Auf dem „Achtung Baby“ Tribute schießt Jack White natürlich den großen schwarzen Vogel ab.
Die A-Klasse erweist sich als die A-Klasse: Nine Inch Nails, Depeche Mode, Jack White, Garbage. Bei den anderen merkt man schon, daß es nicht so leicht ist, einen U2-Song so zu gestalten, daß die Neufassung nicht komplett überflüssig ist. NIN, Patti Smith und Jack White geben ihren Versionen eine gegenüber dem Original ganz andere Färbung, was zumal bei „Until The End Of The World“ eine gute Idee ist, den U2-silver train bekommt man da eh nicht hin. Die Nine Inch Nails-Version von „Zoo Station“ versetzt mich in Trance. Als das Q-Mag mit der Achtung Baby-Tribute-CD gerade erschienen war, erzählte uns eine Frau vor dem Peter Murphy-Konzert, sie hätte „Zoo Station“ gleich 6x nacheinander gehört, und wenn Murphy nicht gewesen wäre, wäre sie wahrscheinlich gar nicht mehr unterm Kopfhörer hervorgekommen. Und genauso geht es mir. Hypnotisch, subtil, reznorous.
[SPIEGEL ONLINE Forum 11/2011]
„Bono used reverse psychology in his email, saying he totally understood why we’d say no. We just thought, Why not? ‚So Cruel‘ is Bono at his best, words-wise.“ – Martin Gore
Dave Gahan Zeilen singen zu hören wie „I gave you everything you ever wanted / It wasn’t what you wanted“ – wen das nicht in die Knie zwingt, der hat einen Kopf aus Eisen.
Fürchte, auch hier, etwas westlich von Ihnen, steigt jetzt die Temperatur, der Fieberkopf in spe übte schon mal wilde Träume, die in einem mindestens 10 Kafkakilometer großen Gebäude spielten, jeder Raum wie aus Meyrink-Golem-Prag-Architektur überführt, undurchdringliche Winkel und alles voller dunkler Geheimnisse.
Darf ich annehmen, dass Sie einen angenehmen Abend mit den Gallaghers verlebten?
Fast möchte man Manchester City-Fan werden. Wenn gewöhnlich übellaunige bad boy-Attitüde & Troublemaker-Arroganz sich sowas abringt wie „Best fucking crowd in Germany!“, fängt man plötzlich an, sich daran zu erinnern, daß wir ja Beatlesstadt sind. Am Anfang von „I’m Outta Time“ machte Liam eine Geste zu jemandem ganz vorne und nölte „I’m standing up here„, aber dann hat er sich mitten im Song diesen Zettel aus dem Publikum geschnappt und vermutlich „Love, Liam“ draufgeschrieben. Später ging er nochmal mit zwei Zetteln zu einem der Speaker, schrieb was Längeres drauf und gab sie ins Publikum zurück. DER Liam. Unfaßbar. Alles in allem one inferno of bliss. Und wenn ein Konzert so anfängt wie gestern mit Fuckin‘ In The Bushes, verstehe ich die Anfälle kreischender 60s-Girls.
Und nachdem du als erstes verstehst, daß Liams Stimme dir eine Art souveräne Verachtung schenken will für all das, was dich in die Knie zwingen will, nähert man sich langsam der unfaßbaren schieren Brillanz von Oasis-Songs. Und dann kommt der Punkt, wo du verstehst, daß sie „Dig Out Your Soul“ auch umkehren, diese Songs, deine Seele gräbt langsam ihre Schönheit aus, und mit der gehst du dann zu der mystischen Tür, und du öffnest sie, und das erste, was du siehst, ist ein psychedelisches Schlamassel, aber nein, da ist ein Muster, und es sagt dir, there is always some kind of out there. Keep the dream alive, sagen sie. Es wird immer unbegreiflicher, wo diese Teufelsbraten das hernehmen.
Da die Saturndamen gerade ihre Sternstunden feiern, bitte wünschen Sie Prinzessin II nachträglich oder rechtzeitig All Good Things.
Oh, und Liams Jacke gefiel mir. :)
Das war unser Platz da, auf der Noel-Seite.
Liam hat während des Konzerts Briefe geschrieben? Unfasslich. Haben Sie Liam Ihre Jacke geliehen? :) Ja, die Sternstunden fanden statt und dass mir keine Klagen mehr kommen, der Geburtstag sei zu dicht an Weihnachten, feiern wir in Berlin, wenn Herr Urlaub im Sommer die Wuhlheide rockt noch einmal.
Was ist es nur mit Oasis, ich weiß es trotz all Ihrer eigentlich mitreißenden Beschreibungen nicht. Aber so ist es eben, entweder du findest die Tür oder nicht.
Wer uns kriegt, kriegt uns ganz. Auch die Versöhnungen sind groß, Joe Strummer wurde hier ja als Clash-bei-CBS-Verräter von Hardcorepunks von der Bühne gezerrt, und als er dann mit den Mescaleros wiederkam, kurz vor seinem Tod, hatte er ein paar Tränen der Rührung wegzuwischen, soviel Verehrung und Zuneigung haute dann auch den Mann um, der hoffentlich, bevor er ging, noch verstand, daß er unser aller großer Bruder war.
Oasis bei „Wetten dass“. Steht also mal wieder Fremdschämen de luxe auf dem Zettel.
Welch zungenloser Geist der Sünde kroch herein durch meine Vorhänge? Vielleicht ist es das. Ich träume derzeit nur noch Träume, die ich keinem erzählen kann.
„Hier können wir nicht anhalten! Das ist Fledermausland!“
Solche Träume haben mich auch befallen – unerwartet und ganz neu. Hm. Meine Diplomarbeit handelt von Sekundärtraumatisierung. Wär mal interessant, Musiker nach Fernsehsendungen darauf zu testen.
Sah kürzlich den Clip von Oasis bei Raab, aber das schweige ich lieber tot.
Tot ist nun leider auch Lux Interior. Sad, sad, sad. Denke, er und Ivy haben nichts versäumt im Leben, aber irgendwie… die waren immer da, seit Anbeginn der Zeit, und langsam werden die Tode himmelschreiend. Praise the Lord, daß wir die Cramps 2 x live sehen durften. Es tut weh, wenn so eine Schlüsselfigur, so ein bedeutender Faktor in deinem Leben plötzlich nicht mehr da ist. In einem obskuren Recordshop in Kopenhagen haben B & me mal die erste Single der Cramps gefunden. Viele obskure Singles konnte man auf der Welt nicht mehr finden, weil Lux & Ivy sie alle hatten.
„Life is God, and God is blind“, sagte mal ein Liebhaber der 2 Tage von Ihnen entfernten Anna Achmatowa. Deren Biographie ich gerade lese. Frau auf Hohem Pferd sagt Ich + Du, lebt Wir unvorhersehbar ausgewählt. Das ist, nach allem, vielleicht auch verständlich.
Eisfee, Mantel aus Kristallen, „Versuch nur, zu entkommen“, sagte sie, ihr Lächeln schneidend wie Diamant. Ich folge dem Glanz ihrer Geschmeide, ich bin ihr geschmeidiges Gefolge. Hans Keller verehrt Siouxsie zwischen „The Scream“ und „Join Hands“ in Sounds: „… erotische Blässe, gekonnt ungeordnetes schwarzes Haar, ‚Shiny Boots Of Leather‘, Make-Up, stark konturiert geschminkte feuerrote Lippen (auf das Gesicht geklebt wie der Mund einer Comic-Heldin), Entschiedenheit, Bestimmtheit, Kühle, mitunter Kälte (…)“, und befindet: „Alles an ihrer Erscheinung drückt souveränes Für-sich-stehen aus.“
Souveränes Für-sich-stehen: das galt auch immer für die Band, mit ihrer dramatischen Vermengung von eroticism & mystery. Punk hieß vor allem, darauf zu bestehen, daß alle Wege offen sind, was Siouxsie & The Banshees seit Bromley Contingent-Tagen schon x-mal bewiesen haben, als im Mai 1984 „Dazzle“ erscheint, im Juni dann das Album „Hyaena“, über das HJ Günther in tip schrieb, dies sei Musik „von formal höchstem Organisationsgrad, die ihren besten Trumpf konsequent ausspielt: Die Raffinesse eines unnachahmlich komplexen Klangfarbenreichtums.“
The stars that shine and the stars that shrink: für „Dazzle“ engagieren Siouxsie & The Banshees die Chandos Players, eine 27köpfige Sektion des London Symphony Orchestra, das Streicher-Intro läßt uns Zeit und Raum durchqueren in einem wehmütigen Tagtraum, dann explodiert alles, a psychedelic wall of sound, manisch, majestätisch. Jemand bebilderte „Dazzle“ für ein Video mit Szenen aus Kubricks „2001 – A Space Odyssey“: Jupiter und dahinter die Unendlichkeit. Auch wenn du im Nebel durch die Trümmer gehst, immer sind über dir die Sterne, fern erhoffte Süße und verklärte Nacht. Budgies pounding drums, Robert Smiths Gitarre ein goldenes Ornament im Dunkel, ein Muster, das den ganzen Himmel ausfüllt, Siouxsie singt mit gewohnter Autorität und doch führt sie die Banshees in ein Reich, das ich Pop perfection nennen würde, wenn die Welt und ich unter „Pop“ dasselbe verstünden. Paul Mathur beschrieb im Melody Maker einmal nahezu als Daseinsform der Band: „to wrench beauty from the oddest of places“.
