
A dear friend from Paris.

A dear friend from Paris.


Muffin Man:
Lesenswert wäre der, der nicht einfängt, was an Nichtigem kursiert, sondern Schrifttum darauf konzentriert, wohin der Mensch sich idealerweise weiterentwickeln könnte. Pech für diesen „Auserwählten“, in den Augen seiner Mitwelt nur ein Narr zu sein…
ray05:
Es geht doch um das WIE [schreibe ich] und nicht um das WAS, das wissen Sie doch; ich verstehe nicht, warum Sie den NARREN negativ konnotieren…
Muffin Man:
Ein Narr darf zwar alles sagen, er wird jedoch nichts bewirken.
Eben diese Wirkungslosigkeit ist seine Tragik.
easystreets:
Muffin Man, das stimmt so nicht. Der Narr ist eine Figur, der unentschieden in der Mitte von zu verteidigenden Burgen sich aufhält und in der Groteske sich entsprechend der Groteske verhält. Der Narr ist auch der Weise, der Wahrsager und Wahrlacher, wie Nietzsche es seinen Zarathustra sagen läßt. Eine Mittlergestalt. Bewirken? Aktiv wirken? Passiv bewirken? Durch Dasein sein. Der Schamane ist eben so eine Figur. Ein Substanzmischer und Sichäußerer. Ein Weltenwanderer, auch zwischen denen der Zeit. Ein Mahner, kein Moraliger, einer, der den Wahnsinn auf sich zieht und ihn personifiziert darstellt, so quasi ihn aus der Welt zieht, stellvertretend; ein Reinigender, ein Heilsbringer. Einer, der die Informationen aus der Vergangenheit gegenwärtig hält, indem er sie heraufholt, wieder und immer wieder. Eben keiner, der ein Ziel braucht zum Los- & Draufstürzen. Kein Totaler-Krieg-Woller. Ein Strukturaufweicher. Die Literatur ist voll davon. Nur personifiziert muß er sein, voll sein von den Substanzen, zwischen denen er nicht mehr unterscheiden kann, sie aber eint. Der Narr selbst ist nicht. Er hat keinen Körper, er ist voll und ganz in seiner Funktion. Er ist die Summe seiner Umgebung. Einer, der am 30. Januar 1933 laut lachend, Rad schlagend, weinend und schreiend Unter den Linden entlang läuft, bis er von der SA eingefangen wird – das ist ein Narr. Was soll er sein? Gott, der Allmächtige? Der mit dem Riesenschwert, der eingreifen kann und es tut? Der Zeus, der Blitze wirft? Die tiefste Anteilnahme dürfte sich im Narren personifizieren.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Als Revolutionär nach unten Jakob von Gunten. Dies war ein Literaturtip.
easystreets:
Ich fange mit Deinem Buch an, was die Hausaufgaben betrifft, machen wir es so. Wenn man drüber nachdenkt, über den Narren… es gibt keinen Gott, es gibt keinen Teufel und von beiden keine Menschwerdung. Nur im Narren, im duplex, personifiziert sich Beides, das Göttliche, Einende, wie das Teuflische, Teilende-Zweiende, und das zugleich und gleichermaßen. Die einzige Figur, die sich verläßt, um leer und geleert zu empfangen. „Der Offenbarung williges Gefäß“, sozusagen. Das ist die Reinform. Die Wirklichkeit ist teuflisch, göttlich und närrisch-neckend zugleich, klar, was sonst. „Was liebt, das neckt sich“ kommt ja daher.
Die Figur hat zumindest Einblicke hinter die Fassaden des Menschen… Das Besondere ist seine geistige Überlegenheit und seine Fähigkeit zur List. Seine Streiche lassen ihn den Zorn auf sich ziehen. Er hat viele Gesichter und trägt viele Namen, so wie auch Schelm oder Trickster. Er ist eine Wandlungsgestalt, auch ein Schöpferischer. Eine Doppelnatur mit notorischer Unintelligenz in seiner Kommunikation. Eine interessante Figur.
Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Sehr. Eine Ur-Trickster-Gestalt ist Hermes / Merkur, listenreicher Gott der Übergänge und der Transformation, und darum ist Hermeneutik ja auch so tricky, ständiges Springen im Dreieck, dem klassischen Dreieck der Zeichenwissenschaft. Nach Platon übernimmt Eros das hermeneuein, das Hin- und Herlaufen als universaler Mittler, als irgendwo Dazwischenseiender ist Eros ja auch Urbild des Philosophen. Sokrates mußte sterben, weil er alle am Kragen packte und rief: was meinst du eigentlich? Der Narr öffnet, was sich bereits verschlossen hat. Was der göttliche Narr u.a. spiegelt: daß Auslegung immer auch mit performance zu tun hat. Indem er das Umpolen der Wahrheitsreferenzen bis zur Karikatur treibt, macht er deutlich, wieviele vermeintliche Wahrheiten Riesen auf tönernen Füßen sind. Wie komme ich vom vorläufig Wahren ins wirklich Wahre?
Erstmal, indem ich auch die Kreativität des anderen verstehe, sein Genie, seine Irrtümer, sein Genie im Irrtum. Hermeneutik als Kreativität im Nachvollzug, und am wahrsten ist vielleicht die Interaktion selbst. Der Narr selbst tanzt ja, wie die Schöpfer des Tarot als Hommage auch an Dionysos abzubilden wußten, permanent am Abgrund. Aber er fällt nie, weil ihm der Abgrund nicht bekannt ist. Der Narr galt in fast allen Kulturen als möglicher Botschafter des Allerhöchsten.
Zu „Jakob von Gunten“: Walser schrieb so, wie er dann starb. Mit einem unverständlichen Lächeln rückwärts in den Schnee fallend. Unaufdringlich, eindringlich, rätselhaft anmutig, befremdlich und faszinierend. Jakob ist „gern unterdrückt“ und „kann nur in den untersten Regionen atmen“, aber er weiß, daß das Institut Benjamenta, wo Diener geformt werden sollen, ihn verdummt, und er läßt sich nicht verdummen. Er ist sokratischer Hineintäuscher ins Wahre: „In mir lebt eine sonderbare Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine unbegreifliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren.“ Seine „Ungezogenheiten“ enthüllen ihn als Selbsterzieher, als Außensteher, dem eine Beziehung im klassischen Sinne nicht möglich ist, auch, weil er sich eigentlich ständig auf einer anderen Stufe der Realität befindet, wo u.a. kein zwanghaftes Auflösenmüssen vermeintlicher Paradoxien ihn noch interessiert. Fräulein Benjamenta führt ihn in die geheimnisvollen inneren Gemächer des Instituts, und der Gang führt auf eine winterliche Eisbahn. You can take it from there. Seine geistige Überlegenheit, seine List, seine notorische Unintelligenz in der Kommunikation, jedenfalls im Hinblick auf Verbindlichkeit: wir wissen nicht einmal, was ihm das alles wert ist, nützt, schadet. Am Ende geht er irgendwohin, Richtung Wüste. Scheint es. „Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen.“ Vielleicht dachte Rimbaud das auch, als er Dichtung abbrach und scheinbar sinnlose Wanderschaft begann: „Gott geht mit den Gedankenlosen.“
Diener sind auch in Liebesdramen häufig die Trickster.
Das Tarot as we know it in Europa geht mindestens bis ins 14. Jahrhundert zurück, die Vorstellungsinhalte der Bilder sind natürlich weitaus älter, die erste Karte darin: The Fool, Le Mat, Der Narr.
Es geht um die „groteske Negation“, immer leicht teuflisch angehaucht, weil ordnungszersetzend. Die Narrenkappe wurde ja nicht von deutschen Karnevalsdeppen erfunden, es ist eine altehrwürdige groteske Gegenkrone bei Ritualen der Umkehrung.
Was all das mit Literatur zu tun hat? Wie könnte man überhaupt Shakespeare verstehen ohne Verständnis für den Narren? Die Spitzen des jester’s hat repräsentieren die Eselsohren, die man als guter jester früher noch trug. Wie gerade der größte Narr, zeitweise tatsächlich ein Eselsdasein fristend, prädestiniert ist, auserwählt ist, in das Kultgeheimnis der Isis eingeweiht zu werden, beschrieb Apuleius im 2. Jhdt. in „Der goldene Esel“ – ein phantastischer, anarchischer, wunderbar burlesker, am Ende doch erhabener Roman.
