer Bewunderer des Expressionismus und der Brücke-Künstler, während seiner Zeit in Berlin häufig hier war und zuweilen auch Iggy Pop mitnahm. Manchmal, so die unwidersprochene Legende, fuhr Bowie den Weg von seiner Wohnung in der Hauptstraße 155 bis nach Dahlem mit dem Fahrrad. Bowie ist mit der Geschichte des Brücke-Museums ebenso untrennbar verbunden wie mit der Kunst selbst: hier hatte Bowie das Gemälde „Liebespaar zwischen Gartenmauern“ von Otto Mueller bewundert (-> Today’s Best Song Ever: David Bowie – Heroes); „Roquairol“, das Gemälde von Erich Heckel,
inspirierte die Plattencover sowohl von Iggy Pops „The Idiot“ als auch von David Bowies „Heroes“.
Roquairol war also nicht zu sehen; there is always a next time. Aber es war phantastisch, das Werk von Schmidt-Rottluff zu entdecken. Es war ein schöner Tag mit ihm. Die Ausstellung läuft bis zum 15. Februar 2026.
Bildnis S. (Rosa Shapire), 1911
Sinnende Frau
Blauer Mond
Fischerbucht
Blaues Fenster
Geweihfarn und gelber Krug
Im Atelier
Stilleben mit Steinplastik
Ferner Mond
Augustnacht
Und irgendwo hier hat David Bowie sein Fahrrad abgestellt.
Interview mit David Bowie, Tagesspiegel, 2002:
Welche Orte würden Sie in Berlin gerne wieder aufsuchen?
Da ich so ein Kunstfan bin , würde ich gerne mal wieder ins Brücke-Museum gehen…
…die Sammlung der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ am Rande des Grunewalds.
Ja, genau. Diese Periode hat mir persönlich immer besonders gut gefallen. Das wäre so etwas wie eine Pilgerreise für mich.
Die Bilder von Otto Mueller und anderen haben ja offensichtlich damals auch Ihre eigene Malerei inspiriert.
Ja, sehr stark. Es waren aber auch noch viele andere deutsche Künstler für mich wichtig.
Und wirkt dieser Einfluss noch bis heute?
Ich denke, ich war damals so besessen davon, dass er mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Er ist Teil meines Vokabulars als Künstler geworden.
Ich halte Schlager für einen gewinnorientierten Ausdruck der Musikindustrie, um an die niedersten Instinkte des Menschen zu appellieren. Das kann ich als Verfechter der Aufklärung und als übergeordnet legitimierter Erzieher des Menschen so nicht hinnehmen. So werde ich weder Schlager noch seichte Kinderlieder in meinem Haushalt absegnen können, da ich mich in der Pflicht sehe, die abendländischen Kulturwerte zu verteidigen.
Es sind auditive Reize, die den Menschen zur asozialen Vereinzelung zwingen. Der Schlager, als Gattungsbegriff der hörbaren Vereinsamung, lebt der Welt eine Vereinfachung und emotionsüberhöhende simplizistische Seinsentfremdung vor; das autistische Glücksbeharren hedonistisch agierender Selbstverfremdung entgrenzt den Menschen seiner musikalischen Möglichkeiten. Bildungspolitisch sehen wir also eine Verantwortung, die sich nicht nur dem bloßen Wünschen ergeben sollte.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer. Die Zeit. Die trennt auch jeden Sänger und sein Lied. Denn die Zeit ist das, was bald geschieht. Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Traum und Träumer. Die Zeit. Die trennt auch jeden Dichter und sein Wort. Denn die Zeit läuft vor sich selber fort. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Denn er wird niemals alt. Die Hölle wird nicht kalt. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Heute ist schon beinah‘ morgen. Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Sohn und Vater. Die Zeit. Die trennt auch eines Tages Dich und mich. Denn die Zeit, die zieht den längsten Strich. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Denn er wird niemals alt. Die Hölle wird nicht kalt. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Heute ist schon beinah‘ morgen. Die Zeit – alle Zeit – Ewigkeit. Zeit macht nur vor dem Teufel halt.