„Dazzle“ ist von grandioser, steinerweichender Schönheit.
„I’ve always been interested in things that hypnotise.“ (Siouxsie)
„When people talk about how good other guitarists are, they are talking about how they play within the accepted structures of contemporary guitar playing, which Pagey plays miles outside of. He plays from somewhere else. I like to think of it as… a little left of heaven.“ — Robert Plant
SPIEGEL ONLINE Forum „Led Zeppelin – vielversprechendes Comeback?“
13.09.2007
Christian Erdmann [Aljoscha der Idiot]:
LEIHT MIR MAL JEMAND 183 EURO?
Crot:
Mir bitte auch? Die Seite ist aber eh am Zusammenbrechen, wie’s scheint.
14.09.2007
dr_klaus_martin_schulte:
… wer hingegen brillante Musiker erwartet, die angesichts ihres Alters noch einmal das Beste geben wollen, für den sehe ich gute Chancen – viele der Auftritte von Page und Plant in den 90ern haben gezeigt, dass sie eine solche Angelegenheit ernst nehmen und sicherlich viel proben werden, um sich angesichts ihres legendären Rufs nicht zu blamieren. Ich jedenfalls bin zuversichtlich und würde den hohen Preis sofort zahlen.
Christian Erdmann:
Zumal sie sogar zu verhindern wußten, daß ihr 1985 spektakulär verunglückter Live Aid-Auftritt auf der DVD erschien. Wenn sie jetzt nicht 100% sicher wären, daß sie ihren Mythos musikalisch im Griff haben, würden sie es nicht machen.
IsArenas:
War er denn verunglückt? Meines Wissens war das vor allem Plants und Pages eigenes Urteil.
Christian Erdmann:
Und welchem sollte man sonst trauen? Schließlich sind Plant und Page bei allem, was sie entfesselt haben, immer Perfektionisten gewesen.
Der Auftritt überragt vieles andere, was an dem Tag zu hören war, schon deshalb, weil er stattfand. An Led Zeppelin-Maßstäben gemessen aber war er schlecht. Das Beste ist eigentlich der Moment, in dem das JFK-Stadion explodiert, weil Mister Robert Plant, Mister Jimmy Page, Mister John Paul Jones angekündigt werden.
Keine Proben, die Gitarren verstimmt, Plant nicht wirklich auf der Höhe und Page neben der Spur, im Zentrum des Problems aber saß Phil Collins. Genaugenommen ist der eigentlich immer ein Problem: Langeweile ist konterrevolutionär.
Crot:
Außerdem zeigt Jason einen ähnlichen Stil wie sein Vater und wird auch emotional der Band sehr nahe stehen und auch von daher sicher gut mit ihr harmonieren.
Christian Erdmann:
Sieht so aus, als wäre Jason ein wichtiger Faktor gewesen; von jimmypageonline.com:
Concert promoter Harvey Goldsmith said that he had originally asked Page, Plant and Jones to consider reuniting to play a 30-minute set as part of a gala concert. After several weeks of discussions the band finally assembled in a rehearsal studio on the outskirts of London in June to see if they could still play together. After a week of rehearsals, Zeppelin announced to Goldsmith that they would be willing and able to perform a full two-hour set. „Jason Bonham became part of the catalyst, and they did a week’s rehearsal,“ said Goldsmith. „We had a meeting and Robert turned around and said we’re not going to do 30 minutes, we’re going to do a whole set.“ Goldsmith added „They’re going to play all the great songs that everybody wants to hear. They are the last great rock gods that remain to be seen.“
16.09.2007
Celestine:
Ich war ein Led Zeppelin-Fan, aber der Preis ist einfach exorbitant…
Christian Erdmann:
Der Preis ist exorbitant, eigentlich lachhaft – aber das ist es ja gerade: ich würde das Geld investieren. Allein, derzeit ist die Ticketnachfrage so groß, daß Led Zeppelin das Wembley-Stadion 57 Wochen lang jeden Abend ausverkaufen würden. Die Welt will, daß die Olympgötter noch unter uns sind.
Zu den Spezies auf diesem Planeten, die ich nicht für überbezahlt halte, zählen Künstler – Künstler dieses Schlages erst recht.
Man kann ja vieles mit Led Zeppelin-Platten machen… eine Sache ist, einfach nur auf das zu achten, was Jimmy Page da treibt. Hypnotisches Riff 1, hypnotisches Riff 2, dann produziert er ein paar zuvor ungehörte Effekte, dann legt er Schicht über Schicht, Kaskaden von Klängen, dann wechselt er das Tuning, dann wechselt er die Tapete, dann kehrt er das Echo um, dann führt er dich in den Saal, wo die Prinzessin ruht, dann kommt brillantes Solo 1, dann gibt er kurz Aleister Crowley die Hand, dann mischt er Riff und Solo und den Teufel, dann noch eine Gitarre für brillantes Solo 2, dann noch eine Gitarre für eine Passage, deren Schönheit man gerade noch begreift, dann noch eine Gitarre für eine Passage, deren Schönheit unbegreiflich ist, zu diesem Zeitpunkt hat er bereits acht Arme und zwei Köpfe, und jedes einzelne Riff und jedes einzelne Solo ist magisch, und er ist dabei nie, entschuldigen Sie, ein Wichser; alles ist glitzernde, leuchtende Textur, unglaublich und goldrichtig, Soundgewebe so full of longing, und so sexy, daß du… und das war nur der erste Song.
Bei „No Quarter“, diesem ziemlich unheimlichen Song, bestimmt ja eigentlich John Paul Jones erstmal die Atmosphäre, aber nach 4 Minuten erschaffen die Gitarren von Page drei verschiedene Ebenen, eine davon klingt wie der langgezogene Schrei eines prähistorischen Riesenvogels. Ein 3-bändiges Tolkien-Werk in diesem Klang, wenn Sie mich fragen.
Was Page für die Musikgeschichte geleistet hat, ist noch nichtmal ansatzweise gewürdigt.
Das einzige, was mich beunruhigt, ist die Frage, ob die Architekten der O2-Arena bedacht haben, daß einmal der Moment kommen wird, in dem Jimmy Page da drin die ersten Töne von „Stairway To Heaven“ spielt.
Celestine:
Hallo Aljoscha, ich verdanke ihrer Musik einige der schönsten Momente meiner ganzen Jugend. Auch ich fand sie genial und phänomenal. Danach habe ich sie nur selten gehört, aber jedes Mal war es das gleiche Gefühl wie damals – ein absoluter Musikgenuss.
Gwynplaine:
Zitat von Aljoscha der Idiot […] was Jimmy Page da treibt […]
Schöne Hymne an einen Magier.
Trotzdem, richtig schätzen lernte ich Led Zeppelin erst mit „Houses Of The Holy“, aber vor allem mit „Physical Graffiti“, eine wunderbare Scheibe, trotz „Stairway To Heaven“ das Beste! „Kashmir“, „In The Light“ „Bron-Yr-Aur“, „Down By The Seaside“, „Ten Years Gone“ u.a. sind so schön und außerweltlich, dass es sich verbietet, einen Jimmy Page mit technischen Maßstäben zu messen. Er ist kein Virtuose, sondern ein Visionär, ein Maler, ein Weltenerschaffer, also doch ein Virtuose. :)
Christian Erdmann:
Geht mir ähnlich, ich halte „Kashmir“ für einen der besten Songs aller Zeiten. Interessiert jetzt keinen, aber als ich den zum ersten Mal hörte, stand ich 8 Minuten in religiöser Ehrfurcht mitten im Zimmer, weil ich es nicht glauben konnte. :)
BerSie:
Ja, mir gings genauso… aber erst bei der 90er Jahre Fassung! No Quarter ist sicher die CD, die ich in den letzten fünfzehn Jahren am häufigsten gehört habe!
Christian Erdmann:
Unfaßbare Version von „Kashmir“ – wie die Hossam Ramzy-Combo das am Ende nach jedem Riff noch weiterträgt: > blows me away.
17.09.2007
l.augenstein:
Glauben Sie das mit den 20 Millionen potentiellen Kartenkäufern wirklich? Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Veranstalter so versucht, einen Hype daraus zu machen, um die heillos überteuerten Karten zu rechtfertigen. Vermutlich brauchen die Zeppeline auch eine Finanzspritze und wollen damit den CD-Verkauf wieder pushen!
Christian Erdmann:
Die brauchen kein Geld. Festgestellter Vermögensstand April 2007: Robert Plant 70 Millionen Pfund, Jimmy Page 70 Millionen Pfund. Die Band hat 300 Millionen Alben verkauft, allein seit 1990 über 20 Millionen, ein Drittel davon geht an Fans unter 25 Jahren. Aber Ihre Zweifel an den 20 Millionen Registrierten sind schon berechtigt: mittlerweile sind es 25 Millionen. :)
paparatzi:
Zitat von Aljoscha der Idiot … ich halte „Kashmir“ für einen der besten Songs aller Zeiten. Interessiert jetzt keinen, aber als ich den zum ersten Mal hörte, stand ich 8 Minuten in religiöser Ehrfurcht mitten im Zimmer, weil ich es nicht glauben konnte. :)
Doch, interessiert schon, sehr sogar, wenn es Anderen ähnlich ging :)) Genau diese Inspiration fehlt bei heutigen Interpreten. Liegt es am Kommerz, an der Ideenlosigkeit?
