Brücke-Museum Berlin, 24. November 2025. Das Brücke-Museum kann immer nur 2% seines Bestandes in den Ausstellungsräumen präsentieren, drei Monate lang sind derzeit ausschließlich Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff in einer umfangreichen Werkschau zu sehen. Zwei andere Gründungsmitglieder der „Brücke“, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, haben mich immer sehr beeindruckt, mit dem Werk von Schmidt-Rottluff war ich nicht so vertraut. So nutzten wir den Tag nach dem Konzert von Black Rebel Motorcycle Club im Astra Kulturhaus, um diesen mythischen Ort zu sehen, holy ground, das Brücke Museum selbst versäumt nicht, immer wieder daran zu erinnern, daß David Bowie, ein großer Bewunderer des Expressionismus und der Brücke-Künstler, während seiner Zeit in Berlin häufig hier war und zuweilen auch Iggy Pop mitnahm. Manchmal, so die unwidersprochene Legende, fuhr Bowie den Weg von seiner Wohnung in der Hauptstraße 155 bis nach Dahlem mit dem Fahrrad. Bowie ist mit der Geschichte des Brücke-Museums ebenso untrennbar verbunden wie mit der Kunst selbst: hier hatte Bowie das Gemälde „Liebespaar zwischen Gartenmauern“ von Otto Mueller bewundert (-> Today’s Best Song Ever: David Bowie – Heroes); „Roquairol“, das Gemälde von Erich Heckel,
inspirierte die Plattencover sowohl von Iggy Pops „The Idiot“ als auch von David Bowies „Heroes“.
Roquairol war also nicht zu sehen; there is always a next time. Aber es war phantastisch, das Werk von Schmidt-Rottluff zu entdecken. Es war ein schöner Tag mit ihm. Die Ausstellung läuft bis zum 15. Februar 2026.
Bildnis S. (Rosa Shapire), 1911
Sinnende Frau
Blauer Mond
Fischerbucht
Blaues Fenster
Geweihfarn und gelber Krug
Im Atelier
Stilleben mit Steinplastik
Ferner Mond
Augustnacht
Und irgendwo hier hat David Bowie sein Fahrrad abgestellt.
Interview mit David Bowie, Tagesspiegel, 2002:
Welche Orte würden Sie in Berlin gerne wieder aufsuchen?
Da ich so ein Kunstfan bin , würde ich gerne mal wieder ins Brücke-Museum gehen…
…die Sammlung der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ am Rande des Grunewalds.
Ja, genau. Diese Periode hat mir persönlich immer besonders gut gefallen. Das wäre so etwas wie eine Pilgerreise für mich.
Die Bilder von Otto Mueller und anderen haben ja offensichtlich damals auch Ihre eigene Malerei inspiriert.
Ja, sehr stark. Es waren aber auch noch viele andere deutsche Künstler für mich wichtig.
Und wirkt dieser Einfluss noch bis heute?
Ich denke, ich war damals so besessen davon, dass er mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Er ist Teil meines Vokabulars als Künstler geworden.
I read voraciously. Every book I ever bought, I have. I can’t throw it away. It’s physically impossible to leave my hand! Some of them are in warehouses. I’ve got a library that I keep the ones I really really like. I look around my library some nights and I do these terrible things to myself – I count up the books and think, how long I might have to live and think, ‚F@#%k, I can’t read two-thirds of these books.‘ It overwhelms me with sadness. – David Bowie 2002
‚Heathen‘ is about knowing you’re dying. It’s a song to life, where I’m talking to life as a friend or lover. I virtually couldn’t change a word the moment I sung it into a tape recorder. – David Bowie 2002
What’s your favorite song you ever wrote and is there a particular reason it’s the favorite?
David Bowie: Right now I would say the song „Heathen“. It came pouring out one morning at the studio up in Woodstock. I had little or no control over it. It had me in tears as I sang it. It felt like it was being plucked from my very being. An epiphany of sorts. It seems to be a summation of some kind and I think will become a personal milestone of some sort to me. It contains for me a strong indication of how beautiful and wonderful life is and how I regret that I will have to relinquish my hold upon it.
Ich lese gerade Kafkas Briefe an Milena. Wenn man selbst schon mal einen anderen Menschen davor gewarnt hat, näher zu kommen, und zugleich nichts mehr ersehnt hat, als daß dieser andere Mensch die Warnungen ignoriert, sollte man es besser nicht bei Nacht lesen, sondern unter stechender Sonne, in der Hoffnung, daß das Buch irgendwann in Flammen aufgeht.
arte de la comedia:
// donnerwetter // Ich schlage Sie mit allerbestem Gewissen zum „Aphoristiker mit den längsten Sätzen“ vor.
(Neid!)
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, 18.07.2006
Was für ein schöner Satz! Ihm würde ich ohne zu zögern vierzig Jahre durch Wüsten folgen. Und käme er wieder vom Berge herab, nicht mit zwei Tafeln, aber zerzaust und zerfleddert und mit blutigen Händen, mit irrem Blick „lass uns von hier verschwinden“ rufend, so würde ich ihm nochmals vierzig Jahre folgen, durch andere Wüsten und über andere Berge, um irgendwann, mit müden alten Knochen, mich endlich niederzusetzen.
Manchmal aber, da würde ich ein wenig fremdgehen und fremdhuldigen und mir vorstellen, die Sonne würde nicht stechen, sondern die Sterne am dunklen Himmel flimmern, und nicht das Buch ginge in Flammen auf, sondern ich selbst, aber eher wie eine vergessene Gasblase in flammende Fetzen zerstiebt, nicht so wie eine Leiche am Ganges langsam brutzelnd die Glut erstickend. Die Sterne würden ein wenig tanzen ob der flirrend heissen Luft. Aber nur, wenn jemand nach oben sieht.
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ich! ich würde nach oben sehen, da kannst Du auf mich zählen, da kannst Du über mir zählen, da kannst Du mir entflammt und immer weiter aufsteigend Zahlen zurufen, die mit dem Sternentanz zu tun haben, und diese Zahlen erzählen die bedeutendste Geschichte überhaupt, und Ich! ich, heißa, dumm wie Bohnenstroh, werde sie den Menschen künden. „Mein gerade sehr weit entfernter Bekannter Moves erkundet da oben in veränderter Form rechtmäßig und fremdhuldigend das Geheimnis des Sternenhimmels, und das alles nur, weil ihm ein Satz von mir gefallen hat, also hört gefälligst zu, o meine Co-Trottel!“ Auch wenn schon die ersten Zahlen mit ihren verborgenen Verbindungen enthülltes Sein to blow our minds enthielten, würde das Übermitteln der Zahlenkolonne etwa eine Billion Jahre dauern. In Bowie-Zeit: 3 Minuten 38.
Maria Zambaco, eigentlich Maria Cassavetti, geboren am 29. April 1843 in London, Tochter eines wohlhabenden griechischen Kaufmanns, Muse der Präraffaeliten, Modell für James Abbott McNeill Whistler und Dante Gabriel Rossetti, von ihrem Verehrer George du Maurier beschrieben als „rude and unapproachable but of great talent and a really wonderful beauty“. 1860 heiratet sie in London den Arzt Robert Zambaco, 1861 ziehen beide nach Paris. 1866 trennt sie sich von ihm und geht mit ihren beiden Kindern nach England zurück. Ihre Mutter Euphrosyne Cassavetti bittet Edward Burne-Jones, ein Porträtbild ihrer Tochter anzufertigen und Marias eigene Kunststudien zu fördern. Maria und Burne-Jones beginnen eine Liebesbeziehung. Im Januar 1869 findet Burne-Jones‘ Ehefrau Georgiana einen Brief von Maria in seiner Kleidung, die stürmische Affäre wird öffentlich und löst einen gesellschaftlichen Skandal aus. Maria fleht ihn an, gemeinsam mit ihr Selbstmord zu begehen durch eine Überdosis Laudanum, Burne-Jones trennt sich von ihr. Es entsteht eine Reihe von Bildern mit Marias Antlitz, das für den Maler ewige Obsession bleibt. Maria Zambaco beginnt in den 1880er Jahren mit der Bildhauerei und wird in Paris Schülerin bei Auguste Rodin. Das Porträt, das Burne-Jones 1870 malt, nach der Trennung, ist eine Liebeserklärung an Maria und Verewigung der Amour fou.
„Independently wealthy, unconventional, tempestuous and determined, she was a lover who refused to be quietly adored and Burne-Jones began to see that she wanted more than he was prepared to give. When he told her that he would never leave his ever-faithful wife Georgiana, Maria was enraged and Burne-Jones took flight, leaving her ‚tearing up the quarters of his friends‘ to use Rossetti’s words. When he eventually returned, she threatened to kill herself and there was an embarrassing scene beside the Regent’s Canal where Burne-Jones was almost arrested for rolling in the gutter with Maria as he prevented her from leaping into the water. The storm had broken and the affair was over but they remained in contact and Maria’s face continued to dominate Burne-Jones‘ art.“ [Simon Toll, sothebys.com]
Edvard Munch Madonna Dritte Fassung 1895
Als Modell für die fünf „Madonna“-Fassungen, die Edvard Munch zwischen 1894 und 1897 malt, gilt die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel.
