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Film Horror

Franju: Eyes Without A Face / Les yeux sans visage

Georges Franju, Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960.

LES YEUX SANS VISAGE / EYES WITHOUT A FACE (Frankreich 1960, Georges Franju) beginnt mit einer nächtlichen Autofahrt auf einsamer Landstraße. Am Steuer eines 2CV sitzt Louise (Alida Valli), mit schwarzbehandschuhter Hand den Rückspiegel verstellend und kontrollierend, was auf der Rückbank sitzt: eine in sich zusammengesunkene Gestalt, das Gesicht unter einem großen Hut verborgen. Auf dem Soundtrack ist ein derangierter Walzer zu hören. Louise hält an und schleppt die Gestalt aus dem Wagen. Es ist eine junge Frau, deren Körper nur mit einem Trenchcoat bedeckt ist. Louise wirft ein totes Mädchen in die Seine. Während der Autofahrt haben wir Louise kurz aus der Perspektive der Gestalt auf dem Rücksitz gesehen; aus toten Augen also.

Und wer ist Louise? Assistentin und Gespielin eines Arztes, Professor Génessier, der in der Nähe seiner Villa eine eigene Klinik führt. Eine Frau, deren Ausstrahlung sich zu gleichen Teilen aus kühler Grausamkeit und einer sinister glühenden Erregung zusammensetzt. Alida Valli eben.

Professor Génessier (Pierre Brasseur) hält einen Vortrag über die Möglichkeit, lebendes Gewebe zu transplantieren. Das dabei auftretende Problem der biologischen Kompatibilität, erklärt er, sei womöglich zu lösen mit modifizierenden Maßnahmen an dem Organismus, der fremde Gewebeteile empfangen soll. Eine Methode sei das Strahlenbombardement der Antikörper, die das transplantierte Gewebe abstoßen. Doch könne der Patient die dafür erforderliche Strahlenbelastung kaum überleben. Daher, so Génessier, praktiziere man Exsanguination. Das heißt, der den Strahlen ausgesetzte Patient wird blutentleert bis auf den letzten Tropfen.

Harter Stoff, der jedoch betagteren Damen Mut macht, die Génessier nach seinem Vortrag herzlich zu danken wünschen für die wunderbare Zukunft, die er ihnen und der Menschheit eröffne. Génessier erwidert kalt: was die Zukunft angeht, könne er nicht so lange warten. Eine wiederkehrende Angewohnheit Génessiers: sich bereits abzuwenden, während er noch spricht. Dieser Mann scheint angewidert von der Welt. Er ist gebrochen und genial, bleischwer bedrückt und brandgefährlich. Seine Stimme ist eine Grabesstimme. Ihn interessieren nur noch zwei Menschen. Einer davon ist Louise. Er hat sich verändert seit dem Verschwinden seiner Tochter, bemerken zwei Zuhörer seines Vortrags. Soviel ist sicher: dieser Mann hat sich mit Schaurigem beschäftigt. Ein Anruf zitiert ihn ins Leichenschauhaus.

Dort unterhält sich Dr. Lherminier mit Inspektor Parot, Abteilung Vermißte Personen. Man rekapituliert: als Dr. Génessiers Tochter aus der Klinik verschwand, war ihr Gesicht eine einzige Wunde. Man hat ein junges Mädchen im Wasser gefunden, nur mit einem Trenchcoat bekleidet, ohne Gesichtshaut, offenbar mit jenen schweren Verbrennungen und Entstellungen, die Génessiers Tochter bei einem Autounfall erlitt, die Augen aber unversehrt. Das scheint zusammenzupassen. Doch paßt die Beschreibung des Mädchens auch auf eine vermißte junge Frau namens Simone Tessot. Vorsorglich hat Parot auch ihren Vater herzitiert. Möglich, daß Génessiers Tochter aus Verzweiflung über ihre Entstellungen Selbstmord begangen hat, aber warum sollte sie sich zuvor bis auf den Trenchcoat entkleiden? Seltsam auch, daß die riesige offene Wunde, die ehedem ein schönes Gesicht war, so geometrisch ist; saubere Ränder, wie mit dem Skalpell geschnitten.

Dies ist die Art, die dem Zuschauer von Les yeux sans visage beibringt, 2 und 2 zusammenzuzählen und sich auszumalen, mit welch schaurigen Dingen sich Génessier beschäftigt.

Génessier erscheint in der Morgue. Man führt ihn zu der Leiche des an diesem Morgen in der Seine gefundenen Mädchens. Er bestätigt, die Tote sei Christiane – seine Tochter. Im selben Augenblick wird mitgeteilt, Monsieur Tessot sei hier. Lherminier gibt die Anweisung, man könne Tessot sagen, das Mädchen sei identifiziert, es handele sich nicht um Simone.

Dies war eine Frage von Sekunden, Génessier weiß es, und wir ahnen es. Um so unbehaglicher die Indifferenz, mit der Génessier Tessot begegnet, als er diesen vor dem Eingang der Morgue antrifft. Tessot ist verzweifelt; vor zehn Tagen habe man Simone zuletzt gesehen, etwas müsse ihr doch zugestoßen sein. Tessot hört von Génessier nur: Seltsam, daß ich Sie trösten soll, da für Sie noch Hoffnung bleibt. Nach nur wenigen Minuten des Films ist Génessier bereits atemberaubend unheimlich: die mit virtuoser Ökonomie verabreichten Informationen (das im Fluß versenkte Mädchen, Génessiers Vortrag über Hautgewebe-Transplantation, das gehäutete Gesicht der gefundenen Mädchenleiche) lassen ahnen, daß Génessier mit skrupelloser Gefühlskälte die Rollen tauscht. Tessot nimmt Génessiers abweisende Schroffheit als die Trance der Trauer eines Mannes, der seine Tochter verloren hat, blickt ihm beinahe mitleidsvoll nach, und wir, die Zuschauer, haben jeden Grund zu glauben, daß hier der Mörder den Vater des Mädchens, das er auf dem Gewissen hat, in der Dunkelheit stehen läßt.

Schnitt: Paris. Nähe der Sorbonne. Zwei junge Mädchen, Studentinnen. Der derangierte Walzer setzt ein, der sich als Leitmotiv für einen Todesengel entpuppt: das Intro für die schöne Stalkerin Louise, die ihre Opfer in die Falle lockt. Als eines der Mädchen ihren Freund trifft, folgt Louise dem Mädchen, das allein bleibt.

Bei der Beerdigung des Mädchens, das als Christiane Génessier begraben wird, unterhalten sich zwei Männer über den Professor: hat vor vier Jahren seine Frau verloren und nun seine Tochter, was nützen da Erfolg und Ruhm? Krähen krächzen, neblig das Land. Der Friedhof liegt abgelegen. Zu den Schlägen einer Glocke kondoliert man drei Personen: neben Génessier stehen Jacques, ein junger Doktor, Génessiers Assistent und Verlobter Christianes; sowie Louise, von der einer der beiden Männer sagt, man nenne sie Génessiers „Sekretärin“. Eine Fremde im übrigen. Alida Valli eben.

Jacques verabschiedet sich. Génessier und Louise bleiben bei der Gruft der Génessiers zurück. Louise, aufgewühlt, fleht Génessier an, ebenfalls zu gehen. Génessier erklärt, daß er die Dinge ordnungsgemäß getan haben will. Er nimmt den großen Blumenkranz mit der Schleife, auf der steht A ma fille bien aimee (Meiner geliebten Tochter) und betritt die Gruft. Louise, im glänzend schwarzen Lackledermantel, folgt ihm hinein, Tränen glänzen in ihren Augen; sie bittet Génessier noch einmal, daß sie gehen mögen, sie ertrage es nicht mehr. Génessier ohrfeigt sie und befiehlt ihr, zu schweigen. Allein durch das schimmernde Licht des Wahnsinns in den Augen der dem Professor hörigen Alida Valli, allein durch ihr Zerrissensein zwischen Angst und bedingungsloser Ergebenheit, ist vollends klar: das in die Gruft gelegte Mädchen ist nicht Christiane.

Génessier und Louise fahren zurück in ihr Reich, vorbei am Klinikgebäude, vorbei am Schild, das Patienten und Besuchern den Zugang zur Nähe der Villa untersagt. Louise steigt aus dem Wagen und begibt sich ins Haus, Génessier fährt den Wagen vor seine Garage. Als er die Garagentür öffnet, ist das Bellen und Jaulen von offenbar sehr vielen und sehr aufgebrachten Hunden zu hören. Wie das Geheul von Kreaturen am Eingang in die Unterwelt.

Die Garage hat einen direkten Zugang zur Villa. Génessier steigt langsam die Treppen empor. Vor der letzten Tür ganz oben bleibt er stehen und horcht. Musik erklingt. Scheinbar munter, heiter, und doch wie derangierter Mozart. Im Zimmer befindet sich ein Vogelkäfig. Zarte, gefangene Kreaturen. Auf einer Récamière liegt eine junge Frau, das Gesicht in den Kissen verborgen. Im Zimmer befindet sich jetzt auch Génessier, der die Musik aus dem Radio abstellt. Auf dem Nachttisch ein Papier, das Génessier in die Hand nimmt. Barsch fragt er das Mädchen, wo sie dies Papier gefunden habe, das Herumstöbern gefalle ihm nicht. Das Papier ist die Todesanzeige für Christiane Génessier. Das Mädchen, das die Todesanzeige gefunden hat, ist Christiane Génessier.

Génessier fragt, was sie denn phantasiere, wenn sie ihren Namen schwarz umrandet sehe. Christiane antwortet, sie brauche nichts zu phantasieren. Sie sehe den Schrecken, sie lebe den Schrecken. Sie fragt ihren Vater: was hast du nun wieder getan; ein Augenblick, in dem ihre Stimme scharf und verzweifelt klingt. Ihr Gesicht bleibt abgewandt.

Génessier sagt: Ich tat, was ich tun mußte. Alles, was ich tue, tue ich für dich. Er sagt: Das Mädchen ist an den Folgen der Operation gestorben. Ich habe das Wagnis auf mich genommen, sie für dich auszugeben. Wenn die Leute dich für tot halten, werden sie keine Fragen stellen. Sie werden nicht versuchen, herauszufinden, was hier vorgeht. Génessier beugt sich über seine Tochter, berüht ihr Haar, ihren Arm. Das Mädchen hebt plötzlich und rasch den Kopf. Noch immer sehen wir nur ihr Haar. Génessier hält ihren Kopf fest und sagt: Christiane… deine Maske! Er sagt: Du mußt es dir zur Gewohnheit machen, sie zu tragen.

Wieder birgt Christiane ihr Gesicht in das Kissen. Sie beginnt zu weinen. Gewohnheit, wiederholt sie. Ein Wort nur, und die ganze Verzweiflung Christianes ist deutlich; ihre Vertrautheit mit der Hoffnungslosigkeit, der Vergeblichkeit, dem Wunsch zu sterben. Génessier streichelt seine Tochter tröstend und bittet sie, nicht mehr zu weinen. Er werde Erfolg haben. Sie sagt, sie glaube nicht mehr daran. Sie liegt auf dem Bett wie ein junges Mädchen mit Liebeskummer. Aber Christiane weiß, sie wird nie mehr Liebeskummer haben, wird nie mehr einen Menschen lieben, hassen, verwünschen oder herbeisehnen können, sie wird nie mehr unter Menschen sein. Christiane Génessier hat kein Gesicht mehr.

Louise erscheint im Zimmer. Zufall oder kein Zufall, daß Génessier im selben Augenblick seine verzweifelte Zärtlichkeit gegen patriarchalische Strenge eintauscht: Christiane habe keinen Grund, an ihm zu zweifeln. Er sei ein Mann von hervorragenden Eigenschaften, oder nicht? Christiane werde wieder ein Gesicht haben, er gebe sein Wort. Langsam wendet er sich ab und verläßt das Zimmer.

Christiane sagt: Man erlaube ihr keine Spiegel, aber sie könne ihre Erscheinung im Fensterglas sehen. Und es gebe andere glänzende Oberflächen… Messerklingen, lackiertes Holz… ihre Stimme ist ein gehetztes Wispern jetzt. Ihr eigenes Gesicht jage ihr Schrecken ein; ihre Maske erschrecke sie noch mehr.

Louise sagt zu Christiane: Haben Sie Vertrauen. Sehen Sie mich an. War er nicht bei mir erfolgreich? Die Szene läßt das Blut gefrieren: Alida Vallis strenge, glühende Schönheit ist zustandegekommen unter einem blitzenden Skalpell.
Christiane: Sie aber hatten noch ein Gesicht; verwüstet vielleicht, aber nicht zerstört wie meines. Er lügt mich an, weil er weiß, daß es seine Schuld ist.
Louise: Es war ein Unglück, ein Autounfall.
Christiane und Louise blicken sich an. Louise blickt ohne Schrecken in das Gesicht, das wir immer noch nicht sehen, anteilnehmend, mitempfindend.
Christiane: Er muß alles dominieren, immer, sogar auf der Straße. Er ist gefahren wie ein Dämon, wie ein Wahnsinniger. Ich wollte sterben nach dem Unfall – warum hat er mich am Leben gehalten? Ich möchte blind sein… oder tot.
Wieder beginnt sie zu weinen. Louise nimmt Christianes Kopf in ihre Hände, tröstet sie, hilft ihr, sich aufzurichten – und legt ihr die Maske an.
Und so sehen wir Christiane: die großen, traurigen, verzweifelten Augen hinter der unheimlichen weißen Maske.