Christian Erdmann:
Es ist auch eine bestimmte Form des kreativen Chaos sehr selten geworden. Wenn man bedenkt, wie z.B. Led Zeppelin IV aufgenommen wurde, und damals zog man in irgendein altes Gemäuer für solche Sachen. :)
Nun ist John Bonham ja fraglos nicht ersetzbar, sein Sound unerreicht. Und auch unerklärlich. Ich denke, sein rechter Fuß war aus Adamant.
Jedenfalls, auch da war Page Teil der Magie – für „When The Levee Breaks“ hat er Bonham ja in die Halle des besagten Altbaus gesetzt, und ein Stereomikrofon eine oder zwei Etagen höher aufgehängt, nach der Maxime: distance equals depth. Dabei kam dann diese Sound-Dimension heraus, die Page „ambience“ nannte.
Jeder Led Zeppelin-Song ist randvoll mit magischen Dingen, die in heutigen Studioproduktionen kaum mehr auftauchen. Und das geht von der wagemutigen Virtuosität von drei Musikern und einem Sänger bis zu diesem Bandknistern vor „Immigrant Song“, oder dem Gitarrenwarmmachgewische vor „Black Dog“, das integral zur Stimmung des Songs gehört. :)
l.augenstein:
@Aljoscha: Freut mich ungemein, wenn’s den alten Haudegen finanziell so gut geht. Ich darf Ihnen versichern, dass ich mir Stücke wie BRON-YR-AUR auch heute noch sehr gerne anhöre und spiele!
Christian Erdmann:
Zitat von l.augenstein Ich darf Ihnen versichern, dass ich mir Stücke wie BRON-YR-AUR…
… erklären kann? Können Sie’s mir erklären? Ich meine, genau dieses Stück wäre mal ein lohnendes Studienobjekt: 9 von 10 spielen das so runter, und es klingt wie Wandertag. Der zehnte ist Jimmy Page. :)
18.09.2007
Christian Erdmann:
Einzigartig an Led Zeppelin auch die Chemie zwischen den Bandmitgliedern. Und die Art, wie man Charisma hören kann, auf jeder Aufnahme.
Der Moment, in dem John Bonham bei „Misty Mountain Hop“ einsetzt, läßt einen denken, der trommelt da mit Bahnschranken.
Unfaßbar, wie Bonham das mit, eben, four sticks durchhaut, und Page möchte man einfach nur den Gitarrenhals küssen.
l.augenstein:
Und wenn Sie mich fragen hat sich Page bei Bron-Yr-Aur in eine Art Trancezustand gespielt…
19.09.2007
Gwynplaine:
Zu „Bron-Yr-Aur“: das mit dem Trancezustand halte ich nicht für unwahrscheinlich, denn das Stück hat einst mich in einen Trancezustand versetzt. Ich denke, das Stück ist geeignet, jeden zu hypnotisieren, der es hört.
thedirtydozen:
Tschuldigung, ich hab keine Ahnung und bin jetzt auch zu faul, alles nachzulesen: Wer soll denn bei der Reunion an den Drums sitzen? Mein Wunschkandidat wäre, wie sollte es anders sein, Dave Grohl. Ich glaube, der wäre einer der Wenigen, die tatsächlich den Geist und die Wucht John Bonhams wiederaufleben lassen könnten.
Christian Erdmann:
Grohl pausiert von Omnipräsenz. Jason Bonham – ich denke, für den „Geist“ des Konzerts ist das schon die richtige Entscheidung. Plant, Page, Jones, Bonham: Jasons Hauptaufgabe ist es wohl, den Mythos zu repräsentieren. Über seine Technik weiß ich nichts, aber das für Led Zeppelin-Songs grundsätzlich Unabdingbare übt er doch eh seit 100 Jahren.
26.09.2007
Yeti:
Zitat von Aljoscha der Idiot Ich denke, sein rechter Fuß war aus Adamant.
Wahrscheinlich. Aber die Bassdrum wurde auch ziemlich heftig abgemischt. Auf vielen Studio-Aufnahmen hört man immer wieder das Quieksen der Pedal-Mechanik.
Jedenfalls, auch da war Page Teil der Magie…
Auch das, auf jeden Fall. Seit ich als Jugendlicher vor 25 (?) Jahren das erste Mal das Video von „The Song Remains The Same“ gesehen habe, bin ich überzeugt davon, der hat einen Deal mit dem Teufel gemacht. Mindestens. Evtl. ist er’s sogar selbst :-)
Haben Sie sich mal Pages Finger angesehen? Deren untere zwei Glieder sind länger als meine ganze Hand!
Christian Erdmann:
Auf „Black Country Woman“ klingt Bonhams Einsatz mit der Bassdrum nach anderthalb Minuten so, als würde irgendein Koloß von der Heilsarmee mit einer 2-Meter-Durchmesser-Pauke durchmarschieren.
Plants Stimme – ich meine, so wie auf „The Wanton Song“ kann eine menschliche Stimme ohnehin kaum klingen. Aber die Art, wie sie bei „Hats Off To (Roy) Harper“ noch durch diesen Vibrato-Amp gefiltert wird – schaurig genial. Page war ja in den 60ern sozusagen Studio-Inventar, mit allen Wassern gewaschen. Aber die Trickkiste, die er dann selbst als Produzent aufgemacht hat, ist einzigartig.
Seit ich als Jugendlicher vor 25 (?) Jahren das erste Mal das Video von „The Song Remains The Same“ gesehen habe, bin ich überzeugt davon, der hat einen Deal mit dem Teufel gemacht. Mindestens. Evtl. ist er’s sogar selbst :-)
Die Art, wie er sich auf der Bühne bewegte, hat mich bei dem Film auch unendlich fasziniert… wenn dem mal nicht die Glieder vom Second Revelator verrenkt wurden! :) Hatte immer schon (Lederstrumpf-Chingachgook-Schema) ein Faible für den dark sidekick, den zweiten Mann, der eigentlich der erste ist.
Diese unberechenbare Feingliedrigkeit wirkte dann spätestens mit Knebworth, wo er ja nur noch ein Rohr im Wind war, natürlich schon unheilvoll, wenn man das heute sieht, hat man schon das Gefühl, das konnte nicht mehr lange gutgehen.
29.11.2007
BerSie:
Das Konzert wurde übrigens auf den 10. Dezember verschoben! Page hat sich einen Finger gebrochen.
10.12.2007
flonaldo73:
Hat jemand von Euch etwas hinsichtlich einer Live-Übertragung der heutigen Led Zeppelin-Reunion im Radio/Internet, etc. vernommen? Wer kann behilflich sein??? Wäre zumindest gerne mit einem Ohr in London dabei.
Christian Erdmann:
Akustisch gibt es da sicher nichts… nme.com hat als „live coverage“ einen „Song-Blog“. Überraschend vielleicht, was Page sagt:
Continuing to fuel speculation, Jimmy Page told Britain’s Q magazine that he wants the Zeppelin reunion to continue beyond next week’s London show, and is even willing to consider using the new music he’s been stockpiling as the basis for a new Zeppelin album.
Jones sagt, die Tür dafür sei wahrscheinlich halb offen. Das heißt wahrscheinlich, Plant hält sie halb zu.
11.12.2007
Leondavid:
Hallo zusammen, komme gerade aus London und bin noch immer high. Ich war gestern abend mit meiner Frau auf dem Konzert und kann nur Gutes berichten. Es war eine Wiederauferstehung.
Die Band ist sensationell stark und braucht sich vor niemandem zu verstecken. Seit 33 Jahren gehe ich zu Rock-Konzerten und bin noch NIE so weggeblasen worden. Nach schon gutem Anfang trotz Abstimmungsproblemen mit der Technik steigerte sich die Band unaufhörlich von Song zu Song ohne einen Aussetzer. Eine solche dichte Live-Atmosphäre habe ich noch nie erlebt. Und den Jungs hat es nach etwa einem Drittel der Songs auch richtig Spaß gemacht. Als sie lockerer wurden, war sie wieder da, diese legendäre Urgewalt. Sie hatten aber auch einen guten Ruf zu verlieren. So viele glückliche Gesichter mit Tränen in den Augen habe ich noch nie gesehen. Und ich meine nicht Rockopis mit Bierbäuchen und Glatzen, sondern sehr viele junge Leute, die alle durch diesen Zeittunnel mitgerissen wurden.
Christian Erdmann:
Man hätte es ja schon als Erfolg werten können, wenn Led Zeppelin gestern nicht ihren eigenen Mythos zerstört hätten, ich fand es schon ziemlich bold, anzutreten unter diesem übergroßen Schatten, den das Luftschiff wirft. Offenbar haben sie aber selbst diejenigen, die vielleicht schon die Feder ins Gift getaucht hatten, sprachlos gemacht. Rückwärtsgewandt ist also dann eigentlich vor allem die Vorstellung, es gehe hier um „Revival“. Was gut ist, wirklich gut, kann gar nicht genug Kontinuität haben.
Daß Robert Plant mit knapp 60 nicht mehr die Tonlage sexueller Hysterie trifft wie in den 70ern, ist doch wohl klar. Trotzdem hat er es offenbar geschafft, die Led Zeppelin-Sänger-Persona wieder aufzugreifen, weiterzuentwickeln und in die Magie zu integrieren.
canUCme:
Tja, manche Leute werden auch noch am Himmel was auszusetzen haben. Es erscheint mir manchmal so, als wäre die junge Generation etwas neidisch auf die alten Herren. In der Tat wird es keine Gruppe der letzten zwanzig Jahre fertig bringen, 27 Jahre nach ihrer Auflösung über 20 Millionen Interessenten für ein Konzert zu mobilisieren. Diese ganze Musikalität, die Mystik, das Phänomen, als Gruppe von Solisten banddienlich zusammenzuspielen: Das wird es in dieser Ausprägung so schnell nicht wieder geben.
