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2023 [2]


SPIEGEL ONLINE Forum
„Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“
03.06.2008
Ty Coon:
Einen, der einen sehr gefühlvollen Umgang mit unserer Sprache pflegt, der auch wirklich etwas zu sagen hat, haben wir übrigens in unserer Mitte: den geschätzten Aljoscha.
05.06.2008
ray05:
Jetzt mal abgesehen von den Verrenkungen Ihres Verlegers; erzählen Sie wirklich das Unsagbare? Sagen Sie JA und ich werd’s kaufen.
06.06.2008
Pnin:
Mindestens jedenfalls das nur-sehr-schwer-Sagbare. Und das mit leichter Zunge :)
Ty Coon:
Einerseits fühlte ich mich von Erdmanns Sprache angezogen, weil sie wirklich etwas Neues im deutschen Blätterwald darstellt, als hätte sich ein wunderschöner Quetzal in die norddeutschen Wälder verirrt, andererseits von dieser Zitat-, Metaphern- und Aphorismenwut etwas verprellt.
An diesem Buch ist vieles besonders. Es ist das erste in Eigenregie gedruckte Buch, ein überaus ambitioniertes zumal, das den Weg in meine Wohnung gefunden hat …
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
Entweder kann man mit dem Roman rein nichts anfangen oder er steigt in persönliche Lieblingslisten auf. Unglücklich macht mich so eine Konstellation nicht gerade. In die schlimmste Hölle kommen bekanntlich die Lauen.
easystreets:
Ich habe nur Auszüge gelesen und mich dagegen auf Aljoschas Webseite etwas umgetan. Mein eins-Komma-zweiter Eindruck war von sowohl der auf der (zum Buch eigentlich dazugehörigen) Webseite vorgestellten Musik wie der Stilisierung wie der Thematik: Ach das meint er! Da hat er sich aber ein schwer zu fassendes Thema ausgesucht und das zur heutigen Zeit, wo ja nun grad gerade da herum a) ein Bogen gemacht wird oder b) es wie nur unwirklich zu existieren scheint oder c) man ja nur scheitern kann mit. Aus c) ließe sich schließen, dass Aljoscha der Idiot nur der eine Teil der Geschichte ist, und zwar sowohl inhaltlich als auch sprachlich für den Autor.
ray05:
Jetzt verrat nicht alles. Will mir grad das Buch besorgen. ;)
easystreets:
Einen Teufel werd ich tun! Ich träte in die Bärenfalle zudem.
Monika Cate:
Keine Sorge. Selbst nach dreimaligem Lesen entdecke ich neue Zusammenhänge, die in meinem Kopf erst entstehen. Das schafft selten nur ein Film, selten nur Musik, selten nur ein Gemälde. Das macht einen Künstler aus für mich, er führt mich in seine Welt, ich entdecke meine eigene und nichts ist mehr wie vorher. Nehmen Sie sich Zeit, es lohnt sich.
07.06.2008
BerSie:
Ich besitze das Buch seit etwa einem Jahr.
Persönlich fand ich dieses bemerkenswerte Buch äußerst lesenswert, weil es ein Kontrapunkt (metaphernreich und sprachlich schön) zu der „Schreibe“ ist, die ich so anstrebe.
Das Buch war eine Meditation über Thematiken, mit denen ich mich bisher weniger beschäftigt hatte. Hab auch daraus gelernt.
easystreets:
In meiner Ordnung gehören Musik und Literatur zusammen, das eine wie das andere ist für sich wie ohne Gegenkraft. Musik ist dem Wesen nach weiblich; ist die Literatur dem Wesen nach männlich? Das würde ein Deut sein in die Alchemie, in der es heißt: Kunst entsteht zwischen Mann und Frau – wobei Mann & Frau ja nicht nur streng körperlich zu sehen sind, sondern „attributös“. An Aljoscha finde ich das Schlichte wie Famose und auch Moderne im Sinne von klassisch, dass er die beiden „Länder“ zusammen präsentiert.
08.06.2008
Edda Sörensen:
Oberflächlich gesehen – das kommt vom „Herumstöbern“ – kann man sicher den Eindruck gewinnen, es handle sich um ein akademisches Werk. Die Geschichte spielt zwar zum Grossteil in den Vorlesungsräumen einer Kunstakademie, obwohl Aljoscha ja eigentlich Student der Philosophie ist, doch durch den Anblick von erst mal nur den Beinen in hauchdünnen Nylonstrümpfen und hochhackigen Schuhen einer mysteriösen Schönen elektrisiert, entwickelt sich die Geschichte zusehends rasant in Richtung magischer Besessenheit, gespickt mit einem Feuerwerk an wirkungsvoll eingebauten Zitaten und ausgeschmückt mit schier unglaublich phantasiereichen Metaphern, das hat der Forist mit dem Quetzal-Gleichnis sehr schön erkannt.
Auch Monika Cate liegt ganz richtig, wenn sie sagt, dass man obendrein beim wiederholten Lesen viel aus diesem Buch lernen kann.
22.06.2008
easystreets:
So sanft wie Aljoscha sich der Sprache bedienen kann, wenn es um Innenwelten geht, vermag ich es nicht.
01.11.2008
ray05:
Zwei Romane habe ich seit dem Frühsommer 2008 gelesen: Erdmanns Aljoscha und Mosebachs … bereits vergessen, habe mit galoppierender Verblödung zu schaffen seitdem.
02.11.2008
ray05:
Falsch formuliert, sehe ich gerade. Habe zwei Romane gelesen seitdem, Ursache meiner Beschwerden ist allerdings lediglich der Mosebach.
Den Erdmann kann ich weiterempfehlen. Einige taten das hier ja bereits, ich schließe mich an.


Claudia Brücken und Susanne Freytag waren hinreißend. Aber „A Secret Wish“, damals sofort nach der unwiderstehlichen Faszination, die das „Duel“-Video ausübte, in meine Welt importiert, löste unschöne Bemerkungen aus. Die Musik sei ihr zu kalt, sagte das Mädchen mit dem melancholisch winddurchwehten Haar und sandte einen Dolchstoß in meine Bewunderung für Claudia Brücken hinterher. Ich glaube, es ist Dr. Bennell in „Die Dämonischen“, der sagt: „In meinem Unterbewußtsein schrillte eine Warnglocke.“ Jedenfalls hätte sie es tun sollen. „It’s too late, the decision is made by fate.“
Fritz Langs „Metropolis“, 57 Jahre später: der Versammlungs-Katakombe Ost entsteigen ein durchs Stahlbad der Krupps gegangener Dunkel-Elektroniker, ein klassisch ausgebildeter Percussionist, der sich an der Klangfülle eines Symphonieorchesters den Sinn für Drama und Wirkmacht geschärft hat, und zwei glamouröse New Wave-Heroinen, aufgelegt zur Fusion von metallischem Glanz und lipstick traces, von gigantisch und gorgeous, zum Durchexerzieren eines unterkühlten, aber abgründigen Romantizismus, zur Passion in der Maschine. „A Secret Wish“ ist das einzige Album von Propaganda in der Besetzung Ralf Dörper, Michael Mertens, Claudia Brücken und Susanne Freytag – Andreas Thein hatte die Band 1984 verlassen.