Die hörbare Vereinsamung, die Zeit im Zeitalter ihrer BarryRyanisierung, da geht ein Mann die Gleise entlang -> in Baden-Oos und im autistischen Glücksbeharren, durch den kalten Nebel der Selbstverfremdung, und der Supptext stellt bohrende, entgretzte Fragen. Wenn heute schon beinahe morgen ist, weil durch die vor sich selbst fortlaufende Zeit ein Loch entsteht, kann Henri Bergson durch das Loch kommen? Was macht den Teufel alterslos? Die Zeit, die zieht den längsten Strich, oder wie Ryan formuliert: „Schtrikch“. Wo ist dieser Strcikc, auf dem wir alle gehen, auf den wir zugehen, auf dem Strich dem Strich entgegen, dem längst gezogenen? „Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß.“ (Jil Sander). Oder, um Jil Sander zu zitieren: Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Aber ist der problembewußte Mensch von heute der problembewußte Mensch von heute oder von beinahe morgen? Das eben fragt uns Barry Ryan, dieser Eulenspiegel der Selbstentfremdung, dieser Selbstbespiegler der entfremdeten Eulen.
Christian Erdmann:
Wenn schon deutscher Schlager, entdecke ich halt lieber die 60er. Ricky Shaynes „Ich sprenge alle Ketten“ ist so viel charmanter als jedes Stück von, ich weiß nicht, werden Juli und Silbermond auch unter deutscher Schlager verbucht? Marion Maerz hat damals mit „Er ist wieder da“ ein Stück abgeliefert, bei dem auch Phil Spector die Pistole in der Tasche gelassen hätte und an dem es rein gar nichts zu mäkeln gibt, selbst wenn man das verobjektivierte Trauma, daß da gerade keiner bei Marion anruft, mittlerweile durch den Shakespeare’schen Lyrics-Kosmos von Nick Cave oder Peter Hammill ersetzt haben mag.
Die „CDs der Woche“ feiern gerade gebührend die Wiederaufstehung des Marc Almond, nach einem Motorradunfall dem Tod von der Schippe gesprungener Gänsehautverursacher im Non-Stop Erotic Cabaret, und bei der Gelegenheit fällt einem auf, daß es diese Tradition in Deutschland, im deutschen Schlager eben einfach nicht gibt, mit extremer äußerer Künstlichkeit extreme Authentizität zu produzieren, den torch song, in dem sich die Seele bloßlegt. „Seele“ wird im deutschen Schlager der Gegenwart in der Regel nur gespielt, und das sehr gruselig.
Zwei, drei Songs von Rosenstolz allerdings lassen mich am Kreuzweg knien im kalten Licht des vollen Mondes, und es kommt ja nicht von ungefähr, daß Marc Almond sie für eine Zusammenarbeit kontaktierte.
Francoise Hardy. Von mir aus könnte sie auch das Telefonbuch singen. Francoise Hardy war als BRAVO-Girl und mit diversen Songs in Deutsch Teil der hiesigen Schlagerszene, die damals wiederum, wenn auch mit teilweise sehr kruden Resultaten, Teil der internationalen Schlagerszene war. Marion Maerz aber hat einen Song von Ray Davies (The Kinks) singen können, und das ganz wunderbar.
Irgendwann fing der deutsche Schlager an, nurmehr in der eigenen Suppe herumzudrögeln. Der „internationale“ Touch mutierte für eine Weile noch zur Mischung aus deutscher Tümeligkeit und deutschem Fernweh, dann war der Ofen aus.
Insgesamt sind Schlager hierzulande, statt etwas über das wirkliche Leben zu erzählen, einfach zu sehr Kompensationsangebote für sehr bestimmte Zielgruppen. Es fehlt nach wie vor völlig die Komponente Charisma, Authentizität, was auch immer, die über den Song hinausgeht, die auch das Genre transzendiert. Wenn Johnny Cash sang, war die Kategorie „Country“ viel zu klein.