Louise kämmt Christianes Haar. Christiane blickt Louise an mit Augen, die zu lesen versuchen. Die zu fragen scheinen: warum das alles noch. Warum tust du dies, was gibt es noch, das du mir sagen kannst. Augen, die hinter den ausgeschnittenen Löchern der Maske ein so einsames Leben führen, als blickten sie schon aus einem Jenseits durch zwei Löcher in der Mauer des Todes. Aber – und man kann es nicht beschreiben, man muß es gesehen haben – auch das Mädchen, das Christiane einmal gewesen ist, lebt noch in diesen Augen, und es lebt – dies die unfaßbare Leistung der Schauspielerin Edith Scob – nur in diesen Augen. Die zusehen, wie Louise den Raum verläßt, Augen voller Schrecken, aber zugleich endlos weit entfernt von allem, was sie sehen.

Christiane erhebt sich, mit der Maske wirkt sie wie eine lebendig gewordene, traurige Schaufensterpuppe, ihre Zerbrechlichkeit noch gesteigert durch den weiten Kragen an ihrem hellglänzenden Engelsmantel. Sie geht zu einer Kommode, auf der ein Bilderrahmen steht – Jacques, ihr Verlobter. Nur durch die Bewegung, mit der Christiane sich davon wieder abwendet, erraten wir ihr Innerstes. Die herzzerreißende Einsamkeit des Mädchens wird illustriert durch die Musik auf dem Soundtrack, die an ein Karussell aus Kindertagen denken läßt. Christiane lauscht vorsichtig an ihrer Zimmertür, huscht dann hinaus, schleicht die Treppe hinab. Sie öffnet die Tür zum Arbeitszimmer. Sie berührt etwas an der Wand; ein geschwärzter Spiegel. Sie nimmt den Telefonhörer ab und wählt eine Nummer. Die Stimme eines Mannes: Hallo? Wer ist da? Antworten Sie doch! Christianes Augen blicken sehnsüchtig in weite Ferne, während sie der Stimme lauscht; dem Mann, den sie verloren hat für immer, einen Moment lang nah. Jacques legt auf. Christiane weiß, daß es so sein muß. Mit hoffnungslosem Schmerz blickt sie sich im Zimmer um. Ein Gemälde an der Wand zeigt ein junges, bezaubernd schönes, anmutiges Mädchen mit einer weißen Taube auf dem ausgestreckten Arm. Wohin Christiane sich auch wendet, ihr kann nur noch begegnen, was unwiederbringlich verloren ist für sie.

Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Paris. Eine lange Menschenschlange vor einem Theater. Am Ende der Schlange das Mädchen, das Louise beobachtet hat. Dann der entstellte Walzer. Dann Louise. Im Hintergrund ein Plakat: Victimes du Devoir, Ionesco.

Louise gewinnt das Vertrauen des Mädchens, von dem sie weiß, daß es eine Unterkunft sucht. Edna Gruber ist ein Mädchen aus der Schweiz, weit weg von zuhause. Bald treffen sie sich in einem Café. Louise sagt, sie habe es kaum abwarten können, die gute Neuigkeit zu überbringen: sie habe für Edna eine Bleibe gefunden. Der Garcon fragt, was die Dame wünsche. Louise sagt: La même chose pour Mademoiselle. In der Tat. Edna erwartet dasselbe wie Simone Tessot.

So fährt Louise mit ihrem 2CV den langen Weg zur Villa Génessiers, und Ednas Unbehagen wächst mit jedem Kilometer. Als sie das Haus erreichen, bellen die Hunde ihr Höllenhundbellen. Edna fragt, was auch wir uns fragen: wie viele sind das? Die Begegnung mit Génessier entnervt Edna vollends. Im Innersten bereits zu Tode erschrocken, gibt sie vor, der Weg hierher sei ihr zu lang. Beide Seiten wahren Höflichkeit, die eine lauernd, die andere einen Ausweg suchend. Génessier gießt ein Glas mit Wein ein, den Edna bereits abgelehnt hat – und überfällt sie dann urplötzlich, das schreiende Mädchen mit Chloroform betäubend.

Génessier und Louise tragen das Mädchen ihrem Schicksal entgegen. Christiane sieht von der Treppe aus zu und folgt den beiden heimlich. Erneut ist das enervierende Gebell der noch unsichtbaren Hunde zu hören. Edna wird zunächst in die Garage getragen und dann durch eine geheime Tür, hinter der Génessiers chamber of horrors liegt. Christiane wartet in der Garage. Als Génessier und Louise wieder erscheinen, erklärt der Doktor, er werde nach dem Abendessen mit der Arbeit beginnen. Dieses Mal müsse er es mit einem größeren Transplantat versuchen, das er als Ganzes ablösen wolle.

Die Rede ist von Haut. Von der makellosen Haut einer jungen Frau.

Als die beiden die Garage verlassen haben, schleicht Christiane durch die offen gelassene Tür in das düstere Sanctum Sanctorum, die Arme gestreckt, die Hände leicht gespreizt – wie eine schwebende Sylphide.

Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Sie öffnet eine weitere Tür. Da sind die Operationstische, das kalte Labor des mad scientist. Das Hundegebell ist lauter geworden. Auf einem der Tische liegt die bewußtlose Edna, der Génessier die Gesichtshaut abzulösen im Begriff steht. Christiane tritt zu ihr. Wir sehen ihr Gesicht nicht, doch wir sehen, was sie fühlt. Sie dringt tiefer in das Dunkel, öffnet eine letzte Tür und macht Licht: da sind die Hunde, vielleicht ein Dutzend, einzeln eingesperrt in Käfige. Das infernalische Bellen verebbt, als Christiane wortlos mit den Tieren kommuniziert. Sie streichelt einen großen Hund, der sich aufgerichtet hat, legt ihren Kopf an seinen, streichelt und beruhigt auch einige der anderen Hunde – verlorene Kreaturen unter sich.

Christiane geht zurück in das Labor, macht auch hier Licht, nimmt vor einem kleinen Spiegel ihre Maske ab, doch ihr Gesicht ist noch nicht zu sehen. Sie geht an den Operationstisch, auf dem Edna festgezurrt ist. Mit ihren schönen, schlanken Händen tastet sie das Gesicht des Mädchens ab. Edna erwacht aus ihrem Chloroformrausch, blinzelt, und mit Ednas vernebelten Augen sehen wir jetzt zum ersten Mal das entstellte Gesicht Christianes – vielmehr, wir sehen leuchtende Augen in einer dunklen Masse. Ednas Augen fallen zu, doch als ihr Hirn begriffen hat, was sie da sah, reißt sie die Augen wieder auf und schreit; jetzt sehen wir Christianes Gesicht deutlicher, die Augen in dem hautlosen Gesicht. Christiane weicht langsam zurück. Die Hunde bellen.

Dann wartet Les yeux sans visage mit Szenen auf, die bis dahin medizinischen Ausbildungsfilmen oder Greueldokumentationen vorbehalten waren. Génessier und Louise in weißen Kitteln: sie ist ihm behilflich beim Anlegen des Mundschutzes, er spannt seine Chirurgenhandschuhe aus Plastik. Génessier zeichnet mit schwarzem Stift auf dem Gesicht des bewußtlosen Mädchens die Linie, an der er die Gesichtshaut abzutrennen intendiert. Vom Nachbartisch ist das noch in der Betäubung angstvolle Seufzen Christianes zu hören, ihr Gesicht ist mit einem Tuch abgedeckt. Dann reicht Louise ihrem Gebieter das Skalpell.

Génessier schneidet an seiner Vorgabe entlang. Blut tritt aus, voluminöse Tropfen rinnen an Ednas Hals herab. Louise tupft zunächst das Blut, dann den Schweiß von Génessiers Stirn ab. Dann werden die Linien um Ednas Augen gezeichnet. Auch dort trennt das Skalpell Edna von ihrem Aussehen. Das Geklapper der chirurgischen Instrumente ist zu hören, Schnitt für Schnitt leidenschaftlos dokumentarischer Blick, Zange für Zange wird festgeklickt an den Schnitträndern. Nur das schwere Atmen Génessiers und das Geräusch, wenn Louise ihm ein Instrument aus kaltem Metall in seine plastikumhüllte Hand klatscht, sind zu hören; ansonsten peinigen die Minuten mit Stille: „(…) an almost believable surgical accuracy that is nauseating“ (Frank 1974, 108). Die Gesichtshaut des Mädchens beginnt sich auf ihrem Kopf zu bewegen. Und dann heben Génessier und Louise an den Klammern das Antlitz ab, das Christianes werden soll. Kurz ist darunter das nackte Fleisch zu sehen, dann – Schnitt.

Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Alida Valli in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Hellichter Tag, Génessier: Hat sie gegessen? – Louise: Ja, sie hat gut gegessen. Sie verging. Dieses Mal ist sie glücklich. Dieses Mal hat sie Vertrauen. – Génessier: Endlich. – Louise: Ich zeigte ihr, wie gut alles verheilt. Es wirkt vollkommen. So viel besser als gestern. – Génessier: Ich habe Angst. – Louise: Nein. Auch ich glaube, dieses Mal. – Génessier: Ich kann nur hoffen. Könnte ich es wirklich erreichen… Gott, es wäre nicht mit Gold aufzuwiegen. Ich habe so oft Unrecht getan, daß ich dieses Wunder vollbringen muß. Ich habe auch dir Unrecht getan. – Louise: Ich weiß. Doch ich werde niemals vergessen, daß ich dir mein Gesicht verdanke. – Génessier: Ich vergesse es zuweilen.

Pierre Brasseur in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Mit schier unmenschlichem Kraftaufwand zischt Génessier all seine Worte hervor, steinern geworden vor innerer Anspannung.
Louise: Mit Recht vergißt du es. So wenig ist nur noch zu sehen.
Louise hebt ihre fünfreihige Perlenkette, die sie um den Hals trägt; eine Narbe wird sichtbar. Génessier küßt ihr beschwichtigend die Hand, die er damit zugleich von der noch sichtbaren Spur wegzieht.

Louise fragt, was mit Edna geschehen soll. Génessier antwortet: bring ihr etwas zu essen, ich werde es dich später wissen lassen. Bei seinen letzten Worten wendet sich Génessier schon wieder ab – letztlich unfähig, wie es auf Englisch heißen würde, to face someone. Übersetzt: jemandem ins Gesicht sehen. Génessier gibt der Wendung to face someone eine zweite Bedeutung: jemanden mit einem Gesicht versehen. Er, der seiner Tochter ein Gesicht zu verschaffen sucht, kann kein Gesicht ertragen.

Blick durch das kleine Fenster einer Tür, hinter der Edna auf einer Pritsche liegt, den Kopf bandagiert. Sie hört einen beunruhigenden, unidentifizierbaren Krach; nur ihre Augen sind durch den Schlitz der Bandagen zu sehen. Sie birgt den Kopf wie zuvor Christiane. Louise tritt ein. Wortlos wäscht sie sich die Hände. Den Krach hat der metallische Wagen verursacht, auf dem Louise das Essen bringt. Das Mädchen regt sich nicht. Louise tritt an den Wagen. Plötzlich richtet Edna sich auf und schlägt Louise eine Flasche auf den Kopf. Sie flieht in die Garage, will das Tor von innen öffnen, hört aber draußen Génessiers Wagen. Sie läuft zurück ins Haus, alle Treppen empor, Génessier folgt ihr. Edna ist in einem Zimmer verschwunden. Génessier hört einen Schrei. Edna hat sich aus dem Fenster gestürzt. Ihre toten Augen blicken blicklos aus dem Bandagenschlitz. 

Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

In tiefer Nacht sind Génessier und Louise zum Friedhof gefahren. Während Louise entsetzt Wache hält, öffnet Génessier die Gruft, dann das Grab, das langsam zum Massengrab wird: Edna Gruber wird von Génessier in die Grube geworfen.

Auf der Polizeiwache erinnert sich Ednas Freundin an das Perlencollier, das die mysteriöse Frau, die ihnen gefolgt war, wie einen Schal um den Hals trug. Inspektor Parot und sein junger Kollege halten fest: eine Reihe von Mädchen, auf mysteriöse Weise verschwunden. Alle Studentinnen. Blaue Augen, dasselbe Alter, derselbe Typ. Der Kollege hat auch ein Mädchen mit blauen Augen am Tisch sitzen. Unbedeutender Ladendiebstahl. Französische Ermittler können jungen Schönheiten milde begegnen. Parot sagt: laß sie gehen, aber schreib dir ihre Adresse auf.

Génessier, Louise und Christiane beim Abendessen.
Génessier: Ich war meines Erfolges gewiß. Und du hast an mir gezweifelt. Jetzt hast du dein wunderschönes Gesicht.
Wir sehen es, Christianes wunderschönes Gesicht. Schön, fragil und traurig. Als könne sie nicht lächeln. Diese Szenen, in denen Christiane ein Gesicht hat, sind, bei aller Faszination, die von diesem Antlitz ausgeht, die surrealsten des ganzen Films.
Génessier: Dein wahres Gesicht.
Die großen Augen schillern zwischen Unbehagen und tödlicher Melancholie. Christiane nickt, zögernd, wie gegen ihren Willen. Die großen Augen schillern zwischen dem vergeblichen Versuch, zu vertrauen, und unterdrücktem Horror.