Mit der 2010 veröffentlichten Deluxe Double CD Edition kann man sich die Originaltracks der Vinyl-Fassung von „A Secret Wish“ wieder in der ursprünglichen Reihenfolge zusammenstellen, und jeder, der die LP einmal besessen hat, wird so vorgehen. Denn diese Versionen waren und bleiben die perfekten. Hochfaszinos all die später elaborierten Fassungen, aber: der „Analogue Mix“ trägt den Stempel des bereits Makellosen. Die LP-Version von „Dream Within A Dream“ ist mit 8:04 zwar eine Minute kürzer als der dann auf CD erschienene 9:09-Mix, sie ist dramaturgisch aber ein solcher Geniestreich, daß sie einem für immer im Nervensystem steckt.
„All that we see or seem is but a dream within a dream“, eröffnet eine noch distanziert wirkende Frauenstimme die Phantasie, nach einer einsam-erhabenen, wehmütig-verwehten Fanfare beginnt Mertens am Xylophon ein infinites Ostinato, dieses ting-ting-ting, das sich selbst fast 8 Minuten lang durchhält, während das Drama seinen Lauf nimmt. Der Bass setzt ein, unnachgiebig und von verhaltener Spannung, die von shapes of things to come kündet, bis im ersten komplett atemberaubenden Moment bei 1:25 das Schlagzeug einschlägt, und direkt danach Susanne Freytag die erste Poe-Strophe beginnt, mit einer mysteriös anmutenden Erzählstimme, zuerst wie unbeteiligt, fast eisig, dann immer mehr aufgewühlt. Synth-Wellen breiten sich aus, dort, das noch abwartende Meer. „Take this kiss upon the brow / And, in parting from you now / This much let me avow / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream.“ Jede Sekunde von „A Secret Wish“ ist perfekte Konstruktion – wie etwa das kurze Innehalten, bevor mit „I stand amid the roar / Of a surf-tormented shore“ dieser roar tatsächlich langsam anhebt, Schicht auf Schicht sich übereinander türmt wie Welle auf Welle, die monumentale orchestrale Gewalt sich intensiviert, bis der Horizont verschwindet.
„A Secret Wish“ war prädestiniert zu heimlicher Liebe. Heimlich inspirierte zunächst Susanne Freytags Rezitation, daß ich in meiner Schrift zur Zwischenprüfung über den „Mythos von Sisyphos“ von Camus eine Lücke dafür suchte, und ich fand sie in dem von Camus beschriebenen Abgrund hinter der bloßen „Gewißheit meiner Existenz“:
„Wie und Warum aber rinnen mir durch die Finger wie jene Sandkörner, die Edgar Allan Poe an die stürmische Brandung verlor: O God! Can I not grasp them with a tighter clasp? O God! Can I not save one from the pitiless wave?“
Was dann ab 4:12 die Gitarre, wie ein Heulen des Maelstrom selbst, und das donnernde, sich selbst in den Abgrund reißende Schlagzeug da über dem rhythm track 30 Sekunden lang anstellen, ist derart gnadenlos und gewaltig pitiless wave, in der sich alles überschlägt, bis bei 4:45 dann wieder dieses ting-ting-ting in den Vordergrund kommt, daß es einem die Schauer nur so über den Rücken jagt. Überwältigend. Ich weiß nicht mehr, warum man ein Geheimnis daraus machen soll, daß diese halbe Minute zu den besten halben Minuten der Musikgeschichte gehört. Für diese Passage paßt punktgenau, was Paul Lester über Propaganda schrieb: „Sheer brutal beauty.“ Noch beim 1000sten Hören fragt man sich, was zur Hölle man da eben gehört hat. Ewiglich mesmerizing. „Dream Within A Dream“ ist Mertens‘ finest hour.
„A Secret Wish“ beginnt im wahrsten Sinne des Wortes grandios – und macht unapologetisch so weiter. Aus der Trance von „Dream Within A Dream“ reißt das näherkommende Stampfen von „The Murder Of Love“ (Musik Brücken/Mertens, Text Brücken/Dörper). Claudia Brücken übernimmt den Gesang, ein Text mit sinistren und sadomasochistischen Untertönen: Obsession ist hierarchisch. Slavoj Zizek behauptet, daß wir gar nicht anders können, als Sexualität und Erotik mit Phantasien einzukleiden. Er nennt das den „phantasmatic support“. WITHOUT LOVE BEAUTY AND DANGER IT WOULD ALMOST BE EASY TO LIVE steht in großen Lettern im Text der Innenhülle von „A Secret Wish“. Aber wer will das schon, „easy“. Das Leben muß kompliziert sein, sonst ist es nicht lebenswert (auch Zizek). Überhaupt: LOVE + BEAUTY = DANGER. „Coughing, etcetera.“ (Zizek). Die Bassline ist so rigoros, wie es der energische Schritt auf hohen Absätzen durch industriellen Futurismus verlangt, während hypnotische Synth-Wellen wieder im Traumgleichen halten. „Plead for mercy“, verlangt die europäische Version der Femme fatale (geheimnisvoller, vielschichtiger, schwerlidriger). Und plötzlich materialisiert sich aus dem Nichts Steve Howe – genau, der – mit einem Gitarrensolo, das sophisticated zu nennen untertrieben wäre, Kinderspiel jedoch in einer ambitionierten Produktion, die spektakulären Hochglanz und fesselnde Lyrics, Avantgardekunst und Breitwand, Anspruch und Trash der faszinierenden Sorte mühelos zu kombinieren weiß. Episch, dunkel und doch verführerisch schön ist alles auf „A Secret Wish“. Und: mysteriös filmisch bzw. filmisch mysteriös.
Auf der Vinyl-Version ist „Jewel“ ein wildes, fieberhaftes (lies: frantic) Vorspiel zu „Duel“ (lies: enigmatic), auf der CD-Fassung von „Jewel“ schreit Claudia Brücken den „Duel“-Text über einen extended mix des rasenden Instrumentalstücks.
Die Maschinen im Moloch laufen auf Hochtouren, irgendwer bedient irgendwas, das wie eine Kombination aus Dampfmaschine und der Orgel eines Wahnsinnigen klingt. In beiden Fassungen von „Jewel“ zu hören: ein langgezogener Schrei, den Claudia Brücken entweder als kurzzeitig zur Sirene Verwandelte oder auf der Streckbank produziert haben muß. Offenbar stand sie dabei aber lotrecht:
„Me in a booth absolutely screaming the vocal to ‚Jewel‘ while Steve made these wild, stabbing movements with his hands to encourage me.“ (CB). Steve ist Stephen J. Lipson, Trevor Horns engineer. Der eigentliche ZTT-Zaubermaestro hatte mit der Produktion von „A Secret Wish“ offenbar nicht so viel zu tun, wie es die Legende lange wollte, und Lipson ersetzte den mit Frankie Goes To Hollywood ausgelasteten Trevor Horn.
„Screaming the vocal to ‚Jewel'“ gelingt Claudia Brücken auf wunderliche Weise mit echter Passion und zugleich so, als wäre sie ein Roboter, der programmiert ist, Leidenschaft zu simulieren, der aber nicht richtig funktioniert, wütend und wie kurz vor dem Zusammenschmelzen, ein Defekt im Steuersystem der Eve future, die Artikulation der Stimmbandspule bedrohlich verzerrt, bis nur noch derangierte gellende Schreie kommen. Und die massiven, massiven, massiven Synthfanfaren des Finales.
Dann also „Duel“, das grand monde-Intro des grand piano, und dann ein Song so gorgeous wie Lippenstiftnachziehen im Kugelhagel, mit dem rätselhaft-bis-verstörenden Chorus
The first cut won’t hurt at all
The second only makes you wonder
The third will have you on your knees
You start bleeding, I start screming
und Stewart Copeland am Schlagzeug.
Manchmal unverständlich, warum Propaganda nicht huge werden konnten. Vielleicht war der in „Duel“ inkarnierte glamour von Propaganda zu spooky. Eine Sammlung von YT-Kommentaren zu diesem Song / diesem Video erfreut jedenfalls mit der Erkenntnis, daß diese immer unterbewertete Band zu Heißgeliebtheit durchstößt:
One of those tracks which can still make hairs stand on end, make a shiver run down your spine, and make you wonder why it all had to end.
One of the greatest pop songs of all time. This song is really class, it still touches me inside when I hear it.
The best pop record to come from the 80’s, German industrial pop at its best!!
Claudia… Claudia… Claudia…. what shall I say… you are stunning!!! Propaganda was the most underrated and enigmatic band of all times! GOOSEBUMPS!
Girls looked a lot classier in those days too I might add, nice make up and dress, and a hell of a lot fitter than now I think.
Love this song! Wonky german accent and all…
Iconic, legendary song from the 80s. Pop at its pinnacle.
Wow good song. It’s a shame that songs like this are starting to get forgotten. I’m 16 and I’m pretty sure nobody I know younger than 25 knows this song.
I’ll be honest with you I forgot how good this tune really is.
… I have to admit that Claudia Brücken’s voice is truly AWESOME and absolute unique.
This should be played every day and every hour on every radio in the country
This song is expertly crafted, a lovely melody, and a totally unique main vocal which suits perfectly this lush 80s sound.
Excellent song. High quality music and a beautiful singer.
Man I had a huge crush on Claudia
And isn’t Claudia Brucken absolutely GORGEOUS!
Best thing since sliced bread this….. cant listen to this enough.
Intelligent pop song 25 yrs ago and still is unique today…
As he kissed her hand at 1:19 he’s thinking „Blimey, that’s some nose on her“
I don’t care what anyone says, the lead singer is gorgeous.
Unusual looking girl and a fab song
Greatest song! Powerful bass! Magic Klavierspieler! Beautiful girls – Claudia und Susanne!
One of the best pop arrangements, never heard a piano bringing such a climax.
This song is a landmark. As a composition, arrangement, and the use of the very early digital fx.
DX7 synth, blond hair, red lipstick, metallized sounds, clear pop drums. HOLY SHIT this is fantastic!
Great song structure, interesting lyrics and a song that’s been thought out and instrumentalized (is that a word?) perfectly, cascading into an incredible ending.
I think the threat of being vaporised in a nuclear exchange made all us 80s children more aware of the beauty and passion there is in life, this was reflected in the music of the area. I’m glad I grew up in that time.
Dali Backdrop
Amazing song. Interesting video, lots of symbols.
Great song, but the lyrics are creepy, with all this talk of cutting and bleeding.
Absolutely brill!!! Claudia Brücken has an amazing voice, so distinctive.
My personal vote for best song of the 80’s. It sums up the quality of the whole decade.
The 80’s when everything was new and original, you heard something different every week… not like the same boring crap these days.
She’s gorgeous with all her hair spiked up. Like an 80s Marlene Dietrich. I always loved her accent too. This song’s a classic. They were such a stylish band. Shame they just seemed to disappear…
Forgot almost about her unusual voice. It’s still great to hear this music, even after all these years.
This song has the best refrain in music history. Magic.
What a fucking great song this is! Love it, love it, love it!!
Propaganda were everything that all the 80’s bands wanted to be, but lacked the talent to be it.
What a special and unique voice!
I wish I died in 1985
Played this at my wedding and everybody but myself and the wife left the dancefloor. They all had no taste, brilliant record.
THIS IS ETERNAL. You simply can not do a better pop melody than that, only ABBA of all could manage the level. Too bad and tragical that this GREAT SONG is largely forgotten.
ABBA. Nämlich: „ABBA in Hell“, wie es ein review in (vermutlich) Time Out nannte. Nico im Kraftwerk? Marlene Dietrich in Metropolis? Jedenfalls auch „The children of Fritz Lang“ (NME) im erotisch aufgeladenen Darkroom: „The imagination is like an engine that can work on many different fuels: but it must be powered, and sex, properly used, is a fuel of high potency“, heißt es, ganz Zizekesque, irgendwo zwischen den Zeichnungen, die Anton Corbijn – genau, der – für die Songs von „A Secret Wish“ anfertigte. Von Corbijn stammt auch das Coverfoto, naturellement, und das (erste) Video für „Dr. Mabuse“ – Corbijns ungefähr drittes überhaupt.

Claudia Brücken war gerade durchs Abitur und wurde dann recht bald Mrs Paul Morley [was die Band in Schwierigkeiten stürzte. Morley, ZTT-Cheftheoretiker, war eine Art englischer Nietzsche, der in einer Art Fröhlicher Konzeptueller Wissenschaft um die Band herum kryptisch-coole Proklamationen auffuhr. Und Morley, so geht die Geschichte, entfremdete CB dem Rest der Band. Propaganda waren auch alles, ohne es sein zu können.].
Die Attitüde, mit der Propaganda antritt – Metropolis von innen heraus erotisch zu zersetzen -, nutzt das je ne sais quoi von Claudia Brückens Gesang als Wunderwaffe. Wie die Kommentare auf YouTube (oder amazon.com) belegen, ist Claudia Brückens Gesang kanonisiert als distinctive, außergewöhnlich, unvergleichlich, verführerisch, sublime, full of passion, haunting, herzzerreißend. Nicht nur ist ihr „Teutonic croon“, wie ein amazon-Rezensent schreibt, „a most deliciously curdled cream“; „The german edge to the singing gives it the extra something that fits well“, so ein anderer Amazonist; nicht nur hat Propaganda Stereotypen über „Deutsch“ im Gegenteil geradezu über den Haufen geworfen; die Diktion paßt auch a) blendend zu der Tatsache, daß wir hier durch einen fremdartigen Traum reisen und b) blendend zu Zeilen wie: „On joyless lanes we walk in line / A calm but steady flow.“

