
Cimetière du Père Lachaise

Cimetière du Père Lachaise

Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“
Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.
Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.
An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.
Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“
Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.
UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?
BOWIE: Absolutely.
010

Matteo Civitali, Johannes der Täufer, ca. 1480.


Maria, um 1435.
Salzburg oder Passau.

Reparaturinschrift der Stadtmauer von Konstantinopel, 1439.


Apsismosaik aus San Michele in Ravenna, 545.

Mittelitalien, 1199.

Nicolas Poussin.
Von Francois Duquesnoy, Marmor, um 1630.

Memento Mori, Frankreich oder Niederlande ca. 1520, Elfenbein.


Antonio Canova, Tänzerin.

Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI.
23.06.2013

Neues Video von Ladytron, „White Elephant“. Kommt bei einigen nicht so gut an, ich hingegen nehme diesen Kommentar hier als Arbeitshypothese: „They transcend the very fabric of our boring universe. Gods, they are. Gods.“ – „Müssen denn alle Menschen Menschen sein? Es kann auch ganz andere Wesen als Menschen in menschlicher Gestalt geben.“ (Novalis, Neue Fragmente, 739). Vielleicht auch nur Augen weit geschlossen in einem Mulholland Drive-Chambre, das sich wiederum in einem Normandieschloß befindet.
„A white elephant is an idiom for a valuable but burdensome possession of which its owner cannot dispose and whose cost (particularly cost of upkeep) is out of proportion to its usefulness or worth.“
Bringt das weiter? Schließlich sind Ladytron nicht dazu da, Mysterien zu lösen, sondern sie zu personifizieren. Song / Video als Traumstruktur, erhaben, wunderschön, todtraurig.
(30.07.2011, SPON)
Mädchen, die vom Himmel fielen, die kühle erotische Provokation immer mit Wissen um die Kompliziertheit von Kommunikation verbanden, und die bei der Rückkehr in die Satelliteneinsamkeit noch ein paar kryptische Abschiedsworte funken. Spaceship returns, „it’s over“, Stimmen von hinter der Schwarzen Sonne, verhallt und deadpan. Eine unendliche Melancholie, eine unbeschreibliche Traurigkeit können Ladytron in ihre Melodien legen. „Alles Gold der Welt für Menschen, die es beherrschen, solche Stimmungen aus Silizium und Strom zu zaubern“, schreibt ein Rezensent auf amazon.de zu Witching Hour. Es ist der sense of detachment, der da zu hören ist, das Gefühl von Bindungslosigkeit, Schwerelosigkeit, Unerreichbarkeit. Wenn es da keinen Sinn macht, daß das fünfte Studioalbum von Ladytron Gravity The Seducer heißt, macht nichts Sinn.
Wenn scheue Menschen wie Helen Marnie die Hand aufs Herz legen, wirkt das für den flüchtigen Beobachter immer noch wie eisige Gleichgültigkeit, aber nur für den. Offenbarungen wie in „White Elephant“ mögen rätselhaft erscheinen, „suggesting a lingering fear of the inability to connect emotionally, an android-like anxiety“ (avclub.com), und wenn ein Song jetzt „Melting Ice“ betitelt ist, bedeutet das vor allem immer noch, daß Vertrauen ein Eisberg ist, und melting ice leaves nowhere to go. Ace of Hearts schreiben Ladytron noch immer Ace of Hz,
aber Begegnungen finden jetzt an entfernten Gestaden statt, wo unwirkliches Licht auf Schiffswracks fällt. Metaphern für rätselhafte Vergangenheit gehören zu einem romantischen Mystizismus, den jede Unmittelbarkeit verschreckt.
Ladytron-Songs handelten schon immer primär von Beziehungen und Gefühlen, nur auf ungewöhnliche, distanzierte Weise, und, vor allem, mit einem latenten Versus-Gestus und einem leicht feindseligen Blick, dem blank-eyed electrogaze, der Gefahr signalisierte. Der auch bedeutete: man beherrscht die Kunst der Verführung, aber auch die Kunst, ihr zu widerstehen.
Seit Witching Hour wurde die Ladytron-Klanglandschaft zunehmend dichte Materie: dramatisch, mitreißend, mächtig, gorgeous, dahinfegender big beat auf fusseligen Riffs und mit subtiler Distortion, darüber meist Helen Marnies Stimme, die schon immer einen unwirklichen Hauch hatte, deren Ungerührtheit mit der präzisen Diktion aber auch einer Agentin der Disziplinierung zu gehören schien, die den tease-and-denial-Eindruck, den Ladytron vermittelten, vollendete. Manchmal meinte man, in der funkelnden Schönheit echte Wärme zu spüren („All The Way“), dann wieder wirkte es wie Mimikry, Täuschung des Signalempfängers durch Nachahmung.
Daß Helen Marnie als Nachnamen den Vornamen der Protagonistin eines meiner Lieblingsfilme hat, ist mir lange gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich wegen „Helen’s ability to crash ships with the mythical purity of her vocal chords“, wie ein Rezensent auf amazon.com schreibt. Nicht selten wurde aber auch der Eindruck beschrieben, „that Marnie is mocking ‚you,‘ whoever ‚you‘ are“; „there’s a feeling of vicious contempt when she addresses ‚you‘; „Helen Marnie, her sweet, intoxicating yet eerie vocals“; „(Ladytron’s) singers sounded sophisticated, remote and contemptuous.“ Sophisticated, mocking, contemptuous: durchaus wie Hitchcocks Marnie. Daß Mira Aroyo immer wieder Stücke auf Bulgarisch sang, was sich im Ladytron-Kontext anhört wie Extraterrestrisch, paßte dazu.
Velocifero – lies: „Bringer of Speed“ – war ein Werk von bedrohlicher Brillanz („I wrote a protest song about you“), wo meist alle Maschinen auf Alarmstufe standen und mit Hyperenergie zündeten. Gravity The Seducer bringt Ladytron zurück aus der Satelliteneinsamkeit, bedeutet aber zugleich die Einladung, hinter die vermeintliche Indifferenz zu schauen, das Mysterium zu akzeptieren und in der leicht geisterhaften Ästhetik, im eisigen Hall, im Unwirklichen, Traumhaften, Versponnenen die Dinge aufzufinden, die direkt von Herzen kommen.
Ein feingliedriges Handumdrehen der kühlen Schottin und der bulgarischen Molekularbiologin, und ihre seltsam unheimlichen, herzzerreißenden Melodien erscheinen ätherisch, schwebend, verschwommen; „an airy feel that often sounds as if its creators‘ feet are barely touching the ground“ (pitchfork.com), den Beat tragen Luftgeister, wir befinden uns in einem wunderlichen, aber faszinierenden Traum: „Surrender with me, we’re walking in our sleep.“ Bring eine Violine, Photographien und verlorene Dinge.
Das Wagnis der Annäherung vollzieht sich im Unbestimmten, undeutlich und schemenhaft. Helen Marnies surreale Stimme vermittelt Unmögliches: entfernte Nähe. Sie kommt aus einer unwirklichen Sphäre, in der sie den Kampf zwischen Sehnsucht und Zurückweisung der Sehnsucht austrägt. „Holding hands with a mirage / You do not exist.“ Strange girl mit immer schon eigener Phänomenologie: das Geräusch von Schritten auf einem Schulhof, aber niemand ist zu sehen. Wenn Ladytron zur Bandgeschichte gern den Mythos erzählten, man habe sich zufällig in einem Zug in Bulgarien getroffen, gab schon dies der romantischen Möglichkeit den Vorzug gegenüber profaner Realität.
Daß kein Ladytron jemals lächelt, weiß man seit den Zeiten des „Blue Jeans“-Videos, als Helen Marnie und Mira Aroyo so aussahen und klangen, wie sowjetische Musik zu „Gorky Park“-Zeiten hätte klingen sollen.