Muffin Man:
Das französische Chanson thematisiert gewissermaßen das Schattendasein; das hierbei vermittelte Frauenbild ist jedoch, daß die Frau ob ihrer Rolle als Opfer der Verhältnisse sich betrübt und wehmütig Ausdruck verschaffen darf…
Christian Erdmann:
Francoise Hardy ist sicher ein Spezialfall französischer weiblicher Melancholie, aber sie folgt entschieden ihrem eigenen Plan. Sie ist ihr eigener Entwurf. Warum war Emma Peel in den 60ern so populär? Diana Rigg kombinierte Stärke und betont feminine Weiblichkeit, dabei ziemlich kinky und alles andere als Opfer der Verhältnisse. In der Popgeschichte gab es so viel mehr Frauen, die sehr eigene bis eigenwillige Vorstellungen künstlerisch umgesetzt haben, als uns die Gegenwart weismachen will. Seltsam, wenn die Proklamierer selbst das Proklamierte, das schon lange vor ihnen existierte, eher abschaffen als durchsetzen. Die „Girl Power“ proklamierenden Spice Girls haben in den 90ern als bloßes Marketingtool eher einer Verschiebung von Power zur Pose Vorschub geleistet. In den Erscheinungsformen, die Sie wahrscheinlich mit dem „vermittelten Frauenbild“ meinen, lag sehr viel mehr Subjekthaftigkeit als Objekthaftigkeit, Girl Power war schon immer, Mädchen/Frauen, die genau das Bild vermittelten, das sie selbst vermitteln wollten.
Sich in den Songs wirklich zum Subjekt über die eigene Geschichte machen – das ist, was man im deutschen Schlager eher vergeblich sucht.
So, Beichstuhl ist offen: Geständnisse zu Liedern, die ich wirklich liebte. Katja Ebstein, Wunder gibt es immer wieder, erstens hat sie recht, zweitens ist ihr Gesang phantastisch und drittens mußte man sich bis über beide Ohren in sie verlieben. Auf YouTube gibt es ihren Auftritt beim ESC auch mit der Kommentatorin des irischen TV, die Katjas „most striking outfit“ rühmt. Most striking, sowas Ähnliches dachte der 11jährige auch, als er diese Erscheinung sah.
Und das Arrangement von Christian Bruhn ist brillant.
Alexandra hatte eine wunderschöne Stimme und sang von Sehnsucht nach Russland, tatsächlich tourte sie mit dem Orchester Hazy Osterwald 1967 durch die Sowjetunion. Die Melodie berührte meine noch sehr junge Seele, und bald darauf beschloß ich, daß die Hymne der UdSSR, heute die russische, die schönste der Welt ist, sorry.
Dieses Lied habe ich erst durch die NDR-Schlagernacht mit Bernd Begemann entdeckt, bei der Marion Maerz auch zu Gast war, Begemann begleitete sie auf der Gitarre für diesen Song. Bezauberndste B-Seite des deutschen Schlagers.
Wer Alice ist (war), wer Ellen? Ich fürchte, ich weiß es bis heute nicht, aber ich war immer hochentzückt, sie zu sehen. Mein Vater pfiff und sang Songs der Kessler-Zwillinge mit Leidenschaft.
„This is a magnificent piece of performance art, combining early 60’s glam, kitsch, chic, camp, elegance and schlock.“ Cheesy? „Hauen Sie ab, ich warne Sie!“ (Bob Dylan). May they rest in peace.
[Nur damit keine Mißverständnisse aufkommen: Barry Ryan war ganz ganz groß.]
SPIEGEL ONLINE Forum „Lieblingsfilme – was ist ‚großes Kino‘?“
08/2009
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Ansonsten, heute nacht: „Die Nacht des Leguan“. Richard Burton auf der „phantastischen“ Ebene, am Ende der Welt, zwischen Ava Gardner, Deborah Kerr und Sue Lyon.
ray05:
Ava Gardner ist eine für Herzogs obszönen Dschungel. „Diva“ ist ein zu schwacher Begriff für die Frau, ich kann da gar nicht hinkucken. :)
Christian Erdmann:
Da kennen wir keine Gnade, ray. Keine.
Bei den Dreharbeiten für „The Night of the Iguana“ muß es gebritzelt haben bis Texas. Elizabeth Taylor war anwesend, um Burton vor Ava zu beschützen, die wiederum mal mit dem ebenfalls vor Ort wachenden Peter Viertel zusammen war, der mittlerweile aber mit Deborah Kerr verheiratet war. Man wäre ja geneigt zu sagen, Burton war nie besser, aber da ist noch „Becket“.
07/2010
Cugel:
Ebenfalls mit Ava Gardner und ganz großes Kino: Die Nacht des Leguan. Mit dabei ein wie immer genialer Richard Burton als strauchelnder Priester sowie eine allerliebste Deborah Kerr.
