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Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Echo & The Bunnymen – The Killing Moon

Ian McCulloch, Echo & The Bunnymen. Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: The Killing Moon.

Echo & The Bunnymen klingen wie die Liebesnacht mit einem Geist. Was will Ian McCulloch sagen? Er sagt es so gut. Seine kryptische Poesie verweigert sich linearer Zeichnung, manchmal sagt er eigentlich nur Klang, so ist es wohl während der Liebesnacht mit einem Geist. Manchmal sind seine Texte einfach Schimmer von Eis und Jade. Alles ist verwandelt, Tage sind kristallin oder türkis, Teufel sind weiß, der Mond tödlich, Pferde tanzen, Köpfe rollen, nur Götter werden immer Götter sein. Als Bunnyman bewegt man sich buchstäblich zwischen Engeln und Teufeln, jede Nacht hat andere Schriftzeichen am Himmel, und auf dem Thron im Paradies wird man Stück für Stück verrückt.

Die 4 Alben, die Echo & The Bunnymen zwischen 1981 und 1987 veröffentlichten, entsprechen den 4 Jahreszeiten. HEAVEN UP HERE (1981) ist Herbst. PORCUPINE (1983) ist Winter. OCEAN RAIN (1984) ist Frühling. ECHO & THE BUNNYMEN (1987) ist Sommer.

For me, it was a trip to Russia that fed into The Killing Moon. Me and Les Pattinson, our bassist, knew some people at the polytechnic in Liverpool who were going, and they said we could come. It was £200 for 10 days, including flights. We went to Leningrad, then this place called Kazam, where nobody from outside Russia had been since 1943 or something. We went to a museum full of tractor parts and this very strange party organised by the young communists where everyone wore pressed Bri-nylon flares. But there was a lot of music and we came back full of ideas of Russian balalaika bands, which Les used for the middle of the song – this rumbling, mandolin-style bass thing. – Will Sergeant, The Guardian, 2015

„The Killing Moon“ ist, wer wollte da Ian McCulloch widersprechen, „the greatest song ever written“. Die Musik beschwört die Macht des Unausweichlichen.

Under blue moon I saw you
So soon you’ll take me
Up in your arms
Too late to beg you or cancel it
Though I know it must be the killing time
Unwillingly mine

Fate
Up against your will
Through the thick and thin
He will wait until
You give yourself to him

In starlit nights I saw you
So cruelly you kissed me
Your lips a magic world
Your sky all hung with jewels
The killing moon
Will come too soon

Fate
Up against your will
Through the thick and thin
He will wait until
You give yourself to him

005

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Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Iggy Pop – Shades

Iggy Pop by Masayoshi Sukita. Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: Shades.

Doch 10mal wunderlich! SIE trug noch mehr! 9 Tage war es her, daß sich in der Metro ein 8-loses Individuum zwischen ihn und SIE geschoben hatte, dadurch 7 Flüche auf sich zog und erst zurückwich, als Aljoscha seinen Walkman von Lautstärke 6 auf militant laut stellte, wodurch im Umkreis von 5 Metern „Shades“ von Iggy Pop Mitreisende mitreißen mußte. Seitdem hatte dieses Stück Musik den 4fachen Schriftsinn:

3) Es handelte von einem Geschenk, das ein Mann von einer Frau erhält, was diesen Mann so rührt, daß er der Frau darüber Treue schwört für ewig und einen Tag (anagogischer Sinn).

2) Es enthielt die Zeile: Die anderen Kerle sind schlecht dran, sie wollten einem Mädchen wie dir nie zuhören (Moralsinn).

1) Es war die Hymne auf den Zauber, in den die Katzenmenschenfrau Aljoschas Leben hüllte. Allegorischer Sinn.

0) Es war so gut, daß man in die Knie ging. Buchstäblicher Sinn.

Und weil „Shades“ das Hohelied auf eine Sonnenbrille war, jenes so bedeutsame Geschenk zur richtigen Zeit am richtigen Ort, trug SIE an diesem kalten Tag, den kein Sonnenstrahl erhellte, eine Sonnenbrille. Klarer Fall! – auch wenn dies alles Aljoscha im Augenblick mehr schwante, als daß er es sich rational und en bloc zusammenspekulierte.

Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“

004

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Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Mark Lanegan – Waltzing In Blue

Mark Lanegan, Phantom Radio. Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: Waltzing In Blue.

Lanegan hat schon bei „Blues Funeral“ erklärt: „I was listening to a lot of Kraftwerk, Cluster, Harmonia, a lot of the Krautrock stuff.“ Auf „Phantom Radio“ / „No Bells On Sunday“ hat er diese Liebe noch dezidierter ausgelebt. „Waltzing In Blue“ haunted me. Something else, something strange, ätherisch, Lanegans Chor mit sich selbst erinnerte mich an irgend etwas Fernes, weit Entferntes. Then I got it. Dieses Eindringliche, Gebethafte der Musik, die Florian Fricke mit Popol Vuh für Werner Herzog-Filme schuf. „Waltzing In Blue“ erinnert mich an Popol Vuh.

Adventskalender 2014

Oh what can I say
I’m bleeding for you
Only a scratch
Waltzing in Blue
Oh I can’t see the day
Blinded by you
Faded away
Waltzing in Blue
No, nobody home
They’ve gone out to play
Gone to the ball
Psychoses and all
And love
Love’s fevered stain
Hour by hour
Is down to decay
Oh what can I say
Still haunted by you
Quiet as a ghost
Waltzing in Blue

003

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Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Scott Walker – Boy Child

Scott Walker. Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: Boy Child.

Was ich aber weiß, ist, daß „Scott 4“ ein echtes Wunderwerk und „Boy Child“ einer der Songs ist, für die das Wort „haunting“ mal erfunden wurde. Reine unverständliche Schönheit, dunkel, süß, mysteriös, reine Poesie.

(12.03.2009 – SPON)

… ein Mann auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die zwischen europäischen Filmen abläuft, eine unerklärliche, traurige, einsame Forgotten Courtyards-Schönheit vor Augen.

Letzte Nacht zwischen 2046 und 2968

Beyond any rational explanation, was Walker in diesem Song macht, wie er in ihm das Mondlicht einfängt. Ally Davids: „Boy Child is, in my opinion, the peak of music itself, the best song ever written, across any musical medium in any time, period. Beautiful lyrics, and a tune that I would be quite happy to listen to for the rest of my life.“

Oft genug aus diesem Song erwacht, um in die Welt eines Romans zurückzukehren. Wenn du in den Nachtwinden hinter mirrors dark and blessed with cracks gestanden hast, fügen sich alle Fragmente zusammen. Für immer.

Scott Walker / Scott 4

„Und manchmal hat mich die Atmosphäre eines Stücks wie ‚Boy Child‘ von Scott Walker oder ‚Frozen Warnings‘ von Nico genau dahin geführt, wo das Wort oder das Bild war.“

Interview Literatur-Feder Magazin

002

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Journal Musik

Hiraeth

Die wahrscheinlich letzten Aufnahmen von Mark Lanegan auf diesem Planeten.

Will miss him for the rest of my days. But this helps. And what a beautiful song.

Mark Lanegan, Straight Songs Of Sorrow.
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Today's Best Song Ever

Today’s Best Song Ever: Nico – Frozen Warnings

Christian Erdmann, Today's Best Song Ever: Nico - Frozen Warnings.

001

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Aljoscha der Idiot Musik

Rowland S. Howard

„Der Mann der Stunde war Nick Cave, ehedem Sänger der Birthday Party, einer Combo, die so klang wie der eiskalte Samen des Teufels sich anfühlen mußte. Cave zog durch seine Texte wie ein Wanderprediger mit Dreck am Stecken zwischen Sumpfland, Strumpfband und Altem Testament. Sein Spießgeselle war jetzt nicht mehr der seltsame Rowland S. Howard, der mit seinen weinenwollenden großen Augen wirkte wie ein im Cabinet des Dr. Caligari Vergessener und von dessen Gitarre Georg Büchner sagte, daß sie wie ein offenes Rasiermesser durch die Gegend lief (man schnitt sich an ihr), sondern Blixa Bargeld, dessen luziferisches Gebrodel über Caves Lieder kroch wie eine Tarantel übers Bett. Kicking Against The Pricks und Your Funeral, My Trial von Nick Cave schärften den Sinn für die manische Unschuld der Obsession.“


„Vor etwa zwei Stunden hatte Aljoscha eine LP der Birthday Party neben einen Spiegel gestellt und sich selbst davor, um einen Haarschnitt vorzunehmen. Der Kopf des auf dem Cover abgebildeten Gitarristen Rowland S. Howard diente ihm als Vorbild. Hallo, ich bin Butch, und ich nenne diesen Schnitt Scheitel am Ende. Man trägt ein artiges weißes Hemd dazu. Es ist ein Scheitel, dessen Sachlichkeit zugleich betont und zerfetzt ist, verheert, zerwirbelt, verderbt. Die Wirrnis der Fasson. Der Formschnitt der Zerrüttung. Keine Strähne verschafft eine Ahnung, was zum Teufel all das bedeuten sollte, jeder Wirbel verweigert die Mitarbeit. Der Scheitel des Bösen. Aljoscha hatte aufgehört zu funktionieren. Er hatte aufgehört zu resignieren.“

[Christian Erdmann: Aljoscha der Idiot]

Rowland S. Howard. Artikel von Christian Erdmann.