Jetzt sehen sie so aus und klingen, als wären sie in ihrer eleganten Schönheit Schwestern von Delphine Seyrig in „Les lèvres rouges“, oder überhaupt so, als würden sie ihr eigenes Marienbad durchqueren. Auf der Suche nach der verlorenen… Verlorenheit. Abstrakt und atmosphärisch, so war der Band-Plan für Gravity The Seducer. Helen Marnie erscheint als Hohepriesterin der schönen Priesterinnen,
um in ein Reich betörender Bilder zu führen, die auf magische Weise betrügerisch sein könnten, in dem aber nicht mehr kühle Verachtung das zu Fürchtende ist. Die Frage nach ihrem „favorite sci-fi movie“ beantwortete Mira Aroyo einmal mit „Solaris“, Tarkowski.
Der Planet Solaris wird von einem riesigen, mysteriösen Ozean bedeckt, dem eine Frau entsteigt, weil dieser ominöse Ozean in Wahrheit eine von menschlichen Kommunikationsversuchen gelangweilte, intelligente Wesenheit ist, die sich dann aber, mit Röntgenstrahlen gereizt, dazu entschließt, Träume und Gefühle der Raumfahrer-Störenfriede zu materialisieren. So ähnlich kommt das Strange Girl mit der eigenen Phänomenologie auf Gravity The Seducer zu uns, und ähnlich bewegend wie Natalja Bondartschuk in „Solaris“ kämpft sie um ihre Identität, und was sie dazu braucht, ist unsere Wehmut, dieses seltsame Sehnen, von dem sie lebt. Darum ist Gravity The Seducer so haunting und so full of mystery. Suggerierten Ladytron ehedem mit unterkühltem Gestus „unusual sexuality“, wie der Telegraph einmal schrieb, ist die Erotik von Gravity The Seducer im Grunde ein Austausch von Wehmut, der Überleben sichert.




Die Stunde, wenn Dracula kommt
[La maschera del demonio / Black Sunday / Mask of Satan]
1960, Regie Mario Bava
SPIEGEL ONLINE Forum
16.01.2010
AndersSehend:
[Schwarzweiß]: Es ist einfach eine ganz andere Sicht auf die Dinge, Formen, Konturen, Licht, Schatten, Texturen, Kontrast und Komposition (…) In welcher Hinsicht der schwarzweißen „Cinematography“ empfindest du „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ als hervorragend?
In Hinsicht auf Formen, Konturen, Licht, Schatten, Texturen, Kontrast und Komposition. :)
Mario Bava hat Malerei studiert, dann in 20 Jahren als Kameramann schon mit innovativen Lichtexperimenten und ausgetüftelten Spezialeffekten auf sich aufmerksam gemacht. An „La Maschera del Demonio“ machte er sich mit dem Credo: „Beleuchtung macht 70% des Effekts im Horrorfilm“ – die gezielt künstlerische Ausleuchtung als conditio # 1 fürs Schaffen von Atmosphäre. Muß Dir ja dann nicht sagen, was „Nordlicht“ für Marlene Dietrich bedeutete oder was für ein Magier des Lichts George Hurrell war. :) Ähnlich wie Hurrell hat Bava in seiner opulenten Gesamtkomposition für „La Maschera del Demonio“ Licht zentimentergenau eingesetzt.
Das Resultat ist ungeheuer stilvolle Beklemmung, phantastische atmosphäre Dichte, ein visueller Neoromantizismus, der in einer grandiosen Schreckensvision „alle Farben des Dunkels“ („All the Colors of the Dark“ ist der Titel einer Bava-Biographie) offenbart, Furcht als sublimierte Sexualität versteht und das Gesicht der Barbara Steele als Fetisch etabliert. Von der wiederum hat ein Kritiker mal gesagt, sie sei die einzige Schauspielerin, deren Augenlider fauchen können. Der Regisseur Riccardo Freda dagegen: „Her eyes are metaphysical, unreal, impossible, like the eyes of a Chirico painting. There are times, in certain conditions of light and color, when her face assumes a cast that doesn’t appear to be quite human, which would be impossible for any other actress.“
Zu dem, was Du oben über s/w-Photographie sagst: ich denke, daß Schwarzweiß, zumal in einem gothic horror-Film wie diesem, das Unbewußte auf tiefere, mindestens andere Weise anspricht als Farbe. Es entsteht eine Intimität jenseits des „Buchstäblichen“ der Farbe. Was Bava in diesem Film macht, ist allerdings von einer Tiefe, die ihresgleichen sucht. Tiefe auch buchstäblich: es gibt eine Kutschfahrt durch einen nächtlichen Wald, die auf einer winzigen Studiobühne gedreht wurde, der Effekt der räumlichen Tiefe wird nur durch Kameratricks erzielt. Die surreale, dunkle Welt dieses Films scheint auch räumlich nirgendwo zu enden, so daß alles an diesem Film, vom mise-en-scène bis zu den Augen Barbara Steeles, dich geradezu einsaugt.
Die Eröffnungsszene, die ersten 5 Minuten des Films, in der besagte „Maschera del Demonio“ der bereits gebrandmarkten, auf dem Scheiterhaufen stehenden, von einer Meute großen Kerlen um sie herum als „Hexe“, aber wohl auch wegen Inzest verurteilten Asa aufs Gesicht geschlagen wird, wir sind im 17. Jhdt., ist von einer unvergeßlichen Intensität. Es gibt einen subjective shot, durch den wir aus ihren Augen ins Innere der mit Nägeln gespickten Maske sehen. Auch der Schlag des Henkers hat diese Perspektive; ein Thema des Films ist der Akt des Sehens selbst, die Macht des Blicks und die Verwundbarkeit der Augen.
Asa schwört vom Scheiterhaufen, ihr unsterbliches Dasein fortzusetzen. Ihren Geliebten Javutich ereilt das gleiche Schicksal. Vertreter der Wissenschaft, namentlich der Arzt Kruvajan, werden sie unfreiwillig zwei Jahrhunderte später wieder zu Leben erwecken. Barbara Steele spielt sowohl Asa als auch ihre Nachfahrin Katia. 2 Rollen: Opfer und dominante, raubtierhafte Frau.
Bava ist wie eine Kreuzung aus klassischem Universal-Horror und einem monochromen Leonardo da Vinci. Während Barbara Steele sagt, alles am Set sei monochrom gewesen, sagt Tim Lucas, Bava habe mit Lichtern gearbeitet wie bei einem Farbfilm, um verschiedene Werte ins Schwarzweiß zu bringen. Ansonsten arbeitet er virtuos mit Tricks, die Ed Wood nie gelungen sind. Die alle aufzuzählen jetzt, wäre eine Lust, würde aber den Rahmen sprengen. Nur ein Beispiel, für besagte Kutschfahrt durch dunklen Wald trugen Helfer Zweige um die Kamera herum, um die Illusion einer schnellen Fahrt zu erzeugen, Resultat, ein einzigartiger Blick aus dem Kutschfenster, addiert mit ein, zwei faszinierenden Shots durch Baumwurzeln und Zweiggewirr hindurch, die nur als schwarze Schatten den Frame überziehen. Überhaupt steht die Kamera, wenn sie steht, selten da, wo man sie erwarten würde; vornehmlich aber scheint sie ohnehin ein Eigenleben zu haben, als müßte man sie in den Credits aufführen. Sie schleicht herum, sie sucht, sie spürt der evil presence nach, scheint manchmal Teil dieser unheilvollen Präsenz, sie erarbeitet das Böse geradezu. Mehrfach fährt sie langsam in die Flächen von reinem Schwarz hinein, die Teil eines ohnehin schon gruseligen Anblicks sind, wie um den Blick in den Abgrund zu führen und die Unausweichlichkeit des Geschehens zu betonen.
Mit einer Vielzahl anderer Effekte visualisiert Bava, wie sich das Böse einnistet im Schloß Vajda, aber allein der spektakuläre 360-Grad-Shot, mit dem die Kamera einmal die ganze Gruft absucht, in der Asa auf ihre Wiederauferstehung wartet, macht klar, wie oberflächlich der Terror in den meisten nurmehr brutal und blutig daherkommenden Horrorfilmen der Gegenwart ist. Also kurz, Bava wußte, wie man Licht benutzt, um zu zeigen, wie das Dunkle, Abgründige, Böse näherkommt. Aus seiner Erfahrung als Maler heraus ist er hier dazu übergegangen, es nachgerade zu choreographieren. Er kann mit Schichten von Licht arbeiten, das in einer Szene die Akzente verschiebt. In einer anderen Szene läßt er Javutich plötzlich erscheinen, indem er einen Dimmer über ihm aufdreht, aber der Schauspieler steht gar nicht selbst im Frame, wir sehen nur eine Reflektion in einem Spiegel, ohne den Spiegel natürlich – der Effekt ist unbeschreiblich, aber überaus schaurig.
Das Ganze ist eine extrem stilisierte Arbeit, eine atemberaubende Komposition nach der anderen in einer Art gothic Rokoko, manchmal auch an Cocteau-Filme erinnernd, nur daß nie zuvor Horror und Sex-Appeal derart verwoben waren: wenn Barbara Steele als Asa wieder zu Leben erwacht, ist sie zugleich derart erotisch und furchterregend, wie ich es später eigentlich nie mehr in so konzentrierter Form gesehen habe. Tim Burton wollte immer ein Remake von „La Maschera del Demonio“ machen; besser, daß er „Sleepy Hollow“ gemacht hat. :)





