„OVER ist teilweise real, teilweise Projektion, und durch und durch doppelbödig“, erklärte Hammill noch im Interview mit Michael Ruff. Vielleicht eine Schutzbehauptung, um den Exhibitionismus-Vorwurf zu entkräften. Später kommentiert Hammill die unbehagliche Direktheit, mit der „Over“ die Seele am Ende einer langjährigen Liebesbeziehung obduziert, so: „It was my catharsis.“
Auf Julian Cope presents Head Heritage schreibt „Fitter Stoke“:
„Ever lost that special someone in your life because you took him or her for granted, then basked so much in your own personal disaster that your friends avoid you like a radioactive scarecrow? Peter Hammill has. He wrote an entire album about it.
‚Over‘ is the most confessional album I have in my collection. Its subject falls prey to all the worst excesses of emotion and self doubt that can beset the male psyche. He questions and ponders the darkest corners of his past and present life and the old age yet to come. He ruminates as his closest companions stab him in the back or are driven away by his selfishness. His partner has grown terminally sick of his bigotry and indifference, and after leaving him, commits the ultimate act of retaliation: she marries his best friend. And Hammill tells it all in graphic detail over eight remarkable songs.
(…)
‚This Side Of The Looking Glass‘ is the saddest song I have ever heard. Beginning acapella almost in the manner of plainchant, the most engaging and enchanting orchestral arrangement ever to grace a ‚popular‘ record gradually metamorphosises behind Hammill’s (…) lamentation. This is nothing less than the world of late Brahms, a minor-keyed symphonic adagio backing (and occasionally overtaking) the almost palpable sense of tragedy in the singer’s voice. Try in vain to hold back a tear when he cries ‚… like a stray dog in the night / I’ll shuffle off alone‘. A masterpiece of mood and harmonic impressionism.
(…)
Peter Hammill sorts the men from the boys. (…) ‚Over‘ stands out, and I’d recommend it to anyone with a soul and an emotional history.“
„Over“ ist ein erschütterndes Dokument all der Stadien, zu denen das Trauma der Trennung verurteilt, Trauer, Bedauern, Hoffnungslosigkeit, Beschämtsein, Verbitterung, Wut, Selbstmitleid, Selbsterkenntnis, Selbsttäuschung, Selbstgeißelung, Qual, Schmerz, Elend, Rage, Resignation, Melancholie, Verlorensein, Hoffnung auf Gefundenwerden, die letzten Zeilen des letzten Songs („Lost And Found“)
Put on your red dress, baby ‚Cause we’re going out tonight Put on your high-heeled sneakers Everything’s gonna be alright?
mit einem großen Fragezeichen versehen. Ein vergleichbares Album ist womöglich nur Bob Dylans „Blood On The Tracks“, allein, „Over“ fühlt sich weit beklemmender an, trostloser, nackter; raw pain der entblößten Seele. Die Musik selbst bedrückt und in sich gekehrt, oder aber gequält und zerrissen. Ein Unterton der Ungläubigkeit, die Unfähigkeit oder Weigerung, zu akzeptieren, daß der Verlust endgültig ist und das Scheitern unwiderruflich. Es ist ein ganz bestimmter, unheimlicher Klang, der diesen Unterton zerfetzt; die klanggewordene Verdammnis zu einsamer Verzweiflung, shattering. Auf progarchives.com schreibt ein Reviewer:
„‚(On Tuesdays She Used To Do) Yoga‘ features the single most evil sound I can think of (and I have no idea what it is but you’ll know it when you hear it.)“
Bei vielen der angeblichen Äußerungen Beethovens, die durch seinen Sekretär Schindler überliefert sind, darf die Authentizität bezweifelt werden, aber wenn für das berühmte Eingangsmotiv der 5. Sinfonie Beethovens Satz gilt: „So pocht das Schicksal an die Pforte“, dann gilt für diesen wiederkehrenden Sound eines malträtierten Bassakkords auf dem vorletzten Song von „Over“: so tritt das Schicksal die Tür ein.
Live sah ich Peter Hammill sechsmal. Einmal, mit der K Group (Nic Potter, Guy Evans und John Ellis), gerieten noch Punks außer Rand und Band. Einmal bekam er von einer jungen Frau einen Strauß Blumen überreicht und sagte am Ende: „Danke für eine wahnsinnige Abend.“ Einmal sah ich einen Mann im Publikum lächelnd weinen bei „Sleep Now“, und einmal sang Hammill „Again“ als letzte Zugabe, allein am Bühnenrand, die Saalbeleuchtung schon wieder angeschaltet, ohne Mikrofon, ohne Begleitung, nur mit Zigarette und ganz in Weiß.
Snippet kept: „Sie waren alle gekommen; die Uralt-Freaks aus seligen Van der Graaf Generator-Tagen, die Menschen, die nur einmal im Jahr in ein Konzert gehen (zu Hammill natürlich) und das Jungvolk, das bei Hammill einen Hauch der Joy Division / New Order-Düsternis sucht und auch findet. Rund 90 Minuten feierten die 800 erschienenen Insider ihren Peter. Und der dankte es ihnen mit einem Set, der nur die Perlen aus seinem Oeuvre enthielt, das mittlerweile auf 21 LPs (elf davon Solo-Alben) und gut und gerne 150 Songs angewachsen ist. Begleitet von dem hervorragenden Ex-Vibrator John Ellis an der Gitarre und den alten Van der Graaf-Mitstreitern Guy Evans (Schlagzeug) und Nic Potter (Bass) lotete Hammill (…) die Tiefen der menschlichen Psyche aus und schuf damit etwas, das man heute leider bei 99 Prozent aller Konzerte vermißt. Nennen wir’s ruhig Magie – das Dankeschön ist obligatorisch.“
„The Future Now“, „ph7“, „A Black Box“: Hammills Werk zwischen 1978 und 1980 wird in zunehmender Folge körniges Schwarzweiß, der Sound oft kalt, karg, rigide, dunkel, oft dissonant, oft experimentell, eno-esque, wenn Eno Dr. Phibes wäre und Dr. Phibes ein New Wave-Dekonstruktivist; oft slightly demented, manisch, verquer, verstörend, bizarre Texturen, die an den Nerven zerren, Songs als Antisongs, komplex oder weird oder creepy. Eben doch säurehaltiger Gesang, aggressiv, tense, dann troubled, dann fogwalking. All das faszinierend inkohärent, zusammengehalten nur von the human voice auf der Suche nach Perspektiven. Kompromißlose Vorhut, der niemand folgt. „Mr. X (Gets Tense)“ von „ph7“, einer der Songs, auf denen Hammill sich auch am Schlagzeug erprobt, sein hier eher fragmentiertes Können paßt bestens ins apokalyptische Klangbild.
A Black Box: „Fogwalking“ – through what used to be Whitechapel:
„Jargon King“ – Radiohead-Fans, aufgemerkt.
Das Album „Sitting Targets“ (1981) empfinde ich als zugleich geradlinig und mystisch. So zugänglicher wie konzentrierter Hammill, aber bei genauerem Hinhören an allen Ecken und Enden unheimlich. „Down the river Ophelia goes“, mit präraffaelitischem Synthesizerklang, alles geht seltsame Wege in dieser Ballade. „O, what a noble mind is here o’erthrown“?
„Ich mag es nicht, wenn Dinge zu klar dargestellt werden sollen, denn sie sind es nicht, und eine solche Darstellung ist in jeder Hinsicht und auf jedem Gebiet ein Trick, besonders im persönlichen Leben.“ (Hammill im Ruff-Interview).
Im Interview mit Ruff sagt Hammill auch: „Ich meine, man ist seinem Publikum eher Überraschungen schuldig als Perfektion.“ STRANGER STILL in another town: klingt das „Entropy / A worldly man, a stranger“-Coda in der Studio-Version auch eher nach mystischem Chant, so, als würden abgeschlagene Orpheus-Köpfe immer weitersingen, während Apollo ihnen gebietet zu schweigen, macht Hammill live aus „A worldly man, a stranger“ in der Regel ein a cappella-Ende von exzessivem Irrwitz.
1982 erscheint ENTER K. „ENTER K ist übrigens kein Kürzel für ENTER KAFKA. K ist einer dieser ständigen, band-internen Spitznamen (…)“ (Michael Ruff). Zwei Jahre zuvor hatte Jean-Jacques Burnel sein ENTER FM-Erlebnis: am 3. und 4. April 1980 tritt Hammill bei zwei Konzerten der Stranglers im Londoner Rainbow auf. Bei den rehearsals starrt Burnel, auch nicht als Zimperliese bekannt, Hammill schließlich entgeistert an und erklärt: „You’re a fucking maniac.“
„Graham Smith gave me the name; he said he could spot a „k“ mission in the offing from the look in my eyes.“ Ah.
Die Macht des Unbewußten:
10.12.2009, SPIEGEL ONLINE Forum, moi:
Auch nurmehr in geheimbündlerischen Zirkeln Kultstatus genießend: Peter Hammill, der unberechenbare Philosoph, der Nietzsche des Prog, der Shakespeare der Songwriter, die menschliche Influenzmaschine zur Erzeugung von Hochspannung.
„Accidents“: „Hammill bedient das Synthi-Höllenorchester“, schrieb der ME.
„Patience“, von 1983, das zweite Album der K Group, eines meiner liebsten von Hammill überhaupt. Die Band tight as hell auf Songs wie „Jeunesse D’orée“, „Now More Than Ever“ und „Film Noir“ – über eine Schauspielerin, die in ihrem caravan auf ihre Szene mit dem leading man wartet, um die Grenze zwischen Rolle und Leben zu verwischen („she’s lost herself on some dark trip“) – mit einem Revolver. „Just Good Friends“, später von Marc Almond gecovert. „Traintime“: Shouting down the passage of time.
Sollte es so kommen, daß der Höllenfürst bei meiner Ankunft schlechte Laune hat, „Mann, was glaubst du, was das hier ist, der Soundtrack zu einem Leben, das gar nicht geführt wird?“, und er mir daher nur einen Hammill-Song pro Äon erlaubt, käme ich in Versuchung, mich für „Labour Of Love“ zu entscheiden.
Der Beginn zurückhaltend, aber eindringlich, zum metronomischen Schlagzeug von Guy Evans, am Ende scheinbar vergeblicher Anstrengungen die Sehnsucht, das Werk der Liebe zu teilen, denn Liebe ist ein Werk („die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist“, Rilke), nach dem leisen „It’s a gift of love“ hört man plötzlich den tumultuarischen Maschinenraum der Seele, aus dem solche Geschenke kommen. Die mächtigen, erhabenen Akkorde des Fadeouts und der Engelschor „It’s a labour, it’s a labour of love“ darüber – an diesem Punkt ist meine Liebe zu diesem Song überirdisch.
„Patient“: Raging at the illness when the rage may be it’s cause. Klaustrophobie des Waiting for the doctor to come-Parts, Musik und Gesang der anderen Teile wie: Klare Luft Segovias, nur eine Welt entfernt.
A. Sahihi, 1986:
„David Bowie nennt ihn ‚eine der schönsten Stimmen, die sich je der Rockmusik schenkten‘, Peter Gabriel lobt ’seine brillante musikalische Intelligenz, seine poetische Potenz‘ (…) Vielleicht hat es ihm an Exhibitionismus gefehlt, am Willen, sich anzupassen, oder an dem, was man heuer ‚Marktpenetranz‘ nennt. (…) Er selbst sieht sich als Produkt literarischer Einflüsse und jesuitischer Erziehung, geprägt von fortwährendem Sich-Fragen und Sich-in-Frage-Stellen und romanhaftem Erleben des eigenen Lebens. (…) Der Geist jeder Musik, die für sich und in sich existiere, erklärt Peter Hammill, bestehe aus der Purheit des Stoffes und der Arbeit an der Umsetzung, letztlich also aus der Ehrlichkeit des Musikers.“
„And Close As This“ war Aljoscha’s choice.
„And Close As This, which many diehard PH fans are known to have a strong degree of affection for. Although there are some moments on ACAT which could hypothetically have reached a more widespread level of commercial appeal, most of the album is … something rather more special. Hammill’s vocals, alternately scathingly intense and perfectly compassionate, reach a plateau on this release which the singer has seldom managed to attain on his other works (and that’s saying quite a bit, note). The run of emotions here is quite intense, and manages to invoke both the personal and universal at the same time.“ (Christopher Currie, 1998).
„One of the many charming things about PH’s career is his use of sonic concepts (…) as a means of structuring and limiting an album (…) This album utilizes two rules at opposite ends of the spectrum – the idea of capturing a performance in a single take, and the idea of using MIDI keyboard data to shape an arrangement after the fact. The result is a curious one, unified by strong songwriting and some choices in MIDI editing that survive some of the keyboard timbres used. But whether on acoustic piano or several layers of synthesized sounds, the one-take approach (separate for keyboards and vocals but otherwise about as direct as it gets) provides an incredibly direct listening experience, one that in my mind stands out as memorable and unique in PH’s sizable catalogue.“ (listeningtopeterhammill.tumblr.com).
Intim, spartanisch, Solo-Kammermusik, das Dornröschen in Hammills Oeuvre, a sleeping beauty. „Empire Of Delight“: „A spectral love story“ (progarchives.com) in einem sanftsurrealistischen Setting, unirdisch-sinnlich… if you get my drift.
SIE hatte sich in seine Träume geschlichen in einer der Nächte
SEVEN LONG NIGHTS TO THINK
zwischen Dienstag und Dienstag, lautlos und so, wie der Gott seiner Träume SIE erschaffen hatte, badend wie eine Tochter des Neptun, jedoch nicht unter freiem Himmel, sondern in einem Schwimmbecken. Ein Schwimmbecken, wie es in einer Sequenz des Filmes Katzenmenschen vorkommt. Aber niemand löschte wie im Film das Licht, kein Fauchen zerriß die Stille, Aljoscha schwamm einfach neben IHR im Wasser, ohne jede Anstrengung, zwischen ihnen hundert Andeutungen, und er dachte: Das Becken ist das Gefäß der Liebe.
Mancher hat ein Traumland, das er Nacht für Nacht durchwandert, im Wachen nie gesehene Gestaltungen, stets aufs neue reproduziert, wie Gedächtnisrelikte eines früheren Daseins. Jeder hat im Traumreich seine eigenen Archetypen. Und die unergründliche Regie der Nachtseele ergötzt sich an unbegreiflichen Konstanten und merkwürdigen Apotheosen. Iris, ein Mädchen aus Aljoschas Schule – sie hatte ihm einmal nach der letzten Stunde einen langen Kuß und unruhige Zärtlichkeiten erlaubt –, residierte unanfechtbar als Liebesgöttin in seinem Traumuniversum, obwohl er die wirkliche Iris schon längst nicht mehr sah und nicht einmal mehr an sie dachte. Wenn er von Iris geträumt hatte, wachte er gesegnet auf. Gefährtin, Führerin, Verführerin, Fingerzeig aufs Schicksal, Erlöserin, Fatale und Totale, Irre und Wirre, Weise, Naseweise, Fesselnde, Entfesselnde, Besänftigende, Rasendmachende, Märchenhafte und Mirakel, Gedankenvolle, Geneigte und Genaugenommene, Dominierende, Dolmetscherin und Dame, Zärtliche, Zähe, Zielbewußte und Zerzauste, Elegante, Ernste, Erregende, Erlaubende, Erhebende, Bestechende, Bewußte, Beflügelnde, Blatt-vom-Mund-Nehmende, Verbessernde, Vernünftige und Verrückte, verblüffend, verwundert und verträumt, hemmungslos, humanisierend, heilkräftig und herb, trotzig, tonangebend und tiefblickend, kräftigend, entkräftend, infernalisch, intensiv und ohne ihresgleichen, ruhend, revoltierend, radikalisierend, kurz das Weibliche in jeder Hinsicht war Iris, die sich’s nicht hätte träumen lassen, in Aljoschas Träumen.
So wie das Becken in jeder Hinsicht das Gefäß der Liebe war. Aljoscha war nicht mit der Liebesgöttin Iris in das Traumwasser des Schwimmbeckens getaucht; er verstand, er verstand. Das Schwimmbecken war 2000 Faden tief. Aljoscha sah den Grund. Leda beklagte sich manchmal: „Warum träumst du eigentlich nie von mir?“, und Aljoscha antwortete: „Aber ich träume ja von dir“, denn schließlich ist auch abstruse Archetypenwahl nur Archetypenwahl.
Es war fast 15 Uhr 45, und daß Aljoscha die letzte Vorlesung des Dienstags absaß wie im Mastkorb eines Schoners, lag eben daran, daß nicht Iris im Traum erschienen war. Die Katzenmenschenfrau hatte bewirkt, was Leda zu bewirken wünschte: SIE hatte seine Archetypen abgesetzt und seinen alten Traumkult vernichtet.
Es war der siebte Tag. Aljoscha beeilte sich. „Sie ist vor mir in Wolchonka gewesen letzten Dienstag“, dachte er einen Denkfehler, denn es war ebensogut möglich, daß SIE am letzten Dienstag mit derselben Metro von Damtorsk nach Wolchonka gefahren war wie er selbst, daß SIE nur schon in Damtorsk am anderen Ende des Zuges eingestiegen war (um dann in Wolchonka am anderen Ende des Bahnsteiges auf ihn zu warten) (und ihn zu sich zu rufen) (durch psychomagnetische Deklination) (und es war um die sechste Stunde und Jesus traf die Frau am Brunnen und sie sagte, Herr, du hast nichts, womit du schöpfest und der Brunnen ist tief).
Aljoscha beeilte sich. Er hielt einfach mit der Menge Schritt, die es fast immer eilig hat, bei Kälte ganz besonders. Seinetwegen hätte die Menge auch anfangen können, zur Damtorsk-Station zu traben oder zu hopsen, er hätte alles mitgemacht, was seine Hochspannung ein wenig gelöst hätte. Andererseits durfte er das Schicksal auch nicht zu sehr herausfordern. Er und mit ihm alles andere mußte den normalsten Gang gehen. Wenn nur keine Hexe hinter ihm war! Russische Hexen gehen nämlich hinter ihrem Opfer her und imitieren seinen Gang; wenn Hexengang und Opfergang in völliger Übereinstimmung sind, läßt sich die Hexe fallen…
Aljoscha wünschte sich 360°-Augen. Er wünschte sich genau dorthin, wohin seine Füße ihn jetzt trugen, und zugleich wünschte er sich weit, weit fort. Er hörte die Musik, die sich wie von selbst zusammengestellt hatte zu einer Art von Liturgie.
Als er den Bahnsteig erreichte, sah er die Metro nach Putjagora auf dem Gleis stehen. Noch waren die Türen geöffnet. Noch konnte er in den Zug springen.
SOMEONE FETCH A PRIEST
War SIE da drin, in diesem Zug? Oder war SIE noch auf dem Weg zum Bahnhof?
YOU CAN’T SAY NO TO THE BEAUTY AND THE BEAST
Wirbelndes Schicksalsrad! Wirbelndes Schicksalsrad! Laß mich zwischen deine Speichen für eine Sekunde der Wahl!
Nein. Nicht dieser Zug.
Das Zeichen zur Abfahrt! Die Türen schlossen sich, die Metro fuhr dahin. Aljoscha lehnte sich an den Betonwall, der vor dem Fall auf die Rolltreppe schützte. Im Bahnhof Damtorsk fuhr man mit der Rolltreppe zu den Bahnsteigen hinauf, und Aljoscha observierte den Menschenstrom, der da ankam, so gut man das vermag, wenn man zugleich den Eindruck panoramischen Desinteresses zu erwecken versucht.
Stundenlang vergingen einige Minuten, untermalt von Klängen und Gesängen aus Schwarzafrika, zu denen der Trommler Stewart Copeland seine eigenen Rhythmen beisteuerte. Plötzlich nahm auch die Realzeit einen Rhythmuswechsel vor.
Eine Aureole schien SIE zu umgeben, weil SIE die Langerwartete war. Noch konnte er IHR Gesicht nicht sehen. Er erkannte SIE an der hohen Gestalt und an der 40er-Jahre-Thriller-Frisur. SIE trug einen langen Wintermantel. Russischgrün. Sehr tiefes Grün. Als SIE von der Rolltreppe auf den Bahnsteig trat, war Aljoscha schon wieder eine Allegorie der Indifferenz.