Rowland war für mich immer ein entfernter Satellit, der an bedeutenden Punkten meines Lebens Signale sendet. Ich glaube, es war sein Gesicht, das mich zur Birthday Party brachte. Die Szenen in „Wings Of Desire“, die sich einem ins Gedächtnis brannten. Im Winter unserer Durchgangsriten war er da mit „Wedding Hotel“. „It’s Still Living“ neben meinem Spiegel, um mir den Scheitel des Bösen zu verpassen. These Immortal Souls live, damals, als Konzerte, die für 20:00 angesetzt waren, kurz vor Mitternacht begannen. Dann entdeckt man ihn als Entdecker der Lee Hazlewood / Nancy Sinatra-Größe, mit „Some Velvet Morning“. Und dann kam „I’m Never Gonna Die Again“ – „Crowned“. Gott weiß wohin Genevieves Piano am Ende, das nochmal aus der Stille kommt, meine arme Seele schon geführt hat.

Rowland S. Howard.

Über Rowland S. Howard @ SPIEGEL ONLINE Forum:

23.10.2007

Kuechenchef:

In der Tat habe ich gestern eine lange Crime & The City Solution- und Spätburgunder-Nacht veranstaltet. Angefangen mit der The Dolphins and the Sharks-EP … bis Shine. Dabei ist mir folgendes Schätzchen in die Hände gefallen, dessen Existenz mir nicht mehr wirklich bewusst war, Nikki Sudden and Rowland S. Howard – Kiss You Kidnapped Charabanc. 

Und natürlich laufen bei alldem so viele Filme ab, daß ich auf den Spätburgunder lieber von vornherein verzichte, aber wie Lou Reed mal sagte, jeder Wirbelsturm hat ein Auge, und durch das muß man durch. Und auf der anderen Seite bleibt dann einfach, daß „Wedding Hotel“ ein großer Song war, ist, und immer sein wird.

kpone:

… Lydia & Rowland mit „Shotgun Wedding“. Da läuft mir immer wieder ein Schauer über den Rücken.
Nicht immer zeugen viele Noten und Breaks für Qualität.

Lydia Lunch, Rowland S. Howard: Burning Skulls

Was die Breaks angeht… im Nachhinein betrachtet… „Hee-Haw“ hat zuweilen sehr vertrackte Rhythmen, diese seltsame Art von Beautiful Losers-Jazz, der Rhythmus als Strafaktion, und halb hält Howard genau das in der Hand, halb schneidet er mit dem Rasiermesser hinein.

Gerade auf der zweiten These Immortal Souls-Platte („I’m Never Gonna Die Again“) bindet er sich dann aber mal richtig die spitzen Schuhe zu, Stücke von ungeahnter Stringenz, und das etwa 10 Minuten lange „Crowned“ – über das, was passiert, wenn man sich über längere Zeit hinweg über den Schlaf (und ein paar andere Dinge) erhebt – ist vielleicht das beste, was er je gemacht hat, die Beats, die Epic Soundtracks auf diesem Stück auf der Snare hinterläßt, kann kein Sterblicher zählen, und während sich das Ganze am Ende selbst manisch in den Boden dreht, entlarvt diese wunderbare Piano-Melodie von Genevieve McGuckin, die erstmal gegen die neun Höllenkreise ankämpft und dann aus der Stille nochmal wiederkommt, einen wie Howard („I’ve been crowned in black, now I abdicate“) als letztlich heillosen Romantiker. Ganz, ganz groß.

18.03.2008

„Exit Everything“ flattert hier seit Tagen mit schwarzen Engelsflügeln herum und sprüht „Das Herz ist eine Kampfzone“ an die Wand.

07.07.2008

Hatte ich Dir eigentlich seinerzeit erzählt, daß es in dem nicht so berauschenden „Queen of the Damned“ eine kurze Szene gibt, in der eine „Vampir-Combo“ aufspielt, bestehend aus Aimee Nash, Robin Casinader, dem wunderbaren, Dir ja nun auch bekannten Hugo Race und *drumroll* Rowland S. Howard, ex-The Birthday Party, ex-Crime & The City Solution, ex-These Immortal Souls, ex-Lydia Lunch-Kumpan, ex-everything (Song seines Soloalbums „Teenage Snuff Film“: „Exit Everything“), ex-Konsument-von-allem. Wie Du weißt, kann man ihn auch als „im Cabinet des Dr. Caligari Vergessener“ bezeichnen, aber es war einfach schlagend, wie das natürliche unnatürliche Aussehen dieses Mannes ihn vampirhafter erscheinen ließ als den ganzen Rest der Filmvampire!

Queen of the Damned – Deleted Scenes – The Band

07.09.2008

„Exit Everything“ ist so richtig, daß es fast schon falsch ist, erinnert daran, daß Gott ein passiv-aggressiver Profilneurotiker ist, und bleibt dabei cool wie eine tiefgefrorene Gurke.

09.02.2009

Fad Gadget, „Ad Nauseam“ von „Gag“ (1984). Verstörender als 3 Death Metal-Bands auf 1 Pferd, Gitarre Rowland S. Howard.

12.02.2009

Eine der vielen guten Taten Rowland S. Howards: in einer Zeit, in der sich niemand darum kümmerte, auf die Klasse der Hazlewood / Sinatra-Songs zu verweisen, genau wie Nick Cave mit „Kicking Against The Pricks“ Traditionslinien betonte. Die slightly demented Lunch / Howard-Version ist Geschmackssache, ich finde sie wunderbar.

09.07.2009

Von Alex Chilton hat Rowland S. Howard mit seinen These Immortal Souls mal „Hey! Little Child“ gecovert. Der kann überhaupt gut covern.

30.10.2009

Es gibt eine neue Platte von Rowland S. Howard (The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls), „Pop Crimes“.

Seine erste Soloplatte, „Teenage Snuff Film“ von 1999, gehört zum Besten, das je aus Australien kam.

Und jeder sollte ihm Glück wünschen. „Basically I got liver cancer, I’m waiting for a transfer, if I don’t get it things might not go so well… so…“

30.12.2009

Heute morgen ist Rowland S. Howard gestorben.

30.12.2009

Als Fad Gadget starb, war ich neu im Internet. Ich fand eine Art Kondolenzbuch auf seiner Website, und trug etwas ein. Aus den 80ern hatte ich noch so einen Artikel über ihn. Der war begleitet von einer Bilderserie; Frank Tovey (sein richtiger Name) und seine damals vielleicht 3jährige Tochter veranstalten eine Tortenschlacht. Sehr niedliche Bilder, sehr im Kontrast zu der damals gefährlich und diabolisch wirkenden Bühnenfigur Fad Gadget – der gerade das Album „Gag“ veröffentlicht hatte; auf einem Stück davon spielt übrigens Rowland S. Howard Gitarre. – In meinem Eintrag also erwähnte ich diese Bilder. Kurze Zeit darauf stand folgender Eintrag online:

„Thank you for all of your messages. I’m still reading them so please keep writing. Thank you to Christian for the message about the photo shoot with me and dad and the cake. I still have one of the photos from that shoot framed in my bedroom, it’s one of my most treasured possessions. Thanks and love to you all, Morgan.“

Das, und zu lesen, wie viele Menschen around the world die Kunst dieses Mannes schätzten und liebten, ließ mich denken, das Internet ist womöglich keine schlechte Sache.

Ja, es hat ihm wehgetan, daß sein Werk nicht die Würdigung fand, die es verdient hätte. Ich finde es ebenfalls schmerzlich, wie manche, die ganze Heerscharen von Epigonen zu hoffnungsloser Mittelmäßigkeit verurteilen, so langsam im Nebel verschwinden. Auf der anderen Seite ist es immer eine Wohltat, auf YT, wie mir gerade bei Siouxsie & The Banshees wieder geschehen, zu lesen, wie 17jährige diese Musik entdecken und ihnen die Kinnlade runterfällt darob, daß es sowas mal gegeben hat.

Warum ich das alles erzähle, weiß der Himmel – vielleicht weil ich heute morgen diese Nachricht bekam: „I woke up this morning and someone told me Rowland died. I’m crying like a child.“

Rowland S. Howard – The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls, zwei gloriose Soloalben, massenhaft Kollaborationen. So einflußreich und innovativ, es bräuchte einen eigenen Museumsflügel für ihn. Im Grunde auch der Mann, der für die Postpunk-Generation das Interesse an Lee Hazlewood wiederbelebte, als dieser völlig aus dem Fokus war, mit „Some Velvet Morning“, Duett mit Lydia Lunch.