Christian Erdmann:
Ja, Sie sagen es, gehört unabdingbar in mindestens eine schwüle Sommernacht pro Jahr. Wenn ich so müde wäre wie jetzt, würde ich wahrscheinlich einfach nur nicken, wenn jemand behauptet: gleich alle drei, Burton, Gardner, Kerr, auf den Achttausendern ihrer ohnehin überragenden Kunst. Und wer „allerliebste Deborah Kerr“ schreibt, darf meinetwegen sowieso behaupten, die Welt sei eine Cugel.
Cugel:
Anmerken möchte ich noch, dass in dem Film eine meiner Lieblingssterbeszenen stattfindet. Hoch über der Brandung auf einer umwucherten Terrasse sitzend, nach vollbrachtem Leben in den wolkenumhangenen Vollmond schauend endlich den Stock wegwerfen und vielleicht noch ein schwaches „also gut, ich bin soweit“ denken… das wär’s doch. Wird aber schwierig.
Christian Erdmann:
Vorher der älteste praktizierende Poet der Welt werden, bitte.
Nonnos letztes Gedicht, das alle zum Schweigen bringt, die letzten Wolken, die am letzten Mond für ihn vorbeiziehen, Deborah Kerr, die irgendwas, irgendwen bittet: Oh God, please can’t we stop now… ja.
Hannah ist ja wie Laura in „Die Glasmenagerie“ und Blanche (Streetcar) einer dieser Rose-Charaktere. Rose, Tennessee W’s Schwester, zu der er ein so obsessives Verhältnis hatte, schön, ätherisch, schlank, blond, verstört, als schizophren diagnostiziert, Lobotomie. Can’t we stop now… nach der Nacht des Leguan läßt er sie gehen, das Schicksal von Rose, für das er sich immer schuldig fühlte, akzeptierend, er läßt etwas gehen, das schon lange vergangen ist. Nachdem sie, in Gestalt von Hannah, ihn, in Gestalt von Shannon, vielleicht verstehen ließ, wie man mit seinen Blauen Teufeln leben kann.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
22.05.2020
Moves:
Meine Güte, 2010, das muss ein anderes Universum gewesen sein. Da fanden Szenen noch statt :-))) … unsichere Gehversuche im SPON-Forum. Ein Haifischbecken, wo sich Aljoschas und rays05 tummelten. Aber immerhin glitzerten sie schön, wenn die Sonne durch die Wellen brach und die schönsten Hockneys auf den Grund malte.
Wegen Deborah Kerr und Ava Gardner muss man dem Polytheismus verfallen. Ein Göttinnenhain, gegen den Asgard und der Olymp nur graue Vorzimmer sind, darin Zeus und Odin sich einen Schreibtisch teilen und eifersüchtig über ihren Zugang zu den Göttlichen streiten.
In „From Here To Eternity“, poetischer geht es nicht, da liegt Deborah Kerr mit Burt Lancaster nachts am Strand auf Hawaii in einer einsamen Bucht, und man merkt, wie das Meer es bitter bereut, seinerzeit Aphrodite schaumgeboren zu haben und nun versucht, Deborah Kerr auf ebensolche Weise wieder zurückzuholen. Vermutlich wurde die ganze Aktion nur deshalb abgeblasen, weil Mr Lancaster infolge der erotischen Verschlingung ja auch mitgekommen wäre, als Beifang sozusagen, oder Wermutstropfen?
Anyway… Meeresbrandung im Mondlicht auch in der Nacht des Leguan, wie ein roter Faden. Brandeten die Fluten auch in Quo Vadis? Wobei ich bei diesen alten Filmen immer verdrängen muss, dass der Mondschein kein Mondschein ist sondern die Sonne und nur die Blende soweit zugedreht wurde, dass es wie Nacht aussieht…
Ach Ava, Du hast Cpt. Towers einfach ziehen lassen in „On the Beach“, selber schuld der Typ, wenn er lieber mit seinen Kumpels in seiner Blechbüchse in See sticht anstatt die letzten Tage mit ihr zu verbringen. Nicht eine Silbe der Überredung hat sie an ihn verschwendet, der arme Tropf. Immerhin schaut sie ihm von den Cliffs herab nach, während die Kamera so tief sinkt, dass die auslaufende „Sawfish“, sein U-Boot, perfekt vom Windschutzscheibenrahmen ihres schnittigen kleinen Cabrios eingerahmt wird.
