Inforadio rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg), „Quergelesen“, Mitschnitt der Sendung vom 27.05.2007
Vito von Eichborn im Gespräch mit Harald Asel
„Eichborn, Jahrgang 1943, war Lektor bei S. Fischer, gründete 1980 den Eichborn Verlag mit einem Programm von Spontisprüchen und Walter Moers bis hin zur Anderen Bibliothek. Er hat für Senator Entertainment den schwächelnden Europa Verlag aufgebaut und ist seit 2006 Herausgeber der Reihe Edition BoD im Verlag ‚Books on Demand‘. Den umtriebigen Buchmacher mit Lust auf Risiko traf ich auf der Leipziger Buchmesse.“
Vito von Eichborn über „Aljoscha der Idiot“ von Christian Erdmann auf der Leipziger Buchmesse 2007 (ab 14:30):
Transkript:
(ab 16:05)
„Etwas bleibt – wissen Sie das im Vorfeld schon?“
„Nein! Alle Zeitgenossen haben sich immer geirrt. Die Zeitgenossen hielten Gutzkow für bedeutender als Goethe. Ich maße mir nicht an, irgendwelche Ewigkeitswerte auch nur ansatzweise beurteilen zu können. Ich kann nichts anderes tun als ein gutes Handwerk zu liefern und zu hoffen, daß was Bleibendes dabei war. Das Meiste verschwindet; in dieser Zeit jetzt ohnehin, in der Beschleunigungszeit. Welches der Bücher oder der Autoren bleibt, für die ich verantwortlich war – es wäre vermessen, darüber auch nur nachzudenken. Aber alle Erfahrung sagt, irgendwas wird schon bleiben. Ich habe Spuren hinterlassen – welche es sind, weiß ich nicht. Das müssen die Späteren beurteilen.“
„Wie ist das jetzt mit Ihrer neuen Herausgeber-Tätigkeit hier bei Books on Demand, mit dieser Edition? Auch da ist es ja so, durch die neuen technologischen Entwicklungen ist es möglich, von der Auflage 1 bis zur Auflage 1.000.000 alles zu liefern, was der Markt braucht. Gleichzeitig ist das große Problem, wie kommen eigentlich die Themen wiederum an die Leser? Wie erfahren die davon? Und da gibt es ja nun bei vielen die Befürchtung, egal ob ich jetzt eine Auflage drucke, die feststeht, oder ob ich sage, ich setze das ins Internet und warte, bis irgend jemand auf die Idee kommt, das Buch möchte ich gerne haben, und drucke es dann – die Wahrnehmungsschwelle wird immer höher. Was machen Sie da? Was ist da Ihre Idee?“
„Naja, zunächst mal bleiben wir auf dem Teppich. Ich wähle aus den Büchern aus, die die Autoren selbst bei BoD veröffentlicht haben, und sage zu jedem dieser Bücher: dies ist ein Buch, das es verdient hat, in einer Buchhandlung geführt zu werden. Oder: dies ist ein Buch, das genausogut in einem herkömmlichen, traditionellen, etablierten Verlag hätte erscheinen können. Das behaupte ich von jedem dieser Bücher, und danach wähle ich aus. Das ist noch nicht die Frage nach Größe. Sondern zunächst mal ein gewisses Maß an Professionalität dieser Autoren, so daß ich es für handelsverträglich halte.
Und dann gibt es so einen Fall wie dieses neue Buch jetzt, ‚Aljoscha der Idiot‘ – das ist ganz große, ganz ganz große Literatur. Und es ist anspruchsvoll. Und es ist zu anspruchsvoll für den Markt. Je intelligenter ein Buch, um so weniger Leser gibt es dafür. Das ist so intelligent, daß die herkömmlichen Verlage es ablehnen, und sie lehnen ein Juwel ab.“
(ab 22:20)
„Dann gibt es jemanden, der philosophiert, wunderbar. Bis zu jetzt meinem neuen Liebling im Moment gerade, Aljoscha, ‚Aljoscha der Idiot‘ – bitte unbedingt lesen, allesamt! ‚Aljoscha der Idiot‘ ist ganz große, ganz ganz große Literatur. Sie ist nicht leicht, ich warne, man muß sich ein bißchen Mühe geben. Aber dann ist es ein traumhaft gutes Buch.“
Die altpersische Hölle ist leicht zu erreichen: man geht ein Stückchen auf des Messers Schneide und fällt dann kopfüber.
Aus dem 7. Jahrhundert vor Christus stammt die altpersische Vorstellung, daß die Seele nach einem Jenseitsgericht von einem Mädchen und zwei Hunden zu einem Gestade gebracht wird; um auf die andere Seite zu gelangen, in das himmlische Reich, muß eine Brücke überschritten werden. Diese Brücke ist wie ein Schwert beschaffen; schmal wie die Schneide eines Schwertes. Die Seele des Gerechten fällt nicht von der Schneide. Die Seele des Ungerechten aber gelangt nur bis zu dem Punkt, an dem die Schwertbrücke am höchsten ist, von dort aus fällt sie in die Hölle, mannigfaltigen Qualen entgegen.
Zarathustra variierte diese Vorstellung. Die Seele, die beim Tod den Körper verläßt, ist weiterhin der Empfindung und der Bewegung fähig, so lehrte Zoroaster. Sie verweilt drei Tage in der Nähe des Leichnams. Am vierten Tag bricht sie zum Gerichtstermin auf, begleitet von einer Schar aus guten Geistern und bösen Dämonen.
Sie erscheint vor drei Richtern, die ihre Taten auf die Goldwaage legen. Wenn entschieden ist, ob die guten oder die bösen Taten überwiegen, steht ihr der Gang über die Brücke der scharfen Schneide bevor. Die Seele, die leicht über die Schneide kommt, verstärkt die Kraft des Guten im Reich des Ahura Mazda. Die böse Seele aber wird von den Dämonen aus dem Gleichgewicht gebracht und fällt in die immerwährende Finsternis der Hölle. Oder wird, nach anderer Version, vom Anblick der Mißgestalt ihrer eigenen dâenâ, ihrer eigenen gestaltgewordenen Bosheit, so erschreckt, daß sie fällt. Die Hölle hat den Namen „Haus der Lüge“.
1989 erschien ein Stück der Einstürzenden Neubauten mit dem Titel „Haus der Lüge“. Blixa Bargeld dürfte keine Beschreibung der persischen Hölle intendiert haben: sein „Haus der Lüge“ hat zwar wie die Hölle mehrere Geschosse, ist aber eher Vision des gesamten Weltenbaus. Im obersten Geschoß begeht Gott Selbstmord: „Gott hat sich erschossen / Ein Dachgeschoß wird ausgebaut“. Platz für die Willensfreiheit oder die Mächte des Bösen. Eben weil das „oder“ zwischen „Willensfreiheit“ und „Macht des Bösen“ zu oft durch ein Gleichheitszeichen ersetzbar schien, hat man die Hölle erfunden. Bargeld versetzt sich nach ganz unten, in die höllische Unterkellerung: „Untergeschoß / Dies ist ein Keller / Hier lebe ich / Dies hier ist dunkel, feucht und angenehm (…) Dies hier ist ein Schoß.“ Die sardonische Stimme könnte Swedenborgs Ansicht bestätigen, daß die Bösen im Genuß des Bösen leben.
Jedenfalls bestätigt sie den Schoß als den Ort, der Gott gefährlich wird.
„Ich hatte einen alten Onkel, welcher durchaus geradlinig dachte. Er stellte mich einmal auf der Straße und fragte: ‚Weißt du, womit der Teufel die Seelen in der Hölle plagt?‘ Ich verneinte, worauf er sagte: ‚Er läßt sie warten.'“ (C.G. Jung)
„Der Höllenhund sitzt ihm im Nacken“, titelte die Berliner Zeitung im März 2012, als „Blues Funeral“ erschienen war – heute, November 2013, bereits das vor–vorletzte Album von Mark Lanegan. Man könnte dagegenhalten, daß vielmehr Mark Lanegan dem Höllenhund im Genick sitzt. Immer dem Drachenschwanz nach. Zwei echte Hunde soll er besitzen (remember: ein Mädchen und zwei Hunde), aber alle Fakten zu Mark Lanegan wirken seltsam unwirklich. (So auch seine Vorliebe für das Basketball-Team der L. A. Clippers, ein Team im Schatten der Lakers, das es selten in die Play-offs schafft).
Die Hölle als postmortaler Aufenthaltsort ist ausgetauscht gegen die Idee: wenn wir nicht mehr in die Hölle kommen, kann die Hölle immer noch zu uns kommen. Ob als Privateigentum oder als zwischenmenschliche: die Hölle ist noch heiß. Brennend aktuell sozusagen. Hing früher das Seelenheil von der Frage ab: wie vermeide ich die Hölle?, so plagt den Privathöllenbewohner von heute vor allem die Frage: wie komme ich aus ihr wieder heraus? Die Hölle ist von einem Ort zu einem Zustand geworden.
Und Mark Lanegan ist von einem Mann zu einem Mythos geworden. Das Mysterium steht ihm besser als Fakten, weil die übernatürliche Tiefe seiner Stimme – und damit meine ich nicht nur „Lanegan’s subterranean rumble of a voice, sounding like it’s been dragged through the fires of hell more than once“, sondern vor allem die Intensität, die quality of being deep – buchstäblich den Abstand zwischen Himmel und Hölle öffnet. Weil sie den Raum zwischen Fegefeuer und Erlösung bebildert mit mythischer Dringlichkeit.
„They’re riding, they’re riding / a hellhound down the hill / They’re sinking, they’re sinking / into the ocean, beautiful and still.“ – Harborview Hospital
Weil sie einem gehört, der Höllenqualen ausgestanden hat. Weil sie einem gehört, der das Licht gesehen hat.
„Greg Dulli and Mark Lanegan“, schrieb pitchfork.com 2008, „are two of the most intimidating dudes in rock’n’roll, their lengthy discographies littered with bad drugs, bad women, and the violence (physical, emotional, and spiritual) that surrounds these bad situations.“
Im subterranen Mojo Club ist „When Your Number Isn’t Up“ das erste Stück. Es war auch 2010 im Uebel & Gefährlich das erste Stück. Vielleicht eine Art Fetisch, mit diesem Song zu beginnen. Du hättest schwören können, daß deine Nummer aufgerufen war. The blood running warm. Overdue to follow. But you’re still above the ground. Also ist noch Zeit auf des Messers Schneide. Immer dem Drachenschwanz nach. Muß der Weg sein zu einer sister of mercy, zur Sphinx. Muß.
Mark Lanegan trägt jetzt eine Brille. Auch so ein Trick. Im Mojo Club stehen Stuhlreihen, und wir sitzen in der ersten Reihe. Schuhgröße 48 oder so. Zwischen Songs wischt er mit diesen Schuhen manchmal über den Boden, als würde er Glut austreten da unten. Sehr weit unten. Zwei brillante Gitarristen: Jeff Fielder aus Seattle, den Lanegan durch Isobel Campbell traf (auf „Imitations“ ist Fielder zusammen mit Mark Johnson auf 10 der 12 Stücke zu hören), und Duke Garwood, der als special guest zuvor ein Solo-Set spielte, unfaßbar brillant und bad-ass. Zuweilen steuert Garwood auch eine Art Saxofon-drone bei. Vor Garwood war noch der Belgier Frederic Lyenn Jacques aufgetreten, bei Lanegans Set am Bass, auch schon 2012 in Lanegans Tourband. Veredelt wird der Abend noch durch zwei Streicher, die gelegentlich zu dezenter Percussion wechseln: Jonas Pap am Cello und Sietse van Gorkom, Violinist von Lady Dandelion.
„The Cherry Tree Carol“ von Lanegans „Dark Mark Does Christmas 2012“-EP, dann „One Way Street“, dann „The Gravedigger’s Song“ und „Phantasmagoria Blues“ von „Blues Funeral“.
„I have given to you Jane / A torn and tattered love / But do you hear the tolling bells / That ring down from above / I thought I’d rule like Charlemagne / But I’ve become corrupt / Now I crawl the promenade / To fill my empty cup“. Wie die Dinge so gehen, immer dem Drachenschwanz nach: das Album Phantasmagoria von The Damned gab dem Song seinen Namen: „That’s a favourite record of mine.“ Von mir zufällig auch. Das Mädchen auf dem Cover von Phantasmagoria ist heute übrigens Missus Nick. Susie Bick, verheiratet mit Nick Cave. Da wir beim Herzerwärmenden sind, man höre, was Lanegan über den großen, großen, großen John Cale sagt (dessen „I’m Not The Loving Kind“ er auf „Imitations“ covert):
„He’s been one of my heroes since I was a kid. I love all his records and all his different directions. If there’s anyone if I sort of used their career as a guidepost, it would be him because he just does exactly what he wants. It’s always interesting. It’s always great. He’s probably my favorite artist of all time.“
Es folgen fünf Songs aus dem Schwarzen Nachtisch, den Lanegan vor einigen Monaten mit Duke Garwood servierte – „War Memorial“, „Mescalito“, „Cold Molly“, „Driver“ und „Pentacostal“. Magische Intensität, die einen doch sehr ehrfürchtigen Enthusiasmus auslöst. Falls Sie es nicht wußten: enthousiasmós heißt des Gottes voll.
Dann die „Imitations“, die keine sind: „Pretty Colors“, „Mack The Knife“, „You Only Live Twice“ („the grandeur and drama of the Bond theme replaced by a delicate weariness“) und das herzzerreißende „Solitaire“, der Neil Sedaka-Song, den auch Andy Williams sang; alles, was jemals cheesy war an diesem Song, ist verflogen, Austreibung der Dämonen schließlich auch eine Spezialität von Lanegans Stimme.
Aus dem Nichts dann „Satellite Of Love“, ohne Ankündigung, wozu auch, wer nicht weiß, daß dies ein Song von Lou Reed und ein Salut an ihn ist, der wird auch alles andere nicht wissen, nie. Yours Truly ist den Tränen nah.
„There is no morphine, I’m only sleeping / There is no crime to dreams like this“. Wer nicht auf die Knie sinkt, wenn der große, große, große Chris Goss bei Lanegan auf diesem Refrain landet, well, ich werde nicht verraten, in welche altpersische Hölle das führt. „Mirrored“ und „On Jesus‘ Program“, für die Zugabe steht Lanegan nur mit Fielder auf der Bühne – ein furioses „Halo Of Ashes“.
Keine Ahnung, wie Lanegan durch die Menge an den Merch-Stand gekommen ist. Vermutlich auf übernatürliche Weise. Jedenfalls sitzt er irgendwann da und schreibt seinen rätselhaften Schriftzug auf irdische Produkte.
„Hello!“ sage ich.
„Hey man!“ sagt er, einer der „most intimidating dudes in rock’n’roll“.
„Und, wie war es?“, fragte die Mama im Kindergarten mich heute, aber sie meinte Nick Cave. Ich erzählte ihr, daß ich gestern Mark Lanegan die Hand gegeben habe. Frieda, her 7 year old girl, fragte, ob das Glück bringt. Ich sagte, ja, bestimmt. Frieda und ich gaben uns die Hand, und ich sagte, „Jetzt geht das Glück durch meine Hand in deine Hand.“ Sie sagte: „Aber dann hast du kein Glück mehr!“ Ich sagte: „Ich geb dir mein Glück.“
I’ll find some more, irgendwo auf des Messers Schneide.
Today’s Best Song Ever:
It comes to line the road with scarlet flowers Creatures begin to stir in a rush Through summer days that last a thousand hours Til nighttime drops down in a hush
A choir brightly sing Shine like an heirloom ring
Within the tomb that has the light interred In time will she release her prisoner No sound at all the cold is swallowing The rise and fall of some black hooded thing
A solitary bird Hides beneath its wing
Til ivy paints the wall with green again And all God’s creatures start to crawl From when the harvest moon is vanishing A lonely crow begins to call
Als ich „Physical Graffiti“ nach Hause getragen hatte und die Platte auf meinem Bett zum ersten Mal hörte, gab es diesen Moment, nach einer halben Minute „Kashmir“, da ich mich ungläubig erhob und dann einfach nur im Raum stand und mich nicht rührte, in Trance, 8 Minuten lang. Mein Zimmer lag plötzlich an einem unbekannten Ort. Ich war 16, und was Jimmy Page, Robert Plant, John Paul Jones und John Bonham vollbrachten in diesen hypnotischen, majestätischen Minuten auf dem Weg in ein zeitloses Reich, hatte unwiderrufliche Auswirkungen auf meine Neurochemie. Dieser Song gehört zu den größten Errungenschaften der Menschheit. In 100 000 Jahren wird dies der rätselhafte Monolith sein, den eine andere Zivilisation entdeckt.
Ich schreibe Ihnen von REM, aber erstmal wünsche ich eine gute Zeit in Berlin und mit Killing Joke!
The weather’s fine, the sky is blue, it’s perfect for our seminar. Grounded, 5 a.m., the nightlite is comforting, hoffentlich, bevor wir dann den Siebenuhrmorgensbus zurück nehmen. Nach dem Konzert ist sowieso alles egal. Hier ist das Siouxsie-Alice-in-Wonderland-Ripoff mit Robert in prominenter Position. Erwarte dann bei Rückkehr Ihren REM-Report, Miss Secret Agent!
Oh, nein, kannte ich nicht, sehr amüsant… hab mich nie so mit Siouxsie befasst, ehrlich gesagt.