Ein Nachruf:

-> Rowland S. Howard hangs up his guitar for keeps 

„I think that the most important thing about music should be that it expresses some kind of humanity and it should express the personality of the person who is playing it.“

04.01.2010

Zum Tode Rowland S. Howards:

-> Geier unter Starkstrom

05.01.2010

kpone:

RIP 

„I think that the most important thing about music should be that it expresses some kind of humanity and it should express the personality of the person who is playing it.“ 

Sorry, Christian, hab‘ ich grad mal bei Dir rauskopiert. Natürlich war Howard kein „Supergitarrist“ à la Malmsteen, Satriani, Moore und wie die ganzen Griffbrettmasturbanten alle heißen. Aber da wo Gefühl und Akzentuierung gefragt waren, da hat er sein Metier beherrscht wie kein Zweiter. Allein auf der kompletten LP „Shotgun Wedding“ mit Lydia Lunch zeigen einzelne Töne zur richtigen Zeit, langsame Melodiefolgen einzelner Töne mit kurzem komplett Anschlag eines Akkords über drei Saiten, dass weniger meistens mehr ist.

Feeling für Strukturen, Harmonien (bei Birthday Party meist Disharmonien) und Riffs, die einen bis ins Mark treffen und Schauer über den Rücken jagen, müssen nicht immer technisch perfekt sein oder bis in jede 32tel Triole zu analysieren sein.

R.S. Howard war einer der ganz Großen.

Sorry, Christian, hab‘ ich grad mal bei Dir rauskopiert.

Gern. Doch noch schön, das alles zu lesen hier; hatte heute morgen schon dem Herrn Buß mein Mitgefühl aussprechen wollen dafür, daß er den deutschen Kulturseppl nahezu todesmutig doch noch mal an etwas Spannendes und Bedeutendes erinnern wollte, bei einer 90:10-Wahrscheinlichkeit von „Rowland wer?“. In jedem englischsprachigen Nachruf findet sich das Wort „influential“, gern mit einem „most“ davor und einem „komma, inventive“ dahinter. Daß Rowland S. Howard in Deutschland vergleichsweise „einflußlos“ war, würde ich gar nicht unbedingt bestreiten; eben daß Gitarristen dieses Kalibers – der Mann hatte einen Stil, den man 10 Meilen gegen den Wind erkennen konnte, präzise, schneidend, durchdringend, aber mit einem phantastischen Sinn für Klang, Struktur und Nuancen – vergleichsweise „einflußlos“ geblieben sind, ist ein Teil der Erklärung dafür, daß deutsche Musik so grottenlangweilig ist.

RSH hatte eine Lone-Ranger-Stimme von düsterer Determiniertheit, die immer etwas Unheimliches hatte, aber eine Stimme, die selbst schon mehr erzählte als tausend in Verbindlichkeitsakkorden absaufende Wischiwaschitexte. Wer sich mit den Texten wirklich beschäftigt, erkennt darin natürlich kleine poetische Sprengköpfe allerorten, RSH hat immer literarische Einflüsse zugegeben, von denen er meinte, daß er sie noch durch einen vielleicht nicht immer leicht verständlichen, spezifisch australischen Humor filtert, der mit dem vermeintlich Morbiden ganz gut umgehen kann. Großer Mann des dunkelromantischen weißen Blues, der ein genieförmiges Loch in der Kultur hinterläßt. 

Aus einem Review zu „Pop Crimes“:

„And it’s a revelation. Howard comes across as an intriguing blend of world-weary cynic and romantic, with that oddly puritanical streak you often get in lifelong ‚outsiders,‘ with a deliciously rich vein of black humour to bring it all to life. His cavernous voice sounds like it has smoked a forest of cigarettes but conversely has that rare power which comes from a sense of having really lived.“

01.07.2010

Einer, der gehen mußte: von Rowland S. Howards nun erschienener „Pop Crimes“.

10.12.2010

kpone:

Der hat sich einfach die Zeit genommen, Emotionen in Musik zu packen & Töne auch mal stehen zulassen, um damit zu kommunizieren. Demnächst jährt sich sein erster Todestag. R.I.P. Rowland. Never got the chance to see you on stage.

Thx. Ja, man möchte pathetisch werden, und warum auch nicht, ich danke den Göttern, die zwischen den Atomen sitzen und kichern, daß sie uns Diesen Unsterblichen Seelen zuführten, damals, als bestimmte Konzerte aus bekannten Gründen ca. 3 Stunden später begannen als angekündigt. Hager, ausgemergelt, als wäre Sonne ihm nur vom Hörensagen bekannt, schien er mehr Wesen als Mensch, später, in „Queen of the Damned“, bei seinem erstaunlichen Cameo, war er wohl der einzige, den man nicht eigens zum Vampir hinschminken mußte. Seine Art, sich zu bewegen, beeindruckte mich zutiefst. Eben die Art eines sehr schlanken, sehr großen Mannes, der ein Messer gegessen hatte. Die wunderbare Jutta Koether schrieb mal, These Immortal Souls stanzen in kostbarer Düsternis Blumen in schwarzes Glanzpapier. Und das ist natürlich das genaue Gegenteil von „depressiv“. Er liebte James Ellroy und verriet immer so interessante Dinge wie etwa, daß Blixa Bargeld eine Schuhputzmaschine besäße. Die drei besten „Wedding“-Songs: das „White Wedding“-Cover der Queens of the Stone Age, „Wedding Dress“ von Mark Lanegan, und „Wedding Hotel“ von Rowland S. Howard und Nikki Sudden.

Ein paar Platten, die der Mann todsicher zuhause hatte:  die großen, großen Shangri-Las. Wenn der nicht auch a crush on Mary Weiss (Capricorn, weiß man schon, bevor man es nachliest) hatte, will ich einen Besen fressen.

„Worte und Sounds lange nach Mitternacht. Winter-Pop. Was kümmert uns der schmutzige Schnee? Behende eilen die Immortal Souls spitzschuhig darüber hinweg.“ – Jutta Koether

„Autoluminescent“ Movie Trailer

The Birthday Party: „Junkyard“, TV 1982

The Birthday Party

„Rowland S Howard (the „W“ in Rowland and the „S“ in the middle were not negotiable) was one of this world’s most ridiculously singular and charismatic individuals. He was himself to the nth degree. He was beautiful, extraordinary, intelligent, funny, wickedly talented, wickedly human, affectionate, warm loving and always entertaining to the precious people in his life. He was as dapper as the devil, at times as shabby as an aristocrat who’d fallen on hard times.

He felt things in a wholly unimpeded way, there were no walls between his heart and his mouth, his skin was thin. When he loved he loved with all his heart, soul and mind, he could break hearts and did. He railed and writhed in agony when his own heart was broken. He devoured life and books and films and music and pop culture with a curiosity and zest for new information that was astonishing. He was a popular criminal. He was great and he was flawed, and life tested him again and again, but he arose from times of gloom and adversity to charm and amuse and spark and spin and produce songs and music that came straight from the centre of his being with an honesty and intensity that was bone-deep. He didn’t suffer fools gladly, if at all, yet he was always a gentleman.

His life was 50 years long, different periods of friends, cities, bands. So much happened it would be impossible to cover or do justice to them all. This is a eulogy, not a biography.

I’ll miss his blue eyes, his face, his downturned smirk, his raised eyebrow, his fount of information, his devilish humour, the sound of his voice. His compassion and empathy, his loyalty, his chuckle, his mocking laugh, his huge vocabulary. I’ll miss him telling me exactly what to read and see. I’ll miss his presence, the light he shed on those around him, his music, his singing, his words that made us cry, and watching and hearing him skip and strut and swing that guitar like a screechy demon, wringing the most bone shatteringly beautiful noises out of the ether while he sang his heart out all over the place. It all came from the most profound regions of his soul. It was how he expressed himself.

Through everything Rowland, you were the best friend of my life. I couldn’t have asked for more.“ 

Genevieve McGuckin

„Rowland’s quest is to banish banality from the kingdom.“ – Harry Howard

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Musik

Nick Drake

Nick Drake, Januar 1972.

Träumte heute, daß es ein Album von Nick Drake gibt, das er vor der Welt versteckt hat, und er spielt mir zwei oder drei Songs vor, die ich im Traum kristallklar hören kann, und die ganze Szene läuft in „There you are“-Color. [Seine Schwester Gabrielle erzählt in „A Skin Too Few“, wie Nick in ihr Zimmer in London kam und mit einem gehauchten „There you are“ eine Pressung von „Five Leaves Left“ aufs Bett warf.] Die Magie seiner rechten Hand, sein fingerpicking, „like a machine“ (Robert Kirby, Arrangeur), like a soft machine, jede Saite seiner Gitarre distinktes Instrument eines Orchesters, das jede Jahreszeit in Herbst verwandelt, „Wie ein Traum verfliegen Ewigkeiten, / Schläft der Jüngling seiner Braut im Arm“ (Hölderlin), der Klang dieses fingerpicking ist der Schlaf im Arm der Braut, die er niemals hatte. „Cello Song“, beyond words.