„Strindberg sah in ihr eine zielbewußte Messalina von letzter Teufelei, vor der man nicht weit genug fliehen konnte und die einen selbst noch in der Ferne am Band hielt. Munch dachte ähnlich und nannte sie, wenn wir unter uns von ihr sprachen, die Dame, was weiter nichts als gebotene Fremdheit besagen sollte […] Vielleicht hat Munch sie gehabt, ich weiß es nicht, nannte sie trotzdem und erst recht die Dame. Vielleicht Strindberg, leicht möglich. Wahrscheinlich hat sie viele gehabt. Besessen hat sie keiner.“ (Julius Meier-Graefe)
„Werner Hofmann suggests that the painting is a ’strange devotional picture glorifying decadent love. The cult of the strong woman who reduces man to subjection gives the figure of woman monumental proportions, but it also makes a demon of her.‘ Sigrun Rafter, an art historian at the Oslo National Gallery, suggests that Munch intended to represent the woman in the life-making act of intercourse, with the sanctity and sensuality of the union captured by Munch. The usual golden halo of Mary has been replaced with a red halo symbolizing the love and pain duality. The viewer’s viewpoint is that of the man who is making love with her.“ [wiki]
Darstellung von Heiligkeit, Darstellung eines Orgasmus, oder beides, you choose.
Dante Gabriel Rossetti Rosa Triplex 1867
„Rosa Triplex was inspired by Anthony van Dyck’s painting Charles I in Three Positions … Dante Gabriel Rossetti gave his later works literary and mythical titles, but they have no story. This prioritises their atmosphere and beauty. During this period, Alexa Wilding was Rossetti’s preferred model. He liked her commanding presence.“ [tate.org]
Gustave Moreau Hélène Glorifiée 1896
In Der Tragödie zweiter Teil (veröffentlicht 1832) läßt Goethe Helena, das Urbild der Schönheit und von Sexualität als Project Mayhem, durch Zeit und Raum zu Faust bringen. Das geflügelte Kind zu Füßen der Helena auf Moreaus Bild ist Euphorion: bei Goethe der Sohn von Faust und Helena. Krieger, Fürst, Poet: niemand hat Besseres zu tun als Helena zu verherrlichen. Damn right.
Jean Delville L’Idole de la Perversité 1891
Evelyn De Morgan Medea 1889
Edvard Munch Salome 1903
Eines meiner liebsten Werke von Edvard Munch ist Die Brosche, eine Lithographie von 1903. Zu sehen ist Eva Mudocci, eine englische Violinistin, die Munch in Paris kennenlernte. Mudocci, die hier 1903 auch als Salome erscheint, war Munchs Geliebte. Munch sagte, sie habe „Augen von tausend Jahren“. Salome jedenfalls sieht glücklich aus.
Odilon Redon Der mystische Ritter 1869
Ödipus und die Sphinx.
Fernand Khnopff Who Shall Deliver Me? 1891
Man muß schon deshalb irgendwann im Leben nach München reisen, weil „I lock my door upon myself“ von Fernand Khnopff in der Pinakothek zu sehen ist. Der Titel des Gemäldes ist eine Zeile aus dem Gedicht „Who Shall Deliver Me?“ von Christina G. Rossetti. Christina, die jüngere Schwester des Malers Dante Gabriel Rossetti, schrieb das Gedicht 1866.
Die rätselhafte Schönheit seiner Bilder, der Eindruck des Anderweltlichen, der Eindruck, daß die Seele mit einer Art von beyond in Verbindung steht, all das macht Khnopff für mich besonders faszinierend. Sein bevorzugtes Modell war seine jüngere Schwester Marguerite, und wenn Khnopffs Bildern eine Verheimlichung eingewoben ist, dann gewiß auch ihr Gegenteil, ein Hauch des Inzestuösen liegt über diesen Bildern, es offenbart sich eine mindestens intensive Beziehung, vielleicht eine unglückliche Liebesbeziehung des Malers zu seiner Schwester, mit der er, von der Welt abgeschottet, in einer verwunschenen Villa in Brüssel lebte. Für Khnopff ist Marguerite der Inbegriff der Schönheit, sie ist auch die Frau in „Who Shall Deliver Me?“. Befreiung – vom Eingeschlossensein in sich selbst? Erlösung – vom Verbergenmüssen der geheimsten Sehnsüchte? Errettung – von der Transformation in ein Wesen? Ask these eyes.
Fernand Khnopff Hérodiade [La Victoire] c. 1917
Marguerite als Herodias.
Fernand Khnopff Avec Georges Rodenbach. Une ville morte 1889
Im 1892 veröffentlichten Roman „Bruges-la-Morte“ von Georges Rodenbach erscheint Brügge als Stadt im Dornröschenschlaf, als tote Stadt, als stille Stadt. Auch David Bowie ist mit dieser Stille vertraut: Auf „The Next Day“ von 2013 heißt es in „Dancing Out In Space“: „Silent as George Rodenbach / Mist and silhouette“.
Das Cover, das Guy Peellaert, ebenfalls Belgier, 1974 für Bowies „Diamond Dogs“-LP schuf, könnte auch von Khnopffs Gemälde „Caresses“ von 1896 inspiriert sein, für Till Briegleb „einer der schönsten Momente der Kunstgeschichte, an dem finale Deutung versagen muß“ (sueddeutsche.de, 2019).
Rodenbachs Werk macht Brügge zum Anziehungspunkt für Künstler und Schriftsteller. Der Protagonist des Romans, Hugues Viane, untröstlich über den Tod seiner Frau, zieht nach Brügge, weil es die einzige Stadt für seinen Schmerz ist:
„Und wie traurig war auch Brügge an diesen Spätnachmittagen! So liebte er sie, diese Stadt! Seiner eigenen Traurigkeit wegen hatte er sie ausgewählt, um hier nach der großen Tragödie weiterzuleben. (…) Der toten Frau musste eine tote Stadt entsprechen. (…) In der stummen Atmosphäre unbelebter Kanäle und Straßen hatte Hugues seinen großen Schmerz weniger gespürt, hatte er verhaltener an die Tote gedacht. Er hatte sie besser vor Augen, besser verstanden, fand im Wasser der Kanäle ihr Ophelia-Antlitz wieder (…) Die Stadt, auch sie einst schön und geliebt, verkörperte auf diese Weise seine Klagen. Brügge war seine Tote. Und seine Tote war Brügge.“ (Georges Rodenbach, Das tote Brügge, Stuttgart 2011, 16 ff.)
Khnopff gestaltet für Rodenbachs Roman ein Frontispiz, das die schöne Tote und eine der Brücken Brügges formal in Parallele setzt und so die Identifikation von Stadt und Frau wiedergibt. In einem Essay hat Rodenbach den Gedanken weiter ausgeführt; „Les villes sont un peu comme les femmes“, schreibt er, und Brügge sei wie eine abgesetzte Königin, heute vergessen, früher eine mächtige und prächtige Monarchin. Dies scheint die Erklärung für den wehmütigen Blick auf die Krone.
Gustave Moreau L’apparition Undatiert
The head that dripped blood: „This painting picks up the iconography of the famous watercolour of the same title (Musée du Louvre, Department of Graphic Arts, Musée d’Orsay Collection), which inspired J-K Huysmans to write some wonderful passages in his novel A Rebours. It illustrates an episode taken from Chapter XIV of St Matthew’s Gospel. John the Baptist had been imprisoned for having condemned the illegitimate marriage between Herodias and King Herod. Wishing to get rid of this troublesome person, the queen asked her daughter Salome, when she had finished dancing for the king, to ask for the head of John the Baptist as her reward.
This short episode gave rise to many works focusing on the figure of Salome, who did not, however, instigate the crime. But this Jewish princess would excite the imagination of painters to become the archetypal femme fatale. (…) In this painting, we can see: on the left, Herod, hieratic on his throne next to his wife; on the right, the impassive executioner, sword in hand; in the dark background a series of lines describe figures of pagan divinities blending into a strange and disturbing architectural setting, decorated with medieval motifs. This rich ornamental decor, typical of the painter’s style, taken from the most distant centuries and civilisations, make this scene difficult to place in time and space, and adds to its enigmatic character. Gustave Moreau transforms this biblical episode into a fable, a painted poem in which the theme is meant to be edifying as well as a pretext for a dream.“ [musee-moreau.fr]
Gustave Moreau L’apparition (Detail)
SALOME Ah! thou wouldst not suffer me to kiss thy mouth, Iokanaan. Well! I will kiss it now. I will bite it with my teeth as one bites a ripe fruit. Yes, I will kiss thy mouth, Iokanaan. I said it; did I not say it? I said it. Ah! I will kiss it now . . . But wherefore dost thou not look at me, Iokanaan? Thine eyes that were so terrible, so full of rage and scorn, are shut now. Wherefore are they shut? Open thine eyes! Lift up thine eyelids, Iokanaan! Wherefore dost thou not look at me? Art thou afraid of me, Iokanaan, that thou wilt not look at me?
And thy tongue, that was like a red snake darting poison, it moves no more, it speaks no words, Iokanaan, that scarlet viper that spat its venom upon me. It is strange, is it not? How is it that the red viper stirs no longer?. . . Thou wouldst have none of me, Iokanaan. Thou rejectedst me. Thou didst speak evil words against me. Thou didst bear thyself toward me as to a harlot, as to a woman that is a wanton, to me, Salome, daughter of Herodias, Princess of Judaea!
Well, I still live, but thou art dead, and thy head belongs to me. I can do with it what I will. I can throw it to the dogs and to the birds of the air.
That which the dogs leave, the birds of the air shall devour . . .