18.01.2010
AndersSehend:
Manchmal frage ich mich, wie das zentimetergenau eingesetzte Licht in der Filmpraxis umgesetzt wird, ist es doch bereits bei der „Stilllife-Fotografie“ so, dass die Lichtsetzung und das Mitspielen aller Beteiligten eine Kunst für sich ist, absolut unglaublich.
Zu „La Maschera del Demonio“ fallen mir z.B. diese beiden Szenen ein: Du mußt Dir vorstellen, daß Barbara Steele als Asa, die durch das Blut Professor Kruvajans wieder zu Leben erweckt wird, noch in ihrem Sarg liegt. Die Rückkehr der Augäpfel in die leeren Augenhöhlen hat Bava tatsächlich so gefilmt, daß er zwei poached eggs von unten in die „Augenhöhlen“ einer Wachsmaske heben ließ. Das klingt auf dem Papier lächerlich, aber die Akzentsetzung durch das Licht wirkt Wunder und macht die Szene zu einem Stück denkwürdiger Filmkunst. Noch gezielter arbeitet Bava in dem Moment, als Asas Augen „zurück“ sind, jedoch der Effekt erzielt werden soll, daß sie „noch nichts sieht“. Mit einem wirklich punktgenauen Lichtstrahl akzentuiert Bava dabei das Weiße von Barbara Steeles Augen, und er hatte sie darauf „trainiert“, am Lichtstrahl vorbeizusehen. Der Effekt ist wirklich grandios.



14.01.2007
Ein Gesicht wie kein anderes. Mysteriöse, bizarre, leicht perverse Schönheit, ein Gesicht, in dem sich all die Phantasien fokussieren, um die das Horrorgenre kreist, dieses große ANDERE. Roger Corman wurde poetisch über ihre „Tiefe“, meinte, wenn man in ihre Augen sähe, wäre da „layer upon layer“, Riccardo Freda meinte, unter gewissen Lichtverhältnissen würde ihr Gesicht geradezu nicht mehr ganz menschlich erscheinen. Und jemand anderes, ich weiß nicht mehr wer, formulierte über ihre Doppelrolle in „La Maschera del Demonio“ mal sehr schön: „Steele damn near seduced herself“.
„There is no excellent beauty that hath not some strangeness in the proportion.“ (Francis Bacon)








04.11.2008
Mein frühes Geschäftsmodell, immer schon hinterm Sofa zu sitzen, wenn die erschreckten Mädchen sich verstecken wollten, funktionierte nicht, und so wurde ich dann nolens volens in den Bann des Vampirfilms gezogen. Ich betrachte Barbara Steele als eine meine Erzieherinnen.


In die Kommentarsektionen des SPIEGEL geschrieben zu Artikeln von Samira El Ouassil, Arno Frank und Margarete Stokowski.
05 / 2020
Ja, sicher, sie ist Antisemitin. Sie glaubt auch wirklich selbst, daß die Erektion des schwarzen Glieds alle 7 Liter Blut braucht, über die ein Mensch verfügt.
Meine Güte: sie greift all das auf, was jeder intelligente Mensch als Un- bis Schwachsinn erkennen muß, und überspitzt es ins komplett Absurde.
Aber es war völlig klar, daß eine so schöne und provozierend schlanke Frau, die diese Provokation mit ihrer Kleidung auch noch betont, und schamlos ihren Esprit verspritzt, irgendwann nicht mehr ungestraft davonkommt.