Berlin in einer Donnerstagnacht dürfte zu bewältigen sein. Notfalls bieten die Bahnhöfe 24h Coffee. Der Siebenuhrmorgensbus war auch unser am 21. April. Bericht wird angefertigt, Sir.
Nie so mit Siouxsie befasst? Sie sehen mich gerade ziemlich befassungslos!
Genau, am Nachtende stehen immer die Vanilleshakes bei NaSiewissenschontodsünde im neuen, an eine Escher-Zeichnung gemahnenden Bahnhof, der mit den irgendwie irrealen Ebenen, wir haben das schon 2x für Nine Inch Nails hinter uns. Erzählte ich Ihnen schon, daß ich beide Male ein Jeordie White-Plektron erwischte? Manchmal hab ich Sauglück.
Zwischen zwei Menschen wird in den ersten zwei Sekunden ihres Zusammentreffens entschieden. Alles. Zwischen Siouxsie und mir – nichts. „Israel“ lässt mich tanzen, aber sonst – nichts. So ist es eben. Roberts Zeit bei Siouxsie schien mir immer wie Verrat an The Cure. Außerdem höre ich einfach lieber Männerstimmen – love is not an option, love is never free.
REM live. Hätte nie gedacht, dass es mich so mitreißt. Bin eigentlich eher aus Freundschaft mitgegangen. Die Freundin, wohl der größte REM-Fan Hamburgs, wollte unbedingt in die erste Reihe, wir waren um 16 Uhr vor der Absperrung und sind mit viel Glück zeitgleich mit den Bändchen tragenden Hardcore-Fans in die Halle gelaufen (ein Security Mann hat uns aus Versehen mit den Bändchenträgern verwechselt, vielleicht fand er die Regelung genauso bescheuert wie ich, und so standen wir tatsächlich ganz vorn, direkt vor der Treppe, die Michael dann auch hinabsteigen sollte. We Are Scientists lieferten keine besonders interessante Musik, dafür eine ganz liebe und charmante Ausstrahlung.
In der Umbaupause ging meine Freundin Bier holen und in der Zeit riefen Nachbarinnen die Ordner herbei, sie sollten eine Frau aus der Menge ziehen, die betrunken und kurz vor Unwohlsein sich nicht mehr halten könne. Der Ordner kam zu mir und meinte, meine Freundin sei betrunken und ich solle sie aus der Halle bringen. Sie können sich mein Erstaunen und gleichzeitige Belustigung nicht vorstellen. Ich sagte, dass es sich ganz gewiß nicht um meine Freundin handelte. Er sah mich zweifelnd an (Nicht?) und ich konnte nur noch lachen. Der hatte keine Lust, seinen Job zu machen. Als Paula zurückkam, erzählte ich ihr die Story und zeigte ungeniert auf den Kerl, der sich dann erstmal im Hintergrund hielt. Hah, wir waren bestens gelaunt. Und so auch Michael. Sein Auftritt nahm alles und alle in seinen Bann und die Show war unfassbar kraftvoll und gleichzeitig entspannt. Eine Live Band, die sich nicht mehr groß beweisen muß, es aber dennoch mit Leichtigkeit tut. Die aufgestellten Gummi- und Plastikdinosaurier erhielten auf den Boxen nicht nur ihren Stammplatz, sondern auch ihre Bedeutsamkeit. Politische Ansagen, Erinnerung an die Reagan/Bush-Ära (ja, er verglich die beiden und sah keinen Unterschied), der er einen Song widmete, Amnesty International vor Ort und in Erwähnung. Und schließlich sehr persönliche Erinnerung an seine Jugend, in der er hart arbeiten musste, um sich über Wasser zu halten, der er den Song Time After Time widmete. Am Ende des Songs hatte er Tränen in den Augen, drehte sich für einen Moment weg. Bester Song von der Accelerate für mich: Hollow Man.
Außerdem sämtliche Hits, großartig immer noch Drive (Tausend Hände folgen Michaels „tickenden“ Händen, ein großartiger Moment!), The Great Beyond (I‘m looking for answers..), The One I Love (FIRE!!!!), Losing My Religion sowieso. Der genauso wie die Dinos immer vorhandene, aber nie benutzte Notenständer flog im hohen Bogen, nachdem die Lyrics in unsere Richtung geschleudert waren. Paula bat einen freundlichen Roadie um diese und erhielt eine ganze Handvoll der kostbaren Papiere. Sogar der schüchterne Mike kam einmal zu uns hinunter und grinste uns breit an, was wohl ein äußerst seltenes Ereignis ist. Michael schritt besagte Treppe dreimal hinab, hielt Hände, umarmte, riß die Arme hoch, riß sein Hemd hoch, tanzte. Als er beim letzten Mal zu uns zurück kam, blieb er neben Paula stehen und hielt singend und grinsend etwa eine halbe Minute ihre Hand. Sie können sich vorstellen, wie gerührt sie war, noch Stunden später, (nach Hause gehen kam nicht in Frage), aufgedreht, losgelöst, entrückt im Kaiserkeller tanzend, den wir mit nur etwa 8 weiteren Besuchern teilten und uns darum nicht genierten, den DJ beständig um REM Songs zu beschwatzen. Wir waren wieder 16 in der Nacht und es war gut.
Beautiful report! Sie wissen ja, welche Bedeutung R.E.M. mal für mich hatten, vor allem in einem bestimmten Interim, sagen Sie Paula, ich besitze ein Tape von dem R.E.M.-Konzert in der Großen Freiheit 1989. Wir waren präsent, und mir bleibt unvergeßlich, wie plötzlich, weiß nicht wieso, Bill Berry, wohl auf dem Weg für Kleine Mädchen, vor mir stand und mir einen großen freundlichen Blick schenkte. Oh doch, ich kann mir vorstellen, wie gerührt Paula war. „Reckoning“ mit „Time After Time“ (und vor allem mit „Seven Chinese Brothers“) war meine erste, ich hatte einen Artikel gelesen über die Band, und Stipe war mir aus 2 Gründen sofort ultrasympathisch: er erzählte von sich, daß er a) überallhin mit dem Fahrrad fahre und b) alles Mögliche mit der Schreibmaschine abtippe. „Lifes Rich Pageant“ wird aber immer besonders sein, weil sie teilhatte an den rapiden Bewegungen polierter Augen.
Dann kamen „King Of Birds“ und „You Are The Everything“. Ich bin aber nicht Mainstream-R.E.M. Ich liebe „Me In Honey“ mehr als „Losing My Religion“ und „Sweetness Follows“ mehr als „Everybody Hurts“, „Suspicion“ und „Hope“ von „Up“ sind fast am allerwichtigsten von allen und zu „Monster“ habe ich so manches, was dann „Aljoscha“ wurde, in eine Schreibmaschine gehackt.
Daß wir Realisten wären in der Sphäre des Phantastischen
„Was wird jetzt geschehen?“
„Ich weiß es nicht, Aljoscha.“
„Warum wird es geschehen?“
„Wer weiß, nach welchen Mustern sich Verbindungen knüpfen.“
Im Hintergrund ein Lied ohne Worte, Welten taten sich auf und zogen vorbei, und zwischen sieben Kerzen lag das Wissen, für jeden und für alles gibt es einen, der nicht nur murrt „Versteh’ ich nicht“ – das Wissen, daß manche nur mit einem goldenen Traum auf die Reise geschickt werden, eigentlich unzulänglich Ausgestattete, jedoch mit einem Herz voll Zubehör, das zum Hab und Gut für irgendeinen irgendwo geeignet wäre… auch wenn sie eine Liebe bringen, der tapfer standgehalten werden muß.
„Ich habe nicht gewußt, wie feinfühlig eine Frau ist, wenn sie liebt… noch nie hat mich eine Frau gefragt, was Elena mich fragt. Noch nie hat eine Frau so von mir wissen wollen. Ich kenne selbst noch kaum die Antworten. Aber zum ersten Mal traue ich meinen Träumen. Weil zum ersten Mal nicht ich es bin, der sie erregt.“
Das Lied ohne Worte hieß Memory Gongs.
Bruder für ein Jahr und einen Tag. Vielleicht wird es noch einmal so sein an einem silbernen Meer. Eine Narrenprozession am Horizont. Zwei Töne, die sich abwechseln, weil Wind durch eine Geisterharfe weht. Den Fuß auf heiliger Erde, zwischen den Rossen, die Lotus rupfen, noch einmal zwei Gefährten am Vorabend des Unfaßbaren, am Ende einer Zeit. Es stand geschrieben, daß wir Realisten wären in der Sphäre des Phantastischen. Vielleicht wird es wieder so sein, wenn alles war, was immer ist. Daß wir uns Mut und Willen leihen, damit Liebe die Rüstung der Athene tragen kann.
Unsinn, Bürschlein.
„Die Charaktere sind fiktiv“, bemerkte der Regisseur. „Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig.“
„Aber es besteht Ähnlichkeit mit lebenden Personen“, protestierte Aljoscha.
„Unsinn, Bürschlein.“
„Ach, Sie sind es wieder!“
„Nein, ich bin es selbst. Der alte Matthäus war nur so eine Maskerade von mir. Sieh hin! Das da, die im Film, das ist Irena Dubrovna!“
„Das weiß ich.“
„Den Film habe ich als Medium benutzt!“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
„Wenn du alles schon weißt, was willst du dann eigentlich hier, Puschkin?“
„Tuschkin.“
„Der Film war das Mittel, mit dem ich deine Empfänglichkeit schärfen wollte. Ich mußte es tun, um das Wissen des Unwißbaren zu ermöglichen. Nicht schlecht, was?“
„Können Sie mir nicht meine Augen herausnehmen?“
„Was ist los?“
„Nichts.“
„Du solltest auf die Knie fallen vor der Einzigartigkeit eines jeden Menschengesichts, von dem dereinst die Tränen abgewischt werden in der jaspisumringten Stadt!“
„Das tue ich, Vater.“
„Zuerst habe ich dich glauben lassen, daß eine seltsame Ähnlichkeit besteht zwischen Irena Dubrovna und Katharina Rogowskaja. Da, sieh mal!“
Der Alte schnippte mit den Fingern, und statt Irena Dubrovna bewegte sich Katharina Rogowskaja durch den Film.
„Na?“
„Dieselbe Art von Eleganz, die etwas Regelwidriges verbirgt. In ihr ist Fluch und Pech für alle Diebe, die nicht an das glauben, was sie rauben. Sie meint, ihr junges Leben wäre alt, sie fürchtet, ihr fröstelndes Herz bleibt für immer kalt. Wer wird sie so sehen, wie sie ist? Wer durchschaut der falschen Augenblicke List?“
„Was ist denn das für ein gestelzter Mumpitz? Schreibst du Gedichte?“
„Ja.“
„Ach du Scheiße.“
„Und was weiter?“
„Dann habe ich die Ähnlichkeit zwischen den beiden immer weiter reduziert. Für deine Augen, meine ich.“
„Wissen Sie, es ging gar nicht um Einzelheiten der Physiognomie.“
„Ganz recht.“ Der Alte schnippte wieder mit den Fingern, und Irena Dubrovna war wieder da. Dann schnippte er wieder. Und wieder. Er schnippte und schnippte und ließ die beiden Frauen immer abwechselnd im Film erscheinen. „Hihi, sieh mal!“ Schnipp, schnipp, schnipp. Gott, was der alles konnte.
„Naja, brotlose Kunst“, sagte er endlich. „Jetzt hör mir mal zu, mein Sohn.“
„Ich höre ja, Vater.“
„Die beiden sind sehr wohl vergleichbar. Nämlich in ihrer absoluten Nichtvergleichbarkeit. Kapierst du das?“
„Vollkommen.“
„Na, na?“ Der Alte bewegte neckisch den erhobenen Zeigefinger.
„Sie wissen sehr gut, daß ich es verstehe. Sie können doch Gedanken lesen.“
„Ja“, sagte der Alte, „und ich kann dir sagen, das ist verdammt langweilig. Eure Zukunft ist viel lustiger. Soviel kann ich dir jetzt schon verraten: eines Tages wird man sich gegen die Sehnsucht versichern lassen können!“
„Was soll denn daran lustig sein?“
„Du findest das nicht lustig?“
„Nein.“
„Du bist ziemlich pampig. Zieh den Kopf ein, da kommt ein Ereignisreiter vorbei.“
„Was?“ – Aljoscha zog den Kopf ein, als irgend etwas vorbeikam mit dem Geräusch eines auf etwa drei Meter Länge verkleinerten Düsenjets.
„Was sich entwickelt“, sagte der Alte, „war vorher eingewickelt oder verwickelt, aber da. Ist das soweit klar?“
„Schon.“
„Du hast nur die bivariate Ordinale von Othello 1 zu berechnen.“
„Das verstehe ich nicht, Vater.“
„Entschuldige… ich habe dich gerade mit jemandem verwechselt. Sag mal, was gefällt euch denn nun besser, Quellnymphen oder Wasserhähne?“
„Ich kann nicht für alle sprechen“, sagte Aljoscha. „Außerdem habe ich noch nie eine Quellnymphe gesehen.“
„Pech für dich“, sagte der Alte. Er wandte sich um. „Was ist denn da los?“ – Eine Schar seltsamer Kinder trieb einen schwarzen Widder vor sich her. „He, holla!“ rief der Alte.
„Papa, ich gehe zur Revolution!“ rief der schwarze Widder.
„Zum Neolithikum bist du zurück, sonst mache ich dir die Hölle heiß!“ rief der Alte.
Er wandte sich wieder Aljoscha zu und schien ein wenig verlegen. „Tja, der Schwarze“, sagte er. „Sie geben ihm lauter Nichts zu essen, da will man wohl zappelig werden.“
„Ich verstehe kein einziges Wort, Vater.“
„Du mußt das nicht als Rückenmarkslosigkeit auffassen, Junge.“
„Sie sind so schrecklich zerstreut!“
„In konzentrierter Form wäre ich zu mächtig.“
„Was soll ich denn jetzt tun?“
„In die Zimmer gehen, die dich erwartet haben, was sonst? Oder wolltest du dir noch einen Film ansehen? Ich könnte dich ans siebte Sonnenrad binden, von da aus hat man einen prima Blick.“
„Welcher Film läuft denn?“
„Ähm… Teufel im Leib.“
Aljoscha dankte.
Ein Vorübergehender
Letzte Dinge trugen sich zu. Aljoscha trug die ersten Dinge in die Zimmer, die ihn erwartet hatten – ein paar Schallplatten, Geschirr und einen Band Gedichte von Majakowski. Er saß in seiner neuen Heimstätte und freute sich über die wilden Kräuter vor dem Fenster, über das Klavierspiel eines Hausbewohners und über die zwei Stufen zwischen der kleinen Küche und dem Zimmer, in das am Nachmittag ein paar Sonnenstrahlen schlichen und verlangten, daß die Tür- und Fensterrahmen verblassendblau gestrichen werden. Liebevoll untersuchte Aljoscha die Fußleisten, Qualitätsarbeit von Meister Verfall. Es gab viel zu tun hier. Viel. Es war eine Geheimstätte, und er würde ihre schlummernde Schönheit wecken. Und dann würde die geheime Stätte selbst entscheiden, ob Katzen hier verboten waren.
Früher oder später mußte es zur Begegnung kommen, damit hatte er gerechnet, nicht aber damit, daß es so früh sein würde. An einem der letzten Februartage kam SIE ihm auf einem grauen Weg entgegen. Aus den Rissen im Asphalt stiegen Seufzer auf, aus der harten Erde streckten Hände sich empor, die Verbannten und Verdammten reckten ihre Hälse, um nicht zu versäumen, wie SIE näher kam. SIE kam näher wie eine Schlange im Gras eines duftenden Gartens. SIE drang ein in sein Nichtsahnen wie eine Pfeilspitze in ihr überraschtes Ziel. Als käme SIE aus den Tiefen eines verfluchten Geschlechts, irrend durch die grauen Häuserschluchten, die Lider vor Einsamkeit schwer geworden, so ging SIE, ohne aufzusehen, auf IHRER eigenen Straße hin. Erst ganz zuletzt ein leises „Ach…“, zu spät, um das Bittere aus seinem Lächeln zu verscheuchen. SIE hatte ihm nicht erlaubt, etwas anderes zu sein als ein Vorübergehender. O meine Freundin! Welcher Gott sieht uns zu mit einem Blick durch den Smaragd?
FROZEN WARNINGS CLOSE TO MINE
CLOSE TO THE FROZEN BORDERLINE
Tödliche Vokabeln zogen durch Aljoschas Kopf an diesem Abend: berüchtigte Kopfjäger wie Illusion, Vergeblichkeit, Hoffnungslosigkeit und Wahn. Vokabeln mit sechs Patronen in der Trommel.
Noch ist Zeit. Noch ist Zeit.
Sie liebten sich wie betäubt. Der Wunsch, durchzudringen – er blieb so eingeschlossen wie bei Schlafwandlern oder Komatösen. Die Haut war Grenze, die Augen waren wie mit einem viskosen Häutchen überzogen. Sie liebten sich, und es war wie das Zusammenlegen zweier Gefängnisse, deren Insassen meuterten und revoltierten. Dann wurde alles von der Nacht verschluckt.