Womit wir bei „p:Machinery“ sind, und die Freudlose Gasse (Stummfilm mit Greta Garbo von 1925) wird zitiert als Metapher für den düsteren Weg der Niedergeschlagenheit, auf dem auch in „Metropolis“ die Arbeiter in den Tiefen der futuristischen Großstadt sich zu den Maschinen bewegen, hier „accompanied by loud commands“, vor allem aber begleitet vom schicksalsschweren Preßlufthammerbeat, vom ewigen metallischen Stampfen. „Motor!“ Monotone Frauenstimmen aus den Lautsprechern unter dem Bunkergewölbe: „Power. Force. Motion. Drive.“
Hier ist es, wo „a secret wish“ Ausbruch aus dem Gleichtakt sucht, eine andere Wahrheit: „Another hope feeds another dream“. Und das Menetekel dazu: „Another truth installed by the machine“. Wie sich Claudia Brückens Stimme bei 3:15 unter der Allmächtigkeit der einschüchternden, aggressiven Maschinerie, gequält vor Suche nach Seele, ins Unendliche dehnt, bis es kurz zu einer Art komplettem Druckabfall kommt, die Spannung sich in „…installed by the machine“ ergießt und die furchterregende Mechanik wieder einsetzt: groß. Ganz groß.
„Sorry For Laughing“, Cover eines Songs der schottischen Band Josef K (vgl. Kafka, Der Prozeß) von 1981. Den hätte man schon auswählen können wegen seiner unwiderstehlichen Anfangszeilen: „It took 10 years to realise / Why the angels start to cry“, vielleicht aber auch, weil ein mechanisches Geschöpf zu sprechen scheint, resigniert amüsiert einen Zustand unvorhersehbarer, unkontrollierbarer Reaktionen beschreibend, der Definition unmöglich macht und Annäherung kompliziert. Charles Atlas findet Erwähnung – ein muscleman, „he’s not made like me and you“. Aber was gibt es Herzzerreißenderes, Faszinierenderes als die Frau in der Metropolis-Disco namens „Grabstein“, die Erinnerung an großes Gefühl mit einem melancholischen Lachen abtun will, eine Erinnerungsleugnerin wie aus Marienbad. Darum sind die stählernen Rhythmen auch an so betörende Akkordfolgen gebunden. „Frozen Faces can always melt again“. [„Frozen Faces“ erschien als neuer Song im Ablauf der CD].
„Why does it hurt when my heart misses the beat?“ Wie die Androide, die ihr Glas hält und versonnen auf das Muster des Uncanny Valley-Teppichs blickt, scheinbar in tiefes Nachdenken versunken. „Kann man atmen lernen? Habe ich das auch gelernt?“ – „Oh ja. Und die Lungentätigkeit ist ein so erstaunliches Phänomen.“ Die Pose ist ihr Natur geworden, sirrendes Druckgefühl im Raum, wann immer sie sich bewegt. Mit funkelnder Eleganz.
Flucht vor dem sinistren Schattenlosen, für den die Musik dunkle Schatten wirft. Glamorous death seine ewige Leidenschaft. Sell him your soul, never look back, kein Zurück für dich. „A Secret Wish“ erschien 1985, „Dr. Mabuse“ schon 1984, aber Mastermind Mabuse bleibt der dunkle Magnet im Universum der Platte, bombastisch und theatralisch inszeniert, Furcht und Zittern vor den Machenschaften des Manipulators als dramatisches Epos, Pathos nicht im Sinne von pathetisch, sondern im Sinne der Gesten des expressionistischen Films, zugleich ironischer B-Movie-deadpan-Charme eingestreut in der Erzählstimme, über der „Unheimlich! Unheimlich!“ blinkt. Und, unter uns Freunden der Glühbirne: brillanter wird Dunkeldiscopop nicht mehr.
„Time to prove what forever should last / Whose feelings are so true as to stand the test / Whose demands are so strong as to parry all attacks“, hieß es in „Duel“. This in mind, erreichen wir „The Chase“. Kein Zurück für dich? Da ist sie, die Frau, die zu sich kommt und zurück will: „Chasing after passing visions / And traces buried by the tide“. Magische Schönheit, Glanzlicht für Claudia Brückens Stimme, und Momente, in denen diese Stimme ganz nah ist: „Hunting for a bygone picture / Reviving phantoms of the past / Your secret smile I can’t forget / We could turn back the pointers of the clock / Oh if I could and if you would.“ Am Ende donnern Beats ein Störsignal, ein militanter, beunruhigender Rhythmus, wie das autonome Hämmern herrenlos gewordener Maschinen, die einen fremden Code mitteilen. Aber da ist noch dieses ominöse Piano, Entkommen im Schutz der Dunkelheit.
Ins Finale von „The Last Word (Strength To Dream)“. Dunkel und doch hoffnungsvoll. Der Beat pocht, als schlüge jemandem das Herz bis zum Halse. Die Kraft zu träumen ist es, die die Mechanik zersetzt, auch wenn am Ende der Gang durch Donner, Blitz und Regen steht und die bange Frage, ob alles nur Traum in einem Traum ist. Angemessen ergreifendes Ende. The End.

Anspruchsvoll, gewagt, luxuriös, atmosphärisch. Glamour & Intelligenz, erotisch und elegant. Ein, wie Ralf Dörper sagt, auf der Bühne im Grunde nicht darstellbares Klangbild. (Dörper schrieb im Übrigen auch die Texte für „Duel“, „p:Machinery“, „Dr. Mabuse“ und „The Chase“).
„Through the machineries of greed, pettiness, and the abuse of power, love occurs.“ [Thomas Pynchon, Gravity’s Rainbow]. Was wie ein roter Faden scheint – haunted beauty vs. Seelenlosigkeit – ist selbst derart haunting, daß man sich immer wieder verliert in diesen soundscapes für „Claudia Brucken & Suzanne Freytag. The most deliciously tantalizing combination in electronic pop history.“ Hier noch eine Kompilation aus weiteren Zitaten, die Rezensionen auf amazon.com entnommen sind:
THIS IS WITHOUT DOUBT THE MOST AWESOME ALBUM TO COME OUT OF EUROPE IN THE 1980’s.
The album works best in its entirety and one can get lost in surreal landscapes and thunderstorms of the soul.
… this album is truly magical. If Kraftwerk invented the genre and gave life to it, Propaganda breathed emotion & passion into it… absolutely gorgeous vocal arrangements.
One of my favorite and most-listened-to albums by anyone, ever. Atmospheric, expansive, compelling. Redoubtable, riveting; full of miraculous chordal progressions which almost seem to defy logic, gravity, and all previous musical exploration. Sounds crazy? Nope, it’s really that good. A work of undisputed genius.
What was the last time you heard an album for the first time and song after song perfection you wish the album would never end? This only happens with a few albums, those considered masterpieces. Well, there you have it. From the first chords of the very first song you will know you are hearing something special.
I just hope that Propaganda would reform and make another masterpiece like this one.
Here’s a much forgotten secret from the mid eighties… the enigmatic Claudia Brucken with her distinctive German voice… Brucken’s vocals easily generate pure emotion against the harsh, industrial sequencing of some of the tracks.
The acme of the ZTT aesthetic… Has there ever been a more thrilling track than the hellish „Dr. Mabuse?“ … Hear this album and wonder where it all went wrong afterwards. What I wouldn’t give to hear grandiose and ornate music such as this again!
Perhaps one of the finest synthpop releases of the 80s, dare I say ever. Smart and eclectic, with outstanding vocals.
… thinking music without the pretention…
When I first heard this album, it was a revelation. Intricate rhythms combine with haunting, compelling lyrics to create a masterpiece… Check out the amazing chordal structures present in „Sorry For Laughing“ – incredible.
It was a tragedy that so little came after it, but how could they have possibly followed it?
This is truly a masterpiece work… Absolutely an amazing aural tour de force with exceptionally strong vocals, instruments and production values… this album takes you on an amazing sound journey. It is a shame that it is not widely acknowledged for the masterwork that it is. Do yourself a big favour and discover one of the 80’s hidden gems.
… listened to it over and over while I was traveling up to Paris via train through the Pyrenees. I’ll never forget that train ride, and I’ll never forget Propaganda. The 2 women will seduce you with their voices and the 2 men will seduce you with their rhythms and melodies. Easily a top 10 record of all time for me…
Aus dem Booklet der Deluxe-CD-Edition:
„Now, for one last time, Propaganda could import uncomfortable ideas about love, hate, sex, violence and the mechanisation of the everyday straight into the pop charts.“ – Andrew Harrison
„Enigmatically glamorous, art but still pop, mysterious but right in front of your eyes, and full of its very own intense style.“ – Paul Morley
„Propaganda was a very interesting combination of people.“ – Claudia Brücken
Finally: Claudia Brücken am Ende von „p:Machinery“ mit dem Schmetterlingsnetz… sigh.

[08/2011]