Der Gang der Frau
Verhindert ewig, o ihr Weltenlenker, daß dem Auge eines Todgeweihten, dessen Blick schon bricht, als letzter Anblick eine Frau erscheint, die einfach nur vorbeigeht. Verhindert, wenn der Arme nicht verdammt sein soll, daß sein letzter Blick den Schritten einer Dame folgt, die zufällig des Weges kommt. Man sagt, des Todes Schrecken ist einzig und allein das Nichts, aber hol’s der Teufel, wenn dieses Nichts nicht fein gestaffelt ist! Wenn endgültig genug geschrammelt ist nach schönen Augenblicken und die Stunde dräut, da wir der Dinge kommen, die da harren; wenn man nicht mehr sieht, wie hoch man schon gestiegen war, sondern nur, wie tief der Fall sein wird; fängt dann nicht sogar der Hartgesottene an, die Nichtse zu sortieren? Und ist’s nicht eins der schlimmsten Nichtse, wenn nichts mehr auf die Netzhaut geht? Das kann man so und so sehen? Noch. Da liegt der Hase ja im Pfeffer. Aber wenn kein Hase und kein Pfeffer mehr zu sehen ist, kein neuer Morgenhimmel mehr, der sich rötet wie die Wangen einer Braut? Wenn man nicht mal mehr die Hand vor Augen sieht, kann man sich das vor Augen halten? Eben nicht. In dieses Nichts zu müssen, das ist arg; und darum, mächt’ge Richter, verschlimmert nicht den Abschied tausendfach – laßt ab vom Wack’ren, der seine Seele schon verröchelt; laßt nicht sein letztes Bild, bevor der Große Wandler kommt, das Wandeln eines Weibes sein.
Nur die Frau hat einen Gang. Der Mann geht, weil er gehen muß, er ist immer unterwegs von A nach B, sein Gehen ist rein funktional und ohne Lust, es hat nichts Metaphysisches und gleichsam Schwebendes, und es hat schon gar nichts, was das Erfinden solcher Worte wie Grazie oder Anmut zwingend nötig gemacht hätte. Aber gerade der Mann, der zu schlendern versucht, der also seinen Funktionalgang vorsätzlich zum Herumlatschen abbremst, produziert Fortbewegungsarten, die seit dem täppischen Abgang des Australopithecus von diesem Planeten als eliminiert galten. Wenn er beschwingt eine Treppe abwärts schlingert, wenn seine Füße dabei in alle Richtungen schnellen, als würden aufgescheuchte Frösche in den Socken sitzen; wenn frenetisches Flattern der Hose den debilen Step begleitet und das ganze unkoordinierte Chaos deutlich macht, warum der Physik gar nichts anderes übrig bleibt als die Auflösung des klassischen Materiebegriffes, dann wird evident, daß Treppen dazu da sind, die Frau herabsteigen zu lassen aus den objektiven Himmeln ihrer Weiblichkeit. Keine Treppe bringt die Frau aus ihrem Ur-Rhythmus, dem welttragenden, der aus dem Becken kommt, dem Klangkörper des All-Tons. Wenn die Frau einen Zank damit beendet, daß sie auf dem Absatz kehrt macht, ist ihr Gang Bestimmtheit selbst, autonom und zwingend, einen Stolz diktierend, der aus Königen Kretins, aus Prälaten Pöbel und aus Städten Sandgekrümel macht. Dem Mann fehlt diese Fähigkeit: sich mit jedem Schritt zu buchstabieren. Man weiß nicht, ob er gerade zum Martyrium unterwegs ist oder zur Bushaltestelle. Geht er die Welt retten oder ins Büro? Kein Unterschied.
Der Gang der Frau ist das ewige Weitertanzen Salomes, die niemals zu versklavende Geschmeidigkeit der Artemis, der kreisende Schoß der Astarte, der Trotz der Jeanne d’Arc vor ihren Richtern, der unbeirrbare Gang durch die Geschichte mit jenem Hauch von Überlegenheit, an den zehntausend Jahre Unterdrückung nicht reichen – das für immer Unberührbare. Die Frau geht voller Eleganz durch einen Hurrikan und mit Würde aufs Schafott, ihr Gehen ist die ewige Bewegung um einen Schöpfungspunkt herum, der Schreitzyklus ihrer Schenkel ist wie der elektromagnetische Atem des Universums, und wenn ihr Gang von jener Art ist, daß es einem Mann die Augäpfel zu sprengen droht, dann handelt es sich nicht um etwas Künstliches, sondern um Natürliches als Kunst. Alles andere bildet ihr Spalier: der Gang der Frau ist jederzeit ein Kommen, auch wenn es nur ein Gehen ist.
Es war der 24. November. Aljoscha überquerte die Kreuzung am Damtorsk-Bahnhof und bog in die Allee ein, die zum Universitäts-Hauptgebäude führte. Ein Schwarm nachdenklicher Vögel zog über ihn hinweg. Er näherte sich den Mysterienkulten, und das Mysterium näherte sich ihm.
SHE’S WALKING DOWN THE STREETS
SIE kam ihm entgegen unter den schwarzen Gerippen der Bäume. Er war wie vom Wetter gerührt. Es war doch erst Montag! Es war erst gottverdammter Montag! SIE,
BLIND TO EVERY EYE SHE MEETS
zunächst nur ein Schemen in der Ferne, eine Luftspiegelung in der Wüste, dann jedoch eindeutig offenbart durch IHREN Gang, SIE kam auf ihn zu wie des Henkers schöne Tochter, unbeirrbar, ohne Hast,
SHE HOLDS HER HEAD SO HIGH
IHRE Ledertasche mit beiden Armen an sich drückend wie eine Magd den Apfelkorb oder eine Hexenkönigin den Kater, die fünf Töchter der Gnade im schwarzen Handschuh. Weil der Schwung der Arme entfiel, wirkte SIE
LIKE A STATUE IN THE SKY
noch zurückhaltender, noch unerschütterlicher, noch mehr in sich gekehrt als sonst; IHR Gang wurde dadurch nur noch aufsehenerregender. SIE vollzog eine gelassene Tortur an jedem, der SIE beobachtete, und allein die Art, wie SIE sich bewegte, brachte klar zum Ausdruck, wie das Getriebe der Welt für SIE keinerlei Konkretheit annehmen konnte, wie extravagant die Vorstellungen sein mußten, die für diese Frau Bedeutung hatten. Oder war es ein Schmerz, zu tief, um Außenwelt zu dulden? SIE ging wie eine Frau, die abzuwarten wußte, den Blick gesenkt, vornehm wie eine Pfingstrose am Mittag, schlank wie eine der Lamien.
Ein reichlich abgekartetes Spiel
Aljoscha betrat den Fahrstuhl und schloß das Gitter. Der Fahrstuhlführer musterte ihn mit dem Nicken eines listigen Untersuchungsrichters. Es nahm kein Ende, dieses Nicken.
„Was soll das heißen?“ rief Aljoscha. „Sie verstehen sich am Ende gar als eine Art Mitwisser?“
„Hören Sie“, sprach der Fahrstuhlmann, „im dritten Stock wohnt eine, die Sie liebt!“
„Ich weiß“, antwortete Aljoscha müde.
„Und dann ist da eine, die sich im Souterrain verborgen hält, die liebt Sie auch!“
„Das sagen Sie. Können wir jetzt fahren?“
„Dritter Stock oder Souterrain?“
„Zur Empore. Ich möchte die Konstellationen betrachten.“
„Gibt harsche Tendenzen bei einer Triade, was?“
„Zerstörerische. Schweigen Sie endlich.“ Aljoscha hatte plötzlich den Eindruck, als trüge der Fahrstuhlführer eine Maske und hinter der Maske kein Gesicht.
„Mythen, gewiß. Aber sind sie fraglich, weil sie Mythen sind?“ gab der Fahrstuhlführer zu bedenken. Die Empore war erreicht. Aljoscha gab dem Fahrstuhlführer ein paar Münzen und sagte: „Hier, kaufen Sie sich davon einen Flugfrosch.“ Er bezog den Standpunkt der Observation und richtete sein Augenmerk auf eine Vielheit, die sich zur Einheit versammelte in einem reichlich abgekarteten Spiel.
(Allgemeines Gemurmel)
DER HERRSCHER. … doch, doch… manche beginnen zu verstehen, daß die Ewigkeit in einem einzigen Augenblick wohnt…
DER HOHEPRIESTER. Wollen’s hoffen, wollen’s hoffen!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Mein Pferd tanzt auf zwei Hufen über 39 Stufen voller Pulverschnee!
DER RITTER DER STÄBE. Mein Pferd machte mich kürzlich darauf aufmerksam, daß sich die Sterne in der Sakeschale spiegeln!
DER RITTER DER SCHWERTER. Sag noch, dein Pferd furzt Maximen.
DER RITTER DER STÄBE. Auch, auch!
DER NARR. Pardon! Pardon! Wohlaufgemerkt! Das erste Wort!
TUGEND. Bitte, wäre es wohl zuviel verlangt, uns den Grund zu nennen, der uns hier zusammenführt?
DER TEUFEL. Gründe, wer braucht Gründe? Kleinkariert, ducknackig! Kannst du nicht einmal grundlos sein? Motivation, Klotivation! Nimm mal den dings, wie hieß er, Jesus! Hatte der einen Grund? Den würde er wohl immer noch suchen!
TUGEND. Mit dir spreche ich nicht, Versucher!
DER TEUFEL. Mit mir spricht jeder irgendwann. Darum sind wir ja hier, Puppe.
DER MAGIER. Wir sind hier, um in die Waagschale zu werfen und Widerhall zu finden. Wir werden ins Gewicht fallen, und wir haben Nachdruck zu verleihen.
DER TEUFEL. Sicher, wir waren nicht immer einer Meinung, aber er hatte doch Mumm, dieser Christus. Doch, doch. Ich ziehe meinen Hut.
DER NARR. Hut?
DER TEUFEL. Das sagt man so. Ich ziehe meinen Hut. Man muß keinen aufhaben, weißt du? Ich hab mich mal mit Grammatik beschäftigt.
DER MAGIER. Als der Vorsitzende dieses Nachtkonzils erinnere ich daran, daß wir nichts als Ganzheit sind, sobald ein freier Wille durch die enge Pforte dringt. Laßt daher alte Zwistigkeiten ruhen! Ich werde jeden Streit beenden, der nicht dazu taugt, die Dunkelheit, aus der man uns rief, zu erhellen. Wer weilt noch anderwärts?
MOND. Der Tod. Doch ich sehe ihn, er ist schon nah.
DER TEUFEL. Oh stille Mondgöttin, deine Weitsicht! Dein mädchenhaft ungetrübter Blick! Dein keusches, kaltes Licht! Aber mich kannst du nicht täuschen, Urheberin der Fieber! Schöpferin des Zweideutigen! Sind wir nicht wie Geschwister?
MOND. Mein Licht ist wie eine Oase für den Durstigen. Deine Liebe ist wie Gift in einem Brunnen.
DER TEUFEL. Was für eine gräßliche, groteske Unterstellung! Ich habe allenfalls interesseloses Wohlgefallen an –
DER TOD.(Hereinstürzend) Entschuldigt! Ich wurde aufgehalten.
TAPFERKEIT. Hat man Euch zu einer Partie Schach gefordert?
DER MAGIER. (zum Tod) Nimm Platz, wir wollen beginnen.
DER TOD. Ich stehe lieber. Man weiß nie.
DER MAGIER. Du bist jetzt nur Prinzip.
DER TOD. Ach ja. Verfluchtes Durcheinander.
DER MAGIER. Ich eröffne also diese Konferenz, die nach irdischer Zeit den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde dauern wird. Wer will beginnen?
DER WEISE EREMIT. Ich bitte um Gehör.
DER TEUFEL. Was will er, ein Hörrohr?
DER MAGIER. Sprich, Eremit.
DER WEISE EREMIT. Ihr wißt, ich bin ein Pilger, der von Stadt zu Stadt gegangen ist, ohne einen Blick für Tand und Flitter; ich war auf hohen Bergen und in tiefen Tälern, um zu finden, was keiner von euch sucht. Und so mancher wird sich denken: was will er uns denn sagen, er kennt sich doch nicht aus! Aber ist einer unter euch, der mit einem Scheusal rang, größer als die Pyramiden? Stand einer von euch Auge in Auge mit dem Biest, das Versuchungen ausdünstet, betörend wie die wohlduftenden Essenzen der Libyer, lockend wie ein Hauch von Ambra oder Zibet auf der milchweißen Haut der Odaliske? Hat einer von euch je einen Zweikampf ausgetragen mit dem von schwarzen Pusteln übersäten Urbild des Verrats? Der soll mich unterbrechen!
DER TEUFEL.(Wiener Schmäh imitierend) Der Sigmund, des is a Freud.
DER WEISE EREMIT. Ich sehe mit Betrübnis in das Innere der Angelegenheit, die wir verhandeln sollen. Sie ist ernst.
DIE HERRSCHERIN. Und wißt Ihr auch, wie ernst sie ist, mein weiser Mann?
DER WEISE EREMIT. Ah, Ihr! Unwürdige! (mit dem Finger auf die Herrscherin zeigend) Ihr sitzt da wie ein Freudenmädchen!
DER TEUFEL. Ach Gottchen, haben wir noch nie einen Strumpfhalter gesehen?
DIE PRINZESSIN DER KELCHE.(Tuschelnd) Henri der Dritte fiel jedesmal in Ohnmacht, wenn er eine Katze sah!
DIE PRINZESSIN DER STÄBE.(Mit ihrem Fächer wedelnd) Das Obszöne entsteht im Auge des Betrachters, das ist meine Meinung! Ist sie die Liebesgöttin oder nicht?
DER MAGIER. (zur Herrscherin) Madame, hättet Ihr die Güte, Eure Kleidung ein wenig zu arrangieren.
DER TEUFEL. Köstlich! Was für eine Farce! Haben wir schon angefangen, oder wie?
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer ist es denn, der uns befragt?
DER MAGIER. Er zählt die Sterne an seinem Nachthimmel, verhundertfacht die Zahl und schwört, es sind die Jahre, die er eine Fremde liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Ach… das ist hübsch.
DER WEISE EREMIT. Sinnlose Verwirrung ist nicht hübsch! Dieses Herz, das in einer anderen Schuld steht, wird von einer Sirene becirct! Und ich sage, wer den Weg gefunden hat, warum sollte er den Weg verlassen? Wer den Stab hat, sich darauf zu stützen, warum sollte er nicht standhaft bleiben? Das höchste Gesetz, hat es keine Geltung mehr? Dieser törichten Anwandlung muß Einhalt geboten werden, oder die Steine in den Mauern werden schreien!
DER TEUFEL. (zum Narren neben ihm) Très joli, n’est-ce pas?
DIE HERRSCHERIN. Ihr seid im Irrtum, Eremit. Das höchste Gesetz, es gilt noch immer. Auf die Silbe.
DER TEUFEL. Großartig! Dann können wir ja alle wieder nach Hause gehen. Ich habe einen Braten in der Röhre.
DIE HERRSCHERIN. Einen Menschen lieben, das war und ist Gesetz.
DER WEISE EREMIT. Ihr betont es falsch. Einen Menschen lieben.
TUGEND. Muß man nicht alle Menschen lieben, damit man einen liebenkann?
DER KÖNIG DER SCHWERTER. Durchaus nicht. Aber man kann alle Menschen lieben, indem man einen liebt.
DIE PRINZESSIN DER SCHWERTER. Aber wer alle Menschen lieben will, muß ganz abstrakt werden! Sind nicht alle großen Komponisten Philanthropen?
DER RITTER DER SCHWERTER. Philanthrop oder Misanthrop. Was im übrigen dieselbe Abstraktion ist.
DIE KÖNIGIN DER SCHWERTER. Aber jeder Philanthrop hat etwas Misanthropisches, weil er von der Güte des Einzelnen absieht. Und jeder Misanthrop hat etwas Philanthropisches, weil er die Schlechtigkeit des Einzelnen verzeiht.
DER RITTER DER STÄBE. Ha! Genug Schwertgeschwätz, um der Hydra die neun Köpfe abzutrennen, aber leben eure Worte je durch Blut? Worum es geht, das ist doch wohl, beim Zeus: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich davon abhält, seinem Herz zu folgen?
DER KÖNIG DER SCHEIBEN. Worum es geht, das ist doch wohl, beim Jupiter: ist der Mensch denn noch bei Trost, der alles aufgibt wegen einer Laune?
DER TEUFEL. Worum es geht, das ist doch wohl, bei meiner Rübe: ist der Mensch denn noch bei Trost, der sich diesen Quack noch länger anhört?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Es gibt nur eine Wahrheit, und wer sich ihr in den Weg stellt, hat mit Sachschaden zu rechnen!
DER RITTER DER STÄBE. Aber welche ist es?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Weiß ich doch nicht.
DER RITTER DER STÄBE. Die Moderne geht mir auf den Sack. Früher war alles einfacher.
DER MAGIER. Konflikt entsteht aus der Verschiedenheit von Sein und Sollen. Was trifft aufeinander? Ein Herz, das sich ein Gesetz gab, und eine Fügung, die scheinbar Herz und Gesetz entzweit.
DER HÄNGENDE MANN.Man kann natürlich vieles Fügung nennen!
DER TEUFEL. Herrgott, warum schreist du bloß immer so?
DER HÄNGENDE MANN. Verzeihung. Meine Haltung verleiht mir die Impression, daß ich schlecht zu verstehen bin.
DER HOHEPRIESTER. Und wenn diese Fügung nur als Phantasie besteht?
DER MAGIER. Wäre sie dann weniger bedeutsam?
DER HOHEPRIESTER. Scheinbar greift sie an, was besteht. Oder greift sie an, was nur scheinbar besteht?
DIE HOHEPRIESTERIN. Hat diese Fügung Sein, das werden soll? Oder ist ihr Sein ein Widerspruch zum Sollen?
TUGEND. Ist ihr Sollen nicht nur Schein?
DAS SCHICKSAL. Oh nein, ihr Sein steht tief im Soll.
DER WEISE EREMIT. Was andere Fügung nennen, nenne ich Schuld!
DER TEUFEL. Zicke zacke zicke zacke, hoi hoi hoi!
DER RITTER DER KELCHE. Schuld ist ein hohles Wort. Ein extrem gewölbter Begriff. Bauchig geworden vor lauter hineingestopftem Sinn.
DER WEISE EREMIT. Schuld ist Schuld, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten!
DER RITTER DER SCHEIBEN. Könnte es sich bei dem Stand, den wir betrachten, um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER TEUFEL. Könnte es sich bei deinem Verstand um eine vorübergehende Erscheinung handeln?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Ich lasse mich nicht beleidigen, auch nicht vom Herrn Satan persönlich! Nennt mir Euren Sekundanten!
DER TEUFEL. Hm – Ozzy Osbourne?
DER RITTER DER SCHEIBEN. Sehr witzig.
DER TEUFEL. Ach, hol dich der Teufel.
DER KÖNIG DER KELCHE. Hört mich an, bei der Asche Gogols! Kein Geschehen ist ohne Bedeutung, oder stimmt das etwa nicht? Hat schon alles seinen Sinn, ja, das kann man sagen! Das Geschehen, das ist wie ein – wie ein – Glas mit Wodka! Es wäre schlecht bestellt um die Bedeutungen, wenn sie nicht schon drin wären im Geschehen, wie Wodka im Glas! Ich meine, wo sollten sie sonst hin, die Bedeutungen?
DER TEUFEL. Ist ein Doktor anwesend? Rasch, wir haben einen Notfall hier!
DER KÖNIG DER KELCHE. Wie soll einer die Bedeutung des Geschehens erkennen, wenn es kein Geschehen gibt? Ich bin für weiteres Geschehen, bis man die Bedeutung trinken kann! Sehen kann, ’zeihung.
DIE LUST. Ja! Ja! Ich will, daß es geschieht! Das Geschehen soll geschehen! Immer!
DER WEISE EREMIT. Nur über meine Leiche!
DER TOD. (Aufwachend) Pardon?