Aber das allein erklärt den Ruhm von Zeppelin noch nicht. Von Pages Musikersuche Ende 1967, über die Wahl eines kompetenten Managements, über den Plattendeal mit Atlantic (ohne Demo-Aufnahmen!) bis zu den Mega-Touren mit Privatjet und riesigem technischem Aufwand: Alles erscheint rückwirkend zusammenzupassen, eine einzige aufsteigende Linie. Selbst die nie gekannte Konsequenz einer Rockgruppe, ohne ihren Schlagzeuger nicht weiterzumachen, zeigt die gleiche Größe wie alles andere.
Led Zeppelin-Platten konnte man allein auf seinem Zimmer hören, sich in die Musik vertiefen und tags darauf auf einer Fete ekstatisch dazu tanzen. Stücke wie „Kashmir“ oder „Achilles Last Stand“ hatten etwas Hypnotisches und kondensierten die Träume und Gefühle einer ganzen Generation. Das Verblüffende ist eben, dass dies auch heute noch funktioniert. Wann hat man Leute aus aller Welt das letzte Mal so euphorisch und überwältigt aus einem Rockkonzert kommen sehen wie gestern Abend?
Hats off!
12.12.2007
Christian Erdmann:
Dieser Moment, wenn vor einem Konzert die Lichter ausgehen, ist ja jedes Mal ein ekstatischer, aber nachdem ich das geniale Intro aus der O2-Arena gesehen habe, dachte ich, wohl ganz gut, daß ich nicht da war. Ich glaube, ich wäre komplett durchgeknallt, mir wären Flügel aus den Schultern gepoppt oder so.
16.12.2007
Yeti:
Zitat von Aljoscha der Idiot Was gut ist, wirklich gut, kann gar nicht genug Kontinuität haben.
Amen! Aljoscha, Sie sind ein wahrlich weiser „Idiot“!
mahrud:
Die Fragestellung „Led Zeppelin – vielversprechendes Comeback?“ geht meines Erachtens durchaus weit über die Frage einer richtigen Wiedervereinigung von Led Zeppelin hinaus.
Was hat es zu bedeuten, wenn sich mehr und mehr alte Könner eindrucksvoll zurückmelden? Alle diese Musiker stehen für eine Kontinuität, nicht nur ihrer eigenen Person, sondern einer musikalischen Ära, die Teil des Welt-Kulturerbes geworden ist und vermutlich einmal den gleichen Rang einnehmen wird wie heute Klassische Musik. Die Reaktion der Öffentlichkeit geht dabei deutlich über reine Sentimentalität hinaus. Trotz allen Mainstreams gibt es offenbar ein allgemeines Bedürfnis nach der Art, wie vor 40 Jahren Musik gemacht wurde. Vielleicht sehnt man sich nach mehr Authentizität und instrumentaler Virtuosität.
Christian Erdmann:
Vorgestern las ich den Blog der Tagesthemen-Redaktion, in dem publik gemacht wurde, wie innerhalb der Redaktion gestritten wurde, ob der Bericht vom O2-Konzert nun in die Sendung gehöre oder nicht. Seltsame Frage, bei 20 Millionen Ticket-Anfragen und angesichts der Tatsache etwa, daß der „Song-für-Song-Blog“ auf der Online-Präsenz der renommierten Musikzeitschrift, nme.com, zusammenbrach, weil Menschen rund um den Globus die Tracklist in Echtzeit zu wissen begehrten; seltsame Frage also, die ich in Ihrem Sinne beantwortet habe: die Musik von Led Zeppelin ist zeitgenössische Klassik.
Wichtig auch Ihr Punkt: eine Reaktion, die deutlich über Sentimentalität hinausgeht. Man kann die Rede von „Epiphanie“ auch der leicht ironischen Ebene entziehen und einfach zu den von Ihnen formulierten Sehnsüchten diejenige nach „Charisma“ addieren – nach echtem, nicht nach dem, was in unzähligen Shows voller Künstlichkeit, Epigonentum oder verblüffender Talentlosigkeit als „Star“ verkauft wird.
Davon abgesehen wird die Musik von Led Zeppelin ja ständig von neuen Generationen entdeckt, und natürlich nicht nur die; in das online-Kondolenzbuch für Joe Strummer trugen sich viele Unter-20-Jährige ein, mit dem Tenor: was soll ich mit Green Day, wenn es The Clash gab.
Bzw: gibt. Genau das ist der Punkt.
(Und „London Calling“ ist ja auch der Grund, warum man die taz nicht lesen muß. :) Ernsthaft: der lausigste Kommentar zur Led Zeppelin-Reunion [vor dem Konzert] kam von der taz.)
Led Zeppelin waren immer da und werden immer da sein, als einzigartige Facette in diesem ziemlich großen Ding namens Universum, in dem es unzählige hinreißende Facetten gibt: was Placebo können, kann sonst keiner. Aber jetzt wissen wir halt wieder: was Led Zeppelin konnten, konnte ganz besonders sonst keiner.
22.04.2008
Nachtschwester Ingeborg:
Na ja, ich würde mal sagen, das ist klar geklaut, genauso wie der Song „Whole Lotta Love“, der sich verdammt nach dem Song „You Need Love“ von Muddy Waters anhört.
Christian Erdmann:
Für das vielgelobte Riff von „Seven Nation Army“ könnte sicher auch irgendein schwarzer Bluesmusiker das Haus von Jack White heimsuchen, aber ich schätze, er würde sagen: ich segne dich, mein Junge.
Pnin:
Naja, bei Dazed and Confused ist es schon arg offensichtlich. Tut dem Lied selbst aber ja keinen Abbruch :)
Christian Erdmann:
Die Diskussion darüber, ob die beiden nicht überhaupt recht unbekümmert mit „Page / Plant“ gezeichnet haben, ist ja nicht neu. Aber ehrlich, die haben Versatzstücke so sehr zu their own gemacht und etwas so vollkommen Anderes, Einzigartiges daraus erschaffen, das ist für mich niemals ein „Plagiat“.
Derart einzigartig actually, daß mir kein sinnvolles Cover eines Led Zeppelin-Songs einfällt. Die haben einfach diese rätselhaften Pyramiden in die Musikgeschichte gesetzt, zackzackzack, eine nach der anderen, und man kann sich höchstens den Kopf dran stoßen.
Ja, Physical Graffiti. Hatte die Doppel-LP. Wenn ich sie denn mal durchhörte, was selten genug vorkam, konnte ich lange Zeit nichts anderes mehr hören. Das Zeugs kam wie ein Eisbrecher daher, oder wie ’ne Walze, die einem viel Mittelmäßiges einfach so auslöschte im Kopf. Man fing dann wieder bei 0 an, gewissermaßen, aber 0 auf einem höheren Level. :)
Christian Erdmann:
Dieser Nachmittag, als ich Physical Graffiti nach Hause brachte, – die vier Wände meines Zimmers brachen einfach so weg, und man stand in Houses of the Holy, seitdem. „From the door comes Satan’s daughter“, ah, ok, herein. :) An meiner Schule gab es ein bezauberndes Mädchen, eines Tages fragte ich sie, ob sie Led Zeppelin mag. „Manchmal sehr“, sagte sie, „und manchmal bekomme ich von der Musik Kopfschmerzen.“
Weiß nicht, welche andere Band es schafft, noch bei der 100sten deiner Lebensphasen, in der du komplett eintauchst in diese Musik, so completely mind-blowing zu sein? David Lynch: „Sex is a doorway to something so powerful and mystical“. Jimmy Page wußte das. Darum klingt er so, wie er klingt.
Hörte gerade IV; „Black Dog“, winding riff and complex rhythm changes, John Paul Jones über seinen Basspart: „I wanted it to turn back on itself. We struggled with the turn-around, until Bonham figured out that you just four-time as if there’s no turn-around. That was the secret.“
Da kann man als 16jährige schon Kopfschmerzen bekommen. :)
But when I whispered in her ear, I lost another friend
It was an April morning when they told us we should go
Ein Mann betritt das Reich hinter dem Selbstverständlichen
Von Lena Wilde
Der Schlaf der Vernunft kann Ungeheuer erzeugen. Doch auch bei Wachheit laufen der Vernunft allerhand Ungeheuer über den Weg, diese Erfahrung macht Aljoscha.
Der Philosophiestudent beginnt zu ahnen, dass das Leben nicht nur das scheinbar perfekt aufgeführte Theaterstück vor seinen Augen ist. Er erkennt, dass hinter der Bühne noch ganz andere Gestalten toben, ganz andere Mächte wirken, die seine Sinne allenfalls schemenhaft abbilden können.
Voller Furcht und Faszination betritt er die verborgenen Gebäude seines Hauptes und er bekommt einen Eindruck von den Welten, die sich neben uns drehen, während wir unter dem Eindruck völliger Kontrolle unseren wichtigen Geschäften nachgehen. Doch noch hat die Wissenschaft nicht alle Mythen gebändigt, noch spuken sie unerkannt in unserer Welt umher und sorgen in aufgeräumten Gemütern für Verwirrung.