Génessier: Du kannst wieder beginnen zu leben. – Christiane: Aber wie können wir den anderen erklären, daß ich noch lebe? – Génessier: Zuerst wirst du eine lange Reise machen. Ich werde dir Papiere besorgen. Du kannst dir einen neuen Namen aussuchen. Das wird aufregend. Ein neues Gesicht; eine neue Identität.

Als Louise das Wort an Christiane richtet, wendet sich Christiane rehscheu zu ihr, erschütternd in ihrer zerbrechlichen Schönheit.
Louise: Sie sind schöner denn je. Etwas Engelgleiches ist um Sie.
Christianes Antwort gibt dem namenlosen Horror einen Namen. Sie sagt: Wenn ich in einen Spiegel blicke, scheint es mir, als würde ich jemanden sehen… der aussieht wie ich, und der zurückkehrt aus weiter, weiter Ferne.
Wenn Christiane in einen Spiegel blickt, blickt sie in das Reich der Toten. Aus dieser weiten Ferne kommt ein Mädchen zurück, um stumm Christianes Antlitz zu beanspruchen.

Christiane: Und Jacques? – Génessier: Jacques? Gewiß, das ist natürlich ein Problem… ich werde es ihm erklären. Lächle doch.
Christiane sieht ihren Vater an mit Wehmut in den Augen und Bitterkeit auf den Lippen. Ihre Seele kennt kein Lächeln mehr. Sie versucht es dennoch, sich überwindend, die Augen schreien tausend Fragen.
Génessier: Nicht zu sehr.
Sofort verfliegt Christianes Lächeln und wandelt sich in Schrecken. Tausend Fragen wandeln sich zu einer: Warum? 
Génessier macht nur eine Geste mit den Händen. Das Telefon hat geklingelt. Génessier wird zu einem Notfall gerufen. Er küßt Christiane auf die Stirn. Er scheint etwas an ihrem Gesicht zu entdecken. Er hebt sie an den Schultern aus ihrem Stuhl, um sie genauer betrachten zu können, streicht ihr das Haar aus der Stirn.

Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Edith Scob in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Wir müssen nichts sehen, um aus dem kurzen Moment des Glücks, den wir bei allem Greuel, bei allem Metzeln und Morden, bei aller Monstrosität Génessiers mit Christiane zu teilen wünschten, in neuerlichen Schrecken gestürzt zu werden. Wir wissen, daß die Hoffnung vergeblich war. Wir hatten vergessen, daß Christiane es von Anfang an wußte.
Génessier: Du benutzt kein Make-up, hoffe ich? – Christiane: Nein, warum? – Génessier: Nichts. Du bist schön, das ist alles.
Aber er scheint schwer besorgt. Auch Louise hat es gemerkt. Im Dunkel des Gartens fragt sie ihn nach der Wahrheit. Sie weiß, daß er lügt. Sie habe gelernt, in seinem Gesicht zu lesen. (Es sagt viel über ihre Beziehung zu Génessier, daß sie in einem völlig unbewegten Gesicht zu lesen weiß).

Mit tonloser Stimme gibt er zu: Es ist mißglückt.

Wir nehmen Abschied von Christianes porzellanschönem Antlitz. 20. Februar: Eine Woche nach der Heilung erscheinen kleine verfärbte Flächen. Eine niederschmetternd nüchterne Reihe von Großaufnahmen dokumentiert den Verlauf der von Génessier in voice-over beschriebenen Zerstörung von Christianes Gesicht. Nach ein paar Tagen: beim Abtasten werden subkutane Knötchen fühlbar. 12. Tag: Absterben des übertragenen Gewebes evident. 20. Tag: Geschwürbildungen; Entzündungen; Anzeichen der Abstoßung des Transplantats. Das tote transplantierte Gewebe muß entfernt werden.

Louise betritt Christianes Zimmer, die weiße Maske in der Hand. Christiane liegt stumm verzweifelt auf dem Boden, erneut ihr Gesicht verbergend.
Génessier steht vor einem auf dem Operationstisch festgeschnallten Hund und betrachtet ein an dessen Flanke transplantiertes Fellstück. Bei jedem Hund, so sagt er zu sich selbst, gelinge es. Doch er komme einfach nicht über das Bestialische hinaus.

Christiane schleicht in der Nacht zum Telefon. Jacques‘ Reaktion läßt erkennen, daß dies zum wiederholten Mal geschieht: er bittet die Person am anderen Ende, endlich zu sprechen. „Jacques…“ haucht Christiane mit einer Jenseitsstimme, die ihm das Mark gefrieren läßt. „Jacques…“ Er blickt ungläubig den Hörer an. Er den Anruf einer Toten erhalten.
Aber vielleicht hört er noch die Stimme von Louise am anderen Ende: „Christiane!“ – Louise nimmt ihr den Hörer aus der Hand und legt auf.
Louise: Christiane, sind Sie wahnsinnig geworden? Wen haben Sie angerufen? – Christiane: Niemanden.
Jeder ist niemand für eine, die selbst niemand mehr ist.
Christiane: Ich weiß, die Toten sollten schweigen. Dann will ich aber auch wirklich tot sein. Ich ertrage es nicht mehr… Angst vor meinem eigenen Gesicht zu haben… Angst davor, es zu berühren…

Die Lippen der Maske bewegen sich nicht, wenn Christiane spricht. Das ist unheimlich. Dann rollen Tränen über die Maske. Das ist herzzerreißend. Louise nimmt Christiane verzweifelt in den Arm und versucht erneut, sie an Génessiers Erfolg glauben zu machen.
Christiane: Sie lügen! Er experimentiert mit mir, als wäre ich einer seiner Hunde. Ein menschliches Versuchsobjekt. Welch Gottgeschenk für ihn.

Christiane will sterben. Sie wispert Louise den heißen Wunsch ins Ohr, eine von den Injektionen zu erhalten, mit denen Génessier sich seiner Hunde entledigt, wenn etwas schiefgegangen ist. Dann sinkt sie ohnmächtig zu Boden.

Jacques erklärt dem Inspektor: es war Christianes Stimme, er sei sicher. Als der zunächst ungläubige Inspektor zufällig auf den Hinweis zu sprechen kommt, der das auffällige Perlencollier betrifft, läutet bei Jacques eine Glocke.
Die Trägerin der Perlenkette steckt sich derweil in ihrem 2CV entschlossen eine Zigarette zwischen die Lippen, in der Nähe der Sorbonne Studentinnen beobachtend.

Französische Ermittler sind nicht mehr so gönnerhaft weiblicher Schönheit gegenüber, wenn sie beim Ladendiebstahl erwischte Mädchen für ihre Zwecke einsetzen können. Dem Mädchen, Paulette Mérodon, wird erklärt, was sie tun muß, um Gerichtsverhandlung und Gefängnis zu umgehen: ihre Haare blondieren und sich mit vorgetäuschten Kopfschmerzen in Génessiers Klinik begeben. Jacques ist eingeweiht.

Am nächsten Morgen visitieren Génessier und Jacques das Krankenbett der jungen Paulette. Génessier stutzt nicht so sehr wegen des entzückenden Nachthemds, das sie trägt. Er ordnet eine Untersuchung der Augen und ein Elektroenzephalogramm an.

„Un eléctro… encéphalogramme…“ wiederholt Paulette, als sie allein ist. Génessier hat bereits beschlossen, daß Paulette nicht mehr allzu viel Zeit bleiben soll, um neue Worte zu lernen.

Beatrice Altariba in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Beatrice Altariba in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Beatrice Altariba in Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Im nächsten Zimmer wartet ein kleiner Junge in seinem Bett auf Génessier und Jacques. Génessier erscheint warmherzig, als er den Jungen zu beruhigen sucht. Génessier will von dem Jungen wissen, wie viele Finger er hochhalte. Es sind vier, die der Doktor nicht allzu weit entfernt in die Höhe hält. Der Junge blickt angestrengt: „Drei.“ – „Und jetzt, wie viele?“ (Es sind 3).

„Drei. Nein… zwei!“

Sehr langsam wechselt Doktor Génessier darauf seine Brille. Der Junge wagt ein scheues Lächeln zu seiner Maman.
Die Maman fragt den Doktor nach seiner Meinung. Mit Grabesstimme erklärt Génessier, er habe sehr viel Hoffnung. Ob er dem Jungen helfen könne? Auf die Worte, die er immer hört, sagt er die Worte, die er immer sagt: Gewiß. Vertrauen Sie mir.
Auf dem Korridor fragt Jacques ihn nach seiner Prognose. Génessier fragt zurück: was ist Ihre? Dabei blickt er Jacques nur kurz an, und ohne eine Antwort abzuwarten, sagt er, sich zum Gehen wendend: Wir stimmen überein.

Die schöne Paulette folgt mit Elektroden am Kopf den Anweisungen der Schwester: Augen schließen… Augen öffnen… Génessier betritt den Untersuchungsraum, wirft einen Blick auf die Aufzeichnungen der Nadel und einen merklich interessierteren Blick auf Paulettes Gesicht.

In seinem Zimmer trifft er Jacques. Keine Anzeichen, daß dieser Paulette Mérodon etwas fehlt, raunt er. Auch das Elektroenzephalogramm ergibt nichts. Er weist die Schwester an, Paulette Mérodon noch am selben Abend zu entlassen. So werde ein Bett frei. Für eventuelle Notfälle.

Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.
Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.

Paulette tätigt, bevor sie die Klinik verläßt, an der Rezeption einen Anruf bei ihrer Mutter und fragt die Nachtschwester, wie man nach Paris zurückkomme. Die Bushaltestelle sei eine Viertelstunde entfernt, antwortet die Schwester. Doch gerade als Paulette einen langen Gang durch dunkle Nacht beginnt, ertönt das verdrehte Walzermotiv. Und kurz darauf steigt Paulette zu Louise in den 2CV.

Jacques informiert Inspektor Parot darüber, daß Paulette die Klinik verlassen hat. Parot will überprüfen, ob Paulette sicher zu Hause angelangt ist.

Paulette ist auf Génessiers Operationstisch angelangt, und da sie bewußtlos ist, spürt sie nicht, wie der Doktor eine schwarze Linie auf ihr Gesicht zeichnet. Und wir wissen nicht, was ihm die Gewißheit gibt, daß dieser Versuch gelingen wird. Wir wissen aber mittlerweile, daß Génessier diese Gewißheit hat.
Louise unterbricht die Vorbereitungen. Zwei Männer würden ihn in der Klinik erwarten. Das Mädchen mit dem markierten Gesicht bleibt angeschnallt zurück. Die Kamera schwenkt: in der Ecke sitzt Christiane mit ihrer Maske, denen nachblickend, die nicht das Wort an sie gerichtet haben.

Inspektor Parot ist mit seinem jungen Kollegen erschienen, um zu prüfen, ob Paulette Mérodon an diesem Abend die Klinik verlassen habe.
Génessier: Woher wissen Sie, daß sie heute entlassen werden sollte? – Parot: Sie hat ihre Mutter angerufen, um zu sagen, daß sie zurückkommt. Aber sie kam nicht zurück.
Génessier gibt die Frage, ob Paulette die Klinik verlassen hat, an die Nachtschwester weiter.
Génessier: Sie interessieren sich also für diese junge Dame? – Parot: Ja. Sie ist in einen Fall verwickelt, und wir wollten heute mit ihr reden. – Génessier: Ich fürchte, da kommen Sie ein wenig zu spät.

Die Schwester findet das Entlassungspapier und erinnert sich an Paulette. Parot und sein Kollege entschuldigen sich für die Störung. Jacques verläßt mit ihnen zusammen das Gebäude. Auch er entschuldigt sich bei den Ermittlern. Die beiden sind voller Verständnis. Parot sagt, sie seien es gewohnt, falschen Spuren nachzugehen. Und überhaupt verstehe Parot, was in Jacques vorgehen muß. Immer noch ein verständnisvolles Wort wird gesucht, und die Szene dehnt sich derart in die Länge, daß wir für Paulette schon das Schlimmste befürchten. 

Endlich zurück zu Paulette. Sie atmet schwer, schluckt, erwacht. Festgeschnallt. Verfällt in Panik, bricht in Tränen aus. Christiane sieht ihr zu und schüttelt langsam den Kopf. Sie erhebt sich und geht langsam auf Paulette zu. Jetzt erst erblickt Paulette Christiane mit ihrer Maske. Christiane nimmt ein Skalpell, was Paulette aufschreien läßt; aber Christiane schneidet die Gurte durch, die Paulette fesseln.

Da erscheint Louise. Schweigend erhebt Christiane das Skalpell. Louise sagt: Legen Sie das hin. Von hinter der Maske ertönt ein gedämpftes „Non.“ Im nächsten Augenblick steckt das Skalpell zwischen den Perlenreihen des Colliers, das Louise trägt. Dort, wo die Narbe war. The old wound fever.

