
Collected over the years, bis auf das Verlorene Paradies, bei The Booktrader in Kopenhagen, Skindergade 23, ein favourite bookstore, den auch William S. Burroughs einmal besuchte.

Collected over the years, bis auf das Verlorene Paradies, bei The Booktrader in Kopenhagen, Skindergade 23, ein favourite bookstore, den auch William S. Burroughs einmal besuchte.

Everybody needs somebody to love.
Dienstag, 06.09.2011
„All journeys have secret destinations of which the traveler is unaware.“ – Martin Buber.
Madames Plan für Helmut-Berger-Spotting in Salzburg: „Ich mag dünn sein, aber ich beherrsche die Kunst des Im-Wege-Stehens!“
Um 16:56 rollt der Zug in Salzburg ein, die Nachmittagssonne scheint warm, wir nehmen den Bus 5 und fahren die 10 Stationen bis zur Wäschergasse, Pension Katrin, Nonntaler Hauptstraße 49b, von Frau Terler freundlichst empfangen, südlich des Festungsberges, den wir fortan über Herrengasse, Kajetanerplatz und Schanzlgasse zu umrunden pflegen. Otto Basil bezeugt, daß Trakl gern durch „das Gewinkel des Nonnbergtales“ wanderte. Wo sich der Asphalt des Bürgersteigs am Kantstein krümmt wie eine alte Käsescheibe, sympathisch. Zimmer 8, am nächsten Morgen beim ersten Frühstück instinktiv im Wintergarten gelandet und den Tisch psychophysisch okkupiert für den Rest der Zeit.
Erster Blick auf die Festung Hohensalzburg von Süden aus.
„Harry, das ist eine verdammt gute Festungsanlage!“ (Agent Cooper).

Wir wandern zurück zur Altstadt, wo Salzburg ehrwürdig und staubpastellig wirkt – und sehr viel leerer als gedacht. Wir begeben uns direkt zur Franziskanerkirche.
Der um 700 in Irland geborene heilige Virgil (Feirgil von Aghaboe), der ab 743 in Europa auf Mission geht, Bischof von Salzburg wird und Abt des Klosters St. Peter, ein bedeutender Gelehrter, den sie „Geometer“ nannten, läßt hier die erste, auf einer frühchristlichen Gebetsstätte errichtete Kirche restaurieren. Sie fällt 1167 den von Friedrich I. Barbarossa initiierten Brandschatzungen zum Opfer. Anfang des 13. Jhdts. wird sie neu aufgebaut, 1223 neu geweiht, beim Brand der Stadt 1267 weitestgehend zerstört.
Anfang des 15. Jahrhunderts wird zunächst unter Star-Baumeister Hans von Burghausen, später unter Stephan Krumenauer (Stephan von Krumau) ein Neubau vollendet, 1592 übergibt Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau die Kirche den Franziskanern. Später gilt der romanisch-gotische Stil der Kirche als „unschön“, Ende des 18. Jahrhunderts plant der letzte regierende Erzbischof Colloredo gar, die Kirche komplett abreißen lassen, um an ihrer Stelle ein Mausoleum für Erzbischöfe zu errichten, was dann netterweise doch an Colloredos Sparsamkeit scheitert. Sehr wirkungsvoll der Eindruck, in dieser Kirche einen Weg aus „dunkler Welt“ ins Licht zu beschreiten, vom spätromanischen Langhaus zum lichtdurchfluteten Hallenchor mit seinen hohen, schlanken Säulen, zu Hans von Burghausens Zeit eine hochmoderne, kühne Konstruktion. Das Langhaus aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist eines der ältesten Baudenkmäler der Stadt.
Zwei Spinnen baumeln von einer Grabplatte in der Franziskanerkirche.

Bei diesem geschmückten Schädel, der zuweilen aus roten Juwelen ins Innere der Franziskanerkirche blickt, scheint es sich um einen St. Eutyches zu handeln. Oder um einen, von dem gewollt wird, daß er es ist.