Die Präsenz des Narren in der Literatur, praktisch unüberschaubar. Aber der Narr stand immer essentiell für Redefreiheit und ist schon deshalb geradezu Schutzheiliger der Literatur. Zu seinen besten Künsten gehörte das Rätsel.
Falls das untergegangen sein sollte: es lohnt, „Jakob von Gunten“ zu lesen.
[SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“, Oktober 2008]

Anhang: Kommentarsektion Antirationalistischer Block
09.06.20216
ray05:
Hab mal nachgesehen, was die Geselln in meinem Bücherregal so treiben. Und siehe da: Jakob von Gunten schmiegt sich eng an Karl Roßmann, den Kafka nach Amerika schickte; seiner Kumpanei mit Tonio Kröger und M. L. Brigge wird das aber wohl keinen Abbruch tun. Obwohl Tonio für Jakobs Geschmack allzu gescheit daherredet. Jakob ist der Joker. Dienen ist natürlich eine Kunst, vielleicht die größte.
10.06.2016
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Jakob bei mir zwischen Trakl und dem armen Chatterton. :) Gotta Serve Somebody: gestern Polanskis „Venus im Pelz“ endlich gesehen, wird dem bedeutenden Buch von Sacher-Masoch ganz wunderbar gerecht. Kafka wie Sacher-Masoch exemplarisch für das – vermeintliche – Paradox: wie es möglich ist, daß sich im Setting einer restriktiven Konstellation größtmögliche Freiheit entfaltet, Denken und Bewußtsein zum wahrhaft Außerordentlichen vordringen.
Wie Kafka dieses Setting auch bewußt beibehält, hatten wir ja -> hier ein wenig beleuchtet, phänomenal an der „Venus im Pelz“ bei Sacher-Masoch nun freilich, wie Wanda Severins Setting immer wieder übersteigt.
Und doch, es gehört zum Höchsten der individuellen Freiheit überhaupt, das Hierarchische bestehen zu lassen, wo es bereichernd ist, nicht Zufügung, sondern Hinzufügung. Unendlich diffiziles Thema, but well, you know… „Beuge dich vor ihr, solange du ein Rückgrat hast.“ – meint dasselbe. Weil du frei bist. Die Macht zu erkennen, vor der es sich zu beugen lohnt. Some call it Sphinx. :)
Auch der Narr ist sein eigener Herr, aber anders. Zu seiner Rolle gehört es, selbst wenn es ihn den Hals kostet, auch tatsächliche Unterdrückung als bloßes Setting zu entlarven. Der Narr als Kasper persifliert ja Gewaltausübung nur noch, mit dieser seltsam gefalteten Klatsche (slapstick). Der Narr, der sich als Diener tarnt, hat eine dieser Persiflage nachgeformte Haltung, nur eben umgekehrt: ihr Mächtigen glaubt, mir aufs Haupt zu schlagen, ich aber weiß, euer Schlagwerkzeug ist nur aus Pappe, ihr erreicht mich nicht.
Und dann das Dienen als Hingabe an etwas. Das darf man ein Ritual äußerster Bewußtheit nennen, oder eine schöne Kunst, ja.
08.07.2016
Anonym:
Nie hatte ich die „Greta Garbo der Off-Literatur-Branche“ verstanden. Hier schon…


Christian Erdmann / Aljoscha der Idiot:
Psychotest: liebste Femme Fatale in einem Film Noir? Bei mir wäre das Jane Greer als Kathie Moffat in „Out Of The Past“ von Jacques Tourneur, mit Robert Mitchum.
Gwynplaine:
Ähh… ich hätte das jetzt auch geraten, bei Deinem Faible für Tourneurs Werk ;-) Den Film habe ich erst kürzlich bei arte wieder gesehen, und der ist natürlich klasse, obwohl ich mit Kirk Douglas immer ein bißchen meine Probleme habe. Aber Mitchum gleicht das wieder aus, auf der Männerseite.
Aber zum Thema: Ganz weit vorne bei mir: Barbara Stanwyck in „Double Indemnity“, denn eine Frau ohne Gewissen ist das Fatalste überhaupt, nicht wahr?