Pourquoi?“ haucht Louise, das Skalpell im Hals, Tränen treten ihr in die Augen, die ungläubig und fast mitleidig blicken, dann sackt sie an der Wand zusammen – der dunkle Engel des Todes vom hellen Engel des Todes getötet.

Paulette ergreift die Flucht. Christiane wendet sich stumm ab. Auch zwischen ihnen ist kein Wort gefallen. Christiane existiert außerhalb von allem.

Les yeux sans visage, Eyes Without A Face, Augen ohne Gesicht, Frankreich 1960, Regie Georges Franju.


Sie geht zu denen, mit denen sie etwas gemeinsam hat. Sie läßt die Hunde aus den Käfigen frei. Bellend jagen die Tiere davon. In die Richtung, in der es auch für sie noch etwas zu tun gibt. Während Christiane auch die weißen Tauben aus ihrem Käfig befreit, wird Génessier von seinen eigenen Hunden zerfleischt, sein Gesicht entstellt.

Eine Taube ist auf Christianes Schulter geflogen. Sie trägt sie auf ihrer Hand ins Freie. Mit märchenhafter Grazie, wie auf dem Gemälde. Christiane wandert hinaus in die Nacht, in der nur sie ist, sie und die weißen Tauben, die um sie herum schweben. Eine Szene von purer Magie, der Film erreicht mythische Qualität mit diesem Bild wie aus einem dunklen Märchen.

„The French news magazine L’Express noted the audience ‚dropped like flies‘ during the heterografting scene.“ (wikipedia) Die Aufführung von Les yeux sans visage beim Edinburgh Film Festival 1960 führte zu sieben Ohnmachtsanfällen. Die Filmkritikerin Isabel Quigly schrieb in The Spectator, Eyes Without A Face sei „the sickest film“, der ihr je untergekommen sei. Das Horrorgenre war ein verrufenes Genre, und Les yeux sans visage war ein verrufener Film, der ein traumatisiertes Publikum hinterließ. Allein, was Pierre Brasseur, Alida Valli und – vor allem, weil nahezu den ganzen Film hindurch ohne Mimik, nur durch die Augen und die Sprache ihres Körpers – Edith Scob in diesen Film veranstalten, erreichen andere Schauspieler im Leben nicht, selbst wenn sie King Lear oder Medea spielen.

Edith Scobs feinfühlige Fragilität und Alida Vallis dunkel glimmende Hingabe sind die Pole, zwischen denen die Grausamkeit des von Schuld zerfressenen mad scientist als Akt perverser Zärtlichkeit oszilliert. Génessier sucht Erlösung von seiner Schuld. Nur deshalb, nicht für sich, erduldet Christiane, die schon weit jenseits aller Tränen ist, seine Versuche, sie in ein Leben zurückzureißen, in dem es noch Tränen gibt, ein Lächeln indes nicht mehr.

Génessier, verantwortlich dafür, daß seine Tochter aus der Form des Menschlichen gerissen ist, lädt im manischen Versuch, seine Schuld zu tilgen, immer neue Schuld auf sich; für die Erlösung tötet er. Er scheitert immer fataler, je mehr er sich weigert, sein Scheitern hinzunehmen. Dieser scientist ist mad, weil er sich nicht mehr dafür interessiert, wieviel Schuld in seiner Sühne steckt. Mit diabolischem Ingrimm sucht er Verwüstung von Schönheit zu beheben, indem er andere Schönheit verwüstet, und Leben zurückzugeben, indem er anderes Leben vernichtet. Génessier selbst besteht aus unsichtbaren Masken: seine Schroffheit der Welt gegenüber maskiert Indifferenz, seine Indifferenz maskiert Obsession, seine Obsession maskiert Zärtlichkeit, seine Zärtlichkeit maskiert Grausamkeit.

Christiane erlebt mit dem Verlust ihrer Gesichtszüge den Verlust ihrer Identität. Als sie post-operativ für kurze Zeit in engelhafter Schönheit leuchtet, ist es die Schönheit einer Fremden für sie; mehr noch: sie muß das unfaßbare Gefühl durchstehen, mit der Schönheit einer Toten zu leben. Dann ist sie dem Horror der erneuten Desintegration ausgesetzt. Sie, die ihrer humanen Form beraubt ist, fühlt die inneren Grenzen des „Menschlichen“: von Anfang an ungläubig, hoffnungslos und widerwillig, rebelliert sie schließlich dagegen, daß ihr Vater gegen das Unabänderliche aufbegehrt, und befreit, bevor sie sich ein- für allemal entzieht, die anderen Opfer der grausamen Experimente ihres Vaters. Sie selbst war schon immer jenseits der Erlösung.

Sie ist von Anfang an das Opfer ihres Vaters: vor dem Unfall offenbar ebensosehr wie nach dem Unfall. Génessier exerziert seine Obsessionen an seiner Tochter aus, ohne mit ihr zu kommunizieren. Franju „grabbed medical ethics by the horns“ (Clarens 1971, 224); gewiß insofern, als er den Arzt, den klassischen Philanthropen, als Misanthropen zeigt, der für sein Ziel über Leichen geht. Medizin findet sich nicht ab: damit beginnt sowohl ihre Fähigkeit zur Heilung als auch ihr Sadismus. Der mad scientist ist die Extremform des Sich-Nicht-Abfindens, die zu extremen Mitteln greift. Verstörend erinnert Augen ohne Gesicht daran, daß medizinischer Fortschritt stets einhergeht mit exploitation.

Aber es geht nicht nur um medizinische Ethik. Die Obsession Génessiers ist privat. Anders als bei Frankenstein ist Génessiers Auflehnung gegen das „Schicksal“ nicht durch universale Gegebenheiten motiviert. Génessiers Hybris wird virulent in dem Augenblick, da er erkennt, daß „Schicksal“ ein Deckname für Schuld, für individuelle Verantwortung sein kann.

Der Film ist ein Gewebe aus Poesie und klinischer Kälte. Das Horrorpotential der Szenen im Operationsraum liegt in der peinlichen Genauigkeit, mit der die Kamera einen enervierend real wirkenden Vorgang zu übertragen scheint. Auch hier Repulsion und Faszination zu gleichen Teilen; während man sich vor Widerwillen im Sessel windet, wünscht man dem Operateur wenigstens eine ruhige Hand.

Alida Valli als Louise nimmt für Clarens „the bodeful presence of one of Cocteau’s (…) messengers of death“ (Clarens 1971, 225) an. Ein unheilverkündender, weiblicher stalker in den Straßen von Paris. Zwischen Cocteau (Christiane weht durch das Haus ihres Vaters in Szenen von traumhafter Schönheit, die, wie auch die Schlußszene mit den weißen Tauben, an La Belle et la Bête erinnern) und Pulp wird Les yeux sans visage angesiedelt. Augen ohne Gesicht ist getaucht in Ambivalenz: eine Atmosphäre von grausamer Zärtlichkeit, eine Mischung aus Intimität und Indifferenz, aus heißen Tränen und Erbarmungslosigkeit, aus Empathie und messerscharfer Kälte, aus Sehnsucht nach Schönheit und Destruktion von Schönheit, aus Traum und Albtraum; das Ineinander von Humanismus und Sadismus; Distanziertheit, die Abgründe menschlicher Verzweiflung fühlbar macht; ein Zugleich von klinischer Hyperrealität und märchenhafter Poesie; ein Realismus des Surrealen.

Ein Film, dem Hogan „unexpected sentiment“ und „a melancholy beauty“ (Hogan 1997, 66) zuschreibt und der anderen als „One of the most horrifying films of the genre“ (Frank 1974, 108) gilt, als atemlos machende „alliance of poetry and terror“ (Clarens 1971, 225). Les yeux sans visage ist ebenso einflußreich gewesen wie einzigartig geblieben.

Franjus Film hat, als er die Entfernung eines weiblichen Gesichts zeigt, bereits so viel Ergriffenheit und innere Beteiligung am Schicksal Christianes erregt, daß der einerseits durch die kaum erträgliche Deutlichkeit, mit der das Abtrennen der Haut gezeigt (und zu Gehör gebracht) wird, demoralisierte Zuschauer andererseits auch nahezu ent-moralisiert hofft, was auch chinesische Artisten sich vor den Auftritten wünschen: möge die Übung gelingen. Überdies transzendiert die Szene auch den bloßen Schockeffekt: man hat im Zusammenhang mit Les yeux sans visage von the poetry of gore gesprochen.

Als er den Film drehte, erinnerte sich Franju, lautete die Vorgabe: keine Blasphemien, wegen des spanischen Marktes; keine Nacktheit, wegen des italienischen Marktes; kein Blut, wegen des französischen Marktes; keine Grausamkeit zu Tieren, wegen des englischen Marktes. „Und da sollte ich einen Horrorfilm drehen!“

Es ist ihm gelungen.

Literatur:

Carlos Clarens: Horror Movies, London 1971 (first published as „An Illustrated History of the Horror Film“, New York 1967)
Alan G. Frank: Horror Movies, London 1974
David J. Hogan: Dark Romance. Sexuality in the Horror Film, Jefferson 1997 (Reprint der Erstausgabe 1986)

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Bilderbuch Paris

Jardin du Luxembourg

Paris, Jardin du Luxembourg. Foto von Christian Erdmann.
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Musik

The Damned, Hamburg, 25.05.2018

The Damned, Hamburg, Captain Sensible Signature, Captain Sensible Guitar Pick.

„I’d heard the last Bowie album, Blackstar, and I really liked the sound of things on that and thought ‚I wonder if he would produce us?‘ I found out when I talked to him, he said ‚Why didn’t you ask me years ago?'“

Die Nachricht, daß der legendäre Tony Visconti ein neues Album von The Damned produzieren würde, war ein Stück Poesie im Schlamassel called 2017. Viscontis Antwort an Dave Vanian sagt ja: wißt ihr denn nicht, o Verdammte, wie sehr wir euch verehren? Und das gilt für die Allerbesten: auf „Blues Funeral“ von Mark Lanegan gibt es den Song „Phantasmagoria Blues“, und Lanegan erzählt im Februar 2012:

„I called it that because around that time I started listening again to Phantasmagoria by The Damned. That’s a favourite record of mine.“

„Phantasmagoria“ sollte a favourite record von jedem sein, aber, ach, Herr Graf. Auch impliziert Viscontis Antwort, daß der Griff nach den Sternen für The Damned eigentlich eine ganz selbstverständliche Sache gewesen wäre – was vielleicht nicht ganz so leicht zu glauben ist, wenn eine Band über einen so langen Zeitraum hinweg erlebt hat, wie die Presse eine Art Vendetta gegen sie aufrechterhielt: The Damned wurden angefeindet oder offensiv totgeschwiegen, im Grunde nur, weil sie nirgends hineinpaßten. Sie verkörperten die furiose Dringlichkeit des Punk, nahmen diese jedoch nur als Ausgangspunkt. Sie waren noch unter den Außenseitern immer Außenseiter, folgten immer nur dem eigenen Stern, verschreckten mit ihrem künstlerischen Expansionsdrang immer wieder eine gerade gewonnene Gefolgschaft. Damit einher gingen Phasen, in denen man ohne Plattenvertrag dastand oder Plattenfirmen schlicht keine Promotion für ein Album machten (wie bei „Grave Disorder“). Dave Vanian:

„We had this thing in our minds where you put everything into making a record then through no fault of your own it just slips away through your fingers. After a while that’s quite hard to get used to.“

Und nun, nach vier Dekaden Bandgeschichte, schießt „Evil Spirits“ im April 2018 von Null auf Platz 7 der englischen Album-Charts: es ist tatsächlich das erste Top Ten-Album der Band („Phantasmagoria“ schaffte es 1985 auf Platz 11), das ist nicht einfach wohlverdient, das ist die platonische Idee von Wohlverdientheit.

Nachdem Stabilität im Bandgefüge lange Anathema war und es bei allen von außen kommenden Widrigkeiten immer auch die Neigung gab, sich selbst ins Knie zu schießen, sind Dave Vanian und Captain Sensible seit 1996 wiedervereinte Komplizen: zwei der liebenswertesten Charaktere überhaupt, dabei grundverschieden, als partners in crime sich jedoch auf das Schönste ergänzend. Dave Vanian, der sich stets so bewegt, als würde er im Vampir-Umhang leben, verantwortlich für das sinistre, theatralische Gothic-Element, das dunkelerotische Drama, Horrorfilm-Ästhetik zwischen Dracula, Vampira und Dr. Phibes seine natürliche Sphäre, mit Passion für alte Motorräder und Autos. Der Captain hingegen ein passionierter Trainspotter, im Herzen immer noch Punk, aber mit intensiver Neigung zu Pop & Psychedelia.

„Phantasmagoria“ mit seiner Opulenz, der dunklen Poesie, der Vampirgraf-Grandeur, dem majestätischen Bombast und dem Über-Melodrama ist natürlich Daves Album. Wie auch bei der epischen Single „Eloise“ und dem Nachfolge-Album „Anything“ (1987) war der Captain nicht anwesend; ich weiß nicht, warum „Anything“ immer ein bißchen stiefmütterlich behandelt wird, aber eigentlich betrachte ich „Phantasmagoria“ und „Anything“ ohnehin als eine einzige Platte: „Anything“ befand sich in den Räumen der Frau, die Aljoschas nächtlichen Visionen den Fluchtweg zur Milchstraße abschnitt, und handelt natürlich von ihr.