Ah, Iokanaan, Iokanaan, thou wert the man that I loved alone among men! All other men were hateful to me. But thou wert beautiful! Thy body was a column of ivory set upon feet of silver. It was a garden full of doves and lilies of silver. It was a tower of silver decked with shields of ivory. There was nothing in the world so white as thy body. There was nothing in the world so black as thy hair. In the whole world there was nothing so red as thy mouth. Thy voice was a censer that scattered strange perfumes, and when I looked on thee I heard a strange music. Ah! wherefore didst thou not look at me, Iokanaan?
With the cloak of thine hands, and with the cloak of thy blasphemies thou didst hide thy face. Thou didst put upon thine eyes the covering of him who would see his God. Well, thou hast seen thy God, Iokanaan, but me, me, thou didst never see. If thou hadst seen me thou hadst loved me. I saw thee, and I loved thee. Oh, how I loved thee! I love thee yet, Iokanaan. I love only thee . . .
I am athirst for thy beauty; I am hungry for thy body; and neither wine nor apples can appease my desire. What shall I do now, Iokanaan? Neither the floods nor the great waters can quench my passion. I was a princess, and thou didst scorn me. I was a virgin, and thou didst take my virginity from me. I was chaste, and thou didst fill my veins with fire . . .
Ah! ah! wherefore didst thou not look at me? If thou hadst looked at me thou hadst loved me. Well I know that thou wouldst have loved me, and the mystery of Love is greater than the mystery of Death.
HEROD She is monstrous, thy daughter; I tell thee she is monstrous. In truth, what she has done is a great crime. I am sure that it is a crime against some unknown God.
HERODIAS I am well pleased with my daughter. She has done well.
[Oscar Wilde]
Gustave Moreau Œdipe et le Sphinx 1864
Das ist ein so leidenschaftlich intimer Moment zwischen der Sphinx und Ödipus, ihr Aneinander und ihr Blickkontakt so intensiv, daß man als Beobachter den Blick abwenden müsste, wenn man den Blick abwenden könnte.
„On the Road“ ist ein fabelhafter Roman oder Erlebnisbericht, das hat aber nicht mehr mit „Black Spring“ zu tun als z.B. Ovid. Da gehts um Autofahren und Amphetaminkonsum und Sex … bei Miller geht es um existenzielle Nöte und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Sex.
Christian Erdmann:
Aber wenn man den ganzen Kerouac nimmt, geht es bei ihm um existenzielle Nöte (Liebe / Frauen zähle ich bei ihm dazu) und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Zen. :) Seine sehr persönliche Art von Zen. Die eine Schrift, die er sorgfältig überarbeitet hat, ist die „Schrift der Goldenen Ewigkeit“.
Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sagte mal: „I’m a Pisces, and Pisces have this weird inability to be completely spontaneous. We’re too conscious of our actions. I’ve always been way too sensible for my own good.“
Wie dem auch astrologisch sei, zufällig ist Kerouac auch Sternzeichen Fische, und für Kerouac trifft dies ganz gewiß zu – diese „seltsame Unfähigkeit, vollkommen spontan zu sein“, dieses „sich seiner selbst ständig allzusehr bewußt sein“. Roter Faden seines Lebens, wie er es beschreibt. Er ist der Beobachter. Auf seltsame Weise zugleich immer mittendrin und immer am Rand. Der Song „Some Weird Sin“ auf dem „Lust For Life“-Album von Iggy Pop könnte geradezu von Kerouac handeln:
I never got my license to live They won’t give it up So I stand on the world’s edge I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill That’s when I want Some weird sin Things get too straight I can’t bear it I feel stuck, stuck on a pin I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill Etc
Einerseits bei Kerouac seine Fähigkeit zum – real häufig stummen – Mitleiden mit allem, was ist, andererseits: „I stay under glass“ – erneut Iggy Pop, „The Passenger“, ebenfalls auf „Lust For Life“ – „I am the passenger / And I ride and I ride / I ride through the city’s backsides / I see the stars come out of the sky / Yeah the bright and hollow sky“ – ständiges Unterwegssein, und ständiges Gefühl des Verlorenseins dabei, ebenfalls sehr Kerouac’sch. Der Bezug zu „Lust For Life“ (und dieser Lust verleiht Kerouac zugleich ja auch Ausdruck) ist gar nicht so weit hergeholt: immerhin ist mit der ersten Zeile des Gassenhauers „Lust For Life“, „Here comes Johnny Yen again“, eine Figur von William S. Burroughs angesprochen.
Die im Leben also immer etwas unter Glas bleibende Spontaneität schleudert Kerouac dann Hals über Kopf in sein Schreiben. Wie häufig dann bei Kerouac in der Rückschau das Bedauern – das Bedauern darüber, nicht ins Zentrum der Situation gelangt zu sein, aufgrund der von Corgan an sich selbst festgestellten Eigenheiten -, und trotzdem, zugleich, die Liebe zu allem, was geschah, geschieht, geschehen wird, das große: „Was kommt als Nächstes?“ als Mantra.
Gut – Kerouac war einer meiner Männer so zwischen 18 und 21 Jahren, aber fond affections werde ich immer hegen.
[SPIEGEL ONLINE Forum 08.04.2008]
Im März 2013 wird im Londoner Victoria & Albert Museum die Ausstellung David Bowie Is eröffnet, kurz darauf erscheint eine Liste mit Büchern, die Bowie unter den Tausenden, die er im Laufe seines Lebens gelesen hat, ausgewählt hat als jene 100, die für ihn besonders prägend und bedeutend waren. „On The Road“ von Jack Kerouac ist eines dieser 100 Bücher. „On The Road“ zelebriert das Unterwegssein als Daseinsgrund, als intensive Gegenwärtigkeit und ständigen Aufbruch zu neuen Perspektiven zugleich; Bowie würde immer viel zu sehr in Bewegung sein, um Bewegungen anzugehören. Auch war Bowie fasziniert von Kerouacs spontaner Prosa, die „das literarische Äquivalent zum improvisatorischen Elan des Bebops“ war: „Seine Liebe zur Unmittelbarkeit hat Bowie von Kerouac“ (John O’Connell, Bowies Bücher, Köln 2020, 158 ff.). Und für Bowie war Kunst immer auch spirituelle Suche; auch dafür war Kerouac ein Vorbild. Die Bekanntschaft mit Kerouac verdankte David Bowie seinem älteren Halbbruder Terry. Der Journalist Al Aronowitz: „The night before Bowie’s Carnegie Hall debut in New York, I’m sitting with him over a room service dinner in his Plaza Hotel suite while he amazes me with the story of how, when he was a teenager, reading On The Road had been his turning point. It opened up all possibilities for him.“
Bob Dylan sagt über „On The Road“: „It changed my life like it changed everyone else’s.“
Miscellaneous:
Traumtagebuch
Schnee ist da, Kinder, die durch die graue Luft schlittern – ich lauf heim durch die dunkle Moody, die dunkle Gershom, rede darüber, bis zu meinem dunklen Haus in der Sarah – alles und jedes hat diese Dunkelheit der Dinge, vergraben in dem verwesenden Boden – ICH bin es – ich sehe jetzt meinen Baum aus meiner Hand wachsen, durch die Knochen sehe ich den November scheinen, ich warte auf kommende Frühlinge und auf Blüten für meine Finsternis, ich bin der Frankenstein meines eigenen 6 Fuß Grabes, lebt wohl, ihr kleinen goldenen Kinder dieser fröhlichen verrückten Welt.
Zuvor, oder später, versuchte ich, ein paar gelbe Notizblöcke vom Schreibtisch der Western Union zu stehlen, im Marble Subway Korridor, war mir aber nicht darüber klar, wieviele, bis ich mich schließlich entschloß, alle zu stehlen, doch da fingen die hübschen Sekretärinnen an, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, obwohl sie mir in Wirklichkeit gar keine Aufmerksamkeit schenkten
Mit meinen Malstiften zeichne ich eine bewundernswert schöne Szene einiger Gebäude am späten Nachmittag, vielleicht Kirchen oder Läden, aber weil ich reichlich Rosa und ein tiefes Tintenblau verwende und dick mit der Hand auftrag habe ich eine Farbe voll von Ehrfurcht und dem Geheimnis der späten Sonne auf altem Stein geschaffen, die wunderschön ist, etwas, das menschliche Augen nie zuvor gesehen haben, ein Kunstwerk, eines Da Vinci, sogar eines Rembrandts würdig – ich bin nur leicht erstaunt, zu erkennen, daß ich ein derart großer Künstler bin (…)
Eines Tages werde ich wiedergeboren werden in dieser großen Stadt in einem anderen Weltsystem, in der Vergangenheit oder der Zukunft, wo ein einziger 3 Meilen hoher Berg sich gegen den blauen Himmel abhebt – Mit all meinem Gefühl in mir, alles was ich brauche ist die Weisheit des Landes
Die Verblendung des Duluoz
… denn niemand kann mir weismachen, Herr Gott noch mal, daß dieser sozusagen massive homerische Krieg zwischen den Griechen und Trojanern lediglich auf wirtschaftliche Dinge zurückzuführen sei, daß es dabei nur um Handel und Gewerbe ging; was war denn mit dem Gewerbe in Helenas Keuschheitsgürtel?
Ich saß draußen auf der Veranda und lehnte mich weit zurück, mit den Füßen auf dem Geländer, und schaute zum erstenmal in meinem Leben hinauf zu den Sternen. Eine klare Augustnacht, die Sterne, die Milchstraße, der ganze Zauber klar. Ich starrte und starrte, bis sie zurückstarrten. Wo zum Teufel war ich, und was sollte das alles?