Aljoscha lag reglos da und fürchtete den Schlaf. Er fürchtete, daß dann das Seil ganz lautlos reißen würde. Wenn sie nur nicht schliefen jetzt… vielleicht gab es dann noch Rettung. Aber Aljoscha war schon viel zu müde, um zu sprechen. Ein Mann im Jesusgewand streckte seine Hände aus und sagte: Könnt ihr nicht einmal mit mir schlafen? Aber jemand verscheuchte den Verführer. Der alte Matthäus winkte. Nein, es war kein Winken. Der Alte beschrieb eine Kreisbewegung mit dem Arm. Ja, richtig. „Hier entlang, Kolumbus!“ rief er. Der Alte kam näher und wurde immer kleiner, während er näher kam. Als er vor Aljoscha stand, war er nur noch ein drolliger Gnom. Er fing an, Tonnen von Sand auf Aljoschas Augen zu schaufeln. Tonnen von Gnomsand. Matthäus als Gnom hatte etwas sehr Albernes in seine schlohweißen Haare eingedreht. Er krähte: „Der Verletzte macht das Licht aus!“ Schließlich war Aljoscha ganz mit Sand bedeckt. Nach einer Art von Kontraktion stellte er fest, daß er zum Fels geworden war. Das war nicht weiter störend, da auch Felsen Denkvermögen hatten. Er nahm sich vor, auf keinen Fall zu bröckeln.
Es war ganz angenehm so. Man sah alles, man überstand alles, hunderttausend Jahre lang. Die Zeitmaschine kam vorbei, Rod Taylor am Steuerknüppel. Auch egal. Aber dann war da der Klang, der sprengt.
Es waren die 11 Paukenschläge aus Le Sacre du Printemps. Und dann, langsameres Tempo, der Klang der hohen Absätze im Korridor. Aljoscha wußte, daß dieser Klang ein Handeln, das in ihm beschlossen lag, freisetzte. Er kannte von Anfang an das Ende, und wenn das sein Untergang war, dann konnte er ohne seinen Untergang nicht länger sein. Bröckeln. Gezwungensein zu Schritten. Aus der gesprengten Starre mit dem ersten Schritt über die Schwelle zwischen zwei Leben. Dem Klang nach. Das Ritual schreibt die Bewegung vor.
Inzwischen kam Gott angefahren in einer verrosteten Planierraupe und bedeutete Aljoscha, aufzusteigen. Mit grummelnder Autorität fuhr Gott durch Maschendrahtzäune und ließ Aljoscha großzügig ein paar Sachen verstehen. „Ihr nehmt als Gesetz“, sagte er, „daß Schuld mit Unschuld Schluß macht. Wir können auch anders, weißt du. Und dann macht die Unschuld Schluß mit der Schuld.“ Was konnte man da sagen? Aljoscha verließ das Baustellenfahrzeug Gottes und bewarb sich als Strumpfnahtgeraderücker im Pariser Lido, doch herbeiströmende Interessenvertreter bemerkten, daß dies kein Traumberuf mehr sei.
Wach bleiben, nur wach bleiben. Der Grund, aus dem er jetzt nicht schlafen durfte… der Grund… sank tief… sank auf Grund. Tief im Inneren der Erde… eine Kathedrale. Glühend. Erkaltend. Geschmiedet. Planmäßig. Aus einem Stück. Wo der Schmiedehammer ein göttlicher Gedanke ist. Dämonenfiguren am Portal erschrecken manche Pilger damit, daß sie plötzlich den Kopf wenden oder hin und wieder ruckartig das Gewicht verlagern, um dann wieder still und kalt durchpulst auf den Krallenfüßen zu sitzen. Der Schritt ins Innere muß rasch getan sein, sonst hat man zack! einen dämonischen Zufall am Hals.
Zufall. Wer wollte beschreiben, wie weit in die Vergangenheit hinein ein Zufall reichen muß. Schau nur die schönen Lichter. Ich bin so müde. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den Stimmen der Vergessenen. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört der Musik, die deine Zellstruktur verändert. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den zu großen Entfernungen. Kann ich hier in der Kapelle liegen? Nein, diese Kapelle gehört den zusammenhangslosen Bruchstücken der Erinnerung.
Endlich wußte er, wohin. Diese Kapelle gehörte dem Duft eines Parfums, schwer und süß. Er streckte sich auf dem Altar aus. „Ich versuche zu vergessen, doch ich kann nicht“, sagte eine Stimme. SIE stand im Schatten einer Säule. Grausamrote Lippen die einzige Lebensspur in IHREM bleichen Antlitz. Während IHRE Augenbrauen despotische Linien zogen, blickte SIE durch ihn hindurch, aber SIE griff nicht durch ihn hindurch. SIE ließ es rinnen aus der Wunde des Begehrens. Seine Muskeln spannten sich, und er hätte meterweit springen können. Auf den Nagelbetten seiner Finger lag enormer Druck. Er versuchte sich vergeblich am beruhigenden Vibrieren der Stimmbänder. Er lag da und fauchte.
Dann jagte er mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch den Busch. Er konnte jede Kreatur wittern, er registrierte die furchtsamen raschen Bewegungen in seiner Nähe. Er fühlte mörderisches Verlangen. Aber als er einer dieser Kreaturen in die Augen sah, war es vorbei. Wieder zweibeinig wandelte er durch einen Lustgarten, bis er auf ein sehr komisches Tier traf. Es konnte sprechen und verkündete, es sei ein Sündenbock. Weiter kam das Tier nicht, denn es wurde von einem anfliegenden Diskus gefällt. Aljoscha hob den Diskus auf. In die Scheibe war ein Pentagramm geritzt. Passivität in ihrer höchsten Erscheinungsform! „Inspektor Sowieso von der Bedeutungsprüfungskommission, guten Tag. Sagen Sie, seit wann gibt es diese ganz eigene Bedeutung?“ – „Das kann ich Ihnen sagen, Herr Inspektor. Die Frau legte eine Blume in den Schnee. Gehauchte-Versprechen-farbig. Und nur einer sollte diese Blume finden.“ – „Donnerwetter! Sind Sie ganz sicher?“ – „Gewiß. Die Blume hatte die Farbe von gehauchten Versprechen.“ – Aljoscha schlug die Augen auf. Nur die Hand ausstrecken. Nur den Arm bewegen. Du mußt sie wecken. Noch ist Zeit. Noch ist Zeit.
Einen Augenblick lang zögerte SIE
Einen Augenblick lang, und die Uhren warfen resigniert die Zeiger ab. Die Dinge der materiellen Welt tauschten ihre Kraftzentren aus: Bänke und Stühle verwelkten, Bücher rosteten, Tinte verwehte, Pflanzen schmolzen. Die Aussicht floß durch die Fenster nach innen wie auslaufender Camembert. IHRE Augen funkelten wie Tigeraugen im Dschungel. Geblendet von der Reflexion der Sonne auf der Klinge eines Schwertes zersprang Aljoscha in Splitter seiner selbst, und IHR Blick setzte ihn wieder zusammen, damit er in den heiligen Dienst zog, der Pfeifer und der Trommler gingen vor, und sie intonierten die Weise vom Tölpel, der sieben Tölpel übertölpelt.
Einen Augenblick lang zögerte SIE, und inzwischen überquerte Bodhidharma den Yangtsekiang auf einem Schilfrohr, ein paar Engel probierten es mit Sichtbarkeit, und die schwarzen Leoparden in den Zoos neigten ihre Häupter. Aljoscha hielt den Atem an. Wenn SIE jetzt die Lider senkte und sich abwandte, würden sie beide wissen, warum. Diese Wendung jetzt, und es wäre für immer vergessen, das Verlangen, das nur noch durch Ungeheuerlichkeiten gestillt werden konnte. Die Geschichte, in der nichts geschah, wodurch alles sich veränderte, sie wäre nie geschehen. Die Wahrheit des Schauerlichen bliebe unentzifferbar. Keine Dimension der eigenen Veranlagung wäre Anlaß zur Beunruhigung. SIE würde IHRE Schönheit einer ominösen numinosen Macht darbringen, und diese Macht würde ihn davor bewahren, um SIE zu klagen, bis die Welt zu Staub zerfiel und darüber hinaus; diese Macht würde seine Erinnerung auslöschen und sein Wissen, daß ihm alles genommen war. Denn er hatte alles besessen.
Wenn SIE aber jetzt den letzten Schritt noch machte, einen Schritt nur hin zu ihm, hätte keine Macht mehr Macht, die Stunde zu erschaffen, in der Aljoscha SIE verließ.
– Cocteau Twins, Harold Budd: Memory Gongs – Vaslav Nijinsky, Eye – Artwork CE – Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps (Exzerpt), Antal Dorati, Detroit SO – Lotte Reiniger, Das Ornament des verliebten Herzens, 1919
Den dritten Kopf nannte Pjotr Der Tod. Der Knochenmann fiedelt nicht, wie etwa Böcklin meinte. Er spielt Mundharmonika. Wie in „The Carny“ von Nick Cave. Die Mundharmonika gleicht verblüffend dem erstarrten Grinsen von Gevatter Schnitter. Jeder spielt das Lied vom Tod. Der Tod lebt mit, von Anfang an. Die Anstrengungen, ihm aus dem Weg zu gehen, sind so nutzlos wie beträchtlich. Jenseits? Auferstehung? Der Tod lacht viereckig. Jeder Sensenmann amüsiert sich mit seinem lebenden Pendant, immer im Hintergrund, ganz diskret. Wir sind seine menschliche Seite. Tod ist die Rückseite der Rückseite. Nicht zu erreichen, aber konstitutiv. Wer sich mit seinem dunklen Begleiter in Verbindung setzt, versinkt plötzlich im Ticken der Wanduhr, im Klang gegebener Zeit. Unter gewissen Voraussetzungen setzt Freund Hein die Zwiesprache fort. Rauschen aller Art. Verfremdete Stimmen bei gestörten Übertragungen aus dem Radio. Glöckchen. Summen eingeschlossener Insekten. Plötzliche Lücken in Geräusch und Klang. So schärft er das Empfinden für die tiefe Gegenwart des Augenblicks, für die Pflicht, mit jeder Minute entweder Frieden zu machen oder mit jeder Minute Krieg zu führen. Das Leben duldet keinen Aufschub. Vor allen ins Später verlegten Hoffnungen blitzt die Sense auf, allzeit mähend, wo Nichtsahnen trügt. Der Schwarze! Er macht die größte Angst. Er gibt den größten Mut. Er sagt: wir spielen um deine Träume, du und ich. Er sagt: geh es machen oder geh verloren. Haben wir ihn einmal standfest gegrüßt, ist das zweite Mal nur noch pro forma. Und dazwischen liegt der Effekt seiner Großzügigkeit, das Leben.
Genau nach Plan
Mit einem Schokoladencroissant aus Schokolade, Croissant und Pappe, das ihm als Frühstück diente, hastete Aljoscha am folgenden Dienstagmorgen, Sterben und Tod hinter sich, dem Hauptgebäude entgegen. Er hoffte, daß alles nach Plan lief. Er konnte sich nur nicht mehr daran erinnern, wie der Plan war. Sie hatten ihn letzte Nacht geschmiedet, diesen Plan, mit dem Pjotr in die Poussin-Vorlesung eingeschleust werden sollte. Sie hatten einfach zu lang an diesem Plan gefeilt.
Aljoscha erreichte den Korridor und sah Pjotr an einem der Fenster stehen. Die Katzenmenschenfrau war nicht zu sehen. Trotzdem ging Aljoscha weiter, als würde er Pjotr nicht kennen.
„Verzeihen Sie!“ rief Pjotr.
Aljoscha wandte sich um. „Ja?“
„Hätten Sie wohl freundlicherweise Feuer für mich?“
Genau nach Plan. Nur hatte Pjotr offensichtlich die Zigarette vergessen.
„Gewiß“, sagte Aljoscha, trat auf Pjotr zu und suchte in seinen Taschen nach Streichhölzern, einer Zigarette, einem Chinaböller, irgendwas. Sie konnten jetzt mit gedämpften Stimmen reden. Alles lief nach Plan. Welchem auch immer.
„Schön, wie gehen wir nun vor?“ begann Aljoscha.
„Ich weiß auch nicht… deine Catherine ist schon da“, sagte Pjotr.
„Wer? Was? Bist du sicher? Wieso denn? Ich meine, woher weißt du, wer sie ist?“
Aljoscha sprach so laut, daß selbst ein schwerhöriger Gegenspion sie jetzt entlarvt hätte. Natürlich hatte er Pjotr IHR Äußeres beschrieben, aber nicht mit steckbrieflicher Genauigkeit. Wenn es sich nicht so verhielt, daß SIE um den geheimen Plan wußte und dieses Wissen Pjotr im Vorübergehen durch einen kurzen telepathischen Stromstoß oder einen chemophysikalischen Impuls übermittelt hatte, wie verhielt es sich dann?
Und warum Catherine?
„Wo ist sie jetzt?“
„Na, drinnen.“
„Wo drinnen?“
„Hör mal, der Plan war – “
„Vergiß es.“
Aljoscha schlich zur Tür und spähte vorsichtig in den Saal. Unwandelbar wie das Göttliche saß SIE, wo SIE immer saß, einen Teil seiner Vergangenheit einnehmend.
„Sie sitzt gleich hier oben, auf der rechten Seite“, stellte Aljoscha fest. „Zweite Reihe, dritter Platz von links. Ich habe da einmal gesessen, und sie vervielfältigt das irgendwie.“
Pjotr nickte. „Du mußt ganz nach unten, richtig?“
„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, aber ich muß.“
„Ich könnte ja versuchen, in ihrer Nähe zu bleiben“, sagte Pjotr. Dieser Einzigartige! Dieser Achilles! Wie sagt Majakowski in Tagesbefehl Nr. 2 an die Kunstarmee: „Macht Schluß! Vergeßt! Pfeift drauf!“ – Zu spät. Sie atmeten beide tief durch. „Die Götter mit dir, Bruder.“ Aljoscha zog in den Hörsaal ein.
Auf dem Treppenlauf tat er so, als prüfe er nur flüchtig, ob SIE da sei. Zu ebener Erde jedoch, als er einen Umweg durch die Frontreihe machte, sah Aljoscha IHR fest in die Augen, und SIE erwiderte seinen Blick ebenso bestimmt. IHRE Augen blitzten wie vor einem magischen Zweikampf. Und wirklich, als hätte SIE beschlossen, trotz durchschauter Verschwörung den Verschwörern eine Chance zu geben, war der Platz rechts neben IHR noch frei, wie durch einen Bann geschützt. SIE war so schön und kühl, daß kein Mensch es wagen durfte, in IHRE Sphäre einzudringen. Wer es doch tat, war entweder ein völlig unzurechnungsfähiger Gimpel oder von vornherein IHR Diener und Vertrauter. Oder ein Satanskerl von einem Kundschafter: als Aljoscha sich zum dritten Male nach der Saaluhr umdrehte, sah er, wie Pjotr im Begriffe stand, sich mit seinem Pappkoffer zu besagtem Platz durchzukämpfen. Donnerwetter, mögen wir alle errettet und in Sicherheit sein! Um Punkt 10 Uhr 15 saß Pjotr Semjonow neben der mysteriösen Katzenfrau.
Jemand löschte – aber nein, niemand löschte das Licht! Verdammte Falle! Jerdzny, der ausgekochte Unterhändler! Hinterlistig lächelnd verzichtete er auf die Vorführung von Bildmaterial und hielt statt dessen einen gnadenlos abstrakten Vortrag, der auf so spektakuläre Weise banal war, daß man es nur als raffinierten Schabernack auffassen konnte. Eine geständnisfordernde Stunde lang waren alle Scheinwerfer auf das Komplott gerichtet. Wenn alle Zeiten Farben hatten, war diese Stunde von glühendem Rot. Lava-Rot, Magma-Rot, Rot der schmelzenden Beschämung.
Katzen sind System
„Was muß ich tun?“
„Immer schön früh aufstehen… keine Nachtwachen mehr halten.“
„Ich sehe nachts einfach klarer.“
„Unsinn. Und wenn du etwas von mir willst, ich schlafe nachts, du kennst mich.“
„Das hört dann auch auf!“
„Und diese laute Trümmermusik! Diese Einstürzenden Musikhallen, oder wie die heißen.“
„Neubauten.“
„Da kann ein kleines Kind nicht gedeihen! Es muß auch mal Mozart hören!“
„Das Beste, was man im Leben finden kann, ist große Kunst. Das kann ein Kind gar nicht früh genug lernen.“
„Das Beste ist große Kunst? Na hör mal!“
Unten im Schnee fielen zwei Männer übereinander. Einer rief mit schwerer Zunge herauf: „Ist da oben die Boris-N-Nikutin-Party?“
„Nein, hier oben ist die Yuri-Bloch-Party!“ rief Aljoscha zurück.
„Aaaah!“ rief der Mann. „Aaaah!“ Als hätte er gerade einen neuen Planeten entdeckt, von da unten aus. „Aaaah, ahrg!“
„Was soll das überhaupt sein, Trümmermusik? Du hast da nicht den richtigen – “
Leda küßte ihn. „Ich bin glücklich mit dir“, sagte sie.
Seine Hand berührte ihre kalte Wange; sie neigte ihren Kopf ein wenig, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. „Weißt du noch, wie ich mal bei Sonja war und diesen Satz geträumt hatte: Katzen sind System –?“
Aljoscha zog seine Hand zurück. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ich weiß nicht. Es fiel mir gerade ein.“
Aljoscha betrachtete die Paare, die da unten durch den Schnee stampften. „Mir ist noch nicht aufgefallen, daß Katzen besonders systematisch wären“, sagte er.