Strange face
With your eyes
So pale and sincere
Underneath you know well
You have nothing to fear
For the dreams that came
To you when so young
Told of a life
Where spring is sprung

You would seem so frail
In the cold of the night
When the armies of emotion
Go out to fight
But while the earth
Sinks to it’s grave
You sail to the sky
On the crest of a wave

So forget this cruel world
Where I belong
I’ll just sit and wait
And sing my song
And if one day you should see me in the crowd
Lend a hand and lift me
To your place in the cloud


Daß The Cure The Cure heißen wegen der Zeile „Time has told me you’re a rare, rare find / A troubled cure for a troubled mind“, führt uns zu dieser Pilgerseele, die nicht von dieser Welt war. This is the one:

Die rätselhafte Schönheit seiner Songs, die man nie wieder verlassen kann, once you’re in. Sagte vor seinem Hinfortgang zu seiner Mutter: „If only I could feel that my music had ever done anything to help one single person, it would have made it worth it“. Könnte er nur wissen, wie viele Menschen ihm so gern sagen würden, was seine Musik ihnen bedeutet.

[ -> Fuck off 2016 ]


Nick Drake wurde nur 26. Sein stilles, trauriges Weggehen, seine Unrettbarkeit, die Schönheit seiner Songs, all still so touching. Brad Pitt hat mal für die BBC eine Gedenksendung für Nick Drake moderiert.

Was ich lange nicht wußte, Gabrielle Drake, in die ich mal schrecklich verliebt war, ist Nick Drakes Schwester.

Gabrielle Drake als Lt. Ellis in "U.F.O."

Lt. Ellis in dieser Serie hier, die Frau, die weiß, wie man die Verfolgungssysteme der B142 aktiviert.

[ -> Adventskalender 2013 ]


Alain Johannes über „Hum“:

The feeling of this song reminded me of Nick Drake and those beautiful recordings in the early 70s. I envisioned a forest setting and the gentle breeze and sounds of leaves underfoot as the old oak comes into view. A sacred place where the connection beyond time and space to your missed loved one still exists.

July 2020

[ -> loudersound.com ]

Molly Drake, mother of Nick Drake and Gabrielle Drake.

Molly Drake, Mutter von Nick und Gabrielle.

„Molly Drake never released any official publications of her poetry or compositions in her lifetime, but she had a profound impact on the musical style of her son. As Nick Drake’s music gained a larger following after his death, Molly Drake’s recordings have been released, which uncover the musical similarities between her and her son.“

[ -> Molly Drake ]

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Aljoscha der Idiot

Interview Literatur-Feder Magazin

Interview mit Christian Erdmann

Literatur-Feder Magazin

Ausgabe 5, Juni 2007


Der Autor Christian Erdmann und sein Werk „Aljoscha der Idiot“

„Aljoscha der Idiot“ erschien bereits 2005, bevor es nun neu, in der besonderen Buchreihe Edition BoD, aufgelegt wurde.

„Ich schwöre: Wer dies liest, der bekommt einen glücklichen Ausdruck im Gesicht…“, so der Gründer des Eichborn-Verlags, nun Herausgeber der BoD Edition und einer der renommiertesten Branchenkenner in der Literaturszene, Vito von Eichborn.

Erdmann gilt als außergewöhnlicher Autor, der das Talent besitzt, den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann zu ziehen.

Daher war es uns eine ganz besondere Ehre, dass wir ihn in dieser Ausgabe für ein exklusives Interview gewinnen konnten.

Christian Erdmann, Interview mit dem Literatur-Feder Magazin, 2007.

Literatur-Feder: Herr Erdmann, auf Ihrer Homepage stellen Sie beinahe ausschließlich Ihr Buch in den Vordergrund. Über Ihre Person als Autor erfährt man so gut wie nichts. Möchten Sie unseren Lesern etwas von sich preisgeben?

Christian Erdmann: Oh, gut. Ich lebe in Hamburg und versuche wie jeder andere, das tägliche Chaos irgendwie zu ordnen. Ich habe Philosophie studiert, aber keine Karriere daraus gemacht. Unter meinem Bett liegen Schiffsladungen von Papier, Entwürfe für das, was einmal meine Dissertation werden sollte, eine „Philosophie des Horrors“. Aber das hat den Rahmen gesprengt, und ich bräuchte einen Deutschen, der mir das systematisiert. Ich habe einen ziemlich bizarren Job, um mich über Wasser zu halten. Und wenn ich meine Feder in mein Herzblut hätte tauchen können, um den Roman zu schreiben, hätte ich es getan.

Literatur-Feder: Ihr Roman „Aljoscha der Idiot“ ist Ihre erste Roman-Veröffentlichung. Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen und gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

Christian Erdmann: Wann ich mit dem Schreiben begonnen habe? Als Kind! Ich konnte schreiben, bevor ich in die Schule ging, und ich habe Lexika vollgekritzelt mit… notwendigen Ergänzungen. Ich hatte bloß die Angewohnheit, zwischen den einzelnen Worten Striche zu setzen… Gedankenstriche. Wie Kupplungen zwischen den Waggons eines Zuges. Vielleicht hatte ich irgendwie schon immer das Gefühl, die einzelnen Worte sind nicht verbunden genug.

Die ersten ernsthaften Schreibversuche waren Gedichte. Es gab auch mal einen Gedichtband, den ich zusammen mit einer Freundin gemacht habe. Wir haben beim Drucker die Seiten selbst geschnitten und geleimt. Das Bändchen hieß „Vorwitz und Verstrickung“. Ein paar Hundert Exemplare im Eigenverlag, das war gnadenloser, furchtloser, furchtbarer Idealismus.

Der Anlaß für diesen Roman war, etwas Wunderbares festzuhalten. Ich sage nicht, daß es eine wahre Geschichte ist, aber der Anlaß war, etwas Wunderbares festzuhalten.

Literatur-Feder: Sie haben sich bei Ihrem Erstlingswerk für eine Veröffentlichung bei BoD entschieden. Was waren die Gründe?

Christian Erdmann: Nun, ich habe das Manuskript in unregelmäßigen Abständen an einige der großen Verlage geschickt. Nicht viele, nur eine Handvoll: Berlin-Verlag, Matthes & Seitz, Suhrkamp, Reclam Leipzig, Hanser, zuletzt Rogner & Bernhard, wo mir eine Praktikantin den Papierstapel zurückgab. Vermutlich hat’s da keiner gelesen, aber es sah trotzdem so aus, als hätten sie den Fußboden damit gewischt. Man hat als Autor nicht viel Geld, aber eine Menge Schmierpapier.

Die Absagen, die man auf meiner Homepage lesen kann, sind authentisch. Der Roman wurde abgelehnt als zu anspruchsvoll und „auf dem Markt nicht durchsetzbar“. Also, wenn man das Manuskript nicht in einem heiligen Ritual verbrennen will, was kann man tun? BoD war einfach der Weg, den Roman so herauszubringen, wie ich ihn wollte. Es hat mich natürlich auch gereizt, daß man die Covergestaltung selbst übernehmen und so eine Art Gesamtkunstwerk schaffen kann. Ich wollte unbedingt diesen Masereel-Holzschnitt! Und ich verstand BoD dann als eine Art Independent-Bewegung, die es erlaubt, gewisse Mechanismen des Betriebs zu unterlaufen. In der Musik geschieht ja derzeit Ähnliches, es gibt aufregende Bewegungen außerhalb der herkömmlichen Strukturen der Industrie. Im Internet hat ja gerade die kreative Schnitzeljagd für Furore gesorgt, die Trent Reznor für die letzte Nine Inch Nails-Platte veranstaltet hat. Ganze Alben werden nur noch im Internet zugänglich gemacht, die Einstürzenden Neubauten haben dieses System etabliert, Musik mit direktem Support durch Fans zu produzieren, jede Myspace-Seite bietet Hörproben, Musiker-Blogs geben bislang ungekannte Einblicke in das künstlerische Schaffen, kurz, die graben den Schacht von Babel da.

Literatur-Feder: Vito von Eichborn ist seit März 2006 neuer Herausgeber der Edition BoD, einer Buchreihe, in der außergewöhnliche BoD-Titel präsentiert werden. Ihr Buch wurde in diese besondere Buchreihe aufgenommen. Nun gilt Herr Eichborn als einer der innovativsten Buchmacher in der deutschsprachigen Literaturlandschaft mit einem feinen Gespür für hoffnungsvolle Autoren. Was bedeutet diese Aufnahme für Sie?