Oder Jean Simmons in „Angel Face“.
Und als Kind meiner Zeit: Faye Dunaway in „Chinatown“.
Auch Lauren Bacall sollst du lieben und ehren für alle Zeiten für „Key Largo“ und natürlich „The Big Sleep“ (obwohl da Dorothy Malone in einer kurzen Rolle als „bookworm bitch“ auch nicht von schlechten Eltern ist, und der Frauenpart, der die Männer ins „Fatale“ reitet, eigentlich bei Martha Vickers liegt).
Ganz weit oben auch „Gilda“; ich glaube Rita Hayworth litt ähnlich wie die Monroe unter ihrem Glamour-Image. Ihr Auftritt in „Gilda“ ist unschlagbar. Der Song „Put The Blame On Mame“ verdeutlicht doch das Dilemma der Männer, wenn sie den Frauen an die Angel gehen. Von wegen schwaches Geschlecht.
Also, alles Gute einstweilen! And „Keep watching the thighs!“
schnuppe:
Homme fatal ist natürlich Robert Mitchum, haha!
[SPIEGEL ONLINE Forum: Lieblingsfilme – Was ist „großes Kino“?, 08.03.2007]
09.09.2008
immerfreundlich:
… gefolgt von einem unglaublichen Peter Ustinov in „Quo Vadis“.
Christian Erdmann:
Schön, daß sich jemand zu „Quo Vadis“ bekennt, ich liebe den Film. Der stammt zwar noch aus einer Zeit, in der deutsche Synchronfassungen teilweise unantastbare, eigenständige Größe erlangten, aber durch Ihren Beitrag moralisch gestärkt erwäge ich die Anschaffung der DVD, um endlich einmal das Original zu sehen.
Lieblingssatz, trotz Phasen, in denen ich mir nur die Sequenzen mit Deborah Kerr anzusehen vornahm: „Poppäa, was murmelst du denn da!“
Vom Matinee Idol derer, deren Hirn aus Echo & The Bunnymen heraus levitierte, zum genial-wahnsinnigen Krautrock-Exegeten und -Weiterdenker, Pagan Eco Warrior und Experten für Megalithkultur, das ist ja in etwa der Weg von Julian Cope, und dessen Song „Robert Mitchum“ (erstmalig auf „Skellington“) enthält wunderbarerweise eine Referenz, die einem anderen großen Film gilt, der so gut wie nie auf der Liste der „großen Filme“ auftaucht:
Robert, Robert Mitchum
I wrote a song for you
Robert, Robert Mitchum
I love you, yes I love you, yes I really do
The part in „Ryan’s Daughter“ when you lose your wife
I’ve never seen a more dignified man in my life
„Ryan’s Daughter“ also, David Lean 1970. Der Film wurde von der Kritik nicht gut aufgenommen, vor allem hieß es, Leans cinematography erschlage die Charaktere, aber wenn man sich Zeit für den Film nimmt, sieht man schnell, daß das nicht stimmt. Für mich ist der irische Schullehrer Charles Shaughnessy eine von Mitchums besten Rollen. Immerhin wird der Film langsam als overlooked masterpiece wahrgenommen.
„You’re such a dude, you’re such a guy, you know you’re so half asleep“ (Cope).
20.09.2008
Christian Erdmann:
„The Night of the Hunter“, der weiter oben erwähnte „Ryan’s Daughter“, das wären zwei meiner Lieblingsfilme mit Mitchum. Absolut phantastisch ist er aber auch, Jane Greer verfallen, in „Out Of The Past“ von Jacques Tourneur.
chevy57:
Mitchum gelingt es in der Rolle tatsächlich, auch mir Angst einzujagen. Und das schaffen nicht viele…
Christian Erdmann:
Genauso, wie ich immer nicht verstehe, daß das Fernsehen immer vehementer mit dem ganzen Mist aufwartet, den Monty Python’s Flying Circus schon in den Siebzigern ultimativ, final und tödlich verkaspert hat, verstehe ich nicht, daß sich nach Mitchum in diesem Film überhaupt noch schmierige Kleinstadt-Evangelisten irgendwo herumzutreiben wagen. Naja, was versteh ich schon.