„You never take me alive, said he“
24.05.2020
Christian Erdmann:
„Wegen Deborah Kerr und Ava Gardner muss man dem Polytheismus verfallen.“ – Ganz entschieden. Trägerinnen heiliger Macht. Schließlich ist Antirat ja auch ein Tempelbezirk, dem Untergang geweiht, ein Reich erotisierter Wehmut. :)
„… und man merkt, wie das Meer es bitter bereut, seinerzeit Aphrodite schaumgeboren zu haben und nun versucht, Deborah Kerr auf ebensolche Weise wieder zurückzuholen.“ Ein so schöner Satz, daß darunter LA NASCITA DE VENERE von Respighi zu hören ist.
„From Here To Eternity“ – die Schauspielerleistungen sind alle phantastisch (Donna Reed als Lorene!), aber Deborah Kerr in diesem Film, da steht mir der Verstand still. Tatsächlich ist alles, was an ihrer poetischer-geht-es-nicht-Szene mit Burt Lancaster am Strand mythisch wurde, kein Mythos. Könnte hier
stundenlang zusehen.
So very beautiful: Deborah Kerr am Set.
„Brandeten die Fluten auch in Quo Vadis?“ – Fluten roter Haare. Von Deborah Kerr besitze ich tatsächlich ein Autogramm, hier in einer Überblendung mit Lygia.
Sie ließ mir diese Widmung großzügigerweise zukommen, nachdem ich ihr einen komplett konfusen, für sie wahrscheinlich äußerst rätselhaften Brief geschrieben hatte, der von ihren roten Haaren handelte und daß sie mich an ein früheres Leben erinnern, und davon, daß ich nach „Quo Vadis“ geträumt hatte, in der Arena zu stehen mit ihr und den anderen, kurz bevor die Löwen losgelassen werden, und wir singen „All The Young Dudes“ von David Bowie. Der Audiokommentar der „Quo Vadis“-DVD spricht von Deborah Kerrs „tremendous gracefulness“, sie war a trained ballerina, aber gemeint ist natürlich auch eine Form von Anmut des Charakters. Schrieb hier über Robert Mitchum:
„Neben all seinen anderen Vorzügen hatte Mitchum noch einen überaus bedeutenden Charakzerzug: er schätzte Deborah Kerr mehr als alle anderen Partnerinnen. Er meinte mal, sie könne ihre Szenen in der Schweiz spielen und er in Maryland, das Ergebnis wäre trotzdem perfekt. ‚Heaven Knows, Mr. Allison‘ ist auch noch so ein schwacher Punkt von mir, Mitchum als Corporal Allison, der auf einer Insel strandet, auf der sich erstmal wenig befindet außer Schwester Angela, Deborah Kerr als Nonne. Und die konnte ja Nonnen wie keine andere.“ Vgl. Black Narcissus. Das hier -> ist nicht von mir, obwohl es von mir sein könnte.
Good Lord, „On The Beach“ hast Du mir schon vor vielen Monden als einen Deiner Lieblingsfilme beschrieben, und ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Das ändert sich jetzt, I promise. Vor nicht allzu langer Zeit sah ich diese Doku über Ava Gardner, über ihre Zeit in Spanien als, well, Göttin der Ausschweifung, und als klassisches Steinbock-Mädchen voller Selbstzweifel.
Ein komplett anderes Universum. :) Daß die Lieblingssterbeszene stattfindet, fand ich gerade schön. Ich glaube aber nicht, daß Ray und ich die Haie im Haifischbecken waren. Wenn doch, konnte man uns immerhin erkennen. :) Nicht nur uns, es gab ja noch identifizierbare Individualität. Ein abermals relaunchtes Kryptoforum existiert ja noch, aber ob man da schreibt oder nicht, es ist ein Tropfen im Ozean. :)
„On The Beach“. Gregory Peck, Ava Gardner, Anthony Perkins, alle schon immer voller Zuneigung, Bewunderung, Respekt gesehen, aber durch ihr Wirken in diesem Film werden sie immer very special sein. Du hast mir die Szene einmal geschildert, Dwight Lionel Towers und Moira Davidson in dem Zimmer dieser Herberge, in der betrunkene Australier „Waltzing Matilda“ gröhlen, bis der Gesang plötzlich andächtig wird für die Zeile „You’ll never take me alive, said he“.