„Doch, eigentlich schon“, meinte Leda. „Katzen haben so komische Rituale.“
„Was soll denn daran komisch sein?“ Aljoscha war selbst irritiert vom unnötig unwirschen Tonfall seiner Antwort. Leda zuckte nur die Schultern.
„Vielleicht müssen wir gar nicht zusammen wohnen“, sagte sie.
Anders, unvorstellbar anders
Plötzlich stand SIE in Aljoschas Zimmer, den Blick voller Besitznahme, in den Mundwinkeln saturnisches Wissen um Notwendigkeit.
IT’S BEEN SO LONG
SIE bestieg das Bett am Fußende und bewegte sich an seinem Leib empor, bis sich IHR Schoß an seinen Lenden rieb. Seine Hand berührte IHRE bleiche Wange; SIE neigte IHREN Kopf, wie um sich ganz in diese Hand zu geben. Unendlich langsam teilten sich IHRE Lippen – seinen Finger zwischen IHREN Zähnen warf SIE den Kopf hin und her, als sollten Tiersehnen reißen. Unter schneeweißer Haut floß das Blut, das er begehrte. Das Blut seiner schneeweißen Braut. Das Blut auf schneeweißer Haut. Er küßte SIE, als müßte SIE untergehen darin. Er umschlang den Leib der Katzenfrau. SIE wisperte Fetzen aus vergessenen Texten, IHRE Augen wichen zurück in uralte Zeit, flammten dann wieder auf mit Orientierung – SIE wand sich und schrie, wie gefoltert mit liebender Seele im fließenden Austausch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, er drang in SIE, willens zu sterben an IHR, hielt still mit IHR
YOU WOULDN’T BELIEVE WHAT I’VE BEEN THROUGH
im gestillten Heimweh, fühlte, wie IHR femininer Strom ihn härtete und spannte, wie SIE ihn fester hielt, Striemen auf seinen Rücken zeichnete – dann setzten elektrostatische Veränderungen ein, IHRE Haut schien sich aufzuladen – SIE stieß undeutliche Laute hervor, durchströmt, aufgelöst in Glut und Aufruhr, wie von einer unbezwinglichen Macht geschüttelt, SIE keuchte bald „Nicht! … Nein! … Nicht!“, bald das Gegenteil, während in die Schwingungen IHRER Stimme Modulationen kamen, die nicht menschlich klangen – über IHRE Epidermis liefen jetzt hochfrequente Entladungen, Schocks versetzend, etwas schien sich zu wandeln in jeder einzelnen Körperzelle, und ein fremdartiges Lebensfeuer war dabei, IHRE Innenwärme exorbitant zu erhöhen – Atem so heiß, als wäre Feuerqual im Innern – das Augenlid, die temperaturempfindlichste Stelle, schien zu schmelzen, und aus den Tiefen der Augen wollte etwas zum Vorschein kommen – aus der Spannung IHRES ganzen Zustands wurde Gefügeveränderung, IHR Stöhnen war jetzt polyphon, Aljoscha tauchte durch Kaskaden psychischer Energie – es lag keine Bedeutung mehr in Begrenzungen wie dem knöchernen Gitter des Brustkorbs – Umwandlung als Anpassung an besondere Bedingungen – Verfeinerung der Materie – hypertrophe Erzeugung mechanischer Energie durch übermäßigen Gestaltwandel der kontraktiven Eiweißmoleküle in den Muskelzellen – Metamorphose. IHR Körper wurde unkörperlich im Augenblick höchster Verschmelzung, wurde Seele, bloßes Kraftfeld, machte aus Aljoscha einen Energietrabanten, und dann – war Fauchen, wo vorher Atem war. Einen Moment lang: erstaunte Stille. Dann eine Bewegung. Anders, unvorstellbar anders.
Wesen, die sich geheimhalten
Es gibt Kräuter, die im Mondlicht strahlen. Es gibt Wesen, die sich geheimhalten. Mädchen, die in der Wüste ertrinken können. Mädchen, die immer damit rechnen, daß man sie von hohen Türmen werfen wird, so wie es im Mittelalter die Meute manchmal mit Katzen tat. Mädchen, die es im Betriebsklima der Welt nicht aushalten und sich zurückziehen an die Peripherien. Wissend, daß man ihresgleichen entweder als zu heimlichtuerisch oder als zu exhibitionistisch verurteilt. Fürchtend, daß man ihnen Böses will, weil sie irritierenden Gesetzen folgen. Oder sich selbst Gesetz sind. Weil sie mit kaltem Blick und unbeirrbarer Präzision dort etwas beobachten, wo andere ums Verrecken nicht das Mindeste erkennen. Weil sich ihre einzelgängerische Eleganz so wenig um Bewunderer kümmert, daß man glaubt, sie halten sich für unsichtbar. Weil sie zu erröten wissen, während sie Verruchtheiten hüten, vor denen jede Schamlose erblassen müßte. Frauen, deren Blick die Nacht durchdringt und die Umrisse des Unsichtbaren kennt. Ich weiß jetzt, was diese Frauen tun.
Bei Tag erschrecken sie mit dem harten, despotischen Geräusch ihrer hohen Absätze, um zu verbergen, daß sie nachts mit unhörbaren Schritten geheime Muster auf den Boden zeichnen, Zauberkreise, Strahlenfelder; daß sie eine andere Gestalt annehmen, lautlos und geschmeidig durch die Gassen huschen und einem unergründlichen Instinkt folgen: dorthin, wo sie ein vertrautes Fluidum ahnen. Ich weiß jetzt, was der Spürsinn einer solchen Katze tut.
Der Spürsinn einer solchen Katze nimmt Quartier bei einem, dem sie sich verwandt weiß. Sie hat seine verborgensten Neigungen erkannt und macht sich selbst zu ihrem Anreiz. Ihre Nähe verändert seine fünf, sechs, sieben Sinne. Er durchquert vergessene Regionen, versunkene Domänen; immer deutlicher sieht er die Welt, in der sie nach ihm sucht. Bis er weiß: wenn er ihr endlich begegnet, ist er ihr schon einmal begegnet.
Das ist, was die Mädchen tun, die sich verstecken vor den Katzenhassern.
– Clovis Trouille, Dolmancé et ses fantômes de luxure (Detail) – Nicolas Poussin, Atalante und Hippomenes, Skizze – Foto CE – Artwork CE – Nine Inch Nails, Ghosts V: Letting Go While Holding On
„So what is beauty? Could it be something to do with honesty, truth, a willingness to bear one’s soul no matter what the consequences? A desire to communicate the very deepest, darkest thoughts that lie within, to journey to the very heart of emotion, holding nothing back, in the pursuit of art? That’s some sacrifice. And yes, that’s beauty. ‚Take my hand, take my torment‘, Peter Hammill sings in ‚Vision‘ as the passage into beauty begins. Backed by Nic Mozart’s murmuring bass and Stuart Gordon’s ghostly violin, Hammill becomes more involved with every song (…) The music achieves a rare power, demanding the attention. By ‚If I Could‘ the effect is entrancing, but still Hammill pushes himself further (…) Hammill can be on the verge of rage one moment, the next he can be the very picture of humility. (…) After all these years, Peter Hammill can still tear us apart. That, without a doubt, is beauty.“
Dave Simpson, 1990, im Melody Maker über ein Peter Hammill-Konzert in Leeds. Über „Out Of Water“ schrieb Simpson:
„Often miscast as a prophet of doom, I’ve always found Hammill’s search for a greater truth to be an intensely uplifting experience. There is a profound sadness inherent in his music, yet it’s this devastating awareness of human weaknesses and world failings that can serve as a powerful force behind the faith in the power of our own question for purpose. Going on 20 years skirting around rock’s fringes, Peter Hammill remains an enigma. After all, there’ll always be a place for music that can bring tears to our eyes.“
There are so many questions, there are so many doubts, this is auto suggestion, your spirit is giving out. If I offered my reasons, would you give me a break? Now it’s all open season, no sense of give and take. You see I’m not the man I was. But if I’m not the man that you took me to be, do I fade from your dreams, disappear from your memory? Look at me, if I’m not the man I was, then who was he? There can be no returning to the scene of the crime. For perfection you’re yearning, some romance, some foreign clime. Is the memory explicit under strict rule of thumb? It was always implicit, this character I’ve become.
„Our Oyster“: zunächst noch vages Narrativ, Musik, an der sich etwas immer wieder zu verflüchtigen scheint, die schwebenden Klänge im Hintergrund, der spirit of the moment, der immer unendlich viel mehr Dimensionen hat, als wir wahrnehmen, „Out of universal language some stuff never translates“, „There’s a whole world of difference between the observer and the act“, dann die Schockwirkung der letzten Zeilen, Tian’anmen Square, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Fragil und emotional wandert „A Way Out“ durch seelische, spirituelle Einsamkeit und durch die Dimensionen eines einzigen Wortes. Ergreifend und wunderschön und – zerfetzend. „I wish I’d said I love you.“ – Hammill widmet auf der Sofa Sound-Website jedem der Songs von „Out Of Water“ ein paar Worte; zu „A Way Out“ heißt es lediglich: „And I’m not going to talk about ‚A Way Out‘.“ „The song ‚A Way Out‘ is believed to be about the suicide of Hammill’s brother.“
Ich hüte einen Stapel Newsletter, die Hammill in den 80ern und 90ern noch mit der Post verschickte. Und ich erhielt auch einmal einen kurzen Brief von ihm. Newsletter gab es seit einiger Zeit nicht mehr, und unter dem Vorwand, ihn zu fragen, ob man diese wertvollen Informationen in Zukunft wieder von ihm wieder erwarten dürfe, hatte ich ihm einfach, genaugenommen nicht so einfach, gedankt für die Bedeutung, die seine Kunst in meinem Leben hatte.
Die Newsletter, die im Halbjahresrhythmus aus Bath eintrafen, hatten auch vom Fortgang der Arbeit an „The Fall Of The House Of Usher“ berichtet: zusammen mit Librettist Chris Judge Smith widmete sich Hammill dieser Opera schon seit Ewigkeiten.
Was dann 1991 schließlich erscheint, gleicht nur insofern einer Oper, als verschiedene Sänger verschiedene Parts übernehmen: Peter Hammill als Roderick Usher; Andy Bell als Montresor, dessen Freund; Sarah-Jane Morris als Chorus; Lene Lovich als Madeline Usher; Hammill auch als The Voices of the House, und einen Gastauftritt hat Herbert Grönemeyer als The Herbalist – eine erklecklich eklektizistische Besetzung. „Usher“ gilt dann gemeinhin als sperrig bis unhörbar, Bannflüche treffen besonders die Drumcomputersequenzen, das Projekt wird als überambitioniert und verunglückt wahrgenommen und verschwindet ziemlich spurlos. 1999, als Hammill die Rechte an der Oper – „In a way it would be more right to say it’s a sung-through musical“ (PH) – von Some Bizzare zurückbekommen hat, erscheint „Usher“ nochmals, in revidierter Fassung; Hammill nimmt dafür Teile seiner eigenen Gesangspassagen neu auf, entfernt alle Drumsounds, addiert Gitarrenklänge und läßt Stuart Gordon neue string parts einspielen.
Chris Judge Smith 1991: „A lot of record companies were approached, took one listen to it and ran screaming for the door.“
„Usher“ ist ein hermetisches, düster-deliriöses Goth-Piece. Wiewohl die zweite Fassung als superior gilt, finde ich Lene Lovich auf „Dreaming“ vor allem in der ersten Fassung wundervoll. Madeline enters, in a trance, „beautiful dead eyes stare in sleep“, ein Zustand, in dem sie gleichzeitig einen bezaubernden Abend mit ihm und Tod durch Ertrinken durchlebt. Auf der ersten Fassung ist dieser Song more frantic and frenzied.
Carriages at seven I shall wear the flower he gave me It’s so cold here Deep beneath the lapping water… The water The water My love Head against his shoulder ‚cross the lawn I hear the music… Silent blackness In the lake I’m sinking slowly Oh, how lovely Nothing could be more becoming… Underwater Floating in the icy darkness… Count the candles „May I dance with you this evening?“… On the surface Swans are feeding high above me Hold him tightly Round and round the floor we’re spinning Breathing water I am drowning Watch the sun rise Driving home across the meadows… All is darkness I can feel myself dissolving The water The water The darkness The darkness My love Head against his shoulder Floating in the icy darkness Hold him tightly I can feel myself dissolving Oh how lovely Deep beneath the lapping water Count the candles I am drowning I am drowning Count the candles Floating in the icy darkness Hold him tightly I can feel myself dissolving Oh how lovely Deep beneath the lapping water Count the candles I am drowning Oh how lovely I am drowning I am drowning Oh how lovely Oh how lovely Oh how lovely
Auch „Beating Of The Heart“ funktioniert für mich besser auf Usher I, weil die „THE HOUSE OF USHER!“-Stimmen so besonders eerie wirken, als die Drum-Maschine verstummt und der ganze turmoil abebbt. Sarah-Jane Morris, Peter Hammill, Andy Bell.
„The Fall“ hingegen ist erst auf Usher II angemessen mind-blowing.
The Voices of the House / As the House falls:
beams corbels joists king-posts ridge-ribs struts stanchions king-posts buttresses bressumers arches piers spandrels columns pilaster quoins wainscot stairs banister cusps cornices copings chimney-shafts parapets pediments mansard gargoyle eaves We breathe we rise We are Usher
1992 gründet Hammill sein eigenes „Fie!“-Label, auf dem seit „Fireships“ all seine Werke erscheinen.
„Well, ‚Fie!‘ is an old Shakespearean word meaning ‚basta!‘ or ‚enough!‘. None of the labels I’ve been with have done any promotion, so there really didn’t seem to be much point in carrying on with that line. I can under-promote myself better than anyone on the planet, so I decided I might as well do that.“
„Curtains“ von „Fireships“, ein Song über zwei Menschen, die eines Morgens das Ende ihrer Liebe entdecken, für das sie keine Worte haben. Sylvia, die im rätselhaften Schock ihr Haar kämmt, als wäre nichts.
„I know when something sounds more or less right, but not actually what it is. This happened on ‚Fireships‘; David Lord piped up and said ‚That’s a bit of Mahler, isn’t it?‘. I can’t do that.“
In den Neunzigern, jedenfalls nach „Roaring Forties“ (1994), werden Hammills Kompositionen zunehmend kontemplativ, calm, mit sphärischen Klängen aus dem ambient-Bereich; Songs, die sich komplett unberührt von jeglicher musikalischer Außenwelt zu manifestieren scheinen. Wenn Hammills Vorgehensweise in dieser Zeit gelingt, entstehen Werke von grandioser Schönheit, traumhaft schimmernd. Es gibt bedrohliche Untertöne, tragische, wehmütige, doch immer wieder wirken diese Songs, als schwebten über ihren Welten Wesenheiten wie die Engel von Gustave Moreau, nur nicht auf dem Weg nach Sodom, sondern als Beobachter der ewigen Suche nach der Essenz des Menschseins, auf der es nur den Trost der Kontinuität gibt. „The maintenance of innocence against the grind of experience is essential in life“, geht es jemandem auf Head Heritage durch den Kopf, als er Peter Hammill hört.
Auf „X My Heart“ (1996) gibt es zwei Versionen von „A Better Time“, hier die A cappella-Fassung, Hammill solo und als gregorianischer Choral. Es wird keine bessere Zeit geben, um hier zu sein. Plötzlich, eines Tages, verspürst du diese unendliche Zärtlichkeit – für dein eigenes Leben.
„Hammill’s vocal delivery has always been a bit like channeling a spirit during a seance (…)“ – Jeff Melton 1996.
„Earthbound“, eine Ballade, der die mysteriösen Streicher am Ende immer weniger Erdgebundenheit verleihen, während Hammill „Heartbreak: The Anagram“ rezitiert. Liebe: you spring me free to flight. Vielleicht sagen die Streicher aber auch: Liebe macht Ikarusse aus uns allen.
Auf „Everyone You Hold“ (1997) sind die himmlischen Sopranstimmen von Hammills Töchtern Holly und Beatrice zu hören, auf einem Song namens „Phosphorescence“, und so fühlt sich fast das ganze Album an: Nachleuchten im Dunkel. No, they never leave your side. Accumulated whispers. Everyone You Hold.
Auf „From The Safe House“ gibt es keinen Himmel mehr. Der Song scheint dieselben Minuten zu imaginieren wie „In This Twilight“ von Nine Inch Nails: ein letzter verzweifelter, intimer Moment, als die Welt dabei ist, apokalyptisch zu kollabieren.
Watch the sun As it crawls across a final time And it feels like Like it was a friend If it’s watching us And the world we set on fire Do you wonder If it feels the same
Dust to dust Ashes in your hair remind me What it feels like And I won’t feel again Night descends Could I have been a better person If I could only do it all again
You will find a better place In this twilight
… while the world’s collapsed outside Is it all really over now? … But here we are and here it’s ending Last secrets to be whispered and the dying of the light Are all that we have left now…
„The Light Continent“ von „This“ (1998). Beginnt wie eine dritte Seite von Bowies „Low“.