Ich besitze dieses Buch von Elsa Lanchester, die mit Laughton verheiratet war (Frankensteins Braut), und sie schildert, wie Laughton Mitchum anrief:
„Hello, this is Charles Laughton.“
„Yes?“
„I have a book I’d like you to read. There’s a character in it that I’d like you to play in a movie I’m making. The man is a real shit. A dreadful and devout shit.“
„Present!“
Und als Mitchum erfuhr, daß Shelley Winters gecastet war: „My God, the only thing she’s going to do convincingly is float in the water with her throat cut.“
Neben all seinen anderen Vorzügen hatte Mitchum noch einen überaus bedeutenden Charakzerzug: er schätzte Deborah Kerr mehr als alle anderen Partnerinnen. Was kann man Besseres über Deborah Kerr sagen. Er meinte mal, sie könne ihre Szenen in der Schweiz spielen und er in Maryland, das Ergebnis wäre trotzdem perfekt. „Heaven Knows, Mr. Allison“ ist auch noch so ein schwacher Punkt von mir, Mitchum als Corporal Allison, der auf einer Insel strandet, auf der sich erstmal wenig befindet außer Schwester Angela, Deborah Kerr als Nonne. Und die konnte ja Nonnen wie keine andere, „Black Narcissus“ mit Deborah Kerr als Sister Clodagh ist auch ein klasse Film, von Powell / Pressburger, die wiederum auch „Peeping Tom“ gemacht haben. Und der steht neben „Night of the Hunter“ ganz da oben, Regalbrett „Filme, die man ins Jenseits mitnehmen muß“.
24.09.2008
marks&spencer:
Wenn ich das richtig gehört habe, wollte Laughton zunächst Gary Cooper verpflichten.
Christian Erdmann:
Das weiß ich nicht, Elsa Lanchester zitiert Paul Gregory, den Produzenten, der Laughton eine Notiz hinterläßt: „Charlie, this would make a motion picture.“ Und: „I’d seen Robert Mitchum as the heavy in this. Charlie called me the next day and just raved and said: ‚I’m coming down.'“ Laughton hätte gemischte Gefühle gegenüber Mitchum gehabt, aber von Cooper wird nichts erwähnt. Interessant ist, wie Mitchum mehrmals zu Vorbesprechungen ins Haus Laughton / Lanchester kommt: „I don’t know, maybe Bob Mitchum is very bright, but I never heard such a lot of words – big, long words, one after the other.“ (E. L.) Später gibt Mitchum dann den intellektuellen Zugang auf und entpuppt sich als noch größerer Rebell als Laughton, selbst durchaus einer, vermutet hatte, bis zu dem Punkt, an dem Laughton Mitchum väterlich zur Seite nimmt und erklärt: wir alle hätten Skelette im Schrank, die meisten von uns würden aber versuchen, die Skelette zu verbergen und die Tür zuzuhalten. Mitchum aber reiße nicht nur die Tür auf, er schwinge seine Skelette auch noch gleich in der Luft herum. „Bob, you simply must stop brandishing your skeletons.“
26.09.2008
schnuppe:
Film noir und Mitchum als der Böse, oh ja!
Welcher Film ist das, wo ein Girl zu ihm sagt: What I like about you is… you’re rock bottom. I wouldn’t expect you to understand this, but it’s a great comfort for a girl to know she could not possibly sink any lower.
20.02.2010
Christian Erdmann:
Juliet Forrest in „Dead Men Don’t Wear Plaid“: „If you need me, just call. You know how to dial, don’t you? You just put your finger in the hole and make tiny little circles.“ :)
Haio Forler:
War das nicht Rachel Ward?
BerSie:
In der Rolle der Juliet Forrest!











Christian Erdmann:
Hier meine Unterschrift zu:
„Out of the Past is one of the greatest of all film noirs“. (Roger Ebert)
Tourneur (Cat People, I Walked With A Zombie, Night of the Demon) ist sowieso ein Meister; Scorsese: „In a way, you could say that Tourneur’s touch is so refined and subtle that he haunts his films. It’s as though he cast a spell over each project … Tourneur was an artist of atmospheres.“
Scorsese spricht Tourneurs Filmen „a hypnotic quality“ zu, Jane Greer ist als Kathie Moffat wahrscheinlich die faszinierendste Femme fatale des klassischen Film noir, und Mitchum… ist Mitchum.