DER NARR. (Klatscht Beifall) Das ist ein Wort! Ein gutes Wort! Das ist das beste Wort! Das erste Wort! (spricht leise vor sich hin, mit verschiedenen Betonungen) Pardon? Pardon! Pardon…
DIE PRINZESSIN DER STÄBE. Geschehen muß sein. Wovon sollte man sich als Eremit sonst abwenden?
DER WEISE EREMIT. Ein solcher Hang zum Fatalismus kann nur von Übel sein!
DIE HERRSCHERIN. Niemand sprach von Fatalismus hier.
DER WEISE EREMIT. Aber man kann den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen!
DAS SCHICKSAL. Ach! Seit wann denn nicht?
Woher kommen wir?
SIE kam. SIE ging nicht in die andere Richtung. SIE ging nicht an ihm vorbei. Man kann nur tun, was man will, wenn man auch das Gegenteil tun könnte, und nichts hätte SIE am Gegenteil gehindert. Aber SIE war ihm gefolgt und stand urplötzlich auf einem Punkt im All, der von seinem Standpunkt nur zwei Armlängen entfernt war. Unauffällig wie eine gotische Kathedrale. Als hätten die Himmelsmächte in Windeseile eine Statue errichtet neben ihm, eine Marmorschönheit, die Kunst des Phidias übertreffend. Ihre Position war so eindeutig auf ihn, Aljoscha den Idioten, abgestimmt und eingestellt, daß ihm das Herz in die Kniekehlen sank, und mit also beherzten Knien versuchte er, neben dieser Hohepriesterin des Unnennbaren zu bestehen. Zu stehen, fürs erste.
Majestätisch, erhaben, unbewegt, doch Gott weiß welche Schwingungen aussendend, tat SIE nichts, als einfach mit rätselhafter Unerbittlichkeit in sein Leben zu treten. Wer war SIE? Oder was war SIE? Die Diskrepanz zwischen IHRER diktatorischen Präsenz und IHRER demonstrierten Gleichgültigkeit war nervenzerfetzend.
Ein Mann kam auf Aljoscha zu. Und was war jetzt das? Ein weiterer Abgesandter, ein Unheilsbringer? Ein Kurier aus anderen Dimensionen? Wladimir Majakowski? Hauen Sie ab, ich warne Sie! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten! Der Ziegenbock oben! Der Ziegenbock unten!
„Kennen Sie sich hier aus?“ fragte der Mann.
„Ja.“
„Fährt diese Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann.
„Nein“, sagte Aljoscha.
Der Mann ging nicht weg. Aljoscha hatte Lust, in seinen Schal zu beißen und zu rufen: „Schmeckt sehr schal!“ – wenn es nur den Mann verjagte.
„Fährt denn gar keine Bahn nach Wolchonka?“ fragte der Mann. Die großen Anzeigetafeln überall kümmerten ihn wohl nicht sehr.
„Doch. Wahrscheinlich die nächste.“
Wieder vergingen kostbare Sekunden.
„Wann kommt die denn?“
Unbeirrbar ging der Mann am Rande einer Ohrfeige spazieren.
„Bald. In fünf Minuten. Keine Panik.“
Der Mann machte runde Augen: „Ich? Panik? Wieso?“
Aljoscha dachte: weil sich gleich ein Loch auftut und dich verschluckt. Aber der Mann zog endlich weiter.
Und damit hatte SIE seine Stimme aus der Nähe vernommen. Beruhigend, daß man Gesagtes nicht an sich bringen kann, um Fernzauber damit zu treiben. Oder kann man? Vielleicht hatte SIE Mittel, um den Klang seiner Worte substantiell zu machen und einzureiben mit einem Gemisch aus Geckospucke, Viperntränen, Belladonna und Pulver aus dem Gürtel der Persephone und… Jessas. Wie sagt Majakowski in Seht, so ward ich ein Hund: „Sicher – die Nerven, gehn mir an die Nieren…“
Als die Metro in den Bahnhof eingerollt war und Aljoscha einstieg, folgte SIE ihm so spurgetreu, als würde SIE hinter ihm durch eine Schneewehe gehen. Unfaßbar, dachte er. SIE will es so. SIE will es so.
Er lehnte sich an eine Trennwand. Ob IHR das Gedränge keinen Ausweg ließ, oder ob SIE sich dazu entschloß, jedenfalls blieb SIE ganz nah bei ihm, als hätte er ein Anrecht auf das berauschende Gefühl dieser Nähe, auf den Reiz, der darin lag, daß SIE vor aller Augen eine Art von Zugehörigkeit vorspielte, andererseits aber nur sie beide wußten, was hier vor sich ging. Für diesen exklusiv exhibitionistischen Akt drehte SIE ihm, natürlich, den Rücken zu, und trotzdem war es, als würde er durch ein Schlüsselloch schauen, und als würde SIE es wünschen, ihn auf diese Weise zum Voyeur zu machen. Für eine kostbare Minute exquisiter Martern lud SIE seinen Blick ein, in IHR Haar zu tauchen und sich von den Wellenlinien jeder Strähne mitreißen zu lassen; dann, wenn SIE den Kopf ein wenig drehte, die Länge IHRER Wimpern zu studieren, während IHR Parfum ihm die Sinne verwirrte, Dufthauch einer prächtigen Blüte, die sich für einen luxuriösen Exzeß zur Schau stellt. Dann, als sich an einer Trennwand vis-à-vis ein Platz zum Stehen bot, nahm SIE diesen mit einer raschen und geschmeidigen Bewegung ein; es war unmöglich, zumindest für Aljoscha, dabei nicht an den lautlosen, waagrechten Sprung eines todsicheren Panthers zu denken. SIE warf herrisch den Kopf in den Nacken, schien einen scharfen, seltsam befriedigt wirkenden Atemzug zu tun und sah ihn kurz und beunruhigend an. Zum ersten Mal standen sie von Angesicht zu Angesicht.
Auge in Auge.
Woher kommen wir? Woher kommen wir zurück? Welche Sprache, in jedem Gedächtnis längst erloschen, sprachen wir? Welche Dynastie statuierte ein Exempel? Welchen Glauben erklärte sie für rechtens? Welchen Kult verbot sie? Welcher Tyrann ließ uns verfolgen? In welchem Land, in welchem Reich kam ich zu spät? Begehrte diese Frau Erinnerung an jene Stunde, da SIE an einen Pfahl gekettet war, zu Tode gequält von den Schergen des Herrschers? Erinnerung an den letzten schwachen Glanz in IHREN Augen? Erinnerung an seine zorngeballte Faust und seinen Schwur, diesen Glanz wiederzufinden, bevor die Sterne aufhören zu wandern? Ein Zucken IHRER Lippen – es lag Getriebensein darin und Grausamkeit. Oft wie nie zuvor fand er IHREN Blick, den Blick, der zwischen ihm und der Vernunft jedes Band zerschnitt. IHRE Haltung war gebieterisch und streng, IHRE ganze Erscheinung erteilte die Lektion, nichts erhoffen zu dürfen, niemals; und gerade darum glich IHR Blick einer Verzweiflungstat: die sehnsüchtige Aufmerksamkeit IHRER Augen wirkte scheu und beinahe flehentlich, als wollte SIE dem Zeichenlehrer sagen: laß mich Rosen tuschen in das Album deiner Not… IHRE Stiefelspitzen zeigten in so grundverschiedene Richtungen, daß es nur zwei Möglichkeiten gab: SIE war Ballettänzerin oder vom Teufel besessen.
Anschwellendes Dämonenheulen
Könnte man unsichtbar werden wie Ariel, der Luftgeist, um zu spionieren! Einmal nur sich umschauen in den Gemächern, die SIE bewohnte! Zwei oder drei Geheimnisse IHRES Lebens, um wenigstens die Nervosität ein wenig zu lindern! Bevorzugte SIE Kirschen oder Erdbeeren? Rosen oder Lilien? Paris im Frühling oder London nach Mitternacht? Sacher-Masoch oder den Marquis de Sade? Opium oder Shalimar? Trank SIE den Tee mit Zucker oder nicht? Liebte SIE vielleicht nur Frauen? Welches war der Spiegel, vor dem SIE IHRE Strumpfnaht richtete? Was bedeuteten die Bilder, die an den Wänden hingen? Erschienen jede Nacht dieselben Silhouetten vor dem Fenster? War Zeit ein Schwindel hier, im Schein von 13 Kerzen? Träumte SIE zuweilen, daß eine dieser Türen in unterirdische Verliese führte?
Hier, wo SIE aus IHREM langen, schweren Wintermantel glitt, in den gehüllt SIE auf den Straßen die Blicke der Verstohlenen mit eisiger Mißachtung strafte. Hier, wo IHR in einem schwarzen Universum milchig weißes Licht huldigend entgegenströmte. Hier, wo IHRE geschlossenen Lider erzitterten, wenn die Wesen in den unterirdischen Verliesen brüllten.
SIE schlägt die Augen auf und sieht: nicht ihn. SIE beobachtet nicht ihn mit kühlem Interesse und präziser Neugier. Mit IHR erhebt sich eine ägyptische Königin, gewillt, IHRE Macht zu erproben mit ruhiger Selbstverständichkeit. SIE läßt nicht ihn den Kuß der züngelnden Natter fühlen, dann IHREN eigenen Kuß, und nicht ihm schmilzt das Rückgrat in der Glut. SIE schmiegt sich an die bronzene Katzengöttin, eingesperrt in ein fremdes Jahrhundert wie in einen Kerker voller Seufzer, deren Echos keinen Ausweg finden. Während SIE in unangreifbarer Reinheit thront, läßt SIE nicht ihn sein Verlangen büßen. Die Sterne werden rasend. Nebelschwaden kriechen durch den Korridor. Aljoscha kniet, die Hände auf dem eisigen Stein, den Blick zur schönen Peinigerin erhoben, die nicht ihm unter seidigen Bedingungen IHREN Willen aufzwingt. Nicht er streckt die Hände nach IHR aus wie eine verdammte Seele. SIE legt sich auf einen steinernen Altar wie auf einen Diwan, hingegossen, man hätte SIE für wollüstig halten können, eine Bewegung IHRER Beine verursacht anschwellendes Dämonenheulen – und der Hauptmann, der hervorwächst aus dem Nebel, brüllt martialisch – und Aljoscha heult sein eigenes Heulen, als er die blanke Klinge in den Hauptmann rammt und den Widersacher meuchelt und ein ganzer Lebensstrom die steilen Stufen in die Tiefe rinnt. In der Bredouille war Aljoscha an der Peripherie des Wirklichen – und im Zentrum des Phantastischen.
– Artwork CE – Foto CE – A. E. Waite Tarot Card – Artwork CE – Artwork CE
„Am Abend fuhr er dann ein drittes Mal durch Dobropol, unterwegs zu einem Auftritt des Musikers und Sängers Peter Hammill.
Hammill war ein Künstler, der auch seine Zuhörer zu Künstlern machte: zu Virtuosen in der Kunst des Zuhörens. Seine Texte setzten wundersame Wandlungen in Gang: der Einzelgänger war willkommen wie ein charmanter Plauderer beim Nachmittagstee, äußerste Individualität war äußerste Vertrautheit, der Tiefschürfende war Busenfreund, das Spinnerte war sonnenklar, alle Menschen konnten alles verstehen, Spinoza war gar keine Nudelspeise. Aber in der andächtigen, fast sakralen Stimmung, in die ein Auftritt Hammills getaucht war – als ob Merkur seinen Stab hebt, um ein Loch in die Wolken zu stochern –, detonierten die Worte eines derart Wortgewandten zugleich auf paradoxe Weise die Macht der Worte. Während Aljoscha Hammill zusah, wurde ihm klar, wie die Worte als Söldner der positivistischen Ordnung völlig nutzlose Schlachten schlagen – während sich unterhalb gewisser Schichten das Wesentliche vorbereitet. Hammills Stimme kannte eine Pein, deren Gefahr darin liegt, zur melancholischen Konstante zu werden – die Pein der Erfahrung, daß Worte Versager sind. Nicht nur, daß sie sich an alles, was sie beschreiben wollen, nur annähern; oft sind sie nur Handlanger der Irrtümer und der Illusionen, die wir so gut über andere hegen wie andere über uns, die kleinen und gemeinen Krieger der falschen Vorstellungen, gegen die man bis zur Besinnungslosigkeit kämpfen muß. Man wird errichtet aus Worten, man wird ein Angeblicher, und diesen Angeblichen treffen Affekte und Aufgeregtheiten und mehr Worte, die sich jetzt nicht einmal mehr annähern, oder nur noch an eine Fiktion, bis man dem Schöpfer dieser Fiktion zurufen möchte: du redest und kämpfst die ganze Zeit mit dir selbst. Das Große an Hammills Kunst war, daß er all das wußte und zum Ausdruck brachte und trotzdem ein Loch in die Wolken stocherte; daß er den Existenzkampf der Worte vorführte, oder besser: den Kampf der Worte um etwas Existentes. Seine Texte waren Begleittexte: der Versuch, nicht zu verstummen, während sich unterhalb gewisser Schichten das Wesentliche vorbereitet.“
(Christian Erdmann, Aljoscha der Idiot, Kapitel 15)
„The Aerosol Grey Machine“, die erste LP von Peter Hammills Band Van der Graaf Generator, entstand in zwei Tagen. Als ich 16 war, kursierte die Platte in meiner Schule, ich bekam sie zusammen mit „The Velvet Underground & Nico“ auf ein Tape. Schon der erste Song, „Afterwards“, erinnerte mich an die Zukunft. „Venus In Furs“ verriet, daß Schönheit immer gefährlich ist, und wie „All Tomorrow’s Parties“ verriet „Afterwards“, daß Schönheit immer traurig ist.
You stare out in yellow eyes larger than my mind In viscous pools of joy, relaxing, we glide It’s all too beautiful for my mind to bear And, as we shimmer into sleep, something’s unshared
But seeing the flower that was there yesterday A tear forms just behind the soft peace of your shades The world’s too lonely for a message to slip But between the dying rails of peace you trip
The petals that were blooming are just paper in your hand Your eyes which were clear in the night are opaque as you stand It was too beautiful for it to last These visions shimmer and fade out of the glass
The petals that were blooming are just paper in your hand.
Das wie ein Cembalo gespielte Piano übertrug vornehm-zarte Bilder aus einer anderen Zeit in mein diffuses Gefühl, zu spät geboren zu sein. Am Ende dieser seltsamen Platte, auf „-> Octopus„, singt Hammill „I want to paint you long poems full of fire“, und „I want you to cascade through ten thousand rainbows with me“, die Arme der Frau mit dem kupferroten Haar, die ihn umschlingen und umwinden und in tiefste Tiefen hinabziehen, verwandeln sich aber in die eines, nun, Oktopus. Danach mußte man das Licht wieder anmachen, Poe lesen und am nächsten Tag zu spät zur Schule kommen.
Wirklich entdeckt habe ich Peter Hammill aber erst in jener Nacht, als eine von Eberhard Schoener initiierte „Classic-Rock-Nacht“ im deutschen TV lief. Ich war auf einer ganz anderen Linie unterwegs zur Kollision mit dem Eisberg – John Cale, die ersten beiden Platten der Psychedelic Furs -, das im TV Präsentierte schien mir kalter Kaffee, es lief nebenher, ich war mit irgendwas beschäftigt, dann kündigte Schoener als Ersatz für irgendwen Peter Hammill an, und er sang „This Side Of The Looking Glass“. Es war überwältigend. Unwirklich. Intensiv. Brillant. Daß es wirklich passiert ist, bestätigte mir ein gewisser Sascha im SPIEGEL-Forum:
20.09.2006
Es gab Zeiten, in denen man erst 8 Minuten Cocteau Twins im Radio hörte und direkt danach walisischen Punk. Hey Vivian, kennst Du „Crafwr“ von Anhrefn? Ich muß jetzt weinen.
Paul Baskerville war unerreicht, aber es gab beim NDR einige Moderatoren, die wunderbar individuelle, aufregende Programme zusammenstellten. Einer hieß Stefan Kühne. Peter Urban, der sich heute durch den Eurovision Song Contest grummelt, hatte mal Peter Hammill im Studio – und nannte ihn permanent „Pete Hammill“.
Peter Hammill ist mal zur Prime Time im deutschen Fernsehen aufgetreten, hat da „This Side Of The Looking Glass“ gesungen, kann sich das jemand vorstellen? Wenn jemand das Stück kennt, kann er sich das erst recht nicht vorstellen.
Letztlich war man schon immer gezwungen, die Perlen in einem Sack voll Linsen zu suchen. Und die Suche ist heute nicht weniger aufregend. Aber die Masse schalen Epigonentums, die sich gegenwärtig auftürmt, ist höher als André Bretons Wäscheberg (irgendwie der höchste Berg, den es aus dem Weg zu räumen gilt, um zur Geliebten zu gelangen, weiß auch nicht, Breton lesen).
*Adorno-Modus an* Die Musikindustrie hat offensiv vergessen, daß rigoroser Individualismus kraft der entflammenden Selbstbesinnung des Genius höchste Allgemeingültigkeit reklamieren kann, erschwindelt Allgemeingültigkeit durch mimetische Individualismus-Posen, perpetuiert Schemata auferlegter Identifikation und beschränkt sich mit der Torheit des formfremd Undurchdrungenen. Authentische Kunst, welche die Krise des Sinns auf sich nimmt, weicht im kontaminierenden Ohrenschmaus bloßer Velleität und quasi epischer Reihung des Albernen. Banausie. *Adorno-Modus aus*
SaschaHH:
Schön, daß hier jemand Peter Hammill kennt und erwähnt. Da ich diesen grundehrlichen und im positivsten Sinne ernsthaften Musiker nun schon seit ca. 14 Jahren kenne und schätze, macht mir die schon seit langem zu erkennende kreative Ermüdung des populären Mainstreams keine Sorge. Ich weiß, daß es genug Perlen gibt. Man muss sie nur suchen oder das Glück haben sie zu finden.
„This Side Of The Looking Glass“ im deutschen Fernsehen. Heute schwer vorstellbar. Aber ich habe das Video, es ist wirklich passiert :-)
Dies ist der Song. Von „Over“, 1976.
Zeitgleich fiel mir ein Sounds-Artikel von Michael Ruff in die Hände, der Hammill vier Seiten widmete, betitelt: „Verfechter der Zweideutigkeit“. Schon mit dieser Headline war ich gewonnen. Ich ging los und suchte „Nadir’s Big Chance“. Aber die Platte hatte noch nicht ihre Zeit. Im nächsten Sommer traf mich dann ihr Schlag, und so setzten sich meine Roaring Twenties damit fort, fürderhin von allem umgeben zu sein, was sich in den Plattenläden auftreiben ließ von Peter Hammill und Van der Graaf Generator.
„Er hätte einmal berühmt werden können“, leitet Ruff den Sounds-Artikel ein. „Sein Album PAWN HEARTS war Nummer Eins in Frankreich und Italien, seine Band Van der Graaf Generator schwamm […] über positivste Kritiken und kommerzielle Achtungserfolge endlich einer relativ gesicherten Existenz entgegen. Hammill jedoch verzichtete und entschied sich für einen Werdegang, der ihn in den Augen John Lydons, damals noch Sänger der Sex Pistols, zu einem der wenigen Musiker werden ließ, die man noch ernst nehmen könne.“
Tatsächlich sagte Lydon, damals noch Johnny Rotten, im Juli 1977 in der Tommy Vance Show auf Capital Radio:
„Oh, Peter Hammill’s great. A true original. I’ve just liked him for years. If you listen to him, his solo albums, I’m damn sure Bowie copied a lot out of that geezer. The credit he deserves just has not been given to him. I love all his stuff.“
Lydon spielte zwei Songs von „Nadir’s Big Chance“, einer davon war „The Institute Of Mental Health, Burning“.