In die Westwand des Südschiffes eingemauert ist der aus rotem Untersberger Marmor gefertigte Grabstein des heiligen Virgil. Er stammt vom Hochgrab des Virgil im alten romanischen Dom, der beim Brand von 1598 so schwer beschädigt wurde, daß Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau ihn abreißen ließ. Zur Weihe des neuen, unter dem Baumeister Santino Solari errichteten Barockdoms 1628 wurden die Gebeine des Virgil dorthin überführt, der Grabstein verblieb in der Franziskanerkirche. „Im Jahre des Herrn 1315 am 26. September hat Erzbischof Wichard von Salzburg hier den Leib des hl. Virgil beigesetzt.“

Der Tod, gelenkig wie immer.

Sehr alter Löwe (um 1220) beim Aufgang zur Kanzel.

All things are quite silent. Der Dom kurz vor einer Kürbiscremesuppe.

Mittwoch, 07.09.2011
Helmut Berger bleibt noch verhältnismäßig unsichtbar. Wir beschließen, daß dies sein Haus ist. Was genaugenommen eher unwahrscheinlich ist, aber wir gehen täglich daran vorbei und irgendwohin muß man sein „Helmut, wink‘ mal“ schließlich richten.

Freddie ist ein Exemplar der Chiroptera IKEAensis, ein wenig übergewichtig und äußerst friedfertig. Bisher bestand sein Leben vor allem aus zwei Beschäftigungen: „Am alten Kerzenleuchter hängen“ und „Sich mal runterfallen lassen“. Ein ruhiges, auf Dauer jedoch etwas langweiliges Dasein. So beschloß Freddie eines Tages, sich an einen Trolley zu hängen und Europa zu entdecken.

Auch Freddie befindet, daß eine Fahrt mit der Festungsbahn für Luschen ist, aber der Aufstieg zur 120 m hohen Festung Hohensalzburg ist eine echte Herausforderung für Mensch und Fledermaus.

Blick auf den Keutschachbogen. Benannt nach Leonhard von Keutschach, zwischen 1495 und 1519 Erzbischof von Salzburg, ein mächtiger, kriegerischer und sehr eigensinniger Regent, der in seinem Wappen eine Rübe führte. Jawohl, eine Rübe. Unter Leonhard wurde die 1077 während des Investiturstreits errichtete Festung zu ihrer jetzigen Gestalt ausgebaut, abgesehen von einigen Sperrwerken und Bastionen, die Erzbischof Paris Lodron im 17. Jahrhundert noch bauen ließ.

Es mag an der Höhenluft liegen, aber am Eingang zur Roßpforte denkt man: wenn hier nicht gleich der Nosferatu erscheint und hereinbittet, dann weiß ich auch nicht.


Oh, there he is.

Denn dies ist der Weg durch die Höllenpforte.

Vom Atem der Geschichte angeweht, fühlt sich Freddie um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt und imitiert eine Fledermaus aus dem Jahre 1502.

Burghof.
Immer denkst du das weiße Antlitz des Menschen
Ferne dem Getümmel der Zeit;
Über ein Träumendes neigt sich gerne grünes Gezweig

Detail des Denkmals für Erzbischof Leonhard von Keutschach an der Südwand der St. Georgskapelle, 1515, ein Löwe hält das Rübenwappen. Wie die Inschrift aufklärt, segnet Leonhard hier das Land Salzburg. Das Land, wohlzumerken, dessen Bewohner ihm eher an der Rübe vorbei gingen. Es gibt 53 Rüben auf der Festung. Warum der grummelige Leonhard eine Rübe im Wappen führte? Eine Legende behauptet, daß Leonhard in jungen Jahren einem eher unaufgeräumten Lebenswandel anheimfiel. Ein Onkel Leonhards, ein braver Landmann, hielt ihm die lästerlichen Ausschweifungen vor. Leonhard reagierte keck, worauf der Onkel ihm eine Rübe an den Kopf geworfen haben soll.
Leonhard, der eine Vorliebe für süßen Wein behielt, ließ auch den „Salzburger Stier“ bauen (den man beim Audioguide-Rundgang bewundern kann), ein mechanisches Orgelwerk, das von der Festung aus einen markerschütternden Dreiklang erzeugte, der die 5000 Salzburger Bürger früh aus den Betten warf. Als ob jeden Morgen der Minotaurus brüllt.