08 / 2020
Was Lisa Eckhart auch offenbart, ist der Reflex, Aufbegehren gegen Political Correctness rechts zu verorten. So wird dann der diabolisch schöne Gestus, mit dem Lisa Eckhart die PC bitterbös torpediert, auch auf wundersame Weise „rechts“ angesiedelt. Es wird höchste Zeit, den Rechten das lärmende Monopol auf die Revolte gegen das Politisch und Sonstwie Korrekte aus der Hand zu nehmen, und Lisa Eckharts Langgliedrigkeit taugt dazu so gut wie ihr bezauberndes Mundwerk.
Ich halte Lisa Eckhart für eine totale Individualistin, die eine unüberwindliche Abneigung hat dagegen, irgendeinem Lager anzugehören. Denn das hieße, sich gemein(sam) machen. Sie hat auch offensichtlich keine Sympathie für das Ordinäre, weshalb, tut mir leid, auch der durchschnittliche Wutbürger, eher rechts, keine Chance hat, Lisa Eckhart zu vereinnahmen.
Daß das Harbour Front Literaturfestival sie allen Ernstes auslädt, ist peinlich, und eine Aktion, die nach hinten losgeht, weil sie Wasser auf die Mühlen der Rechten ist, die behaupten, linkslastige Attitüde herrsche überall in diesem Land. Dabei ist es schon alles andere als „links“, Lisa Eckhart, die alles andere als „rechts“ ist, auszuladen.
Wenn jede Form von Exzentrizität als Schaustück für die freudlose Angepaßtheit der Gegenwart dient, hat die Kunst keine große Zukunft mehr. Vgl. Lisa Eckhart.
„Eckhart steht unter anderem in der Kritik, weil ihr Kabarettprogramm antisemitische, homo- und transfeindliche, rassistische Witze enthält.“ (M. Stokowski)
Lisa Eckhart bei Pufpaff, März 2018: „Sexuelle Belästigung ist gerade das meistgeächtetste Delikt unserer Gesellschaft, und der einzige Gewinner dieser Entwicklung ist der Antisemitismus. Sie können derzeit vergnügt das Horst Wessel-Lied pfeifen, solange Sie es nicht einer Frau hinterherpfeifen.“
So redet kein Antisemit, und das könnte prinzipiell auch jeder sofort einsehen. Daß Lisa Eckhart als Antisemitin verkauft werden soll, kann ich mir nur mit vorsätzlich selektiver oder bedauerlich beschränkter Wahrnehmung erklären.
Liebe Frau Stokowski, halten Sie die Passage in Lisa Eckharts Programm, in der davon die Rede ist, daß die Erektion des schwarzen Gliedes alle 7 Liter Blut braucht, über die ein Mensch verfügt, allen Ernstes für Rassismus? Oder wie absurd muß es noch werden, um klarzumachen, daß die Angeklagte ohnehin schon besorgniserregende Klischees aufgreift, um sie in kompletten Wahnwitz zu drehen?
Und sie entlarvt den sich in seiner moralischen Unfehlbarkeit so sicher wiegenden Teil der Zu- oder Weghörerschaft gleich mit.
Und daß sie nicht „rechts“ ist, ergibt sich aus dem obigen Zitat eigentlich auch ohne allzugroße kognitive Anstrengung.
Lisa Eckhart ist nicht deshalb „rechts“, weil jemand wie Margarete Stokowski, die Frau Eckhart „zu Recht“ kritisiert sieht, sich als „links“ empfindet. Tatsächlich scheint Lisa Eckhart eine Art „New Model“, zu intelligent, um sich mit einer „Seite“ einzulassen, wie Bob Dylan, „Auf welcher Seite stehst du“, Dylan: „Ich meine, auf welcher Seite kann man denn stehen?“ Oder auch: „Nehmen Sie an den neuen Sachen teil? Sexuelle Freiheit und auch…“ – Dylan: „Ich nehme an keiner Sache teil! (Lacht) Überhaupt nicht! Ich wette, Sie können nicht eine Sache nennen, an der ich teilhabe! Hauen Sie ab, ich warne Sie! (Lacht)“
Dementsprechend ist es auch nicht „rechts“, den Umgang mit Lisa Eckhart so engstirnig wie dreist zu finden.
Ich empfinde es als peinlich, daß die Revolte gegen die PC immer noch ein Privileg der Rechten ist. Eskalierende PC wird der Tod aller Kreativität, aller Schönheit, allen Fortschritts im Denken sein, und eine solche „Errungenschaft“ ist nicht „links“. Also ist der Protest gegen die Auswüchse der PC auch nicht „rechts“.
Schau an, gerade schrieb ich, (eskalierende) PC wird der Tod aller Kreativität, aller Schönheit, allen Fortschritts im Denken sein, da schreibt Nick Cave in seinen Red Hand Files quasi dasselbe, nämlich: Political Correctness hat sich zur traurigsten und schrecklichsten Religion der Welt entwickelt. Ihr einst ehrenhafter Versuch, die Gesellschaft auf gerechtere Weise neu zu definieren, verkörpert jetzt nur noch die schlimmsten Aspekte, die eine Religion zu bieten hat (und nichts von ihrer Schönheit). Die Weigerung der Kultur, sich auch auf unangenehme Ideen einzulassen, so Cave, wirkt erstickend auf die kreative Seele einer Gesellschaft.
Da Lisa Eckharts Vortrag sich primär gegen die moralische Borniertheit und Selbstgerechtigkeit der PC richtet, fühlt sich jemand wie Frau Stokowski natürlich von dieser Person gestört und bemüßigt, in einem Nebensatz kurz zu behaupten, Eckhart werde zurecht kritisiert (für ihren Antisemitismus, ihren Rassismus etc), was kinderleicht zu widerlegen ist. Bestattungsunternehmen Stokowski (siehe 1. Satz oben) mal wieder auf dem falschen Dampfer. Sonneborn in der BZ gerade: dieses bewußte Mißverstehen, um bestimmte Inhalte zu skandalisieren und sich selbst auf der vermeintlich richtigen Seite moralisch positionieren zu können, ist in dieser Form und in dieser Frequenz schon neu.
“ … falls die Monarchie doch noch zurückkommt, sollte es eine Königin geben, und sie sollte Lisa Eckhart heißen.“
-> Lockdown Postcard # 2, April 2020
Und hier noch der formidable Kommentar von ray05, ebenfalls aus der Kommentarsektion zum Artikel „Punchline in die Magengrube“ von Samira El Ouassil. Leicht zu finden dort: Ansichtsoption „Am besten bewertet“ wählen.
ray05:
Es scheint mir wichtig, daran zu erinnern, dass diese „Lisa Eckhart“ eine Kunstfigur ist, eine Bühnenpersona. Alles, was diese Figur auf der Bühne sagt (und vor allem WIE sie es sagt), ist nicht identisch mit der Haltung oder den Ansichten der Autorin, die diese Figur erfunden hat; ganz so, wie im Roman der Erzähler nicht identisch ist mit dem Autor. Ich halte es für wohlfeil und intellektuell unredlich, eine Spoken-Word-Bühnenperformance in planen Text zu transskribieren, dann nach Herzenslust die ungehörigen „Stellen“ zu zitieren, um die Autorin/Künstlerin in Bausch & Bogen denunzieren zu können. Natürlich ist das, was „Lisa Eckhart“ da sagt, antisemitisch bis zum Stehkragen, aber wie sagt diese Figur das denn? Sie sagt es im blasiert-affektierten Duktus des typisch Wienerischen Schmähsingsangs, und dabei steckt sie in einem Salonkostüm im Stile der 30er Jahre; all das gehört zur Performance dazu, das ist kein Zufall, das gehört zur Fundamentalkritik. Mir ist völlig schleierhaft, wie man einen Auftritt so völlig falsch bewerten kann. Alles liegt klar auf der Hand. Schon das Eingangsstatement, die völlig absurde Vermutung der Sprecherin, MeToo sei antisemitisch, weil Weinstein, Allen undsoweiter, kann doch gar keinen weiteren Zweifel darüber aufkommen lassen, dass wir es hier mit einem satirischen Durchgriff zu tun haben. Bei all dem ist es zugegebenermaßen fast unmöglich, dass man nicht auch Beifall von der falschen Seite bekommen kann, das wusste schon Bertolt Brecht. Stellt sich nur die Frage, ob umgekehrt die Denunziation von den eigenen Leuten nicht vielleicht noch schlimmer ist.