„From the outset I’d had something of a feeling for the dispassionate white emptiness of the South Pole … David and Stuart’s contributions were made under strict rules: they were allowed only two passes each. The first was without having heard the music at all; the only reference points I gave them were „It’s 14 minutes long and it’s Antarctic“. I remain really happy with this piece.“ – PH
All the fields that you’ve overflown are frozen they flow like glass down the frame in formlessness. Only the fragile fluttering of your heart still marks you chosen, chosen to dare, your face defiant of the featureless. Your face defies the featureless, you’re facing the featureless.
A horizon of light blurs the boundaries of whiteness as the distance is shimmered into timeless brightness now. And the slow flooding tide is begun as it’s ended – the barometer dropping and the fog descended down, down.
In this endless day, at this hour long-appointed, subterranean humming and the compass unpointed, the compass disjointed, the compass down. Deep in the core the heart of ice forms, a tempo of life like that of stalagmites, a flood of the frozen, the flux of the blood aflame in antarctic white.
Any marks that you made only scratched at the surface Only retinal image ties you into the circuit now. In this empty expanse every shadow is shining The indifference of nature: your significance tiny now. Dive down.
Timeless the day, absorbing every wavelength of the light. Frozen in place, our footfall on the ice. What have our shadows meant in the light continent?
Am 20.12.1998 kam es in der Hamburger Fabrik zu einem gemeinsamen Auftritt von, indeed, Georges Moustaki und Peter Hammill. Der Vorbericht von Ralf Dorschel las sich so:
Ein Geistesblitz schlägt neben Moustaki ein
Peter Hammill ist eine Spur zu kompromißlos, seine Songs sind eine Spur zu gewagt, seine Stimme ist zu sperrig, um dem Mainstream Tribut zu zollen. [VdGG]: Es war die Zeit, als Hirn im Rock noch nicht verpönt war und Van der Graaf in Klassikern wie „Killer“ oder „Refugees“ ungestraft ihre Geistesblitze unterbringen durften. Mitte der 70er lösten sich Van der Graaf auf und Hammill machte unter eigenem Namen, aber mit denselben Musikern weiter. Nicht immer indes reicht die Tour-Kasse für eine Band und dann gibt Hammill Solo-Konzerte, bei denen der Multiinstrumentalist sein Publikum verstört und begeistert hinterläßt – in Hamburg zuletzt in der Markthalle. Jetzt hat das Schicksal den gnadenlosen Individualisten ins Programm des französischen Barden Georges Moustaki verschlagen und Hammill wird sich schon sehr zurücknehmen müssen, um den friedvollen Rahmen nicht zu sprengen, Den Weg in die Fabrik jedenfalls lohnt am 20.12. der „very special guest“.
Ralf Dorschel danach:
Das unsinnigste Konzert des Jahres – Eklat beim Auftritt von Moustaki / Hammill in der Fabrik
„Sie müssen sich doch nicht wegen mir prügeln!“ Peinliche Szenen gab’s in der Fabrik: Rock-Legende Peter Hammill wurde als „special guest“ des Chanson-Sängers Georges Moustaki beinahe von der Bühne gebuht.
Es war aber auch eines der unsinnigsten Konzertpakete, die in diesem Jahr nach Hamburg kamen: der sanfte Franzose Georges Moustaki und der kontroverse Brite Peter Hammill. Der sang von Nachtmahren, zerstörten Beziehungen und Einsamkeit, spielte düstere Akkorde auf Flügel und Gitarre und ließ sich dabei nur von Geiger Stuart Gordon begleiten. Dem Musiker Peter Hammill geht es um die Tiefen der menschlichen Psyche – wie kein zweiter seziert der Sänger zerrissene Charaktere.
Den harmoniesüchtigen Moustaki-Fans war das alles viel zu anstrengend – sie pfiffen, grölten und gerieten dabei mit den ebenfalls zahlreich erschienenen Hammill-Fans aneinander. Die hatten immerhin auch ihre 45 Mark für das kostspielige Doppel-Konzert bezahlt. „Ich werde Sie nicht mehr lange aufhalten“, tröstete Hammill schließlich und verschwand ganz leise nach 30 Minuten – ohne Zugabe.
Immerhin war es dem Exzentriker von der Insel diesmal besser ergangen als am Abend zuvor, als ihn in Mannheim Moustaki-Fans erfolgreich von der Bühne warfen. Nach dem Verstand des verantwortlichen Tourmanagements darf man dennoch fragen – und vielleicht eine stille Hoffnung hegen: Mit viel Glück hat einer der wichtigsten Songwriter der vergangenen Jahrzehnte demnächst in Hamburg mal einen würdigeren Rahmen.
Im Januar 2001 antwortet Hammill den Journalisten Niechziol und Dorschel auf die Frage, ob er überhaupt noch ein Publikum finde für seine literarischen Texte: es werde schwieriger, aber „ich weigere mich einfach, zu glauben, dass der ganze Planet verblödet.“
Im Dezember 2003 erleidet Hammill eine Herzattacke, die beinahe tödlich endet, keine 48 Stunden, nachdem er die Arbeit am Album „Incoherence“ beendet hat. Ein halbes Jahr später: (-> Lesenswerter Artikel).
Im April 2005 erscheint mit „Present“ plötzlich wieder ein Van der Graaf Generator-Album in der „klassischen“ Besetzung mit Hammill, Banton, Jackson und Evans, den Punks in Proggestalt (Julian Cope). Seit 2007 existiert Van der Graaf Generator als Trio (minus Jackson), drei weitere Alben sind seitdem erschienen. Über „Present“ schrieb Paul Morley:
„Van Der Graaf Generator haven’t recorded together for 27 years, but their new album sounds like it was recorded when they were young and wild. This is probably because when they were young and wild, they sounded like they were ancient, nihilistic and mystical, and on the verge of a long drawn out death.“
Auf whiskey-soda.de liest man 2006:
„Eine unangenehme Frage steht noch aus, und zwar was die okkulte Seite der Band angeht. Gerüchte halten sich hartnäckig: Der Song ‚Killer‘ soll das Haus ihres Managers zum Beben gebracht haben, Bassist Nic Potter verließ Van der Graaf Generator aus Angst gleich zweimal: Das erste Mal 1970 bei der Aufnahme für das dritte Album ‚H To He, Who Am The Only One‘ (welches mit ‚Killer‘ beginnt!), weil er seltsame Energien um die Band fühlte. Dann 1977 nach einem Konzert in einer französischen Kirche, bei welchem er einen Widerstreit von Kraft in der Luft fühlte, als ob Elemente der Kirche versuchten, Elemente der Musik zu exorzieren! Über Hammill ist bekannt, dass er sich früh für das Okkulte interessierte und 1968 Kontakt zu dem Okkultisten Graham Bond hatte. Ist die Band also wirklich in der Lage seltsame Energien heraufzubeschwören?“
Hammills Antwort:
„Fakt ist, dass damals tatsächlich eine Menge Wahnsinn in uns und um uns herum war, aber das ist nicht übernatürlich. Ich glaube, dass es gewisse Formen von psychischer Energie gibt, die sich in der Realität manifestieren können. Das hat nichts mit Poltergeist zu tun, wir haben als Band einfach gemeinsam an einer Energie gearbeitet, die über reine psychische Energie hinausgeht, all diese seltsame Musik, die wir erzeugt haben! Deshalb ist das Van der Graaf Erlebnis auch für uns manchmal erschöpfend – wie jetzt zum Beispiel die Reunion. Obwohl wir alle vier absolut einig waren, dass wir das gemeinsam machen wollen, bin ich sicher, dass jeder von uns insgeheim manchmal denkt: ‚Van der Graaf Generator – Oh mein Gott! Und ich habe freiwillig zugesagt!'“
Nicht nur, daß Van der Graaf Generator wieder existiert. Schon Hammills Soloalben „Clutch“ (2002) und „Incoherence“ (2004) galten als Stationen auf a new way up, „Singularity“ (2006), „Thin Air“ (2009) und „Consequences“ (2012) werden als Renaissance rezipiert. Einen Punkt, an dem Hammill durch jedes intellektuelle Höllenfeuer gegangen ist, jedes Psychodrama ausgeleuchtet hat und in jedem musikalischen Bereich seine Unfähigkeit bewiesen hat, das Wort Kompromiß zu verstehen, einen solchen Punkt scheint sein Schöpfer nicht vorgesehen zu haben. 2014 erscheint „… all that might have been… „, der Titel erinnert an Nine Inch Nails, ein Album, dessen Komplexität noch den abgebrühtesten Hammill-Kenner verblüfft: (-> zum Beispiel hier).
„ajmurray“ auf epinions.com:
„Uncompromising and willing to risk spectacular failures in pursuit of his highly personal vision of modern life as tragicomedy, Peter Hammill represents a lost archetype, the artist undiluted by popular influences.“
Und wiki sagt, wir müssen uns nicht nur Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.
„In psychoanalytischer Manier erforschte Peter Hammill die dunklen Seiten der menschlichen Seele (…) In einem Interview des ‚Bristol Recorder‘ vom September 1980 wurde Peter Hammill auf die Klischees angesprochen, die ihm damals von Teilen der Musikpresse angehängt wurden, wie ‚Dr. Doom‘ oder ‚angst-zone‘. Er schreibe über ernsthafte Themen, die jeden berührten, ob man es sich eingestehe oder nicht, so seine Antwort. Dabei benutze er für die Charaktere seiner Songs eigene Empfindungen, aber auch imaginierte oder fragmentierte Teile seines Selbst. Peter Hammill fügte hinzu, es handele sich um Liedtexte. In seinem Privatleben sei er die meiste Zeit ein ziemlich glücklicher Mensch.“
Der letzte Song von „Present“, für VdGG-Verhältnisse einfach, free flow jamming, und doch so weird & gorgeous.
Even the Silver Surfer agrees The wave you brave rides on a deeper complexity. Ah, come on, surf’s up! Even the Silver Surfer agrees.
Einige meiner Favoriten aus dem Schaffen Hammills in den 2000ern finden sich auf „What, Now?“ von 2001:
Und auf einem anderen favourite song, vom Album „Consequences“, hören wir Hammill mit seinen eigenen Beatles backing vocals. In einem Interview sagte Hammill einmal: als er „Tomorrow Never Knows“ von den Beatles hörte, wußte er, daß die Tore offen standen, daß alles möglich ist in der Musik.
„Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen. Ein melancholischer Fin de siècle-Roman, ziselierte, ornamentale Sprache, großer Einfluß auf Rilke, auch auf Hofmannsthal. Niels, ebenfalls einer, der ständig allerfeinste Stimmungen spürt, aber nie weiß, wie man darauf reagiert; existentialistische Züge in der Art, wie Niels es gegen die Übermacht Gott aufnimmt und „stehend sterben“ will. Jacobsen läßt Niels‘ Wahrnehmung den poetischsten Zauber wirken, doch immer lauert die Desillusion mit zwei, drei schroffen Pinselstrichen. Eine Geschichte über die Unerreichbarkeit:
„Er hatte das Gefühl, das man in Träumen hat; da ist etwas, was ruft, und man will so gern kommen, aber es ist nicht möglich, einen Fuß zu heben, und man wird von seiner Ohnmacht angestachelt, siecht dahin vor Sehnsucht, fortzukommen, wird bis zum Wahnsinn von diesem Rufen aufgereizt, das nicht versteht, daß man gebunden ist.“
Nichts konnte so unangreiflich korrekt sein wie ihr Auftreten. In dem, was sie sagte und in dem, was sie sich sagen ließ, hielt sie sich innerhalb der Grenzen strengster Sprödigkeit und ihre Koketterie bestand darin, sich nicht im mindesten kokett zu zeigen, darin, unheilbar blind zu sein gegen den Eindruck, den sie machte und nicht den geringsten Unterschied zwischen ihren Anbetern zu machen. Aber gerade deshalb träumten sie alle berauschende Träume von dem Antlitz, das hinter der Maske sich bergen mußte, glaubten an ein Feuer unter dem Schnee, spürten einen Duft von Verderbtheit in dieser Unschuld auf. Niemand von ihnen wäre überrascht gewesen zu erfahren, daß sie einen heimlichen Liebhaber besitze, aber niemand von ihnen wollte seinen Namen im mindesten zu erraten suchen.
Also sah man Edele Lyhne.
Niels ging darauf zu; er war blutrot, und indem er sich über diese langsam sich rundenden Beine und über diese langen schmalen Füße beugte, die in ihren feinen, wiegenden Formen etwas von der Intelligenz einer Hand besaßen, wurde ihm ganz schwindlig, und als die eine Fußspitze sich im selben Augenblick mit einer plötzlichen Bewegung etwas nach unten krümmte, war er nahe daran umzufallen.
Sie war nicht mehr ein Mensch wie alle andern, sondern ein wunderbares, höheres Wesen, durch die Mystik einer seltsamen Schönheit zur Göttin erhoben, und es lag eine herzklopfende Wonne darin, sie zu beschauen, in seinem Herzen vor ihr zu knien, zu ihrem Fuße in selbstauslöschender Demut zu kriechen…
„Es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen würde, wenn ich Sie dadurch gewinnen könnte.“
Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen können, starke Naturen, die ihre Stärke gerade in dem Gewicht der Bürde fühlen, während die, die schwächer sind, sich dem Kummer hingeben, willenlos, wie man sich in die Gewalt einer Krankheit ergibt und wie eine Krankheit durchdringt der Kummer sie, trinkt sich in ihr innerstes Wesen hinein und wird eins mit ihnen, wird in langsamem Kampf in ihnen umgestaltet und verliert sich in ihnen in völliger Genesung. Aber es gibt auch solche, für die der Kummer eine Gewalttat bedeutet, die gegen sie verübt ist, eine Grausamkeit, die sie niemals lernen als Prüfung oder Züchtigung, so wenig denn als einfaches Schicksal anzusehen. Es ist für sie das Ergebnis einer Tyrannei, eines ganz persönlich Hassenden, und es bleibt davon stets ein Stachel in ihrem Herzen zurück.
Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle andern das, was in ihm geschrieben steht, zu lesen vermögen …
„Ich will in solch eines Meerfrauenleibes eigentümliche Schönheit eingeweiht werden; sie sollte nackt sein wie eine Woge und des Meeres wilde Schönheit sollte in ihr spuken. Es müßte etwas von des Sommermeeres Phosphorschimmer über ihrer Haut sein, etwas von der Tangwälder schwarzem, verfilztem Grauen in ihrem Haar. Jawohl; des Wassers tausend Farben müssen in blinkendem Wechsel in ihren Augen kommen und gehen; die bleiche Brust muß kalt sein von einer wollüstig kühlenden Kälte, die Wellen rieseln ihren wiegenden Gang durch alle ihre Formen und es ist des Maelstroms Saugen in ihrem Kuß und es ist des Schaumes zerstäubende Weichheit in der Umschlingung ihrer Arme.“
Sie gehörte zu diesen bleichen, sanften jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht nicht den Instinkt besitzen, ihre Liebe auszulieben, bis da auch kein Selbst mehr auf dem tiefsten Grund ihrer Seelen zurückgeblieben ist. Nicht einmal den flüchtigsten Augenblick vermögen sie so zu greifen, daß sie sich blind mit fortgerissen unter die Wagenräder des Götzenbildes werfen. Das vermögen sie nicht; aber sonst können sie alles tun für den, den sie lieben. Die schwersten Pflichten können sie erfüllen, zu den schmerzlichsten Opfern sind sie bereit, und es gibt nicht die Demütigung, die zu ertragen sie sich fürchten.
Wenn sie mit einem Nähzeug dasaß und mit der sanften, ruhigen Stimme sprach, mit diesen klaren, treuen Augen aufsah, dann wurde sein ganzes Wesen von der unwiderstehlichen Gewalt eines starken und stillen Heimwehs zu ihr hingezogen. Er sehnte sich danach, sich vor ihr zu demütigen, das Knie zu beugen und sie heilig zu nennen. Stets sehnte er sich so seltsam nach ihr hin, nicht nur, wie sie war, sondern er sehnte sich nach ihrer Kindheit und allen den Tagen, wo er sie nicht gekannt hatte; und wenn sie allein waren, konnte er die Vergangenheit stets in ihrer Rede heraufbeschwören und sie dahin bringen, von ihren kleinen Leiden, ihren kleinen Verirrungen, kleinen Eigenarten, an denen jede Kindheit so reich ist, zu erzählen.
Es lag eine so frische, unbewußte Sinnlichkeit über ihrer ganzen Gestalt; wenn sie ging, flüsterte ihr Gang von ihrem Körper; es lag eine Nacktheit über ihren Bewegungen, eine träumende Beredsamkeit über ihrer Ruhe, aber sie konnte nichts dafür, weder für das eine noch das andere, es wäre ihr nicht möglich gewesen, es zu verbergen oder es zum Schweigen zu bringen, selbst wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte.
Niels erriet viel, Fennimore wäre unglücklich gewesen, wenn sie gewußt hätte, wie viel.
