„aj_graveyards Feature: christi_erdmann“
29.07.2021
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„aj_graveyards Feature: christi_erdmann“
29.07.2021
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Peter Thomas! Für den will ich eine Lancet brechen. Der „Raumpatrouille“-Soundtrack beginnt so sexy, daß man gleich eine Party imaginiert mit „Girls“ in Minirock und Lederstiefeln, deren Körper sich zur ultra-avantgardistischen Musik winden. Die 25-DM-Kaufhausorgel, die man Ray-Manzarek-Gedächtnisorgel nennen müßte, wenn Peter Thomas nicht früher da gewesen wäre, swingt, wie nur Kaufhausorgeln das konnten. Gut, eigentlich beginnt der Soundtrack mit diesem durch den Vocoder geschickten Countdown „… sieben… sechs… fünnef…“ Hm. Und schon das zweite Stück ist so krank, daß die Girls kichern über den unmöglichen Blödi, der die Musik ausgesucht hat. Dann aber „Love In Space“, ein schwüles Saxophon, das in jeden David-Lynch-Film passen würde. Überhaupt glaube ich, daß Barry Adamson eine Menge Peter-Thomas-Platten im Schrank hat. Und es waren Pulp, jawohl die großartigen Pulp, die für „This Is Hardcore“ den Anfang von „Bolero On The Moon Rocks“ als Sample verwendeten. Dann ufert das Ganze natürlich vollends aus. Schrill, kreischend, Igor Strawinsky im Flitzi-Cola-Rausch. „Landing On The Moon“ macht klar, daß auch Unterhaltungscombos auf dem Mond denselben Schnappndappn spielen werden. Der Klassiker fürs Starlight Casino: „Pizzicato In Heaven“. Minimalistisch und cool. In „Outside Atmosphere“ gibt es ein Intermezzo, das aber GENAU so klingt, als ob dem Bordcomputer noch ein paar Gedanken ausgluckern, bevor er abschaltet, aber GENAU so. „Take Sex“ erinnert mehr an Urwald als an Weltall. Tarzan übt Scat-Gesang. Warum auch nicht. Die Mädels sind eh schon alle gegangen. „Jupiter’s Pop Music“ hat Peitschenknallen und diesen Kriminaltango-Twang irgendwo zwischen Edgar Wallace und Mackie Messer. Weiß der Himmel. Und dann habe ich noch irgendwo ein Stück, das Peter Thomas offenbar für eine lesbische Nummer in irgendeinem St. Pauli-Film beigesteuert hat, denn es heißt „Lesbische Nummer“. Stöhn. Ach ja. The Golden Rage of Grotesque.
[SPIEGEL ONLINE Forum, 13.10.2006]
„So verwundert es nicht, dass eines Tags Jarvis Cocker, Frontmann der englischen Formation Pulp, bei Thomas anrief und nach dessen Vater verlangte. Er wolle einen Teil der ‚Raumpatrouille‘- Musik für den Pulp-Titel ‚This Is Hardcore‘ verwenden und brauche dazu die Genehmigung des Komponisten. Als Thomas, der Jarvis Cocker erst für Joe Cocker hielt, entgegnete, er selbst sei der Gesuchte, reagierte der verblüffte Popstar mit den Worten: ‚Aber Sie müssen doch tot sein.'“
[aus: wittkowsky.net/Peter-Thomas-Filmmusik]