Dave Vanian und Captain Sensible sind auch ewig Unterschätzte: beim Captain, der erst für „Machine Gun Etiquette“ von 4 auf 6 Saiten umstieg, verhindert wohl sein Image als schrulliger Possenreißer seine Entdeckung als superber Gitarrist; welch großartiger Sänger Dave Vanian ist, propagierte ich schon: -> hier 

„Visconti took a lot of time to concentrate on the lead vocals. He really liked Dave’s voice, which was nice as he’s worked with the best and he just kept saying ‚phenomenal, phenomenal‘ as Dave sang. But I have to say, as a singer myself, Dave is annoyingly good. I’m there watching him and I say to myself, ‚how does he fucking do it?'“ – Captain Sensible 

Annoyingly good auch mit den Phantom Chords:

„The Doomsday Clock stands at two and a half minutes to midnight now I think; that’s something to really demonstrate against, not that sexist pillock in the White House, arsehole that he is. Sexist tweets are not going to destroy the planet but nuclear missiles and climate change bloody will.“ – Captain Sensible

Zu „Mars“ aus „The Planets“ von Gustav Holst betreten The Damned die Bühne, „Wait For The Blackout“ der perfekte blast off. Dave Vanian mit seinen schwarzen Handschuhen am Retro-Birdcage-Mikrofon, chic von unten in Absinthgrün angestrahlt, trinkt zwischen den Songs gern ein Schlückchen Rotwein trotz „I never drink… wine.“ Nach „Plan 9 Channel 7“ mit „Standing On The Edge Of Tomorrow“ („written by my esteemed friend“, Mister Vanian)

der erste von zwei neuen Songs, vor „Anti-Pope“ feixt der Captain, sie seien damit auch in Milano durchgekommen, aber falls Katholiken anwesend sind, mögen die jetzt bitte für einen Drink an die Bar gehen, damit schießt ein MACHINE GUN ETIQUETTE-Bombardement durch die Stratosphäre, ab jetzt bleibt kein Auge mehr trocken, ich wußte nicht, zu welchem SECOND TIME AROUND!-Gegröl ich fähig bin & zu welchem Song keyboard demon Monty Oxymoron seinen Veitstanz aufführt, weiß ich gar nicht mehr.

Vor „Eloise“ wird der Zwillingsbrüder Paul und Barry Ryan gedacht, Mister Vanian erzählt, daß Paul Ryan unsterblich in eine Stripperin aus Soho verliebt war und diesen Killersong für sie schrieb. Das veredelt „Eloise“ natürlich nur noch mehr, und wenn Dave Vanian das so erzählt, will ich es glauben. (Edit: laut Rat Scabies wußten The Damned das von Barry Ryan persönlich.) Auf unnachahmliche Art prüft Vanian die Steampunk-Elemente der Fabrik, „Dr Jekyll & Mr Hyde“ widmet er einem „brilliant German actor“, nämlich Udo Kier. Den „Ignite“-Chorus des Hamburger Publikums bedenkt der Captain mit einem „fucking brilliant!“, und er rühmt das Catering und überhaupt die Versorgung, die der Band durch die Fabrik-Crew zuteil wurde. In England bietet man einer hart arbeitenden Band backstage offenbar nicht mal einen Keks an. Überhaupt: „This is a nice club to play. Not like that shithole in Berlin.“ Ho, ho. Ho.

„History Of The World (Part 1)“, seinerzeit tatsächlich von Hans Zimmer mitproduziert, der beschrieben wird, als… quite a character. Ist wohl aufgetreten wie einer dieser Hollywood-Regisseure, die noch mit Peitschen an ihre Reitstiefel schlugen. „Street Of Dreams“, erste Zugabe, scheint so unendlich erhaben, mit „Under The Floor Again“ beschert die zweite Zugabe noch einen meiner allerliebsten Damned-Songs, „Smash It Up“ hat aus nur halb nachvollziehbaren Gründen eine spontane Scat-Gesangs-Einlage durch Captain & Dave.

Nah beim Mikroständer liegt das Plektron, das der Captain benutzt hat an diesem Abend, und ein zuvorkommender Stage Man, den ich darauf anspreche, hebt es für mich auf. Später am Abend, ich habe das Tourplakat von der Fabrikwand gezogen, erscheint der Captain am Tourbus, wo noch ein Häuflein Geduldiger herumlungert, er signiert freihändig mein „Evil Spirits“-Booklet und das Ticket der Missus, ich behaupte, praktisch mein Leben lang auf diesen Moment gewartet zu haben, und er, very British: „Have you.“

Am Ende fühlt man einfach: f***, die beste aller Bands, I Don’t Care.

Wait For The Blackout
Plan 9 Channel 7
Standing On The Edge Of Tomorrow
Anti-Pope
Love Song
Machine Gun Etiquette
I Just Can’t Be Happy Today
Devil In Disguise
New Rose
Eloise
Dr Jekyll & Mr Hyde
Ignite
History Of The World (Part 1)
Neat Neat Neat

Street Of Dreams
So Messed Up

Under The Floor Again
Smash It Up

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Bilderbuch Her Room of Lights

White Room

White Room. Foto von Christian Erdmann.
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The Everlasting Gaze

Saint

Saint Christian Erdmann.

Some photo booth in Paris. I’m in my twenties.

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Journal Musik

Wolf Alice, Hamburg, 11.11.2022

Wolf Alice so sensationell wie sympathisch, die Band überwältigt von der Euphorie im Haus und so ging der Abend irgendwann durchs Dach. Hatte nicht erwartet, daß sie in einem solchen Sturm der Liebe stehen würden. Rote Rosen, BHs, alle Arten von Allem landeten auf der Bühne. Eine Band, wie es irgendwie schon länger keine Band mehr gab.

Bad Smartphone Pics:

Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
Wolf Alice, Hamburg, Große Freiheit 36, 11.11.2022.
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Musik

Swans & Anna von Hausswolff, Hamburg, 17.10.2016

Michael Gira, Swans.

Anna von Hausswolff ist Schweden, wie man Schweden träumt. Ein schönes Mädchen, du ziehst mit ihr durch den Schnee, um das Gold am Krähenberg zu suchen, da ist das alte verlassene Bergwerk, das Luciafest, sie weiß, was in den Wäldern haust, sie weiß, daß Berge manchmal Menschen verschlucken, ihre Lieder handeln von Grabinschriften, Sterbebett und der Beerdigung ihrer noch nicht geborenen Kinder. Um sie sind Spukgeschichten, bei ihrem rätselhaften Treiben beschwört das wunderliche Mädchen mysteriöse Dinge an mysteriösen Orten, und du bist so verliebt in sie, daß du dich viel zu spät fragst, ob dieses schöne Mädchen nicht selbst ein Phantom ist.

Anna von Hausswolff baut Songs wie Kathedralen, für „The Miraculous“ (2015) stand ihr eine der voluminösesten Orgeln weit und breit zur Verfügung. 9000 Pfeifen. Auf den kolossalen Klang der Orgel türmt sich bisweilen ein episches Darkwave / Gothic / Ambient / Doom / Drone Metal-Klanggewitter, entfernte Verwandtschaft zu Miranda Sex Garden, als dort entrückte Madrigalsängerinnen brachialen Riffs die Tore öffneten wie dämonischen Liebhabern. Auch Anna von Hauswolffs Weg von „Singing From The Grave“ über „Ceremony“ (von ihr als „Funeral Pop“ bezeichnet) zu „The Miraculous“ führt Fragilität zunehmend in metallischen Donner. Der Anna Sex Garden liegt freilich auf anderen Wahrnehmungsebenen. Annas Vater, Carl Michael von Hausswolff, beschäftigte sich intensiv mit electronic voice phenomena, akustische Aufzeichnungen, bei denen man, so man will, im Rauschen Geisterstimmen wahrnimmt:

„Meine Schwester und ich hörten uns dieses in Spukhäusern aufgenommene Rauschen stundenlang an, ab und zu stoppte unser Vater aufgeregt das Band und fragte: ‚Habt ihr das gehört?‘ Meistens verstand man überhaupt nichts, aber manchmal hörte man tatsächlich deutlich Wörter, ich erinnere mich an ‚Pass auf!‘  und ‚Ich rieche dich‘. Das Gruseligste aber war eine Stimme, die klang, als würde sie leise vor sich hin singen.“ (1)

Anna von Hausswolff.

„The Miraculous“ ist vor allem The Miraculous Place, ein Ort, der sich bei Göteborg befinden soll, dessen Namen die Sängerin indes nicht preisgeben mag, a place of mystery, magic and terror:

„Es liegt ein unerklärlicher Nebel über dieser Landschaft, kein sichtbarer Nebel, mehr eine Art außer­weltliche, dunkle Energie, die sich zwischen Himmel und Erde angesammelt hat. Ich kenne diesen Ort seit meiner Kindheit. Die vielen Legenden, die sich um ihn ranken, haben meine Wahrnehmung sicher beeinflusst.“ (1) Ein See, aus dem bei Nebel die Schatten der Ertrunkenen aufsteigen und sich langsam über das Gras auf das Dorf zubewegen: Carnival of Souls.

Anna von Hausswolff, Foto von Armin Rudelstorfer.

Foto: Armin Rudelstorfer

„He came from the sunset / He came from the sea / He came from the shadows / And can love only me.“ („Come Wander With Me / Deliverance“). „I think I see a knight / I’m gonna fuck him for a while“ („The Hope Only Of Empty Men“). Mystik und Lüsternheit, Banner aus alter Zeit wehen um Anna von Hausswolffs Lieder, wenn sie „Ocean“ singt, denkt man an eines der Schiffe Karls V., das „mit 150 Mann Besatzung, einem Dutzend Freudenmädchen und hundert wertvollen Pferden“ (4) im Meer versank. Wie in „Come Wander With Me / Deliverance“ nach drei Minuten der eisige Zauber in ein Black Sabbath-Riff gestürzt wird, wie dann ein knochenschinderisches Etwas von erschreckender Schönheit anhebt, wie dann, in Swans-esquer Gangart, brutalstmögliche Intensität sich in rhythmische Trance versetzt, wie dann die Stimme der Sängerin wiederkehrt, hysterisch sich ergießend, zugleich in makelloser Majestät, zugleich so, als würde eine Somnambule den Vampirgeliebten rufen: weiß gerade nichts Anbetungswürdigeres.

Vor dem Konzert in Hamburg stand Reims auf dem Tourplan, unterwegs besucht Anna Kirchen, um begeistert Orgeln zu bestaunen, so auch in der Kathedrale von Reims: „It has one of the most beautiful pipe organs I’ve ever seen (7000 pipes!)“. Anna von Hausswolff reist mit den Swans, eine in ihrer Richtigkeit ähnlich sensationelle Kombination wie seinerzeit, November 2014, The Damned und Motörhead. Kein support act, einfach eine lange, magische Nacht. Eine sehr lange.

Anna von Hausswolff.

Anna von Hausswolffs Auftritt ist wie die Zeremonie einer Messe, bei der man in Tränen ausbrechen möchte, weil dieses Mädchen mit reiner, strahlender, dramatischer Stimme Mächte des Universums ansingt, die man näherkommen fühlt, hinter der Orgel sieht man von der Nachfahrin eines von Hausswolff, der in Schweden Schluß machte mit den Hexenverbrennungen, nur die langen blonden Haare, die aber sind überaus aussdrucksstark. Zwei Musiker mit ihr auf der Bühne, Karl Vento wirkt Wunder auf der Gitarre, Filip Leyman bedient Keyboards, E-Beats und allerlei Regler, viel Raum für schwingungsfähige Systeme, improvisierte Loops und Drones. Exkursionen in ein Märchen düster und sexy, wir sind da, wo Schönheit und Horror sich begegnen, wieviel Zeit vergangen ist, bis sie „the one and only Swans“ ankündigt, weiß ich nicht, niemand weiß es, Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff = you lose the track of time.

Anna von Hausswolff. Foto von Elin Bryngelson.

Foto: Elin Bryngelson

Michael Gira, Swans.