SPIEGEL ONLINE Forum
„Elvis – immer noch der King?“
18.08.2007
Christian Erdmann:
Jesse, are you listening?
Wenn, als du 10 warst, die große Schwester deines besten Freundes eines dieser Single-Sammelalben voller Elvis-Platten hatte, war das eher von Übel, denn dieses Mädchen schwärmte auch für Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich. Wenn ein paar Jahre später David Bowie sagt, „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ war „meine 32 Elvis-Filme in einem“, wirft auch das erst einmal einen Schatten. Aber du und ich (Roy und Anita) stimmen ein: schön ist es, auf der Welt zu sein und ständig die eigenen Vorurteile über den Haufen zu werfen.
Denn schon passiert Folgendes: deine damalige Lieblingsband The Clash übernimmt für ihr epochales „London Calling“-Album das Design des Elvis Presley-Debuts, und ihr „Brand New Cadillac“ öffnet schon mal das Tor zu dem Raum, in dem du irgendwann feststellst, daß Gene Vincent nicht zu Unrecht ein Held Joe Strummers war: man könnte meinen, auf „Git It“ singe nicht Gene Vincent, sondern Strummer.
Und wenig später ist genau dieser Raum voll mit akustischen (wie optischen) Aphrodisiaka, aufregendem Trash und einem Gitarrensound, den eine Frau namens Poison Ivy Rorschach auf einer 1958er Gretsch und auf Pfennigabsätzen produziert, während Herr Interior „Aloha From Hell“ hechelt… auf „A Date With Elvis“ (The Cramps, 1986). Spätestens da fällt nicht nur der Groschen: unzählige Koryphäen hatten irgendwann im Leben ihr Date with Elvis, ihr Aha-Erlebnis. John Cale, „Heartbreak Hotel“. Nick Cave, „In The Ghetto“. Es scheint, als hätten sehr viele sehr gute Musiker aus den Elvis-Songs die Untertöne herausgehört und in einem alchemistischen Prozeß ihre Quintessenz destilliert, nicht zuletzt Josh Homme von den Queens of the Stone Age – über den QOTSA-Song „Little Sister“:
„And I like the amalgam of imagery that it puts forward, that throwing a little pebble at the girl’s windows late at night, you know, trying to creep in the back door, you know. And I also love the Elvis song Little Sister because I like the sort of sexual twist that’s put on by Little sister don’t you do what your big sister done.“
Elvis‘ toter Zwillingsbruder, die Apokalypse (à la John Lee Hooker) und The Second Coming Of Christ in Nick Caves „Tupelo“:
Looka yonder! Looka yonder!
Looka yonder! A big black cloud come!
A big black cloud come!
Yeah come to Tupelo. Come to Tupelo.
Yonder on the horizon
Yonder on the horizon
Stopped at the mighty river
Stopped at the mighty river
Sucked the damn thing dry
Sucked the damn thing dry
Tupelo, o Tupelo
In a valley hides a town called Tupelo
Well distant thunder rumble. Distant thunder rumble.
Rumble hungry like the beast
The beast it cometh, cometh down
The beast it cometh, cometh down
The beast it cometh, cometh down
Wo wo wo-o-o
Tupelo bound. Tupelo. Yeah Tupelo
The beast it cometh, Tupelo bound!
Why the hen won’t lay no egg
Can’t get that cock to crow
The nag is spooked and crazy
O God help Tupelo! O God help Tupelo!
Ya can say these streets are rivers
Ya can call these rivers streets
Ya can tell ya self ya dreaming buddy
But no sleep runs this deep
No, no sleep runs this deep
No, no sleep runs this deep
Women at their window
Rain crashing on the pane
Writing in the frost
Tupelo’s shame. Tupelo’s shame.
O God help Tupelo! O God help Tupelo!
O go to sleep little children
The sandman’s on his way
O go to sleep little children
The sandman’s on his way
But the little children know
They listen to the beating of their blood
Listen to the beating of their blood
The sandman’s mud!
The sandman’s mud!
And the black rain come down
The black rain come down
The black rain come down
Water water everywhere
Where no bird can fly no fish can swim
No bird can fly no fish can swim
No fish can swim
Until the king is born!
Until the king is born!
In Tupelo!
TIL THE KING IS BORN IN TUPELO!
In a clap-board shack with a roof of tin
Where the rain crashed down and leaked within
A young mother frozen on a concrete floor
With a bottle and a box and a cradle of straw
Tupelo! O Tupelo!
With a bottle and a box and a cradle of straw
Well Saturday gives what Sunday steals
And a child is born on his brother’s heels
Come Sunday morn the first-born dead
In a shoebox tied with a ribbon of red
Tupelo! Oh Tupelo!
In a shoebox buried with a ribbon of red
O mama rock your little one slow
Mama rock your baby
Mama rock your little one slow
God help Tupelo! God help Tupelo!
Mama rock your lil one slow
The little one will walk on Tupelo
The little one will walk on Tupelo
Black rain come down, black rain come down
Tupelo! Yeah Tupelo!
The king will walk on Tupelo
And carry the burden of Tupelo
Tupelo! O Tupelo!
The king will walk on Tupelo!
Tupelo! O Tupelo!
He carried the burden outa Tupelo!
You will reap just what you sow
„Das Bild der Zwillingstürme ist ein Gleichnis für die amerikanische Selbstüberschätzung. Sie hatten keine geistig reflektierbare Substanz. Elvis hatte einen tot geborenen Zwillingsbruder und hat diesen nie gesehen. Dieser hatte für ihn also auch keine geistig reflektierbare Substanz. Das passte zusammen. Am Schluss führe ich das Bild von der Prärie in die Lyrics ein, das ebenfalls der amerikanischen Mythologie zuzurechnen ist. Es handelt also eigentlich alles von der amerikanischen Mythologie.“
Sagt der seinerseits legendäre Scott Walker, der in „Jesse“ auf „The Drift“ (2006) den jenseits von Gut und Böse einsamen Elvis Zwiesprache mit seinem toten Zwillingsbruder halten läßt („In times of loneliness and despair, Elvis Presley would talk to his stillborn twin brother Jesse Garon Presley“), die Twin Towers stürzen ein und The King konstatiert: „I’m the only one left alive.“
Wer weiß.
Für starke Nerven:
Es sind also gerade die Größten, die den Mythos weiterspinnen, und alle suchen immer noch die Nacht, durch die Elvis‘ Stimme hallt.
31.08.2007
Rainer Helmbrecht:
Wenn ich die Lebensgeschichte von Einstein richtig im Gedächtnis habe, dann hätte er sich von Marilyn Monroe angezogen gefühlt und da ist dann wieder die gemeinsame Linie.
Christian Erdmann:
Es gibt einen Film von Nicolas Roeg („Insignificance“), der Einstein und Marilyn Monroe (sowie Joe DiMaggio und McCarthy) in einem New Yorker Hotelzimmer zusammenführt. Sehr schönes, sehr bewegendes Portrait der Monroe durch Theresa Russell, die einige wichtige Ergänzungen zur Relativitätstheorie vorzubringen hat. Und wenn man da als männliches Genie der Frau nicht zuhört, fällt man in den Brunnen, das ist seit Thales so.
Letztlich aber auch eine Geschichte über die Einsamkeit, womit wir wieder bei Elvis wären. Wir sind, wie Bataille sagt, diskontinuierliche Wesen, Individuen, für die, getrennt voneinander, der andere an sich schon ein unbegreifliches Abenteuer ist – und wir sind voller Sehnsucht nach der verlorenen Kontinuität. Roeg hat das in einem anderen Film („Der Mann, der vom Himmel fiel“, mit David Bowie) in, eben, einen Mann, der vom Himmel fiel, projiziert, aber wer von uns fühlt sich nicht manchmal, als sei er gerade auf die Erde gefallen.
Elvis‘ Einsamkeit in seiner letzten Nacht hingegen sprengt das Vorstellbare. Bela B nennt ihn den „Jesus Christus der Musikgeschichte“. Interessant an -> diesem Interview aber auch:
„Ich komme aus der Punkszene und hielt Elvis eigentlich eine ganze Weile für Spießerkram. Bis ich in Berlin Nick Cave hörte, der eine Coverversion von Elvis‘ ‚In The Ghetto‘ aufgenommen hatte …“
Nick Caves Version habe ich ja schon erwähnt, auch als Indiz dafür, wie es die Größten selbst sind, die den Mythos weitertragen. Es gibt also zwei Traditionslinien – diese, und den Elvis-Imitator von der Imbißbude.
01.09.2007
Meadow:
Was haben die ewig kreischenden Stones mit Elvis zu tun?
Christian Erdmann:
The Gospel According to Keith, pt. 1468
„When I heard Heartbreak Hotel, I knew what I wanted to do in life. It was as plain as day. All I wanted to do in the world was to be able to play and sound like that. Everyone else wanted to be Elvis, I wanted to be Scotty [Moore].“
Meadow:
Was wollen Sie mir mit dieser Antwort sagen? Nur weil die Stones mal über Elvis gesprochen haben, widerlegt das nicht, dass sie mit ihm nichts zu tun haben.
Christian Erdmann:
*seufz* … Scotty Moore war Gitarrist für Elvis Presley.
Meadow:
LOL :) Bin ich Jesus, dass ich alles weiss?
Christian Erdmann:
Das können nur Sie selbst entscheiden. :)
03.09.2007
Christian Erdmann:
Was Elvis statt Las Vegas hätte tun können? Keine Ahnung. Als junger Sex God konnte er nicht mehr in Erscheinung treten, haufenweise persönliche Probleme, ein Mann voll der inneren Leere, ausgesaugt von Parasiten. Musik war das Vehikel für IHN. Und als ER anfing, sich äußerlich zu verändern, hinabzuschauen in ein Publikum, das zunehmend blauhaarig wurde – was hätte er tun können? Losgehen und sagen: entschuldigt mich für eine Weile, ich schreibe jetzt bedeutungsvolle Songs über mein Leben? Warum nicht? Aber er war primär Interpret und Entertainer, und die Lücke zwischen dem, worüber er sang, und dem, was er war, wurde immer größer.
Gwynplaine:
Hallo Christian
Das kommt darauf an, welches Material er gerade in den Fingern hatte. Wenn er in späten Jahren „That’s Allright, Mama“ intonierte, dann sichtlich ohne Vergnügen oder Inspiration; das war nicht mehr er. Auf der anderen Seite machte er mit seiner Interpretation Tony Joe Whites Swamprock „Polk Salad Annie“ zum Klassiker. Das alte Rock’n’Roll-Zeug brachte er nur noch fürs Publikum, das dieses erwartete. Trotzdem waren da noch genug substantielle und inspirierte Songs, die einem „adult“ Elvis und dem mit ihm gealterten Publikum würdig waren. Wenn man mal recherchiert, was Elvis im Laufe seines Lebens alles gesungen hat, kann man über diese Vielseitigkeit nur staunen. Lebte er heute noch, er könnte Metallica singen, oder was weiß ich.
Elvis wurde verkannt, immer. Er wurde immer an dem gemessen, was er in den 50ern für ein paar Jahre mal war und das führt zu einer falschen Erwartungshaltung – sicher: wenn ich selbst ehrlich bin, gehören die Sun Sessions zu den Aufnahmen, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Interessant in diesem Zusammenhang ist dies: Elvis, der „Rebell“, liebte Dean Martin, Sinatra, all das Popzeug, und bei seinen ersten Auditions bei Sun sang er solche Sachen auch. Er liebte Gospel. Er war also im Grunde nie der reine Rock’n’Roller, er war immer schon breit gefächert. Und wenn es nicht immerzu geheißen hätte: King hier und Rock’n’Roll dort, hätte es ihm vielleicht auch nichts ausgemacht, ein bißchen dicker zu sein. Wer weiß?
Für alle, die ihn in seiner Las Vegas Phase verschmähen: einfach mal das Kostüm wegdenken und nur auf die Musik hören. Ach, dieser Personenkult ist ein Elend, aber „that’s the way it is“, wie mit dem Mann, der Liberty Valance erschoß, wir drucken die Legende.
Eine Platte fehlt jedenfalls in der Rock- und Popgeschichte: Elvis sings Dylan. Einen Song gibt es da ja. Ich hätte da noch ein paar Vorschläge für ein Phantomprojekt:
Tangled Up In Blue
I Believe In You
Precious Angel
My Back Pages
Queen Jane Approximately
It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry
Just Like A Woman
Noch jemand Vorschläge?
Christian Erdmann:
Hallo J,
really saying something! „Elvis wurde verkannt, immer“ würde ich hinzufügen: auch von sich selbst womöglich. Irgendwas an seinem Selbstrespekt muß ihm jedenfalls irgendwann verlustig gegangen sein. Aber ich verschmähe den Vegas-Elvis gar nicht, nicht falsch verstehen; wo er was wie gemacht hat, ist mir eigentlich egal, am Ende bleibt nur, was er wie gemacht hat – der Song, die Interpretation, die Stimme.
Ich füge Deiner Dylan-Songauswahl mal „Baby Stop Crying“ von „Street Legal“ hinzu, großartiges, unverständlich verschmähtes Dylan-Album, das man seltsamerweise ja auch sein „Vegas“-Album genannt hat, das aber hoffentlich noch wiederentdeckt wird.
Elvis‘ Dylan-Album endet spooky – mit „Not Dark Yet“ von „Time Out Of Mind“… It’s not dark yet, but it’s getting there.
Dylan-Zitate für die off-topic-Seufzer:
„When I first heard Elvis‘ voice I just knew that I wasn’t going to work for anybody; and nobody was going to be my boss… Hearing him for the first time was like busting out of jail.“
„Elvis recorded a song of mine, that’s the one recording I treasure most.“
06.09.2007
IsArenas:
Zu „meiner“ Zeit (70er und 80er) galt Bill Haley als cool und Elvis als Langeweiler.
Christian Erdmann:
Nana. Wenn Sie The Cramps kennen, wissen Sie, daß das so nicht stimmt. Überdies erschien Anfang der 90er, und zwar sehr Anfang der 90er, ein 2-CD-Tribute, betitelt „The Last Temptation Of Elvis“. Auf dem finden Sie unter anderem Robert Plant, Bruce Springsteen, The Pogues, Ian Mc Culloch (von Echo & The Bunnymen), The Jesus And Mary Chain, Lemmy (Motörhead), Steve Albini, Aaron Neville, The Primitives, Les Negresses Vertes aus Frankreich, sowie die gottgleichen Lux & Ivy (The Cramps) höchstdarselbst. Sie sehen, in welchen Ecken Elvis nuff respect genoß (was ja das Interview mit Bela B schon indizierte), während Bill Haley da doch eher als altbacken galt.
Haley hat einfach nicht diese mythische Überhöhung, die nicht nur eine Frage der Geschichte ist: sie läuft, wenn man genau hinhört, schon auf vielen Elvis-Songs quasi auf einer Tonspur mit, als Echo aus der Zukunft.