So ist auch Aljoscha von der Deutung des Erahnten noch weit entfernt. Was ihm bleibt, ist die Feststellung, dass die Welt doch eigentlich recht weltfremd sei: Die Normalität zerfließt unter dem Blick des Betrachters, das Selbstverständliche geht munter seinen Launen nach und schert sich nicht um menschliches Gesetz.
Unermüdlich und unerschrocken stellt sich Aljoscha jeder neuen Frage und jedem neuen Eindruck, der seine gewohnte Welt zum Wanken bringt und ihr jede Konstante raubt. Und ein ums andere Mal lässt er sich nicht entmutigen dadurch, dass jede Antwort eine völlig neue Welt von Fragen eröffnet. Und die Welt hinter den noch nicht gestellten Fragen und den noch weniger gegebenen Antworten? – Ein fürwahr unheimliches Reich.
Ein Reich, aus dem die Götter fröhlich winkend grüßen, in dem Tarotkarten zu Konferenzen laden und der Teufel sich von seiner besten Seite zeigt. Und ein Reich, in dem sich eine Frau in sein Leben schleicht, einer Geschichte entspringend, die eigentlich gar nichts mit seinem Leben zu tun hat.
Als wäre das noch nicht genug, scheint auch sein Innenleben in einer gewissen Korrespondenz mit diesem Reich zu stehen – und das völlig ohne sein Zutun. Ist er es wirklich selber, der die Hebel in seinem Schädel bedient? Oder ist er nur ein treuer Diener?
In einem Karpatenbad begegnet Severin von Kusiemski, ein galizischer Edelmann, zwei Frauen. Die eine ist aus Stein: eine Statue der Venus im Park des Hauses, das Severin bewohnt. Die andere, Wanda von Dunajew, ist eine junge, reiche Witwe aus Lwow und wohnt im selben Haus wie er – eine Etage über ihm. Severin betet die kalte Marmor-Venus an als „das schönste Weib, das ich in meinem Leben gesehen habe“ (Sacher-Masoch 1968, 16). Schon als Knabe, so wird Severin Wanda gestehen, sei er heimlich in die Bibliothek seines Vaters geschlichen, um eine Venus aus Gips zu küssen und ihren schönen kalten Leib wollüstig zu umschlingen, während er sich gegen den Kuss eines reizenden Stubenmädchens mit einem Tacitus-Buch zu wehren suchte; Severin nennt diese Disposition übersinnlich. „Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in meine Seele […]“ (38). Severin ist ein hypertroph apollinischer Anbeter weiblicher Schönheit. Seine „Scheu vor dem Weibe“, bekennt er, „war eben nichts, als ein auf das Höchste getriebener Schönheitssinn“ (39). Camille Paglia hat hier die Richtung umgekehrt: der aufs Höchste getriebene Schönheitskult ist eben auch Scheu, Beglaubigung weiblicher Macht. Severin hegt das fiebrige Verlangen, eine Frau anzubeten, und dieses Verlangen vermutet er gesteigert durch die Grausamkeit und Tyrannei der Angebeteten: je despotischer die Frau, so stellt Severin sich vor, um so intensiver seine Anbetung.
Die Begegnung mit Wanda läßt Severin den Kuss des Wirklichen ersehnen – in Gestalt von Peitschenhieben. Auf die Rückseite eines Bildes von Tizians Venus mit dem Spiegel, die Severin in Venus im Pelz umtauft, schreibt er seine Vision von der qualvollen Seligkeit, „ein Weib anzubeten, das uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt“ (17). Als die schöne Witwe – sie hat (tizian)rotes Haar – bei Severin um zerstreuende Lektüre ersuchen läßt, rafft er einige Bände zusammen; in einem davon befindet sich – Psychopathologie des Alltagslebens – das Bild, „samt meinen Ergüssen. Was wird sie dazu sagen? – Ich höre sie lachen. Lacht sie über mich?“ (18).
Als Severin sich in einer Vollmondnacht zur vergötterten Venusstatue begibt, findet er sie in einen Pelz drapiert; dann begegnet er „Venus“ auf einer steinernen Bank und kann, als ein diabolischer Blick aus grünen Augen ihn trifft, nicht mehr zwischen Kunstwerk und Wanda von Dunajew unterscheiden. Verwirrt ergreift er die Flucht, ein spöttisches Lachen verfolgt ihn. Am nächsten Morgen gesteht Wanda ihren Einfall als Vorwand: „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen ordentlichen Phantasten kennenzulernen – der Abwechslung wegen […]“ (21). Wanda also initiiert die Begegnung, und sie ist, allen späteren gegenteiligen Äußerungen zum Trotz, von Anfang an geneigt, ihr Spiel mit Severin zu spielen.
Was folgt, wirkt vordergründig wie die Erziehung Wandas zur strengen, mit Peitsche, Pelz und Stiefeln ausstaffierten Herrin, die Severin die Erfüllung seiner Sehnsüchte gewährt, die detailgetreue Umsetzung seines Idealbildes in die Realität. Was Severin jedoch erleben wird, ist der Verlust der Kontrolle über die Dialektik von Lust und Pein: als Wanda die ihr zugedachte Funktion nicht nur buchstäblich annimmt, sondern Severins Phantasien übertrifft, zersetzt sie die Bildhaftigkeit des Bildes und vernichtet die Konstellation, die Kontrolle ermöglicht. Severin wünscht eine Frau als das totale Subjekt zu verobjektivieren; statt dessen wird Wanda seine Verobjektivierungsversuche immer wieder übersteigen, sie wird das totale Subjekt selbst, eine Femme fatale, die ihre Objekte nach Belieben austauscht.
Wanda äußert zunächst, sich nicht grausam der Qualen erfreuen zu wollen, die sie mit ihren Reizen erregt, vielmehr lebe sie ein heidnisches Ideal der Ungezwungenheit und Promiskuität: „… ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich liebt“ (24); sie setzt das Lustprinzip als Realitätsprinzip: „Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt, ich ziehe es vor, glücklich zu sein.“ (24). Severin glaubt, diese Grundsätze einer Frau, die als „Griechin“ (25) leben will, als griechische Liebesgöttin, mit seinem Ideal eines göttlichen Weibes vereinbaren zu können. Er gibt zu bedenken, daß die Griechen ihr freies, ungezwungenes Leben nur führen konnten, weil sie über Sklaven verfügten. Wanda erwidert, eine olympische Göttin wie sie brauche „ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich also vor mir.“ (26). Und doch ist es Wanda, die fragt: „Wollen Sie mein Sklave sein?“ und anfügt: „[…] ich habe Talent zur Despotin“ (26). Severin ist in jeder Hinsicht von Anfang an gewarnt. Er will eine Despotin, die nur für ihn despotisch ist, doch Wandas „heidnische“ Gestimmtheit bedeutet Severin nahezu mit dem ersten Satz, daß hier ein Experiment nach ihren Regeln stattfindet.
Severin glaubt, in einem delikaten Prozeß eine Frau von ihrer Rolle als grausamer Göttin überzeugen zu müssen, aber an jedem Punkt des Prozesses ist die Frau schon da: „Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder Seltsames, denn […] jeder weiß und fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“ (36) – Wanda von Dunajews Worte. Sie zögert, ihre Position als Herrin einzunehmen, jedoch nicht, weil ihr diese Persona fremd wäre; wiederholt gibt sie ihr Wissen um sich selbst zu erkennen: „… geben Sie acht, wenn Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer behandelt als Ihnen lieb ist“ (45); „[…] sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen. Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich – ‚ Sie lächelte […]“ (47). Warum also zögert sie?
Severin erklärt, er liebe Wanda mit ganzer Seele, doch er trage ein zweifaches Ideal in sich; und wenn er mit einer Frau nicht Leben und Schicksal teilen könne in unbedingter, ausschließlicher, gegenseitiger Liebe, „nun dann nur nichts Halbes oder Laues! Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten werden, und je grausamer, um so besser.“ (35)
Er will, daß Wanda eines seiner zwei Ideale wählt, und Wanda ahnt voraus, daß sie den Mann, der sie so wahnsinnig zu lieben behauptet, zutiefst erschüttern wird, wenn sie das zweite Ideal wählt, das Ideal der Despotin. Sie weiß sehr gut, wozu sie fähig ist („grausamer als Ihnen lieb ist“), indes fühlt sie auch Liebe für diesen Phantasten. Die Konstellation ist fatal, wenn Liebe und Masochismus bzw. Liebe und Despotismus sich nicht komplettieren, sondern gegenseitig in die Quere kommen: lebt Severin seinen Masochismus, wird seine Liebe leiden, und Wanda weiß es. Lebt sie ihren Despotismus, wird ihre Liebe leiden, auch dies weiß Wanda.