Mein erstes Semester als Student der Philosophie, ein Logik-Tutorium, bei dem die Tutorin uns „The Annotated Alice“ (In Wonderland / Through The Looking-Glass) empfahl, der Nachmittag, an dem ich „War“ von U2, „Burning From The Inside“ von Bauhaus und Alice nach Hause brachte. Zu „Burning From The Inside“ war ich einem elegant begeisterten Review der VOGUE gefolgt, „War“ wurde lebenswichtig, als ich „New Year’s Day“ im Radio hörte. Mit diesem Song stahlen sie mein Herz.
Dramatik von der ersten Sekunde an, und von der ersten Sekunde an hört man auch, was Brian Eno als my first of impression of U2, and my lasting impression of U2 bezeichnet: a band in the way that very few people are bands.
Vier Menschen, die zusammen etwas erschaffen, das größer ist als alles, was jeder von ihnen mit anderen Musikern oder Sängern erschaffen könnte. Vier Menschen mit einer Art von commitment, von Hingabe, die ihrer musikalischen Mission ihre Einzigartigkeit verleiht. Es ist der Glaube an einen spirit, der keine Unverbindlichkeit kennt und der ihren besten Songs eine Intensität beyond comparison verleiht. The Edge sagt während der Aufnahmen zu „The Unforgettable Fire“: „There’s something that works through us to create in this way.“ U2 machen es sich mit jedem Album aus vielen Gründen schwer, aber es scheint, als hätten sie immer alles verworfen, was die Präsenz des fünften Bandmitglieds vermissen ließ, jenes something that works through us.
Wahrhaftigkeit, Ernsthaftigkeit, Leidenschaft, Sehnsucht, Eindringlichkeit, Wehmut, Euphorie, schiere Energie. Darum geht es bei U2, um Erneuerung von Energie. Um House of Sinn versus mauvaise foi. Um den Energieschub in etwas Wahrhaftiges hinein.
Das Piano, drei Töne und es ist kalt, und vor uns liegt unendliche Weite. Was immer da wartet, „New Year’s Day“ begegnet ihm furchtlos. Der Song ist inspiriert von den Ereignissen in Polen zu Beginn der 80er, ohne spezifische Referenz indes (was ihn zeitlos macht), und er ist zugleich ein Liebeslied, einer von so vielen Songs im U2-Oeuvre, die verschiedene Bedeutungslinien ineinander verweben. Die Stille am Neujahrsmorgen, eine Welt in Weiß und ein Himmel in Blutrot, NOTHING CHANGES ON NEW YEAR’S DAY vs. I WILL BEGIN AGAIN. I WILL BE WITH YOU AGAIN.
„Eine unerhörte Anstrengung steht bevor: Auflehnung gegen die Macht der Bedingung. Gegen die Macht der Ohnmacht. Gegen die Hölle der Situation. Das nicht länger verleugnete Gefühl wartet auf die Tat. Mit Aufruhr das Meer geteilt, Bug der Schmerzen! Mit Liebe durchbrennen, was Haß auslöst. Aufstand gegen das Festsitzen. Von unter der Haut springen die Funken über.“ („Aljoscha der Idiot“, S. 217).
Bono: „It is about having the faith to break through and survive against all odds. Love is a very powerful thing. There’s nothing more radical than two people loving each other.“
„‚New Year’s Day‘ keeps building to impossible musical peaks, with Bono soaring right along with his heart fully exposed at every note.“ (Jim Beviglia, americansongwriter.com).
Building to impossible musical peaks: Edges Gitarre ist unreal, kommt von einem anderen Planeten. Adam Claytons ominös treibende Basslinie basiert auf seinem vergeblichen Versuch, „Fade To Grey“ von Visage zu spielen. Bonos Gesang: Hoffnung, die sich nicht unterdrücken läßt, der Wille zum Widerstand. Bei den Dreharbeiten zum Video sind die vier dann allerdings von den Szenen, bei denen sie knöcheltief im Schnee stehen, derart durchgefroren, daß die vermummten Gestalten, die Pferde durch die Schneelandschaft reiten, tatsächlich von vier schwedischen Mädchen dargestellt werden.
Schnee am Neujahrstag ist selten geworden, aber wenn ich diesen Song höre, ist da Schnee.
013
„PROJECT_NECROPOLIS presents christi_erdmann“
19.07.2021
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„Le sang d’un poète“ („The Blood of a Poet“), Jean Cocteau, 1932.
