09.09.2007
Christian Erdmann:
Zum Bill Haley / Elvis Presley-Streit…
Jesus ist ja immer noch Christus, weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt auftauchte, an dem er bestimmte Dinge tat, die in einer bestimmten historischen Konstellation bedeutsam wurden… und dann gab es eine Menge Leute, die unter sich verschiebenden historischen Bedingungen seine Botschaft weitertrugen. Zum einen wird Elvis also deshalb immer „The King“ bleiben, weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt auftauchte, an dem er bestimmte Dinge tat, die in einer bestimmten historischen Konstellation bedeutsam wurden, und weil es dann eine Menge Leute gab, die unter sich verschiebenden historischen Bedingungen seine Botschaft weitertrugen. Weitere Parallele: das Ausbleiben der Parusie, trotz aller Elvis-„Erscheinungen“. :)
In welche Konstellation Elvis hineinbrach, verdeutlicht vielleicht das Zitat der Rektorin einer Schule in London von 1956: „Ich muß mit einem Jungen namens Elvis Presley reden, weil er in jedes Pult der Schule seinen Namen geritzt hat.“
Oder die Tatsache, daß selbst Scotty Moore 1954 Elvis nach einer ziemlich schwülen Aufnahme von „Blue Moon Of Kentucky“ einen Nigger nannte.
Oder das Zitat von Butch Hancock über Elvis‘ Auftritt in der Ed Sullivan Show 1956: „Das war der Tanz, den alle vergessen hatten. Dieser Tanz war so stark, daß eine ganze Zivilisation nötig gewesen war, um ihn vergessen zu machen; und es dauerte zehn Sekunden, ihn wieder ins Gedächtnis zu rufen.“
In dieser ganzen Geschichte ist Bill Haley Johannes der Täufer… mehr nicht. Ihm fehlte die Aura des Erlösers. Elvis war sexy auf eine – seinerzeit – durchaus androgyne Art, die Art, wie er die Oberlippe auf einer Seite hochzog, war gleichzeitig knuddelig und inszenierte doch den – erotisch – zu allem fähigen Gesetzesbrecher. Einem Bill Haley hätte keine Maria Magdalena die Füße gesalbt.
Das andere ist die Frage, was die Elvis-Songs tatsächlich heute noch, musikalisch, zu bieten haben. Und da bleibt nun einmal in erster Linie seine Stimme. Man kann bewundern, mit welcher ultracoolen Professionalität seine Musiker ans Werk gehen oder welchen Drive sie haben und wie sich dieser Drive erklärt, meinetwegen. Man muß sich aber schon einer recht eigenartigen Resistenz befleißigen, um nicht anzuerkennen, daß sich Screamin‘ Jay Hawkins nie wegen Bill Haleys Stimme an die Rezeption eines schäbigen Hotels in Memphis gesetzt hätte, in Jarmuschs Film „Mystery Train“ – aus dem Radio hallt „Blue Moon“ durch die Nacht. Es ist aber auch letztlich genau die Musik, über die man Elvis wieder aus dem oberflächlichlichen Ikonen-Status rausholen muß.
Muffin Man:
Zitat von Aljoscha der Idiot
In dieser ganzen Geschichte ist Bill Haley Johannes der Täufer…mehr nicht. Ihm fehlte die Aura des Erlösers.
Es gibt Tage, an denen kann ich nur staunen, wie treffend Sie bestimmte Sachverhalte darzustellen vermögen! Chapeau!
Gwynplaine:
Oh Mann, „Blue Moon“ ist so magisch, dass sich mir alle Haare aufstellen, wenn ich nur daran denke!
Was Bill Haley betrifft: ich hörte die Band stets gerne, guter „Drive“ – aber keine Magie, keine Erotik, keine Suggestivkraft.
Christian Erdmann:
Unglaublich. Ein Killer. Weiß nicht, wer den Song außer Billie Holiday noch vor Elvis gesungen hat, aber was Presley daraus gemacht hat, ist überirdisch… oder besser, anderweltlich. „Eerie“, wie der Angloamerikaner sagt.
Wer danach nicht glaubt, daß die Südstaatengeister ganz leis die Saiten zupfen, der glaubt’s halt nie mehr. :)
Gwynplaine:
… wer dieses sanfte Vibrieren und geisterhafte Schweben von Elvis‘ Stimme nicht wahrnimmt, muss gleichgültig oder taub sein. Dieses Lied läßt Welten im Kopf entstehen. Der gute Jarmusch hat’s gewußt. Für mich einer der Kandidaten für die Insel.
26.07.2008
dj1204:
Hm – ich dachte, hier geht’s um Elvis? Bin aber auch neu hier im Thread. Na ja, der beste bei den Stones war jedenfalls Mick Taylor…
Christian Erdmann:
Elvis hab ich vor ca. 60 Seiten durch. :) Das Zusammenspiel von Taylor und Richards war phantastisch, musikalisch klar die beste Zeit der Band, was soll man sagen. Zur Zeit meiner Sozialisationsphase auf diesem Planeten waren sie mir halt näher als die Beatles, womit nichts gegen die Beatles gesagt ist. „Die Beatles mag ich nicht“, da kann man ja gleich sagen „Musik mag ich nicht“, „Der Kosmos nervt“ oder „Ich atme so ungern“.
Peter-Freimann:
Ein ganz großartiger Kommentar, lieber Aljoscha, ja mit dieser Einstellung lässt es sich leben in unserem Kosmos, atmen sogar!
Führe hier schon länger eine sorgfältige Punkteliste, Sie haben den Cramps Ihre Reverenz erwiesen, sind hierzulande einer der ganz raren Popweisen, die die unverwüstliche Songqualität von „Er ist wieder da“ (Marion Maerz) diagnostizieren können, nur meine spärlich bemessene Zeit verhindert es, hier lobend Ihre ganze Verdienstliste einzubringen.
Mal sehen, wenn in der Popwelt wieder eine Reich-Ranicki-Stelle frei wird, ich werde mich Ihrer Rezensionen bestimmt wohlwollend erinnern.
Christian Erdmann:
Erinnere mich, daß Sie die Cramps schätzen, das wird uns über alle zukünftigen Differenzen hinweghelfen, Idiotenehrenwort :), wer die liebt, kann keinen geistigen Muggel-Ort bewohnen. Mit „A Date With Elvis“ wären wir ja auch wieder ganz hart am Thema, und ich muß gestehen, die Cramps haben mir den Weg zu Elvis freigeschossen. Na dann, derzeitiger Elvis-Favorit: eine Live-Version von „See See Rider“ mit dem hysterischsten aller Mädchenchöre.
loeweneule:
Elvis‘ Version von „Fever“ habe ich stets als sehr angenehm empfunden. Sparsamste Begleitung; und das Ding swingt sehr schön.
Christian Erdmann:
Schön schwül. Der Song muß ja leicht krank klingen, Elvis kriegt’s hin.
Und: so wie David Lynch mal die unterschwellige Perversion aus dem Song „Blue Velvet“ herausgeholt hat, so sind die Cramps die aus dem ganzen Elvis herausgeholte Perversion.

27.07.2008
Christian Erdmann:
[Scott Walker – Jesse]
„I read in an interview that those two guitar chords throughout the song are the same opening chords as „Jailhouse Rock“ by Elvis Presley, just downtuned 8 steps or so and played on a baritone guitar. It makes sense, seeing as the song is apparently supposed to be a conversation about 9/11 between Elvis and his brother Jesse. That said, music never made me truly frightened until this song.“
Einer der Elvis-Momente ist ja sein rechter Arm hier bei seinem „Comeback Special“ 1968, während der Anzug von innen ziemlich heiß wird:
Mal sehen, ob ich auf den Knien in die Küche rutschen kann.

28.07.2008
ramakushna:
Und ich denke, er wird allgemein in seiner Relevanz überschätzt.
Christian Erdmann:
Überschätzt wird vielmehr die Relevanz von Äußerungen, nach denen Elvis in seiner Relevanz überschätzt wird. :)
Irgendwann ist jeder der Großen mal bei Elvis gelandet, egal in welcher Ecke sie arbeiten, einer wie Josh Homme, der mit den Queens of the Stone Age schweren, zähen, hypnotischen, gewittrigen, furiosen und neuerdings auf „Era Vulgaris“ auch schrägen, stacheligen, vertrackten, Glühbirnen kaputtschießenden Desert-Rock macht, oder ein torch singer vor dem Herrn wie Marc Almond. Im Booklet von „Fantastic Star“ versammelt Almond seine Idole:
„Elvis, Bolan, Joe Meek, Thunders, Fury, Johnny Ray, Morrison, Dietrich, Garland and De Sade.“
Gemeinsamer Nenner: „We want sex to bleed into the music.“ (Josh Homme). Den Sex-blutet-in-die-Musik-Kanal hat Elvis nun mal ziemlich weit geöffnet, da gibt’s nichts.

Auf ihrem vorerst letzten Elaborat „Fiends Of Dope Island“ erneuern The Cramps im Song „Elvis Fucking Christ“ ihre Idee von der Theodizee:
„Well, the devil gave us Elvis / Drugs, sex and rock’n’roll / Greenbacks, fuzz and feedback / Demonseed and banshee hole.“ Ooh la LA. Extrapoliert findet sich da jedenfalls der Gedanke, den ich gestern, am Gottruhetag, schon andeutete: am Grund alles Bösen, aller Perversion, allen zwietrachtstiftenden Aufruhrs gab der Teufel Elvis diesen schwülen, kranken (im spezifischen Sinne von „sick“), perversen Unterton. Wer’s nicht hört, für den muß Elvis vermutlich ein Hype bleiben. Experten wie die Cramps werden indes schon wissen, warum sie nicht „the devil gave us Jerry Lee“ singen. Die Sache ist, daß es völlig egal ist, was Elvis singt, seine Stimme klingt immer wie: voll der wüstesten Phantasien. Da kann der Text noch so harmlos sein.
Ist er aber auch nicht immer. Josh Homme zufolge ist der Queens of the Stone Age-Song „Little Sister“ tatsächlich von „the sort of sexual twist“ in „Little Sister“ von Elvis Presley inspiriert. Dann noch den einen Mundwinkel leicht nach oben ziehen, und schon wirkt Elvis wie einer, der sich, wie Robert Mitchum in „Night of the Hunter“, mit seinem Gott auf das geeinigt hat, was gut für ihn ist. Und auch für dich, girl. Reap all the wages of sin, sagt diese Stimme. Und dann, der Todesstoß, hat diese Stimme dieses fälschlich als „Schmachten“ gedeutete Leiden an den Freuden der Ausschweifung, und mißversteh das nicht, girl: sie will, diese Stimme, daß genau du von diesem Leiden erlöst. Sie will, daß du ihr den Weg zeigst zwischen bible belt und garter belt. Sie will eine laszive Heilige, diese Stimme, die am Rande des Exzeß stöckelnde Unschuld, und du weißt, du machst das schon, girl.