In meinen Träumen kommt es manchmal vor, daß ich vollgepackt bin, und andere Leute rennen neben mir her, auch auf dem Weg zum Bahnhof. Ich bitte sie darum, meinen Mantel oder meinen Schirm zu halten, aber sie lehnen immer höflich ab. Und daher gehe ich durchs Leben und muß mehr tragen, als ich tragen kann. Und niemand stört sich daran.
Denn obwohl ich ein loyaler Mensch bin, ist mir nichts geblieben, gegen oder für das ich loyal sein könnte.
… so sitzt er [Burroughs] langbeinig auf seinem Stuhl und betrachtet den leeren Bürgersteig, „wo es nichts zu betrachten gibt“, womit ich sagen will, daß der verdammte Planet, von dem er kommt, allen Lebens bar gewesen sein muß. („Ich bin Agent und komme von einem anderen Planeten“, sagte er.)
Und deshalb, meine liebenswürdigen Dummköpfe, wie traurig, wie wahr, wie notwendig, daß vielleicht ein ganzer Tag wie ein durchnäßter Lumpen sein muß, trostlos, qual-voll, wie der letzte Tag der Welt (der er einmal sein wird), und alle „Fenster werden verdunkelt sein und die Töchter der Musik niedergeworfen“ (…)
Tristessa
(Bull Gaines) „Wenn du Opium hast, brauchst du nichts mehr. Das ganze gute O geht dir in die Adern und du hast ein Gefühl, als ob du Hallelujah singst!“ Und er lacht. „Bring mir Grace Kelly auf diesen Stuhl, Morphium auf den da, und ich nehme das Morphium.“ „Ava Gardner auch?“ „Ava Gvavna und alle Briezen in allen Ländern der Erde.“
Unerträglich, wenn sie mich wegstieße und No, no, no sagte, wie in den französischen Filmen, wo die enttäuschten schnurrbärtigen Helden von der kleinen Blondine – der Frau des Bremsers – an einem Zaun im Rauch um Mitternacht auf dem französischen Rangierbahnhof abgewiesen werden.
Ich sehe Tristessas Bein und entschließe mich, den Ausgang des Schicksals zu vermeiden und jenseits der Himmel zu ruhen.
(„I look at Tristessa’s leg and decide to avoid the issue of fate and rest beyond heaven.“)
Passing Through (Desolation Angels)
„Habe ich alles gesagt?“ fragte Lord Richard Buckley, bevor er seinen Geist aufgab.
„Was geht mich die Universität an, laß mich weiterschlafen!“ Ich träumte gerade von einem geheimnisvollen großen Berg, auf dem sich die ganze Welt befand, alles andere konnte mir gestohlen bleiben.
Denn der einzige Grund für das Leben oder eine Geschichte ist doch: „Was passiert als nächstes?“
… oder wie die alten Fotografien, die man auf den Bodenspeichern von verlassenen Connecticut-Farmhäusern findet und die ein 1860er Kind in einer Wiege zeigen, und es ist bereits tot (…)
Und warum? Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: „Der Himmel ist herrlich, nur müßte es ihn auch geben„, und deshalb gleich fielen?
[Burroughs, Tanger] … kraftvoll ausschreitend wie ein meschuggener deutscher Philologe in der Emigration (…)
… und während ich dann auf seinem Bett saß und las, geschah es oft, daß er sich beim Runtertippen seiner Geschichte plötzlich vor Lachen darüber krümmte und manchmal sogar auf dem Boden wälzte. Ein seltsam komprimiertes Lachen, das von ganz tief innen kam, während er tippte. Damit aber kein Truman Capote denkt, er sei nur eine Schreibmaschine, zückte er zuweilen seinen Füller und begann auf Schreibmaschinenbogen zu kritzeln, die er, sobald sie voll waren, über die Schulter warf wie Doktor Mabuse, bis der ganze Boden mit den seltsamen etruskisch-unentzifferbaren Zeichen seiner Handschrift bestreut war. Mittlerweile waren, wie schon gesagt, seine Haare total zerzaust, aber da ich mich um sonst nichts weiter kümmerte, schaute er ein paarmal beim Schreiben hoch und sagte mit offenen blauen Augen zu mir: „Weißt du, daß du der einzige Mensch in der Welt bist, der im Zimmer sitzen kann, während ich schreibe, ohne daß ich überhaupt merke, daß du da bist?“ Ein großes Kompliment übrigens.
Nichts kann fader sein als „coolness“ (…), posierte, ja in Wirklichkeit starre Lässigkeit, unter der sich eine persönliche Unfähigkeit verbirgt, etwas Gewaltiges oder Interessantes aufzunehmen (…)
Aber ich sage dir, nichts ist schrecklicher als die leeren Morgengrauenstraßen einer amerikanischen Stadt, es sei denn den Krokodilen im Nil zum Fraß vorgeworfen zu werden, bloß damit Katzenpriester lächeln können.
Ist die Wirklichkeit der unwirkliche Teil der Unwirklichkeit?
Maggie Cassidy
… Kinder, die sich aneinanderklammern für das, was sie für einen reifen, selbstbewußten Kuß halten (…)
An ihrem Hals versteckte ich mich wie eine verirrte Schneegans aus Australien, suchte den Duft ihrer Brüste …
Schon kann ich sehen, wie sich im Stirnrunzeln hübscher Mädchen Stendhalsche Intrigen formen (…)
Ich umschlang ihre nachgiebige, sehnsuchtsvolle Taille, ihr Beckenknochen drückte gegen meinen, ich biß die Zähne zusammen in der Erinnerung an die Zukunft –
… meine heißen Augen spürten die sanften, kühlen Fingerspitzen, die Freude, das Streicheln und das Kaum-Berühren, die weibliche süße verlorene verträumte in sich versunkene vorausdenkende tieferdige aprilhafte Liebkosung (…)
Ich war bereits in den rotziegeligen Hotels inmitten des New York von 1939 gewesen und hatte meinen ersten Sex mit einem rothaarigen älteren Mädchen erlebt, einer professionellen Hure – ich war herumgelaufen und hatte damit angegeben wie all die anderen Irren der Schule, hatte schluckend im Bett gewartet, sie kam den Flur mit scharfem Absatzgeklapper herunter, ich wartete mit klopfendem Herzen, die Tür öffnete sich, diese vollkommen gebaute Hollywood-Schönheit schwebte herein mit dem Reichtum ihrer schweren Brüste (…)
Lonesome Traveller
… & sowieso nichts anderes zu tun habe als mit langem Gesicht das wirkliche Amerika mit meinem unwirklichen Herzen zu durchstreifen …
Was sind schon 5 Dollar für einen Märtyrer?
… während ich den Paris Soir las und dazu die Musik im Radio mit Neuigkeiten aus meinem ersehnten Paris – so saß ich da mit unerklärlichen bohrenden Erinnerungen, so als sei ich schon einmal auf der Welt gewesen und hätte schon einmal in dieser Stadt gelebt, unter Brüdern (…)
Im Britischen Museum fand ich im Rivista Araldica IV, S. 240, meine Familie: „Lebris de Keroack. Kanada, ursprünglich aus der Bretagne. Blau auf einem goldenen Streifen mit drei silbernen Nägeln. Motto: Lieben, arbeiten und leiden.“ Ich hätte es wissen können.
The Dharma Bums
„Denk nur mal an den Haiku, der vielleicht der größte von allen ist. Er geht so: ‚Der Sperling hüpft die Veranda entlang. Seine Füße sind naß.‘ Von Shiki. Du siehst die nassen Fußspuren wie eine Vision vor deinem geistigen Auge, und doch siehst du in diesen paar Worten auch den ganzen Regen, der an dem Tag gefallen ist, und beinahe riechst du die nassen Tannennadeln.“
Der Wald ist schuld daran, wenn dir so zumute ist. Er sieht immer vertraut aus wie etwas längst Verlorenes, wie das Gesicht eines vor langer Zeit gestorbenen Verwandten, wie ein alter Traum, wie der Fetzen eines vergessenen Liedes, der über das Wasser treibt, und vor allem wie die goldenen Ewigkeiten einer vergangenen Kindheit und vergangener Mannesjahre, und wie alles Leben und alles Sterben und aller Herzenskummer seit Millionen von Jahren (…)
Was ist ein Regenbogen, Herr? Ein Reif für die Demütigen.
Om Mani Padme Hum Gepriesen sei der Donnerschlag in der finsteren Leere
The Subterraneans
(Mardou Fox) (…) denn sie war es, die später sagte: „Männer sind so verrückt, sie wollen das Wesentliche, die Frau ist das Wesentliche, sie halten es direkt in Händen, doch sie laufen weg und errichten große abstrakte Gebäude.“
Die Regennacht deckt alles zu, küßt überall Männer Frauen und Städte in plätschernd trauriger Poesie, mit lieblichen Reihen aus trompetenblasenden Engeln hoch oben, und sie spielen die letzten orientalisch-geheimnisvollen Pazifik-gewaltigen paradiesischen Lieder, ein Ende der irdischen Angst.
kicks joy darkness. Jack Kerouac Tribute Album, 1997.
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Mixolydian:
Ohne Cut-ups hätte es weder das Eno/Byrne-Referenzalbum „My Life In The Bush Of Ghosts“ noch die in dessen Nachfolge immer ausgefeilter werdende Sampling-Technik in der Musik gegeben. Die Cut-up-Methode war ein Experiment, das sich als extrem einflußreich erwiesen hat. Hier wurden einfach neue Wege aufgezeigt. Ohne Innovatoren wie Burroughs, Gysin oder auf dem musikalischen Feld Eno, Byrne, Fripp oder Cale wären wir heute um einige Kunstwerke ärmer.