Der Jüdische Friedhof Altona (auch, auf den sephadischen Teil des Friedhofs bezogen, Portugiesenfriedhof an der Königstraße), wurde 1611 angelegt. Er gilt aufgrund seines Alters und der großen Zahl erhaltener Grabsteine (rund 7600 von 8474, die man bei der Schließung des Friedhofs 1869 gezählt hatte) als eines der bedeutendsten jüdischen Gräberfelder der Welt.
Hier wurden Mitglieder der jüdischen Gemeinden aus Altona und Hamburg beerdigt: Sepharden ursprünglich spanisch-portugiesischer Herkunft und Aschkenasim, mittel- und osteuropäische Juden.


1611 erwarben portugiesische Juden aus Hamburg ein Stück Land von Graf Ernst III. von Holstein-Schauenburg und Sterneberg auf dem Altonaer Heuberg als Friedhof. Die Hochdeutsche Israeliten-Gemeinde zu Altona erwarb kurz darauf in unmittelbarer Nachbarschaft ihrerseits ein Begräbnisgelände. Beide Friedhöfe bilden heute den Jüdischen Friedhof Altona.
Zwischen 1668 und 1806 wurde der aschkenasische Friedhofsteil mehrfach erweitert, so daß er mehr und mehr mit dem Portugiesenfriedhof zusammenwuchs.


Bei der Schließung des Friedhofs im Jahre 1869 befanden sich auf dem Portugiesenfriedhof 1806 Grabmale, auf dem aschkenasischen Friedhof im Altonaer Teil 6000 und im Hamburger Teil 668.






Nur eine Person wurde pro Grab beigesetzt. Die sephardischen Grabmale sind liegende Platten oder zeltförmig. Auf den aufrecht stehenden aschkenasischen Grabsteinen sind oft ikonische Zeichen abgebildet, z.B. segnende Hände oder eine Hand mit einer Schreibfeder. Die Grabmale sind aus Marmor, Kalkstein oder Sandstein. Etwa 200 wurden 1939 zerschlagen für einen Sportplatz auf dem Friedhofsgelände. Zu weiteren Zerstörungen kam es durch Erschütterungen und umherfliegende Trümmerteile bei der Operation Gomorrha, Erschütterungen durch die unterirdisch verlaufende S-Bahn, Vandalismus und Diebstahl.


5 Minuten 20 Sekunden Höllenbrand, Rütteln am Grabstein der geistigen Gesundheit, die psychogene Fuge von „Lost Highway“ in nuce, ein so perfektes Stück, daß man wie Baudelaire „Oft trägt mich die Musik zu meinem bleichen Stern“ etc etc. Im Film bleibt davon naturgemäß nur ein Auszug, aber den Schnitt auf den Wüstenhighway in dem Moment, als Reznors Stück nicht mehr zu halten ist, finde ich ähnlich genial wie Kubricks berühmten Schnitt in „2001: A Space Odyssey“ oder David Leans berühmten Schnitt in „Lawrence of Arabia“.