In der St. Georgskapelle


Eingang zur Pfisterei: Ertzbischoff Leonhart hat auch Kheller, Kuchen und Pfister lassen machen.

Eine breite Treppe aus roten Marmorstufen führt zu den drei Obergeschossen des Hohen Stocks, dem Hauptgebäude der Festung, lange Zeit Residenz des Fürsterzbischofs, mit den fürstlichen Prunkräumen und dem Festungsmuseum in den ehemaligen Wohnräumen des Erzbischofs. Faszinierend: im 1. Obergeschoss kann man durch eine freigelassene Öffnung im Fußboden verblüfft auf den Gipfel des Festungsbergs starren. Im Festungsmuseum sind einige Folterinstrumente ausgestellt, Schandmasken und eine Kette für Falschspieler.

1998 entdeckte man in der Wand eines Raums im 2. Obergeschoss eine aus sechs Bögen bestehende romanische Fensteranlage. Die Wand war einst die Außenseite eines alten Palastgebäudes. Die Bemalung der Arkadenfenster ist 800 Jahre alt.

In der Goldenen Stube

Mit Audioguide durch den Wehrgang und auf den Reckturm.



Strange to behold is the stone of this wall
Till a hundred generations of men pass away

Der Festungsgasse-Brunnen

Der Abstieg von der Festung erfordert einige Balanceakte, ein wirbelnder Fallwind wird hinter uns plötzlich zu einem Miniaturtornado, ein schwarzes Eichhörnchen kreuzt unseren Weg. Im Durchgang zum Stiftshof von St. Peter gibt es einen Klosterladen, die Mönche verkaufen erstklassiges Bio-Eis, das wir beim Marmorbrunnen im Hof der Erzabtei genießen.

Picknick bei der Pferdeschwemme am Mönchsberg, dann entern wir St. Blasius. Wir sitzen auf einer Kirchenbank, ich lese mit gedämpfter Stimme vor: „Die gotische Hallenkirche wurde um 1330 als Nachfolgebau einer schon im Jahre 1185 urkundlich erwähnten Kapelle des Admonter Hofes errichtet…“ etc. Außer uns befinden sich noch zwei ältere Damen in der Kirche, die auf einer Kirchenbank weiter vorn abwechselnd den Rosenkranz beten. Da ich weiter vorlese, werden sie immer lauter und emphatischer, bis sie den – mea culpa – wahrscheinlich erbittertsten und rabiatesten Rosenkranz erklingen lassen, den St. Blasius je gehört hat. Eine Art Call and Response and Call zwischen ihnen und mir.
Das Gewölbe von St. Blasius

Im Park von Schloß Hellbrunn ließ Trakl sich manchmal über Nacht einschließen, aber „Trakl liebte auch den Park von Mirabell mit dem Zwerglgarten und dem Labyrinth von dunkelüberlaubten Wegen und Gängen, in denen man sich verlieren konnte – Ein Faun mit toten Augen schaut / Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten. In dieser Lyrik ist noch alles gedankenmusikalisch, thematisch stimmungsgetränkt, diaphan. Der Verfall tritt dem Dichter an allen Ecken und Enden entgegen, die schöne Stadt zerbröckelt in seiner Phantasie zu amorphen, vergilbten Bildern. Aus den braun erhellten Kirchen / Schaun des Todes reine Bilder…“ (Otto Basil).
Trakl-Gedichttafel im Mirabell-Garten an der östlichen Gartenmauer. Trakls Schwester Hermine wohnte nach 1909 für einige Jahre im Schloß Mirabell.

Eine mißmutige Kreatur im Mirabell

Eine scheue Kreatur im Mirabell

Eine neugierige Kreatur im Mirabell

Freddie im Mirabell

Im Zwergerlgarten. Ursprünglich 28 Zwerge hatte Fürsterzbischof Franz Anton von Harrach, der sich auch Hofzwerge hielt, 1715 nach Kupferstichen von Callot anfertigen lassen. Ludwig I. von Bayern fand sie so entsetzlich, daß er nicht nur zum Riechfläschchen griff, sondern auch zu Maßnahmen. Die Zwerge wurden entfernt, bis heute wurde etwa die Hälfte der Figuren wieder aufgefunden und zurück an ihren Platz gebracht.


Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?

Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau hatte Mirabell 1606 für seine Geliebte, die schöne Kaufmannstochter Salome Alt errichten lassen, damals noch als Schloß Altenau, Wolf Dietrichs Nachfolger Markus Sittikus von Hohenems benannte es in „Mirabell“ um. Der Garten wurde um 1690 nach Entwürfen von Johann Bernhard Fischer von Erlach umgestaltet, um 1730 noch einmal wesentlich verändert. Wolf Dietrich hatte sich in Rom vergeblich um Dispens bemüht, um Salome zu ehelichen, aber in Salzburg spricht man noch heute von Wolf Dietrichs Frau.

Den Sonnenuntergang verbringen wir im Heckentheater aus dem 18. Jahrhundert, gestaffelte Laubhecken wie Theaterkulissen, als wir den Mirabellgarten verlassen, lockt diese Schöne an eine Hintertür des Marionettentheaters, das im alten Hotel Mirabell untergebracht ist, in dem 1928 James Joyce wohnte. Die Königin der Nacht.

„Auch ich war einmal so elegant wie Sie, in Schwarz und Weiß“, sagt ein ausnehmend höflicher älterer Herr, der um ein wenig Kleingeld bittet und sich mit „Habe die Ehre“ und „Alles Gute, Mädl, darf ich Mädl sagen?“ bedankt, wir sitzen auf dem abendlich leeren, dunklen, stillen Domplatz, Mozart kommt in einer Kalesche um die Ecke, Offenbarung und Untergang.

Was immer es war, es ging auf Mitternacht zu. Aljoscha saß am Bahnsteig 14 auf einem Gepäckwagen und sah in die Richtung, aus der die Lokomotive kommen mußte. Er sah, wie sich die beiden Silberlinien verloren in einem Korridor aus Nacht. Der irgendwo überging in den Fluß der Milchstraße. Wohin die entfesselten Dienerinnen des Dionysos den Kopf des Orpheus schleuderten.
SOMETHING’S GOTTEN HOLD OF MY HEART
Weil er von ihnen nichts wissen wollte, hatten die Mänaden Orpheus zerrissen.
KEEPING MY SOUL AND MY SENSES APART
In Aljoschas Walkman hatte dieses Stück begonnen, dieser Song, dieses 3-Minuten-45-Opus in epischer Breite, das seit Wochen alle Gründe in Abgründe stürzte, alles Sinnen und Sehnen begleitete, sein Treiben im Äther der süßen Melancholie,
SOMETHING’S GOTTEN HOLD OF MY HAND
sein langsames Entschwinden, seinen Tod im Leben.
DRAGGING MY SOUL TO A BEAUTIFUL LAND
Es war ein Lied voll hoffnungsloser Hoffnung, wie der Gesang von Matrosen nach der Seelenmesse,
TURNING ME UP AND TURNING ME DOWN
es ließ ein Licht aufgehen an dunklen Gestaden und verband alles mit allem,
MAKING ME SMILE AND MAKING ME FROWN
alles, wofür die Sonne scheinen mußte, alles, was der Mond viel besser wußte.
I’VE GOT TO KNOW IF THIS IS THE REAL THING
Und plötzlich war es die Hymne der Meuterei.
I’VE GOT TO KNOW WHAT’S MAKING MY HEART SING
Rebellionsgesang! Aufruhr vor der Admiralskajüte!
Die ganze Platte, Kicking Against The Pricks, war Leda eigentlich ein Greuel. Nick Cave & The Bad Seeds erschienen als Experten im Zerlegen gewohnter Strukturen, als Schinder des schmeichelnden Wohllauts, als Lästerer des Lieblichen, die mit fachmännisch gesenkten Köpfen einen Rhythmus zur Strafaktion erklärten und alle Melodien mit Stahlbürsten streichelten. Ausgerechnet dieses Stück nun gab sich betörend schön mit täuschend echter Harmonie und erhob sich strahlend, um auch Leda zu gefallen. Der Tod im Leben ist ein Meister der Ironie. Denn aus dem Wohlklang sprangen Würgeengel. Dieses Stück war die Verschwörung gegen das, was es zu sein schien. Dieses Lied wollte nicht nur herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Es kippte Tod und Auferstehung in die Milchtüte.
Christian Erdmann: Aljoscha der Idiot
007
„aj_graveyards Feature: christi_erdmann“
07.05.2022
Full Size:

Was singt hier? Eine Seele, schwebend in der Textur der Dinge, das Unbewußte, spukend durch die Fluchten vergessener Räume, eine Sylphide, mit Engelsschauern in der Stimme menschliche Sprachen imitierend, eine Priesterin, mit der Sprache von Nymphen und Musen die magische Entfaltung der Welt begleitend. Der Geist, der einem Sterblichen unverstehbare Geheimnisse singt. Die komplexe und erschreckende Schönheit der Mondmelodien von Persephone und Lorelei, Klagelieder, deren Klage ewiges Mysterium bleibt, das Licht der Liebe in Tautropfen gefangen. Die Cocteau Twins klingen wie das Mädchen, das dir aus dem Jenseits zu verstehen geben will, wie sehr es weiß um das Pulverfaß des Herzens. Elizabeth Fraser betont jedes Wort in seiner unendlichen Bedeutung, nicht irdisch die Semantik. Eispuls. Goldstaubrausch. Herzwehglocken. Feenkleidgestohlenes Blau. Oh, der mingmak Gling-glo.
Bei der Mehrzahl der auf „Das Cabinet des Christian Erdmann“ (und dem Vorgänger-Blog „Antirationalistischer Block“) veröffentlichten Bilder handelt es sich um Fotos, Screenshots oder Artwork von mir, Christian Erdmann. Ansonsten werden Fotos/Bilder nur zur Promotion der von mir vorgestellten Werke in den Bereichen Musik, Film, Literatur, Ballett etc verwendet. Dies geschieht ausschließlich in der Hoffnung, daß großartige Kunst weitere Verbreitung findet. Ich verdiene kein Geld mit dieser Website, it’s a labour of love. Sollten Sie als Urheberin oder Urheber mit der Verwendung von Fotos oder Bildern auf meinem Blog nicht einverstanden sein, bitte ich um Mitteilung im Kommentarbereich, ich werde die betreffenden Inhalte dann umgehend entfernen.
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10.11.2007
Die Schönheit und Gewalt von Joy Division, fast unmöglich zu beschreiben. Ein Klang und eine Stimme, die aus tintiger Schwärze kommen, um „New Wave“ auf die Ebene der griechischen Tragödie zu heben. Wahrscheinlich wird keine andere Band jemals diese kalte, scharfe Trauer berühren und vermitteln, diese Momente erschaffen, bei denen du plötzlich in Tränen ausbrichst. Das hat für mich nichts mit „Schwarzkitteltum“ zu tun, das ist so große Kunst wie Dante oder Michelangelo, die 80er sind ein musikalisch immer noch völlig falsch eingeschätztes Jahrzehnt. Die nächste Wiederentdeckung ist dann hoffentlich Bauhaus – die Songs sind zeitlos spannend und aufregend, man staunt einfach nur über den musikalischen Wagemut, das Ganze ist natürlich viel „artistischer“ als Joy Division, filmischer, mehr Artaud’schem Wahnsinn verpflichtet, das Verblüffende aber: sie wirken immer noch innovativ.
So sehr ich manche Metal-Sachen liebe: gegen die Songs dieser beiden Bands, allesamt scharf wie Messer in deiner Psyche, wirken die Black- oder Death-Metal-Geschichten auf mich ein bißchen wie die Fahrt durch die Kindergeisterbahn.
23.01.2008
Wenn man Curtis auf „Isolation“ hört, das Album dann mit „Heart And Soul“ in Geisterhaftigkeit abdriftet, der ewige Kampf dieses 23jährigen schließlich in der bleakness von „The Eternal“ und „Decades“ endet, wenn man versucht, sich die „Stroszek“ / Iggy Pop „The Idiot“-Nacht vorzustellen: noch immer gibt es in der Musik wenig, was so unter die Haut geht wie „Closer“, zwei Monate vor dem Suizid aufgenommen, posthum veröffentlicht.
Corbijn hätte viel falsch machen können, aber er hat alles richtig gemacht, angefangen mit der Besetzung. Sam Riley ist großartig.
Die beiden unberührbaren Monolithen „Love Will Tear Us Apart“ und „Atmosphere“ verbleiben im Original, aber wie Riley „Dead Souls“ singt, verursacht Gänsehaut. Auf der Bühne ist er wie eine bewegte Montage aus allen Bildern, die man je von Ian Curtis sah. Das Haus in der Barton Street. Es hatte immer etwas Seltsames, daß gleich zwei der Originalmusen, die Muse der rätselhaftesten Schönheit von Songlyrics und die Muse der unausweichlichen Tragödie, in diesem Macclesfield Lower Middle Class-Bau hausten, in diesem Schauplatz der verzweifelten Sehnsucht einer jungen Frau nach dem kleinen Glück mit den schrecklichen Gardinen und der schrecklichen Vase auf der schrecklichen Kommode, und doch war es aufgehoben in der Unmöglichkeit, ein Joy Division-Stück zu beschreiben: Schauplatz der Nichtkommunizierbarkeit. Eine der bewegendsten Szenen: wie Riley / Curtis nur schweigend den Kopf senken kann vor Debbies Tränen: „Who’s Annik? How long have you been seeing her? Answer me, Ian! Don’t ignore me! I don’t deserve this… I don’t deserve this…“. Nur in der Einsamkeit der Kunst war die Antwort möglich: „Atmosphere“.
Corbijn war behutsam genug: Annäherung gelungen, das Enigma bleibt.
10.08.2010
BUT IF YOU COULD JUST SEE THE BEAUTY aus „Isolation“ ist wahrscheinlich der Ian Curtis-Satz, der mir immer schon am heftigsten das Herz zerriß, beim Wiedersehen von „Control“ fiel mir auf, wie auch Corbijn diesen Satz, diese Strophe besonders hervorhebt. These things I could never describe. Poetry, sein Traum, wie Rosen in dieser bleakness, weil es sonst keine Verständigung gab, du kannst nur an diesem Ort, der keiner ist, beschreiben, was wirklich ist und was du bist, das ist das tödliche Paradoxon. Auch wieder gedacht, wie neben Joy Division so vieles, was mit Abstieg in Dunkelheit spielt, Kindercartoon wird.
Womit ich nichts gegen Kindercartoons gesagt haben will. Oder gegen Cartoons überhaupt. „Wer am St. Nimmerleinstag in die Gewalt einer Hexe gerät, die ihn nur gegen Lösegeld freigeben will, hat das Recht, einen zweiten Vorschlag zu verlangen, wenn ihm der erste nicht entspricht.“ (Dagobert Duck / Der goldene Eisberg). Was aber, wenn einem die Hexe entspricht?