Dann ist ER auf der Bühne, „the rather intimidating Michael Gira, a man who resembles a gargoyle clinging to the side of a High Gothic cathedral, or a major antagonist in a Cormac MacCarthy novel“ (2), ER und die Seinen bewerkstelligen den Bühnenumbau höchstdarselbst, im Saal ehrfürchtige Stille, und man denkt an Sätze von Michael Gira wie: „Schwäne sind diese wunderschönen Tiere, die in Wahrheit vollkommen widerlich drauf sind. Hasserfüllte Kreaturen.“ (5)

„Um die Liveauftritte der Swans ranken sich Legenden. Es geht dabei meistens um die infernalische Lautstärke, die immer wieder Menschen im Publikum in die Ohnmacht gezwungen haben soll. Einmal, das war in den Achtzigerjahren, hat die Band in London angeblich in einem kleinen Club eine Musikanlage aufgebaut, die gereicht hätte, um ein ganzes Stadion zu beschallen. Dann verriegelten sie die Ein- und Ausgänge mit Ketten und legten los. Es soll eine Massenpanik gegeben haben.“ (3)

Mit seiner grimmig enervierenden Präsenz testet Gira die Gitarre, und die Missus haucht: „Ich hab Angst!“ Natürlich im Gegenteil. Alle sind bereit für den Sprung in den Abyssos, alle warten auf die Entfesselung der brachialen Urgewalt, die Gira seit „The Seer“ ausdrücklich als spirituelle Reise beschreibt. Die Musik der Swans ist wie der schaurige Kult auf einer nicht kartographierten Insel, aber Michael Gira ist natürlich auch mittelalterlicher Mystiker, und, wenn Anna von Hausswolff den Weg zum Hades weiß, ist Gira natürlich auch der Herrscher jener unterirdischen Gefilde, aus denen es keinen Weg hinaus gibt. Heute ohne Ketten an den Ausgängen. Gira trägt das lange graue Haar so, wie ein schonungsloser Gott eben sein Haar trägt. Wir entscheiden uns für die Ohrstöpsel. Machen, daß für die nächsten drei Stunden im Bombardement monolithischer Brocken unfaßbare Schönheit kenntlich wird. Ja, wirklich, irgendwann denke ich einfach nur noch: das ist unfaßbar schön. Hier, im Herzen absolut infernalischen Geschehens. Irgendwas Unendliches im Herzen des Klangs. Es gibt nur Unterwerfung.

„Es ist nicht die Lautstärke an sich, die Swans-Konzerte zu einer Herausforderung machen. Es ist das allumfassende Tosen, das da von der Bühne über das Publikum flutet […] ein Schwellen bis zur Ekstase, die abebbt und wieder anhebt. Manchmal scheint der Song vorbei zu sein, aber dann singt Gira kehlige Laute wie ein tibetischer Mönch, und der Moloch setzt sich wieder in Bewegung. ‚The Knot‘ heißt dieser erste Song, wenn man dieses kolossale Stück Musik so nennen will, und er dauert an die fünfzig Minuten.“ (3)

Kristof Hahn kämmt sich zuweilen das Bukowski-Haar und schabt dann mit dem Kamm über seine modifizierte lap steel guitar. Er würde auch mit den Zähnen einer Baggerschaufel drüberschaben. Norman Westberg sieht mittlerweile aus wie ein Professor für Astronomie, Christopher Pravdica am Bass hat sichtlich Spaß als Antriebsmaschine und Rädelsführer, Schlagzeug Phil Puleo (Thor Harris fehlt, kümmert sich um seine Mutter), Keyboards Paul Wallfisch. Spürbare Vibrationen überall, beim Atmen kommt die Luft in Soundwellen durch die Nase, später atmet man einfach gar nicht mehr. Das Bass-Intro von „Screen Shot“, die ominösen Drums, Giras hypnotischer chant: „Love, child, reach, rise / Sight, blind, steal, light / Mind, scar, clear, fire ……… No mind, no greed, no suffering / No thought, no hurt, no hands to reach / No knife, no words, no lie, no cure / No need, no hate, no will, no speech / No dream, no sleep, no suffering / No pain, no now, no time, no here / No knife, no mind, no hand, no fear / Love! Now! Breathe! Now! Here! Now! Here! Now!“ – man muß erlebt haben, welchen Effekt das hat, live. Beschreiben kann man es nicht.

Die beiden prayers „Cloud Of Forgetting“ und „Cloud Of Unknowing“, „The Glowing Man“, ein ganz neues Stück namens „The Man Who Refused To Be Unhappy“. Gira beschwört das Anschwellen des Klangs mit Wellenbewegungen seiner Arme, er beschwört damit auch uns, zur Grenze des Aushaltbaren, er ist zugleich diabolische Präsenz und complete openness, er ist die Zeichensprache der Apokalypse, die Bandmitglieder reagieren exakt auf jede Nuance, die er vorgibt, manchmal legt er bei einem Blick zu Puleo oder Hahn den Finger ans Auge: keep your eyes peeled. Schnell schneller werden kann jeder, aber so langsam schneller werden wie die Swans, so monströs und mächtig, das ist barbarisch. Und brillant.

„Manchmal fällt die Band in einen Rhythmus, der klingt wie Heavy Metal in Zeitlupe, wie träge, glühende Lava. […] Immer wieder holen die drei Gitarristen, der Bassist und der Drummer aus zu einem erderschütternden BOOM, nochmal und nochmal und nochmal. […] Ein Swans-Konzert ist mindestens so sehr eine körperliche und seelische Erfahrung wie eine ästhetische.“ (3)

Irgendwann sagt Gira auf Deutsch „Bitte sagen Sie danke zu Anna von Hausswolff“, irgendwann wühlt Kristof Hahn im Notfalltäschchen, weil Gira seinen Finger verarzten muß, irgendwann hat Norman Westberg seinen Verstärker verheert und verwüstet, irgendwann steht Anna von Hausswolff direkt neben mir und filmt, irgendwann ist die Musik nur noch ein Glimmen und Gira singt ohne Mikrofon, irgendwann fühlt es sich an wie die Sprengung eines Eisbergs. Von innen.

Am Ende strahlen die sechs Swans Arm in Arm, Kampnagel hat standgehalten, Glück, Licht, Liebe.

Swans Live 2016.

Es ist die letzte Tour der Swans in dieser Inkarnation, vielleicht das letzte Mal überhaupt, daß unsereins Michael Gira zu Gesicht bekommt. Das Herz der Finsternis spuckt uns aus, ins Foyer, Anna von Hausswolff ist am Merch-Stand, plötzlich ist ihr erlesener Namenszug auf meinem Ticket, plötzlich frage ich sie:
„What was that last song you played?“
„Oh, it’s not yet recorded!“
„It’s not on CD yet?“
„No, unfortunately“ sagt sie und fragt mit großen Augen: „Did you like it?“
Grundgütiger. Ob mir der Song gefallen hat? Fragt sie mich.
„Oh, brilliant… absolutely stunning“, stottere ich, „Thank you so much!“

Völlig paralysiert werde ich von der Missus umdirigiert, da steht Gira, Fellmütze auf dem Kopf. Ich hatte ein Glowing Man-Shirt erworben und lege es ihm hin, „You think you could sign this shirt?“ – „Sure“, sagt er, und fragt nochmal nach, auf der Rückseite? Macht er dann. Die Missus läßt das „To Be Kind“-Booklet signieren, Gira schenkt ihr ein Lächeln so bright and shiny, es ist geradezu… barbarisch. :) Nach alldem alles andere belanglos, for a while.

Die letzten drei Alben der wiedervereinigten Swans – gibt nichts Vergleichbares. Die überwältigende Erfahrung, sie live zu sehen – zwei Honigkuchenpferde wandern durch die Nacht.

Notiz an mich: Superlative ausdenken, falls Anna von Hausswolff nochmal fragt, wie es für mich war.

Michael Gira Autograph.
Anna von Hausswolff autograph. Anna von Hausswolff, Swans, Konzert Ticket 2016 Kampnagel.

(1) – Anna von Hausswolff: „Meine Fantasie ist einfach zu mächtig“, rollingstone.de, 08.01.2016
(2) – A fitting swansong: Swans & Anna von Hausswolff in London, Live Review von Adam Elmahdi, 17.10.2016
(3) – Oliver Kaever, spiegel.de: BOOM! BOOM! BOOM! – Swans live in Hamburg
(4) – Herbert Nette, Karl V., Reinbek bei Hamburg 1979, S. 20
(5) – „Swans are majestic, beautiful looking creatures… with really ugly temperaments.“

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Musik

Ultra-Dylan / Grandpa’s Apfelkuchen ins Gesicht

Bob Dylan, The Night We Called It A Day Video Screenshot.

SPIEGEL ONLINE Forum

05.01.2007

Kritischer Leser:

Dylan ist vermutlich ein Sonderfall. Auch biographisch. Als der Typ sich noch nicht als erweckter Christ verstand (…)

Christian Erdmann:

Geschätztester, ich muß es wiederholen: auf „Time Out Of Mind“, 1997, „Love And Theft“, 2001, und „Modern Times“, itzt, findest Du nicht die Spur von reborn-Christ-Genuschel, sondern einen älteren Mann in Hochform, den alten Mann und das Mehrgehtnicht. „Time Out Of Mind“ war Dylans Rückkehr als Ultra-Dylan, nach Jahren, in denen er seinen Weg und seine Stimme verloren hatte, dann zurück mit der Stimme von, öhm, Gott selbst, und mit Songs, die ewig weitergehen könnten, jeder einzelne, und mit Musikern, die mit allen Wassern gewaschen sind, ultracool, knochentrocken, die spielen anstrengungslos alles an die Wand.

Auf „Oh Mercy“ deutete sich das an, ging aber wieder verloren zwischendurch – das Echo der Gitarren, die leicht unheimliche Atmosphäre, die dabei entsteht, das Südstaaten-Element, das ganze New Orleans & Mississippi & Louisiana swampland voodoo-Zeug. Auf „Time Out Of Mind“ war es wieder da. „Love And Theft“ war musikalisch vielfältiger, alle möglichen Stilrichtungen mit viel Spaß aus dem Ärmel geschüttelt, jede Note, jeder Schlag sitzt. „Lonesome Day Blues“. Hölle. Das älteste Schema der Welt, und diese Musiker spielen es, als wäre es entweder soeben erfunden, oder als würden sie es in der Tat schon 100 Jahre spielen. Und Dylans Stimme obendrauf, auf all diesen Songs, knattert Zeile für Zeile, als müßte er schnell noch seine eigene „Ilias“ und seine eigene „Odyssee“ abliefern. Ich wäre mit dem Nobelpreis für Literatur an Dylan einverstanden. Jedenfalls kann niemand sonst halsbrecherische Zeilen wie diese

She’s looking into my eyes, she’s holding my hand
She’s looking into my eyes, she’s holding my hand
She says, „You can’t repeat the past.“ I say, „You can’t? What do you mean, you can’t? Of course you can.“ 

in einem ziemlich rasanten Song unterbringen („Summer Days“).

Und in einem Song wie „High Water“ findet sich zwischen all den apokalyptischen Untergangsbildern immer ein seltsamer absurder Humor, der mich an Buster-Keaton-Filme denken läßt. The book of life in jeder Zeile, und dann manchmal Zeilen, die sind wie, nun, wenn Kinder ins Buch des Lebens was Lustiges kritzeln und die Tintenkleckse machen.

Wie er im Song „Things Have Changed“ bei der Zeile „The next sixty seconds could be like an eternity“ diese kleine Lücke nach eterni- läßt und das -ty so müde nachschiebt, als hätte er die Ewigkeit gerade hinter sich.

„We recorded ‚Man In The Long Black Coat‘ and a peculiar change crept over the appearance of things. I had a feeling about it and so did he. The chord progression, the dominant chords and key changes give it the hypnotic effect right away – signal what the lyrics are about to do. The dread intro gives you the impression of a chronic rush. The production sounds deserted, like the intervals of the city have disappeared. It’s cut out from the abyss of blackness – visions of a maddened brain, a feeling of unreality – the heavy price of gold upon someone’s head. Nothing standing, even corruption is corrupt. Something menacing and terrible. The song came nearer and nearer – crowding itself into the smallest possible place. We didn’t even rehearse the song, we began working it out with visual cues. The lyrics try to tell you about someone whose body doesn’t belong to him. Someone who loved life but cannot live, and it rankles his soul that others should be able to live. Any other instrument on the track would have destroyed the magnetism. After we had completed a few takes of the song, Danny looked over to me as if to say, This is it. It was.“

Bob Dylan Ticket Konzert Hamburg 2002.

31.03.2011

Angemessen überirdisch war er dann bei der „Love & Theft“-Tour, 2002, als Charlie Sexton einer der beiden Gitarristen war, die Band einfach in Killerstimmung und Dylan genau so, wie man es in kühnsten Träumen erhofft. Theophanie, wie sie sein soll. Und am Ende ging er kurz vor uns, dem Publikum, in die Knie. Angeblich hatte er so eine Geste auf der Tour vorher noch nie gemacht. In mir ist so eine Stimme, die sagt, keep it like that. :)

Das ALLER-erste, was ich mal von ihm sah, war der Hut. In einem schwedischen Kino. Als Scorseses Kamera in „The Last Waltz“ runterschwebt für Dylan, „Forever Young / Baby Let Me Follow You Down“. Mit seinem Blick zu Robbie Robertson nach den ersten Zeilen hatte er mich. Ewiglich.


Gespräch zwischen Mister ray05 und mir im SPIEGEL ONLINE Forum. „Together Through Life“ von Bob Dylan war soeben erschienen. Mai 2009.