012

Montag, 27.08.2012
1052 war Bratislava noch Preslawaspurch, umstritten ist, wem die Purch mit dieser Namenserwähnung zugeschrieben werden darf: Kandidaten sind Predslav, Sohn des Sventopluk, Fürst im Fürstentum Nitra des 9. Jahrhunderts, und ein slawischer Fürst namens Braslav. Nacht mit der „todten Schönen“, der Eisernen Jungfrau von Sacher-Masoch (in: „Heroine des Grauens – Elisabeth Bathory“). Schon kurz hinter Hamburg tritt der zweite Hunger die Tür ein, später informiert ein tschechischer Durchsager über die Existenz eines Spejsewagen. Tschechen sind wunderbar rücksichtsvolle Menschen. Als drei Schwedinnen im Zug zu singen beginnen, legt die tschechische Ticket-Controlleuse einen erstaunten Blick an den Tag und dann einen Finger an den Mund. Das Leise als natürliche Tugend. In Prag steigt eine junge Frau ein, die einen vermutlich gerade bei einem Prager Spezialisten operierten Hund zurück nach Bratislava bringt. Beiden gegenüber sitzt ein Mann, der, am Schicksal des Hundes interessiert, die Frau anspricht, die dann während der ganzen Unterhaltung unbeirrt nur flüstert, um den bedröselten Hund nicht aufzuregen. Wir kommen plangemäß an Zohor vorbei und denken plangemäß an Ray, während die rote Sonne draußen einen 30°-Abend anstimmt. Bratislava. Der Bahnhof ist viel kleiner. Wir schließen daraus, daß alles viel kleiner ist, und beschließen, nicht die Tram zu nehmen. Instinkt und der erste Slowake weisen den Weg durch die im Dunkel unwirkliche Stefanikova, überall abblätternder Putz, seltsame Figuren über fast parisischen Türen. Kein Problem, die Panenská zu finden. Vergänglichkeitsstraße. Die junge Dame im „Virgo Hotel Prihradny“ führt uns über einen Außenkorridor, der in der Dunkelheit an Lynch / Lost Highway erinnert, zur Tür mit dem býk (Taurus) – das Prihradny ordnet Zimmer nach Sternzeichen.
Der Kronleuchter im Taurus Room ist der Traum eines Absinth-Trinkers.

Night Walk durch die phantastische Altstadt. Es gibt zwei prominente Plätze in Bratislava, den Hlavné námestie (Hauptplatz) und den Hviezdoslavovo námestie, eigentlich eine lange, großzügige Promenade. Hviezdoslav war ein slowakischer Dichter. Man findet unter den Bäumen aber auch die Statue eines Schriftstellers, den man nicht unbedingt sofort mit Bratislava in Verbindung bringen würde: Hans Christian Andersen. Tatsächlich hat Andersen 1841 das damalige Pressburg besucht. Er war von der Stadt bezaubert, und man fragte ihn, ob er darüber schreiben würde. Die Antwort des Märchenpoeten war, das sei nicht nötig, schließlich sei die Stadt selbst ein Märchen. Bei Nacht wirkt die Altstadt mit ihren verwunschenen Gassen immer noch märchenhaft, geheimnisvoll und völlig aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig sind die Lokalitäten bis unters Himmelsdach voll, aber das Nachtleben wirkt entspannt, unaufgeregt, miles away von hiesigem Gelärme, als würden all die Häuser, Paläste und Kirchen hier die aufgesaugte Erinnerung an die Tradition toleranten Miteinanders in dieser Stadt, die durch ihre Lage prädestiniert war zum Kreuzpunkt verschiedener Kulturen, wieder ausstrahlen. Auf dem Hauptplatz stehen ein alter Bus mit Projektor und eine Leinwand: Open Air-Kino, umsonst. Zwischen Trinitarierkirche und Donau: Oh Moon of Bratislava. Grille zirpt.
Kathedrale St. Martin

Kapitulská

Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert führten die ersten Schritte nach der Krönungszeremonie im Martinsdom die Habsburger Könige und Königinnen über die cobblestones der Kapitulská. Die meisten Häuser haben heute bröckelnde Fassaden, einige stehen leer. Angehörige von Klerus und Kollegien können hier gegenüber Spaziergängern die Überzahl bilden.

Dienstag, 28.08.2012
Früher Morgen in der Panenská.

Die Burg, eine Pestsäule aus dem Jahr 1723, und die (1717) dem heiligen Stephan von Ungarn geweihte Kapuzinerkirche. Die Kapuziner kamen 1676 in die Stadt.

In der Farska, rechts die Klarissenkirche im gotischen Stil. Die Klarissinnen waren seit 1297 in Bratislava und durften Anfang des 14. Jahrhunderts mit Unterstützung des Königs am Ort eines zerstörten Zisterzienserklosters eine Kirche und ein Kloster errichten.