Christian Erdmann: Das war ein echter Schock. Und natürlich eine große Ehre.

Literatur-Feder: Konnten Sie bereits im Vorfeld damit rechnen, in diese Buchreihe aufgenommen zu werden?

Christian Erdmann: Nein, das kam aus heiterem Himmel. Ich hatte nur die Vorstellung, daß das Buch schon seinen Leser finden wird, aber abgesehen von der Website bestand meine Promotion darin, im Forum eines Nachrichtenmagazins zu schreiben, wobei ich das Buch aber nie offensiv bewarb. Man streitet da über Politik oder diskutiert Filme. Nach einer Weile kamen die ersten Emails von anderen Teilnehmern dort, die sich fragten, was ist das denn für einer, und über mein Userprofil die Website gefunden hatten. Die fragten dann nach dem Roman und wie man ihn bekommen kann. Die ersten Reaktionen auf das Buch waren sehr bewegend. Wenn dir ein Leser sagt, der Roman hätte sein Leben verändert – das geht schon unter die Haut. Daß mir dann plötzlich Vito von Eichborn ein Vorwort schreiben würde, in dem er erklärt, das sei literarisch das Beste, was er seit langem gelesen habe – nein, hätte ich nicht gedacht. Wenn das Buch sich durch Kanäle bewegt, die du nicht mehr kennst, wenn du nicht mehr weißt, wo die Flüsterpropaganda flüstert, dann merkst du, es ist auf dem Weg. Aber dem, der da nächtelang vor sich hin schrieb ohne Vorstellung davon, wo das hinführen soll, verschlägt das erstmal den Atem.

Literatur-Feder: Erscheint Ihr nächstes Buch ebenfalls als BoD?

Christian Erdmann: Erst einmal will es geschrieben sein. Dann sehen wir weiter.

Literatur-Feder: Wie viele Jahre Vorarbeit haben Sie für Ihren Roman investiert?

Christian Erdmann: Vorarbeit im eigentlichen Sinne gab es nicht. Es gab nur Arbeit. Ich habe an dem Roman geschrieben, bis er fertig war, und dann habe ich an einer neuen Fassung geschrieben – vielleicht drei- oder viermal. Allerdings habe ich nicht kontinuierlich daran gearbeitet. Eine erste Fassung war Ende der 90er fertig, aber sie ist nicht mehr zu vergleichen mit dem jetzigen Roman. Das, was jetzt „Aljoscha der Idiot“ ist, entstand zwischen 2002 und 2004. Das stand dann für mich schon unter dem Vorzeichen BoD. Und das hieß: keine Beschränkungen im Hinblick auf das, was „auf dem Markt durchsetzbar“ ist. Die Überarbeitung der Erstfassung bestand darin, alles viel kompatibler zu machen. Und dann habe ich den ganzen Prozeß langsam wieder umgedreht. Entweder sagt man die Dinge so, wie man sie sagen will, oder man läßt es.
 
Ich glaube ja an die ganz alten Geschichten. Wie Rimbaud mit „Eine Zeit in der Hölle“ zum Drucker gegangen ist, den bezahlt hat, und dann ist die Auflage in Brüssel verrottet. Das ist groß! Irgendwann stand ich dann in Paris vor dem Haus, in dem Lautréamont verhungert ist. Ich sagte mir, was der kann, kann ich auch. Und gab mein letztes Hemd für BoD.

Literatur-Feder: Vor nicht allzu langer Zeit galt der Aufenthalt des Dichters im sogenannten Elfenbeinturm als Symbol für eine verfehlte Einstellung, die lediglich als „Flucht aus der Wirklichkeit“ angesehen wurde. Im letzten Jahrzehnt hat sich an der Einstellung offensichtlich etwas geändert. Man bedenke das Anwachsen der phantastischen Literatur auf dem Markt.
Welche Aufgabe hat ein Autor heute Ihrer Meinung nach?

Christian Erdmann: Jeder Autor muß selbst entscheiden, wo sein Weg ist. Ich kann nur für mich selbst sprechen. Und nur für dieses Buch. Und dann ging es vielleicht darum: sagen, was bisher noch nicht gesagt wurde. Oder etwas so sagen, wie es bisher noch nicht gesagt wurde. Sich dem Unsagbaren annähern. Sie kennen sicher den Zustand, wenn zwischen Traum und Wachen das Gehirn auf Hochtouren läuft. Vielleicht sind wir dann die besten Literaten.

Die Flucht aus der Wirklichkeit gibt es ja eigentlich gar nicht. Jeder angeblich Flüchtende entdeckt da, wo er ist, eine andere Facette der Wirklichkeit. Wenn wir alle mit den alltäglichen Einschätzungen zufrieden wären, bräuchte es keine Literatur. Insofern bedeutet Literatur immer, neben der Realität zu liegen. Auch „Realismus“ ist nur ein Stil, nur vielleicht die schwächste Form des Danebenliegens. Zu dem, was uns als Antwort vorgelegt wird, keine neue Fragen finden, das ist der eigentliche Elfenbeinturm. Und die subversive Kraft des Danebenliegens ist es, neue Wirklichkeiten zu erschließen.

Für mich selbst funktioniert Schreiben wie eine Fahrt in der Geisterbahn. Ich möchte nicht schon vorher genau wissen, was am Ende herauskommt. Man fährt zwar auf einer Schiene, aber man weiß nicht, was man unterwegs trifft. Andere nicht langweilen, aber auch sich selbst nicht langweilen, wie Billy Wilder sagte.

Zum Roman

Literatur-Feder: Der Roman findet in der Gegenwart statt, in einer Gegenwart, würde man besser sagen. Aber Errungenschaften der Gegenwart spielen, wenn man vom Walkman einmal absieht, im Roman so gut wie keine Rolle. Gibt es Gründe?

Christian Erdmann: Oh, Aljoscha benutzt auch ein Telefon! Und der ganze Ablauf beginnt ja damit, daß Aljoscha einen Horrorfilm von 1942 sieht. Also gibt es auch Fernsehen… es gibt schon Errungenschaften der Moderne, aber es ist mehr wie bei Cocteau, wenn der Tod durchs Autoradio spricht. Die eine Gegenwart, in der das alles spielt, ist unbegrenzt und sozusagen panoramisch geöffnet, für Botschaften, die aus anderen Zeitebenen zu kommen scheinen, für Mythologie. Mir ging es auch darum, wenigstens anzudeuten, daß jede Situation ein unendlich komplexes Geflecht von Bezügen ist, praktisch unauslotbar. Um die Situation in 80 Perspektiven, gewissermaßen. Es spielt sich etwas ab, für das die Moderne eigentlich keinen Platz hat – ein magisches Ritual. Und alles, was Aljoscha begegnet, scheint einen Bezug zu diesem Ritual zu haben, es gibt überall Verbindungen und den totalen Zusammenhang der Ereignisse in einer scheinbar magischen Ordnung. Das, was Breton mal „die unwahrscheinliche Mitwirkung“ nannte. Aljoscha merkt, daß er aus der normalen Welt herausfällt, und die Dinge der normalen Welt haben keine Bedeutung mehr… sofern sie keine Bedeutung in Bezug auf das haben, was ihn mit dieser rätselhaften Frau verbindet, seiner Obsession. Aber gut, ein Rezensent schrieb, Aljoscha wirke, als hätte ihn ein böser Geist aus der Pariser Belle Epoque herausgerissen. Er hat wahrscheinlich ein paar Anlagen, die ihn in der Gegenwart ein bißchen deplatzieren. Aber vielleicht prädestiniert ihn das auch für die Erfahrung, die er macht.

Literatur-Feder: Im Zusammenhang mit der Bibliotheca Medicea Laurenziana in Florenz, die von den Protagonisten aufgesucht wird, sprechen Sie von „Schöner Wohnen für den Weltgeist“.
 
Hat der Weltgeist Ihrer Meinung nach in den modernen Lesesälen mit Buchbestellterminal etc. nichts zu suchen, bzw. findet er dort keine angemessene Behausung?

Christian Erdmann: Doch, nur hat man manchmal den Eindruck, er schwirrt da etwas aufgescheucht herum. Das Ganze ist ein bißchen ironisch gemeint. Das ist vielleicht eine der Passagen, wo der Leser sich zu fragen beginnt: meint der das alles ernst? Dann kommt er wahrscheinlich darauf, daß manches ironisch gemeint ist. Das stimmt, aber auf einer dritten Ebene ist hinter der Ironie alles wieder todernst gemeint.