Christian Erdmann [Aljoscha der Idiot]:

Mit „Modern Times“ wurde ich auch nicht wirklich warm, aber warum dem Mann nach den beiden atemberaubenden Vorgängern – sowas wie „Time Out Of Mind“ und „Love & Theft“ muß gemeint gewesen sein, als es mal hieß, da wäre was aus dem Kopf von Zeus entsprungen – nicht auch einen kommerziellen Mega-Abräumer gönnen. „Together Through Life“ macht stellenweise einfach Gänsehaut, noch banaler kann ich es nicht sagen. Der einzige Nachteil, den „It’s All Good“ hat: daß es nicht noch eine Stunde so weitergeht, als Fahrt durch eine amerikanische Nacht, die, like life, den Rückweg vom Lost Highway sucht, währenddessen aber im panoramischen Überblick nicht auf die wunderbaren, Dylan-typischen bösartigen Streiche verzichten kann. Man sitzt mit idiotischem Grinsen auf dem Rücksitz, thinking: das ist so phantastisch, daß es fast lachhaft ist. Der Rolling Stone schrieb: „Dylan has never sounded as ravaged, pissed off and lusty.“

ray05:

Der Opener ist ganz offensichtlich Howlin‘ Wolfs „Who’s Been Talking“, manches erinnert an Tom Waits nachmittags um 5, viel an Dylan selber, logisch, der Rest macht eine ganz schmale Spur zu deutlich, dass es sich im rocking chair wunderbar plaudern lässt – aber geschenkt das alles. 

Den Rückweg vom Lost Highway hat der Meister schon mit „Time Out Of Mind“ generalstabsmässig vorbereitet, wobei zu jenem Zeitpunkt noch nicht hundertprozentig klar war, ob er letztlich nicht doch als störrisch-renitenter dirty old man der Zirkusmanegen enden könnte. Diese Ungewissheit hielt die Spannung aufrecht…

Christian Erdmann:

Oui oui. Ich meinte allerdings den Rückweg vom Lost Highway aus der „Together Through Life“-Perspektive selbst. :)

ray05:

Aber nun: Mit dieser neuen Platte hören wir Dylan den ganzen verdammten Verkehr seines Eingebundenseins einfach nochmal regeln, nun allerdings endgültig nicht mehr als Betroffener einer Welt der Heimsuchung und des zu Bannenden oder Einzuverleibenden oder Auszudrückenden, der Zeichen und Schatten an der Wand eben, sondern mit dem Here-I-Am-Sitting-So-What-Keep-a-Laugh-On-Your-Face-Gestus des glücklichen Heimkehrers, des Familienzusammenführers, der sich mit einem vernehmlichen HEY-YO in den Schaukelstuhl fallen lässt.

Christian Erdmann:

Nicht mehr betroffen, nicht mehr heimgesucht? Du meinst, die Löcher, die sich da ins Herz bohren, sind Autopilot-Abläufe und Dylan geht es ingesamt mehr um den sonic effect? Not sure about that. Man fragt sich immer noch, wieviele Zeilen aus, etwa, „Forgetful Heart“ immer noch an Sara gerichtet sein könnten: We loved with all the love that life can give, When you were there, you were the answer to my prayers.

Unherausfindbar, denn: was Dylan seit „Time Out Of Mind“ (wieder) gnadenlos gut beherrscht: er findet für einen Song einen Refrain wie

I feel a change comin‘ on
And the fourth part of the day’s already gone

Und um diesen Refrain baut er Strophen, die er im Prinzip endlos weiterbauen könnte, in denen er abwechselnd phantastische, vitriolische Wortspiele betreibt, Surrealismus mit präzisen Zustandsbeschreibungen durcheinanderwirbelt, UND einen Blick ins Innerste gewährt. Nur weiß man, und das ist Dylans Genie, nie genau, was was ist.

In den Liner Notes zum „Biograph“-Box Set sagt er ja zu „You’re A Big Girl Now“:

„Well I read that this was supposed to be about my wife. I wish somebody would ask me first before they go ahead and print stuff like that. I mean it couldn’t be about anybody else but my wife, right? … I don’t write confessional songs. Emotion’s got nothing to do with it. It only seems so, like it seems that Laurence Olivier is Hamlet.“

Großartig, oder? Natürlich schreibt Dylan kaum anderes als confessional songs, nur eben keine, die obvious sind. Was Dylan sich von Kerouac abgeguckt hat: das eigene Leben zum Mythos zu machen. Dylan hat nur eine ganz andere Methode dafür. In der japanischen Ästhetik gilt das waka-Gedicht als semantische Artikulierung, die aus einer nicht-zeitlichen Ausdehnung der assoziativen Verkettung von Worten oder einem Netzwerk von Bildern und Ideen besteht. Genauso funktioniert z.B. „Tangled Up In Blue“, genauso funktionieren seine Songs wieder seit „Time Out Of Mind“. Den schöpferischen Grund dieser vielstimmigen Fülle von Bedeutungen, Bildern, Ideen nennen die Japaner kokoro – die schöpferische Subjektivität. Äußerste Subjektivität. Im waka findet Selbstausdruck durch Naturbeschreibung statt. Dylan beschreibt sich, mit äußerster Subjektivität, in diesem Sturzbach von Bildern, auch wenn sie scheinbar gar nichts mit ihm zu tun haben, weil er seit „Time Out Of Mind“ sein kokoro wiedergefunden hat. :)

ray05:

Verbindendes Element und Zentrum der Autorität ist ausschliesslich Dylans Stimme, Grandpa’s raspelnde Einwürfe mit der gewohnten alten Flinte auf dem Schoß, Kinder und Enkel zu Füssen, gibt’s noch Apfelkuchen – ja, so what, isso. Denke trotzdem, da kommt noch was auf uns zu, später, die Flinte schiesst noch mal … aber jetzt: das lag eine Spur zuviel einfach alles auf der Hand …

Christian Erdmann:

Weiß nicht, ob einer, der „My Wife’s Home Town“ aufnimmt, mit HEY-YO im Schaukelstuhl schaukelt. :) Für mich hat diese Platte (again) mit Unterwegssein zu tun, was treibt und aufrecht hält, ist nach wie vor „This Dream Of You“, und wer die beißende Ironie des „It’s All Good“ nicht sieht, kriegt halt Grandpa’s Apfelkuchen ins Gesicht: Talk about me Babe / if you must / throw on the dirt / pile on the dust / I’d do the same thing / if I could / you know what they say / it’s all good. Chuckle chuckle at 2:45. Warum kann er nicht? Business down the road.

Dylans Mythos als Mystery Man ist verewigt, jetzt arbeitet er an etwas anderem: an der Rettung besagter amerikanischer Nacht, an der Rettung jenes Kosmos, durch den all diese Songs hallen, seine eigenen, die, die er in seinen Radiosendungen gespielt hat, er rettet diese Welt mit all diesen Charakteren, die ihm wahrer erscheinen als die zeitgenössischen mit ihrem Jahrmarkt der Zwergen-Eitelkeiten, und damit hat er ja nicht mal unrecht. Da gibt es den Jack White-Favoriten, das Sweetheart, ebenso noch wie die Frau, die über stuff more potent than a gypsy curse verfügt, und da gibt es vor allem den Dylan-Charakter selbst, der all das über Zeit und Raum hinweg zusammenhält. „Beyond Here Lies Nothin'“ könnte von Robert Mitchum in „Out Of The Past“ stammen, nur eben, daß The Past / Lost Highway immer wieder einholt: schon der nicht-zeitlichen Ausdehnung von Dylans Kunst wegen. :)

Jemand sagte, die Platte ist voll von Lyrics, die Dylan im Schlaf schreiben könnte. Aber sie ist auch wieder voll von

Well, now what’s the use in dreaming
You got better things to do
Dreams never did work for me, anyway
Even when they did come true

Einhalt gebietenden Wendungen, die den Autopilot widerlegen. Die Musik? Jemand sagte: soul fire + sexy apocalyptic carnival. Ich schließe mich an.

ray05:

Eigentlich ist es banal: Der Rezipient schließt von der Größe des Loches in seinem Herzen auf das Kaliber der Waffe des Künstlers. Ich halte Dylan für ein außerordentliches Geschütz, die Auswirkungen von „Time Out Of Mind“ kannst Du in meiner Herzgegend auch nach mehr als zehn Jahren noch buchstäblich abtasten. Vielleicht bin ich gerade deshalb wenig geneigt, dieser aktuellen Platte die Brust vorbehaltlos hinzuhalten – nur weil sie eben aktuell ist, vielleicht, oder weil sie von Dylan ist, vielleicht, sie könnte von Miles Davis im Grabe eingespielt worden sein, das änderte nichts -, sondern konstatiere mit der Erfahrung des Mannes, dem eine derartige Unbedingtheit der Kunstrezeption HEUTE kaum gut zu Gesicht stünde, erstmal die Perfektionierung von Methode.

Für mein Empfinden kann Dylan heute all jene Vorzüge, die Du mit Recht GENIAL nennst, die er sich von Gertrude Stein, Burroughs, Kerouac oder sonstwem ANEIGNETE und für seine Zwecke dienstbar machte, methodisch, ohne selbst mehr als notwendig INVOLVIERT zu sein, herstellen. Ich möchte sogar soweit gehen, die GENIALITÄT Dylans genau an dieser Fähigkeit zur endgültigen Etablierung einer DYLANMASCHINE festzumachen. Das klingt nun böse, und bringt mich freilich in heftigsten Konflikt mit heiligen Weltinnenräumen, die ich selbst im Widerspruch natürlich respektiere – trotzdem mag ich im Moment in Dylans Fall „schöpferische Subjektivität. ÄUSSERSTE Subjektivität“ – wie Du sagst – lediglich als METHODISCHEN Kern auffassen, den zu sehen, freizulegen und anzuwenden Dylan durchaus sitzend im Schaukelstuhl mit Apfelkuchen gelingen dürfte. Wir sind uns sicher einig, dass Dylan zurzeit eine Art Historisierung, Wiedererzählung all jener Mythen, Lieben, Figuren und Schlagschatten versucht; genau das meinte ich mit meinem Bild des Heimkehrers, die Kinder und Enkel zu Füßen. HEY-YO. Aber ich denke, Dylan wird uns bald nochmal richtig dicke Löcher verpassen …. :) 

Vermutlich würden uns mit der Zeit noch eine ganze Reihe weiterer Referenzsongs anderer Amerikaner einfallen, die Dylan im Sinne einer bewahrend-zeitbremsenden Kanonisierung benutzt, verkontextualisiert, eingliedert, in die Risse des Raumzeitkontinuums fugt; und mit der Zeit fallen uns auch die unterirdischen Gänge auf, die jeden Song des neuen Albums mit irgendeinem anderen des Dylanuniversums „vitriolisch“ verbinden.

Dankenswerterweise wurde auf „Tangled Up In Blue“ hingewiesen, die Platte „Blood On the Tracks“ ist jener Angelpunkt des Dylanwerkes, der einerseits die Motivation der Kehre „Slow Train Coming“ vorausdeutet, zum anderen den Schlüssel zur Enträtselung der von Dylan selbst gespielten Aussenseiterfigur in „Pat Garrett & Billy the Kid“ – die er schlichtweg selbst ist – liefert.

Und dann: Die Zeit des Dylankosmos läuft seit „Blood/Tracks“ rückwärts und sukzessive verlangsamt, mit „Time Out Of Mind“ als komplett statischem Fluchtpunkt. Seitdem ist es nicht mehr dasselbe dylaneske Unterwegssein als kathartischem Auferlegtsein incl. einzig möglichem Weg nach draussen – der Mystery Man, der keine Alibis verkauft -, es sind nicht mehr dieselben rätselhaften Wendungen mit quietschenden Reifen, es ist all das und vermutlich noch viel mehr, allerdings wohlarrangiert als Déjavu in einem Sittengemälde namens „Dylans Americana.“

Klar, die Musik ist sexy und sonstwas, eben bilderbuchhaft amerikanisch; apokalyptisch? Nö. Karneval? Zydeco-Neworleans ist dabei, sure.

Christian Erdmann:

Point taken. „Time Out Of Mind“, Pièce de résistance der Dylan-Neuzeit, der Referenzpunkt, der die Essenz definiert, für mich zufällig am Ende eines (schreibe das Wort errötend) Schicksalskreises, funktionierte bei mir damals so, als wäre ich der Charakter in „Tangled Up In Blue“ und er die rothaarige Frau:

Then she opened up a book of poems / And handed it to me / Written by an Italian poet / From the thirteenth century / And every one of them words rang true / And glowed like burnin‘ coal / Pourin‘ off of every page.

Hinzu kam, daß kurz zuvor mein Vater gestorben war. Kurz, nachdem „Modern Times“ bei mir anlangte, starb meine Mutter. Zuletzt kamen Dylan-Platten in schmerzlichen Phasen, wo die schwingende Sichel auch Tod eines alten Selbst forderte. Die neue Platte hat in dieser Hinsicht frei. „I’m motherless, fatherless“ („Shake Shake Mama“).