Eine Legende behauptet, daß der gotische Turm von einem Ritter namens Christian aus Liebe zu einer Nonne mit Namen Matilda errichtet wurde; die ranghöchste Klarissin versprach Christian das Mädchen, hielt ihr Versprechen aber nicht.
Der angeschlossene Konvent war nach Auflösung des Ordens eine Oberschule, zu deren Schülern auch der junge Béla Bartók zählte, der seit 1893 in Bratislava Musik- und Kompositionsunterricht erhielt.

Die Kapitulská (früher Pfafengasse, Kirchgasse, Capitelgasse) am noch immer frühen Morgen.

Rudnayovo-Platz, beim Dom.

Bus 29 bringt in weniger als einer halben Stunde zu den Ruinen von Hrad Devin. Aufgrund ihrer Lage, in 212 Meter Höhe auf dem Felsmassiv über dem Zusammenlauf von Donau und March, war die Burg Devin zu allen Zeiten eine strategisch wichtige Befestigung; im Großmährischen Reich wird sie zur Fürstenburg. [Das als Großmährisches Reich bezeichnete Staatsgebilde entstand, als Mojmir I., Fürst von Mähren, 833 das Fürstentum Nitra eroberte].


Die Stätte war seit dem Neolithikum besiedelt und seit der Bronzezeit befestigt. Die Kelten siedelten hier, Germanen, in den ersten Jahrhunderten nach Christus errichteten die Römer hier eine der Grenzstationen des Limes Romanus. 1975 entdeckte man bei Ausgrabungen ein christliches Heiligtum aus dem 4. Jahrhundert, einer Zeit, in der es unter römischen Legionären bereits eine beträchtliche Zahl von Christen gab. 864 wird die Burg vermutlich zum ersten Mal schriftlich erwähnt, wenn die Fuldaer Annalen berichten, daß Ludwig der Deutsche 855 mit einem Heer die Festung des Großmährischen Fürsten Rastislav belagerte, die Burg Dowina. Nach Ende des Großmährischen Reiches wurde die Slowakei ein Teil des Königreichs Ungarn; Devin galt als das westliche Tor des Königreichs. Anfang des 13. Jahrhunderts begann Devin als frühmittelalterliche Burg jene Formen anzunehmen, deren Ruinen heute zu sehen sind. Ab dem 15. Jahrhundert regierten verschiedene ungarische Adelsgeschlechter auf der Burg, seit König Sigismund die Burg seinem Palatin Nicolaus Gara übergab. 1809 wurde die Festung durch Napoleonische Truppen gesprengt.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde die Burg zum wichtigen nationalen Symbol für die Slowaken, die in der Burg ihre Identität als eine der slawischen Nationen, die aus dem Großmährischen Reich hervorgingen, repräsentiert sehen.

Die Burg inspirierte romantische Poeten, Canaletto (der Mittlere) hat sie gemalt, und der schlanke Turm, der auf einem Felsen balanciert, heißt Jungfrauenturm.

Ein Ritter namens Nikolaus, so geht die Sage, hatte aus Kärnten eine Jungfrau namens Margarete entführt und nach Devin gebracht; das Mädchen wehrte sich nicht sehr, denn der junge Ritter gefiel ihr, und seine Burg auch. Bevor es zur Hochzeit kam, erschien Margaretes Onkel Raphael, der Abt von Isenburg, auf der Burg. Seine Knappen ergriffen die junge Frau, setzten sie auf ein Pferd und sprengten im Galopp nach Kärnten. Nikolaus holte sie jedoch ein und brachte seine Auserwählte nach einem Kampf zurück. Während der Hochzeitsvorbereitungen klirrten im Burghof erneut die Waffen: Raphael drang in die Burg ein, die Kärntner waren in der Übermacht und zwangen Nikolaus zum Rückzug in den kleinen Turm auf dem Felsvorsprung. Nikolaus fiel schließlich im ungleichen Kampf. Seine junge Braut sprang aus Trauer in die Donau, der Fluß verschlang die Jungfrau Margarete an ihrem Hochzeitstag.