Tatsächlich sagt Wanda: „Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung, vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie liebgewinnen.“ (28) Und etwas später: „Ich glaube, daß Sie mich lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir interessieren uns füreinander (…)“ (30), womit sie einen sehr modernen Grund für das Scheitern von Partnerschaften anspricht: Menschen, die sich nicht wirklich füreinander interessieren. „Aber, Severin“, entgegnet sie ihm dann einmal zornig, „halten Sie mich denn dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe, zu mißhandeln?“ (36)
Und je mehr Severin zum Ausdruck bringt, daß er sie dafür nur um so mehr anbeten würde, um so reizvoller wird für sie die Vorstellung, seine Herrin zu sein. Sie weiß besser als er, daß sie damit keineswegs nur als Aktrice aufreten würde, die einen exakt vorgegebenen Part spielt. Severin erzählt Wanda, daß er einmal einer jungen Schauspielerin den Hof machte, aber eigentlich nur in ihre Rollen verliebt war. Wanda wird Severin davon in Kenntnis setzen, daß sie keine Schauspielerin ist. Während Severin glaubt, Wanda weiterzutreiben, treibt in Wirklichkeit Wanda Severin weiter. Deleuze behauptet als Gesetz: „Der Masochist muß sich seine Despotin heranbilden, er muß sie überreden […]“ (181); in Wahrheit sei sie es, die von ihm geformt und in eine Rolle gedrängt werde. Deleuze verkennt aber, warum Wanda zögert. Sie zögert, weil sie weiß, daß ihr Wille zur Dominanz und Severins Wunsch nach Unterwerfung derart stark sind, daß es die Liebe exorzieren wird, daß diese Konstellation für sie beide eine so mächtige Anziehungskraft besitzt, daß es jenen Zustand, in dem Wanda noch erklärt, „daß ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun“ (50), beenden wird. Nicht Severin bringt Wanda dazu, ein von ihm fingiertes Selbst anzunehmen; Wanda bringt im Wissen um das, was in ihr ist, Severin dazu, sich immer bedingungsloser ihren Launen auszuliefern. Sie findet Genuß daran, ihn immer grausamer auf die Probe zu stellen, seine Neigungen ihren Vorstellungen anzugleichen. Und tatsächlich ist Severin, von seinem „monogamen“ Dominanzideal abrückend, gewillt, in sein Szenario das Bild einer Herrscherin einzufügen, die sich notwendig einer Vielzahl von Liebhabern bedient:
„[…] ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die Isis, und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden […] Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich liebe, das ich anbete! […] das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es einem andern gehört.“ (43 ff.)
Hier wird die ungeheure geistige Dimension des Masochismus offenbar; die Lust an physischem Schmerz spielt bei Sacher-Masoch eine durchaus nebensächliche Rolle. Severin liebt Wanda, erstens. Er sieht in ihr die Inkarnation weiblicher Macht, Überlegenheit und Grausamkeit, zweitens. Sein Wille zur Vermischung von Lust und Pein spielt auch mit der Vorstellung, daß sich die Geliebte einem oder mehreren anderen hingibt, weil es ihr Wille ist, auf diese Art grausam zu sein.
Für Freud war „weiblicher“ Masochismus eine Typenbezeichnung, männlicher Masochismus ein zu lösendes Rätsel. In der Venus im Pelz ist männlicher Masochismus die Lust an der Anbetung der überlegenen Frau. Doch legt Severins Geschichte nahe, daß diese Lust als Inszenierung einer Vorstellung genau dann in Schrecken umschlägt, wenn die Inszenierung durch eine ungeahnte Realität überholt wird. Während Wanda Severin davor warnt, daß die Realität ihn entsetzen würde, wäre sie wirklich die Frau, die seiner Phantasie Wahrheit verleiht, drängt Severin sie, seine Phantasien zu erfüllen, ja zu übertreffen, weil er bis zum Ende daran glaubt, daß er selbst dieses Übertreffen noch in seine Inszenierung einfügen kann. Während Wanda ihn ungeduldig, schon mit der Peitsche in der Hand, warnt: „Ich hasse alles, was Komödie ist“ (50), während sie deutlich macht, daß Severin nur „gefährliche Elemente in meiner Natur“ (51) weckt, und im nächsten Augenblick zur grausamen Frau wird, die Vergnügen darin findet, ihren Sklaven zu peitschen, und eine „teuflische Neugier“ verspürt, „zu sehen, wie weit deine Kraft reicht“ (51), lebt Severin noch in der apollinischen Vorstellung, wenn er sagt: „In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“ (58).
Severin will es ertragen, daß Wanda sich einem anderen hingibt, wenn er sie nur nicht verliert – also den Reiz ihrer Grausamkeit auskosten kann. Als er ruft: „Dein Sklave sein! Dein willenloses, unbeschränktes Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe des Olymps genießest, dir dienen (…)“ (59), stimmt Wanda ihm zu: „(…) nur als mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe (…)“ (59); als sie aber hinzufügt: „Ich will Sklaven haben, hörst du, Severin?“ (59), entgegnet er: „Bin ich nicht dein Sklave?“ (59). Die Antwort zeigt, daß er den Unterschied zwischen Singular und Plural nicht wirklich verinnerlicht hat, daß er nach wie vor Phantasien verbalisiert, von denen er glaubt, daß er auch in der Realität mit ihnen umgehen könne; tatsächlich hat er den apollinischen Arm ausgestreckt und verschließt die Augen vor der Realität, in der Wanda beinahe nebenher Sätze sagt wie: „Jede Frau hat den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es hat viel für sich, sich ohne Liebe (…) hinzugeben, man bleibt hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen“ (56), und weniger nebenher: „… merk‘ dir überhaupt, was ich dir jetzt sage: fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst, denn die Natur des Weibes birgt mehr Gefahren als du glaubst.“ (56). Die Femme fatale spielt mit dem männlich-apollinischen Versuch, die Femme fatale als Faszinosum genießen zu können.
Daß Severin, um Wanda nicht zu verlieren, aus ihrer Promiskuität Lust zu ziehen gewillt ist, genießt Wanda ihrerseits; die Vorstellung von einer zügellos ihre Wollust mit anderen auslebenden Geliebten, die Vorstellung von Wandas Genuß daran läßt Severin ausrufen: „Welch ein Gedanke! (…) ich empfinde eine Art Grauen vor dir.“ (58). Aber dieser Horror Severins ist lustbetont, solange er einem imaginierten Szenario gilt, dem Bild einer Frau, die er um so mehr anbetet, je mehr sie ihn leiden läßt.
Doch der Zeitpunkt ist gekommen, da es Wanda mit ernster Wehmut erfüllt, wenn das Szenario „eine goldene Phantasie, welche nie wahr werden kann“ (59 ff.) bleiben soll, und Severin wird bewußt, mit welchem – scheinbaren – Widerwillen sie noch vor kurzem seine Phantasien aufzunehmen schien und mit welchem Ernst sie jetzt die Ausführung derselben betreibt. Wanda entwirft den Vertrag, der Severin zu ihrem Sklaven macht, mit dem Status eines leblosen Dings, eines Spielzeugs, das sie „zerbrechen kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts und ich bin alles. Verstehst du?“ (61). Sie selbst verspricht, ihm stets im Pelz zu erscheinen – aber nicht, weil es seiner Lust dient, sondern „weil er mir das Gefühl einer Despotin gibt“ (62). Die Femme fatale nimmt dem Fetischisten also auch die Kontrolle über die fetischistische Struktur aus der Hand. Sie trägt die Insignien ihrer Macht – Peitsche, Stiefel, Pelz – nicht für ihn, sie übernimmt sie vielmehr als die ihren. Auch hier bricht die Verobjektivierungsstruktur zusammen. Wanda weiß, daß die „Macht meiner Schönheit“ (62) ihr einen Sklaven verschafft. Also nutzt sie die Objekte seines masochistischen Fetischismus, um ihre Macht zu vergrößern. Sie tut nicht Severin einen Gefallen, sondern sich selbst. Als Wanda sich die Schönheit von Severins Märtyrerblick vorstellt, „wenn du totgepeitscht würdest“, sinniert er: „Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre Macht mißbraucht? Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis! Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht. Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder Treulosigkeit unfähig (…)“ (63).
Severin glaubt also an das Spiel, die Inszenierung, und er glaubt, daß das süße Grauen auch bei Wandas Machtmißbrauch noch anhielte; das heißt, daß er Wandas Machtmißbrauch in die Inszenierung hinein zu prolongieren bestrebt ist. Der Reiz liegt für ihn aber nicht im Machtmißbrauch selbst, sondern in der Möglichkeit des Machtmißbrauchs, im: „sie kann, wenn sie will“ (ebd.); trotzdem hält Severin Wanda dessen letztlich für unfähig. Schon der erste begehrende Blick aber, den Wanda auf der Promenade einem russischen Fürsten zuteil werden läßt, stürzt Severin in Erschrecken: „Liebst du mich denn nicht mehr – “ (64). Als Wanda erklärt, nur Severin zu lieben, sich aber von dem Fürsten den Hof machen lassen zu wollen, ist Severin bereits von diesen Worten zermalmt. Sie beauftragt ihn, Informationen über den Fürsten einzuholen, und Severin hält Wanda vor, sie nehme seine Phantasie zu ernst. Wanda kann ihn zurecht der Feigheit und des Wortbruchs bezichtigen: „Du bist frei. Ich halte dich nicht.“ (67).
Mit diesen Worten, sie weiß es, zurrt sie die Fesseln um ihren Sklaven nur fester. Sobald sie ihm mit der Freiheit droht, ist er gewillt, alles zu erdulden. Sie führt ihm vor, wie gerade sein Befreiungsversuch ihn zum Sklaven macht; wie schon die apollinische Strategie selbst Anerkennung der Macht ist, von der sie Distanz erstrebt. Und sobald die Frau die ihr eigene Macht bewußt übernimmt, ist die Anbetung aus der Ferne nicht mehr möglich: die Frau fordert entweder, daß die ihr zugeschriebene Macht silbengetreu umgesetzt wird, oder sie interessiert sich nicht länger für den, der ihr die Macht zuschreibt.