Die erste LP, die ich in meinem süßen jungen Leben von meinem eigenen Geld kaufte.
Ich war gerade 12 geworden. Unter den ersten 20 Stücken, die ich mit meinem neuen kleinen Grundig C 410 Automatic aus dem Radio aufgefangen hatte, war „Street Fighting Man“. Das Stück hypnotisierte mich. Der Song war so anders als die anderen, so mächtig, daß mir das Herz hämmerte in einem Leib, der Dinge tun wollte, die er noch nie getan hatte. Die letzten 45 Sekunden von „Street Fighting Man“ beendeten meine Kindheit.
Heute weiß ich, daß Keith Richards den unfaßbaren Klang von „Street Fighting Man“ dadurch erreichte, daß er sich mit seiner Akustikgitarre vor einen kleinen Philips-Kassettenrekorder setzte und die Aufnahme absichtlich übersteuerte. Daß die donnernden, massiven Drums und die seltsam schleifende cymbal von Charlie Watts vor demselben Rekorder auf einem 1930s toy drum kit gespielt wurden, das er buchstäblich aus einem Koffer zauberte. Daß Richards auch diese insistierende, ab- und wieder aufsteigende Bass-Linie spielt, die dir das Versprechen abnimmt, die Spannung auszuhalten bis ans Ende deines Lebens. Daß dieser fremdartige drone von Brian Jones auf Sitar und Tamboura gespielt wird. Daß Jagger die Strophen im Signalcharakter der Quarte singt, dem Intervall von Polizeisirenen. Daß der Aufruhr, den dieser Song in mir verursachte, nie mehr rückgängig zu machen war.
Aber es waren diese letzten 45 Sekunden, wenn dieser strange wailing sound einsetzt [Dave Mason auf einem Instrument namens shehnai] und Nicky Hopkins über das ganze Gewirbel diese perlenden Pianoklänge legt – dieses Piano auf diesem Gewirbel, es war der schönste Klang, den ich bis dahin in meinem Leben gehört hatte. Alles, was aus mir geworden ist, put the blame on those 45 seconds.
Und dann, Montags auf dem Schulhof, „Hast du das gesehen? Hast du das gesehen?“
Ich hatte es gesehen.
Ich stellte die Platte, vielmehr diese Reliquie, auf die fortan also im Wesentlichen zugeklappte Tastatur des 100-Mark-Klaviers, mit dem mein Chopin-begeisterter Vater einen Horowitz aus mir machen wollte.
„Sticky Fingers“ war das Portal, der Durchgang zur anderen Welt, der Durchgangsritus selbst. Die 10 Songs sind immer noch nicht einfach Songs. Jeder einzelne war ein Universum, ein Versprechen, ein Pakt mit der Zukunft, in die Hirnrinde gebrannt. Ich kann jeden Song von Anfang bis Ende träumen. In das Bild mit dem gähnenden Jagger und Richards als Hosen-role model # 1 muß ich irgendwann ein Loch gestarrt haben.
Rebellion und Ausschweifung, Dekadenz und Grusel. „Sticky Fingers“ war faszinierend unheimlich, vor allem „Sister Morphine“, die Slidegitarre, die einem immer noch kalte Schauer über den Rücken jagt. „Why does the doctor have no face?“ Der Rhythmus von „Bitch“ schien mir unfaßbar böse, die „hey hey yeah“s am Ende wie Triumphgeheul bei einer Auspeitschparty, und die Zeile „It must be love, it’s a bitch“ offenbarte sich später als Kōan. Jörg Lorenzen besorgte sich „Sticky Fingers“ ebenfalls, und als ich ihn auf dem Schulhof fragte, welchen Song er am besten findet, sagte er: „Wild Horses“. Das überraschte mich damals, now I get it. Das arrogant polternde „Brown Sugar“, die zerlumpte Majestät von „Sway“, dieses dramatische Gitarrensolo von Mick Taylor, die 7-Minuten-Magie von „Can’t You Hear Me Knocking“, der New Orleans-Begräbnismarsch-Sound von „You Gotta Move“, die Tore zu elegantly wasted, die „Dead Flowers“ für mich öffnete, die Geheimschrift von „Sticky Fingers“, die ich entzifferte, handelte von the grace of going astray. Der Song aber, der in mir alle Lichter entzündete, war „Moonlight Mile“.
When the wind blows and the rain feels cold
With a head full of snow
With a head full of snow
In the window there’s a face you know
Don’t the nights pass slow
Don’t the nights pass slow
The sound of strangers sending nothing to my mind
Just another mad mad day on the road
I am just living to be lying by your side
But I’m just about a moonlight mile on down the road
Made a rag pile of my shiny clothes
Gonna warm my bones
Gonna warm my bones
I got silence on my radio
Let the air waves flow
Let the air waves flow
Oh I am sleeping under strange strange skies
Just another mad mad day on the road
My dreams is fading down the railway line
I’m just about a moonlight mile down the road
I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
I’m hiding baby and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
Jon Landau im Rolling Stone nannte „Moonlight Mile“
… a masterpiece. The semi-oriental touch seems to heighten the song’s intense expression of desire, which is the purest and most engaging emotion present on the record. The sense of personal commitment and emotional spontaneity immediately liberate Jagger’s (double-tracked) singing […] There is something soulful here, something deeply felt […] Paul Buckmaster […] does the best job with strings I can remember in a long, long time, while Charlie Watts only goes through the motions of loosening up his style, as he comes down hard on the nearly magical line, „Just about a moonlight mile.“
When Jagger finally says „Here we go, now“ as Mick Taylor’s guitar (Richard is inexplicably absent) falls perfectly into place with a hypnotic chord pattern, it’s as if he is taking our hand and is literally going to walk us down his dream road. As the strings push the intensity level constantly upwards and Charlie emphasizes the development with fabulous cymbal crashes, the energy becomes unmistakably erotic — erotic as opposed to merely sexual […] The expression of need that dominates so much of the record is transformed from a hostile statement into a plea and a statement of warmth and receptiveness.
This cut really does sway and when Jagger’s voice re-enters, it is […] with the kind of abandon that he seems uniquely capable of. And unique is the best word to describe the cut as a whole […].
Dieses halb fernöstliche, halb orientalische Arrangement brachte etwas so fremdartig Schönes und Mysteriöses in die Musik, und vermutlich habe ich sie nie wieder verlassen, diese dream road und die Stimmung dieses Songs. Lyrics, von denen ein Kritiker schrieb: re-created all the paradoxical distances inherent in erotic love with a power worthy of Yeats. Die Anspielung auf snow, Kokain, ist nicht das weiße Geheimnis von „Moonlight Mile“.
What’s this?
Vorweihnacht

Vor einigen Tagen saßen Ch. und ich vor dem TV-Gerät und bestaunten eine hinreißende Dita von Teese, she left us open mouthed und Ch. sagte nur: Die sieht aus wie gemalt! Ich tat der Dame unrecht, als ich sie einmal belächelte, wenn Sie erinnern. Sie ist wirklich eine beeindruckende Person.
Haben Sie schon von dem neuem Lenz-Roman gehört? Bin ja äußerst gespannt, die Kritiken sind interessant. Er gehört unbedingt zu den Guten, finden Sie nicht? Ich hielt einen Teil meiner mündlichen Abiturprüfung über „Deutschstunde“ und denke immer noch gern an meine grandiosen Interpretationen… Mein ansonsten korrekter und distanzierter Lehrer umarmte mich nach der Prüfung. Ich glaube, er selbst staunte darüber wiederum mehr als ich.
Oh ja, Dita. Ihr opulentes „Burlesque / Fetish & The Art of the Teese“-Buch wurde mir als Weihnachtsgeschenk zuteil. Falls Sie auf die 10 Minuten bei der FruchtbonbonszwischendieZehensteckerin anspielen – es war ein siriusweiter Abstand erkennbar, there on the screen. Die ich nur sah, die 10 Minuten, weil Buchspende und Leben sich halt immer schon seltsam vermischen für mich, und ich Manson auch auf die Silbe verstand, als er von seiner Sehnsucht nach Nähe sprach, auch ist „Eat Me, Drink Me“ hochnotfaszinierend als hochnotpersönliches pièce de résistance, indes, vielleicht hat der Mann ja auch selbst verbockt. Jedenfalls hat Ch. recht. Vermutlich war ja ein Ghostwriter mit dabei, aber das, was Dita / Pseudo-Dita z.B. über Fetischismus schreibt, ist nearer to the truth als manch anderes, was ich las. Werteste, ich fürchte, in Bälde muß ich Ihnen einmal unkryptisch kommen. Das aber würde länger.
Von Lenz‘ Roman hörte ich, aber ich kann gar nicht sagen, ob Lenz unbedingt zu den Guten gehört, ich habe den immer geschwänzt. Selbst lese ich derzeit, nach Tolstois „Kreutzersonate“ (teilweise haarsträubend, teilweise in ein Schwarzes treffend, das tiefschwarz ist), Dostojewskijs „Jüngling“. Schon deshalb interessant, weil es einen etwas rauhbauzigen, scheinbar ganz unliterarischen Stil pflegt, der aber natürlich wiederum sehr kunstvoll ist, den des „ungeschliffenen“ Jünglings eben. Aber am wichtigsten bei Dostojewskij, fand ich immer, sind diese tiefen Blicke in die Seele von Menschen, die scheinbar ständig das Gegenteil tun von dem, wonach ihre Seele sich verzehrt, und dabei doch unbeirrt ihrer „Idee“ folgen, atemlose Märtyrer, a martyr for my love for you, Masochismus muß eine russische Erfindung sein, jedenfalls gibt es eine spezifisch russische Spielart.
Grandiose Interpretation der „Deutschstunde“, bis hin zu unerwarteten Umarmungen? Glaub ich aufs Wort!
Genau die 10 Minuten sahen wir. All die kleinen Mädchen, blass und leer neben dieser Dame. Eine schreckliche Sendung. Gestern sagte der Chefbeurteilerfrauenhassersack, die 16jährige sei natürlich noch ganz anders ins Geschäft zu bringen als die 24jährige, für die ja eigentlich schon alles zu spät sei. Absurdistan. Hm, mit „verbockt“ meinen Sie Manson und Dita gegen die Wand? Sehnsucht nach Nähe haben ja die, die sie nicht aushalten. Also alle. Ich hab ja bisher nur den Idioten von Dostojewski gelesen und am besten gefiel mir die Geschichte von dem Mädchen auf dem Dorf, das von allen gehasst wurde. Und dann aber von den Kindern geliebt und dann wurde sie krank und starb an der Schwindsucht. Ich weiß nicht warum, aber das Schwindsuchtthema hat es mir sehr angetan. Auch die Kameliendame scheidet so konsequent autoaggressiv, jede Verletzung, jede Wut und Moralvorstellung gegen sich selbst gerichtet, geben die Frauen auf, das einzige Mittel, sich nicht anzupassen, aus den Alternativen Kampf oder Flucht die Flucht gewählt. Nur die, die sich selbst lieben, werden auch geliebt. Aber kann man es wirklich lernen, wenn es einem nicht geschenkt wurde? Dieser Moment, als Marguerite Gautier im Garten sitzt und für einen Moment auf eine Zukunft hofft, in der sie gesund ist und geliebt wird. Sie könnte es nicht aushalten und das weiß sie auch. Und doch hofft sie darauf. So sind Menschen.
Ich hab mir Lenz zum Abitur nur deshalb ausgesucht, weil mein damals sehr verehrter Grönemeyer mal in einem Interview gesagt hat, dass er es gar nicht leiden kann, wenn in seine Texte so viel interpretiert wird. Er wäre ja schließlich nicht Lenz, über dessen „Deutschstunde“ die Schüler im Deutschunterricht wochenlang die erste Seite auseinander nehmen müssen und er immer dachte, Mann, der hat sich bei jedem Wort soviel gedacht, wie macht der das nur? So kam ich zu Fetisch-Lenz und fand, soviel hat er sich gar nicht gedacht, aber dann eben doch. Anders als Dostojewski. Die Szenen auf dem Land, wo der Briefträger auf seinem Fahrrad weite Feldwege zurücklegen muß und schließlich am Ende den Frieden dabei hat in seiner braunen Briefträgerumhängetasche, beobachtet vom Protagonisten, der am Anfang und am Ende der Geschichte im Feld liegt und noch nicht so recht glauben kann, dass er überlebt. Dass auch Sie mal etwas schwänzen! Unkryptisch? Wann immer es beliebt.
Ah, auch ich liebe „Die Kameliendame“. Kennen Sie auch „Manon Lescaut“ von Prévost? Als Ballettomane darf ich auch mitteilen, daß der einzigartige John Neumeier beide Geschichten in seinem Kameliendamen-Ballett virtuos verwob. Sehen Sie? Kein Ende der Liebe – nur rituelle Opferung des Herzens. „A Martyr For My Love For You“, wie der weißgestreifte Jack in gänzlich anderem Zusammenhang sagt. Ein Rezensent schrieb ja, „Aljoscha“ wirke, als hätte ihn ein böser Geist aus der Belle Epoque gerissen, vielleicht meinte er aber auch die präzise Erinnerung an das Geräusch der Kutschräder im Bois de Boulogne einige Jährchen zuvor – die demi-monde war seinerzeit so faszinierend, wozu eine ganze? Wahr ist jedenfalls, daß SIE am 15. Januar geboren ist, wie Marie Duplessis, die eigentlich Alphonsine Plessis hieß. Sie haben recht, nichts Herzzerreißenderes als dieser Moment, in dem alle Fassaden nichts mehr bedeuten und nur noch das mädchenschüchterne, von der Überzeugung des Unverdienten bedrohte Bekennen da ist, zu der Hoffnung, die ja immer Hoffnung war. Liszt dachte an sie mit einem „geheimnisvollen Akkord aus einer antiken Elegie“ im Herzen.
Der Sarkophag, von dem Aljoscha die magische Blüte nahm, eines jener Zeichen, die die Muster geben, Sie kennen ihn.
Das Unkryptische später. Die Franzosen haben ja eine ganz andere Einstellung. Zwar stammt von denen der aufklärerische Ruf „Beseitigt die Schnürbrüste!“, aber sie haben dann doch schnell eingesehen, daß hohe Absätze das Denkvermögen keineswegs beeinträchtigen. Bei denen sitzt Dita eloquent in TV-Gesprächsrunden, die wir in dieser Form gar nicht haben. Und ich sage nochmals, Camille Paglia. Von dieser weiblichen Macht und Stärke, die klassischer Feminismus immer als servile Unterwerfung unter männlichen Blick zu betrachten geneigt ist, handelt sie eigentlich, handelten irgendwann wesentlich auch die über Bord gegangenen 100 Bände Horror. Darum ist beispielsweise Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ so interessant: weil Wanda im Verlaufe der Geschichte immer ein wenig weiter geht, als Severin eigentlich vorgesehen hatte. Sie übersteigt seine apollinischen Entwürfe permanent.
Die Äußerung Grönemeyers (seinerzeit ein guter Schumann) rief in Erinnerung, daß Lenz auch für mich in der Tat arg mit Deutschunterricht verbunden ist – Deutsch LK war ein Flop. Die Wahl beruhte auf einer Best of-Serie in der 10., als man uns interpretatorisch freie Hand gab, später hieß es dann, interpretier‘ so wie ICH will oder stirb, und ich streikte mich so durch. Im Grunde war mein Abi gänzlich improvisiert. Back to bed, keine Schwindsucht, undekorative Erkältung.
Gute Besserung und wie gut, dass es keine romantische Schwindsucht ist.
Danke! Professor Manson sagt ja, man müsse seinen Körper zu einem Ort machen, an dem Viren sich nicht wohlfühlen, Miss Apotheke 2008 sagt, Wasser bis man blubbert, Mighty Joe Strummer sagt, Pillen bis man rasselt, da soll einer durchfinden. Nee, doch nicht.
Seufzer, Ausgestoßener! THE OLD WOUND FEVER!! TUPELO BOUND! LOOKA YONDER!
Ich folge da wohl eher den weisen HausfrauInnen, die da fanden, eine Erkältung dauere etwa 7 Tage bis 1 Woche, ob nun mit Professor, Miss Zaubertrank, Schlossgespenst oder ohne.
Paglia und Prévost notiere ich mal auf der Sabbatical To Do Liste.
Ja, ich kam erst durch Aljoscha zur Kameliendame. Es ist wohl das Entscheidende an diesem Moment im Garten, dass die Fassaden fallen. Ohnehin im Leben meistens der interessanteste Moment, da wir bis dahin zu sehr unseren von den Fassaden zurückgeworfenen Projektionen ausgeliefert sind. Kennen Sie denn die La Traviata-Aufführung mit der bis dahin noch undivenhaften und unbekannten Netrebko? Großartig das. So ein zartes schwindsüchtiges Geschöpf. Ausschnitte davon findet man auf youtube, aber vielleicht wissen Sie das schon.
Nun ja, hohe Absätze beeinträchtigen nicht das Denkvermögen, aber die Unversehrtheit bei hoher Laufgeschwindigkeit. Müßte ich in hohen Absätzen nur dekorativ in eloquenten Gesprächsrunden, um die ich französische Fernsehzuschauer sehr beneide, herumsitzen, würde ich sie vielleicht auch tragen. Modisch gesehen war die Grunge Phase in den 90ern eine glückliche Zeit. Schwere schwarze Stiefel und dazu kurze Blümchenkleider, besser geht’s nicht. Nun ja, obwohl mir kürzlich jemand sagte, meine Cure-Kleider seien so cure, dass ich den Mary Smith Lookalike Wettbewerb leicht gewinnen könne. Insofern bin ich da festgelegt. Äh, worum ging es gleich? Ah ja, Feminismus. Nun ja, ein anderes Mal vielleicht.
Grönemeyers frühe Schaffensphase weist einige Perlen auf. Ich hatte mal Radioaufnahmen mit Liedern aus seiner Klassik Phase. Ein guter Schumann und ein guter Bootsmann. Als er anfing, Stadien zu füllen, stieg ich aus, nein, stimmt nicht, ich stieg wohl schon aus, bevor Anna starb, aber nicht mal absichtlich oder füllte er die Stadien schon vorher? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, „Luxus“ war mein letztes Album. Oder „Chaos“? Hm.
„Pfeiffer, Sie faseln!“
Dass Sie die Erlebnisse im Deutsch LK verstimmten, glaub ich gern, ich hörte von anderen ebensolch Unglücklichen.
Ich hatte in der 11. das Glück, einer Stunde der vorgesehenen Lehrerin beizuwohnen. Schrecklich. Ich wich auf Englisch und Gemeinschaftskunde aus und verbrachte so eine glückliche Zeit im Deutsch Grundkurs, welcher mich zu eben der mündlichen Abiturprüfung führte. Beim zweiten Teil der Prüfung handelte es sich um Faust. Grandios, oder? Die einzige Prüfung für die ich lernte, und ich tat es gern.
Nein, so häufig der Name Netrebko an mein Ohr dringt, so selten ihre Stimme. Aber ich bin neugierig geworden, und tatsächlich scheiterte die Billigung der letzten Traviata-Aufführung, die ich mal live sah, vor Äonen, eben daran, daß die Kameliendame so unbedingt keinerlei Schwindsüchtigkeit evozierte, in etwa so überzeugend wie singende Vampire im Musical. Aber man soll Oper ja vor allem hören. Wagner wäre ja auch richtig gut ohne den ganzen Gesang. Mein Lieblingswagner ist die Minute „Rheingold“ vor Hojotoho, Sie wissen schon.
Mary Smith Lookalike-Wettbewerbe zu gewinnen ist ehrenhaft! Ich werde ja immer noch, trotz fortschreitender Idiotisierung, spontan für „Künstler“ gehalten, aber meist tippen die Leute auf „Musiker“. Faust in der Abiprüfung, natürlich ist das grandios! Eins der besagten Themen der 10., bei denen ich abräumte, war ein Satz aus dem „Faust“ – Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Ein anderes war: „Ist Faulheit immer zu tadeln?“. Beide Themen zusammen ergaben dann, daß ich „Faust“ erst richtig in einem Pariser Hotelzimmer las, Hotel de Lausanne, bei tropfendem Wasserhahn und überhaupt sehr montmartresch. – Meine mündliche Prüfung in Bio galt einer Qualle, die im Sommer da ist und im Winter dort, und ich sollte erklären, warum. Hinterher meinte die Lehrerin, es war deutlich, daß ich von dieser Qualle nicht die leiseste Ahnung hatte, nur meine Intelligenz hätte mich gerettet. Tempi passati, intelligenztechnisch.