Der Song aber, der in mir alle Lichter entzündete, war „Moonlight Mile“.
Jon Landau im Rolling Stone nannte „Moonlight Mile“
… a masterpiece. The semi-oriental touch seems to heighten the song’s intense expression of desire, which is the purest and most engaging emotion present on the record. The sense of personal commitment and emotional spontaneity immediately liberate Jagger’s (double-tracked) singing […] There is something soulful here, something deeply felt […] Paul Buckmaster […] does the best job with strings I can remember in a long, long time, while Charlie Watts only goes through the motions of loosening up his style, as he comes down hard on the nearly magical line, „Just about a moonlight mile.“
When Jagger finally says „Here we go, now“ as Mick Taylor’s guitar (Richard is inexplicably absent) falls perfectly into place with a hypnotic chord pattern, it’s as if he is taking our hand and is literally going to walk us down his dream road. As the strings push the intensity level constantly upwards and Charlie emphasizes the development with fabulous cymbal crashes, the energy becomes unmistakably erotic — erotic as opposed to merely sexual […] The expression of need that dominates so much of the record is transformed from a hostile statement into a plea and a statement of warmth and receptiveness.
This cut really does sway and when Jagger’s voice re-enters, it is […] with the kind of abandon that he seems uniquely capable of. And unique is the best word to describe the cut as a whole […].
Dieses halb fernöstliche, halb orientalische Arrangement brachte etwas so fremdartig Schönes und Mysteriöses in die Musik, und vermutlich habe ich sie nie wieder verlassen, diese dream road und die Stimmung dieses Songs. Lyrics, von denen ein Kritiker schrieb: re-created all the paradoxical distances inherent in erotic love with a power worthy of Yeats. Die Anspielung auf snow, Kokain, ist nicht das weiße Geheimnis von „Moonlight Mile“.
When the wind blows and the rain feels cold
With a head full of snow
With a head full of snow
In the window there’s a face you know
Don’t the nights pass slow
Don’t the nights pass slow
The sound of strangers sending nothing to my mind
Just another mad mad day on the road
I am just living to be lying by your side
But I’m just about a moonlight mile on down the road
Made a rag pile of my shiny clothes
Gonna warm my bones
Gonna warm my bones
I got silence on my radio
Let the air waves flow
Let the air waves flow
Oh I am sleeping under strange strange skies
Just another mad mad day on the road
My dreams is fading down the railway line
I’m just about a moonlight mile down the road
I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
I’m hiding baby and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile
The Rolling Stones: Sticky Fingers
006