Foto: Peter W. Czernich für Marquis Magazine

„… geben Sie acht, wenn Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer behandelt als Ihnen lieb ist.“ – Wanda von Dunajew (1)
Als die Band für ihr Repertoire einen Plattenvertrag sucht, fordert ein Label (Atlantic), daß „Venus In Furs“ komplett gestrichen wird, ein anderes (Elektra) verlangt, John Cale und seine verstörende electric viola abzustellen.
„Venus im Pelz“ in ein modernes urbanes Milieu transponiert, die bedrohliche Erhabenheit der dunkelmajestätischen Musik ist wie die Unausweichlichkeit des erotischen Rituals selbst, die Lyrics offenbaren die ungeheure geistige Dimension der sadomasochistischen Beziehung.
Shiny, shiny, shiny boots of leather
Whiplash girl child in the dark
Comes in bells, your servant, don’t forsake him
Strike, dear mistress, and cure his heart
Downy sins of streetlight fancies
Chase the costumes she shall wear
Ermine furs adorn the imperious
Severin, Severin awaits you there
I am tired, I am weary
I could sleep for a thousand years
A thousand dreams that would awake me
Different colors made of tears
Kiss the boot of shiny, shiny leather
Shiny leather in the dark
Tongue of thongs, the belt that does await you
Strike, dear mistress, and cure his heart
Severin, Severin, speak so slightly
Severin, down on your bended knee
Taste the whip, in love not given lightly
Taste the whip, now bleed for me
I am tired, I am weary
I could sleep for a thousand years
A thousand dreams that would awake me
Different colors made of tears
Shiny, shiny, shiny boots of leather
Whiplash girl child in the dark
Severin, your servant comes in bells, please don’t forsake him
Strike, dear mistress, and cure his heart
„‚Venus In Furs‘ is just a different kind of love song.“ – Sterling Morrison
(1) Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main 1968, 45
Photo CE
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Was Mike Garson in diesem Stück macht, ist das Beunruhigendste, Faszinierendste, Beeindruckendste und Heftigste, das man je von einem Piano im Rock-Kontext gehört hat, Punkt. Eine der großartigsten Improvisationen, die es überhaupt je gegeben hat, genau das, was im Englischen „haunting“ heißt – es verfolgt dich für immer mit seiner bizarren Schönheit. Bowie beschwört diese schwüle Vorkriegs-Dekadenz, diese seltsame Wehmut, das Jahr 1913 erscheint in Klammern im Titel des Songs, auch das Jahr 1938, aber 1913 war auch das Jahr von „Le Sacre du Printemps“, wie schon gesagt. Es ist, als ob der „lad insane“ Strawinskys Paroxysmus im Kopf hat.
Bowie beschwört in dem Song zunächst diese traumgleiche, ominöse, extravagante Atmosphäre, etwas, das dem Untergang entgegengeht, während noch der Champagner perlt, und einen Charakter am Abgrund, crying for escape. Und dann bricht dieses komplett wahnsinnige Solo los. Anarchisch, dissonant, absolut brillant, absolut virtuos, zersplittert, zerklüftet, wie der Geist dieses Charakters selbst. Als ob alle Neuronen, alle Synapsen in die Schizophrenie britzeln. Unglaublich, einzigartig. Wirklich, ich weiß nicht, ob es etwas vergleichbar Waghalsiges gibt. Dieses Pianosolo ist todesmutig.
Man kann Bowie nicht genug rühmen für seine Furchtlosigkeit. Er gibt zwei Akkorde vor für den Mittelteil und sagt zu Garson, von dem er einiges über Avantgardemusik gehört hat: mach mal. Und der macht das in einem einzigen Take. Vor einer Weile sagte Garson, er bekommt noch immer jeden Tag Briefe und Emails wegen dieses Solos von 1973. Ich muß dem auch noch schreiben.
13 Fragen an Christian Erdmann auf netSkater.net
David let me be me and the music just flowed out. If he could have my skills, Aladdin Sane is what he might have played. I was his hands and he found these styles in my head.
Mike Garson 2023

David Bowie by Kevin Kerslake
008
Mittwoch, 14.09.2011
Freigelegt unter dem Putz einer Mauer des Svaty Jan, das, wie gesagt, einmal Pfarrhaus war: zum Mitsingen.

This Year’s Destination: Vyšehrad. Pure Morning, ein Haus in der Vyšehradska:


Balkon in der Slavojova

Der Vyšehrad entstand als befestigte Burgstätte im 10. Jahrhundert, als zweite Prager Burg der Przesmysliden, auf einem Hügel, der sich südlich der Innenstadt steil über dem rechten Moldau-Ufer erhebt. Der Legende nach war dieser geheimnisvolle Ort Sitz der ersten tschechischen Herrscher; die sagenhafte Fürstin Libussa (Libuše) soll vom Vyšehrad aus in einer Vision die Gründung Prags prophezeit haben. Man weiß jedoch mittlerweile, daß die Hochburg auf dem Vyšehrad etwas jünger ist als die Burg auf dem Hradschin. Wir erobern den Vyšehrad durch das Taborer Tor und lernen, daß Libuše die jüngste der drei Töchter des Krok war, dem Mythos nach ein weiser Richter.