„Verstehst du, Fennimore, daß ein solches Geheimnis, das nicht mit schlichten Worten in die gewöhnliche, alltägliche Luft hineinerzählt werden kann, daß das einen Menschen zum Künstler zu stimmen vermag? Und sie können es nicht aussprechen, verstehst du, sie können nicht; man muß daran glauben, daß es da ist und still da drinnen lebt wie eine Zwiebel unter der Erde…“
„Du weißt nicht, wozu du uns verurteilst“, sagte er betrübt, „es wäre viel besser, wenn wir jetzt mit eisernen Absätzen drauflosträten, statt zu schonen. Glaube mir, Fennimore, wenn unsere Liebe nicht unser alles ist, das einzige, das erste in der Welt, das, was vor allem anderen gerettet werden muß, so daß wir draufloshauen, wo wir am liebsten heilen wollten, und Leid bringen, wo wir soviel lieber jeden Schatten von Leid fernhielten, wenn wir das jetzt nicht tun, so sollst du sehen, wie all das, worunter wir uns jetzt beugen, sich schwer auf unsere Schultern legt und uns in die Knie zwingt, so unbarmherzig und unerbittlich. – Ein Kampf auf den Knien, du weißt nicht, wie schwer der zu kämpfen ist!“
„… daß er glaubte, es würde das größte Glück sein, wenn er ihr in Worten danken dürfte, weil sie so schön und so lieblich war.“
„Er gehörte zu den Menschen, in denen ein Traum begraben liegt, der Helligkeit und Frieden um einen kleinen Fleck in ihrer Seele ausbreitet, wo sie am meisten sie selbst und am wenigsten sie selbst sind.“
„Seien Sie ganz ruhig, Sie streicht man nicht weg aus seinem Leben. Aber nehmen Sie sich in acht; einer Liebe wie der meinen begegnet eine Frau nicht zweimal in ihrem Leben.“
„Jener Stempel von der Melancholie der Ewigkeit, der ihrer Liebe ihr Gepräge verliehen hatte …“
„Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wollte.“
„OVER ist teilweise real, teilweise Projektion, und durch und durch doppelbödig“, erklärte Hammill noch im Interview mit Michael Ruff. Vielleicht eine Schutzbehauptung, um den Exhibitionismus-Vorwurf zu entkräften. Später kommentiert Hammill die unbehagliche Direktheit, mit der „Over“ die Seele am Ende einer langjährigen Liebesbeziehung obduziert, so: „It was my catharsis.“
Auf Julian Cope presents Head Heritage schreibt „Fitter Stoke“:
„Ever lost that special someone in your life because you took him or her for granted, then basked so much in your own personal disaster that your friends avoid you like a radioactive scarecrow? Peter Hammill has. He wrote an entire album about it.
‚Over‘ is the most confessional album I have in my collection. Its subject falls prey to all the worst excesses of emotion and self doubt that can beset the male psyche. He questions and ponders the darkest corners of his past and present life and the old age yet to come. He ruminates as his closest companions stab him in the back or are driven away by his selfishness. His partner has grown terminally sick of his bigotry and indifference, and after leaving him, commits the ultimate act of retaliation: she marries his best friend. And Hammill tells it all in graphic detail over eight remarkable songs.
(…)
‚This Side Of The Looking Glass‘ is the saddest song I have ever heard. Beginning acapella almost in the manner of plainchant, the most engaging and enchanting orchestral arrangement ever to grace a ‚popular‘ record gradually metamorphosises behind Hammill’s (…) lamentation. This is nothing less than the world of late Brahms, a minor-keyed symphonic adagio backing (and occasionally overtaking) the almost palpable sense of tragedy in the singer’s voice. Try in vain to hold back a tear when he cries ‚… like a stray dog in the night / I’ll shuffle off alone‘. A masterpiece of mood and harmonic impressionism.
(…)
Peter Hammill sorts the men from the boys. (…) ‚Over‘ stands out, and I’d recommend it to anyone with a soul and an emotional history.“
„Over“ ist ein erschütterndes Dokument all der Stadien, zu denen das Trauma der Trennung verurteilt, Trauer, Bedauern, Hoffnungslosigkeit, Beschämtsein, Verbitterung, Wut, Selbstmitleid, Selbsterkenntnis, Selbsttäuschung, Selbstgeißelung, Qual, Schmerz, Elend, Rage, Resignation, Melancholie, Verlorensein, Hoffnung auf Gefundenwerden, die letzten Zeilen des letzten Songs („Lost And Found“)
Put on your red dress, baby ‚Cause we’re going out tonight Put on your high-heeled sneakers Everything’s gonna be alright?
mit einem großen Fragezeichen versehen. Ein vergleichbares Album ist womöglich nur Bob Dylans „Blood On The Tracks“, allein, „Over“ fühlt sich weit beklemmender an, trostloser, nackter; raw pain der entblößten Seele. Die Musik selbst bedrückt und in sich gekehrt, oder aber gequält und zerrissen. Ein Unterton der Ungläubigkeit, die Unfähigkeit oder Weigerung, zu akzeptieren, daß der Verlust endgültig ist und das Scheitern unwiderruflich. Es ist ein ganz bestimmter, unheimlicher Klang, der diesen Unterton zerfetzt; die klanggewordene Verdammnis zu einsamer Verzweiflung, shattering. Auf progarchives.com schreibt ein Reviewer:
„‚(On Tuesdays She Used To Do) Yoga‘ features the single most evil sound I can think of (and I have no idea what it is but you’ll know it when you hear it.)“
Bei vielen der angeblichen Äußerungen Beethovens, die durch seinen Sekretär Schindler überliefert sind, darf die Authentizität bezweifelt werden, aber wenn für das berühmte Eingangsmotiv der 5. Sinfonie Beethovens Satz gilt: „So pocht das Schicksal an die Pforte“, dann gilt für diesen wiederkehrenden Sound eines malträtierten Bassakkords auf dem vorletzten Song von „Over“: so tritt das Schicksal die Tür ein.
Live sah ich Peter Hammill sechsmal. Einmal, mit der K Group (Nic Potter, Guy Evans und John Ellis), gerieten noch Punks außer Rand und Band. Einmal bekam er von einer jungen Frau einen Strauß Blumen überreicht und sagte am Ende: „Danke für eine wahnsinnige Abend.“ Einmal sah ich einen Mann im Publikum lächelnd weinen bei „Sleep Now“, und einmal sang Hammill „Again“ als letzte Zugabe, allein am Bühnenrand, die Saalbeleuchtung schon wieder angeschaltet, ohne Mikrofon, ohne Begleitung, nur mit Zigarette und ganz in Weiß.
Snippet kept: „Sie waren alle gekommen; die Uralt-Freaks aus seligen Van der Graaf Generator-Tagen, die Menschen, die nur einmal im Jahr in ein Konzert gehen (zu Hammill natürlich) und das Jungvolk, das bei Hammill einen Hauch der Joy Division / New Order-Düsternis sucht und auch findet. Rund 90 Minuten feierten die 800 erschienenen Insider ihren Peter. Und der dankte es ihnen mit einem Set, der nur die Perlen aus seinem Oeuvre enthielt, das mittlerweile auf 21 LPs (elf davon Solo-Alben) und gut und gerne 150 Songs angewachsen ist. Begleitet von dem hervorragenden Ex-Vibrator John Ellis an der Gitarre und den alten Van der Graaf-Mitstreitern Guy Evans (Schlagzeug) und Nic Potter (Bass) lotete Hammill (…) die Tiefen der menschlichen Psyche aus und schuf damit etwas, das man heute leider bei 99 Prozent aller Konzerte vermißt. Nennen wir’s ruhig Magie – das Dankeschön ist obligatorisch.“
„The Future Now“, „ph7“, „A Black Box“: Hammills Werk zwischen 1978 und 1980 wird in zunehmender Folge körniges Schwarzweiß, der Sound oft kalt, karg, rigide, dunkel, oft dissonant, oft experimentell, eno-esque, wenn Eno Dr. Phibes wäre und Dr. Phibes ein New Wave-Dekonstruktivist; oft slightly demented, manisch, verquer, verstörend, bizarre Texturen, die an den Nerven zerren, Songs als Antisongs, komplex oder weird oder creepy. Eben doch säurehaltiger Gesang, aggressiv, tense, dann troubled, dann fogwalking. All das faszinierend inkohärent, zusammengehalten nur von the human voice auf der Suche nach Perspektiven. Kompromißlose Vorhut, der niemand folgt. „Mr. X (Gets Tense)“ von „ph7“, einer der Songs, auf denen Hammill sich auch am Schlagzeug erprobt, sein hier eher fragmentiertes Können paßt bestens ins apokalyptische Klangbild.
A Black Box: „Fogwalking“ – through what used to be Whitechapel:
„Jargon King“ – Radiohead-Fans, aufgemerkt.
Das Album „Sitting Targets“ (1981) empfinde ich als zugleich geradlinig und mystisch. So zugänglicher wie konzentrierter Hammill, aber bei genauerem Hinhören an allen Ecken und Enden unheimlich. „Down the river Ophelia goes“, mit präraffaelitischem Synthesizerklang, alles geht seltsame Wege in dieser Ballade. „O, what a noble mind is here o’erthrown“?
„Ich mag es nicht, wenn Dinge zu klar dargestellt werden sollen, denn sie sind es nicht, und eine solche Darstellung ist in jeder Hinsicht und auf jedem Gebiet ein Trick, besonders im persönlichen Leben.“ (Hammill im Ruff-Interview).
Im Interview mit Ruff sagt Hammill auch: „Ich meine, man ist seinem Publikum eher Überraschungen schuldig als Perfektion.“ STRANGER STILL in another town: klingt das „Entropy / A worldly man, a stranger“-Coda in der Studio-Version auch eher nach mystischem Chant, so, als würden abgeschlagene Orpheus-Köpfe immer weitersingen, während Apollo ihnen gebietet zu schweigen, macht Hammill live aus „A worldly man, a stranger“ in der Regel ein a cappella-Ende von exzessivem Irrwitz.
1982 erscheint ENTER K. „ENTER K ist übrigens kein Kürzel für ENTER KAFKA. K ist einer dieser ständigen, band-internen Spitznamen (…)“ (Michael Ruff). Zwei Jahre zuvor hatte Jean-Jacques Burnel sein ENTER FM-Erlebnis: am 3. und 4. April 1980 tritt Hammill bei zwei Konzerten der Stranglers im Londoner Rainbow auf. Bei den rehearsals starrt Burnel, auch nicht als Zimperliese bekannt, Hammill schließlich entgeistert an und erklärt: „You’re a fucking maniac.“
„Graham Smith gave me the name; he said he could spot a „k“ mission in the offing from the look in my eyes.“ Ah.
Die Macht des Unbewußten:
10.12.2009, SPIEGEL ONLINE Forum, moi:
Auch nurmehr in geheimbündlerischen Zirkeln Kultstatus genießend: Peter Hammill, der unberechenbare Philosoph, der Nietzsche des Prog, der Shakespeare der Songwriter, die menschliche Influenzmaschine zur Erzeugung von Hochspannung.
„Accidents“: „Hammill bedient das Synthi-Höllenorchester“, schrieb der ME.
„Patience“, von 1983, das zweite Album der K Group, eines meiner liebsten von Hammill überhaupt. Die Band tight as hell auf Songs wie „Jeunesse D’orée“, „Now More Than Ever“ und „Film Noir“ – über eine Schauspielerin, die in ihrem caravan auf ihre Szene mit dem leading man wartet, um die Grenze zwischen Rolle und Leben zu verwischen („she’s lost herself on some dark trip“) – mit einem Revolver. „Just Good Friends“, später von Marc Almond gecovert. „Traintime“: Shouting down the passage of time.
Sollte es so kommen, daß der Höllenfürst bei meiner Ankunft schlechte Laune hat, „Mann, was glaubst du, was das hier ist, der Soundtrack zu einem Leben, das gar nicht geführt wird?“, und er mir daher nur einen Hammill-Song pro Äon erlaubt, käme ich in Versuchung, mich für „Labour Of Love“ zu entscheiden.
Der Beginn zurückhaltend, aber eindringlich, zum metronomischen Schlagzeug von Guy Evans, am Ende scheinbar vergeblicher Anstrengungen die Sehnsucht, das Werk der Liebe zu teilen, denn Liebe ist ein Werk („die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist“, Rilke), nach dem leisen „It’s a gift of love“ hört man plötzlich den tumultuarischen Maschinenraum der Seele, aus dem solche Geschenke kommen. Die mächtigen, erhabenen Akkorde des Fadeouts und der Engelschor „It’s a labour, it’s a labour of love“ darüber – an diesem Punkt ist meine Liebe zu diesem Song überirdisch.
„Patient“: Raging at the illness when the rage may be it’s cause. Klaustrophobie des Waiting for the doctor to come-Parts, Musik und Gesang der anderen Teile wie: Klare Luft Segovias, nur eine Welt entfernt.
A. Sahihi, 1986:
„David Bowie nennt ihn ‚eine der schönsten Stimmen, die sich je der Rockmusik schenkten‘, Peter Gabriel lobt ’seine brillante musikalische Intelligenz, seine poetische Potenz‘ (…) Vielleicht hat es ihm an Exhibitionismus gefehlt, am Willen, sich anzupassen, oder an dem, was man heuer ‚Marktpenetranz‘ nennt. (…) Er selbst sieht sich als Produkt literarischer Einflüsse und jesuitischer Erziehung, geprägt von fortwährendem Sich-Fragen und Sich-in-Frage-Stellen und romanhaftem Erleben des eigenen Lebens. (…) Der Geist jeder Musik, die für sich und in sich existiere, erklärt Peter Hammill, bestehe aus der Purheit des Stoffes und der Arbeit an der Umsetzung, letztlich also aus der Ehrlichkeit des Musikers.“
„And Close As This“ war Aljoscha’s choice.
„And Close As This, which many diehard PH fans are known to have a strong degree of affection for. Although there are some moments on ACAT which could hypothetically have reached a more widespread level of commercial appeal, most of the album is … something rather more special. Hammill’s vocals, alternately scathingly intense and perfectly compassionate, reach a plateau on this release which the singer has seldom managed to attain on his other works (and that’s saying quite a bit, note). The run of emotions here is quite intense, and manages to invoke both the personal and universal at the same time.“ (Christopher Currie, 1998).
„One of the many charming things about PH’s career is his use of sonic concepts (…) as a means of structuring and limiting an album (…) This album utilizes two rules at opposite ends of the spectrum – the idea of capturing a performance in a single take, and the idea of using MIDI keyboard data to shape an arrangement after the fact. The result is a curious one, unified by strong songwriting and some choices in MIDI editing that survive some of the keyboard timbres used. But whether on acoustic piano or several layers of synthesized sounds, the one-take approach (separate for keyboards and vocals but otherwise about as direct as it gets) provides an incredibly direct listening experience, one that in my mind stands out as memorable and unique in PH’s sizable catalogue.“ (listeningtopeterhammill.tumblr.com).
Intim, spartanisch, Solo-Kammermusik, das Dornröschen in Hammills Oeuvre, a sleeping beauty. „Empire Of Delight“: „A spectral love story“ (progarchives.com) in einem sanftsurrealistischen Setting, unirdisch-sinnlich… if you get my drift.
SIE hatte sich in seine Träume geschlichen in einer der Nächte
SEVEN LONG NIGHTS TO THINK
zwischen Dienstag und Dienstag, lautlos und so, wie der Gott seiner Träume SIE erschaffen hatte, badend wie eine Tochter des Neptun, jedoch nicht unter freiem Himmel, sondern in einem Schwimmbecken. Ein Schwimmbecken, wie es in einer Sequenz des Filmes Katzenmenschen vorkommt. Aber niemand löschte wie im Film das Licht, kein Fauchen zerriß die Stille, Aljoscha schwamm einfach neben IHR im Wasser, ohne jede Anstrengung, zwischen ihnen hundert Andeutungen, und er dachte: Das Becken ist das Gefäß der Liebe.
Mancher hat ein Traumland, das er Nacht für Nacht durchwandert, im Wachen nie gesehene Gestaltungen, stets aufs neue reproduziert, wie Gedächtnisrelikte eines früheren Daseins. Jeder hat im Traumreich seine eigenen Archetypen. Und die unergründliche Regie der Nachtseele ergötzt sich an unbegreiflichen Konstanten und merkwürdigen Apotheosen. Iris, ein Mädchen aus Aljoschas Schule – sie hatte ihm einmal nach der letzten Stunde einen langen Kuß und unruhige Zärtlichkeiten erlaubt –, residierte unanfechtbar als Liebesgöttin in seinem Traumuniversum, obwohl er die wirkliche Iris schon längst nicht mehr sah und nicht einmal mehr an sie dachte. Wenn er von Iris geträumt hatte, wachte er gesegnet auf. Gefährtin, Führerin, Verführerin, Fingerzeig aufs Schicksal, Erlöserin, Fatale und Totale, Irre und Wirre, Weise, Naseweise, Fesselnde, Entfesselnde, Besänftigende, Rasendmachende, Märchenhafte und Mirakel, Gedankenvolle, Geneigte und Genaugenommene, Dominierende, Dolmetscherin und Dame, Zärtliche, Zähe, Zielbewußte und Zerzauste, Elegante, Ernste, Erregende, Erlaubende, Erhebende, Bestechende, Bewußte, Beflügelnde, Blatt-vom-Mund-Nehmende, Verbessernde, Vernünftige und Verrückte, verblüffend, verwundert und verträumt, hemmungslos, humanisierend, heilkräftig und herb, trotzig, tonangebend und tiefblickend, kräftigend, entkräftend, infernalisch, intensiv und ohne ihresgleichen, ruhend, revoltierend, radikalisierend, kurz das Weibliche in jeder Hinsicht war Iris, die sich’s nicht hätte träumen lassen, in Aljoschas Träumen.