BerSie:
Bin absolut Deiner Meinung! Auch Kirk Douglas trägt seinen Teil bei!
Christian Erdmann:
Kirk Douglas kann einem ja schwer auf die Nerven gehen, sein zwischen hämischer Vergnügtheit und vibrierendem Rachedurst schillernder Charakter in „Out of the Past“ aber gelingt ihm blendend.
19.09.2010
Christian Erdmann:
1947 war ein phantastisches Jahr für Robert Mitchum, nicht nur drehte er mit Tourneur „Out of the Past“, er stand auch für Raoul Walsh in „Pursued“ vor der Kamera. Gerade gesehen, eine Art Psycho-Noir-Expressionismus-Western, sehr ungewöhnlich, faszinierend. Bei jedem Mitchum-Film, den ich konzentriert sehe, wird mir klar, egal, für wie groß man Robert Mitchum schon hält, man hat ihn grundsätzlich immer noch ein bißchen unterschätzt. Martin Scorsese hat „Pursued“ offenbar höchstpersönlich gerettet, die Restaurierung mit eigenem Kapital in die Wege geleitet.

„Simply by being there, Mitchum can make almost any other actor look like a hole in the screen.“ – David Lean
Rezension #15
23. August 2011
Ein Rausch!
Von Carlson63
Das ist nicht irgendein empfehlenswertes, gutes Buch: Das ist ein Meer aus Sprache, Bildern, Musik, Gedanken, Atmosphäre und hintergründigem Gelächter! Man will meinen, Luis Bunuel und Dostojewski hätten David Bowie gehört und den Film Cat People gesehen, um sich ans Gesamtkunstwerk zu machen, daran zu scheitern und Christian Erdmann zu fragen, ob er die Sache übernehmen kann. Und der hat einfach „Ja“ gesagt und sich hineingestürzt in die Flut, die den Leser später süchtig macht!
Einfach ins Buch eintauchen und davontragen lassen, es gibt kein Entkommen, kein Ertrinken, nur den Rausch, der entrückt und verzückt! Wunderbar!

Die Rezension „Ein Rausch!“ wurde 2023 auf Amazon gelöscht.

One two three two two three
Auf dem „Achtung Baby“ Tribute schießt Jack White natürlich den großen schwarzen Vogel ab.
Die A-Klasse erweist sich als die A-Klasse: Nine Inch Nails, Depeche Mode, Jack White, Garbage. Bei den anderen merkt man schon, daß es nicht so leicht ist, einen U2-Song so zu gestalten, daß die Neufassung nicht komplett überflüssig ist. NIN, Patti Smith und Jack White geben ihren Versionen eine gegenüber dem Original ganz andere Färbung, was zumal bei „Until The End Of The World“ eine gute Idee ist, den U2-silver train bekommt man da eh nicht hin. Die Nine Inch Nails-Version von „Zoo Station“ versetzt mich in Trance. Als das Q-Mag mit der Achtung Baby-Tribute-CD gerade erschienen war, erzählte uns eine Frau vor dem Peter Murphy-Konzert, sie hätte „Zoo Station“ gleich 6x nacheinander gehört, und wenn Murphy nicht gewesen wäre, wäre sie wahrscheinlich gar nicht mehr unterm Kopfhörer hervorgekommen. Und genauso geht es mir. Hypnotisch, subtil, reznorous.
[SPIEGEL ONLINE Forum 11/2011]
„Bono used reverse psychology in his email, saying he totally understood why we’d say no. We just thought, Why not? ‚So Cruel‘ is Bono at his best, words-wise.“ – Martin Gore
Dave Gahan Zeilen singen zu hören wie „I gave you everything you ever wanted / It wasn’t what you wanted“ – wen das nicht in die Knie zwingt, der hat einen Kopf aus Eisen.
What’s this?