Und die Platte dazwischen, auf der er sang „I wish my mother was still alive“ (in „Lonesome Day Blues“) – ? Das ist es ja eben: „Blood On The Tracks“ ist kanonisiert als die ultimative „separation“-Platte. Aber sie ist vielleicht viel mehr „methodisch“ (in Deinem Sinne) als gedacht. 2001 sagte Dylan nämlich genau über „Love & Theft“:

„I’ve never recorded an album with more autobiographical songs. This is the way I really feel about things. It’s not me dragging around a bottle of absinthe and coming up with Baudelairian poems. It’s me using everything I know to be true.“

Und weiter hieß es:

Asked about the Lonesome Day Blues line, he declines to discuss her death last year, except to say, „Even to talk about my mother just breaks me up.“

Insofern wäre ich nach wie vor vorsichtig mit der Beantwortung der Frage, where Dylan does what. Point taken auch zu „Dylans Americana“, ist schon richtig und alles sehr schön formuliert von Dir, aber er steckt einfach von Anfang an zu tief in all dem drin und will da auch nicht raus. Es geht nicht um Folk, Blues, irgendein Genre. Was Dylan an den „oldtimers“, wie er in den „Chronicles“ schreibt, immer bewundert hat, ist ihre „chilling precision“. Und die zu erreichen, ist keine kleine Sache, frag Flaubert. Und nach der strebt auch Dylan nach wie vor, seit „Time Out Of Mind“ vielleicht wie nie zuvor; „using everything“, um auszudrücken, „how he feels about things“. Richtig mag aber sein, daß die dichterische Präzision schon längst nicht mehr nur rein gegenwärtigen Erfahrungen gilt.

ray05:

So, tonight’s the night: No Direction Home – Bob Dylan von Martin Scorsese [2005]. Doppel-DVD. 204 Minuten Spielzeit. Nie gesehen bislang, mal schauen, wie weit ich heute damit komme …

„Martin Scorsese schaffte tatsächlich ein kleines Meisterwerk. Auswahl, Schnitt, Rhythmus und Distanzgefühl waren seine wichtigsten Werkzeuge. Und so wurde der Film eben nicht nur eine Hommage an Bob Dylan, sondern auch ein phantastisches Stück bildhafter Kulturgeschichte. Und wenn nach diesem Film noch jemand der Meinung ist, Dylan könne nicht singen, sei kein Poet und kein originaler Musiker, dann muss es sich um einen Kunstbanausen handeln,“ meint Herr Fuchs auf amazon. :)

Christian Erdmann:

Sehr guter Film. Wirklich großartig, was der Rezensent da „bildhafte Kulturgeschichte“ nennt, sprich, die Art, wie Scorsese Zeitdokumente einspielt. Das erste, was mir gerade einfällt, weil es mir als erstes die Haare aufstellte: Odetta, so nach einer Viertelstunde etwa, kurz nachdem Dylan erzählt, was für eine Haltung ihm Folk vermittelte gegenüber Institutionen und Ideologien.


Der erste Film, den ich je auf Video aufnahm, war übrigens Dylans „Renaldo & Clara“. :)

ray05:

Mann-o-mann, Tuschkin; das ist genau DIE Stelle, bei der ich gestern abend nicht mehr weiterschauen konnte, den Film stoppen musste. Es sind Allen Ginsbergs bewegte Pausen, die so erschüttern, diese Zeitlöcher; sein Überwältigtsein von der erlebten Wahrheit, dass mit Dylan DIE – nicht irgendeine – „Botschaft an die nächste Generation weitergegeben wurde“. 

Zehn Minuten zuvor meinte Dylan: „Ich musste die Songs so schreiben; in einer Sprache, die ich niemals zuvor gehört hatte.“ Dann sagte einer: „Die Songs hatten eindeutig mit unserem Leben heute zu tun, aber gleichzeitig schienen sie 200 Jahre alt zu sein.“

Kämpfen musste ich dann schon, als Mavis Staples von der schwarzen Gospelgruppe Staple Singers sagte: „Wie konnte es sein, dass ein 20jähriger Weisser sang: Durch wieviele Straßen muss ein Mann gehen, bis er Mann genannt werden kann … Das ist es doch, was mein VATER erlebte; ER war es doch, den man nie als Mann bezeichnete. Dylans Lieder waren inspirierend wie beim Gospel, was er schrieb, war wahr.“


Anhang:

IsArenas:

Hallo Aljoscha! Und er macht einen poltischen Anspruch in seinen Texten geltend, den er irgendwann vor bald 30 Jahren schon in Frage stellte (…)

Christian Erdmann:

Hallo, die Reduktion auf „politischen Anspruch“, „Protestsänger“, „Revolution“ etc stellte er selbst doch schon viel früher in Frage. 

– Wie viele von den Leuten, die sich wie Sie im gleichen musikalischen Bereich abplagen, sind Protestsänger? Leute, die den Song dazu benutzen, um gegen die Gesellschaft zu protestieren, in der wir leben. Sind es viele?
– Yeah, Sie können sagen, 136. 
– Sie meinen exakt 136?
– Naja, gut, es mögen 132 sein.
– Können Sie mir einige davon nennen?
– Protest? Oh… Sie wollen nur Sänger?
– Yeah, geben sie mir ihre Namen. Wer sind Sie?
– Na ja, hm… ich werde mal anfangen…
– Wie ist es mit Barry McGuire? Ist er einer?
– Nein, nein…
– Was ist er?
– Er, er ist so ne Art von Mittelwestler und … (unverständlich) … bestätigt jedem, daß McGuire ein Protestsänger war, daß er wirklich ein Protestsänger zu sein hatte…
– Was bedeutet Ihrer Meinung nach das Wort „Protest“?
– Für mich? Es bedeutet… singen, wenn ich nicht singen will.
– Was?
– Es bedeutet, gegen deinen Willen singen zu müssen.
– Sie singen gegen Ihren Willen zu singen?
– Nein, nein.
– Singen Sie Protestsongs?
– Nein.

– Bevorzugen Sie Songs mit einer unterschwelligen oder einer direkten Botschaft?
– Mit was?
– Eine unterschwellige oder direkte Botschaft?
– Oh, ich mag solche Songs wirklich überhaupt nicht. Botschaft? Wie meinen Sie das? Welcher Song hat eine Botschaft?
– Naja, „Eve Of Destruction“ und solche Songs.
– Die ziehe ich welchen vor?
– Ich weiß nicht, Ihre Songs scheinen eine unterschwellige Botschaft zu haben.
– Unterschwellige Botschaft!?
– Na ja, sie klingen danach!
– Wo haben Sie das gehört?
– In einem Filmmagazin.
– O mein Gott! (Lacht) O mein Gott! Na ja. Wir wollen’s lassen. Wir wollen diese Dinge hier nicht diskutieren.

– Haben Sie den Begriff „Folk-Rock“ erfunden?
– Sicher. Ich saß an einem Tag so rum und sagte: „Folk-Rock.“

– Nehmen Sie an den neuen Sachen teil? Sexuelle Freiheit und auch…
– Ich nehme an keiner Sache teil! (Lacht) Überhaupt nicht! Ich wette, Sie können nicht eine Sache nennen, an der ich teilhabe! Hauen Sie ab, ich warne Sie! (Lacht)
(1965)

Bzw. auch sein Satz zu „Auf welcher Seite stehst du“ – : „Ich meine, auf welcher Seite kann man denn stehen?“

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Journal Traumtagebuch

Tale of a Vampire

Ich half Lord Byron, eine bestimmte Frau zu finden. Wir fanden sie in einem Spielsalon an einem Roulette-Tisch. Ich begann ein Gespräch mit ihr. Ich mußte herausfinden, ob sie Tale of a Vampire kennt. Das war das Kriterium. Lord Byron spielte inzwischen Billard am Ex-Roulette-Tisch. Die Frau kannte den Film. Und sie hatte das Buch schon besessen, bevor es den Film dazu gab. Ich beugte mich zu Lord Byron und flüsterte: „Vor dem Film!“

Die Sache war geklärt. Das große Bett, Ex-Billard-Tisch, wir lagen zu dritt darin.

Clovis Trouille, Detail aus "La rêve vampire".
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Musik

David Bowie – Fantastic Voyage

[Ereigniskarte IV]

David Bowie reading a book.

„Lodger“: Avantgarde, die so tut, als wäre sie Pop, voller seltsamer Texturen, phantastisch inkohärent und relentlessly odd. Einige Songs („African Night Flight“, „Move On“, „Red Sails“) handeln vom Unterwegssein, aber so, als würde man ölfarbverschmierte Postkarten erhalten von einem, der schneller als die Post ist. Wir sind alle nur durchgängerisch hier. Andere Songs handeln vom Nichtweggehenwollen (-> „Look Back In Anger“, oder „Yassassin“: „You want to fight / But I don’t want to leave“). Für „Red Money“ verwendet Bowie den backing track des ersten Songs seiner Kollaboration mit Iggy Pop („Sister Midnight“), mitten im Text diese Szene:

I was really feeling good
Reet Petite and how d’ya do
Then I got the small red box
And I didn’t know what to do
‚cause my fingers could not grope
And I could not give it away
And I knew I must not drop it
Stop it, take it away

In einem Interview sagt Bowie, er habe entdeckt, daß er in seinen Gemälden immer wieder rote Kästen male, und erkannt, daß sie irgend etwas Bedeutendes symbolisieren müssen: „This song, I think, is about responsibility. Red boxes keep cropping up in my paintings and they represent responsibility.“

Mehr als zwei Dekaden später läßt David Lynch in „Mulholland Drive“ Betty Elms in ihrer Tasche eine mysteriöse blue box finden. Es wird behauptet – I don’t know -, dies sei ein Lacan-Zitat: 

„Suppose you’re dreaming about yourself disguised as your desired self / other and you open a box with a key to find only darkness, your dream will collapse, and you’ll wake up to find your real self. That’s the situation as it occurs in dreams. But when you’re not dreaming, and you open that same box, your psychosis has just killed you.“

Bei eigentlich allen Bowie-Songs versteht man auch beim tausendsten Hören nicht ganz, was sie so großartig macht, man weiß nur, außer Bowie hätte niemand sonst einen Schimmer, wie man sie so großartig macht. „Lodger“ wirkt zugänglich, man freut sich über die Einladung, und am Ende läuft man darin herum wie in einem Lynch-Film. „Fantastic Voyage“ ist ein eher trügerischer erster Song. 

„We’re learning to live with somebody’s depression / And I don’t want to live with somebody’s depression“. „Fantastic Voyage“ reagiert pissed off darauf, daß man in Zeiten atomarer Aufrüstung von Narren regiert wird und unser Hiersein von der Willkür ihrer Launen abhängt. Leben unter nuklearer Bedrohung an einem lächerlich seidenen Faden, das Gefühl der Machtlosigkeit und die Angst davor, daß die menschliche Existenz, this fantastic voyage, ein sinnlos abruptes Ende findet, eben: daß die Auslöschung allen Lebens („They wipe out an entire race“) von somebody’s depression abhängen könnte. Auswirkungen apokalyptischen Ausmaßes durch pathologische Unvernunft von Macht- und Befehlshabern. (Iggy Pop drei Jahre später in „Watching The News“: „The President today announced that he’s pushing all the buttons in a giggling fit.“)

„Fantastic Voyage“ handelt von Unterwegssein und Nichtweggehenwollen zugleich und ist geradezu humanistisches Manifest, in dem das schöpferische Individuum den Wert des Lebens selbst verteidigt gegen politisch instrumentalisierbare Werte (dignity, loyalty), die im globalen Machtkampf destruktive Kraft entwickeln. Depression kann jeden ereilen, hier aber steht das Wort depression im Kontext einer glasklaren Erkenntnis: es geht im Weltschlamassel nicht um einen clash zwischen Kulturen oder Zivilisationen. Es geht um einen clash zwischen denen, die das Leben lieben, und denen, die das Leben nicht lieben.

„And the wrong words make you listen in this criminal world“ und „I’ll never say anything nice again, how can I“ sind für jeden Erdbewohner mit nicht völlig zersetztem Zerebrum zwei der -zig besten Bowie-Zeilen. Ob sich in „Fantastic Voyage“ der Einfluß der Freunde aus der Berliner linken Szene bemerkbar macht oder Bowie sein rotes Kästchen responsibility in der Hand hält, „Lodger“, dieses immer irgendwie im Schatten (von „Low“ und „Heroes“) gebliebene Bowie-Album, für Adrian Belew mittlerweile „the greatest thing Bowie has given to the world“, beginnt mit einem unerwarteten Schub ins Irdische. Einerseits. Andererseits gleitet „Fantastic Voyage“ ungreifbar überirdisch dahin. Bowies Realität ist noch lange nicht die Realität von, sagen wir, Coldplay. Das Arrangement nur dieses einen Songs und die Art, wie Bowie ihn singt, machen hinlänglich deutlich, daß Bowie jeden Kontakt mit Coldplay ablehnen muß. (-> „It’s not a very good song, is it?“)

Albumcover und Albumtitel scheinen eine Verbindung zu Polanskis „Der Mieter“ herzustellen, remember it’s true: nach ihrer allerersten Begegnung in den Büroräumen von Essex Music, 1967, gingen Bowie und Tony Visconti in ein Kino, um sich Polanskis „Das Messer im Wasser“ anzusehen. 

Zu allem anderen besitzt „Fantastic Voyage“ auch noch den Charme eines Arrangements für Mandolinen, die man dann quasi gar nicht hört. Bowie schickte seinen Fahrer kreuz und quer durch Montreux, um Mandolinen aufzutreiben, drei Mandolinen werden schließlich von Tony Visconti, Simon House und Adrian Belew gespielt, jede auf drei Spuren, macht zusammen eigentlich neun Mandolinen, die dann im Mix nur noch als schimmernder drone im Hintergrund erscheinen, über Kopfhörer gerade noch als Mandolinen wahrnehmbar. Das muß man alles auch erstmal so machen.