Diese Reihen von Büchern, die man über Jahre hinweg zusammengetragen hat, und jedes einzelne präsentiert seine Aura, das ist doch einfach ein wunderbarer Anblick. Vor einer Weile las ich ein schönes Plädoyer für die Macht der Bücher, „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte, die Vorlage für diesen Polanski-Film mit Johnny Depp, „Die neun Pforten“. Diese leidenschaftlichen Bücherjäger, diese einzigartigen alten Ausgaben mit einzigartigen Geheimnissen, hinter denen alle her sind, mittendrin die aufregendsten Frauen, nicht minder geheimnisvoll, ich meine, da möchte man doch eine der Romanfiguren sein.

Bob Dylan hat mal gesagt, das Internet sei ihm unheimlich, und er fürchte immer, daß da irgendwann eine Hand durch den Monitor kommt und nach ihm schnappt. Gut, der Mann denkt in Metaphern. Der schnelle Zugriff auf Informationen im web, der Austausch, die Vernetzung, all das ist ein unbezahlbarer Vorteil. Aber es fehlt die Tiefendimension, die ein Buch hat. Wenn du ein Buch von Baudelaire in der Hand hast, ist Baudelaire dein Zeitgenosse. Dinge wie Wikipedia machen zwar klar, daß wir alle der Weltgeist sind, aber andererseits glaube ich an den Genius Loci. Die Atmosphäre eines Ortes und die eigene Stimmung, da gibt es eine Wechselwirkung. Sakralbauten haben die Funktion, dich einzustimmen, dir irgendeine Art von Empfänglichkeit zu schenken. Ich mag es, wenn man eine Bibliothek betreten kann wie einen Sakralbau.

Literatur-Feder: An welche Zielgruppe richten Sie sich? Lässt sie sich benennen?

Christian Erdmann: Naja, an jeden, der das Gefühl hat, hinter dem perfekt aufgeführten Theaterstück der Normalität toben noch ganz andere Mächte. Alle, die an irgendeine Art von Bestimmung und an Liebe als höchste Form der Magie glauben, sollten diesen Roman lesen. Jeder, der mal gedacht hat: Liebe ist anders, unvorstellbar anders. Alle, die daran glauben, daß die Reise in die Mitte der Wirklichkeit einen Auslöser auf zwei langen Beinen hat. Und jeder, der sich über das freut, was man mit Sprache anstellen kann. Es gibt doch diesen Song, „Man Out Of Time“. Dies hier ist ein „Book Out Of Time“. Es kennt den Zeitgeist nur vom Hörensagen. Manche empfinden den Sprachduktus als altmodisch, benutzen dann aber im nächsten Satz das Wort „postmodern“. Was kann ich sagen?

Literatur-Feder: Im Zusammenhang mit Äußerungen zu Wittgenstein fällt der Satz: „Positivismus ist das, was man seiner Oma erzählen kann“. Wie sehen Sie den heutigen oder kommenden Weg des Denkens?

Christian Erdmann: Als ich Arbeiten für mein Philosophiestudium schrieb, haben die Professoren mir immer gesagt: sehr schön, aber passen Sie auf, daß Sie nicht zu poetisch werden. Und dann habe ich einen Roman geschrieben, der einem Lektor „zu philosophisch“ war. Meine Idee ist, Poesie war immer schon eine Art Philosophie, aber Philosophie muß noch mehr als eine Art von Poesie verstanden werden. Denn alles wir tun, in welcher Disziplin auch immer, das ist, daß wir uns Geschichten erzählen. Es gibt keine Wahrheit, die man verabsolutieren könnte. Perspektivismus ist heilsamer als Dogmatismus. Ich behaupte in meinem Roman ein paar Wahrheiten über diese Welt, aber letztlich ist es nur meine Sicht, meine Erfahrung. Wenn das neue Räume öffnet für jemanden, wunderbar. Wir können uns nur annähern, aber das Streben an sich ist erotisch.

Literatur-Feder: Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass die Fülle der zur Sprache gebrachten Kenntnisse gelegentlich die Handlung zu überwuchern scheint?

Christian Erdmann: Das wird ja oft ironisch gebrochen, beispielsweise in den ganzen bizarren Majakowski-Zitaten, die ja völlig unsinnig wirken. Auch wenn sie im Aljoscha-Zusammenhang dann wieder Sinn ergeben, werfen sie auf Aljoscha sicher nicht das Licht eines von seiner eigenen Bildung Ergriffenen. Es gibt auch Passagen, in denen zwei Leute in einem Raum sitzen und ziemlich behämmert versuchen, den ganzen Lauf der Dinge zu verstehen. Andererseits ist die Fülle dessen, was da auf Aljoscha einströmt, aktiver Teil der Handlung selbst. Wenn da die Professoren in ihren Vorlesungen Botschaften mitteilen, die Aljoscha in seinen eigenen persönlichen Bedeutungszusammenhang fügt, dann ist das so, als hätten die Dinge hinter den Dingen eine eigene Stimme. Man kann sie halt nur nicht in den Credits aufführen, sozusagen.

Literatur-Feder: Eigentlich erübrigt sich die Frage nach Vorbildern, Einflüssen. Sie werden im Roman in der Regel genannt. Gibt es trotzdem Schwerpunkte? Welche Rolle spielt Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“ für einen gewissen Handlungsteil?

Christian Erdmann: Kierkegaard war kein direkter Einfluß. Ich sehe, was Sie meinen, es gibt vielleicht gewisse Parallelen, aber Aljoscha ist kein distanzierter Ästhetiker. Natürlich ist die schöne Unbekannte Projektionsfläche seiner Phantasien. Aber es ist ja nicht so, daß Aljoscha dabei zugleich systematisch auf der Flucht vor der Liebe wäre, daß er bei alldem nur einen letztlich hedonistischen Reiz auskostet.

Die Parallele liegt sicher darin: Aljoscha erlebt, wie ihm ein Ideal erscheint, und er spürt ihm nach, er wird zum akribischen Beobachter, jedes Detail aus dem Leben dieser Frau wird sein Fetisch, jeder ihrer Bewegungen folgt ein Sturzbach von Bedeutungen. Der Unterschied: Beobachtung ja, aber Kontrolle, Machtausübung? Nein. Planmäßiges Verführen? Nein. Die Frau wird nicht zum Opfer seiner diabolischen Inszenierung. Im Gegenteil lernt Aljoscha die ganze Zeit, daß es immer etwas gibt, das ihm voraus ist. Er läuft ständig hinterher, das ist sein Grundgefühl. Da ist etwas, das mit äußerster Raffinesse vorgeht, aber dieses Etwas ist nicht er selbst. Es ist etwas anderes, das da steuert, nicht er selbst.

Beim Verführer Kierkegaards gibt es diese latent sadistische Komponente, die Machtausübung über ein Objekt. Für Aljoscha ist es eher masochistischer Suspense, in einer Verführung, die, wenn schon, wechselseitig ist.

Auch verläßt Aljoscha eigentlich nie die moralische Ebene. Für den Verführer ist Zweisamkeit ja keine Perspektive. Für Aljoscha beginnt aber genau da das Dilemma. Er ist voller Skrupel, eigentlich ein durch und durch ethischer Charakter. Er fühlt sich schon schuldig, bevor er sich schuldig gemacht hat. Erst als er wirklich begreift, daß die Realität tatsächlich mit seinem Phantasma identisch ist, stellt sich ihm auch die Frage, ob Schuld überhaupt ein sinnvolles Wort ist.

Es gab eigentlich keine direkten literarischen Vorbilder, obwohl es Passagen gibt, die ich meine Thomas-Mann-Passage nenne oder meine Francois-Villon-Passage. Einflüsse dagegen gibt es unendlich viele, natürlich. Man kann aus allem etwas Brauchbares ziehen. Aus einem alten Chemiebuch habe ich einiges über Metamorphose gelernt. Musik war natürlich auch ein Einfluß. Ich habe mal gelesen, Musik kann das Gehirn in einen Zustand versetzen, in dem es neue „patterns of speech“ entwickelt. Das habe ich zuweilen ganz banal instrumentalisiert. Die Suche nach Flauberts „mot juste“… statt wie Flaubert in den Teppich zu beißen, habe ich mir Kopfhörer aufgesetzt. Und manchmal hat mich die Atmosphäre eines Stücks wie „Boy Child“ von Scott Walker oder „Frozen Warnings“ von Nico genau dahin geführt, wo das Wort oder das Bild war.

Literatur-Feder: Könnten Sie uns etwas über die Gründe zur Wahl des Titels sagen?

Christian Erdmann: Zuerst hieß der Roman „Die Katzenmenschenfürstin“. Freunde, die das Manuskript gelesen hatten, sagten mir aber, das klinge zu sehr nach Fantasy und zu historisierend. Daß es dann „Aljoscha der Idiot“ wurde… Aljoscha hat das Gefühl, das Leben hat eine innere Struktur, die aufregend und bedeutsam ist, ein geheimes Muster der Existenz. Nur, er kapiert es lange nicht. Er weiß nicht, ob er zu äußerster Klarsicht oder zu äußerster Unzurechnungsfähigkeit vordringt. Und das, was er versteht, versteht er eben etwas anders. Das ist, wovon im Buch gesagt wird, es ist das Russischste am Russen – alles etwas anders verstehen. Alles etwas anders tun. Er geht eben nicht auf diese Frau zu und fragt sie: „Wollen wir nicht mal einen Kaffee zusammen trinken?“ Das hätte alles zerstört.