Wir trinken das Wasser der Herren von Gara (Garai), gießen Wasser in einen Brunnen (es dauert fünf Sekunden, bis 55 Meter tief ein Platschen zu hören ist), und lernen, daß Kaiser Ferdinand I. 1527 die Burg an Stephan Bathory gibt, dessen Familie sie bis 1605 besitzen wird.

Auf dem Areal leben Eidechsen, Gottesanbeterinnen, Falken und Schlangen.


Es gibt auch eine kleine Ausstellung zur Burghistorie, neben Hellebarden, Schwertern und Kanonenkugeln auch eine Lafette (gun-carriage) schottischer Herkunft, die man, wie die freundliche Dame, die über die Exposition wacht, unserem Interesse beispringt, in der Donau gefunden hat.

Madame inspiziert das Waffenlager.

Plötzlich im Gebüsch: smiles like a reptile

Rowr

Wieder in der Stadt: Martinsdom. Die Kathedrale ist dem heiligen Martin von Tours geweiht, der um 316 im heutigen Ungarn geboren wurde. Nach der hagiographischen Überlieferung traf Martin, seit 334 als Soldat der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Amiens stationiert, an einem kalten Wintertag am Stadttor auf einen unbekleideten Bettler; Martin teilte seinen Mantel mit dem Schwert und gab die eine Hälfte des Mantels dem Armen. Die Szene nochmal in Zeitlupe [Reiterstatue im Dom]:

In der Schatzkammer erfährt man von einer wunderlichen That, die sich zu Pressburg zugetragen; aus geschwornen Zeugknussen geht hervor, daß der Geist eines gewissen Hans Clement Zwespenbauer 1641 / 1642 der Jungfrau Regina erschien, so lange, bis er auf ihre Fürbitte aus dem Fegefeuer erlöst wurde, was ihr ein Engel zu wissen gab. Die geschrockene Regina ist leider nicht zu sehen, dafür ein eingebranntes Handzeichen, das der Geist als Nachweis seiner Existenz dankenswerterweise hinterließ. Vor allem beherbergt die Schatzkammer zahlreiche Objekte aus der langen Geschichte des Doms als Krönungstätte der Habsburger Regenten, die hier zu Königen und Königinnen von Ungarn gekrönt wurden, u.a. Rudolf II., Matthias und Maria Theresia. 1563 war der spätere Kaiser Maximilian II. der erste ungarische König, der im Martinsdom gekrönt wurde; die Kathedrale trat damit an die Stelle der königlichen Basilika in Székesfehérvár, das dem Osmanischen Reich in die Hände gefallen war.
Eine Gedächtnistafel in der Kathedrale erinnert an Beethoven, der im Herbst 1796 Bratislava zum ersten Mal besuchte und später hier seine Missa Solemnis vorstellte. Mozarts Witwe Constanze heiratete den Schriftsteller Georg Nikolaus Nissen im Juni 1809 im Dom zu Preßburg. Stanzerl sah damals allerdings noch einen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert barockisierten Innenraum. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wurden die barocken Elemente weitgehend entfernt und das Gebäude in den ursprünglichen Zustand im gotischen Stil zurückversetzt.
Die schöne Apollonia

Nahe der Martinsstatue ist der Kirchenboden aufgelassen und man schaut hinab auf einen Schädel. Was daran erinnert, daß die Kathedrale ab dem späten 13. Jahrhundert an der Stelle einer früheren romanischen Kirche und über einem sehr alten Friedhof entstanden ist. Unterhalb der Kirche existieren Katakomben von unbekannter Länge. Teile der Krypta, in der die Särge hochrangiger Persönlichkeiten und kirchlicher Würdenträger eingemauert sind (die letzte Bestattung wurde 1895 vollzogen), kann man betreten. Es ist kalt hier.