Von Dr. Bruno Brotmitbutter (Hamburg / Wagga Wagga).
Der Verfasler: Bruno („Bruce“) Brotmitbutter von der Universität Heidelbeerberg ist Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Pöbelaktionen. Zu seinen Hauptwerken zählen „Manische Depression bei Eurasischen Eichhörnchen“ (1995), die Langzeitstudie über Nußverstecke, für die Brotmitbutter 1997 mit dem Nuxi-Preis der Norddeutschen Reformhäuser ausgezeichnet wurde, sowie „Laßt die Nuggets doch den Nagern“ (1912), das Standardwerk über den Goldrausch bei Goldhamstern. Brotmitbutters gegenwärtige Forschungen gelten dem „missing link“, der fehlenden Übergangsform zwischen Beutelratte und Einkaufstüte.
Der Federbettenwombat ist eine jüngst entdeckte Spezies der Vombatidae, von Dr. Gurkenbrötchen vorläufig als Nacktnasenwombat eingestuft. Dr. Fünfuhrtees Hypothese, nach der sich der Federbettenwombat als Verwandter des noch unentdeckten asiatischen Futon-Wombat erweisen könnte, scheint haltbarer als die These von Dr. Pølser (Kopenhagen), dessen These nur bis zum 10.11.12 haltbar war.
Wie es scheint, ernähren sich Federbettenwombats von Haferflocken und Cornflakes, die größeren Lebewesen aus der Tüte fallen. Weichholzbenagung ist seltener, überhaupt sind die Tiere bemerkenswert genügsam. Dr. Kartoffelninsaureryoghurtsauce von der Universität Sydney Greenstreet: „Ich habe noch nie ein so dickes Tier so wenig essen sehen.“ – Dr. Soufflè (Koala Lumpur), einer der am wenigsten erforschten Forscher überhaupt, wies jedoch schon in seiner Streitschrift „Naßforsche Naßrasuren nützen Nacktnasenwombats nichts“ (1999) darauf hin, daß man sich ganz schön verpforschen kann. Es ist also Pforschicht geboten.
Der Federbettenwombat bewegt sich meist überhaupt nicht, es sei denn, er wird bewegt, aber was ihn bewegt, wissen wir nicht. Forscher, die im Dunkeln lagen, sahen nichts. Dr. Dankemir Reichts (Izmirschlecht) zieht Schlußfolgerungen aus den mysteriösen Wombatfunden abseits des Federbetts, die Dr. C.G. Nimmnochwas-Jung, der Schweizer Psychoanalytiker, indes kritisiert: „Der Mann ist doch krank!“ (aus: „Kommunikatives Handeln als Paradigma einer Seinsmetapher im Dekonstruktivismus-Streit zwischen Natur-Teleologie und Logisch-Semantischer Popeldeutik“). Dr. Quarkspeise (Kühlschrank) hält dies alles für Käse. Wohl zurecht; Dr. Sprachforscher, der bekannte Sprachforscher, hat mittels Computeranalyse die nächtlichen Laute eines Federbettenwombats analysieren können: „Halt – nein – warte – die – “ Und so weiter. Dr. Bratmirwas von der Universität Bratdirselberwas (Slowakei) hält den Wombat für einen Liebhaber moderner Kunst. Collagen finden sein reges Interesse. Dreht man den Wombat um, betrachtet er allerdings mit unermüdlichem Interesse die andere Wand, an der überhaupt keine Bilder hängen. Aber wo beginnt Kunst, wo endet sie? Kunst kommt ja nicht von „Können“, sondern von „Kunstmann, Gemüsehändler“. Dessen Diktum „Man kann auch Artischocken nehmen“ ist immer noch subjektiver Grund ästhetischen Urteilens. Dr. Spielverderber konnte erleben, wie ein domestizierter Wombat einen Spielverderber, der ein Spiel verdarb, anpischerte. Dr. Selbstschuldgemeinerdoofi gab daraufhin Rhabarber zu Protokohl.
Dr. Nudelsupp, der schon Gugel hupfen sah, berichtet, daß beim ersten Lauf des Rennrudelns in Luistrenker eine Gruppe Wombats das Rennrudeln mit dem Rudelrennen verwechselte. Damit zum Sport.
RUMKUGELN. Beim Rumkugeln im französischen Boulangerie kam es zu einem Eclaire. Der Schietrichter griff rein, fand aber nichts schiete.
SCHIEFSPRINGEN. Bei der Vierschranzentournee im Schiefsprung gelang Luggi Oberdeppner aus Sepplmütz im Zenzital die tolle Weite von Pi mal Zwiesel. Wombats waren nicht am Start.
STAPELLAUF. Bestnoten bekam ein Wombat beim diesjährigen Meeting im schwedischen Regal, als er über einen Stapel Bücher lief.
PHILOSOPHIEREN. Wieder einmal setzte sich im 8. Rennen Stoizismus durch. Mit einer Nasenlänge Vorsprung holte sich Wombat den Grand Prix de la Schisselaweng und verwies Ferkel mit Skeptizismus und Bär mit Dialektischem Materialismus auf die Rote Grütze.
MAULAFFENFEILHALTEN. Mit 84 feilgehaltenen Maulaffen belegte ein Wombat beim Blöd-Cook-Memorial einen erstaunlichen 2. Platz hinter Dumm Rumpupen (USA).
DOPPELKLOPP. Bundestrainer Kloppo Klopp hat seinen Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen an Bimbo, Bombi und Schlippo verkloppt. Auswechselungen: Bele, Bumsch und Beule (4. Minute).
![Plumpbeutler [Vombatidae]. Foto: Der Federbettenwombat. Von Christian Erdmann.](https://christian-erdmann.com/wp-content/uploads/2023/07/wombat.png)