„Idiot“ ist auch kein klassisches Schimpfwort für mich. Nicht seit Dostojewski. Es ist nicht negativ gemeint, es bezeichnet nur einen, der eben ein bißchen ein komischer Heiliger ist.

Literatur-Feder: Die Handlung erstreckt sich über neun Monate. Warum haben Sie sich für die Romanform entschieden, wenn sich die relative Kürze der Handlung auch in einer Erzählung hätte wiedergeben lassen?

Christian Erdmann: Es geht um die Vorstellung von Mustern, die vielleicht einerseits Produkt unserer unbewußten Sehnsüchte sind, die uns dorthin bringen, wo etwas in uns schon immer hin wollte, und die uns andererseits irgendwie von außerhalb unserer selbst am Wegesrand Zeichen geben. Wir verändern die Muster, die Muster verändern unsere Realität. Um all das darzustellen, hätte die komprimierte Form der Erzählung nicht ausgereicht. Die Situationen, die dem Protagonisten mit Bedeutung aufgeladen scheinen – sie werden beschrieben, aber es war auch der Versuch, das in die Sprache selbst eindringen zu lassen. Auch die Worte und Sätze, die Aljoschas Realität beschreiben, sind mit Bedeutung aufgeladen. Die Geschichte, die Handlung selbst, ist nicht übermäßig ausgefallen. Wie sie beschrieben wird, das ist ungewöhnlich. Die Ebenen in Aljoschas Wahrnehmung haben eine Entsprechung in der Sprache. Bis zu dem Punkt, an dem die Vermischung von Realität und Phantasie, von Traumzeit und Echtzeit, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auch den vermeintlich auktorialen Erzähler völlig sabotiert. Aljoscha hat keinen Zweifel am kausalen Geordnetsein der Welt… aber er spürt einer genuin anderen Kausalität nach als der bekannten. All das, all diese Sequenzen und Koinzidenzen, ist in die Sprache eingewoben, diese ganze Textur. Manche Worte am Ende erklären manche Worte am Anfang. Das entspricht Aljoschas Gefühl, die Gründe für seine Gegenwart kommen aus der Zukunft. Eine Erzählung hätte all das nicht erlaubt. Konventionelle Erzählweisen werden immer wieder aufgebrochen, um darzustellen, wie Aljoschas Realität aufgebrochen wird, und wie sein Blick darauf sozusagen explodiert. Als würde eine Polaroidkamera in einen Haufen Polaroids explodieren, die sich gegenseitig anstarren.

Literatur-Feder: Den Protagonisten fehlt die Dimension der biografischen Vergangenheit nahezu völlig. Welches Konzept verfolgen Sie damit?

Christian Erdmann: Naja, es gibt schon Rückblenden, die helfen, den Punkt zu erklären, an dem Aljoscha und Leda jetzt stehen. Aber es stimmt, auch diese Rückblenden können von dem Punkt aus gesehen werden, an dem die Gegenwart für Aljoscha sich wie ein Universum ausdehnt. Die biografische Vergangenheit der Katzenmenschenfrau kennt Aljoscha ja lange nicht. Darum ist sie ja die Katzenmenschenfrau.

Literatur-Feder: „Wer auch immer dieses (das wiederholte Lesen) auf sich nimmt, der bekommt einen glücklichen Ausdruck im Gesicht“. Dies die Ankündigung des Herausgebers Vito von Eichborn. Hätten Sie eine Vorstellung davon, wie es zu diesem glücklichen Ausdruck kommen könnte?

Christian Erdmann: Ein ratloser, befremdeter Ausdruck ist sicher auch denkbar… ein „Hä?“ aus tiefstem Herzen. Ein Leser schrieb mir, bei vielen Büchern suche man die Nadel im Heuhaufen, während mein Buch ein Nadelhaufen sei. Manche sagen, der Einstieg in den Roman fällt schwer, und ich sage dann, wenn Sie die ersten 50 Seiten schaffen, kann Sie danach nichts mehr schrecken. Manche sagten mir: und dann kam diese Sogwirkung. Für mich ist das schwer zu beurteilen. Es scheint, entweder legt man das Buch schnell wieder weg, oder man läßt sich auf eine vielleicht schwierige, aber tiefgehende Erfahrung ein. Der glückliche Ausdruck, der kommt, wenn man Lust hat, sich von einem Buch ständig überraschen zu lassen. Wenn man sich zunächst fragt, wie kommt denn das jetzt da hin, dann aber alles plötzlich Sinn ergibt. Auch, daß Tarotkarten eine Konferenz abhalten, die aus dem Ruder läuft. Ein Theaterstück, mittendrin. Es ist überhaupt viel drin. Ich möchte an dieser Stelle Lotte Lenya zitieren: „Da wird was geboten für sein Geld!“

Literatur-Feder: Wir wünschen dem „komplexen Gespinst aus Gedanken und Gefühlen“ (Zitat: Vito von Eichborn) und seinem Autor weiterhin viel Erfolg!

Christian Erdmann: Ich bedanke mich ganz herzlich und wünsche Ihrem Magazin dasselbe! 


Das Interview führte Marlies Eifert zusammen mit Markus Fifka.

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Musik

Einstürzende Neubauten

„Und diese laute Trümmermusik! Diese Einstürzenden Musikhallen, oder wie die heißen.“ 

„Neubauten.“

„Da kann ein kleines Kind nicht gedeihen! Es muß auch mal Mozart hören!“

„Das Beste, was man im Leben finden kann, ist große Kunst. Das kann ein Kind gar nicht früh genug lernen.“

„Das Beste ist große Kunst? Na hör mal!“

Zuletzt verschlug es Aljoscha in einen Schallplattenladen. Ein alter schwarzer Bluessänger sang alten schwarzen Blues. Der Mann an der alten schwarzen Kasse sah aus wie Majakowski. An einem Ständer hingen T-Shirts. Aljoscha sah sie gelangweilt durch, bis er eines mit dem Erkennungszeichen des Kollektivs Einstürzende Neubauten fand. Auf dem schwarzen Stoff zeichnete sich ein archaisches Symbol ab, das an eine Höhlenmalerei der Frühzeit erinnerte. Nur war hier kein Tier dargestellt von Menschenhand, sondern eine menschliche Gestalt, die so wirkte wie die Vorstellung, die ein Tier vom Menschen haben könnte. Ein Rückgrat, davon ausgehend Arme und Beine, statt Händen oder Füßen nur die Andeutung einer atavistischen Drehung der Extremitäten; der Kopf ein Kreis, überdimensional vergrößert, und in den Kopf-Kreis war ein Mittelpunkt gemalt. Wie der Herzmittelpunkt in der Umrißzeichnung eines Elefanten in der Pindal-Höhle, 12000 Jahre alt. Was bedeutete dieser Mittelpunkt hier? Gesicht? Blick? Brennpunkt? Verdacht auf Innewohnendes? Vermuteter Sitz einer Matrix, die für unfaßbare Vorgänge im Innern der Gestalt verantwortlich ist?

Reduktion auf das Wesentliche, äußerste Stilisierung, äußerste Verdichtung. Diese Figur, dieses ins Quintessentielle implodierte Menschlein, strahlte gespenstische Intensität aus. Unheimlich stand es da wie die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, unheilschwanger in seiner primitiven Indifferenz, und lud sich auf mit Exzentrizität – mit extremer Abweichung vom gegenwärtig eingenommenen Punkt.

Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“

Einstürzende Neubauten Logo.

SPIEGEL ONLINE Forum

„CDs der Woche – und Ihre Favoriten?“

25.01.2008

Christian Erdmann:

Mir geht es mit den Einstürzenden Neubauten so: seit „Haus der Lüge“ waren auf jedem Opus fünf große Songs, aber die waren dann richtig groß. „Tabula Rasa“ hatte fünf, „Ende Neu“ hatte fünf, „Silence Is Sexy“ hatte fünf. Und das Seltsame ist: „Perpetuum Mobile“ fand ich dann wieder richtig gut, von Anfang bis Ende. Sounds und Bilder wie auf „Ein seltener Vogel“

Nach dem Regen sind nicht mehr alle dabei
Zum Beispiel
Das Pteranodon ist nicht mehr dabei
Zum Beispiel
Archaeopterix ist nicht mehr dabei
Zum Beispiel
Selbst der Shenzhouraptor ist nicht mehr dabei
Zum Beispiel
Sowieso sind nach dem Regen die meisten nicht mehr dabei…

machen (können) hierzulande halt nur die Neubauten, und ich fand, jetzt, wo BB auch mit seltsamer Melancholie zu Werke gehen kann, steckt er textlich immer noch alle in seine faustisch-mephistophelische Tasche, wenn er will.