In der Chronica Boemorum des Cosmas von Prag vom Beginn des 12. Jahrhunderts fordert die in der Christianslegende (992-994) noch namenlose, nun Libuše genannte, visionär begabte Regentin und Przesmysliden-Ahnin nach ihrer Hochzeit mit Przemysl das Volk auf, die Stadt zu gründen. Weil sie so schön ist: die Legende vom Ursprung Prags.
Libuše, eine Frau von großer Schönheit und Weisheit, die prophetische Gaben besaß, regierte mit ihrem Gemahl, Prinz Przemysl, vom Hügel Vyšehrad aus. Eines Tages stand sie an einer Klippe, schaute auf die Moldau, zeigte auf einen bewaldeten Hügel auf der anderen Seite des Flusses und rief aus: „Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reichen wird.“ Sie gab Anweisung, dort eine Burg zu bauen, wo ein Mann gerade dabei war, die Schwelle (Tschechisch práh) zu einem Haus zu legen. „Und weil selbst die Edlen vor einer Schwelle niederknien müssen, soll die Stadt den Namen Praha (Prag) tragen.“
Um 1070 verlegte Vratislav II. seine Residenz von der Prager Burg auf den Vyšehrad und gründete dort das Kollegiatkapitel St. Peter und Paul, das sich bald zu einem bedeutenden Bildungszentrum entwickelte. Neben der Kirche und den Stiftsgebäuden entstanden am Ende des 11. Jahrhunderts auch der steinerne romanische Wohnbau Vratislavs, der „Palas“, die St. Laurentius-Basilika und die St. Martins-Rotunde. Als nach rund 70 Jahren die Przemyslidenherrscher auf die Prager Burg zurückkehrten, verfiel die Burg auf dem Vyšehrad zunehmend.
Unter Karl IV., römisch-deutscher König aus dem Geschlecht der Luxemburger, seit 1347 König von Böhmen, ab 1355 Kaiser, erlebte die Burg einen erneuten Aufschwung; die Burg war der letzte Sitz seiner Mutter, der Königin Elisabeth, eine Tochter des Königs Wenzel II. Przemysl; Karl betonte stets den Bezug auf den heiligen Wenzel und die Przemysliden.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts errichtete man eine neue Befestigungsmauer mit Zinnen, Wehrgang, zwei neuen Toren und quaderförmigen, sieben Meter breiten Türmen, die einen Abstand von ca. 60 Metern zueinander hatten. Den Hauptzugang zum Vyšehrad bildete im Osten das „Spitze Tor“, den Zugang in die Stadt ermöglichte das Prager Tor (später Jerusalemer Tor). Innerhalb des Mauerrings ließ Karl einen neuen Königspalast errichten, St. Peter und Paul wurde zu einer dreischiffigen Kirche mit Seitenkapellen umgebaut. Karl IV. bestimmte den Vyšehrad zum Ausgangspunkt des Krönungszuges der böhmischen Könige, den Karl selbst als erster am 1.9.1347 unternahm.
Nach dem Tod des Kaisers am 29. November 1378 wurde sein Körper elf Tage lang im Auditorium der Prager Burg aufgebahrt. Vier Tage dauerten die anschließenden Begräbnis-Feierlichkeiten, bei denen Karls Leichnam unter Begleitung von 7.000 Teilnehmern von der Burg durch die Prager Alt- und Neustadt und dann über die Karlsbrücke auf den Vyšehrad überführt wurde. Dort wurde er eine Nacht lang in der St. Peter und Paul-Kirche aufgebahrt. Zwei weitere Tage wurden die sterblichen Überreste dem Publikum im Konvent des Hl. Jakob und in der Johanniter-Kirche der Jungfrau Maria zugänglich gemacht. Die abschließende Bestattungszeremonie im Veitsdom unter Anwesenheit des gesamten Hofes wurde vom Prager Erzbischof zelebriert.
Nach Karls Tod war der Vyšehrad vor allem eine Priesterstadt, über 100 Geistliche betreuten die Sakralräume. 1420 eroberten die Hussiten die Burg und zerstörten nahezu alle Bauten. Im 15. Jahrhundert entstand die „Freistadt auf dem Berge Vyšehrad“, die vor allem von Handwerkern bewohnt war. Mit der Gegenreformation fiel das Gelände 1620 an das Kapitel zurück. 1648 wurde die militärtechnisch veraltete Burganlage bei einem Angriff der Schweden schwer beschädigt.
Von 1654 bis 1680 wurde die Anlage zu einer Burgfestung ausgebaut; für die gewaltigen Schanzen aus Backsteinmauerwerk und die schweren Eckbasteien, die nach Heiligen benannt sind, wurde die Bevölkerung vertrieben, die alten Gebäude abgerissen.
1866 wurde Prag als Festung aufgehoben und zur offenen Stadt erklärt, der Abriß von Befestigungsanlagen wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fortgesetzt, die Festung Vyšehrad wurde 1911 von der Militärverwaltung der Stadt übergeben.
Das Leopoldstor, 1678 erbaut.

Am Leopoldstor bleiben am Ende von Milos Formans „Amadeus“ die Begleiter stehen, während die Kutsche mit Wolferls Leiche durch den strömenden Regen dem Armengrab entgegenfährt. Hinter F. Murray Abraham (Salieri) ist hier ein Teil der Befestigungsanlagen von Vyšehrad zu sehen.

Die romanische St. Martins-Rotunde ist als einziges Baudenkmal des Vyšehrad in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten. Die Rotunde wurde wahrscheinlich noch im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts unter Vratislav II. als Pfarrkirche der Vorburg erbaut und ist die älteste Rotunde Prags. Nach Errichtung der Barockfestung diente die Rotunde als Pulvermagazin.

Türbeschlag am neogotischen Portal der Rotunde, im späten 19. Jahrhundert entstanden, als der Eingang auf der Westseite zugemauert wurde.

Das Marterl. Eine Pestsäule aus Sandstein, vor 1685 errichtet; das Mosaik entstand vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Dann wird es klaustrophobisch.
Im Chotek-Tor (Ziegeltor) befindet sich der Zugang zu den Kasematten – ein System von Gängen im Festungswall, das militärtechnisch zum Sammeln der Truppen und ihrer unbemerkten Verlegung diente. Einer der Gänge der Vysehrad-Kasematten mündet in den Gorlice, einen unterirdischen Saal, der als Sammelplatz für die Soldaten sowie als Lebensmittel- und Munitionslager dienen sollte. Die Gänge sind mindestens 2 m hoch und 1,5 m breit – gefühlt eher schmaler.
Während der Kämpfe des Dreißigjährigen Krieges intensivierte sich das Interesse an der Prager Fortifikation, zumal in Zeiten der direkten Bedrohung Prags (1632, 1639, 1648). Nach Kriegsende machte Graf Montecucoli 1648 den Vorschlag zur Befestigung Prags, den technischen Generalplan legte 1650 Graf de Conti vor, der auch die Arbeiten seit der Entscheidung Kaiser Ferdinands III. für den Baubeginn 1654 leitete. Bis zum Jahre 1680 erhielt die äußere Befestigung der Burg Vyšehrad ungefähr ihr heutiges Aussehen, der Bau der gesamten barocken Prager Festung wurde um 1720 beendet.
Die Verteidigung blieb unzureichend; im Österreichischen Erbfolgekrieg wurde Prag am 26. November 1741 von Karl Albrecht von Bayern, dem späteren Kaiser Karl VII., sowie verbündeten Truppen aus Frankreich und Sachsen eingenommen. Der französische General de Berdiquier gab 1742 seinen Soldaten den Befehl, die Aufschüttungen der Zitadelle Vyšehrad herzurichten, einen Ravelin (Basteivorsprung) zur Neustadt hin zu errichten und die Kasematten auszubauen.
1744, Böhmen und Mähren wurden inzwischen von den Österreichern behauptet, griff Friedrich II. von Preußen in Böhmen an, im September wurde Prag belagert und eingenommen. Die Kasematten und der gesamte Vyšehrad entgingen der völligen Zerstörung im November 1744: die Preußen brachten damals vor ihrem Rückzug 133 Fässer mit Schießpulver in die Kasematten, die der letzte Soldat mit Zündschnüren in die Luft jagen sollte; drei mutigen Männern gelang es, die Zündschnüre rechtzeitig zu beseitigen.