„The Institute of Mental Health, Burning“, schreibt The Seth Man auf Julian Cope presents Head Heritage, „is the singularity of a very singular album. It doesn’t fit in, but… it does. As a collaborative song of ‚outsanity‘ by Hammill and earliest VdGG cohort Chris Judge Smith, it’s lighthearted, absurd and plain sinister but somehow maintains its mysterious unresolved qualities by being all those at once […] The coda of incessant ‚Burning, burning, burning, burning, burning, burning, burning…“ goes on way too long for comfort like the sped-up laughter on ‚Bike‘ does.“
Über die glühende Bewunderung des John Lydon für Hammill sinniert Michael Ruff:
„Was Lydon damals im Auge hatte, als er mit seiner Sympathie für Hammill überraschte und damit seine wache Auffassungsgabe bewies, war wohl Hammills minutiöses Orakel der musikalischen Umwälzung, deren Star John Lydon selbst war […] Hammills Bildersprache als Nadir sah neben der Bedeutung sinnreicher Phantasienamen auch den anfänglichen 3-Akkord-Gitarren-Fetischismus des Punk voraus.“
Hammill ging für „Nadir’s Big Chance“ im Dezember 1974 ins Studio; in den Sleeve Notes schreibt er:
„The way of it is this: I was sitting in the waiting-room when I gradually became aware that I was not alone – or at least, not singular. This lasted only a moment, however, and then my alter ego, Nadir, took me over, so that I was both him in body and myself in observation. Light; a curious desultory silence; several moments of disorienting neo-dematerialisation. An ice-blue Stratocaster spinning through space; Nadir crashing his way through distorted three-chord wonders. The anarchic presence of Nadir – this loud, aggressive, perpetual sixteen-year-old (…) I can only submit, gladly, and play his music (…) This album is, more or less, what he plays and who he is (…) After all, with the state the world’s in there’s always room for another Nadir.“
Und er beschreibt einen Teil der Songs als punk songs. Hammill nimmt den Anbruch der Punkbewegung vorweg, sieht ihn prophetisch voraus, behauptet Anfang 1975, vom Geist eines jungen, anarchischen Rotzlöffels namens Rikki Nadir besessen zu sein, oder spielt zumindest mit diesem Identitätswechsel, Nadir ist kathartisch wirkender Katalysator u.a. für eine heftige Tirade gegen das Musikbusiness („Two Or Three Spectres“), für Songs, die Hammills Kompromißlosigkeit „konsequent bis zum Brachialen“ (Ruff) umsetzen: „Hammill’s usual sense of incisive clarity, now refracted through Nadir’s blowtorch, burned white hot.“ (The Seth Man). Und er ruft im Titelsong „Nadir’s Big Chance“ dazu auf: smash the system with a song. Mein liebster Nadir-Song ist allerdings der in den Lyrics am wenigsten rebellierende, „Birthday Special“.
The Seth Man: „Here, Jackson’s having a wild weekend on honkin‘ sax, Evans triples up with resoundingly thudding tom-tom fills, Hugh Banton fills in on rumbling bass clusters while Hammill’s introductory guitar razoring gets the blood flowing in exactly the same amassed, flurry-out-of-nowhereness as Keith Levene’s opening split silver headstock’d guitar buzzsaw on ‚Public Image‘. Hammill’s vocals are at their fiercest as they draw out single syllables forever describing a party where half the guests got loaded, threw up in the bathroom and fell over in the sitting room. The ones that didn’t left hours ago, which leaves only Rikki Nadir (who at most only downed a pair of brandies but his vision is clear and his inner game has been peaking with each passing moment) alone with guest of honour: the birthday girl herself. Only she’s no girl (she’s a lady) and she’s currently gazing directly back at him through the hazy blur of the late night kitchen with its table and countertops littered with dishes, glasses, drained bottles and torn gift wraps. (…) He’s not even all over her and she’s already smiling herself into a dreamy surrender cos after all: he’s the only motherfucker of the party with enough class to remain standing on his own two feet.“
Fand jedenfalls immer, daß der Gitarren-Riff-Teil 2:08 – 2:22 den zweiten Gitarren-Riff-Teil von „Anarchy In The U.K.“ (so nach 2 Minuten) vorwegnimmt.
Nicht der übliche rührselige Quark, den du jeden Tag hörst: Here comes a special that Hansel and Gretel never had.
„Pompeii“. Der goldene Traum, Satellit und Ebenbild dem Glanze Roms, Hammill schwebt traumartig über der antiken Stadt, beobachtet die silberhellen Kinder im Forum, im Badehaus, in den Bordellen, etwas Fremdartiges weht vom Tyrrhenischen Meer heran, doch niemand im fortwährenden Fest und Maskenspiel vernimmt es, da sind die blonden Herrinnen der Rituale des Dionysos, Wein und Liebe und Lachen die ganze Nacht hindurch. Schließlich: zwei Liebende schauen aus ihrem schattigen Versteck. Was sehen sie? Wie die Sonne sich verdunkelt? Plötzlich auf den Straßen der Stadt, deren Türme ins Azur des Himmels ragen, nur noch der Klang von Touristenschuhen – während Geräusche der Gegenwart in die Vision einbrechen, gerade noch zurückgerissen aus Asche, graublau blendendem Tod, dem jähen Leichentuch. Guy Evans‘ Trommeln „in hypnotically measured syncopation“ (The Seth Man), hypnotische Abgemessenheit als Sound besiegelten Schicksals.
She’s gone-Verzweiflung unter einem leeren Himmel, allein am schäumenden Meer: Hammill war immer auch ein Mann für die ganz düsteren Stunden. Shingle Song.
Mit Hugh Banton (keyboards, bass pedals, bass), Guy Evans (drums) und David Jackson (saxophone, flute) war auf „Nadir’s Big Chance“ die „klassische“ Van der Graaf Generator-Besetzung präsent, die auch „Pawn Hearts“ eingespielt hatte und 1975/1976 drei weitere Alben aufnimmt. Im Januar 1978, als Banton Van der Graaf Generator wieder verlassen und Nic Potter dafür seinen alten Platz am Bass wieder eingenommen hat, schreibt Manfred Gillig in Sounds den Artikel „Van der Graaf – Mit Hochspannung in den Dom der Freude“:
„Es gibt nicht viele Bands, die ein in sich so geschlossenes und gleichzeitig so vielseitiges Werk vorweisen können wie Van der Graaf Generator. Und es gibt nicht viele Gruppen, die wie sie trotz einer recht abwechslungsreichen Geschichte so konstant gute und interessante Musik gemacht haben und dabei doch immer eine Kultband geblieben sind.
Was mich von jeher bei der Musik dieser Gruppe beeindruckte, das war das Nebeneinander von verspielter Leichtigkeit und dramatischem Pathos, von lyrischem Schweben und Ausbrüchen in die Sphären konkreter Musik, von präziser Unbestimmtheit und komplizierter Präzision, von Jazz-, Klassik- und Folkelementen vor einem sicheren Rockhintergrund – kurz: eine Musik, die ziemlich einmalig ist und sich Vergleichen und Kategorisierungsversuchen entzieht.
[…] Peter macht den Eindruck eines regen, vielseitig interessierten Gesprächspartners. Er äußert pointierte Meinungen, bleibt aber immer der höfliche englische Gentleman und ist bemüht, keine Fragen offen zu lassen, möglichst viele Aspekte eines Themas abzudecken – und er redet sehr ausdrucksvoll, sehr schnell und sehr viel. Wenn er nicht Speed- oder Coke-Fan ist, dann hat er zumindest eine sehr, sehr schnelle Zunge, einen hellen Kopf und eine verhalten nervöse Motorik.
[…] Doch sollte man vielleicht zuallererst einmal abklären, was das eigentlich für ein seltsamer Generator ist, nach dem sich Van der Graaf benannt haben. Erfunden wurde das Ding [1929] von einem Physiker, der sich in etwas abweichender Schreibweise Van de Graaff nannte. Seine Konstruktion, auch Bandgenerator genannt, besteht aus einer sorgfältig isolierten Metallkugel, der über ein Endlosband aus Isolationsmaterial ständig elektrische Ladung zugeführt wird. Die Kugel wird so aufgeladen – bis zu 1,5 Millionen Elektronenvolt Spannung lassen sich damit erzeugen. Diese riesige Spannung drängt zur Entladung und wird z.B. dazu benutzt, in Atomforschungsanlagen Atomteilchen zu beschleunigen. Der aufmerksame Leser sieht: ‚Spannung‘ ist ein Schlüsselwort, das für Band und Generator gilt, ‚Entladung‘ ist das andere.“
VdGG, „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“, 1970: auf „White Hammer“ geht es um den Hexenhammer (Malleus Maleficarum): das Stück endet „with one of the most evil musical passages ever laid down outside of a hard rock or metal record. That organ tone is simply HORRIFYING.“ (madnest.com).
Während der Aufnahmen zu „H To He, Who Am The Only One“, auch 1970, taucht David Bowie im Studio auf, um bei den Sessions zuzusehen. Neben John Lydon haben sich auch Nick Cave, Marc Almond, Julian Cope, Mark E. Smith, Robert Fripp („Peter Hammill hat für den Gesang getan, was Hendrix für die Gitarre tat“), und eben David Bowie zu Bewunderern Hammills erklärt. Angeblich soll Bowie sich einmal als „the poor man’s Peter Hammill“ bezeichnet haben. In „The Man Who Sold The World: David Bowie and the 1970s“ zieht Peter Doggett einen Vergleich zwischen Bowies Song „Station To Station“ und dem 1970 entstandenen „Darkness (11/11)“ von Van der Graaf Generator. Laut Doggett hat Bowie sich um 1974 tief in Hammills Werk versenkt, kurz bevor er sich auf seiner spirituellen Suche zwischen Kether und Malkuth ein wenig verirrte und nur noch Milch, Kokain, Bücher und Krautrock zu sich nahm. Hammills Song „(In The) Black Room“ von „Chameleon In The Shadow Of The Night“ soll besonderen Eindruck auf Bowie gemacht haben. Vergleiche zwischen Hammill und Bowie, was Themen, Songwriting, Sinn für Drama und vocal performance angeht, sind gar nicht selten.
„Pawn Hearts“ von 1971, „a work of near-cataclysmic power and strength“ (Zig Zag Magazine), stand, so rätselhaft das heute klingt, in Italien 12 Wochen auf Platz 1 der Albumcharts.
„This is more like an art rock album wrenched out from the inside of a madman’s brain. It’s a horror movie for the ears. It’s unafraid to go to places absolutely atrocious and dissonant, and then swing right back to passages unrivaled in their beauty and clarity. It’s a schizophrenic motherfucker, this record is.“ (madnest.com).
The Mojo Collection, 4th edition: „‚The times were intense, and we were an intense, even scary band‘, remembers frontman/songwriter Peter Hammill. Back in 1971, things rarely got scarier than Pawn Hearts, VDGG’s most traumatic album […] Pawn Hearts‘ compelling, claustrophobic, carefully-hewn chaos is practically unique in pop.“
Mojo schrieb auch etwas wie: die Musik von Van der Graaf Generator kann sich anfühlen, als ob man mit stechenden Schmerzen in den Armen aufwacht und in der offenen Schrankschublade befindet sich eine Klapperschlange.
„A Plague of Lighthouse Keepers“ von „Pawn Hearts“ ist ein 23-Minuten-Stück über das langsame Verstandverlieren im Zustand extremer Isolation. „When you see the skeletons of sailing-ship spars sinking low you’ll begin to wonder if the points of all the ancient myths are solemnly directed straight at you“: da ich über jedes Wort Gewißheit wollte, besitze ich die beiden Bücher, in denen Hammill all seine Texte und einige Kurzgeschichten versammelte, „Killers, Angels, Refugees“ und „Mirrors, Dreams and Miracles“, unfaßbare Schätze, diese kleinen Päckchen, die aus England ankamen, noch handschriftlich bestellt bei Sofa Sound, lang bevor das Internet aufmachte.
„How I adored this record. However, thirty-one years and a coupla hundred spins later, I’m still genuinely disorientated by this extremely everything LP, and even more in Shock’n’awe of Peter Hammill than I was all those ye-hars ago […] Also remember when you hear this stuff that Peter Hammill is, on this recording, only about 24 years old though getting decades older by the hour.“ (Julian Cope, 2003).
Einige der Möglichkeiten, „A Plague Of Lighthouse Keepers“ zu hören:
1) Diese Musik „vermag es, Ehepartner aus dem Zimmer zu treiben.“ (Fred G. Schütz, 1992)
2) Man verfolgt die Lyrics.
Wenn „Killers, Angels, Refugees“ nicht zur Hand ist:
(Eyewitness)
Still waiting for my saviour, storms tear me limb from limb; my fingers feel like seaweed, I’m so far out I’m too far in. I am a lonely man, my solitude is true, my eyes have borne stark witness and now my nights are numbered, too.
I’ve seen the smiles on dead hands, the stars shine, but they’re not for me.
I prophesy disaster and then I count the cost I shine but, shining, dying, I know that I am almost lost. On the table lies blank paper and my tower is built on stone I only have blunt scissors, I only have the bluntest home. I’ve been the witness and the seal of death lingers in the molten wax that is my head.
When you see the skeletons of sailing-ship spars sinking low You’ll begin to wonder if the points of all the ancients myths are solemnly directed straight at you…
No time now for contrition, the time for that’s long past, the walls are thin as tissue and if I talk I’ll crack the glass So I only think on how it might have been, locked in silent monologue, in silent scream.
I am much too tired to speak and as the waves crash on the bleak stones of the tower I start to freak and find that I am overcome….
(S.H.M.)
„Unreal, unreal“ ghost helmsmen scream and fall in through the sky, not breaking through my seagull shrieks – no breaks until I die. The spectres scratch on window-slits, the hollowed faces and the mindless grins are only intent on destroying what they’ve lost.
I crawl the wall till steepness ends in the vertical fall; my pail has sailed into the sea – no joking hopes at dawn. White bone shine in the iron-jaw mask, lost mastheads pierce the freezing dark and parallel my isolated tower… no paraffin for the flame, no harbour left to gain.
(Presence of the Night / Kosmos Tours)
‚Alone, alone‘ the ghosts all call, pinpoint me in the light. The only life I feel at all is the presence of the night.
Would you cry if I died? Would you catch the final words of mine? Would you catch my words? I know that there’s no time, I know that there’s no rhyme, false signs find me. I don’t want to hate, I just want to grow; why can’t I let me live and be free? But I die very slowly alone.
I know no more ways, I am so afraid, myself won’t let me just be myself and so I am completely alone.
The maelstrom of my memory is a vampire and it feeds on me; now, staggering madly, over the brink I fall.
((Custard’s) Last Stand)
Lighthouses might house the key but can I reach the door?
I want to walk on the sea so that I may better find a shore; but how can I ever keep my feet dry? I scan the horizon, I must keep my eyes on all parts of me.
Looking back on the years it seems that I have lost my way: like a dog in the night I have run to a manger, now I am the stranger I stay in. Ah, well.
All of the grief I have seen leaves me chasing solitary peace; But I hold experience in my head. I’m too close to the light I don’t think I see right, for I blind me.
(The Clot Thickens)
Where is the God that guides my hand? How can the hands of others reach me? When will I find what I grope for? Who is going to teach me? I am me / me are we / we can’t see any way out of here. Crashing sea, a trophied history: chance has lost my Guinevere…
I don’t want to be one wave in the water but sea will drag me deep: one more haggard drowned man.
I can see the lemmings coming, but I know I’m just a man. Do I join or do I founder? Which can is the best I may?
(Land’s End (Sineline) / We go now)
Oceans drifting sideways, I am pulled into the spell, I feel you around me, I know you well. Stars slice horizons where the lines stand much too stark; I feel I am drowning – hands stretch in the dark.
Camps of panoply and majesty, what is Freedom of Choice? Where do I stand in the pageantry, whose is my voice? It doesn’t feel so very bad now, I think the end is the start, begin to feel very glad now: All things are a part All things are apart All things are a part.
3) Die Seele trennt sich vom Körper nach etwa sechzehneinhalb Minuten.
Die VdGG-Besetzung mit Hammill, Hugh Banton, Guy Evans und dem Van Gogh des Saxofons, David Jackson, hatte sich also bei „Nadir’s Big Chance“ wiedergefunden, noch im selben Jahr erscheint „Godbluff“. Michael Ruff:
„GODBLUFF geriet zu einem Hammer. Ein Album, das man laut spielen, dabei aber ins Nebenzimmer wechseln sollte. (…) Ein Wechselbad aus Poesie und dumpfer Gewalt.“
Julian Cope über „Godbluff“: „It was the best re-formation ever. Godbluff was every inch a classic. It conjured up vast tracts of heathland, the burning huts of herdsmen, hordes of chariot maniacs trashing farmsteads, heads on javelins stuck in the earth. And Hammill standing amidst all this, Zoroaster-like and mystified, searching desperately and eloquently for some semblance of moral where there was none.“ (MOJO, May 2002).
Wenn nicht überhaupt die auf „Godbluff“ beschworene Atmosphäre, so ist es vor allem die Bildersprache von „Arrow“ und „Scorched Earth“, die Cope hier inspiriert. My own Godbluff aber beginnt damit, daß sich bei Nacht eine bewußtlose Armee in Gang setzt… „The Sleepwalkers“. And I, like you, must dance to that moonlight song. Einige der Möglichkeiten, Van der Graaf Generator zu hören:
4) Nic Potter: „I had a girlfriend who threw up at the sound of Van der Graaf. She literally opened the window and threw up.“
1971 erschien auf dem Charisma-Label „Fool’s Mate“. Die Platte gilt offiziell als Hammills erstes Soloalbum, Van der Graaf Generator-Mitglieder gleichwohl anwesend. Robert Fripp ebenfalls. Songs von einfacher Schönheit, täuschend einfach, mittelalterlich einfach, weil tief, zeitlos, sublim, sinnlich, pure, vollkommen. Songs, die Hammill als 17jähriger schrieb. Now I wander with the clouds through eternal space: Solitude.
Lange, sehr lange war meine Antwort auf die Frage, welches mir der ergreifendste und schönste love song sei auf diesem Planeten: Peter Hammill, „Vision“.
Aljoscha Tuschkin glaubte an eine Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Universums. Das war die unzeitgemäße, antiquierte, vielleicht auch futuristische Idee des Erstgeborenen, der jede Widerlegung dieser Idee in seinem Herzen widerlegte und in dieser Frage, auch wenn man ihm erklärt hätte, daß leben lernen ein Leben dauert, alles gute Zureden ignorierte. Er hatte immer glauben wollen, daß über diese Erde, diesen Asphalt, diese Brücken, unter diesem Mond, unter diesem Morgenstern, unter diesem Abendhimmel und unter diesen Satelliten, zwischen diesen Statuen und Parkbänken und Laternenpfählen, durch diese Gemäuer und durch diese Korridore jene Eine und Einzige wandelte, für die er geboren war, jene eine Tochter, der er versprochen war seit der Entstehung des Wasserstoffs. Er hielt das selbst für ziemlich dumm, aber „o Dummheit, wenn du doch ohne mich regieren wolltest“ stöhnte einer wie er völlig vergeblich. Es gab dieses Etwas, das als Engel am Bühnenrand entlang schritt und dem er verfallen sein würde, solange er lebte.
Ein Saufaus namens Aristophanes, wohnhaft in einer Zeit ohne Nachnamen, streute bei einem Symposion das Gerücht, die Menschheit habe ehedem aus Kugelwesen bestanden, was an sich eher geschuckt klingt und nicht dazu geeignet, die herrschende Meinung über Philosophen irgendwie zu ändern, aber mit einer homöopathischen Dosis gutem Willen wird man die Kugel als ideale Form wohl anerkennen können. Diese Kugelwesen also, behauptet Aristophanes, wurden sämtlich in zwei Hälften gespalten, was deutlich nach dem Schnickschnack aussieht, mit dem göttliche Mächte sich allenthalben zu beschäftigen scheinen: das Universum krümmen, eine Lichtgeschwindigkeits-Begrenzung festsetzen, 100 Sekunden nach dem Urknall die Temperatur auf 1 Milliarde Grad Celsius fallen lassen, warum also nicht Kugelwesen spalten. Jede Hälfte sucht nun auf Erden ihr Pendant, und so gaben die Götter den Menschen Sehnsucht, Liebe und Verlangen. Eine akzeptable Theorie, wäre nicht besagter Aristophanes Komödiendichter gewesen.
Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah
Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah, meinte er sich an sein Schiff erinnern zu können, an das Ächzen und Knarren der Planken und Spanten, an das verzerrte Gesicht des Steuermanns, an Admiral Nelson, der nachts bei rauher See bisweilen aufstand, um die Schiffskatze zu trösten. Das ließ seine erste Ehe scheitern.