Wenn man Jesse Hughes auf Instagram folgt, ist einem die Mitteilung wohlvertraut: „fatherbadass hat ein Live-Video gestartet.“ In der Nacht vor dem Konzert erzählt er uns beim Spaziergang durch St. Pauli („I’m gonna get an apartment right above the Sexy Angel Shop!“), wie sehr ihn die Stolpersteine bewegt haben, die in den Boden verlegten kleinen Gedenktafeln aus Messing („Hier wohnte…), die an das Schicksal von Menschen erinnern, die von den Nazis verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. „Deeply moved by those markers“ nimmt er sich ein Gebet vor für den nächsten Morgen.
Ein Konzert der Eagles of Death Metal ist immer auch Gottesdienst, Göttinnendienst vielmehr, widmet er doch ausdrücklich jeden einzelnen Song seines gesamten Oeuvres den Damen. „It’s astounding / Time is fleeting / Madness takes its toll“, die Lichter gehen aus für „Time Warp“ aus der Rocky Horror Picture Show, Jesse betritt die Bühne in einem roten Glitzercape aus seiner Kollektion von Capes, das er für den Opener „Got A Woman“ ablegt, der Show-Hase braucht maximale Bewegungsfreiheit. Song 2:
Es folgt „Don’t Speak (I Came To Make A Bang)“, nach „Anything *Cept The Truth“ kümmert sich Jesse kurz mit inniger Umarmung um das Wohlbefinden von Jennie Vee, dann wieder um uns: „This ain’t fucking Hollywood, how is everybody doin‘ tonight?! Amen! Do we love the Ladies?“ Hohe Zustimmungswerte, „That’s right! And that is why I wrote this next song!“ Das ist dann „Complexity“. Hernach erzählt er euphorisch die Geschichte, wie „this amazing beautiful drummer“, es ist Leah Bluestein, zu den Eagles of Death Metal kam, das war nämlich so, daß Jesse zwischen einer Reihe von Steinstatuen irgendwelche ungezogenen Dinge tat, und er sich wünschte, „my God, if only this beautiful statue could be a real girl!“, und irgendeine Blue Fairy erledigte das dann. „Can you dig it, amen!“ Genau so war das nämlich. „Silverlake“ von „Zipper Down“, das Haus singt den „Don’t you know who I am“-Chorus mit.
Dann „Heart On“, nach „Secret Plans“ kommen abwechselnd hoch- und tieftönige Antworten auf wiederholte „Ladies, how you doin‘ tonight!“ – „Boys, how you doin‘!“ – „Ladies!“ – „Boys!“, das anschließende „Cherry Cola“ ist dann wieder ausdrücklich den Ladies gewidmet, „just like every song we’ve played before and every song that follows!“
„Flames Go Higher“, dann das wunderschöne „Now I’m A Fool“, auch von „Heart On“, für das der Gitarrist Scott Shiflett, ebenfalls neu in der Band (Bruder des Foo Fighters), ein exquisites Solo beisteuert.
Jesse Hughes kennt ein paar Höllen, von denen wir wissen, und wahrscheinlich noch ein paar Höllen, von denen wir nicht wissen. Keine andere Band hat je erlebt, was er mit seiner Band im November 2015 im Pariser Bataclan erleben mußte. Die Eingangskontrollen in der Markthalle waren besonders sorgfältig, und wir hörten einen der Securityleute sagen, das müsse man verstehen bei dieser Band. Nicht, daß die Traumata enden würden: Jesses Herzensdame Tuesday Cross ist aus einem Koma erwacht, following an asthma attack that sent her into cardiac arrest. Ein Hirnschaden war die Folge, und Jesse ist glücklich über jeden Moment, in dem sie ihn zu erkennen scheint. Die Menschen, die ihren langen, schweren Weg aus dem Dunkel begleiten, nennt er Tuesday’s Army.
Er hätte jeden Grund, Gott einfach in die Gosse zu treten und das Schicksal zu verfluchen, aber – he cares about people. Jesse Hughes ist ein Mann ohne Arg. Und er verliert nicht für eine Sekunde die Dankbarkeit dafür, tun zu dürfen, was er hier heute abend auf dieser Bühne tut. „The greatest joy in my life is to entertain you, my friends!“
Und dann stellt er die atemberaubende Jennie Vee vor mit: „We’ve got the Queen of Rock’n’Roll herself!“, und der roar für die Betörende ist so groß, daß man von ihren Lippen ein „Oh my God!“ lesen kann.
„I Want You So Hard (Boy’s Bad News)“ und „Whorehoppin‘ (Shit, Goddamn)“, „I don’t think I’m wrong when I say this is probably the best fucking crowd of the tour so far“, Frau Vee, die Angetraute des glücklichen Slim Jim Phantom (Stray Cat), signalisiert Zustimmung, Jesse traut man zu, daß er das in jeder Stadt erklärt und es in jeder Stadt genau so meint, aber Hamburg ist nun mal immer the best fucking crowd of the tour so far. „Dös is faktisch“, wie Joseph Roth sagte. „I Love You All The Time“, dann spricht er plötzlich erstaunlich gutes Deutsch, „Unsere Freunde! Es tut mir leid, ich bin nicht gut Deutsch sprechen, ich bin ein bißchen behindert“, aber sein Lieblingswort aller Sprachen dieser Erde sei ein deutsches: Muschikatze. Damit ist endgültig alles allen Muschikatzen gewidmet, und weil David Bowie den Song für jeden einzelnen, der hier ist, geschrieben hat, beschließt „Moonage Daydream“ das Set – das Gitarrensolo von Mr. Shiflett hat den Segen von Mick Ronson.
Vor der Zugabe erklärt Jesse, „We’re having the time of our lives, if you can’t see it, you can’t see nuthin‘!“ Die Zugabe ist dann „Speaking In Tongues“, including Jesses Auftauchen im Zuschauerraum, von wo aus er sich ein Gitarrenduell mit Shiflett liefert, Jennie Vee mit einer Kurzfassung von „Ace Of Spades“, und Jesses Kniefall vor ihr mit Handkuß.
Eigentlich war noch geplant, daß alle anwesenden Boys kurz vor Jennie Vee in die Knie gehen, aber dann ist doch Schluß. Jesse läßt offenbar jedes Konzert filmen, auch die Momente davor und danach, und so erfahren wir, daß Jennie Vee vor der Show noch unter Kopfweh litt, was die besorgte Umarmung auf der Bühne erklärt, aber das Steinbockmädchen kann noch so ätherisch sein, es ist tougher als der Rest und hat einfach grundsätzlich nach ein paar Takten die Malaisen weggeblasen.
Und wir können Jesse direkt nach dem Auftritt hinter der Bühne hören: „That was fucking killer tonight!“






Versorgungspunkt STAGE LEFT Jennie Vee:




Fotos & Videos CE

„Essentially a pub rock supergroup that grew monstrously out of control“ (list.co.uk). Alice Cooper, Johnny Depp, dagegen verblasst doch vieles. Die beiden so nah: so real, daß es surreal ist. Johnny bester Laune, hatte sich offenbar den Knöchel gebrochen und stapft mit Fraktur-Boot über die Bühne, singt aber göttlich und hat eine gute Zeit, smiling and waving and looking so fine. „The Death & Resurrection Show“, das Killing Joke-Cover von seiner Platte mit Jeff Beck, ist eine der Glanznummern der ausgelassenen Vampire an diesem Abend. Bei allem Heidenspaß geht es bei den Hollywood Vampires immer auch um absent friends, verlorene Weggefährten, und Johnny hat eine Gitarre seines jüngst verstorbenen Freundes Jeff Beck dabei. Die spielt Joe Perry dann für ein Stück. Da wird einem gleich ums Herz so doof. Überhaupt Perry: Aerosmith leidet ja vor allem unter Steven Tyler, Perrys Cover von „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“ zeigt, daß er eigentlich der viel bessere Sänger ist, seine Stimme wie gemacht für diesen Song von Johnny Thunders.
And that Cooper woman… der ist 75 und kontrolliert immer noch die Erdrotation mit seinem Stock. „School’s Out“ und „Billion Dollar Babies“ gehörten zu den ersten Platten, die ich als Schuljunge besaß. Ich sag’s nur. Charisma-Overkill. „Listen to them. The children of the night. What music they make!“

Rezension #10
15. Februar 2008
„Meine paar Groschen Verstand sind verspielt…“
Von Zadig
„Wer die Deutsche Sprache liebt, wird auch dieses Buch lieben“, schrieb ein anderer Rezensent – eine Behauptung, der ich mich anschließen möchte. Die außergewöhnlich lebendige und komplexe Sprache ist eine der großen Stärken dieses Romans. Sie macht einen erheblichen Teil von dessen Faszination aus, indem sie auf geschickte Weise immer wieder überrascht und fesselt.
Den Leser erwarten eine Liebesgeschichte, deren wohltuende Handlungsarmut ihr ausreichend Platz lässt, um sich auszudehnen und, als Umkehrschluss daraus, einen perfekt eingefangenen Entfremdungsprozess, der ihn ein um das andere Mal traurig lächeln lassen wird. Ein unausgleichbarer Gegensatz und eine Unterlegenheit unter das Schicksal, ausgelöst durch eine rätselbehaftete Fremde, die exakt so geheimnisvoll und unnahbar ist, wie sie sein muss.
Der Roman konzentriert sich weitestgehend auf die Gefühls- und Erlebniswelt des Aljoscha. Diese aber ist so intensiv, dass sie eine dichte Körperhaftigkeit und Mehrdimensionalität schafft, die Aljoscha stofflich, von allen Seiten greifbar und sinnlich erfahrbar werden lässt.
Es gelingt dem Autor gewissermaßen, den Leser in Aljoschas Gedankenräumen einzusperren, wo er sich mal vorsichtig dessen Hirnwindungen entlang tastet, mal von einer Gedankenstromschnelle unerwartet fortgerissen wird, um sich ein Stück weiter wieder hochzurappeln, neuzuorientieren und schon neugierig um die nächste Ecke zu schielen.
Gemessen an dieser Intensität müssen die wenigen übrigen Personen notgedrungen blass bleiben und wollen dies auch. Gegen Ende wird über einen Schwebezustand, ein kleines Handlungsvakuum, ein geradezu gemein raffinierter Spannungsbogen hergestellt, der den Leser unruhig umherrutschen lässt und fast zum Weiterblättern verführen könnte.
Kein leichtes, aber ein lohnendes Buch für den, der es mag, Sprache auf sich wirken zu lassen und in ihr zu versinken. Wer weiß, vielleicht findet man sogar ein Stück von sich selbst darin wieder. Und selbst wenn nicht, so darf man zumindest damit rechnen, von der Geschichte berührt und eingefangen zu werden.

(Rezension auf amazon wurde später gelöscht)