Den ganzen Nachmittag durchstreifen wir die Gassen der Altstadt, begegnen all den kuriosen Statuen von Bratislava, dem Schönen Náci, der, ganz Stadtoriginal, beschwingt mit dem Zylinder winkt, oder dem aus einem Kanalschacht spähenden Gaffer. 32° in der Sonne um 17 Uhr.


Das Michaelertor (Michalská brána) mit seinem 51 Meter hohen Turm ist das letzte erhaltene von ehemals vier Toren der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die im 18. Jahrhundert auf Anordnung Maria Theresias größtenteils abgerissen wurde. Der Weg der gekrönten Monarchen führte aus dem Martinsdom auch durch das Michaelertor, wo der neu gekrönte König vor dem Erzbischof einen Treueschwur ablegte. Die Geschichte des Michaelertors reicht bis ins späte 13. Jahrhundert zurück, seine barocke Form erhielt der Turm in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die Wächter der Franziskanerkirche.

Im Eingang der Franziskanerkirche sitzt ein Franziskanermönch, barfuß und hardcore auf dem kalten Boden, in Erwartung eines kleinen Obolus. Als wir die Kirche wieder verlassen, steht er lässig an der Tür wie der Bruder von Tomas Milian in irgendeinem Italowestern und betrachtet das Treiben vor dem gegenüberliegenden Mirbach-Palais. Dazwischen liegt Reparatus. Soll im 4. Jahrhundert gelebt haben und aus Nola bei Neapel stammen. Starb als Märtyrer 353 und kam 1769 aus Rom nach Bratislava.


Die Franziskanerkirche ist das älteste sakrale Gebäude in Bratislava. Sie wurde ab 1280 an das 1278 errichtete Franziskanerkloster angebaut, angeblich ließ der ungarische König Ladislaus IV. (der Kumane) sie zu Ehren seines Sieges über Przemysl Ottokar II. von Böhmen auf dem Marchfeld bauen. 1297 wurde sie in Anwesenheit des letzten Arpaden-Königs Andreas III. geweiht, als einschiffige Kirche im gotischen Stil. 1590 brachte ein Erdbeben das gotische Kreuzgewölbe zum Einsturz, Anfang des 16. Jahrhunderts wurde es durch ein neues Kufengewölbe ersetzt. Die Seitenwände des Kirchenschiffes und das Presbyterium blieben erhalten und sind heute die ältesten Teile der Kirche. Hauptaltar und Seitenaltäre stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Rokoko-Kanzel ist von 1756.
1526 wurde der spätere Kaiser Ferdinand I. in der Franziskanerkirche zum König von Ungarn gewählt. Fortan wurden, als Bestandteil von Krönungszeremonien, Ungarische Adelige in der Franziskanerkirche zu Rittern des Goldenen Sporn geschlagen.

Eine Johannes dem Täufer geweihte gotische Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, die der Sainte-Chapelle in Paris nachempfunden ist: Where angels don’t fear to tread.

Abendmahl, dann der Burgberg. Ein Rest der alten Stadtbefestigung, der beim Martinsdom noch zu sehen ist:

Auf der anderen Seite der Straße: das Haus zum Guten Hirten (1760-1765).


Hinter dem schönen Rokokohaus beginnt der Aufstieg zur Burg.