Es war ihm selber ein Rätsel, aber wenn er wollte, konnte Aljoscha nahezu waschechtes Cockney-Englisch sprechen. Und in einem verschämten Winkel seines Herzens glaubte er, daß er in einem früheren Leben hinter einem der Fenster aufgewachsen war, unter denen die Huren von Whitechapel Wünsche weckten und nicht selten auch an Ort und Stelle erfüllten, daß er dann ausgerückt war zu den Docks von Bristol oder Plymouth, in Moloneys Bar seine Seele für ein paar Silbermünzen und eine Blasphemie verkauft hatte und dann an Bord gegangen war. Dafür sprach unbedingt, daß die alten Lieder aus England, Irland oder Schottland, die vom Leben der wehmütigen Seemänner und der tapferen Fabrikmädchen handelten, von blutigen Schurken wie Long Lankin, von der toten Braut, die als Geist zurückkehrt, oder von Thomas The Rhymer, den die Elfenkönigin ins Elfenland entführt, in Aljoscha stets den ungereimten Wunsch weckten, in der Zeit dieser Lieder gelebt zu haben – bis er sich eben sagte: das habe ich dann ja wohl, verflucht.
Oft war es Musik, bei der die Melodie sich über einem einzigen beständig durchgehaltenen Akkord erhob; schon das machte Aljoscha völlig widerstandslos. Wie ein fester Blick, in dem die Macht von tausend Worten liegt. Eine Weite tat sich auf zum Auf-die-Knie-Sinken, und jede Melodie darin klang wie das erste oder letzte Lied auf Erden. Und wenn dann auch noch D-Dur die Tonart war! A Sailor’s Life, ein ganzes Seemannsleben in D-Dur… Aljoscha konnte keine Noten lesen, aber sobald er Musik hörte, bei der er sich wünschte, daß sie niemals aufhört, konnte er 100 Guineas darauf setzen, daß D-Dur im Spiel war.
Wenn er also in einem früheren Leben Seemann gewesen und ertrunken war, wenn ihn die Undinen auf den Meeresgrund gezogen hatten, wenn in diesem Leben nun sein Ohr so überaus empfänglich für D-Dur war, und wenn das Meer uns ein Gedächtnis gibt für das letzte, was man hört nach einem Schiffbruch, dann konnte das zusammengefaßt nur eins bedeuten: die Undinen sangen in D-Dur.
Der Himmel wird brechen
Und da stand sie. Die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen. SIE.
Aljoscha kannte IHREN Namen nicht, doch er kannte SIE, erkannte SIE, sie erkannten sich, buchstäblich und nicht im biblischen Sinne. Niemand hätte Zeuge sein können, niemand hätte vermutet, daß die kaum merkliche Regung auf dem Gesicht der jungen Frau in Verbindung stand mit dem flüchtigen Blick des jungen Mannes, der gute fünf Meter von IHR entfernt stehenblieb, weil eine Eingebung oder eine Erinnerung oder die Stimme der Isis ihm sagte, daß er nicht zu weit gehen durfte, buchstäblich und in jedem anderen Sinne.
Seine Sinne gerieten in kompletten Aufruhr, seine Nervenbahnen glichen den Straßen von Kalkutta, wildes unverständliches aufgeregtes Gestikulieren im Gangesdelta seines ZNS, Aljoscha vertiefte sich in sein Buch und verstand von dem, was er da las, kein Wort mehr. Er starrte auf die Zeilen, aber seine Augen gehorchten einer technischen Störung. Aljoscha stand auf dem Bahnsteig von Wolchonka mit einer Wahrnehmung, die auf einen Punkt im All fokussiert war, der fünf Meter links von ihm lag, nur noch auf das reagierend, was da zu empfangen war. Und es war da, um empfangen zu werden. Die Erregungsübertragung in seinen Synapsen randalierte, als wollte sie verhaftet werden. Er stand völlig still, und sein Inneres tanzte einen Veitstanz.
Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, nahe bei den Schaukästen mit den Fahrplänen. Als eine Minute verstrichen war, maß der Abstand zwischen IHR und ihm jedoch nicht mehr die ursprünglichen fünf Meter. Die Distanz verringerte sich, ohne daß Aljoscha sich von der Stelle rührte. Teile, addiere, multipliziere und verstehe.
Immer mehr Menschen drängten auf den Bahnsteig und schoben sich, ohne es zu merken, in einen Strahl allerfeinster Teilchen, in den durch beschleunigten Herzschlag aufgeladenen Ionensturm zwischen zwei scheinbar unbeteiligten Menschen, aber nichts und niemand unterbrach Aljoscha beim Empfinden jener Macht zu seiner Linken. IHRE Nähe beschlich ihn panthergleich, und Aljoscha ahnte, welche Veränderung jetzt heraufbeschworen wurde. Diese Ahnung war es, die ihn beinahe niedersinken ließ. Er hätte jetzt nur noch den Arm ausstrecken müssen, um SIE zu berühren. Mit überlegener Noblesse hatte SIE sich im Hintergrund gehalten, um alle Fahrpläne außer Kraft zu setzen.
Er sah er SIE an, mit einer Frage in den Augen. SIE erwiderte den Blick, kurz und knapp, aber mit einer Antwort in den Augen. Es war, als hätte jemand Schach geboten.
Langsam rollte die Metro nach Putjagora ein. Aljoscha ließ sein Buch verschwinden, und SIE, bei Isis, ließ erkennen, daß SIE mit ihm einsteigen und nicht von seiner Seite weichen würde. SIE änderte die Spielregeln. Er steuerte wie in Trance auf eine der Metrotüren zu, vor denen sich Menschenmengen stauten. Das Einsteigen zog sich hin… Aljoscha spürte, mit welch mathematischer Präzision dieses Zeitlupentempo auf etwas zulief, das seine Kräfte überstieg – im allerletzten Augenblick floh Aljoscha aus IHREM Bann und bestieg den Metrowaggon durch eine andere Tür. Solch abrupter Richtungsänderung konnte SIE nicht folgen, würde SIE nicht folgen – und SIE folgte nicht.
Als die Metro sich in Bewegung setzte, fand Aljoscha seine Fassung wieder. Er dachte die Gedanken, die Deserteure eben denken. SIE mußte sich irgendwo in diesem langen Waggon befinden, in dem etwa ein Viertel der Weltbevölkerung enerviert aus der Wäsche schaute. Noch vor zwei Minuten hätte Aljoscha überhaupt darauf gesetzt, daß SIE die Metro nehmen würde, die durch die noblen Stadtteile in Richtung Belonosko fuhr. Die bourgeoise Metro. Die Putjagora-Metro war die Metro des Proletariats. Die Wege des Herrn, nur halb so unergründlich wie die der Herrin. Aber wenn man es genau betrachtete, hätte die bourgeoise Metro ebensowenig zu IHR gepaßt. Was hätte überhaupt zu IHR gepaßt? Vielleicht eine Petersburger Troika auf einem zugefrorenen See, weiße Pferde links und rechts und ein schwarzes in der Mitte.
Woroprod, die erste Station, und wer starrte so gebannt aus dem verschmutzten Fenster wie Aljoscha? SIE war nicht ausgestiegen. Eine Metro voll eschatologischer Erwartung rollte weiter durch den trüben Winterabend.
Dobropol, die nächste Station. „Nicht hier! Das geht nicht!“ dachte Aljoscha – SIE war ausgestiegen. Auf der anderen Seite der schmutzigen Glasscheibe sah er die Katzenmenschenfrau mit eiligen Schritten entschwinden, hier, schon, warum denn ausgerechnet hier? Dobropol? Unfaßbar. Unmöglich. Dobropol. Ha.
Ozeane von Bildern und Gedanken überfluteten Aljoscha in dieser Nacht, kein Damm hielt stand, das war der Untergang, wie süß! Seit Stunden ging das so, und anders ging es nicht. Der Himmel wird brechen, weiß eine orientalische Sage, es sei denn, der Dicke, der Unendlich Dicke, schluckt jeden Tag eine Murmel. Aljoscha betrachtete die Sterne und fragte sich, ob sie wohl günstig standen oder ungünstig, jedenfalls standen sie, blinkend wie Tigeraugen im Dschungel, und sie hatten etwas vor. Scheinbar lag der Kosmos immer noch an dem Ort, von dem man wußte, daß er da lag. Wenn in dieser Nacht kein Vollmond schien, war es ein Versehen.
Eine neue Zeitrechnung
Eine neue Zeitrechnung hielt Einzug in Aljoschas Leben. Eine Zeitrechnung von Dienstag zu Dienstag.
Als Aljoscha am Donnerstag mit der Metro zur Universität fuhr, sah er beim Halt in Dobropol mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Vor 48 Stunden war SIE hier ausgestiegen: Neubauten zur Rechten, Einfamilienhäuser links. Eine Atmosphäre von Verlassenheit und Öde über allem, mitten in der Großstadt. Ein Quartier, durch das drei Monate alte Zeitungen wehten. Vielleicht waren die fragwürdigen Tendenzen, die den fahlen Lichtschein scheuen, hier nicht fragwürdiger als anderswo, vielleicht war die finstere Tätigkeit, die Schuldlast mehrt, hier nicht finsterer als anderswo, vielleicht brach sich hier in kalter Nacht der Wind an der zum Umpusten ausgemergelten Gestalt eines einsamen Stromers, vor dem sich die Betonburg wie eine Gewitterwand auftürmte. Aber der Klang IHRER Absätze hier… was fängt die Einbildungskraft damit an? Hatte SIE hier IHRE Wohnung? Oder ein ganz anderes Ziel?
Freitag. Aljoscha sprach seit einer guten Stunde am Telephon mit Leda, als ihm, Schuß ins Auge, plötzlich aufging, daß das wahre Leben schon woanders war. Er selbst war längst woanders. Auf der anderen Seite des Spiegels. Es war möglich: er konnte der Welt das Spiegelbild jener Geschichte zeigen, die sich eben zutrug an der Oberfläche, doch diese Geschichte war für ihn wie Tarnung. In der Welt hinter dem Spiegel schaute er sich um mit angespannter Wachsamkeit, ein Spion durch Transition, im Hinter-Land der Wirklichkeit.
Am Sonnabend war Dienstag vier Tage her.
Am Sonntag fuhren Leda und Aljoscha aus der Stadt heraus, ließen den Wagen in der Nähe eines Schloßparks stehen und wanderten in den Nebel, den die Dämmerung brachte. Krähen stiegen auf, und in der Ferne bellte heiser und unermüdlich ein Hund. Aljoscha erwartete noch ein Rudel Wölfe und eine Pokerrunde Moorleichen.
„Ich weiß genau, wenn wir erst zusammen wohnen, wird alles einfacher“, sagte Leda und umschlang ihn fester. „Nicht wahr, das glaubst du doch auch? Aljoscha?“
„Manches“, sagte er. „Nicht alles. Manches ist entweder da, oder es ist nicht da. Und wenn es jetzt nicht da ist, wird es nie da sein.“ Er ging weiter, als würde Leda ihn nicht fester umschlingen. „Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich sagte: wenn du mich wirklich willst, dann bekommst du mich restlos, aber bedenke, daß ich dich genauso restlos will –?“
„Natürlich erinnere ich mich, warum?“
„Wir hatten uns nie restlos, oder?“
Leda ließ ihn los. „Ich empfinde nicht so, nicht im mindesten, und ich weiß auch nicht, warum du immer so grundsätzlich wirst!“
Sie überquerten eine Holzbrücke. Herabgefallenes Laub bedeckte den Wassergraben wie eine gemusterte Decke. Ein paar Untote schwebten grinsend vorbei.
„Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich sagte: ich verfluche jede Stunde, in der ich nicht weiß, was du fühlst, und wenn du das nicht mehr ertragen kannst, werde ich dich auf andere Weise lieben… und dich dabei verlieren –?“
„Jetzt aber genug davon! Wenn das dich quält – nun, dann sollten wir gleich morgen damit anfangen, eine Wohnung zu suchen! Ich erinnere mich nämlich auch daran, daß du einmal sagtest, du würdest erst zufrieden sein, wenn du Tag und Nacht mit mir zusammen bist!“
„Klang wie eine Drohung, was?“
„Nein, das klang sehr schön!“
Sie erreichten das Rondeau, auf dem einst Vierspänner zum Stehen gekommen waren, und Aljoscha betrachtete die wenigen erleuchteten Fenster des Herrenhauses wehmütig wie einer, der Wache halten muß die ganze Nacht und seine klammen Runden macht im Schmatzen nasser Erde.
Wenn man es pragmatisch sah, hatte Leda recht: lebten sie erst einmal zusammen, würden sich die Dinge leichter richten lassen. Aber das war eine A-Dur-Betrachtung der Dinge, und so wie die Dinge lagen, hieß das vor allem keine D-Dur-Betrachtung der Dinge, und da war schlechterdings kein Mittelding dingfest zu machen. A-Dur ist von kluger Diesseitigkeit, realistisch wie die Kornsieberinnen von Courbet. Mit zarter Sympathie für das Skurrile, aber niemals ungesund entrückt. A-Dur hat etwas Versicherndes. A ist für Akkommodation. Wenn D-Dur der Eingang in das Labyrinth ist, dann ist A-Dur der Ariadnefaden. A-Dur stellt sich zur Verfügung, räumt Steine aus dem Weg, reicht die Hand und stärkt den Rücken. Von A-Dur aus sind die Wege klar und deutlich. A ist für Apollon. Wenn D-Dur geschürte Spannung ist, dann ist A-Dur der beendete Schwebezustand, der Fuß auf dem Erdboden, das Erdende überhaupt, das Heimleuchten, das Klipp- und Klare, das durchaus Robuste, die kluge Entscheidung, die weisen Jungfrauen, der merkurische Verstand. A-Dur sorgt ganz unsentimental für Sachlichkeit. A-Dur, das sind die schnörkellos unterzeichneten Dekrete des Königs und die aus der Stadt gejagten Gaukler, Falschspieler und Hochstapler. A-Dur kennt nichts hinter den Dingen und steckt vier Pflöcke zum Quadrat.
Dagegen ist D-Dur die Frau auf einem Hügel, die Ausschau hält nach einem Reiter. Die Farbe, die im Regenbogen fehlt. Die Göttin, die nicht in ihrem Tempel bleibt. Eine Nacht aus unerklärlichem Licht. Der Schein hinter der Wahrheit hinter dem Schein. D-Dur ist der Blick zwischen Lancelot und Guinevere. Der nahe Atem einer nächtlichen Besucherin. Der schwarze Adler, der sich im All verliert. Ein Ruf in einer Schneelandschaft. Erinnerung an einen fernen Nachmittag, als ein Wispern war im Blätterrauschen. Vernichtung einer klaren Antwort. D-Dur behauptet: Mögliches kann niemals aufgehoben werden. Also ist Mögliches begründet durch unbedingt Notwendiges. D-Dur ist, was Felsen bröckeln läßt.
An den Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, dachte Aljoscha, als der Kies der Einfahrt unter seinen Schuhen knirschte. Ein Tupfer fahlen Mondlichts erschien hinter den Wolken. Leda nahm Aljoschas Hand, doch etwas Schauerliches griff nach ihm.
Der Mann der Stunde war Nick Cave
In seinen vier Wänden angelangt benötigte Aljoscha dringend einen Energieschub: gut, daß er aus Musik Energie aufnehmen konnte, als wären Töne Kalorien; zur Not funktionierte das Kopfhörerkabel wie ein Infusionsschlauch. Der Mann der Stunde war Nick Cave, ehedem Sänger der Birthday Party, einer Combo, die so klang wie der eiskalte Samen des Teufels sich anfühlen mußte. Cave zog durch seine Texte wie ein Wanderprediger mit Dreck am Stecken zwischen Sumpfland, Strumpfband und Altem Testament. Sein Spießgeselle war jetzt nicht mehr der seltsame Rowland S. Howard, der mit seinen weinenwollenden großen Augen wirkte wie ein im Cabinet des Dr. Caligari Vergessener und von dessen Gitarre Georg Büchner sagte, daß sie wie ein offenes Rasiermesser durch die Gegend lief (man schnitt sich an ihr), sondern Blixa Bargeld, dessen luziferisches Gebrodel über Caves Lieder kroch wie eine Tarantel übers Bett. Kicking Against The Pricks und Your Funeral, My Trial von Nick Cave schärften den Sinn für die manische Unschuld der Obsession.
– Zeichnung von Heinrich Vogeler, Worpsweder Archiv – Fairport Convention, A Sailor’s Life – Artwork CE – Artwork CE – Nick Cave & The Bad Seeds, Kicking Against The Pricks, Albumcover
Was dann kam, war anders, unvorstellbar anders. Zunächst war nur Vibrieren, eine schaurige Präsenz, aus unendlichen Tiefen kommend, als Klang zunächst kaum hörbar; dann, so unerwartet, als würde eine Statue ihr steinernes Haupt bewegen, eine Stimme. Eine Frauenstimme. Eine Welt entfernt.
O MENSCH
singt sie und etwas regt sich, 2000 Faden tief, là-bas,
O MENSCH
auferweckt, beschworen,
GIB ACHT
unbeirrbar aufsteigend, höher und höher,
GIB ACHT
bis es an die Oberfläche kommt und auftaucht unter einem Purpurhimmel,
WAS SPRICHT DIE TIEFE MITTERNACHT?
schattenlos sich erhebend in unheimlicher Stille, unauslöschlich, unausweichlich – die Gestalt der Namenlosen, die namenlose Gestalt.
ICH SCHLIEF! ICH SCHLIEF!
Ihre Macht ist göttlich genug, um Blasphemie zu sein. Sie kennt ihre Opfer. Sie macht sich auf den Weg, um
AUS TIEFEM TRAUM
in tiefen Traum
BIN ICH ERWACHT
zu führen einen Erstgeborenen und ihn an vergessene Weisen zu erinnern, vergessene Seinsweisen, versunkene Kaskaden quälend süßer Töne, wie sie die Undinen singen.
DIE WELT IST TIEF
Die nunmehr Anwesende legt über ihn den Hauch des Abwesenden und spricht: „Du bist nur halb von dieser Welt.“
UND TIEFER ALS DER TAG GEDACHT
Sie schießt ihm eine Silberkugel durch den Kopf und spricht: „Unbedingte Liebe oder überhaupt nichts. Die Wurzeln sind abgeschnitten. Du wirst verdorren.“
TIEF IST IHR WEH
Sie schlingt die Arme um ihn, und ihre Augen sind Speere aus Licht, und sie spricht: „Aber eine Sehnsucht ist in dir, mächtig wie Tigersprünge, maßlos wie Prinzenwünsche, geduldig wie ein Reptil.“
LUST –
Sie peitscht ihn mit Ruten und spricht: „Sie rührt sich nicht. Doch sie ist hellwach. Und so viel älter als das Schlaflied, das die Welt ihr singt.“
TIEFER NOCH ALS HERZELEID
Sie zeigt sich in den Winkelspiegeln eines Kaleidoskops, in dem bunte Glassplitter zu Sternen werden, und sie spricht: „Schönbildschauer, meine Gunst ist ein Palast, mit hunderttausend Juwelen geschmückt. Lerne zu vergessen und tritt ein.“
WEH SPRICHT: VERGEH!
Sie steht in einem perfekten Kreis und spricht: „Glaubst du an die Möglichkeit des Ideals, das Seiende zu berühren?“
DOCH ALLE LUST WILL EWIGKEIT, WILL
Sie benetzt sein Auge mit einer Träne und spricht: „Du bist das Auge. Du bist der Schauplatz. Finde die eine Illusion, von der du vergessen kannst, daß sie eine ist.“
TIEFE, TIEFE EWIGKEIT
Morgenglocken lösten den Bann: der Traum verflüssigte, die Umgebung nahm ihren Platz wieder ein. Auch der Namenlose auf der Bühne rieb sich die Augen: er sah ein ätherisches weibliches Wesen – einen Engel. Jähe Lichtung. Kehre des Seins. Er näherte sich vorsichtig, und der Engel scheute nicht zurück, gab sich zum Pas de deux, zum Nichts als Zwei…
Oder war dies wieder nur ein Traum in einem Traum? Zur Schlußsequenz der Symphonie über schicksalsschweren Paukenschlägen schritt das engelhafte Wesen am Bühnenrand von rechts nach links, als müßte es die Parade der vom Schattenreich mit einem Gestellungsbefehl Versehenen abnehmen, schritt langsam von einem Ende zum anderen, von Kether zu Malkuth, vom Sein zum Woanderssein, von den Brettern, die die Welt bedeuten, zum Ausgang, von der Wirklichkeit zum Riß in der Wirklichkeit, von irgendeinem Hier zu irgendeinem Dort.