So wie das Becken in jeder Hinsicht das Gefäß der Liebe war. Aljoscha war nicht mit der Liebesgöttin Iris in das Traumwasser des Schwimmbeckens getaucht; er verstand, er verstand. Das Schwimmbecken war 2000 Faden tief. Aljoscha sah den Grund. Leda beklagte sich manchmal: „Warum träumst du eigentlich nie von mir?“, und Aljoscha antwortete: „Aber ich träume ja von dir“, denn schließlich ist auch abstruse Archetypenwahl nur Archetypenwahl.
Es war fast 15 Uhr 45, und daß Aljoscha die letzte Vorlesung des Dienstags absaß wie im Mastkorb eines Schoners, lag eben daran, daß nicht Iris im Traum erschienen war. Die Katzenmenschenfrau hatte bewirkt, was Leda zu bewirken wünschte: SIE hatte seine Archetypen abgesetzt und seinen alten Traumkult vernichtet.
Es war der siebte Tag. Aljoscha beeilte sich. „Sie ist vor mir in Wolchonka gewesen letzten Dienstag“, dachte er einen Denkfehler, denn es war ebensogut möglich, daß SIE am letzten Dienstag mit derselben Metro von Damtorsk nach Wolchonka gefahren war wie er selbst, daß SIE nur schon in Damtorsk am anderen Ende des Zuges eingestiegen war (um dann in Wolchonka am anderen Ende des Bahnsteiges auf ihn zu warten) (und ihn zu sich zu rufen) (durch psychomagnetische Deklination) (und es war um die sechste Stunde und Jesus traf die Frau am Brunnen und sie sagte, Herr, du hast nichts, womit du schöpfest und der Brunnen ist tief).
Aljoscha beeilte sich. Er hielt einfach mit der Menge Schritt, die es fast immer eilig hat, bei Kälte ganz besonders. Seinetwegen hätte die Menge auch anfangen können, zur Damtorsk-Station zu traben oder zu hopsen, er hätte alles mitgemacht, was seine Hochspannung ein wenig gelöst hätte. Andererseits durfte er das Schicksal auch nicht zu sehr herausfordern. Er und mit ihm alles andere mußte den normalsten Gang gehen. Wenn nur keine Hexe hinter ihm war! Russische Hexen gehen nämlich hinter ihrem Opfer her und imitieren seinen Gang; wenn Hexengang und Opfergang in völliger Übereinstimmung sind, läßt sich die Hexe fallen…
Aljoscha wünschte sich 360°-Augen. Er wünschte sich genau dorthin, wohin seine Füße ihn jetzt trugen, und zugleich wünschte er sich weit, weit fort. Er hörte die Musik, die sich wie von selbst zusammengestellt hatte zu einer Art von Liturgie.
Als er den Bahnsteig erreichte, sah er die Metro nach Putjagora auf dem Gleis stehen. Noch waren die Türen geöffnet. Noch konnte er in den Zug springen.
SOMEONE FETCH A PRIEST
War SIE da drin, in diesem Zug? Oder war SIE noch auf dem Weg zum Bahnhof?
YOU CAN’T SAY NO TO THE BEAUTY AND THE BEAST
Wirbelndes Schicksalsrad! Wirbelndes Schicksalsrad! Laß mich zwischen deine Speichen für eine Sekunde der Wahl!
Nein. Nicht dieser Zug.
Das Zeichen zur Abfahrt! Die Türen schlossen sich, die Metro fuhr dahin. Aljoscha lehnte sich an den Betonwall, der vor dem Fall auf die Rolltreppe schützte. Im Bahnhof Damtorsk fuhr man mit der Rolltreppe zu den Bahnsteigen hinauf, und Aljoscha observierte den Menschenstrom, der da ankam, so gut man das vermag, wenn man zugleich den Eindruck panoramischen Desinteresses zu erwecken versucht.
Stundenlang vergingen einige Minuten, untermalt von Klängen und Gesängen aus Schwarzafrika, zu denen der Trommler Stewart Copeland seine eigenen Rhythmen beisteuerte. Plötzlich nahm auch die Realzeit einen Rhythmuswechsel vor.
Eine Aureole schien SIE zu umgeben, weil SIE die Langerwartete war. Noch konnte er IHR Gesicht nicht sehen. Er erkannte SIE an der hohen Gestalt und an der 40er-Jahre-Thriller-Frisur. SIE trug einen langen Wintermantel. Russischgrün. Sehr tiefes Grün. Als SIE von der Rolltreppe auf den Bahnsteig trat, war Aljoscha schon wieder eine Allegorie der Indifferenz.
Der Gang der Frau
Verhindert ewig, o ihr Weltenlenker, daß dem Auge eines Todgeweihten, dessen Blick schon bricht, als letzter Anblick eine Frau erscheint, die einfach nur vorbeigeht. Verhindert, wenn der Arme nicht verdammt sein soll, daß sein letzter Blick den Schritten einer Dame folgt, die zufällig des Weges kommt. Man sagt, des Todes Schrecken ist einzig und allein das Nichts, aber hol’s der Teufel, wenn dieses Nichts nicht fein gestaffelt ist! Wenn endgültig genug geschrammelt ist nach schönen Augenblicken und die Stunde dräut, da wir der Dinge kommen, die da harren; wenn man nicht mehr sieht, wie hoch man schon gestiegen war, sondern nur, wie tief der Fall sein wird; fängt dann nicht sogar der Hartgesottene an, die Nichtse zu sortieren? Und ist’s nicht eins der schlimmsten Nichtse, wenn nichts mehr auf die Netzhaut geht? Das kann man so und so sehen? Noch. Da liegt der Hase ja im Pfeffer. Aber wenn kein Hase und kein Pfeffer mehr zu sehen ist, kein neuer Morgenhimmel mehr, der sich rötet wie die Wangen einer Braut? Wenn man nicht mal mehr die Hand vor Augen sieht, kann man sich das vor Augen halten? Eben nicht. In dieses Nichts zu müssen, das ist arg; und darum, mächt’ge Richter, verschlimmert nicht den Abschied tausendfach – laßt ab vom Wack’ren, der seine Seele schon verröchelt; laßt nicht sein letztes Bild, bevor der Große Wandler kommt, das Wandeln eines Weibes sein.
Nur die Frau hat einen Gang. Der Mann geht, weil er gehen muß, er ist immer unterwegs von A nach B, sein Gehen ist rein funktional und ohne Lust, es hat nichts Metaphysisches und gleichsam Schwebendes, und es hat schon gar nichts, was das Erfinden solcher Worte wie Grazie oder Anmut zwingend nötig gemacht hätte. Aber gerade der Mann, der zu schlendern versucht, der also seinen Funktionalgang vorsätzlich zum Herumlatschen abbremst, produziert Fortbewegungsarten, die seit dem täppischen Abgang des Australopithecus von diesem Planeten als eliminiert galten. Wenn er beschwingt eine Treppe abwärts schlingert, wenn seine Füße dabei in alle Richtungen schnellen, als würden aufgescheuchte Frösche in den Socken sitzen; wenn frenetisches Flattern der Hose den debilen Step begleitet und das ganze unkoordinierte Chaos deutlich macht, warum der Physik gar nichts anderes übrig bleibt als die Auflösung des klassischen Materiebegriffes, dann wird evident, daß Treppen dazu da sind, die Frau herabsteigen zu lassen aus den objektiven Himmeln ihrer Weiblichkeit. Keine Treppe bringt die Frau aus ihrem Ur-Rhythmus, dem welttragenden, der aus dem Becken kommt, dem Klangkörper des All-Tons. Wenn die Frau einen Zank damit beendet, daß sie auf dem Absatz kehrt macht, ist ihr Gang Bestimmtheit selbst, autonom und zwingend, einen Stolz diktierend, der aus Königen Kretins, aus Prälaten Pöbel und aus Städten Sandgekrümel macht. Dem Mann fehlt diese Fähigkeit: sich mit jedem Schritt zu buchstabieren. Man weiß nicht, ob er gerade zum Martyrium unterwegs ist oder zur Bushaltestelle. Geht er die Welt retten oder ins Büro? Kein Unterschied.
Der Gang der Frau ist das ewige Weitertanzen Salomes, die niemals zu versklavende Geschmeidigkeit der Artemis, der kreisende Schoß der Astarte, der Trotz der Jeanne d’Arc vor ihren Richtern, der unbeirrbare Gang durch die Geschichte mit jenem Hauch von Überlegenheit, an den zehntausend Jahre Unterdrückung nicht reichen – das für immer Unberührbare. Die Frau geht voller Eleganz durch einen Hurrikan und mit Würde aufs Schafott, ihr Gehen ist die ewige Bewegung um einen Schöpfungspunkt herum, der Schreitzyklus ihrer Schenkel ist wie der elektromagnetische Atem des Universums, und wenn ihr Gang von jener Art ist, daß es einem Mann die Augäpfel zu sprengen droht, dann handelt es sich nicht um etwas Künstliches, sondern um Natürliches als Kunst. Alles andere bildet ihr Spalier: der Gang der Frau ist jederzeit ein Kommen, auch wenn es nur ein Gehen ist.
Es war der 24. November. Aljoscha überquerte die Kreuzung am Damtorsk-Bahnhof und bog in die Allee ein, die zum Universitäts-Hauptgebäude führte. Ein Schwarm nachdenklicher Vögel zog über ihn hinweg. Er näherte sich den Mysterienkulten, und das Mysterium näherte sich ihm.
SHE’S WALKING DOWN THE STREETS
SIE kam ihm entgegen unter den schwarzen Gerippen der Bäume. Er war wie vom Wetter gerührt. Es war doch erst Montag! Es war erst gottverdammter Montag! SIE,
BLIND TO EVERY EYE SHE MEETS
zunächst nur ein Schemen in der Ferne, eine Luftspiegelung in der Wüste, dann jedoch eindeutig offenbart durch IHREN Gang, SIE kam auf ihn zu wie des Henkers schöne Tochter, unbeirrbar, ohne Hast,
SHE HOLDS HER HEAD SO HIGH
IHRE Ledertasche mit beiden Armen an sich drückend wie eine Magd den Apfelkorb oder eine Hexenkönigin den Kater, die fünf Töchter der Gnade im schwarzen Handschuh. Weil der Schwung der Arme entfiel, wirkte SIE
LIKE A STATUE IN THE SKY
noch zurückhaltender, noch unerschütterlicher, noch mehr in sich gekehrt als sonst; IHR Gang wurde dadurch nur noch aufsehenerregender. SIE vollzog eine gelassene Tortur an jedem, der SIE beobachtete, und allein die Art, wie SIE sich bewegte, brachte klar zum Ausdruck, wie das Getriebe der Welt für SIE keinerlei Konkretheit annehmen konnte, wie extravagant die Vorstellungen sein mußten, die für diese Frau Bedeutung hatten. Oder war es ein Schmerz, zu tief, um Außenwelt zu dulden? SIE ging wie eine Frau, die abzuwarten wußte, den Blick gesenkt, vornehm wie eine Pfingstrose am Mittag, schlank wie eine der Lamien.
Ein reichlich abgekartetes Spiel
Aljoscha betrat den Fahrstuhl und schloß das Gitter. Der Fahrstuhlführer musterte ihn mit dem Nicken eines listigen Untersuchungsrichters. Es nahm kein Ende, dieses Nicken.
„Was soll das heißen?“ rief Aljoscha. „Sie verstehen sich am Ende gar als eine Art Mitwisser?“
„Hören Sie“, sprach der Fahrstuhlmann, „im dritten Stock wohnt eine, die Sie liebt!“
„Ich weiß“, antwortete Aljoscha müde.
„Und dann ist da eine, die sich im Souterrain verborgen hält, die liebt Sie auch!“
„Das sagen Sie. Können wir jetzt fahren?“
„Dritter Stock oder Souterrain?“
„Zur Empore. Ich möchte die Konstellationen betrachten.“
„Gibt harsche Tendenzen bei einer Triade, was?“
„Zerstörerische. Schweigen Sie endlich.“ Aljoscha hatte plötzlich den Eindruck, als trüge der Fahrstuhlführer eine Maske und hinter der Maske kein Gesicht.
„Mythen, gewiß. Aber sind sie fraglich, weil sie Mythen sind?“ gab der Fahrstuhlführer zu bedenken. Die Empore war erreicht. Aljoscha gab dem Fahrstuhlführer ein paar Münzen und sagte: „Hier, kaufen Sie sich davon einen Flugfrosch.“ Er bezog den Standpunkt der Observation und richtete sein Augenmerk auf eine Vielheit, die sich zur Einheit versammelte in einem reichlich abgekarteten Spiel.
(Allgemeines Gemurmel)
DER HERRSCHER. … doch, doch… manche beginnen zu verstehen, daß die Ewigkeit in einem einzigen Augenblick wohnt…
DER HOHEPRIESTER. Wollen’s hoffen, wollen’s hoffen!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Mein Pferd tanzt auf zwei Hufen über 39 Stufen voller Pulverschnee!
DER RITTER DER STÄBE. Mein Pferd machte mich kürzlich darauf aufmerksam, daß sich die Sterne in der Sakeschale spiegeln!
DER RITTER DER SCHWERTER. Sag noch, dein Pferd furzt Maximen.
DER RITTER DER STÄBE. Auch, auch!
DER NARR. Pardon! Pardon! Wohlaufgemerkt! Das erste Wort!
TUGEND. Bitte, wäre es wohl zuviel verlangt, uns den Grund zu nennen, der uns hier zusammenführt?
DER TEUFEL. Gründe, wer braucht Gründe? Kleinkariert, ducknackig! Kannst du nicht einmal grundlos sein? Motivation, Klotivation! Nimm mal den dings, wie hieß er, Jesus! Hatte der einen Grund? Den würde er wohl immer noch suchen!
TUGEND. Mit dir spreche ich nicht, Versucher!
DER TEUFEL. Mit mir spricht jeder irgendwann. Darum sind wir ja hier, Puppe.
DER MAGIER. Wir sind hier, um in die Waagschale zu werfen und Widerhall zu finden. Wir werden ins Gewicht fallen, und wir haben Nachdruck zu verleihen.
DER TEUFEL. Sicher, wir waren nicht immer einer Meinung, aber er hatte doch Mumm, dieser Christus. Doch, doch. Ich ziehe meinen Hut.
DER NARR. Hut?
DER TEUFEL. Das sagt man so. Ich ziehe meinen Hut. Man muß keinen aufhaben, weißt du? Ich hab mich mal mit Grammatik beschäftigt.
DER MAGIER. Als der Vorsitzende dieses Nachtkonzils erinnere ich daran, daß wir nichts als Ganzheit sind, sobald ein freier Wille durch die enge Pforte dringt. Laßt daher alte Zwistigkeiten ruhen! Ich werde jeden Streit beenden, der nicht dazu taugt, die Dunkelheit, aus der man uns rief, zu erhellen. Wer weilt noch anderwärts?
MOND. Der Tod. Doch ich sehe ihn, er ist schon nah.
DER TEUFEL. Oh stille Mondgöttin, deine Weitsicht! Dein mädchenhaft ungetrübter Blick! Dein keusches, kaltes Licht! Aber mich kannst du nicht täuschen, Urheberin der Fieber! Schöpferin des Zweideutigen! Sind wir nicht wie Geschwister?
MOND. Mein Licht ist wie eine Oase für den Durstigen. Deine Liebe ist wie Gift in einem Brunnen.
DER TEUFEL. Was für eine gräßliche, groteske Unterstellung! Ich habe allenfalls interesseloses Wohlgefallen an –
DER TOD.(Hereinstürzend) Entschuldigt! Ich wurde aufgehalten.
TAPFERKEIT. Hat man Euch zu einer Partie Schach gefordert?
DER MAGIER. (zum Tod) Nimm Platz, wir wollen beginnen.
DER TOD. Ich stehe lieber. Man weiß nie.
DER MAGIER. Du bist jetzt nur Prinzip.
DER TOD. Ach ja. Verfluchtes Durcheinander.
DER MAGIER. Ich eröffne also diese Konferenz, die nach irdischer Zeit den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde dauern wird. Wer will beginnen?
DER WEISE EREMIT. Ich bitte um Gehör.
DER TEUFEL. Was will er, ein Hörrohr?
DER MAGIER. Sprich, Eremit.
DER WEISE EREMIT. Ihr wißt, ich bin ein Pilger, der von Stadt zu Stadt gegangen ist, ohne einen Blick für Tand und Flitter; ich war auf hohen Bergen und in tiefen Tälern, um zu finden, was keiner von euch sucht. Und so mancher wird sich denken: was will er uns denn sagen, er kennt sich doch nicht aus! Aber ist einer unter euch, der mit einem Scheusal rang, größer als die Pyramiden? Stand einer von euch Auge in Auge mit dem Biest, das Versuchungen ausdünstet, betörend wie die wohlduftenden Essenzen der Libyer, lockend wie ein Hauch von Ambra oder Zibet auf der milchweißen Haut der Odaliske? Hat einer von euch je einen Zweikampf ausgetragen mit dem von schwarzen Pusteln übersäten Urbild des Verrats? Der soll mich unterbrechen!
DER TEUFEL.(Wiener Schmäh imitierend) Der Sigmund, des is a Freud.
DER WEISE EREMIT. Ich sehe mit Betrübnis in das Innere der Angelegenheit, die wir verhandeln sollen. Sie ist ernst.