„In diesem Satz ist alles zusammengefasst. Moira und Towers haben keine Zeit. Sie wird ihn und er wird sie niemals lebend bekommen, behalten. Sie schauen sich an. Diese Erkenntnis, obschon längst vorher latent vorhanden, lässt sich plötzlich nicht mehr unterdrücken. In ihren Blicken ist alles versammelt: Bestürzung, Trauer, Verlangen, und Liebe! Sie fallen sich in die Arme und küssen sich endlich. Als alter Romantikjunkie kann ich diese Szene noch immer nicht anschauen ohne feuchte Augen zu bekommen.“
So hast Du es damals perfekt beschrieben. Was man aber eigentlich nicht beschreiben kann, ist Ava Gardners Blick, kurz vor dem Kuss. Bestürzung, Trauer, Verlangen, Liebe. Aber noch etwas anderes, etwas fast Überirdisches. It’s otherworldly.
Vieles an diesem Film wird unvergeßlich sein. Wie Ava Gardner sagt: „I wanted to walk down the Rue de Rivoli. And I wanted to buy gloves.“ Das mysteriöse Morse Code Signal aus San Diego, das bittere Lächeln, als das Rätsel gelöst ist, und wir erinnern uns, wie die Besatzung am Funkgerät irgendwann die Worte „Water“ und „connect“ dechiffriert hatte. Ava Gardner, als sie das Segelboot zum Kentern bringt, ihr Schrei, Gregory Peck, der sie, die Hand an exponierter Wohlgeformtheit, ins Boot hochschieben darf, ihr hinreißendes Lachen, Fred Astaire mit dem Fernglas die Szene beobachtend: „It’s like looking at a French movie.“ Die fürchterliche, todtraurige Verlegenheit nach „Sharon is the most terrible liar that – „ Die verlassene Golden Gate Bridge, das U-Boot, das unter der Brücke in die Bucht gleitet, das menschenleere San Francisco durchs Periskop. Swain, der an Land schwimmt. Gregory Pecks Stimme aus dem U-Boot-Lautsprecher beim letzten unheimlichen Dialog zwischen Towers und Swain in seinem kleinen Boot: „We won’t be coming back.“ – „I know.“ Das Periskop so unwirklich nah. Then gone. Gone forever.
Fred Astaire und sein Ferrari. Wie Ava Gardner über ihn sagt, voller Zärtlichkeit: „He doesn’t make the slightest bit of sense.“ Das Plakat THERE IS STILL TIME .. BROTHER. Das letzte Glas Sherry für Lieutenant Hosgood und ihren Vorgesetzten, Admiral Bridie, der sie fragt: „A girl like you – why no young men?“ – „They never asked me. I guess maybe it was the uniform.“ – „To a blind, blind world.“ Wie Gregory Peck schließlich erklärt, daß er mit der Crew in See stechen wird, zurück in die USA, für die allerletzten Tage und Stunden, und es doch nicht erklären kann. Moiras Verzweiflung, aber keine Vorwürfe, keine Szene, nicht eine Silbe der Überredung, nur: „It’s been nice, Dwight Lionel. It’s been everything.“
Just love, kindness, tenderness. IT’S BEEN EVERYTHING.
Und wie schließlich Peter zu Mary sagt: „And I want you to know that I could never have been happy with anyone in the world but you.“ Wie auch Mary aus ihrer Totentrance erwacht schließlich sagen kann: „We have been happy and fortunate“, während dieser letzten Zärtlichkeit auf Erden. All das, und doch wird nichts so unvergeßlich sein wie Ava Gardners Blick.
Mit 7 oder 8 sah ich einen japanischen Film, bei dem ich mir am Ende die Augen aus dem Kopf heulte. Ich werde nie mehr heraufbeschwören können, welcher Film das war, aber wie unendlich traurig er war, werde ich nie vergessen. Sätze wie „Still haunts me to this day all these years later“ finden sich zu „On The Beach“ auf YT in Hülle und Fülle. Habe ich die USS 623 Sawfish umkehren lassen? Sure.
Danke dafür, daß Du mir diesen Film ans Herz gelegt hast. Took me a while but now I got it.
Kommentarsektion Antirationalistischer Block
03.06.2020
Moves:
20 Jahre, vermutlich noch länger (mein Zeitgefühl unterschlägt meistens mindestens 10 Jahre, wenn nicht die Hälfte) warte ich darauf, bei jemandem eine ähnliche Begeisterung für diesen Film zu wecken… nein, zu finden! wie ich sie selbst hege, seit ich ihn zum ersten Male sah. Welch Labsal, finally!