Vorweihnacht

Fürchte, auch hier, etwas westlich von Ihnen, steigt jetzt die Temperatur, der Fieberkopf in spe übte schon mal wilde Träume, die in einem mindestens 10 Kafkakilometer großen Gebäude spielten, jeder Raum wie aus Meyrink-Golem-Prag-Architektur überführt, undurchdringliche Winkel und alles voller dunkler Geheimnisse.
Darf ich annehmen, dass Sie einen angenehmen Abend mit den Gallaghers verlebten?
Fast möchte man Manchester City-Fan werden. Wenn gewöhnlich übellaunige bad boy-Attitüde & Troublemaker-Arroganz sich sowas abringt wie „Best fucking crowd in Germany!“, fängt man plötzlich an, sich daran zu erinnern, daß wir ja Beatlesstadt sind. Am Anfang von „I’m Outta Time“ machte Liam eine Geste zu jemandem ganz vorne und nölte „I’m standing up here„, aber dann hat er sich mitten im Song diesen Zettel aus dem Publikum geschnappt und vermutlich „Love, Liam“ draufgeschrieben. Später ging er nochmal mit zwei Zetteln zu einem der Speaker, schrieb was Längeres drauf und gab sie ins Publikum zurück. DER Liam. Unfaßbar. Alles in allem one inferno of bliss. Und wenn ein Konzert so anfängt wie gestern mit Fuckin‘ In The Bushes, verstehe ich die Anfälle kreischender 60s-Girls.
Oasis – Fuckin‘ In The Bushes – 16.01.2009 Hamburg
Und nachdem du als erstes verstehst, daß Liams Stimme dir eine Art souveräne Verachtung schenken will für all das, was dich in die Knie zwingen will, nähert man sich langsam der unfaßbaren schieren Brillanz von Oasis-Songs. Und dann kommt der Punkt, wo du verstehst, daß sie „Dig Out Your Soul“ auch umkehren, diese Songs, deine Seele gräbt langsam ihre Schönheit aus, und mit der gehst du dann zu der mystischen Tür, und du öffnest sie, und das erste, was du siehst, ist ein psychedelisches Schlamassel, aber nein, da ist ein Muster, und es sagt dir, there is always some kind of out there. Keep the dream alive, sagen sie. Es wird immer unbegreiflicher, wo diese Teufelsbraten das hernehmen.
Da die Saturndamen gerade ihre Sternstunden feiern, bitte wünschen Sie Prinzessin II nachträglich oder rechtzeitig All Good Things.
Oh, und Liams Jacke gefiel mir. :)
Das war unser Platz da, auf der Noel-Seite.

Grandiose Stimmung in Hamburg traut uns ja nie jemand zu. Liam hat während des Konzerts Briefe geschrieben? Unfasslich. Haben Sie Liam Ihre Jacke geliehen? :) Ja, die Sternstunden fanden statt und dass mir keine Klagen mehr kommen, der Geburtstag sei zu dicht an Weihnachten, feiern wir in Berlin, wenn Herr Urlaub im Sommer die Wuhlheide rockt noch einmal.
Was ist es nur mit Oasis, ich weiß es trotz all Ihrer eigentlich mitreißenden Beschreibungen nicht. Aber so ist es eben, entweder du findest die Tür oder nicht.
Wer uns kriegt, kriegt uns ganz. Auch die Versöhnungen sind groß, Joe Strummer wurde hier ja als Clash-bei-CBS-Verräter von Hardcorepunks von der Bühne gezerrt, und als er dann mit den Mescaleros wiederkam, kurz vor seinem Tod, hatte er ein paar Tränen der Rührung wegzuwischen, soviel Verehrung und Zuneigung haute dann auch den Mann um, der hoffentlich, bevor er ging, noch verstand, daß er unser aller großer Bruder war.
Oasis bei „Wetten dass“. Steht also mal wieder Fremdschämen de luxe auf dem Zettel.
Welch zungenloser Geist der Sünde kroch herein durch meine Vorhänge? Vielleicht ist es das. Ich träume derzeit nur noch Träume, die ich keinem erzählen kann.
„Hier können wir nicht anhalten! Das ist Fledermausland!“
Solche Träume haben mich auch befallen – unerwartet und ganz neu. Hm. Meine Diplomarbeit handelt von Sekundärtraumatisierung. Wär mal interessant, Musiker nach Fernsehsendungen darauf zu testen.