Christian Erdmann:
Ich denke, daß der Zufall stets in die künstlerische Arbeit integriert ist (Genie besteht ja auch in der Fähigkeit, sich den Zufall zunutze zu machen), und daß die Cut-up-Methode sozusagen nur die extremere Form des Sichauslieferns an dieses Prinzip ist. Sie legt den Akzent zunächst auf die reine Methode, den reinen Prozeß, ohne Vorplanung und vorgegebene Bedeutung. Indem Dinge zusammenkommen, die sonst nicht zusammenkommen, entstehen neue Bedeutungen. Lautréamont sprach von der Schönheit der zufälligen Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch. Ich persönlich mag es als Leser sehr, mich zu fragen: wie kommt das denn jetzt da hin, solange all die Türen, die sich da öffnen, noch als einem Korridor zugehörig erkennbar sind. Burroughs oder Lautéamonts „Gesänge des Maldoror“ können sehr labyrinthisch (minus Ariadnefaden) werden, zur sehr anstrengenden Reise durch einen Kopf. Hypertroph scheinende Willkür ist natürlich enervierend. Aber durch die offene Kollaboration mit dem Zufall sind Werke von unglaublicher Schönheit entstanden.
Für sein „Low“-Album, das er mit Eno zusammen aufnahm, wollte David Bowie ein langsames Stück mit nahezu religiöser Atmosphäre – das war alles, was er Eno vorgab. Eno schlug vor, erst einmal eine Spur mit Fingerschnipsern aufzunehmen. Das taten sie dann, ca. 430mal Fingerschnipsen. Das notierten sie. Jeder der beiden nahm sich dann willkürlich bestimmte Sektionen vor und spielte auf dem Synthesizer Sequenzen dafür ein. Dann löschten sie die Schnipser und schrieben, abgestimmt auf die zugeteilten Taktmengen, weitere Sequenzen darüber. Keine „Komposition“ im eigentlichen Sinne also, aber dieser ungewöhnliche Entstehungsprozeß ist das letzte, woran man bei dem Stück „Warszawa“ denkt, das einen noch immer auf die Knie sinken läßt – zeitgenössische Klassik eben.
Bowie hat sich auch in seinen Texten zuweilen der Cut-up-Methode bedient, auch für das „1. Outside“-Album, das so starken Einfluß auf David Lynch hatte („Lost Highway“). Auf „1. Outside“ erzählt Bowie zwar eine Geschichte, die Cut-up-Methode erlaubt es dem Autor einer Geschichte aber auch, der Geschichte dazu zu verhelfen, sich selbst zu erzählen und ihren Autor zu überraschen. Textsegmente arbeiten als Bedeutungsgeneratoren. Ein Titel des Albums lautet „The Hearts Filthy Lesson“. Wer würde diese Worte schon zusammendenken? Nach dem ersten Schreck ergeben viele Dinge Sinn. Genau wie bei Träumen, und oft gleicht alles, was Cut-up-Methode gleicht, dem Vokabular von Träumen. Träume sind Cut-ups.
Aber zugegeben, es kommt sehr darauf an, wer sich dieser Techniken befleißigt. Grundsätzlich kann diese Technik natürlich schrecklich unsinniges Getröt produzieren, aber das gelingt auch Autoren, die sich ganz prometheisch sehen. Quod licet Bowie, non licet bovi.
Eliza:
Eben. Sich allein auf den Zufall zu verlassen, garantiert zunächst nur, dass was Zufälliges dabei rauskommt.
Es muss ein gewisses, recht hohes Minimum an Gestaltung dabei sein, bevor mir der Ausdruck Kunst einleuchtet.
Christian Erdmann:
Du kennst doch sicher Shaftesbury, den englischen Philosophen? (Ich meine den 3rd Earl). Der sprach vom Künstler / Schöpfer als „second maker“, als „Prometheus under Jove“. Der von mir oben angesprochene Typus wäre sozusagen „Cut-up-artist under Prometheus“ (in einer Person).
Goethe hat von Shaftesbury den Begriff der „inneren Form“ geklaut: die „inward form“ des Kunstwerks / des Charakters / der vorbildhaft Teile zu einem Ganzen fügenden Natur. Wobei Shaftesbury für seine Zeit übrigens recht weit darin ging – sein Weg führte schon über das, was später deutlich als Begriff des „Erhabenen“ erschien –, auch das „Dissonante“ in diese „innere Form“ einzugliedern. Die „innere Form“ erlaubt vieles, eben auch Nutzbarmachung des Zufalls, Eingliederung sich selbst schaffender Bedeutungen etc., nur darum ging es mir, mein Respekt vor den Beherrschern der inneren Form ist grenzenlos.
Wenn poetische Sprache nicht auch zum Ziel hat, Vorstellungen davon, „was geht“, hinter sich zu lassen, wozu dann überhaupt Poesie?
Stefan Möhler:
Der Künstler ist immer der zweite Schöpfer. Eigentlich eher ein Seher, der vermag, Dinge zu realisieren, die sich anderen eben nicht von alleine erschließen. Ob es ihm nun gelingt, diese Realisation für alle Menschen sichtbar zu machen oder nicht, ist dabei völlig unerheblich.
Immer ist ein Kunstwerk ein Aufruf zur Auseinandersetzung: mit eigenen Gedanken, Urteilen, Sichtweisen, Vorurteilen, eingefahrenen Denkstrukturen, Blindheit – letzten Endes mit sich selbst.
Wer dazu nicht in der Lage ist, und ja, solche Menschen gibt es tatsächlich, dem erschließt sich weder Kunst noch deren vielfältige Möglichkeiten der Rezeption. Daran werden weder Kunstwerke selbst noch Worte über dieses Faktum irgendetwas ändern können. Das kann man bedauern, aber nicht ändern.
Christian Erdmann:
Es spricht etwas aus dem Künstler, den Du „Seher“ nennst, das er selbst nicht völlig kontrolliert, aber er muß versuchen, soviel Kontrolle wie möglich darüber zu gewinnen. Er muß das, „was geht“, überwinden, und dieses „was geht“ war nicht nur im Hinblick auf die Form gemeint, es ist immer auch das, was für die menschliche Realität bislang Gültigkeit besaß. Wäre der Künstler in glücklicher Übereinstimmung mit der Welt, wie sie ist, und den Konditionen, die sie stellt, würde er dann Kunst schaffen wollen? Das soll keine revolutionäre Pose der Kunst an sich beschreiben, aber ist der Künstler nicht immer der Träumer irgendeines „Anderen“, selbst wenn der Unterschied zum affirmativ Säuselnden kaum noch spürbar sein sollte, auch die vehementeste Opposition zum Zeitgeist ist da vielleicht letztlich nur ein gradueller Unterschied, wiewohl die Skala derartige Unterschiede bereithält, daß vielen der Größten (Hölderlin, Artaud, Nijinsky etc) der Rückweg aus ihrer Kunst in die „normale Umgebung“ nicht mehr gelang.
Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“
Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.
Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.
An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.
Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“
Wie kann ein Mensch in das, was er an der Welt liebt, nicht „The Idiot“ und „Lust For Life“ inkludieren? Eine Welt, in der diese beiden Platten gar nicht vorkommen, ist das überhaupt eine Welt? „I love those records so much“, läßt Josh Homme die Katze aus dem Sack, als 2013 „… Like Clockwork“ erscheint. Schon 1995 A.D. sind es diese beiden Werke von Iggy Pop, die Homme zur Offenbarung gereichen, mit dramatischen Folgen: auf der Stelle löst er Kyuss auf und gründet die Queens of the Stone Age.
Iggy Pop wiederum erklärt 2016 die Queens of the Stone Age in ihrer Mischung aus Virtuosität, Emotionalität und Präzision zum Inbegriff von Brillanz; besonders zwei Stücke von „… Like Clockwork“, das Titelstück und „The Vampyre Of Time And Memory“, hätten ihn berührt wie seit 40 Jahren nichts.
Daß „Post Pop Depression“ die Vollendung einer Trilogie nach 39 Jahren ist, würde Gott selbst unterschreiben, wenn ihm denn sein derzeitiges Dasein als durchgeknallter Heckenschütze Zeit ließe, doch nach den erschütternden Todesfällen von Lemmy und David Bowie erschien „Post Pop Depression“ wie Ausgießung des heiligen Geistes, Rettung, Trost. Daß Iggy Pop und Josh Homme in aller Heimlichkeit zur Schöpfung schritten, und daß diese Schöpfung tatsächlich so großartig ist, wie man es sich nur hätte ausmalen können, injiziert eine Dosis unfaßbarer Richtigkeit ins zerrüttete Weltgeschehen. Homme ist ein Heiliger, und was er anfaßt, wird zu Gold. Gesegnet der Tag, an dem er begriff, daß der Absender der mittlerweile legendären SMS tatsächlich Iggy Pop mit seinem ollen Klapp-Phone war. Homme: „Mir war nur klar: Wenn mich hier jemand verarscht, werde ich ihn dafür umbringen.“
Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.
UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?
BOWIE: Absolutely.
Es gibt mehrere Gründe, warum der Roman „Aljoscha der Idiot“ heißt, aber ohne „The Idiot“ von Iggy Pop hätte ich ihn nie geschrieben.