Normalerweise blicke ich in gelangweilte bis verständnislose Gesichter, wenn ich die Handlung grob umreisse: ein Katastrophenfilm, um Himmels Willen. Aber niemand soll sagen können, er habe von nichts gewusst, es sei ihm nicht ausführlich genug erklärt worden, wenn Armageddon anbricht und das große Sortieren losgeht. Also mache ich weiter und erzähle von meinen Lieblingsszenen, von dramatischen Abschieden, von leisen Abschieden, von einsamen Abschieden und von traurigen Abschieden, bei denen auch noch das Licht ausgeht.
„Hast Du On the Beach gesehen, und hat er Dich umgehauen?“ wird eine ohrenbetäubende Donnerstimme rufen, und ein großes Gestammel und Wehklagen wird anheben unter den Banausen.
Einer meiner besten Freundinnen erzählte ich begeistert von der Hotel-Szene, rezitierte Waltzing Matilda, schilderte Blicke und Gesten und zeigte ihr schließlich den Ausschnitt auf YT. Aber sie mag nicht, wenn Frauen Männer „auf diese Art anschmachten und anhimmeln“. Eine verlorene Seele. I did my very best!
In Erinnerung geblieben ist mir auch die Szene, als sich Dwight Lionel von Julian verabschiedet. Er besucht ihn in seiner Garage und teilt ihm mit, dass er am nächsten Morgen auslaufen wird. Beim Hinausgehen hält er kurz inne, ein letzter Gruß, Julian schaut nicht auf, „also dann“ (mein Gehirn liefert mir nur die Synchro, und auch die nur ungefähr). Es ist wohl die vollkommene Endgültigkeit dieses Abschieds, die mich so fasziniert, obwohl ich sie mir für mich selbst nicht wünsche. Ein einfaches „also dann“ muss und wird genügen für die Ewigkeit, soviel ist sicher, als hätte man die Worte einen Tag früher abgedreht als den Rest der Welt.
Ganz anders dann auf dem Kai. „IT’S BEEN EVERYTHING“, und man merkt, man fühlt, wie die Ewigkeit hier aufschreit vor Wut unter diesem Schlag, unter diesen Worten. Damit hat sie nicht gerechnet. Sie hat doch noch nicht einmal richtig begonnen, aber schon war etwas ALLES. Heul doch, Ewigkeit!
Ich haderte lange mit dem prosaischen Titel „On The Beach“, fand sogar das deutsche „Das letzte Ufer“ besser und passender und liebäugelte lange mit „From Here To Eternity“ als Alternativtitel, der war aber leider schon vergeben, eine Poesie-Bazooka, viel zu schade für Burts, Montys, Franks und Ernests Testosteronfestspiele. Nur wenn ich mir vorstelle, Deborah lässt sich nicht auf Hawaii, sondern auf einem Strand einer Insel in der Ägäis von Meeresbrandung umspülen, mit einem marmornen griechischen Tempel auf hohen Klippen im Hintergrund, die Säulen weiß im Mondlicht schimmernd und noch lange nicht jahrtausendschwer, ja, dann geht’s.
To a blind, blind world.
05.06.2020
Christian Erdmann:
Es gibt ein Ava Gardner-Museum in Smithfield, North Carolina, das auch einen Official Ava Gardner Blog betreibt. Fand da einen Auszug aus „Ava: My Story“, ein Buch, das ich dringend auftreiben muß, sie schreibt zu „On The Beach“: „Though I’d read the book, Stanley’s script made me weep. You couldn’t say it was marvellous – that was somehow the wrong word. It was compelling, tragic, moving, chilling… It was a fictional scenario, but my God, everyone in the cast and crew knew it could happen. And that added a dimension of reality to the unreal world of filmmaking that none of us had experienced before.“
Im Museum gibt es eine „On The Beach“ lobby card, auf die Gregory Peck geschrieben hat: „A gloomy film, but Ava at her best.“ – „The two were lifelong friends.“ – Tatsächlich war „On The Beach“ „one of Ava’s favorite projects, and in Ava: My Story she summarizes her feelings on the film: ‚I was proud of being part of this film, proud of what it said.'“ ♥
Ava Gardner: All I wanna know is… if everybody was so smart – why didn’t they know what would happen!
Gregory Peck: They did.
Deborah Kerr über die iconic beach scene: „It wasn’t about seduction – it was about two people finding one honest moment in a world built on lies.“