Tatsächlich befindet man sich in den Kasematten also gar nicht „unterirdisch“, sondern schleicht durch den Festungswall, mit einem Gefühl wie in Moria freilich, und irgendwann erreicht man den monumentalen Gorlice, einen 13 Meter hohen Saal, Bestandteil der XXXIII. Bastion der Barockwälle. Der Gorlice diente später als Luftschutzraum, auch als Kartoffel- und Gemüselager für Prag. Seit 1992 befinden sich unter dem Tonnengewölbe des Gorlice sechs der originalen Barockstatuen von der Karlsbrücke.

Mit „Ach, die gute Luft hier!“ setzt die Phase ein, in der man die Kasematten gar nicht mehr verlassen möchte.

Schon fängt man an, Giallo-Plakate zu entwerfen.

Wenzelsdenkmal ohne Wenzel

Right after this bricht jeder Widerstand gegen Smetanas „Moldau“ endgültig zusammen, als das Glockenspiel von St. Peter und Paul die ewige Melodie läutet, und ich verstehe, man liebt das oder ist hier falsch. Auf dem weitläufigen, ruhigen, geschichtsträchtigen Areal des Burgwalls trifft einen diese Melodie direkt ins slawische Herz.
St. Peter und Paul wurde in den 1070er Jahren unter Vratislav II. errichtet. Die Kirche diente vier Herzögen der Przemysliden als Grabkirche; Vratislav II. – er starb durch einen Sturz vom Pferd – wurde 1092 hier bestattet, bei dem romanischen Steinsarkophag aus der Zeit um 1100, der „Tumba des heiligen Longinus“, handelt es sich vermutlich ebenfalls um die Grablege eines Przemyslidenherzogs. Die Kirche wurde mehrfach vergrößert und nach einem Brand frühgotisch erneuert; Reste der romanischen Basilika haben sich im Südwesten der heutigen Kirche erhalten. Die Fassade mit den beiden 58 m hohen Türmen stammt aus den Jahren 1902-1903. In St. Peter und Paul gibt es ein gotisches Tafelbild der Jungfrau Maria aus der Zeit um 1360, die „Vysehrader Madonna“ oder „Regenmadonna“: mit ihr wurde in Dürrezeiten bei Prozessionen um Regen gebetet.

Im Portalbogen führen Teufel, Dämonen und Höllenhunde die armen Sünder zum Jüngsten Gericht; besonders lustvoll werden die entblößten Damen herangeschleppt. Eine der Figuren erinnert seltsam an das „Come To Daddy“-Video von Aphex Twin.

In der Kirche bewundern wir Funerary Equipment of Noble Person from the crypt of Przemyslids in the Basilica und die Art Nouveau-Wandgemälde im Mucha-Stil von Frantisek und Maria Urban, 1902/03.
Dann wandern wir über den Friedhof, freundliche Menschen fragen, ob wir Smetana und Dvorak suchen. Der Friedhof von Vyšehrad, seit 1869 auf dem Gelände der Burg, ist letzte Ruhestätte vieler bedeutender Tschechen. Das Slavin-Monument dient als Mausoleum, letzte Ruhestätte u.a. von Alfons Mucha und Rafael Kubelik.











„Whenever possible, I like to return to the Golden City for composition and to walk in the hallowed footsteps of Beethoven, Mozart, Martinu, Dvorak and Janacek – all of whom composed some of their greatest works in Prague. I never liked to work from home (or hotel) whenever possible, unless there is no other option. In fact, I always try to locate a room or flat in or very near certain sacred areas. This particular session was in a flat kindly lent to me by Veronika Brtova for the duration of the proposed composition in the old seat of the first kings of Prague – Vyšehrad – a highly charged geodetic point where Dvorak’s grandiose tomb can be seen (characterised by a Templar cross denoting the composer’s affiliations to Templar Freemasonry). It also has other secret temples, to which I have personal access.“
Jaz Coleman von Killing Joke, in: Letters from Cythera, p. 416

Dvořak schickte seine erste Sinfonie zu einem Musikwettbewerb nach Leipzig und sah die Partitur nie wieder. Als man ihn später fragte, was er unternommen habe, sagte er: Nichts. Ich setzte mich hin und schrieb eine neue Sinfonie.


Das Bad der Libuše, Ruine eines Wachgebäudes aus dem 14. Jahrhundert. Der Legende nach hat Libuše von hier aus abgelegte Liebhaber im Fluß versenkt. Tatsächlich wurden hier Waren, die mit Schiffen ankamen, nach oben befördert.


Ein Soft-Eis beim mittelalterlichen Brunnen, Zeit für noch eine Legende.
Die Geschichte von Horymír und Šemík
„Als die tschechischen Lande von Prinz Krzesomysl regiert wurden, lebte in der Stadt Neumetely ein Bauer namens Horymír. Er hatte ein weißes Pferd von außerordentlicher Intelligenz mit dem Namen Šemík. Auf Grund der Besessenheit des Prinzen, unterirdische Schätze aufzuspüren, wurden die Menschen ermutigt, ihre Landwirtschaft ruhen zu lassen um in den Minen zu arbeiten. Horymír war unzufrieden mit Krzesomysl und dessen Herrschaft und warnte, dass die Vernachlässigung der Landwirtschaft zu einer Hungersnot führen würde. Sein Protest stieß bei den Bergarbeitern auf taube Ohren, und so steckten sie eines Tages sein Anwesen in Brand. Daraufhin brannten Horymír und seine Anhänger das Dorf der Bergarbeiter nieder. Horymír wurde angeklagt und zum Tode verurteilt. Als man ihn nach seinem letzten Wunsch befragte, bat er um einen letzten Ritt auf dem Schlosshof auf seinem geliebten Pferd Šemík. Sein Wunsch wurde ihm gewährt. Als Horymír auf sein weißes Pferd stieg, flüsterte er etwas in dessen Ohr. Šemík rannte zu den Wällen, sprang über sie und glitt die Klippen hinab. Als die Schaulustigen zu den Wällen kamen waren sie erstaunt, Horymír und Šemík auf der anderen Seite des Moldau in Richtung Neumetely galoppieren zu sehen.
Der wundersame Sprung hatte Šemík erschöpft. Das sterbende Pferd sprach mit einer menschlichen Stimme zu Horymír und bat ihn, ihm ein Grab zu errichten. Horymír tat, was sein Pferd wünschte. Das Grab ist seitdem verschwunden, aber man sagt, dass Šemík in dem Felsen von Vyšehrad schläft, bereit, herauszukommen, wann immer sein Hilfe von Neuem benötigt würde.“
(myczechrepublic.com)
Eingang zur St. Lorenz Basilika, inside: Fundamente des romanischen und vorromanischen Kirchenbaus, der ursprünglichen Pfarrkirche der Burg.