Und gerade so, als läge im Erscheinen dieses ätherischen Wesens nichts anderes als ein immerwährendes Urteil, das Unerreichbarkeit verhängt, sah der Namenlose aus der Ferne zu wie ein Gerufener, der doch nicht folgen kann, obgleich es sein Wille ist. Und mit einem letzten Blick in ihre unbewegten Augen fragte er sie – nichts. Er fragte sich, ob er sie wohl jemals wiedersehen würde. Und sagte stumm Adieu.
War dies das Ende? Oder schritt sie nur voraus auf einem Weg ins Folgenschwere, in eine wirkliche Geschichte, die vielleicht immer schon bestanden hat, als einzig mögliche? Es gab keine Antwort mehr auf diese Frage. Der Vorhang war gefallen.
Die Menge gönnte den Tänzern stürmische Ovationen, um sich dann doch recht eilig zu zerstreuen. Aljoscha sah sich um. Er hätte gerne noch auf irgendwas gewartet, doch er wußte nicht, worauf.
Herr Vecchio, sind Sie noch wach?
Oder auch nur Laute spielen und den Hals riskieren, wenn man in Gegenwart des dicken Fürsten Verse auf die Fürstin vortrug, nur irgendwo sein, wo noch eine Idee war und nicht nur Hühnerschiß. Was konnte in diesem Jahrhundert einer werden, der sich Lieben und Lernen auf die Fahne geschrieben hätte? Was galt einer, der darin Aufgabe genug sah? Wohin mit einem, der grimmig einen Fuß vor den anderen setzte zwischen Wohnblocks und Kaufhäusern und dabei dachte: Besser, Pferdeknecht zu sein an einem Mädchenpensionat, im Jahre 1900!
Freilich, es hatte diesen einleuchtenden Augenblick gegeben letztes Jahr, als er in Paris war und beim Sonnenuntergang im Jardin du Luxembourg von seinem Buch aufsah, weil es ihm plötzlich so erschien, als sei er eben an sich selbst vorbeigegangen mit den Worten: „Der da sitzt, das ist Aljoscha Tuschkin, der die Philosophie studiert und Leda Geltzer liebt“, und ein Glücksgefühl durchströmte ihn, weil alles auf so unfaßbare Weise richtig schien, diese Stadt, der Sonnenuntergang, der Park; das, was alle taten in diesem Park, und das, was er, Aljoscha Tuschkin, in diesem Leben tat.
Während er noch an diesen Glücksmoment dachte, spürte Aljoscha, daß da etwas näher kam aus einem Korridor. Sehr bestimmt und würdevoll, indes sehr langsam. Es war die leere Fülle einer Entität, und sie schien ein Zipperlein zu haben.
„Ähem“, machte die Entität. „Hörte ich Lieben und Lernen?“
„Jawohl! Zu lieben lernen und das Lernen lieben! Wissenwollen, Liebenwollen! Nicht wahr, das ist doch Philosophieren?“ rief Aljoscha.
„Liebenwollen? Hier in meiner Bibliothek?“
„Sind Sie nicht Herr Cosimo, der große Förderer der Künste? Der es Marsilio Ficino ermöglichte, hier in Florenz eine platonische Akademie zu gründen?“
„Nun ja. Kann sein. Ficino, sagst du?“
„Man hat etwas überaus Bedeutendes herausgefunden, Signore de Medici! Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen davon Mitteilung mache. Philosophie, das heißt doch Liebe zur Weisheit. Und die Götter, Herr von Medici, die Götter philosophieren nicht. Denn sie sind ja weise. Nicht wahr, was soll man da philosophieren? Und die Liebe, was ist das? Besitzenwollen und zugleich das Gegenteil von Besitz. Sie stimmen zu?“
„Si, si“, gähnte Cosimo der Alte.
„Die Weisheit ist also bei den Göttern. Das Streben nach Weisheit ist Sache der Menschen. Und die logische Folge daraus ist: alles Philosophieren ist erotisch. Ich weiß, Sie wollen sagen, das ist keineswegs die logische Folge. Gut. Schön. Warten Sie… hier, Platons Symposion! Schlagen Sie es auf, Herr Cosimo, und berauschen Sie sich daran, wie Sokrates der Vorstellung, Eros sei ein Gott, den Wert einer zermatschten Weintraube beimißt. Eros ist kein Gott! Eros ist ein Daimon. Ein Zwischenwesen ganz einfach. Nicht irdisch, nicht göttlich, sondern dazwischenseiend, wissen Sie? Und zwar für immer. Und Eros ist so dazwischen, eben weil er das Göttliche begehrt. Das heißt, wo Eros wirkt, da ist das Irdische unterwegs zum Göttlichen. Das ist brillant, nicht wahr? Wie kann man da widersprechen? Eros strebt, weil er verlangt. Also ist das Streben erotisch! Das ist doch wohl die logische Folge! Wenn Eros uns antreibt, begehren wir Göttliches. Sie wissen das alles, Herr Cosimo, und Sie wissen, welche Macht es ist, die diesen Daimon anzieht. Die Schönheit! Schon in der Sphäre der Ideen, das sagt doch Platon, ist Schönheit die Idee, die glänzt wie keine andere. Ja, daß sie überhaupt glänzt! Wie kann eine Idee glänzen? Sie kann, sie muß! Damit wir uns an sie erinnern, wenn wir die Schönheit treffen, hier im Irdischen! Denn die Schönheit will, daß wir das Göttliche in ihr verlangen. Und nun, wenn wir begriffen haben, mein lieber Vecchio, daß die Schönheit so göttlich wie die Weisheit ist, was dann? Dann ist der ein Philosoph, den das Schöne – ich darf so sagen – erotisiert. Er strebt zum Göttlichen, ganz wie einer, der nach Weisheit strebt. Das hat man herausgefunden! Ist das nicht großartig? Philosophie ist erotisch, und Erotik, Herr Cosimo, ist Philosophie. Und nun erklären Sie mir, warum der große Sokrates behauptet, sein ganzes Wissen über Eros einer Priesterin mit Namen Diotima zu verdanken. Gar nichts soll das nicht sagen! Was für ein Zufall soll das sein, daß die Weisheit weiblich ist? Ist es vielleicht Zufall, daß Eva anfing, mit der Schlange zu verhandeln? Was, frage ich Sie, nimmt Eva aus dem Paradies mit? Einen nicht mehr einholbaren Vorsprung an Autonomie gegenüber diesem Obrigkeitshörigen, diesem Gesetzesfanatiker Adam. Ist es vielleicht auch Zufall, daß die schöne Hypatia, diese glänzende Philosophin aus Alexandria, gesteinigt wurde von einem christlichen Mob? Wie? Und daß Dante von Vergil durch die Hölle geführt wird, von Beatrice aber durch alle neun Sphären des Paradieses, vom Mondhimmel bis zum Kristallhimmel und zur Anschauung des Göttlichen, ist das auch Zufall? Die Frau ist das überlegene Geschlecht, Herr Cosimo, nur glauben das die meisten Frauen nicht. Dabei könnten sie dem albernen Treiben zusehen, als wären sie die Sterne, die alles schon längst wissen… Herr Vecchio, sind Sie noch wach? Hören Sie? Diese Hypatia, das war auch eine glänzende Mathematikerin, und die Schulpreise für Mathematik gingen nur deshalb lange nicht mehr an die Mädchen, weil die keine Lust hatten, gesteinigt zu werden! Aber das versteht sich doch von selbst, daß der stille Waliser den Heiligen Gral gefunden hat und nicht eine stille Waliserin! Oder glauben Sie an die Notwendigkeit, der Vollkommenheit Beine machen zu müssen? Oder eine Taille? Haben Sie gehört, wie Marlene Dietrich sagte: Hello, boys…?“
„Seltsamer Junge“, sagte Cosimo der Alte.
Aljoscha stand noch immer auf der Treppe der Laurenziana-Bibliothek. Etwas in ihm lag brach wie sibirisches Land, trotz des Sonnenuntergangs im Jardin du Luxembourg. „Aber wo fehlt’s denn bei Ihnen?“ schnarrte eine Sachbearbeiterstimme vom Schreibpult der Daseins-Verwaltungs-Angelegenheiten her, eine kleinlaut machende Stimme, der man nur antworten konnte: „Ja, wenn ich das wüßte“ und „Bitte die Störung zu entschuldigen“.
„Woran denkst du?“ fragte Leda.
Unterweltsgöttinnenhülle!
In der Galleria del Costume kam der Geist über Leda. Sie bewunderte die alten Stoffe, den Schnitt früherer Moden, sie studierte die Qualität der Verarbeitung und ignorierte, Zeichen der Ekstase, zwei oder drei Berühren verboten. Ihr Entzücken war ein sachverständiges, und ein schwarzes Charleston-Kleid wurde nicht von einem lasziven Vamp mit Perlenkette und Zigarettenspitze vorgeführt, sondern von der weißen Puppe Nr. 40. Aljoscha aber beschäftigten solche Fragen: welche Contessa hatte einst diese unfaßbar zierlichen Handschuhe von ihren unfaßbar grazilen Händen gestreift? Auf welches Bein hatten diese Spitzenstrümpfe ein Ornament im spätgotischen Flamboyantstil gezeichnet? Erweiterte die eingeengte Taille das Bewußtsein?
„Ein schwarzer Seidenstrumpf ist wie eine Glasur“, erklärte Aljoscha ungefragt. „Eine Glasur aus Dunkelheit. Geschmolzene Dunkelheit. Die Dunkelheit geschmolzener Träume. Auf dem Bein wie Blattgold auf einer Ikone. Sakraler Glanz eigentlich. Die Haut unter dem Glanz wird unberührbar. Durch den Schutz betont, durch die Betonung geschützt. Stiefel aus göttlichem Lack. Schwarze Rüstung als bloße Idee.“
„Ein Seidenstrumpf ist ein Kleidungsstück, Aljoscha.“
„Festgezurrt wie das Jagdkleid der Artemis! Schwarzes Licht, das sich über einen Schenkel ergießt! Unterweltsgöttinnenhülle!“
Der Blick ist es, dein eigener
Pjotr, der sonst zur Not mit dem Teufel nach Rom gefahren wäre, war wirklich mit den Nerven zu Fuß und beschloß, in der Spelunke gegenüber den Schrecken mit ein paar Gläschen einzulullen; später am Abend rief er nochmals an, ein paar Wattebäuschchen im Mund, aber wieder halbwegs versammelt, und als er Aljoscha den Fortgang seiner Arbeit schilderte, sah er wieder klar:
„Ich werde in den Kopf der Sphinx ein blaues und ein rotes Auge setzen! Blau für die Unendlichkeit… die Ewigkeit… das Absolute. Rot, die Liebe. Aber in dem Dings, in der Zone, in dem Spannungsfeld der Projektionen können sich Blau und Rot für den Betrachter zu Violett vermischen, der Farbe des Todes…“
„Je nachdem, wie man sie ansieht“, meinte Aljoscha, „führt die Sphinx also in Verzückung oder ins Verderben.“
„Genau!“ schrie Pjotr. „Es kommt darauf an, wie man vor sie tritt! Der Blick ist es, dein eigener!“
Der Blick ist es, dein eigener.
Was ganz nah vor Augen ist, verschwimmt – man kann es nicht mehr deutlich sehen. Der Blick, der die Welt erfaßt, trennt den Sehenden von ihr: Sehen heißt, Distanz zu schaffen und Entfernung. Der Blick bringt zur Strecke. Er gleitet über Außenseiten. Er weiß nichts von der alten Rastafari-Parole Distanziere kein Objekt. Er sieht eine spanische Wand neben der anderen. Jedes Ding hat mehr als eine Seite, mehr als zwei, mehr als die Seiten, die es Phänomen sein lassen, und selbst wenn man unentwegt die Stellung ändert, kann man nicht das ganze Ding, das Ding an sich sehen. Könnte man es, wäre das Ding nicht mehr das Ding, und man selbst wäre nicht mehr man selbst. Man kann es aber nicht, und darum ist Sehen ständiges Nachsehen. Nichts paßt in einen Augenblick, nur eins: ein anderer Augenblick.
Denn Blicke, die sich treffen, setzen Zeit und Dauer und Entfernung außer Kraft: ein exklusiver Stromkreis wird geschlossen, der in der Realität einen Kurzschluß auslöst. Während das Auge die Welt vergeblich zu penetrieren versucht, dringt durch das Ohr die Außenwelt ins Innere, behauptet man; darum sei Hören ein Verschmelzen mit der Welt. Aber, dachte Aljoscha, durch den Lichtstrahl des Augenzaubers gelangt doch auch das Innerste nach außen; also ist der Blick auch Hingabe. Die Pupille, die von Verengerer und Erweiterer verstellte, von der Iris umkränzte Blende, ist auch eine Austrittsstelle, durch die ein Universum hinaus stößt, eine Innenwelt, die sich wie nach einem Urknall ausdehnen will. Im Blau des Auges – wenn die Iris kurzwellige Strahlen besser reflektiert als langwellige – oder im Grün oder im Mandelbraun erscheint ein Lebenslauf, als würde Seele schimmern auf der Netzhaut. Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen, Erinnerung, Verlangen, Warnung, Hilferufe: jedes Auge leugnet, von tief innen her, das unsäglich banale Urteil. Die Augen sind die Wunden auf der Haut der Welt. Das Auge ist der ganze Mensch, nur darum funktioniert der böse Blick – vorgestellte Inbesitznahme.
Der Blick ist nicht nur Wahrnehmung, er ist auch Wahrgebung, nicht nur Aufnahme, sondern auch Abgabe von Realität. Zwei Menschen, die sich ansehen, wirklich ansehen, dringen ineinander ein, schließen die Umgebung aus wie bei einem Liebesakt und liefern sich einander völlig aus. Wer blickt, ist nicht nur Voyeur, er ist auch Exhibitionist. Erblickt zu werden mag Scham verursachen, zugleich aber ist man sehend schamlos. Nicht etwa, weil der Blick entkleidet, Rundungen umrundet oder sich an einen Rocksaum heftet. Sondern, weil es sich beim Sehen überhaupt um etwas handelt, das plötzlichem Mantelaufreißen durchaus gleicht: ich blicke, also offenbare ich mich.
Sehr recht hatte Pjotr. Es kommt darauf an, wie man vor die Sphinx tritt.
Einen Augenblick, Herr Tuschkin
Es war der 3. Oktober. Aljoscha begehrte zu erfahren, was aus der Bestellung jener Schachtel geworden war, die er Leda zum Geburtstag hatte schenken wollen, und begab sich um die Mittagsstunde zum Geschäft Schachtjor & Wostvich, wo sich eine Dame des Problems annahm.
„Wie ist Ihr Name, bitte?“
„Tuschkin.“
„Einen Augenblick, Herr Tuschkin. Ich werde nachsehen.“
Aljoscha wartete und
I REMEMBER HOW THEY USED TO STARE AT THE GROUND
schaute auf seine Schuhe. Steckte die Hände in die Hosentaschen und kratzte mit der Schuhspitze auf dem Parkett herum. Und dann stand plötzlich das Wasser bis zum Hals.
Der Klang von hohen Absätzen. Schritte einer Frau, die sich niemals umdreht. Aljoscha erkannte sie. Für diesen Takt hatte er das absolute Gehör. Durch den Laden schritt die Katzenmenschenfrau, die Sphinx, die mysteriöse Schöne, die an den Rembrandt-Tagen im Saal C seine ewige Wiederkehr beobachtet hatte. Das heißt, hatte SIE? Oh Jesus. SIE ging, als hätte SIE nicht viel dagegen, wenn am Karfreitag eine Kirche brennt. SIE kam auf ihn zu. Er schaute wieder zu Boden. Und dann ließ er seinen Blick nicht langsam aufwärtsgleiten, sondern feuerte ihn ab
AND WE’D SING DA-DA DA-DA-DA-DA DUM DUM DAY
wie ein Geschoß. Fast unmerklich hob SIE die Augenbrauen und gab Erkennen zu erkennen. Trotz IHRES entschlossenen Schrittes war in IHREM Blick ein Anflug von Verwirrung, wenn nicht Erschrecken – mit eigenen Augen bat Aljoscha um Verzeihung, falls sein Blickgeschoß IHR einen Schock versetzt hatte, mit eigenen Augen sah er, daß SIE die Entschuldigung annahm. Sogleich wich das Erschrecken – das gewiß nur fürchtete, daß man es bemerkte – wieder vollkommener Beherrschtheit. Nichts anderes würde jetzt passieren, als daß La Belle Dame ihn kühl und streng passierte, sans merci, ohne IHREN Gang zu verlangsamen, ohne ein Zögern, das ihm gegolten hätte. Und es passierte, als könne nichts und niemand sich in IHRE inneren Angelegenheiten mischen, als verließe SIE gelangweilt den Zirkus der gequälten Seelen, unterwegs, den Untergang des Hauses Luzifer herbeizuführen.
Er sah IHR nach, gebannt noch von den Lichtblitzen in IHREN Augen, von IHREM Blick, in dem These und Antithese lagen, Interesse und Gleichgültigkeit, Neigung und Unerbittlichkeit, Gunst und Grausamkeit. Auf welch Synthese war dies aus? Was schenkte dieser Blick? Hundert Rätsel und eine Gewißheit: er hatte existiert darin.
Er blickte erneut zu Boden, wohl eine halbe Minute, um IHR, falls SIE ihn über das Gestell mit den Aquarell- und Zeichenblöcken hinweg musterte, zu bedeuten, daß durch IHR Erscheinen Schachtjor & Wostvich und überhaupt der ganze bewohnte Teil der Galaxis für ihn zur Banalität geworden war, Nippelkram, des Hinsehens nicht wert.
Herr! Laß Nachsicht walten!
Er zählte bis Sieben, dann mußte er seine Augen wieder mit IHREM Anblick füllen – und fast zeitgleich schenkte SIE ihm einen Augenaufschlag, in dem die Rosen sich für ihre Dornen schämten. Daß er nie mehr fürchten mußte, von IHR nicht gekannt zu werden, war es das, was SIE ihm nachsichtig bestätigte? Zurück auf Gottes Meisterplan rief die Verkäuferin mit weithin schallender Stimme:
„Herr Tuschkin?“
„Hier!“
„Ich habe nachgesehen!“
Ich habe nachgesehen, dachte Aljoscha, als er Schachtjor & Wostvich verließ mit der Gewißheit, daß die Katzenmenschenfrau jetzt seinen Nachnamen kannte.
– Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3, Misterioso – Sandro Botticelli, Porträt einer jungen Frau (Simonetta Vespucci), Detail – Foto CE – Artwork CE – Artwork CE
Aljoscha wechselt das Programm und holt den Ton zurück; hier beginnt soeben ein Schwarzweißfilm aus dem Jahre 1942. Zu romantischer Streichermusik mit drohendem Beiklang erscheinen die Worte: Laß keinen sagen, daß du schuldig bist, wenn das, was schön war, jetzt verdorben ist.
Aljoscha löscht das Licht.
IT’S BEEN SO LONG
Es ist die Geschichte einer Frau mit einem gefährlichen Geheimnis. Sie stammt aus Serbien und sie lebt in New York. Sie ist eine Fremde, sie gehörte noch keinem. Sie liebt die Dunkelheit und sie scheint Schatten um sich zu versammeln. Manchmal bilden sich in ihrer Nähe Schattenlinien, die wie Gitterstäbe aussehen und andeuten, daß sie in einem unsichtbaren Käfig lebt. Ihre Einsamkeit ist freiwillig. Denn sie glaubt, mit einem Fluch belegt zu sein. Wehe dem, der ihr Tabu bricht. Ihr Kuß bringt unheiligen Schrecken. Sie weiß, daß sie nicht lieben darf. Sie weiß nicht, daß nur Liebe sie erlöst. Und wenn sie einmal liebt, ist sie anders als die anderen, unvorstellbar anders… sie ist überzeugt, von einem dunklen Geschlecht abzustammen, dessen Frauen in alter Zeit durch teuflische Kulte die Anlage entwickelt haben, sich in Raubkatzen zu verwandeln, sobald heftige Leidenschaft sie erfaßt – grotesker Aberglaube, befindet der Mann, der sich in Irena Dubrovna verliebt.