12.02.2008

Christian Erdmann:

Arvo Pärt kennt natürlich mittlerweile jeder, und jeder weiß auch, daß die Einstürzenden Neubauten in „The Garden“ mit einem Streicher-Arrangement aufwarteten, das eine gezielte Verbeugung in Richtung Pärts „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ ist. Was nahelegt, daß auch Blixa Bargeld, wenn er bei Zadek freihatte, ins Hamburger Ballett geschlichen ist. Die schönste und beste der Hamburger Primaballerinen, Heather Jurgensen, habe ich in den 90ern beim Konzert von Rickie Lee Jones gesehen. Und deren Version von „Comin‘ Back To Me“ geht so unter die Haut, daß man heulend zusammenbrechen und fragen möchte, warum der Himmel nicht genug ist. Soviel zu gestern nacht. Heute morgen dann…


SPIEGEL ONLINE Forum

„Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“

19.02.2007 


Mixolydian: 

Gute Gegenwartsliteratur liefert genau das: sie ordnet die Dinge, die sich der Sprache immer schneller entziehen, in eine offene, unvollkommene Struktur voller Brüche ein und schreibt, ein Glücksfall, mit ihrem Mut zur Lücke „schwarze Zahlen ins utopische Kalkül“ (Blixa Bargeld, wer sonst).

Christian Erdmann:

Genau.

Ich träum‘, ich treff‘ dich ganz tief unten
Der tiefste Punkt der Erde, Marianengraben, Meeresgrund
Zwischen Nanga Parbat, K2 und Everest
Das Dach der Welt, dort geb‘ ich dir ein Fest
Wo nichts mehr mir die Sicht verstellt
Wenn du kommst, seh‘ ich dich kommen schon vom Rand der Welt
Es gibt nichts Interessantes hier
Die Ruinen von Atlantis nur, aber keine Spur von dir
Ich glaub‘, du kommst nicht mehr
Wir haben uns im Traum verpaßt

Du träumst mich, ich dich
Keine Angst, ich weck‘ dich nicht
Bevor du nicht von selbst erwachst

Übers Eis in Richtung Nordpol, dort werd‘ ich dich erwarten, werde an der Achse stehen
Aus Feuerland in harter Traumarbeit zum Pol, wird alles dort sich nur um uns noch drehen
Der Polarstern direkt über mir
Dies ist der Pol, ich warte hier
Nur dich kann ich weit und breit noch nirgends kommen sehen
Ich wart‘ am falschen Pol
Wir haben uns im Traum verpaßt
Du träumst mich, ich dich
Keine Angst, ich finde dich
Bevor du noch von selbst erwachst

Bitte bitte weck‘ mich nicht
Solang‘ ich träum‘ nur gibt es dich …

Du träumst mich, ich dich
Keine Angst, ich weck‘ dich nicht
Bevor du nicht von selbst erwachst

Lass mich schlafend heuern auf ein Schiff, Kurs Eldorado, Punt, das ist dein Heimatort
Warte an der Küste, such‘ am Horizont, bis endlich ich sehe deine Segel dort
Doch der Käpt’n ist betrunken und meistens unter Deck
Ich kann im Traum das Schiff nicht steuern, eine Klippe schlägt es leck
Im Nordmeer ist es dann gesunken, ein Eisberg treibt mich weg
Ich glaub‘ ich werde lange warten, Punt bleibt unentdeckt
Wir haben uns im Traum verpasst
Du träumst mich, ich dich
Keine Angst, ich weck‘ dich nicht
Bevor du nicht von selbst erwachst

Du träumst mich, ich dich
Keine Angst, ich finde dich
Am Halbschlafittchen pack‘ ich dich
Und ziehe dich zu mir
Denn du träumst mich, ich dich
Ich träum‘ dich, du mich
Wir träumen uns beide wach.

(Einstürzende Neubauten: Stella Maris)

„Nur“ Songlyrics. Poesie als Macht von Bildern, neue Bilder zu beschwören. Ein jeder der Traum eines anderen, als wären wir nur Geburten der Sehnsucht. Während Streicherklänge das ewige Eis überfliegen, schaffen Liebe und Traum neue Naturgesetze. Herstellung von Schönheit, wo man sie nicht vermutet, ist die Spezialität des lange Zeit als Nihilist verkleideten Romantikers, der plötzlich das Unsagbare sagt.


12.01.2008

Christian Erdmann:

Blixa Bargeld (49. Geburtstag)

kurzundknapp:

Gehört der wirklich in diesen erlauchten Kreis, „Einstürzende Neubauten“ war das doch…

Christian Erdmann:

Ist immer noch.
Im SPIEGEL wurde er kürzlich ganz treffend als „semantischer Muezzin“ bezeichnet.

kurzundknapp:

Aljoscha, haben Sie Texte von dem Vogel, so bleibt der virtuose Umgang mir unerschlossen und zum Finden fehlt mir die Laune…

Christian Erdmann:

Na, wenn Ihnen zum Finden die Laune fehlt, wird Ihnen auch die Laune fehlen, Bargeld als Poeten zu würdigen. :)

Natürlich arbeitet Bargeld in einem anderen Medium, dem Songtext, aber kürzlich wurde hier ja ein Verfasser von Kirchenliedern gewürdigt, und nicht vergessen: Bob Dylan erscheint permanent als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Jedenfalls, die Zeiten, in denen Bargeld als mephistophelischer Kopf von Strukturvernichtern in Erscheinung trat, sind schon länger vorbei, heute schillern seine Texte zwischen Romantik und Dada.

Das Problem der EN ist, daß sie eben Musik machen, Bargelds Texte aber im ehemaligen Land der Dichter und Denker als zu dichterisch und denkerisch wahrgenommen werden, und er diesen Gestus natürlich auch düster-ironisch ausspielt, was ihm keine Freunde macht. Ein Bargeld-Love-Song sieht beispielsweise so aus wie „Stella Maris“, BB im Duett mit Meret Becker.

Ich zitiere der Einfachheit halber mich selbst: „Mancher hat ein Traumland, das er Nacht für Nacht durchwandert, im Wachen nie gesehene Gestaltungen, stets aufs neue reproduziert, wie Gedächtnisrelikte eines früheren Daseins. Jeder hat im Traumreich seine eigenen Archetypen. Und die unergründliche Regie der Nachtseele ergötzt sich an unbegreiflichen Konstanten und merkwürdigen Apotheosen.“

Nicht vergessen, es ist ein Song, aber in diesem Metier gehört BB’s Arbeit sicher zum Besten, was mit deutscher Sprache derzeit angestellt wird.


Blixa Bargeld, Stimme frißt Feuer, Berlin 1988:


„Musik setzt sich für mich aus drei Teilen zusammen: Macht, Magie und Wahnsinn.“ (Sounds 11/1981)

„Ich mag nur die Musik (wenn ich Musik mag) von Toten, Unschuldigen und denen, die ganz außerhalb stehen.“ (Tele 5, Nachtexpress 1988)

„Ich habe immer behauptet: ‚Ich kann nicht Gitarre spielen‘. Ich kann auch wirklich nicht Gitarre spielen; ich habe nie geübt. Aber ich habe dieses Nicht-Spielen-Können jetzt so lange praktiziert, daß ich jetzt behaupten kann: ‚Ich kann Gitarre spielen‘. Ich habe die Musik ausgedehnt, bis nichts mehr übrig ist, was nicht Musik ist.“

„Ich saß eines Tages vor einem weißen Blatt und überlegte, wie ich mich nennen könnte. Ich hatte einen Filzstift, da stand Blixacolor 70 oder sowas ähnliches drauf. Zunächst nannte ich mich Blixa (…) Der Name Bargeld kommt von einem Dadaisten, der sich allerdings mit zwei a schrieb. Der nannte sich so, um seinen Vater zu ärgern, der Bankier war. Ich habe nur das Vaterärgern übernommen.“ (1985)

„Ich möchte Verbindungen legen, die die Leute nicht von vornherein als auf der Hand liegend ansehen.“ (April 1985)

„Wofür ich mich hauptsächlich interessiere, sind komplette Systeme. Als ein komplettes System bezeichne ich alles von Mao Tse-Tung bis Alchemie; Astrologie ist ein vollständiges System, aber auch die Kabbala, I Ching, auch der Marxismus. Ich interessiere mich für Systeme und Symbole. Um ein System zu beschreiben, sind Symbole nötig.“ (April 1985)

„Was ist eine Diva? Eine Diva ist eine Person, die Bedingungen unterliegt, die Außenstehenden nicht unbedingt klar sind.“ (Tele 5, Nachtexpress 1988)

„Die vornehmste Botschaft ist immer noch die Liebe.“ (April 1985)