Das Spitze Tor (Špicka) bildete einst den Hauptzugang zum Vyšehrad. Heute sieht man noch Mauerreste des von 1348 bis 1350 errichteten Haupttores und ein 140 m langes Teilstück der gotischen Burgmauer. Im Špicka befindet sich ein Informationszentrum, und man kann u.a. Kopien keltischen Schmucks erwerben. Mit einem Bronzekreuz, das bei der archäologischen Untersuchung auf den Wällen bei Mikulcice gefunden wurde, dem rätselhaften Zentrum des Großmährischen Reiches im 9. Jahrhundert, verlassen wir Vyšehrad.
Und noch:
Altneu-Synagoge. Golem oben links.

Altstädter Ring, Teynkirche

Altstädter Ring

Das Sixthaus, Zeltnergasse (Celetná) 2, das fünfte Haus der Familie Kafka, in dem sie von August 1888 bis Mai 1889 wohnte.

Das Ständetheater. Uraufführung von Mozarts „Don Giovanni“ hier am 29.10.1787: „Meine Prager verstehen mich!“ Milos Forman drehte viele der „Amadeus“-Szenen tatsächlich im Ständetheater.


Masarykovo nábrz.


Donnerstag, 15.09.2011
In diesem Haus, Vysehradska 45, einen Katzensprung vom Svaty Jan entfernt, wohnte Božena Nemcová, die Autorin von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Wenn wir die Gedenktafel richtig verstehen, vollendete sie hier „Babicka“.

Kafka an Kafkas Geburtshaus

Der 65 m hohe Pulverturm, in dem bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Schwarzpulver gelagert wurde

Die Kirche Maria Schnee. Den Grundstein der Kirche, mit deren Bau 1347 begonnen wurde, legte Kaiser Karl IV. selbst, die Hussitenkriege unterbrachen den Bau einer Basilika, deren Länge sogar den Veitsdom übertreffen sollte. Anfang des 15. Jahrhunderts war die Kirche ein Zentrum des radikalen Flügels der Hussitenbewegung. Im 16. Jahrhundert verödete die Kirche, das ursprüngliche Gewölbe stürzte ein. Anfang des 17. Jahrhunderts übernahmen die Franziskaner die Kirche, ließen ein Netzgewölbe im Renaissancestil ausführen, der frühbarocke Hochalter ist der höchste Altar in Prag.

Bei seinem zweiten Aufenthalt in Prag, den noch unvollendeten „Don Giovanni“ im Gepäck, wohnte Mozart in diesem Haus am Kohlenmarkt, nicht weit vom Ständetheater entfernt, da hatte das Wolferl nicht weit zu trippeln.

St. Martin in der Mauer. 1419 reichten Hussiten in dieser Kirche erstmals den Abendmahlskelch auch den Laien („Freiheit für den Kelch“). Die Forderung nach dem Laienkelch wurde kurz nach dem Tod von Jan Hus zu einem Symbol der hussitischen Bewegung.

In einer Gasse bei St. Martin

Eine Kirchentür

Altstädter Ring

Kirche St. Heinrich und Kunigunde (Kostel sv. Jindricha a Kunhuty)

Jerusalem-Synagoge


Und auf der Parizska wandelten wir so über den Bürgersteig, zwei Japanerinnen machten große Augen, als sie uns sahen, wir drehten uns um, sie drehten sich um, und sie lachten und machten diese Bewegung mit erhobenem Arm, Daumen und Zeigefinger aneinander, einen imaginären Faden haltend, und riefen: „Bat, bat!“
Sie hatten uns in Cesky Krumlov mit Freddie gesehen.
Dienstag, 13.09.2011
Zum letzten Mal vorbei am Graphitbergwerk an der Chvalsinska, wir lösen 80 kr-Tickets für einen Student Agency-Bus nach Budejovice, eine halbe Stunde Fahrt, von dort aus im Zug nach Prag, „Paranoid“ aus irgendeinem Abteil, letztes Jahr war Ozzyho Osbourna zur selben Zeit wie wir in Prag, Ozzy sollte Zweitwohnsitz in Böhmen beantragen. Am Marylebone Workhouse aus „From Hell“ vorbei zum Hotel Svaty Jan in der Vysehradska, Miss Ulinakova hat Zimmer 24 reserviert, lovely view, Blick in den Garten und auf die Kirche St. Johannes von Nepomuk am Felsen. Und das Hotel ist traumhaft, es ist das ehemalige Pfarrhaus von St. Johannes, großzügig neobarock, „it will amaze you with it’s mystical calmness“, schreibt die staff auf der Svaty Jan-Website und übertreibt nicht. Badewanne, leise plätschert das Wasser aus dem Nebenzimmer, schade, schade, denkt die Schöne.

Tram und Metro, bis wir uns dem Hradschin von der anderen Seite nähern können, letztes Jahr stiegen wir über die Nerudova zur Burg hinauf, dieses Mal kommen wir durch den Königsgarten.

Das Belvedere, das Lustschloß der Königin Anna Jagiello. In der Galerie des Lustschlosses begegnet Paul Wegener als Student von Prag seinem eigenen Spiegelbild.

Veitsdom, goth


Das Ballhaus im Königsgarten, zwischen 1567 und 1569 erbaut.


St Veit




Bei magickyavalon in der Vlasska, bei Manufactura,
über die Karlsbrücke.


Climb on every tower. Nächste Turmbesteigung: der im späten 14. Jahrhundert unter Peter Parler errichtete Altstädter Brückenturm, am östlichen Ende der Karlsbrücke. 10 Jahre lang, von 1621 bis 1631, hingen die Köpfe von hingerichteten Anführern des Aufstandes gegen die Habsburger in eisernen Körben am Turm. Erster Sonnenuntergang nach Vollmond, die goldene Stadt noch mehr vergoldend, fast hätte mich der Turmwärter auf der Aussichtsetage in luftiger Höhe ausgesperrt, aber ohne Trompete mach‘ ich’s nicht.

Scharen von Riesenspinnen vor den Fenstern, aber in diesem Turm könnte man wohnen. Nach etwa 3/4 der 136 Stufen: Decke im Ausstellungssaal.

Blick durch ein Turmfenster

Das Netzgewölbe des Tordurchgangs

Altstädter Brückenturm after dark


Salvatorkirche

View from Room 24. Kostel sv. Jana Nepomuckého na Skalce, St. Johannes von Nepomuk am Felsen, nach Plänen von Kilian Ignaz Dientzenhofer errichtete Hochbarockkirche.


Prag am Tag ist schon kaum auszuhalten, Prag bei Nacht ist magisch. Man sitzt auf der Bank vor dem Svaty Jan, blickt auf eine Kirche oder zwei im warmen gelben Licht, und will da plötzlich nie mehr weg. Von dieser Bank. Seltsam. Beschließe, im Ministerium für Spejbl & Hurvinek anzuheuern.