Aber die Aura dieser seltsamen Schönheit setzt ihm zu: er spürt die sinnliche Wärme und Weichheit eines anschmiegsamen Kätzchens, doch er glaubt nicht an das Ungeheuerliche in ihr. Als er sich dann, verstört von den Ängsten und Nöten dieser Frau, die glaubt, daß etwas einen Zwang auf uns ausübt, dem wir zum Opfer fallen müssen, einer nicht so komplizierten Freundin zuwendet, ist er blind für die Qual des ruhelosen Raubtiers. Abgewiesen, für verrückt erklärt und in ihre Einsamkeit zurückgestoßen, erfährt Irena, wie es wirklich zum Exzeß einer ihrer Leidenschaften kommt: Eifersucht.
Das graue, enggeschnittene Kostüm. Die hauchdünnen Nahtstrümpfe. Hohe Absätze auf dem nächtlichen Asphalt. Aber dann – jemand löscht das Licht, und dann – ist nur noch das Fauchen am Rande des Schwimmbeckens zu hören, hallend durch den Raum, durch die Zeit, Echo des fatalen Fluchs, Generationen und Generationen und die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, alles Mögliche heraufbeschwörend, vor allem das Unmögliche. Und jene, die auf die Zeichen treffen, können dem Verstand nicht länger trauen. Sie können nur noch hundert Rätsel zu einer Gewißheit zusammenfügen: „Irenas Parfum… schwer und süß…“ – dort, wo eben noch ein schwarzer Panther schlich.
Vielleicht erzählte der Film davon, wie unkontrollierbare Mächte uns treiben. Vielleicht war es ein Film über die Blindheit vor dem wirklich Außerordentlichen. Aber vielleicht handelte er auch einfach davon, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der einen wirklich liebt.
Der Film hieß Katzenmenschen.
Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß
Am nächsten Morgen, nach Träumen schwer und süß, befindet sich Aljoscha in einem langen Korridor. Das Haupt-Gebäude, die Baukunst des Bewußtseins, muß von unermeßlicher Größe sein. Äußerst erstaunliche Architektur voller absurder, barocker, widersinniger, labyrinthischer, der Logik spottender und alles in allem doch wieder klarer Konstruktionen, die jedes Wort in Schweigen und jedes Schweigen in ein Wort verwandeln können. Das Echo ist eine Frage des Standpunkts. Die Begegnung ist eine Frage der Zeit. Die meisten Wände sind mit Erinnerungsfetzen tapeziert. Durch die Hallen und die Gänge, in den Zimmern und geheimen Winkeln spuken flüchtige Phantome. Der Gedächtniswärter schwingt die Peitsche und treibt Bilder aus der letzten Nacht in der Haupthalle zusammen:
Aljoscha hatte geträumt, daß er der Plündertruppe eines martialischen Hauptmanns angehörte. Sie waren eine Fünferbande: vier Schurken und eine verwirrend schöne Frau. Die Mätresse des Hauptmanns, sagten sie. Etwas Sonderbares war an ihr, etwas nicht ganz der Natur Entsprechendes, etwas unmenschlich Geschmeidiges, unwiderstehlich Betörendes und doch Ungesundes. Aber vor allem schien es, als wäre sie zum Sterben unglücklich. Sicher mißhandelte der Hauptmann sie! Aljoschas Zorn verlangte Meuterei und Rache. Und dann, nach einer sehr gelungenen Plünderei bei einem Fronvogt, hatte die Frau im Schutz des wilden Räuberfestes heimlich ihre Lippen, ihren Kuß auf seine Qual gepreßt. Aber nicht heimlich genug.
Reflexion der Sonne auf der Klinge eines Schwertes. Aljoscha stand auf einem Felsen, und weil er ohne Waffe war, rief er dem säbelrasselnd heranstürmenden Hauptmann entgegen: „Sie ist keine Mätresse!“ Denn das war die Wahrheit und alles, womit er kämpfen konnte. Da löste sich der Fels in Geröll auf; immer mehr Steine kamen unter Aljoschas Stiefeln ins Rollen, und schließlich verlor er den Halt. Es war der Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln.
Aljoscha trank nachdenklich seinen Morgenkaffee. Nachdenklich wie alle Peitschenschwinger, wenn sie Pause machen.
Bald darauf befand er sich in einem anderen Korridor, einem Korridor des Hauptgebäudes der Universität von A***. Man schrieb die dritte Semesterwoche, und Aljoscha wartete auf den Beginn eines Vortrags über Rembrandt. Mit keinem der Kunstgeschichtler recht bekannt, achtete Aljoscha kaum auf die Ankömmlinge. Er stand vor Hörsaal C, der sich zusehends füllte, stand an die Wand gelehnt, stand im Gemurmel, das wie Stille war, dachte an seinen Traum, dachte an den Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, schaute auf seine Schuhe, und dann dachte er an nichts mehr. Es war der Vormittag des 29. April.
Plötzlich waren Schritte. Sie kamen näher, waren anders, unvorstellbar anders, sie waren nicht wie Korridorgeräusch, sie veränderten Aljoschas Wahrnehmung. Es waren die Schritte einer Frau. Aljoscha starrte auf den Boden und hörte auf den Takt. Es war der Klang von hohen Absätzen. Die Begegnung ist eine Frage des Standpunkts. Das Echo ist eine Frage der Zeit.
Aljoscha starrte noch immer auf den Boden, sah die hohen Absätze, sah die Schritte aus dem Jahre 1942, elektrisiert bis in den letzten Nerv, in schmerzend heller Hörigkeit. Er kannte diese Schritte und erkannte diesen Takt. Er wußte es. Ohne zu wissen, was er wußte.
SEE THESE EYES SO GREEN
Endlich hob er den Blick und sah das Wesen: die Frau hatte Saal C betreten und schickte sich an, die Treppe hinabzusteigen. Sein Blick fiel wieder abwärts, hinab an einer Naht: die Frau trug hauchdünne Nylonstrümpfe. Sie trug ein enggeschnittenes Kostüm. Es war grau.
Eine Sekunde der Kataplexie, und Aljoscha schloß die Augen. Tausend Impulse jagten unkontrolliert durch sein Bewußtsein und machten den Krach von tausend Kollisionen. Allgegenwärtiges Wissen verdichtete sich an einem dunklen Punkt. Sieben Nadeln steckten in einer Wachspuppe. Ein drittes Auge schwebte durch den Korridor. Es überwachte den linearen Verlauf einer kausalen Kettenreaktion. Dominosteine, hochkant aufgestellt zu einer langen Kolonne: sobald der erste Stein kippt, besteht auch für den letzten Stein schon keine andere Möglichkeit mehr, als ebenfalls zu kippen. Die Art von Kausalität jedoch, die Aljoscha gerade heimsuchte, hatte jemand mit einem ziemlich verdächtigen Besenstiel umgerührt.
Aljoscha wußte, daß er der Frau folgen mußte. Er wußte, eine andere Möglichkeit hat nie bestanden. SIE war erschienen. Also mußte er IHR folgen.
I CAN STARE FOR A THOUSAND YEARS
Aljoscha betrat den Hörsaal und sah das Haar der Frau in der Unterwelt des Auditoriums leuchten. Er hatte dieses Haar schon in der letzten Nacht gesehen. Alles beginnt und alles endet zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sagte das Mädchen Miranda beim Picknick am Valentinstag. Zwei Treppen teilten das Auditorium, dessen Sitzreihen wie bei einem Amphitheater zur Bühne hin abfielen. SIE hatte einen Platz im rechten Saaldrittel gewählt, weit unten.
Als Aljoscha die Treppe hinabstieg, fühlte er sich wie eine Marionette, die panisch an den eigenen Fäden zieht; sein Gang erschien ihm ruckartig und steif. Auf halbem Weg zu IHR überkam ihn Schauder vor der Realität: sein Abstieg hatte plötzlich etwas gefährlich Definitives. Er erreichte die Unterwelt mit dem Gefühl, etwas definitiv Gefährliches zu tun. Er sah jetzt, daß SIE die graue Kostümjacke ausgezogen hatte. SIE trug eine schlichte weiße Bluse. SIE saß betont aufrecht, und IHRE Haltung schien
IT’S BEEN SO LONG
fast so etwas wie Erwartung auszusprechen… aber hatte SIE ihn überhaupt wahrgenommen, vor einer Minute, als SIE an ihm vorbeigegangen war? Was tat er hier? Zurück, bevor die Welt von Farbe auf Schwarzweiß umschaltete!
Zu spät. Aljoscha, der jetzt kurz zögerte, war in IHRER Nähe angekommen; mit der Geschwindigkeit einer Wolke, die am Mond vorbeizieht, wandte SIE sich ihm zu. Für den zehnten Teil vom zehnten Teil einer Sekunde meinte Aljoscha, in diese Augen nicht zum ersten Mal zu schauen. Wissendes lag in IHREM Blick, und Seltenes; es war, als durchschaute dieser Blick den Zufall, ja, es war, als würde SIE sich lediglich eines Kennzeichens vergewissern, um noch im selben Sekundenbruchteil
JUST BE STILL WITH ME
YOU WOULDN’T BELIEVE WHAT I’VE BEEN THROUGH
vollkommene Geheimhaltung zu verhängen.
In der Welt, an die sich Aljoscha in diesem Augenblick nur bruchstückhaft erinnerte, wäre es wenig schicklich gewesen, sich direkt neben SIE zu setzen. In dem Zustand, in dem Aljoscha sich in diesem Augenblick befand, schien überhaupt keine Handlung sinnvoller als eine andere. Jedenfalls tat er instinktiv noch einen Schritt, war somit eine Reihe tiefer angelangt, schon fast zu ebener Erde, und landete auf einem Platz fast unmittelbar vor IHR. Damit war für die nächste Stunde besiegelt, daß kaum einen Meter entfernt IHR Atem ging, IHR Blut pulsierte und die feinsten Vibrationen IHREN roten Mund durchzuckten. Heiliger Boris und Gleb.
Das Objekt der Begierde überspannter Nachtschwirrer
Die Philosophie ist eine Königin, und die Königin ist auf Entzug. Der Stoff, den sie braucht, heißt Welt und ist kaum noch zu haben, zumindest nicht in reiner Form. Oft schießt sie sich verschnittenes Zeug, deliriert dann süße Idealismen oder wird sehr sinnlich.
Das Abendland wird es bereuen, sie entthront, geschändet und entehrt zu haben. Mißachtet wie Kassandra und wie eine Sklavin auf den Weltmärkten verhökert, zu Schandarbeit und Hurendienst gezwungen mit Krämerseelen und Banausen, schließlich in Vergessenheit geraten bei raffgierigen Ministern und Geschäftemachern: wer noch mit ihr wandert, weiß um die Tiefe ihrer Trauer. Einst, vor langer Zeit, hat sie die Mächtigen erzogen, sie vor das Abbild eines Bettgestells geführt, und wem sie ihre Lust nicht gab, der konnte sich sein Sein nur noch erzweifeln. Sie hatte Legionen in den Armen, und jedem einzelnen versuchte sie zu zeigen, was heilig und was Humbug ist, was lebenswert und was Lappalie, was Plunder und was Privileg. Alle kamen, um ihr zuzuhören, jedem gab sie eine innere Stimme.
Jetzt ist sie die Traumbraut der Verlorenen. Wer ihr nahe ist, weiß sich in weiter Ferne. Manchmal spricht sie leise vor sich hin wie eine Wahnsinnige mit verlassenen grauen Augen, sie friert immerzu wie eine erkältete Venus, ihr Lächeln ist bitter, und doch ist sie von atemberaubender Schönheit, sie ist wie die eisige Stille eines Gebirgssees. In der Frühe geht sie abstrahieren, öffnet das Fenster der Monade, grüßt den Außenposten GOTT mit eudämonischem Lächeln und kocht sich dann auf dem Realgrund eine kleine Stärkung aus Substanz und Attributen. Dann jagt sie falsche Dualismen wie Kätzchen vor die Tür, legt zuhandenes Zeug in Zeitlichkeit, führt den wilden Zufall an der Leine durch das Reich der bestehenden Kausalgesetze und flüstert dabei Dinge wie: „Kleine abweichende Handlungen tun not, ganz besonders in der Morgenröte.“ Oft geht sie zum Fluß der Dinge, um zu sehen, wie alles fortgetragen wird, dann fängt sie an zu weinen – ach, ihr Schluchzen, wenn sie glaubt, daß niemand sie hört!
Ihr Herz ist das einer Verbannten, doch sie selbst hat nie ein Herz verbannt. Sie hat keine Antworten, dafür schenkt sie Fragen. Jedes ihrer Worte verändert die Perspektive, aber keines ihrer Worte läßt sich verifizieren. Luzide Schleier kleiden sie, gewoben aus Disposition oder aus Kaprice, mal Spinnstoff, mal manieristische Masche, aber immer im Stil der Zeit – man wird entweder sehr aufgeregt oder Metaphysiker. Wie könnte sie nicht das Objekt der Begierde überspannter Nachtschwirrer sein? Sie ist, was die Stoiker ein „blondes Gift“ nannten. Schon im ersten Semester seines Dienstes durfte Aljoscha die raffiniert geschnürten Bänder des logischen Korsetts lösen, in das sie ihren aufreizenden Körper hüllt… welch Adel! Welch Anmut! Welch ganzheitliche Bewandtnis! Sie sagt, sie wird auf ihren Thron zurückkehren. Sie wartet auf Verstärkung; sie sagt, eine noch unbekannte Armee wird kommen.
Kurzum, als Student der Philosophie gehörte Aljoscha Tuschkin zu den Hofnarren der Universität. Wo die Philosophie nicht überhaupt als Gebrechen galt, betrachtete man Studentinnen und Studenten dieser Fakultät als irgendwie dubiose Subjekte, die einer völlig brotlosen Kunst nachgingen und darin offenbar eine perverse Befriedigung fanden.
Wehmut war gekommen in das Haus
Faszination ist ein Wort aus dem Lateinischen, wo es Behexung meinen konnte, oder auch Beschreiung. Einer Faszination unterliegen kann demnach bedeuten, daß man behext wird, oder aber: etwas wird beschrien. Im Sinne von: Beschreie es nicht.
Pjotr durchmaß seine Faszination, bis der noble Mond sich keusch verhüllte hinter Wolkenschleiern. Und Aljoscha hörte Pjotr zu, wie man früher auf den Plätzen den Propheten zuhörte. Und dann zurückging in das Haus, wo wenig Wasser war. Wo ständiges Besorgen keine freie Hand ließ. Aber Wehmut war gekommen in das Haus. Und sie fragte, wo Faszination geblieben sei. Und Aljoscha sprach, daß er sie weggegeben habe. Und Wehmut fragte, wohin weggegeben. Und Aljoscha sprach, daß Faszination an einen Stein gebunden sei und im Meer versenkt, 2000 Faden tief. Und Wehmut fragte: warum so? Und Aljoscha sprach: weil mein Ort auf dieser Erde nur bei Leda ist, und weil ich dies besiegeln wollte. Und Wehmut fragte: wann hast du dies verstanden? Und Aljoscha sprach: als unser Weg schon so lang war, daß er mir schien wie ein heiliger Fluß. Und Wehmut fragte: bist du darum von den anderen so weit entfernt wie eine Nacht in Babylon vom Licht? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: hast du darum diese Augen? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: kehrt sich darum deine Seele ab von allem, was vor deinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt? Und Aljoscha sagte: nein. Und Wehmut fragte: wie also? Und Aljoscha sprach: alles, was vor meinen Augen ist und nicht Ledas Namen trägt, ist wie ein Bild. Und Wehmut fragte: wie ein Bild nur? Und Aljoscha sprach: wie ein Bild nur und sonst nichts. Und Wehmut fragte: von welcher Art ist dieser Makel deiner Augen? Und Aljoscha sprach: daß sie blutleer saugen, das ist der Makel meiner Augen. Und Wehmut fragte: nur in Leda läßt du Blut? Und Aljoscha sagte: ja. Und Wehmut fragte: und bist du Ledas Blut? Und Aljoscha sagte: ich verstehe deine Frage nicht. Und Wehmut fragte: bist du verloren, wenn sie dich verliert? Und Aljoscha sagte: weiß ich denn, was Unbehextseinwollende beschreien?
Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet
Im hohen Mittelalter hätte Leda an Tapisserien gearbeitet, von früh bis spät und dann von spät bis früh die Fehler anderer Stickerinnen ausbessernd. Ihr Pflichtbewußtsein war aus Erz und Stahl gemacht, wenn auch stets durchsetzt mit einer Spur von Kummer, und manchmal litt sie arg am eigenen Ethos. Wenn sie sich einer Sache widmete, dann mit einzigartiger Hingabe, aber ihr Wille, sich zu widmen, mußte sich stets dagegen wehren, ausgenutzt zu werden; ebenso haßte sie es, sich gleichzeitig verschiedenen Dingen widmen zu müssen. Nicht, daß die Dinge deshalb ihr Unternehmen abgeblasen hätten, Leda das Gefühl zu geben, in einem ständigen Belagerungszustand zu leben.
Diese Belastung wog um so schwerer, als Leda ihren Eindrücken oft zweimal ausgeliefert war, einmal in der Realität und dann kaum weniger intensiv nochmals im Geiste, wo sie durch das unabänderlich Gewordene ging, um es an seinen nicht mehr zur Verfügung stehenden Varianten zu messen. Jeder neue Morgen fand sie noch halb im Gestern, jeder Tag stieß an ein geschlossenes Visier, hinter dem ein zweifelnder Blick nach innen sah.
Dann aber wurde das Visier geöffnet. Dann war da dieses Lächeln: nicht blendend wie eine Sonne, die keinen Schatten mehr wirft, sondern milde Septembersonne, die einen Herbstwald vergoldet. In diesem Lächeln war immer eine Art von überraschter Rückkehr in das, was so war, wie es war. All ihre Freundinnen nannten sie Prinzessin, und all ihre Freundinnen hatten Leda zu Konzessionen an das Irdische verführt.
Leda machte Abendessen zu Stilleben an Earl-Grey-Sonntagen, und wenn man sie nach der höchsten Zahl fragte, die sie kannte, sagte sie: „Einstein.“ Sie sah gern die kleinen Lämmer gähnen auf dem Deich, wo sie mit Aljoscha oft spazierenging. Sie hielt Aljoscha für ein wenig weltfremd, und Aljoscha hielt die Welt für weltfremd. Sie konnte erschreckend sein, wenn sie widersprach, und sie konnte erschrecken vor Rechtgeben. Einmal hielt sie Aljoscha vor: „Immer, wenn du von einer Frau sagst, sie sei schön, sieht sie ganz anders aus als ich!“ Und er sagte, daß er sich nie mit einer anderen Frau die langen Wimpern ihrer Tochter vorstellen wird.
Nadelstiche, die Vergangenheit zusammennähen: dazu war Leda wohl berufen. Doch sie traute diesem Frieden noch nicht recht, traute keinem Frieden so wie andere, wenn sie ihn denn finden; sie fühlte sich nicht nur durch Prüfungen geprüft, nicht nur durch Orpheus, das ganze Leben war ihr ein Textil, an dem es viel und oft zu viel auszubessern gab. Zu ihren schwersten Lasten zählte es, daß alle glaubten, sie trage Lasten leichter als die anderen. Das Gefühl, ihr eine Last zu sein, war eine Altlast für Aljoscha. „Ich würde all das niemals durchstehen ohne dich“, das sagte sie ihm manchmal; den Verdacht, den er zuweilen hegte, nämlich daß sie all das besser durchstehen würde ohne ihn, forderte ein solches Gelöbnis zwar tapfer zum Duell, doch die beiden Kontrahenten erschossen sich nur immer gegenseitig.