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September 2009
hans-werner degen:
Zweigs Dostojewski interessiert mich deutlich weniger als mein eigener…
Christian Erdmann:
„Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt.“ (Stefan Zweig)
einEi:
Stefan Zweig, der bekannte Schriftsteller, soll das gesagt oder geschrieben haben? Wann? Wo? Sie müssen schon mit Quellen arbeiten, sonst versteht hier keiner mehr, was das alles soll.
Christian Erdmann:
„Sehr schön. Wenn Sie zur Tagesordnung sprechen, gut und schön. Gut und schön, wenn Sie zur Tagesordnung sprechen. Fahren Sie fort.“ (Flann O’Brien)
KLMO:
Im Detail ist Dostojewski ein Meister der menschlichen Psychologie. Doch wie löst er die Problematik als Ganzes?
Seine Werke quellen über von Schuld und Sühne, Gott und Teufel, Paradies und Hölle, alles Metaphern, derer sich bevorzugt das Christentum bedient…
Christian Erdmann:
Iggy Pop, den die meisten nur als „Godfather of Punk“ kennen, ist ein sehr belesenes Kerlchen, was sich zuletzt darin ausdrückte, daß er sich von Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zu einem Album inspirieren ließ. 1993 ließ er auf seiner „American Caesar“-Platte in seiner Version des Klassikers „Louie Louie“ kurz verlauten: „I’m as bent as Dostoevsky“.
Schon 1977 durfte man annehmen, daß Iggy Pop seinen Fjodor kennt: in diesem Jahr brachte er zwei Platten heraus: „The Idiot“ und „Lust For Life“. Zwei Titel, die, zusammengenommen, Dostojewski in der Nußschale ergeben.
AS BENT AS DOSTOEVSKY
zeigt sich Iggy Pop schon auf dem Cover, das sowohl von Heckels „Roquairol“
(nicht umsonst schleppte Bowie Iggy in Berlin durch die Expressionismus-Sammlungen)
inspiriert ist, als auch jenen Bildern Egon Schieles gleicht, in denen die Verzerrung und Verdrehung menschlicher Gestalt wie der Ausdruck des Fehlens jeglicher inneren Ausgewogenheit wirkt. Isoliert wirkende Gestalten – die Journalistin Kerstin Bode betitelte einen Artikel über Iggy Pop mal mit „Isolierter Sprengsatz“ und spricht von seiner „grausamen Einzigartigkeit“ –; Gestalten, die Schiele in „kompromißloser Selbstentäußerung“ (Erwin Mitsch) aufs Blatt bringt, und über die Mitsch sagt: „Die organische Einheit des Körpers … wird zerrissen in einander widerstrebende und bekämpfende Teilstücke. Sie werden Spiegelbild und sichtbarer Ausdruck innerer seelischer Kräfte und Vorgänge.“
Iggy Pop „dehnt/biegt und krümmt seine Gliedmaßen zu Formen, die dem Gravitationsgesetz trotzen. Freiübungen eines Ballettänzers, der an der Starkstromleitung hängt.“ (Harald InHülsen, ca.1980).
Qual/Schmerz/Lust/Erregung.
Eines von Schieles Selbstbildnissen trägt den Titel: „Ich liebe Gegensätze“.
Werner Theurich, den Hiesigen eher als „sysop“ bekannt, schrieb nach einem Konzert von Iggy Pop in „Knopf’s Music Hall“ (heute Docks), bei dem ich auch zugegen war, über den „ewigen Märtyrer“ (Zitat Theurich): „Nicht zu reden von Iggy Pops offensiven Bühnenshows, die über das Publikum hereinbrachen, mit denen Iggy sich auslieferte, Angst machte und immer um den vollen Einsatz spielte.“
Iggy Pop im Sommer 1979:
„Ich habe gerade in der Herald Tribune eine Geschichte über den Nuklearen Endkampf gelesen; weißt du, was Bowie machen würde? Er schlägt seine Landkarte auf, sieht nach, wo die Bombe explodieren wird, steigt sofort ins Flugzeug und begibt sich an einen sicheren Ort, vielleicht Argentinien. Ich werde genau das Zentrum raussuchen, wo die Bombe aufschlägt, denn ich will es fühlen, genau da! Die Hitze spüren, den Schmerz!“
Poetische Übertreibung, vielleicht.
Brocken aus Stefan Zweig über Dostojewski:
„Von jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen, hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner Menschen liegt die ewige Nacht und glänzt das ewige Licht … Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm … die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden …
…Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal … Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander … Amor fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, die Heimsuchung als Heil … Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft … Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie … hat auch das Glück seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert und brennt wie Feuer … Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt wie zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat … leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals … Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: … was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl … Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des Kontrastes … Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf Intensität … Lust (zeugt) das Leiden und das Leiden wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze … Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt … Er will nicht wie Goethe zum Kristall erstarren … sondern Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen … Und nur so, als der „Gottesknecht“, als der Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden … Seine Helden … sind nicht friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den Urproblemen hinab … Sie wollen gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie hinaus … Sich selbst wollen sie fühlen und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, das Existenzgefühl … jenes ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen des Lebens sind …, sondern die ganz einheitliche Lust …
… Sie wollen das Leben weder erlernen noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase der Existenz.“
Wersilow und Katharina in „Der Jüngling“, kurz vor dem Ende:
„Ich weiß, ich weiß, Sie sahen, daß Sie das nicht fanden, was Sie brauchten, aber… was brauchten Sie denn? Erklären Sie mir das noch einmal…“
„Habe ich Ihnen das denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe… ich liebe heitere Menschen.“
„Heitere?“
Die Verständnislosigkeit, mit der Wersilow das wiederholt: „Heitere?“
Nochmals Stefan Zweig über die Figuren Dostojewskis:
„Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense… sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne.“
Wissen, daß man verdreht ist, verzerrt, daß man scheitert, sich in (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten zerreißt, daß man ein Idiot ist, ewiger Märtyrer, daß man sich selbst fast zugrunderichtet mit der Empathie, dem „unendlichen Mitleiden“, mit dem Versuch, panoramisch zu sein, und bei alldem ICH LIEBE GEGENSÄTZE die Wurstmacher Wurstmacher sein lassen und dort Schätze finden, wo andere ums Verrecken nichts erkennen, wissen, daß man die Einheit noch in den vertracktesten Ambivalenzen aufspüren kann, und in alldem nichts fühlen als das Leben selbst: das, lieber KLMO, ist für mich bei Dostojewski viel wichtiger als „all die Metaphern“, weil am Ende all dessen nicht sinnlose Liebe zum Exzeß steht, sondern: Lust for Life.
Iggy Pop, David Bowie, Tony Visconti – drei der an „The Idiot“ Beteiligten hatten Dostojewskis „Der Idiot“ gelesen.
David Buckley nennt „The Idiot“ „a funky, robotic Hellhole of an album“.
Komplett abgestürzt und ausgelaugt durch die Selbstzerstörungsorgie der Stooges, die sadomasochistischen Energien ihrer Musik, die Drogenexzesse, den Nihilismus und die Torturen an Leib und Seele steht Iggy Pop schließlich vor den Türen einer Anstalt. Zu den wenigen Besuchern in der Neuropsychiatrie zählt David Bowie. Im Frühjahr 1976 nimmt er Iggy als Begleitung mit auf seine Station To Station-Tour durch Europa, surreal schöne Fotos entstehen, Bowie und Iggy in Touristenpose auf dem Roten Platz oder im Moskauer Metropol-Hotel.
Im Juli 1976, der Umzug nach Berlin läuft, beginnen Bowie und Pop im Château d’Hérouville mit den Aufnahmen zu „The Idiot“. Das sexy Höllenloch öffnet sich mit „Sister Midnight“.
Wie Bowie und Iggy Pop bei diesem Sound angekommen sind, bei dieser glorios hypnotischen strangeness, bleibt Geheimnis. „Damn, listen to what Dennis Davis is playing on ‚Sister Midnight‘ … it’s insane!“ (Iggy, 2016). Können vor Schaudern. Selbst jeder Schlag auf die crash cymbal wird von Dunkelheit verschluckt. Die brutale Insistenz, mit der das irreguläre Funk-Riff von Davis / Murray / Alomar und Iggys furchterregende Stimme Sister Midnight bearbeiten, ist betäubend. Dazu eine Gitarre, die den Mond anheult oder eine Jungfrau zersägt. Brian Eno über „The Idiot“: als würde man langsam einbetoniert.
„Calling Sister Midnight / I’m an idiot for you“. Beep.
„So as we were working on Sister Midnight, David was playing, and I was trying to tune the sound using a compressor to get a nice distortion. As I turned an equalization button on the desk, I got a sudden noise, like a ‚bip‘. I saw David, with the headphones on, startled in his chair. But he didn’t stop playing. When he came back to the control room, he asked me ‚What was that noise?‘ I told him that I made a mistake on the desk. We listened to the tape. The ‚bip‘ was clearly distinct. ‚It’s nice! We’ll keep it. ‚“ – Laurent Thibault, Schloßpächter und house engineer im Chateau d’Herouville.