Echo & The Bunnymen klingen wie die Liebesnacht mit einem Geist. Was will Ian McCulloch sagen? Er sagt es so gut. Seine kryptische Poesie verweigert sich linearer Zeichnung, manchmal sagt er eigentlich nur Klang, so ist es wohl während der Liebesnacht mit einem Geist. Manchmal sind seine Texte einfach Schimmer von Eis und Jade. Alles ist verwandelt, Tage sind kristallin oder türkis, Teufel sind weiß, der Mond tödlich, Pferde tanzen, Köpfe rollen, nur Götter werden immer Götter sein. Als Bunnyman bewegt man sich buchstäblich zwischen Engeln und Teufeln, jede Nacht hat andere Schriftzeichen am Himmel, und auf dem Thron im Paradies wird man Stück für Stück verrückt.
Die 4 Alben, die Echo & The Bunnymen zwischen 1981 und 1987 veröffentlichten, entsprechen den 4 Jahreszeiten. HEAVEN UP HERE (1981) ist Herbst. PORCUPINE (1983) ist Winter. OCEAN RAIN (1984) ist Frühling. ECHO & THE BUNNYMEN (1987) ist Sommer.
For me, it was a trip to Russia that fed into The Killing Moon. Me and Les Pattinson, our bassist, knew some people at the polytechnic in Liverpool who were going, and they said we could come. It was £200 for 10 days, including flights. We went to Leningrad, then this place called Kazam, where nobody from outside Russia had been since 1943 or something. We went to a museum full of tractor parts and this very strange party organised by the young communists where everyone wore pressed Bri-nylon flares. But there was a lot of music and we came back full of ideas of Russian balalaika bands, which Les used for the middle of the song – this rumbling, mandolin-style bass thing. – Will Sergeant, The Guardian, 2015
„The Killing Moon“ ist, wer wollte da Ian McCulloch widersprechen, „the greatest song ever written“. Die Musik beschwört die Macht des Unausweichlichen.
Under blue moon I saw you
So soon you’ll take me
Up in your arms
Too late to beg you or cancel it
Though I know it must be the killing time
Unwillingly mine
Fate
Up against your will
Through the thick and thin
He will wait until
You give yourself to him
In starlit nights I saw you
So cruelly you kissed me
Your lips a magic world
Your sky all hung with jewels
The killing moon
Will come too soon
Fate
Up against your will
Through the thick and thin
He will wait until
You give yourself to him
005