Wenn Leda bekräftigte, daß nur er der Drachentöter war, daß nur er die Waffe gegen ihre Sorgen hatte, war er nie ganz sicher, gegen was er eigentlich kämpfte, und seine Erfahrung darin, Ledas Kummer zu verursachen, gab ihm das Gefühl, daß er mit verrutschtem Heiligenschein gegen die Drachen antrat. Und im Heim für Drachentöter wartete ein kleiner weißer Wurm auf ihn, der boshaft fragte, warum er nur der Sorgendrachentöter war, hoho, ho. Was für ein Märchen das denn sei, wenn die Jungfrau unmittelbar nach ihrer geglückten Befreiung auf die Armbanduhr blickt. Wenn seine Liebe stark genug war, um Leda wiederherzustellen für einen neuen Tag, dann war sie zu schwach. Sie sollte Leda ohnmächtig hinsinken lassen. Sie sollte nicht das Riechsalz sein, sondern das, wonach man Riechsalz braucht.
– Cat People, 1942, Regie Jacques Tourneur, Collage CE – Giovanni Battista Piranesi, Carceri d’Invenzione – Holzschnitt aus Frans Masereel, Die Stadt – Edward Burne-Jones, The Briar Rose Series – Study for The Garden Court – La Dame à la licorne Tapestry, Detail
Tihii… von einer Qualle sprachen Sie!? Schrecklich! Ich musste in Bio komplett kapitulieren und schrieb, soweit ich mich erinnere, nur die Fragen zu Antworten um. Brachte mir gnädige 2 Punkte ein, die mir vollkommen ausreichten. Ich weiß bis heute nicht, welches Thema es war, hab ich noch am selben Tag vergessen.
Ich hielt Sie weder für einen Künstler, noch für einen Musiker, aber ich ahnte doch, dass der Karren nur Tarnung war. Ersteres Faustzitat ist ja nun, als wusste Goethe von Ihrer Existenz. Vielleicht waren Sie sich wohlbekannt!?
Heute hielt ich Lenzens Werk in Händen und nun raten Sie mal, wie der Protagonist heißt!? Kihiii…
Ich sehe in der Oper schon gern etwas Schönes, aber oft haben Inszenierungen nicht mehr viel mit der Vorgabe gemein. Ich hab da auch schon Böses gesehen. Die Zauberflöten-Aufführung im Februar wirkte allerdings wie reformiert. Eine blasse Pamina mit langen dunklen Haaren trug ein leichtes schwarzes Kleid, auf welchem ein rotes Herz prangte und dazu schwarze Samtschühchen. Die Tiere waren allesamt mit Pappmachémasken dargestellt. Diese begrüßten uns schon im Foyer, was als Willkommen für eine kleine Opernerstbesucherin perfekt inszeniert war. Papageno war ein richtiger Papageno und trug keine merkwürdige Straßenarbeiterweste, alles schon gesehen.
Zudem stellte ich mit Freuden fest, dass der Zuschauerraum der Oper nunmehr in rotem Samt erstrahlt und nicht wie einst in langweiligem Beigebraun. Als ich vor vielen Jahren auf einer studentischen Reise in der Wiener Oper von einem Stehplatz aus nicht viel von der Aufführung sah, die ich ohnehin nicht kannte und auch nicht kennen wollte, schaute ich mir lange die Raumausstattung an, wandelte später durch sämtliche Foyers und Treppenhäuser und verbrachte so einen glücklichen Abend.
Goethe, zufällig ist er an einem 22. März gestorben und ich geboren, kein Grund, mit Seelenwanderungstheorien zu flirten, wie kann man denn als Geheimrat den „Werther“ so verschmähen hernach. Übrigens hat Goethe mal ein Vampirgedicht geschrieben, „Die Braut von Korinth“ (3 Pluspunkte), jedoch den Begriff der „Inneren Form“ von Shaftesbury geklaut, ohne dies zu gestehen (5 Minuspunkte). Gut: Goethe von hinten, von Tischbein (1 Pluspunkt). Der Protagonist von Lenzens Werk heißt? naja ich ahne es.
In der Hamburger Oper war ich zu ballettomanen Tagen praktisch zuhause, wir hielten die Klappsitze im 4. Rang quasi psychomagisch besetzt, war aber schon lang nicht mehr im Zuschauerraum, now. Die Pariser Oper verschaffte mir einmal ein ähnliches Erlebnis wie Ihnen die Wiener – Wien ist schön, nein? Hätte ich nur, als ich da war, schon gewußt, wo Alida Valli endlos (vorbei)ging –, und plötzlich spähte ich durch ein Bullauge, hinter dem Nurejew probte. Andächtig stand ich auch mal vor dem Théâtre des Champs-Elysées, wo „Le Sacre du Printemps“ 1913 uraufgeführt wurde, über das Ballett schrieb ich mal ca. 1000 Seiten an der Uni im Rahmen des Themas Kunst vs. Das Schöne, und doch – und doch wußte ich nicht einmal, daß Quallen je so weit kommen, um im Winter woanders zu sein als im Sommer. Es paßt alles nicht zusammen, Watson.
Alles Liebe zum Geburtstag!
Danke schön! So ein hübscher Robert, die Farben… seufz.
Wien ist mächtig und überladen. Mächtig überladen. Es ist berauschend. Psychotraumanalyse und Traumpsychoanalyse zwischen alten Mauern, die zuviel wissen und ich kehrte jedes Mal als eine andere zurück. Aber so ist es ja immer. Sie wissen, dass „Before Sunrise“ einer der Filme ist, die in meinem Regal stehen. In meinem Regal passt auch nichts zusammen. Aber, Holmes, wenn ich Sie an Ihre eigenen Worte…: „Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten.“ Goethe schrieb auch das Hexeneinmaleins und überhaupt wusste er von Dingen, die Generation Keine Ahnung nicht mal erahnen würde, wenn sie sich ihr auf den Schoß setzten.
Geklaut? Goethe? So. Jede kreative Leistung entsteht zunächst mal aus Nachahmung, hörte ich. Goethe kannte seine Schatten – sicher. Aber was wissen wir, was damals war? Zu Lebzeiten C.G. Jungs steckte die Menschheit bewußtseinstechnisch in den Kinderschuhen. Wenn Sie und er mich fragen würden, sie hat sich seit Erfindung der Spielkonsole noch deutlich zurückentwickelt. Sagte die Resignation, wurde alt und starb. Aber wenn dies so wäre, dann entwickelt sie sich vielleicht schon länger rückwärts? Und wenn Sie 1913 in Paris mit Alida Valli „Le Sacre du Printemps“ durch ein Bullauge uraufgeführt sahen, dann wissen Sie genau, wovon ich rede.
And now to something completely different. Bringt Phillip Lahm heim.
Mächtig, überladen, berauschend – schön. Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Ein auf Seite 36 stehengebliebener pornographischer Roman, den ich „Menschen im Hotel“ zu nennen gedachte, spielt in Wien. Sie wissen auch genau, wovon ich rede: so, wie Sie Uraufführungszeugenschaft beschreiben, ist einmal eine Frau aus einem Film gestiegen. Potenziert synkretistischer Impressionismus. Kennen Sie eigentlich die Last Shadow Puppets? Geniale Synkretisten, mit dem ganz frühen Bowie und Scott Walker als Göttern. Und natürlich tun die genau, was Sie sagen: eine neue Maschine bauen aus Teilen, die schon rumliegen.
Im Vorordner Hensson 1240 müßten sich noch zwei Uralt-Cure-Artikel befinden, dachte ich. Einer ist aber futsch, der hieß: „Wir machen depressive Musik, weil wir nicht lügen wollen“. Wieso eigentlich depressiv? Die Hitparade ist depressiv. Der andere heißt „Seeumwanderungen mit schlafenden Kindern“. Soll ich den mal für Sie scannen? Nicht sehr ergiebig, aber nett. Phillip Lahm? The eternal Stimmbruch? Finden Sie nicht, daß Sergio Ramos aussieht wie Marilyn Manson, als er noch Brian Warner war? Finden Sie nicht, daß Fernando Torres der Saint-Just der Sturmreihen ist?
Ja, Ramos-Manson habe ich auch erkannt, Torres habe ich meistens ignoriert. Perfektion langweilt doch nur… Slaven Bilic erinnerte mich an einen älteren Ian Curtis – ein interessanter Mann, denken Sie nicht? Die Kroaten sind unbedingt weiter im Auge zu behalten, ebenso die Russen natürlich. Eternal Stimmbruch war für mich der Mann der EM, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner fehlenden Attraktion. Seiner unermüdlichen Lauferei verdankt die deutsche Mannschaft sehr viel. Wurde ja auch geehrt für seinen Einsatz. Insgesamt eine sehr schöne EM.
Seeumwanderungen mit schlafenden Kindern würden mich sehr interessieren, ich habe nur wenige Artikel aus den 80er Jahren aus Jugendmusikzeitschriften (mit Titeln wie „Würmer zerfressen sein Gesicht.“). Die meisten Interviews mit Robert sind ja voller Unsinn, weil er immer wieder solchen erzählt hat. Heute geben sich The Cure so düster, wie man sie damals dachte, es aber nicht waren. „Wir machen depressive Musik, weil wir nicht lügen wollen?“ *lach* Gelogen hat Robert in Interviews immer gern, aber in der Musik war alles so grundehrlich, dass sie in die Tiefen trifft, zu denen die Hitparade keinen Zugang hat. Ja, die Hitparade gibt heute wie damals immer Anlässe für Spontandepression und Suizidgedanken, während The Cure und all „die anderen“ (Sie wissen schon) genau das Gegenteil bewirken.
Nein, ich kenne bisher weder Ladytron noch die Schattenpuppen. Ich bin in eine Art Apathie gefallen, seit ein paar Wochen, die mich eher in Rückschau zwingt, als in Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem. Außerdem erfolgt etwas Innenschau, das Gefühl nicht mehr weiter zu können und hauptsächlich erschöpft zu sein, genauer betrachtend und schauend, wo all das hin soll, während Aufgaben warten und während Positivismus bzw. dessen Fehlen mir hilft, nicht ganz aus der Realität zu rutschen. I’m alive and dead. Aber ich fotografiere zur Zeit gern, es ist interessant, was man sehen kann, wenn man etwas mehr als einmal betrachten kann, was sonst nur ein Moment ist, der vorübergeht im Alltag.
Ich habe früher viele Häuser aus Legosteinen gebaut, aus Teilen, die schon rumliegen. Das ganze Leben geht so, oder? Ich baute immer Häuser und heute baue ich Seelenhäuser. Synkretisten. Immer wieder neu zusammenbauen und dann fällt es wieder zusammen oder wir bauen es auseinander, weil es nicht mehr passt und dann wieder neu. Ja, das muß so sein, so sind wir wohl. Eine Frau stieg aus einem Film, ja, eine DER Stellen aus „Aljoscha“, als er dessen gewahr wird. („Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Realität? Soll ich Sie nach Hause bringen?…“) :)
„Würmer zerfressen sein Gesicht“? Das ist groß. Gibt’s auch einen mit „Spiderman schlürft sein Hirn“? Kürzlich bat ich einen Synchronizitäts-Interessenten im SpOn, mir meinen Lieblings-Cure-Song zu sagen. Von anderer Seite kam dann „Pornography, über Kopfhörer!“ Was soll man denn davon halten? Mein Lieblings-Cure-Song ist natürlich „The Perfect Girl“. Manchmal.
Slaven Bilic ist schon deshalb gut, weil er sich politisch unkorrekt rauchend von Stadionkameras erwischen läßt. – Eine DER Stellen aus „Aljoscha“, sagen Sie? Ein paar Stellen aus „Aljoscha“ verwandeln sich gerade in Russisch und Englisch, inoffiziell und überdies stelle ich fest, daß ich mich schlecht übersetze. – Photographie ist auch etwas, wohin ich zurück will, ich habe zuweilen mit eigenem Entwicklungsgerät und Chemieschalen unsere Küche dekonstruiert. Apathie nicht, insgesamt ein noch diffuses Verlangen nach dem wahren Jakob, manches „Zurück“ darin, in solcher Rückschau können sich ja Wege ins Neue anbahnen, ich wünsche es Ihnen. „An sich neigt der Mensch dazu, sich zu verzetteln“, wie Camus mal sagte, an sich habe ich aber auch die Neigung, all die Zettel mal zusammenzucamusen.
Was man davon halten soll? Ihr Interessent kannte noch keine Einzelheiten, wie mir scheint. „Pornography“ würde wohl kaum jemand als Lieblingssong bezeichnen.“The Perfect Girl“ – jawohl, außerdem würde ich Ihnen Songs wie „Bird Mad Girl“ zuschreiben. Aber das ist ja auch nur mein Synchronizitätsempfinden dann. Es freut mich immer, wenn Menschen Werke wie „Pornography“ überhaupt noch erinnern oder sogar wertschätzen.
Neue Wege, genau. Es geht voran. Die Zeit, als Aljoscha im Ungewissen weilte, ob Synchronizität ihm zuteil werden würde, soweit ich es verstehe, war ja auch eine Zeit, in der starke Zweifel ihn heimsuchten. Können Sie folgen? Also, was ich eigentlich fragen will, wie beurteilen Sie die Fähigkeit des Menschen, zu lieben, ohne etwas zu fordern oder zu wünschen? Liebe, um ihrer selbst willen. Willen? Ach. Leben wir denn in einer Gesellschaft, in der das Ego größer ist als der Wunsch nach Spiritualität? Ja. Und es ist auch menschlich. Aber ist das nicht furchtbar langweilig auf Dauer? Natürlich ist auch das Ego ein erforderlicher Teil der Existenz und dauerhaft ist es vernünftig und evolutionär gegeben, nicht zu verweilen, wenn Liebe unerwidert bleibt. Die Liebe ist ein Wunder, das zwischen zwei Menschen entstehen kann, wenn einige Vorraussetzungen erfüllt sind.
Wenn dieses Wunder aber einseitig bleibt oder gar nicht mehr entsteht und Zweckgemeinschaften Vorzug gegeben wird, weil es rein äußerlich (und ich meine nicht optisch) zu passen scheint, was sagt es über Menschen?
Was sagt es über die Gesellschaft? Vermeiden Sie dann, jemanden zu finden, der Sie zurückliebt? Vermeidet die Gesellschaft Empfindung? Werden Menschen zur Black Box, in die gewünschte Verhaltensweisen indoktriniert werden können und dann verhalten die sich auch so? (Die immer stärker vertretene und lobgepriesene Verhaltenstherapie, die aus Kostengründen stark begrüßt wird von Seiten der Politik und vieler Therapeuten, basiert im Grunde auf dieser Idee, wie Sie vielleicht wissen. Sie erzielt aber nachweislich nur begrenzt anhaltende Erfolge.) Und ist dies etwas, das man überwinden kann? Am Ende geht es um Selbstwert, nicht wahr? Sich selbst wert sein, das zu finden und zu empfinden, was man sich wert ist.
Aljoscha sagt in einem Absatz, dass er zurückkehrt zu denen, die ihm teuer waren. Des Nachts, in der Stille und sie werden es nicht bemerken, aber es ist so. Und dies hat mich eben so beeindruckt, weil ich etwas Ähnliches immer empfand, aber nie in Worte gefasst habe. Ich empfinde Dankbarkeit für Begegnungen mit denen, die ich in mein Herz nahm und nie vergesse und all die Trauer über den Verlust des einen oder anderen ist dann überwunden, wenn sie in Dankbarkeit, dass überhaupt Begegnung, Austausch, Entwicklung gewesen, konvertiert. Ach, ich könnte einen Pjotr gebrauchen, der mir Mut und Willen leiht, damit Athene… naja, Sie wissen schon.
By the way, vielleicht müssen verzetteln und camusen sich abwechseln, denn das Leben ist eine Reihe von Phasen, wie mir immer deutlicher wird. Nothing lasts, but nothing is lost.
So viele Fragen. Das Unkryptische. Sie erinnern sich an unser erstes Gespräch beim Brunnen. Ich erzählte Ihnen, daß ich glaubte, etwas sei vorbei, und daß ich glaubte, etwas würde beginnen. Damals war beides wahr. Der Flughafen Fuhlsbüttel gehört mir, wissen Sie. Viermal habe ich dort auf sie gewartet und ihn zu meinem gemacht, und dann machten wir dieses Leben zu unserem. Ich bin irgendwann in diese Bude hier gezogen, weil ich es schuldig war. Allen und allem. Allein, Gods will be Gods but my one forgot I was made out of skin. Und das, als es nur noch die Entscheidung gab: Hochzeit oder nichts. An meinem Geburtstag, vor ein paar Monaten, war die letzte Station erreicht, die Lokomotive, die so viele Berge verschoben hatte, konnte nicht mehr. Doswidanja, Brombeermädchen, eines Tages wird ein Geist die Hütte finden, die wir bauten am versteckten Fluß. Eiszapfen am erfrorenen Kalender. Das letzte, was wir noch in Händen hielten, das Jahr, das nicht mehr kam. In deinen Augen sah ich unsere Zukunft. Wir waren Gottes dunkle Hoffnung.
Es gibt keine Liebe, die nicht wünscht. Es gibt Menschen, die nicht fordern. Aber wenn eine Frau sich wünscht, daß du der Mann ihres Lebens bist, verdichten sich Wünsche. Erst recht im 3000 Kilometer langen Zwischenraum, im Korridor des spell. Und ich meine ziemlich genau Nick Caves „Spell“: genau so war es, vor vier Wintern. Der Poet ohne Mittel ist nur ein Spiegelbild, unwichtig für sie. Die Macht des Daß-sie-SIE-ist war distanziert, hatte aber keine Entfernung. Vermeidung? Zu wenig nicht vermieden. Am Ende war es ein Clash von Lebensweisen, nehme ich an.
Das nächtliche Zurückkehren, eine der cat skills. Wünschte, ich könnte ausdrücken, was es mir bedeutet, wenn Sie sagen, was Ihnen eine solche Passage bedeutet. Der Trick ist, man durchquert immer Unendlichkeiten, wenn man mit einer anderen Seele ist.
Entzückt und unbeweglich saß ich im blauen Licht des Meeres und im goldenen des Raumes. Ich war glückselig, erhob mich mit leichter Seele und sagte mit feiner, unerklärlicher Überzeugung zu den Sonnengespenstern: „Euch, Zeichen und Figuren, die ihr mit unbekannter Bedeutung hereingebrochen seid und mich mit dem stillen Wechselspiel Eures golden-flimmernden Tanzes erfreut habt -, solange Ihr Euch noch nicht von mir wendet, vertraue ich das Rätsel des Unerfüllbaren in mir an. Ich bitte Euch, es zu lösen und mich zu erleuchten…“
Ich war mir dessen bewußt, daß mir diese Ansprache später etwas lächerlich vorkommen würde.
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“ September 2007
Christian Erdmann:
Gerade beendet: Alexander Grin, „Wogengleiter“, 1928. Thomas Harvej, der Held des Romans, fühlt, wie „das Unerfüllte“ ihn ruft, und beginnt, von den kleinlichen Angelegenheiten des Alltags abzusehen, stattdessen die „schwach flimmernden Schemen“ zu ergreifen – den Zeichen zu folgen, die das Unerfüllte gibt. Er erblickt es in Form einer Frau, die im Hafen die Falltreppe eines Dampfers hinabschreitet, ein Bild, das er in den feinsten Regungen seiner Seele immer erwartet hat. Und dann gerät Harvej in haarsträubende Geschichten, in denen er den Mustern der Bestimmung nachspürt; er reist als Passagier auf dem „Wogengleiter“, dessen schurkischer Kapitän Gaes „zufällig“ ein Bild der von Harvej erblickten Frau, Bice Seniel, in seiner Kajüte hat. Von der Begegnung mit der übers Wasser gehenden Fresi und der später dasselbe Kleid wie Bice tragenden Desi bis zum allesverbergenden, allesverheißenden Karneval in Gel-Gju: eine stilistisch filigrane, mit hinreißenden Metaphern nur so um sich werfende Geschichte voller geheimnisvoller Charaktere, die bei allen verschlungenen Abenteuern doch wie eine Reise durch die Psyche, wie ein Weg durch das Labyrinth des Herzens ist.
Darum, Allez, lesen: um die Literatur das Leben überzeugen zu lassen, daß alles möglich ist. Daß es möglich ist, zwischen Betontürmen ohne Peinlichkeit und Lächerlichkeit den Blick für das Wunder zu bewahren.