DIE HERRSCHERIN. Und wißt Ihr auch, wie ernst sie ist, mein weiser Mann?
DER WEISE EREMIT. Ah, Ihr! Unwürdige! (mit dem Finger auf die Herrscherin zeigend) Ihr sitzt da wie ein Freudenmädchen!
DER TEUFEL. Ach Gottchen, haben wir noch nie einen Strumpfhalter gesehen?
DIE PRINZESSIN DER KELCHE.(Tuschelnd) Henri der Dritte fiel jedesmal in Ohnmacht, wenn er eine Katze sah!
DIE PRINZESSIN DER STÄBE.(Mit ihrem Fächer wedelnd) Das Obszöne entsteht im Auge des Betrachters, das ist meine Meinung! Ist sie die Liebesgöttin oder nicht?
DER MAGIER. (zur Herrscherin) Madame, hättet Ihr die Güte, Eure Kleidung ein wenig zu arrangieren.
DER TEUFEL. Köstlich! Was für eine Farce! Haben wir schon angefangen, oder wie?
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer ist es denn, der uns befragt?
DER MAGIER. Er zählt die Sterne an seinem Nachthimmel, verhundertfacht die Zahl und schwört, es sind die Jahre, die er eine Fremde liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Ach… das ist hübsch.
DER WEISE EREMIT. Sinnlose Verwirrung ist nicht hübsch! Dieses Herz, das in einer anderen Schuld steht, wird von einer Sirene becirct! Und ich sage, wer den Weg gefunden hat, warum sollte er den Weg verlassen? Wer den Stab hat, sich darauf zu stützen, warum sollte er nicht standhaft bleiben? Das höchste Gesetz, hat es keine Geltung mehr? Dieser törichten Anwandlung muß Einhalt geboten werden, oder die Steine in den Mauern werden schreien!
DER TEUFEL. (zum Narren neben ihm) Très joli, n’est-ce pas?
DIE HERRSCHERIN. Ihr seid im Irrtum, Eremit. Das höchste Gesetz, es gilt noch immer. Auf die Silbe.
DER TEUFEL. Großartig! Dann können wir ja alle wieder nach Hause gehen. Ich habe einen Braten in der Röhre.
DIE HERRSCHERIN. Einen Menschen lieben, das war und ist Gesetz.
DER WEISE EREMIT. Ihr betont es falsch. Einen Menschen lieben.
TUGEND. Muß man nicht alle Menschen lieben, damit man einen liebenkann?
DER KÖNIG DER SCHWERTER. Durchaus nicht. Aber man kann alle Menschen lieben, indem man einen liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer alle Menschen lieben will, muß ganz abstrakt werden! Sind nicht alle großen Komponisten Philanthropen?
DER RITTER DER SCHWERTER. Philanthrop oder Misanthrop. Was im übrigen dieselbe Abstraktion ist.
DIE KÖNIGIN DER SCHWERTER. Aber jeder Philanthrop hat etwas Misanthropisches, weil er von der Güte des Einzelnen absieht. Und jeder Misanthrop hat etwas Philanthropisches, weil er die Schlechtigkeit des Einzelnen verzeiht.
DER RITTER DER STÄBE. Ha! Genug Schwertgeschwätz, um der Hydra die neun Köpfe abzutrennen, aber leben eure Worte je durch Blut? Worum es geht, das ist doch wohl, beim Zeus: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich davon abhält, seinem Herz zu folgen?
DER KÖNIG DER SCHEIBEN. Worum es geht, das ist doch wohl, beim Jupiter: ist der Mensch denn noch bei Trost, der alles aufgibt wegen einer Laune?
DER TEUFEL. Worum es geht, das ist doch wohl, bei meiner Rübe: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich diesen Quack noch länger anhört?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Es gibt nur eine Wahrheit, und wer sich ihr in den Weg stellt, hat mit Sachschaden zu rechnen!
DER RITTER DER STÄBE. Aber welche ist es?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Weiß ich doch nicht.
DER RITTER DER STÄBE. Die Moderne geht mir auf den Sack. Früher war alles einfacher.
DER MAGIER. Konflikt entsteht aus der Verschiedenheit von Sein und Sollen. Was trifft aufeinander? Ein Herz, das sich ein Gesetz gab, und eine Fügung, die scheinbar Herz und Gesetz entzweit.
DER HÄNGENDE MANN.Man kann natürlich vieles Fügung nennen!
DER TEUFEL. Herrgott, warum schreist du bloß immer so?
DER HÄNGENDE MANN. Verzeihung. Meine Haltung verleiht mir die Impression, daß ich schlecht zu verstehen bin.
DER HOHEPRIESTER. Und wenn diese Fügung nur als Phantasie besteht?
DER MAGIER. Wäre sie dann weniger bedeutsam?
DER HOHEPRIESTER. Scheinbar greift sie an, was besteht. Oder greift sie an, was nur scheinbar besteht?
DIE HOHEPRIESTERIN. Hat diese Fügung Sein, das werden soll? Oder ist ihr Sein ein Widerspruch zum Sollen?
TUGEND. Ist ihr Sollen nicht nur Schein?
DAS SCHICKSAL. Oh nein, ihr Sein steht tief im Soll.
DER WEISE EREMIT. Was andere Fügung nennen, nenne ich Schuld!
DER TEUFEL. Zicke zacke zicke zacke, hoi hoi hoi!
DER RITTER DER KELCHE. Schuld ist ein hohles Wort. Ein extrem gewölbter Begriff. Bauchig geworden vor lauter hineingestopftem Sinn.
DER WEISE EREMIT. Schuld ist Schuld, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Könnte es sich bei dem Stand, den wir betrachten, um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER TEUFEL. Könnte es sich bei deinem Verstand um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Ich lasse mich nicht beleidigen, auch nicht vom Herrn Satan persönlich! Nennt mir Euren Sekundanten!
DER TEUFEL. Hm – Ozzy Osbourne?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Sehr witzig.
DER TEUFEL. Ach, hol dich der Teufel.
DER KÖNIG DER KELCHE. Hört mich an, bei der Asche Gogols! Kein Geschehen ist ohne Bedeutung, oder stimmt das etwa nicht? Hat schon alles seinen Sinn, ja, das kann man sagen! Das Geschehen, das ist wie ein – wie ein – Glas mit Wodka! Es wäre schlecht bestellt um die Bedeutungen, wenn sie nicht schon drin wären im Geschehen, wie Wodka im Glas! Ich meine, wo sollten sie sonst hin, die Bedeutungen?
DER TEUFEL. Ist ein Doktor anwesend? Rasch, wir haben einen Notfall hier!
DER KÖNIG DER KELCHE. Wie soll einer die Bedeutung des Geschehens erkennen, wenn es kein Geschehen gibt? Ich bin für weiteres Geschehen, bis man die Bedeutung trinken kann! Sehen kann, ’zeihung.
DIE LUST. Ja! Ja! Ich will, daß es geschieht! Das Geschehen soll geschehen! Immer!
DER WEISE EREMIT. Nur über meine Leiche!
DER TOD. (Aufwachend) Pardon?
DER NARR. (Klatscht Beifall) Das ist ein Wort! Ein gutes Wort! Das ist das beste Wort! Das erste Wort! (spricht leise vor sich hin, mit verschiedenen Betonungen) Pardon? Pardon! Pardon…
DIE PRINZESSIN DER STÄBE. Geschehen muß sein. Wovon sollte man sich als Eremit sonst abwenden?
DER WEISE EREMIT. Ein solcher Hang zum Fatalismus kann nur von Übel sein!
DIE HERRSCHERIN. Niemand sprach von Fatalismus hier.
DER WEISE EREMIT. Aber man kann den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen!
DAS SCHICKSAL. Ach! Seit wann denn nicht?
Woher kommen wir?
SIE kam. SIE ging nicht in die andere Richtung. SIE ging nicht an ihm vorbei. Man kann nur tun, was man will, wenn man auch das Gegenteil tun könnte, und nichts hätte SIE am Gegenteil gehindert. Aber SIE war ihm gefolgt und stand urplötzlich auf einem Punkt im All, der von seinem Standpunkt nur zwei Armlängen entfernt war. Unauffällig wie eine gotische Kathedrale. Als hätten die Himmelsmächte in Windeseile eine Statue errichtet neben ihm, eine Marmorschönheit, die Kunst des Phidias übertreffend. Ihre Position war so eindeutig auf ihn, Aljoscha den Idioten, abgestimmt und eingestellt, daß ihm das Herz in die Kniekehlen sank, und mit also beherzten Knien versuchte er, neben dieser Hohepriesterin des Unnennbaren zu bestehen. Zu stehen, fürs erste.
Majestätisch, erhaben, unbewegt, doch Gott weiß welche Schwingungen aussendend, tat SIE nichts, als einfach mit rätselhafter Unerbittlichkeit in sein Leben zu treten. Wer war SIE? Oder was war SIE? Die Diskrepanz zwischen IHRER diktatorischen Präsenz und IHRER demonstrierten Gleichgültigkeit war nervenzerfetzend.
Ein Mann kam auf Aljoscha zu. Und was war jetzt das? Ein weiterer Abgesandter, ein Unheilsbringer? Ein Kurier aus anderen Dimensionen? Wladimir Majakowski? Hauen Sie ab, ich warne Sie! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten!
„Kennen Sie sich hier aus?“ fragte der Mann.
„Ja.“
„Fährt diese Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte Aljoscha.
Der Mann ging nicht weg. Aljoscha hatte Lust, in seinen Schal zu beißen und zu rufen: „Schmeckt sehr schal!“ – wenn es nur den Mann verjagte.
„Fährt denn gar keine Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann. Die großen Anzeigetafeln überall kümmerten ihn wohl nicht sehr.
„Doch. Wahrscheinlich die nächste.“
Wieder vergingen kostbare Sekunden.
„Wann kommt die denn?“
Unbeirrbar ging der Mann am Rande einer Ohrfeige spazieren.
„Bald. In fünf Minuten. Keine Panik.“
Der Mann machte runde Augen: „Ich? Panik? Wieso?“
Aljoscha dachte: weil sich gleich ein Loch auftut und dich verschluckt. Aber der Mann zog endlich weiter.
Und damit hatte SIE seine Stimme aus der Nähe vernommen. Beruhigend, daß man Gesagtes nicht an sich bringen kann, um Fernzauber damit zu treiben. Oder kann man? Vielleicht hatte SIE Mittel, um den Klang seiner Worte substantiell zu machen und einzureiben mit einem Gemisch aus Geckospucke, Viperntränen, Belladonna und Pulver aus dem Gürtel der Persephone und… Jessas. Wie sagt Majakowski in Seht, so ward ich ein Hund: „Sicher – die Nerven, gehn mir an die Nieren…“
Als die Metro in den Bahnhof eingerollt war und Aljoscha einstieg, folgte SIE ihm so spurgetreu, als würde SIE hinter ihm durch eine Schneewehe gehen. Unfaßbar, dachte er. SIE will es so. SIE will es so.
Er lehnte sich an eine Trennwand. Ob IHR das Gedränge keinen Ausweg ließ, oder ob SIE sich dazu entschloß, jedenfalls blieb SIE ganz nah bei ihm, als hätte er ein Anrecht auf das berauschende Gefühl dieser Nähe, auf den Reiz, der darin lag, daß SIE vor aller Augen eine Art von Zugehörigkeit vorspielte, andererseits aber nur sie beide wußten, was hier vor sich ging. Für diesen exklusiv exhibitionistischen Akt drehte SIE ihm, natürlich, den Rücken zu, und trotzdem war es, als würde er durch ein Schlüsselloch schauen, und als würde SIE es wünschen, ihn auf diese Weise zum Voyeur zu machen. Für eine kostbare Minute exquisiter Martern lud SIE seinen Blick ein, in IHR Haar zu tauchen und sich von den Wellenlinien jeder Strähne mitreißen zu lassen; dann, wenn SIE den Kopf ein wenig drehte, die Länge IHRER Wimpern zu studieren, während IHR Parfum ihm die Sinne verwirrte, Dufthauch einer prächtigen Blüte, die sich für einen luxuriösen Exzeß zur Schau stellt. Dann, als sich an einer Trennwand vis-à-vis ein Platz zum Stehen bot, nahm SIE diesen mit einer raschen und geschmeidigen Bewegung ein; es war unmöglich, zumindest für Aljoscha, dabei nicht an den lautlosen, waagrechten Sprung eines todsicheren Panthers zu denken. SIE warf herrisch den Kopf in den Nacken, schien einen scharfen, seltsam befriedigt wirkenden Atemzug zu tun und sah ihn kurz und beunruhigend an. Zum ersten Mal standen sie von Angesicht zu Angesicht.
Auge in Auge.
Woher kommen wir? Woher kommen wir zurück? Welche Sprache, in jedem Gedächtnis längst erloschen, sprachen wir? Welche Dynastie statuierte ein Exempel? Welchen Glauben erklärte sie für rechtens? Welchen Kult verbot sie? Welcher Tyrann ließ uns verfolgen? In welchem Land, in welchem Reich kam ich zu spät? Begehrte diese Frau Erinnerung an jene Stunde, da SIE an einen Pfahl gekettet war, zu Tode gequält von den Schergen des Herrschers? Erinnerung an den letzten schwachen Glanz in IHREN Augen? Erinnerung an seine zorngeballte Faust und seinen Schwur, diesen Glanz wiederzufinden, bevor die Sterne aufhören zu wandern? Ein Zucken IHRER Lippen – es lag Getriebensein darin und Grausamkeit. Oft wie nie zuvor fand er IHREN Blick, den Blick, der zwischen ihm und der Vernunft jedes Band zerschnitt. IHRE Haltung war gebieterisch und streng, IHRE ganze Erscheinung erteilte die Lektion, nichts erhoffen zu dürfen, niemals; und gerade darum glich IHR Blick einer Verzweiflungstat: die sehnsüchtige Aufmerksamkeit IHRER Augen wirkte scheu und beinahe flehentlich, als wollte SIE dem Zeichenlehrer sagen: laß mich Rosen tuschen in das Album deiner Not… IHRE Stiefelspitzen zeigten in so grundverschiedene Richtungen, daß es nur zwei Möglichkeiten gab: SIE war Ballettänzerin oder vom Teufel besessen.
Anschwellendes Dämonenheulen
Könnte man unsichtbar werden wie Ariel, der Luftgeist, um zu spionieren! Einmal nur sich umschauen in den Gemächern, die SIE bewohnte! Zwei oder drei Geheimnisse IHRES Lebens, um wenigstens die Nervosität ein wenig zu lindern! Bevorzugte SIE Kirschen oder Erdbeeren? Rosen oder Lilien? Paris im Frühling oder London nach Mitternacht? Sacher-Masoch oder den Marquis de Sade? Opium oder Shalimar? Trank SIE den Tee mit Zucker oder nicht? Liebte SIE vielleicht nur Frauen? Welches war der Spiegel, vor dem SIE IHRE Strumpfnaht richtete? Was bedeuteten die Bilder, die an den Wänden hingen? Erschienen jede Nacht dieselben Silhouetten vor dem Fenster? War Zeit ein Schwindel hier, im Schein von 13 Kerzen? Träumte SIE zuweilen, daß eine dieser Türen in unterirdische Verliese führte?
Hier, wo SIE aus IHREM langen, schweren Wintermantel glitt, in den gehüllt SIE auf den Straßen die Blicke der Verstohlenen mit eisiger Mißachtung strafte. Hier, wo IHR in einem schwarzen Universum milchig weißes Licht huldigend entgegenströmte. Hier, wo IHRE geschlossenen Lider erzitterten, wenn die Wesen in den unterirdischen Verliesen brüllten.
SIE schlägt die Augen auf und sieht: nicht ihn. SIE beobachtet nicht ihn mit kühlem Interesse und präziser Neugier. Mit IHR erhebt sich eine ägyptische Königin, gewillt, IHRE Macht zu erproben mit ruhiger Selbstverständichkeit. SIE läßt nicht ihn den Kuß der züngelnden Natter fühlen, dann IHREN eigenen Kuß, und nicht ihm schmilzt das Rückgrat in der Glut. SIE schmiegt sich an die bronzene Katzengöttin, eingesperrt in ein fremdes Jahrhundert wie in einen Kerker voller Seufzer, deren Echos keinen Ausweg finden. Während SIE in unangreifbarer Reinheit thront, läßt SIE nicht ihn sein Verlangen büßen. Die Sterne werden rasend. Nebelschwaden kriechen durch den Korridor. Aljoscha kniet, die Hände auf dem eisigen Stein, den Blick zur schönen Peinigerin erhoben, die nicht ihm unter seidigen Bedingungen IHREN Willen aufzwingt. Nicht er streckt die Hände nach IHR aus wie eine verdammte Seele. SIE legt sich auf einen steinernen Altar wie auf einen Diwan, hingegossen, man hätte SIE für wollüstig halten können, eine Bewegung IHRER Beine verursacht anschwellendes Dämonenheulen – und der Hauptmann, der hervorwächst aus dem Nebel, brüllt martialisch – und Aljoscha heult sein eigenes Heulen, als er die blanke Klinge in den Hauptmann rammt und den Widersacher meuchelt und ein ganzer Lebensstrom die steilen Stufen in die Tiefe rinnt. In der Bredouille war Aljoscha an der Peripherie des Wirklichen – und im Zentrum des Phantastischen.
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