Der Burgberg ist ein Ausläufer der Kleinen Karpaten, und die Burg, das Wahrzeichen Bratislavas, liegt auf einem Felsen 85 Meter über dem linken Ufer der Donau an einer alten Kreuzung europäischer Handelswege. Der Berg ist seit der Steinzeit besiedelt; wie auf Devin errichteten auch hier Kelten, Germanen und Römer Befestigungen. Gegen Ende der Völkerwanderung erreichten Slawen das Gebiet, und zur Zeit des Großmährischen Reiches im späten 9. Jahrhundert entstand eine wichtige Befestigung. 907 wird die Burg in den Salzburger Annalen erwähnt. Wie Devin wurde die Burg nach dem Fall des Großmährischen Reiches Teil des Königreichs Ungarn.
Im 11. und 12. Jahrhundert entstand hier ein vorromanischer mittelalterlicher Steinpalast. Seit der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde die Burg zum Sitz der neu entstandenen Gespanschaft Pressburg. Im 13. Jahrhundert wurde eine romanische arpadische Burg errichtet, die bis 1427 Bestand hatte. Zu dieser Befestigungsanlage gehörte ein romanischer Wohnturm auf der Südwestseite; als einziger Bauteil der Anlage ist er bis heute erhalten geblieben.
Am Ende des 13. Jahrhunderts fiel die Burg zweimal: 1273 wurde sie von Truppen des böhmischen Königs Przemysl Ottokar und 1287 vom österreichischen Herzog Albrecht erobert. Ihren heutigen vierflügligen Grundriss bekam die Burg im 15. Jahrhundert, als Sigismund von Luxemburg einen gotischen Umbau anordnete. Nach der Schlacht bei Mohács im Jahr 1526, als die Türken die ungarische Armee schlugen und später die bisherige Hauptstadt Buda besetzten, wurde die Burg zum Sitz des Habsburgers Ferdinand I.
Während der Umbauarbeiten im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Burg mehrmals befestigt: 1552–1562 wurde die Burg im Renaissancestil umgebaut. Alle Flügel wurden im Bezug auf die Höhe vereinheitlicht und ein weiterer Turm errichtet. Seit 1608 beherbergte der Südwestturm die ungarischen Kronjuwelen; seither wird er auch als Kronturm bezeichnet. 1635 bewilligte der ungarische Landtag bauliche Veränderungen an der Burg. Palatin Graf Paul Pálffy beauftragte den Architekten Giovanni Alberti, die Aufsicht hatte der kaiserliche Hof-Baumeister Giovanni Battista Carlone. Die ganze Burganlage wurde um einen Stock erhöht und es wurden weitere zwei Türme erbaut, womit die Burg ihr heutiges viertürmiges Aussehen bekam.
Die letzten größten Umbauarbeiten erfolgten während der Regierungszeit von Maria Theresia. Diese barocke, heute als theresianisch bezeichnete Burg wurde 1755–1765 umgebaut; auf der Südseite wurde der sogenannte Ehrenhof erstellt. Auf der Westseite entstanden ein Geschäftshof und ein Pferdestall, auf der Ostseite wurde ein als Theresianum bezeichnetes Rokokopalais gebaut; es war Sitz des Statthalters.
Nachdem der Statthalter die Burg im Jahr 1780 verlassen hatte und die Kronjuwelen nach Wien verbracht worden waren, verlor die Burg während der Regierung von Joseph II. ihre Bedeutung. Bis 1802 stand die Burg im Eigentum der Kirche. Seit 1802 wurde die Burg als Kaserne benutzt.
Am 28. Mai 1811 brach ein verheerendes, drei Tage dauerndes Feuer aus, vermutlich durch Achtlosigkeit der Truppen verursacht. In den folgenden 150 Jahren erhoben sich nur die Burgruinen über der Stadt. Teile, die nicht dem Feuer zum Opfer gefallen waren, wurden weiterhin als Kasernen und Gefängnis benutzt. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurden mehrere Vorschläge zum Wiederaufbau unterbreitet, aber nicht durchgeführt. Die Burg wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg von 1953 bis 1968 renoviert. Am 3. September 1992 unterzeichnete man im damaligen Rittersaal (heute Saal der Verfassung) die slowakische Verfassung, vier Monate vor der Unabhängigkeit der Slowakei. Von 1993 bis 1996 diente die Burg als Sitz des slowakischen Präsidenten, bevor der Sitz in das renovierte Palais Grassalkovich verlegt wurde.
Seit 2008 wurde die Burg erneut renoviert und erscheint seitdem in strahlendem Weiß.








Brilliant Trees, Louise Brooks, eine Band auf dem Rudnayovo-Platz spielt „Purple Rain“.