Severins Identität ist im Untergang begriffen. Bebend vor Wut, doch auch vor Genuß und prickelnder Aufregung muß er zur Kenntnis nehmen, daß er nicht mehr Severin ist: Wanda beschließt, ihren Diener, denn als solcher wird er auf ihrer Reise nach Italien nur noch in Erscheinung treten dürfen, Gregor zu nennen, und sie untersagt ihm jedwede Vertraulichkeit, mit dem Befehl, sie von nun an Herrin zu nennen. Sie reist in einem Coupé erster Klasse, Gregor erhält ein Billett dritter Klasse und den Auftrag, bei jedem Halt zu Wandas Abteil zu eilen, um nach ihren Wünschen zu fragen; seine Herrin läßt sich von einer Reihe von Kavalieren den Hof machen. In Wien zwingt sie ihn, seine Kleidung gegen eine Livree zu tauschen, und er hat das Gefühl, seine Seele dem Teufel verschrieben zu haben. Nachts liegt er auf hölzernen Ruhelagern oder in ungeheizten Zimmern wie auf der Folter; sobald Wanda nur ein einziges Zeichen von Vertrautheit in die Abfolge von Demütigungen einwebt, gesteht er ihr jedoch, wie seine Verehrung immer fanatischer wird, je mehr sie ihn mißhandelt.
Wanda mietet in Florenz eine Villa, die „einem so seltsamen, phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist“ (83), einen entsprechenden Rahmen gibt; sie bringt Severin jetzt durch eine Zofe den Befehl, vor seiner Herrin zu erscheinen. Überwältigt von ihrer Schönheit unterzeichnet er den Vertrag, mit dem er endgültig darauf verzichtet, der Geliebte der Wanda von Dunajew zu sein. Und als die Tinte trocken ist, läßt Wanda ihn, der nun endgültig nurmehr ihr Sklave ist, von drei Dienerinnen an eine Säule binden für eine erste ernste Demonstration ihrer Macht; sie peitscht ihn bis aufs Blut, während sie erklärt, daß er sie jetzt kennen lernen werde. Und zieht sich danach für einen Monat von ihm zurück, „damit ich dir fremd werde“ (91).
Als er Wanda wieder zu Gesicht bekommt, schickt sie ihn aus, um einen florentinischen Adligen, den Fürstin Corsini, zum Dejeuner mit seiner Herrin zu laden, und Severin muß erleben, wie seine geliebte Herrin mit dem potentiellen Geliebten über die Ungeschicklichkeit des Dieners lacht. Sie richtet ihren Sklaven mit immer kürzeren Befehlen und immer häufigeren Peitschenhieben ab, doch das Schlimmste für Severin sind die Phasen, in denen sie „keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal – eine Ohrfeige“ (96) hat. Blick, Wort, Ohrfeige oder Peitschenhieb sind nahezu gleichwertig, sofern vom angebeteten Wesen gewährt.
Die Zufügung verwandelt das Objekt der masochistischen Phantasie zwar spürbar in ein Subjekt, doch versucht das masochistische Szenario gleichzeitig, und immer noch, das zufügende Subjekt im Objektstatus zu halten: dadurch nämlich, daß es dem eigenen Entwurf entspricht. Beim Horrorfilm ist die Struktur ähnlich: das Geschehen des Horrorfilms ist gleichsam das Subjekt, dem sich der Zuschauer als Objekt aussetzt, gleichwohl wird der Horrorfilm dabei aus ästhetischer Distanz, aus der apollinischen Sicherung heraus wahrgenommen.
Der Angriff auf die apollinische Sicherung geschieht in der Venus im Pelz dadurch, daß einem männlichen masochistischen Subjekt, das seine Lust, sich einem weiblichen Subjekt als Objekt auszuliefern, eigentlich nur dann als Lust erfährt, wenn es diesen Prozeß der Auslieferung wiederum subjektiv kontrollieren kann, die Kontrolle über eben diesen Prozeß sukzessive entzogen wird. Das Bemerkenswerte dabei ist das Maß an Kontrollentzug, das Severin noch in Lust umzusetzen weiß. Das heißt: der masochistisch gewollte Entwurf (einer Herrin) wird zum tatsächlichen Subjekt der Macht, die Frau übernimmt die ihr zugeschriebene Macht rückhaltlos, übersteigt das Gewollte und zwingt so das masochistische Subjekt, den lustgewährenden Entwurf immer weiter auszudehnen.
Severin malt sein Bild von der grausamen Frau immer neu, zugleich ist Severin immer wieder, immer stärker und am Ende ohne jede Gnade gezwungen, die Zufügung durch das Machtsubjekt zu erleiden: immer weitere Ausdehnung der Ästhetisierung (das Bild der grausamen Frau, deren Grausamkeit seinen Entwurf stets übersteigt), immer heftigere Zufügung des realen Machtsubjekts.
Jenseits der apollinischen Sicherung Lust zu finden darin, ein Objekt zu sein, das Zufügung erleidet, heißt, Lust am Übergriff zu entwickeln. Die Lust am Übergriff auf das Selbst könnte wiederum zweierlei bedeuten: ein Verlangen nach Bestätigung des Selbst im Erleiden, in dem die Identitätsgrenze fühlbar wird, oder ein Verlangen nach Hinzufügung, nach Öffnung des Eigenen für Fremdes, in dem die Identitätsgrenze gerade ihrer Bedeutung entkleidet wird.
Severin versteht, daß Wanda ihn so weit erniedrigt hat, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, ihn zu quälen. Als er eines Nachts vor ihrem Bett schlafen darf, raubt ihm der Anblick ihrer Schönheit nahezu den Verstand: „Aber sie bedurfte meiner nicht.“ (96). Die Annäherung, die Wanda inszeniert als zärtliche Geliebte, schlägt um in eine eiskalte Demonstration, nach der Severin vermuten muß, daß nicht mehr die grausame Frau, sondern die zärtliche Geliebte das Bild ist, die Rolle, die Wanda spielt.
Einmal, da er seine Herrin, als ihr Badediener, unverhüllt sieht, ohne die fetischistisch aufgeladenen Insignien, wirkt ihre Schönheit für Severin weniger grausam, Wanda in ihrer Nacktheit „so heilig, so keusch“ (107). Der Fetisch ist ein Ding, das aufgeladen ist mit übernatürlicher Kraft, mit einer Macht, die ein Ding im Weltbild der aufgeklärten Ratio nicht haben sollte. Der Fetisch ist die Fusion von Materie und Eros, die Fusion von psychischer Energie mit einem Objekt. Fetischismus ist magisches Denken, magischer Zusammenhang. Erotischer Fetischismus beantwortet die alte Truffaut’sche Frage „Haben Frauen was Magisches?“ mit „Ja, und außerdem haben sie was Magisches an.“
Der Fetisch entsteht durch und wirkt auf eine Komponente des Seelischen, die nach Hingabe und Unterwerfung strebt; auf ein Verlangen, sich unwiderstehlich faszinieren zu lassen. So ist der Fetisch prädestiniert zur Liaison mit dem Erotischen. Die Macht des erotischen Fetisch ist es, Träume, Sehnsüchte, Wünsche an sich zu binden. Der Fetisch ist kein Objekt, sondern ein Kosmos. Nach klassischer Regel ist die Frau Trägerin oder Inhaberin dessen, was zum Fetisch werden kann, von Objekten, denen die Macht des Heiligen zugesprochen wird; Teile von ihr oder an ihr werden mit der Kraft der Faszination „geladen“ wie ein elektrischer Akkumulator. Der Fetischist wählt mit dem Fetisch die schöne Unfreiheit in der Relation zu der Persönlichkeit, die den Fetisch innehat.
Der Fetisch ist Konkretion und Eingeständnis der ambivalenten Macht, die die Frau auf den Mann ausübt. Der Fetisch setzt eine Grenze und erhöht mit dieser Setzung der Grenze zugleich die Lust, sie zu überschreiten. Die Frau, die den Fetisch anlegt, ihre Schönheit mit dem Fetisch unterstreicht, verspricht damit absolute Lust; zugleich macht sie sich zur Göttin, zur absoluten Herrin über die Erregung des sie Begehrenden. Der Fetisch bedeutet eine Distanz, die das Begehren sichtbar macht. Der dem Fetisch sich unterwerfende Eros gerät in eine Phase des Suspense und verbindet sich schon in der Einwilligung, die Faszination zu erleiden, mit dem Masochismus; der Masochist willigt ein, sich strafen zu lassen für das sichtbar gewordene Begehren.
Die ersehnte Grausamkeit entsteht für den Masochisten gerade durch die Distanz; die Grausamkeit ist deshalb grausam, weil sie die Distanz sichtbar macht. Darum ist es das Grausamste, dem Masochisten die Grausamkeit zu entziehen: der Masochist lebt in dem „grausamen“ Spannungszustand, der sein Begehren bloßlegt. Die von seiner Herrin getragenen fetischistischen Insignien reflektieren ihm sein Begehren, sie konturieren das, was ihm entzogen wird. Je mehr Entzug, um so gesteigerter sein Begehren; um so mehr Eros als Streben. Die Zufügung durch die Peitsche ist Zufügung über die Distanz. Und trotzdem erlebt der Masochist in dieser Distanz äußerste Verschmelzung; darum leidet er, wenn die Angebetete ihm diese Zufügung entzieht. Weil er aus Leiden Lust gewinnt, potenziert sich die Macht seiner Herrin über ihn; wenn sie tut, was er ersehnt, bindet sein Leiden ihn an ihre Macht; wenn sie es nicht tut, auch. Je weiter die inszenierte Distanz zur Frau, um so aufgeladener das Kraftfeld, in dem Lust und Schrecken changieren: der die Frau anbetende Masochist beweist, wie dieses Changieren zwischen Lust und Schrecken die Distanz nur äußerlich vergrößert, psychologisch aber mit Intensität auflädt.