Sah kürzlich den Clip von Oasis bei Raab, aber das schweige ich lieber tot.
Tot ist nun leider auch Lux Interior. Sad, sad, sad. Denke, er und Ivy haben nichts versäumt im Leben, aber irgendwie… die waren immer da, seit Anbeginn der Zeit, und langsam werden die Tode himmelschreiend. Praise the Lord, daß wir die Cramps 2 x live sehen durften. Es tut weh, wenn so eine Schlüsselfigur, so ein bedeutender Faktor in deinem Leben plötzlich nicht mehr da ist. In einem obskuren Recordshop in Kopenhagen haben B & me mal die erste Single der Cramps gefunden. Viele obskure Singles konnte man auf der Welt nicht mehr finden, weil Lux & Ivy sie alle hatten.
„Life is God, and God is blind“, sagte mal ein Liebhaber der 2 Tage von Ihnen entfernten Anna Achmatowa. Deren Biographie ich gerade lese. Frau auf Hohem Pferd sagt Ich + Du, lebt Wir unvorhersehbar ausgewählt. Das ist, nach allem, vielleicht auch verständlich.




Alle Fotos -1 CE

Night Beats, Hamburg, Aalhaus, 06.05.2024
Foto CE
Eisfee, Mantel aus Kristallen, „Versuch nur, zu entkommen“, sagte sie, ihr Lächeln schneidend wie Diamant. Ich folge dem Glanz ihrer Geschmeide, ich bin ihr geschmeidiges Gefolge. Hans Keller verehrt Siouxsie zwischen „The Scream“ und „Join Hands“ in Sounds: „… erotische Blässe, gekonnt ungeordnetes schwarzes Haar, ‚Shiny Boots Of Leather‘, Make-Up, stark konturiert geschminkte feuerrote Lippen (auf das Gesicht geklebt wie der Mund einer Comic-Heldin), Entschiedenheit, Bestimmtheit, Kühle, mitunter Kälte (…)“, und befindet: „Alles an ihrer Erscheinung drückt souveränes Für-sich-stehen aus.“
Souveränes Für-sich-stehen: das galt auch immer für die Band, mit ihrer dramatischen Vermengung von eroticism & mystery. Punk hieß vor allem, darauf zu bestehen, daß alle Wege offen sind, was Siouxsie & The Banshees seit Bromley Contingent-Tagen schon x-mal bewiesen haben, als im Mai 1984 „Dazzle“ erscheint, im Juni dann das Album „Hyaena“, über das HJ Günther in tip schrieb, dies sei Musik „von formal höchstem Organisationsgrad, die ihren besten Trumpf konsequent ausspielt: Die Raffinesse eines unnachahmlich komplexen Klangfarbenreichtums.“
The stars that shine and the stars that shrink: für „Dazzle“ engagieren Siouxsie & The Banshees die Chandos Players, eine 27köpfige Sektion des London Symphony Orchestra, das Streicher-Intro läßt uns Zeit und Raum durchqueren in einem wehmütigen Tagtraum, dann explodiert alles, a psychedelic wall of sound, manisch, majestätisch. Jemand bebilderte „Dazzle“ für ein Video mit Szenen aus Kubricks „2001 – A Space Odyssey“: Jupiter und dahinter die Unendlichkeit. Auch wenn du im Nebel durch die Trümmer gehst, immer sind über dir die Sterne, fern erhoffte Süße und verklärte Nacht. Budgies pounding drums, Robert Smiths Gitarre ein goldenes Ornament im Dunkel, ein Muster, das den ganzen Himmel ausfüllt, Siouxsie singt mit gewohnter Autorität und doch führt sie die Banshees in ein Reich, das ich Pop perfection nennen würde, wenn die Welt und ich unter „Pop“ dasselbe verstünden. Paul Mathur beschrieb im Melody Maker einmal nahezu als Daseinsform der Band: „to wrench beauty from the oddest of places“.
„Dazzle“ ist von grandioser, steinerweichender Schönheit.
„I’ve always been interested in things that hypnotise.“ (Siouxsie)

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Abandoned Barbies @Stilbruch Hamburg
Foto CE 04/2024