Letzte Nacht unten im Labor, mit Dracula und seiner Crew. Das Album ist creepy. Kalte Dunkelheit, zwielichtige Dekadenz, expressionistische Verzerrung. Was ist, wird Obsession. „Low“ erschien zuerst, aber „The Idiot“ entstand zuerst und war Bowies Testgelände. Bowie inspiriert Iggy zu Gesang in bedrohlich tiefem Bariton, ghoulish zuweilen. Iggy: „I was working on the lyrics to ‚Funtime‘ and he said, ‚Yeah, the words are good. But don’t sing it like a rock guy. Sing it like Mae West.'“ Er entpuppt sich als verdammt guter Sänger. Iggy erhebt sich sinister majestätisch aus seiner Gebrochenheit, über postapokalyptischen Soundscapes, über Rhythmen, die, funky & robotic, einen ominösen Glamour in Bewegung bringen, und, vor allem, über all die Spuren von Verzerrung, die Bowie in die Musik legt. Zweig über Dostojewski variierend ließe sich sagen: von jedem Moment auf „The Idiot“ führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen. Ich meine mich zu erinnern, daß ein Journalist mal schrieb: ideale Musik für eine Auspeitschparty.
Für den Nine Inch Nails-Song „Closer“ modifiziert Trent Reznor ein Drum Machine-Sample aus „Nightclubbing“. Die sleazy cabaret-Elemente von „Nightclubbing“ verleihen das Gefühl, vampirhaft, like a ghost, durch die gespenstisch ausgeleuchteten Korridore und Hinterzimmer eines mysteriösen Etablissements zu schleichen, in dem unaussprechliche Dinge vorgehen.
Funtime:
„Almost immediately, the listener is greeted by a zombie-like, dissonant chorus: ‚All aboard for funtime‘. … The guitar on the first bridge starts with an off-note, but it’s kept as it is part of the dissonant mood. During the bridges … the listener feels helpless as if he/she is strapped into some kind of horror show carousel that is careening out of control.
This out of control feeling and ever present dissonance on this song makes the listener feel that something very UN-fun is actually happening and this is the main thrust of ‚Funtime‘. The juxtaposition of ‚Fun‘ and ‚Funtime‘ with the aggressive subject matter, monster references, leering sexual content and terrifying soundscape leaves the listener not with feelings of irony but unease.“ (Bradley Banks)
In den ersten Sekunden hört man etwas, das wie leises Schluchzen klingt, vermutlich gluckst Iggy vor dem vocal take einfach in sich hinein, aber die Atmosphäre ist von Anfang an beunruhigend. Bowies Gitarre, die vom falschen Akkord hochrutscht, lutscht sich Energie von Deinen Knochen, aber das ist Dir im Labyrinth der darkrooms jetzt ganz recht.
Eine der traurig schönen Traumpuppen da unten ist Baby, und der Sänger erklärt ihr: die Welt ist immer ungerecht. „I’ve already been down the street of chance“. Please stay clean, please stay young, Iggy singt, als wolle er alle gleichzeitig hypnotisieren, Baby und die Dämonen, die es auf die Unschuld abgesehen haben. Bei 0:47 hört man einen Lautfetzen, der sich gerade noch als Bowies Stimme identifizieren läßt, wie aus dem Nebenraum des Songs, in dem sinistre Voyeure den lullaby sardonisch kommentieren.
Zwischen „Funtime“ und „China Girl“ hat „Baby“ es nicht leicht, aber wenn man den Song, sagen wir, 10mal nacheinander hört, bekommt man ein Gespür dafür, wie er der winterlichen Schneelandschaft gleicht, in der Iggy auf dem Coverbild die „Roquairol“-Pose nachstellt. Das absteigende Motiv, das Hit The Road Jack-Sachlichkeit vortäuscht und doch nur in schiere Unheimlichkeit getaucht ist, eine Landschaft, die man grimmig durchwandert, Fäuste in den Jackentaschen.
„China Girl“, Amoklauf von Liebeslied, allesverzehrende Leidenschaft, die Bilder von eskalierender Herrschaftsphantasie und Vernichtung produziert, während Taumel und Wahnsinn sich steigern bis zu drohender Selbstentleibung. „China Girl“ fängt nicht einfach an, „China Girl“ entlädt sich, mit der Hoffnung auf escape, mit ihr, ohne sie ein Wrack, Iggy klingt verletzlich, fragil, I’d feel tragic like I was Marlon Brando, dann eskaliert der bedrohliche Unterton, wird manisch bei „It’s in the white of my eyes“, Iggys Stimme „distorting the microphone preamplifier“ (Tony Visconti), und wen zwingt das nicht auf die Knie: „And when I get excited, my little China Girl says ‚Oh Jimmy just you shut your mouth. She says, Sshhh…“ Und dann ist er tatsächlich still, und dieses unfaßbar dramatische Ende nimmt seinen Lauf, Synthesizer mit Streicher-Grandeur, Bowies Saxophon glüht durch den dichten Mix, dann die gleißenden Gitarrenlinien, dann färbt sich die Sonne blutrot.
Weihnachten 2013 war Iggy Pop zum ersten Mal mit einer eigenen Radioshow auf BBC 6 Music zu hören, seit 2015 führt er als „atmospheric bartender“ regelmäßig durch den Abend, läßt uns teilhaben an seinem Gefühl für die Schönheit und Bedeutung der Songs, die er spielt, läßt uns wissen, falls wir es vergessen hatten, daß sie so viel mehr sind als nur Songs, und das Wunderbarste daran: wie er, der Godfather of (you name it), dabei Dankbarkeit und Demut durch den Äther schickt. Mit ähnlichem Gestus erklärt er 2016, der beste Teil von „China Girl“ beginnt
„when I shut up. There is a beautiful guitar line that David wrote. I knew it was good when we did it, but I was not able to appreciate it emotionally the way I do now. Every time I hear it, I feel all these things that have to do with coming and going. Because we all come, and we all go.“
Der verzerrte fernöstliche Klang, den Bowie auf „China Girl“ produziert: ein Spielzeugklavier, das Laurent Thibaults 8jähriger Tochter gehörte. Der Text würde auch Sinn ergeben, wenn „China Girl“ eine Metapher für Heroin wäre, aber die Dame, die den Song wesentlich inspirierte, war eine Vietnamesin namens Kuelan Nguyen.
Am Ende des Songs ist mir immer, als hätte ich Abschürfungen. An der Seele. Manchmal brauche ich die Pause, die das Vinyl der LP danach gewährte, immer noch.
Für „Dum Dum Boys“ spielt Bowie sich die Finger auf der Gitarre blutig, dann läßt er das Riff, das Synapsenverbindungen im Hirn herstellt, die ziemlich sleazy sind, Note für Note von Phil Palmer nachspielen (dem Neffen von Ray & Dave Davies). 7-Minuten-Ode an Aufstieg und Fall der coolen, bösen Gang, in der Iggy die Verachtung der Stooges für den Rest der Welt beschwört und ihre Geschichte damit zum Mythos macht. Siouxsie, die Edle, die später Iggys „The Passenger“ für ein Cover-Album auswählt, beschrieb „The Idiot“ als „re-affirmation that our suspicions were true: the man is a genius.“ Tatsächlich klingt „The Idiot“ geradezu absurd anders als alles andere. „The Idiot“ steht schief zur Welt, auf Trümmern, die noch rauchen.
Der Tag bricht an und du willst nicht leben, „‚cause you can’t believe in the one you’re with“, die Tricks und die Vergangenheit, der Verlust einer Unschuld, die dann auch die junge Unschuld nicht zurückbringt. „Tiny Girls“ – ah what did you think. Über der dunklen Textur spielt Bowie das wunderschönste, coolste und zugleich wehmütigste Solo auf einem Plastiksaxofon für Kinder.
Auf die Desillusionierung von „Tiny Girls“ folgt die epische Verheerung von „Mass Production“.
„I have no idea how Bowie and Pop achieved the song’s unique sound; I suspect Alomar and a synthesizer are running the show, especially during the sublimely weird instrumental passage which makes you feel like you’re on the floor of the ocean in a doomed submarine that is sending out an SOS.“ (Michael H. Little, 2016).
Dave Catching (QOTSA, EODM, Herz des Rancho de la Luna): „It sounds like they were detuning the synths too, and it always puts me in a trance whenever I listen to it.“
8 1/2 Minuten Trance.
„The first thing you hear on ‚Mass Production‘, the eight-minute industrial horror movie that finishes off The Idiot, is a synthesizer fading in, like a machine drawing breath; it’s suddenly confined to the right channel, where it now drones a single note, like a foghorn, and it’s answered by four piping notes in the left channel, a mechanical birdsong that repeats through much of the track (though often drowned in the mix). Dennis Davis‘ drum fill kicks the song into a semblance of life, and Iggy Pop appears, sounding like a man holding a hostage.“
„Mass Production“ – „is far from any sort of triumphal Futurism; there’s no nobility of the machine found here, just a nihilistic realization that even the cold promise of machinery is a lie. If ‚Mass Production‘ has a visual analogue, it’s David Lynch’s street sets for Eraserhead: a city seemingly purged of human beings and reduced to abandoned train tracks, lifeless tenements and an encroaching darkness.“ (Pushing Ahead Of The Dame)
Leben als industrielle Massenproduktion, Lyrics, in denen ein Mädchen nach der Nummer eines Mädchenduplikats gefragt wird, Austauschbarkeit und Leere und trotzdem ein seltsamer Reiz: Iggy Pop sprach immer fasziniert von der Schönheit verfallender Industriekultur. Das fadeout von „Mass Production“ post-alles, der Song geht unter in grauer endloser Ferne und otherwordliness, letzte Atemzüge of everything, devastating und – unerklärlich schön.