Severin muß Wanda zu einem nächtlichen Zusammentreffen mit einem Mann im dunklen Mantel am Ufer des Arno bringen. „Das tue ich ja nur, um dich zu reizen“, erklärt sie, „ich muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“ (102). Wanda hätte es vermocht, Liebende und grausame Frau zugleich zu sein, Grausamkeit in ihrer Liebe und Liebe in ihrer Grausamkeit zu leben, aber letztlich ist es Severin selbst, der diese Balance zerstört. Wandas Worte sind nur noch letztes Aufflackern dieser Liebe, vielleicht ist es auch nur noch die Rolle der Liebenden, die sie spielt, um damit die Grausamkeit noch zu steigern, wenn sie ihre Lust an der Dominanz erneut offenbart. Wir erinnern uns an Worte, die Wanda zuvor gesprochen hat: „Es lag wohl in mir […], vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt, entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr anders kann und will, jetzt willst du zurück – “ (66).
Hand in Hand verschwinden Wanda und der Fremde in der Dunkelheit der Büsche, und als sie nach einer qualvollen Stunde zurückkehren, ist Wandas Antlitz von einem schwärmerischen Ausdruck verklärt. Es ist, wie sich herausstellt, ein deutscher Maler, den Severin bald darauf seiner Herrin in ihrer Residenz melden darf. Ob sie ihn liebe? Nun erhalten wir Gewißheit: „Dich habe ich geliebt, so innig, so leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte, aber jetzt liebe ich auch dich nicht mehr […]“ (104).
Als sie sich von dem Maler portraitieren läßt, der sie ebenso anbetet wie Severin, schlägt Wanda ihren Diener nur deshalb mit der Peitsche, damit ihr Antlitz den zu verewigenden grausamen und höhnischen Ausdruck annimmt. Und der Maler verfällt diesem Ausdruck auf der Stelle: „‚Ja -‚ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf – ‚peitschen Sie mich auch.'“ (111). Tatsächlich fesselt Wanda den Maler, „und dann, als sie mit halb geöffnetem Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um Gnade zu bitten schien – es ist nicht zu beschreiben.“ Doch hat die Szene für Severin „einen schauerlichen Reiz“ (112).
Schließlich erregt Wanda sich an der Erscheinung eines Mannes, den Severin Apollo nennt – „Apollo, der den Marsyas schindet“ (115), und sie durchschaut sowohl Severins Gedankenwelt als auch den Unterschied zwischen seiner Gedankenwelt und der Realität: „‚Du kannst dir denken‘, lachte sie auf, ‚daß dieser Mann mein Geliebter ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm gepeitscht zu werden.'“ (116). Du kannst es dir denken, meint Wanda, aber du glaubst immer noch nicht, daß ich es in die Realität umsetze.
Es handelt sich um einen Griechen, wie Severin auszukundschaften beauftragt war, und sein nächster Auftrag lautet, Zusammentreffen Wandas mit Apollo zu arrangieren. „Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.“ (120). Die Frau, die er liebt, begehrt, anbetet, begehrt nun ihrerseits, sich einem Apollo hinzugeben, sich seiner Leidenschaft zu unterwerfen, und Severin muß diesem Begehren beiwohnen, im Beisein beider nur noch als Domestike wahrgenommen; die Eifersucht und die Erniedrigung drohen ihn zu zerreißen. Wanda gibt ihm zu verstehen:
„In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt bin“ (129), sie leugnet nicht, daß in ihr war, was Severin ersehnte; sie wirft ihm nur vor, daß alle Probleme daraus entstanden, daß Severin nur seine Strategie gelten ließ. Severin offenbart sich als derjenige, der glaubte, das Subjekt, von dem er Beherrschung ersehnte, als Objekt kontrollieren, besitzen zu können: „Wenn ich dich nicht besitzen soll (…), so soll dich auch kein anderer besitzen.“ Und wenn Wanda höhnisch antwortet: „Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ (130), verdeutlicht sie noch einmal ihre Position, die von Anfang an eben zu keinem Theaterstück gehörte, als Realität.
Alle vermeintlichen Theaterstücke dienten einem Theater der Realität, auch das letzte: zunächst ihre Liebe zu dem Griechen selbst als Schauspiel deklarierend, dann Severin mit gespielter Zärtlichkeit („Ob ich es noch kann?“, 134) zu einer Auspeitschung einladend, die vorgeblich, zur Beruhigung der Nerven aller, das Gleichgewicht zwischen seiner masochistischen Anbetung und seiner Liebe zu ihr wiederherstellen soll, übergibt Wanda im letzten Augenblick die Peitsche an den plötzlich hervortretenden Griechen. Severin bekennt: „Das übertraf meine Phantasie“ (136), und Wanda bekennt sich zum Genuß an dieser Szene, bekennt sich als Femme fatale: „Es hört Sie niemand (…), und niemand wird mich hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen ein frivoles Spiel zu treiben“ (137). In ihren Pelz gehüllt auf der Ottomane ruhend, sieht Wanda mit grausamer Neugier zu, wie der Grieche Severin alle Poesie aus dem Leib peitscht, nachdem er anfangs selbst hier noch einen phantastischen Reiz empfindet.
Ein Apollo Genannter also symbolisiert die fatalen Rückwirkungen der apollinischen Strategie selbst. Die Erkenntnis des Existierens der Femme fatale jenseits aller Versuche, sie zu verobjektivieren und zu kontrollieren, wird Severin mit apollinischen Peitschenhieben verabreicht. Drei Jahre später erhält Severin einen Brief von Wanda, in dem sie erklärt, sie habe ihn wirklich geliebt, es dann jedoch pikant gefunden, die Verwirklichung seines Ideals zu sein; und sie habe ausprobieren wollen, ob es möglich sei, Severin in einer Radikalkur zu heilen.
Zur Heilung gebracht werden müßte die männlich-apollinische Tendenz, die ersehnten und selbst die gefürchteten Qualitäten in der Frau selbst in die Hand nehmen zu wollen. Wanda glaubt, wie eh und je, wie bei der Begegnung mit Severin, an das Glück des Augenblicks – das es für sie nur ohne übergeordneten Rahmen gibt, nur in einem Feld, in dem alles sein kann, weil nichts sein muß. Wenn die Macht der Frau jenseits apollinischer Strategien anerkannt wäre, könnten das Ausspielen dieser Macht und das Erleben dieser Macht lustvoll bleiben.
Letztlich gibt auch die Venus im Pelz ein Beispiel dafür, wie der hypertrophen apollinischen Strategie der Zustand Horror, die Ambivalenz von Lust und Schrecken, inhärent und nahezu unausweichlich ist. Der Versuch der Distanzgewinnung durch Verobjektivierung unterstreicht die Macht dessen, von dem die apollinische Strategie sich ein Bild mit festen Grenzen und Formen zu machen sucht. Die Macht der fatalen Frau aber ist real genug, um die apollinische Kraft zum Erzeugen des Bildes der fatalen Frau ad absurdum zu führen. Wanda setzt auch den Masochisten als apollinischen Tyrannen außer Kraft. Deleuze irrt, wenn er Wanda lediglich als verwirklichtes Element des masochistischen Phantasmas betrachtet und sie nur als „Bestandteil der masochistischen Situation“ (200) auffaßt. Wanda erklärt alle einschränkenden Bedingungen, die dem Ideal Severins entspringen, für nichtig. Ihre Macht beweist sich in der unendlichen Überschreitung aller Zuschreibungen, die sie treffen. Severin spricht einmal von „ihren mörderischen Lippen“ (54). Was sie tatsächlich tötet, sind alle männlichen Versuche, ihre Freiheit einzuschränken.
Literatur:
Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt am Main 1968
Sophistication, Glamour, sprühender Esprit, feminine Eleganz, sinnlicher Charme, raffinierte Präzision, die Energieladung einer meisterlichen Linie: René Gruau, einer der bedeutendsten Modezeichner des 20. Jahrhunderts, der Mann, der die Essenz der Vision von Dior einfing und umsetzte. Ein Bild von Gruau ist wie ein Konzentrat aus Toulouse-Lautrec, Tippi Hedren und japanischer Kalligraphie.
„Elegance is fluid and therefore by definition difficult to define, but it is made of desire and knowledge, of grace, refinement, perfection and distinction.“ – René Gruau
„He captured that transitory moment when a woman feels confident, beautiful, and adored by those that are observing her.“ – Monica D. Murgia
„Bloß eine Linie? Aber sie ist die Basis aller Kunst. Mit einer einzigen Linie können wir das Erhabene (grandeur) und das Sinnliche erfassen. Die Linie wird zur Synthese der Gefühle und konzentriert das Wissen.“ – René Gruau
„Why we are here? The temporary answer for me is: because you are. So get started. And it won’t be long. The prevailing element for me is: it won’t be long.