G. Starostin: „Sometimes the noises get really ugly but then again it’s mass production“. „Das ist ja schrecklich! Wie das leiert!“ rief Leda eines Abends bei besagter weird instrumental passage, und es war einer dieser Momente: „Aljoscha sah, wie an einer entscheidenden Weiche ein schwerer Hebel umgelegt wurde, von einem Mann, der sein Gesicht im Schatten der Hutkrempe verbarg.“
„Though I try to die / You put me back on the line / Oh damn it to hell / Back on the line / Hell, back on the line / Again and again / I’m back on the line“.
„The Idiot“ war das letzte, das Ian Curtis in seinem Leben hörte. Für mich war in Phasen tiefster Verzweiflung, Entfremdung und Verachtung „The Idiot“ ein Teil der Mythologie, die zu Auferstehung rief. „The Idiot“ sagt: If you lived through this, you live through everything. Tief im Herzen dieser desolation liegt a new conviction.
„The Idiot“ und „Lust For Life“ bedeuteten auch: die Götter sehen diesem Mann zu in stiller Bewunderung I’M AN EASY MARK WITH MY BROKEN HEART „Ein permanenter Versuch, die Verbindung zwischen dem brodelnden Inneren, der Irrationalität / dem eigenen Irrenhaus und der (er-)wartenden Außenwelt herzustellen“ I STAND ON THE WORLD’S EDGE wer sonst ist mit mir AND I RIDE AND I RIDE smiles like a reptile HERE COMES MY FACE IT’S PLAIN BIZARRE ich fotografierte das „Lust For Life“-Cover und vergrößerte es für meine Wand, „a beaming, slightly mad-looking Iggy shot in a dressing room during the March ’77 UK tour. It’s the face of a man ready to harangue the world while he charms it“ JESUS? THIS IS IGGY ein Gesicht, aus dem man Handlungsmaximen ableiten kann THINGS GET TOO STRAIGHT I CAN’T BEAR IT selbstverständlich ist er 1977 die schönste Kreatur auf Erden I SEE THE STARS COME OUT OF THE SKY „immer auf der Suche nach der Möglichkeit, nach dem Weg, das eigene Geschick unter Kontrolle zu bekommen“ ALL OF IT WAS MADE FOR YOU AND ME „Ich weiß nichts, was ähnlich wäre wie diese Stimme. Ich denke, daß es die einsamste Stimme der Welt ist.“ (Dirk Scheuring, SPEX 1986) I’M TRYING TO BREAK IN OH I KNOW IT’S NOT FOR ME ein Märtyrer, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt CALLING SISTER MIDNIGHT I’M A BREAKAGE INSIDE sein Plan für später: wiedergeboren werden als schwarzer Pudel und an den Beinen der Mistress hochspringen CALLING SISTER MIDNIGHT YOU’VE GOT ME REACHING FOR THE MOON.
„I just want to say that the most provocative friend of my adult life has been David Bowie and he has absolutely opened vistas to me where I have been able to assimilate information that has allowed me to survive and also to enjoy the world I’m in a lot more…“ – 1988
1976 pflegen Bowies Tourmusiker Iggy Pop am Frühstückstisch anzutreffen, wie er beim Kaffee mit Brille auf der Nase die politischen Kommentare europäischer Zeitungen studiert. Der Mann, der am Ende einer Nacht exzessiven Konsums in Berlin von einer Telefonzelle aus, in die irgendein Witzbold ihn eingeschlossen hat, die Polizei anrufen muß, um sich befreien zu lassen, war immer einer der Intelligentesten der Delinquenten. The world’s forgotten boy ist ein Informationsassimilator mit einem enzyklopädischen Gedächtnis für Kunst und Geschichte, einer, der Bücher als Freunde betrachtet, in einem Interview 1999 zählt er als letzte Lektüre auf: Charles Dickens, Voltaire, Victor Hugo, Marquis de Sade. „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gibbon ist eines seiner Lieblingswerke; sein leidenschaftliches Interesse an Römischer Geschichte lebt er 1993 auf dem Song „Caesar“ als „Throw them to the lions“-Imperator aus. Römisch an ihm ist vor allem die Mischung aus Primitivismus und refinement.
Geschichte als Weg aus dem gefängnishaften Zeitgenössischen. Iggy Pop sammelt Stühle. Zu seiner Kollektion gehören ein Louis Seize-Stuhl und ein normannischer Thron. Er begann ein intensives Verhältnis zu Stühlen zu entwickeln, weil ihm lange Zeit nichts gehörte – seine Plattenverkäufe standen in gotterbärmlichem Gegensatz zu seinem Ruf -, und weil es ein gutes Gefühl war, wenigstens auf einem Stuhl sitzend sagen zu können: „Das Fernsehen blökt mich an, und die Leute betonieren alles zu und treiben mich verdammt nochmal in den Wahnsinn“, aber dies ist mein Reich. Weltherrschaft ist Herrschaft über die eigene Welt, you see.
Indianischer Gesang, Schamanentrommeln, dann hebt sich der Vorhang für die Band in leuchtend roten dinner jackets im Sixties-Stil – und für den donnernden Beat. Nach einer Minute „Lust For Life“ kündigt Josh Homme ihn an: „Ladies and Gentlemen, Mister Iggy Pop!“ Die Antwort auf Iggys Erscheinen ist ungezügelte, manische Turbulenz. Sollte es die letzte Tour des Iggy Pop sein, dann ist sie ein würdiger Triumphzug. Vor diesem Abend habe ich Iggy Pop 5 x live gesehen, und es war jedes Mal nicht nur ein denkwürdiges Spektakel, sondern auch, siehe ganz oben, eine Art Anleitung zum Himmelssturm. Diese Band aber spielt / zelebriert die Songs von „The Idiot“ und „Lust For Life“ genau so, wie sie live klingen müssen, wenn man diese beiden Platten über alles liebt. Josh Homme genießt seinen Part als Hofzeremonienmeister wie ein Schneekönig, der seine süßeste Fantasie auslebt, zusammen mit Troy van Leeuwen, Dean Fertita, Matt Sweeney und Matt Helders reproduziert er den vibe all dieser Songs getreu und punktgenau, zwangsläufig schütteln sich ein paar Elemente aus dem Queens of the Stone Age-Hexensabbat aus dem Handgelenk – Killerversionen der Originale mit Queens-Stempel, ein verdammter Traum. Iggy kracht nicht mehr von allen Seiten durch die Bühnenbretter, doch der ungezähmte Genius seiner Five Foot One macht Lust For Life zum Thema dieser Nacht und aller Nächte wie noch nie zuvor. Eine so überwältigte Freude bei allen, auf der Bühne und davor, alle komplett betäubt und euphorisiert. Als wisse tatsächlich plötzlich die ganze Welt, was sie diesem Mann schuldig ist, und als wäre die Welt überglücklich, es ihn wissen zu lassen. Das Feingefühl, mit dem Josh Homme Bowies Präsenz in die Musik von „Post Pop Depression“ eingearbeitet hat, abwesende Freunde sind anwesend heute nacht, „China Girl“ wie ein ergreifender Salut. „David’s friendship was the light of my life. I never met such a brilliant person. He was the best there is.“ – Iggy Pop 11:00 AM – 11 Jan 2016.
„FUUUUCK! BLESS YOU!“, „WHOU! WHOU! FUCKING HELL!“, er winkt jeder einzelnen Seele zu, vor „Funtime“ läßt er Boxen näher an das Publikum schieben, damit er springen kann. Bei „Fall In Love With Me“ teilt er das Meer und wandert durch den ganzen Saal. Michael Ruff, 1987: „Für Iggy Pop sind Konzerte in Hamburg seit jeher ein Heimspiel – unvergessen die kaum zu kontrollierende Begeisterung bei seinem ersten Hamburg-Auftritt vor zehn Jahren.“ An diesem Abend kulminiert die gegenseitige Zuneigung in ganzer Schärfe, Schmerzlichkeit und Schönheit. He is the best there is.
Brust in Brand setzen, Instinkt, Verletzlichkeit, Scheitern, Würde, childlike flashes of excitement, Triumphieren on your own terms. Seine Musik / sein Leben war immer eine Antwort auf die Frage, wie man mit der Welt koexistiert. Die ganze Geschichte des Iggy Pop gewährt einen Blick ins Wesen des Menschseins, für den ich endlos dankbar bin. Sagte ich endlos? Auf „Post Pop Depression“ sind Sterblichkeit und Endlichkeit nichts Unwirkliches mehr. Beliebter Schreibfehler hierzulande: „Zum Todlachen“. Das Todlachen, ich hörte es auch schon. Es klingt raffelnd, rasplig, geschrotet, dann schaumig. Dann so, als hätte er glühende Kohlen mit dem Löffel gefressen, dann wieder scharfkantig, gezackt, durchbohrend, Schnitzmesser spuckend. Manchmal abgearbeitet, schachmatt. Vaterlos, mutterlos, gottverlassen. Dann dieses Lachen, das an Jahren zunimmt, während er es lacht, bis es vergreist, vereist, zerklirrt. Zum Todlachen. Nein, ich gehe vorerst nicht dahin zurück. CALLING SISTER MIDNIGHT CAN YOU HEAR ME CALL CAN YOU HEAR ME WELL CAN YOU HEAR ME AT ALL.
Setlist
Lust For Life Sister Midnight American Valhalla Sixteen In The Lobby Some Weird Sin Funtime Tonight Sunday German Days Gardenia Nightclubbing The Passenger China Girl
Encore:
Break Into Your Heart Fall In Love With Me Repo Man Baby Chocolate Drops Paraguay Success
„Mass Production“ was not played due to keyboard difficulties
„It’s endearing and almost childlike, just the way he looks at the world with those big eyes.“ – Nina Alu, 2003