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Aljoscha der Idiot – Playlist



4000 x 2 = 8000 Indianerzelt
Materialien: Filzstift, Schreibheft
Von Christian Erdmann, 6 oder 7 Jahre alt

Listening to „Warszawa“ in Warszawa, 20/08/2019


SPIEGEL ONLINE Forum
29.01.2010
Christian Erdmann:
… Tanizakis Konzept japanischer Ästhetik, die beinhaltet, daß Schönheit nicht in den Objekten selbst zu suchen sei, sondern zwischen ihnen, im Helldunkel, im Schattenspiel; im nicht restlos Ausgeleuchteten, im Indirekten und Angedeuteten; …
KLMO:
Habe gerade auch das Büchlein von Tanizaki „Lob des Schattens“ gelesen. Dass hier die japanische Kultur eine größere Sensibilität gegenüber den westlichen Kulturen aufzuweisen hat, ist für mich eine neue Erkenntnis.
Christian Erdmann:
Hast Du das Gespräch von Gero von Boehm mit Ryuichi Sakamoto gesehen? Sehr interessant: von Boehm spricht Sakamoto auf den Film „Merry Christmas Mr Lawrence“ an. Britische Soldaten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf Java, 1942. Major Celliers, gespielt von David Bowie, gerät in eine hochkomplexe, erotisch aufgeladene Beziehung zum Kommandeur des Lagers, Yonoi, gespielt von Ryuichi Sakamoto, der ein strenges bis sadistisches Regiment walten läßt, aber auch deutlich als feinsinniger Mensch erkennbar ist, der gegen seine eigenen Neigungen kämpft. Lawrence ist der britische Colonel unter den Gefangenen, der in der hochangespannten Lage versucht, eine Brücke zwischen den Kulturen herzustellen, der Japanisch sprechende Vermittler, aber die Lage eskaliert, weil Yonoi, zerrissen zwischen seiner Faszination für Celliers (Tabu der Homosexualität in ultranationalistischem Kontext) und dem Druck, seiner Rolle entsprechen zu müssen, zunehmend die Selbstbeherrschung verliert, provoziert von Celliers, der ihn durchschaut. Als Yonoi einen dramatischen Aufmarsch aller Gefangenen inklusive der Schwerverwundeten befiehlt und ein letztes Mal Informationen einfordert, ist er kurz davor, dem Gefangenensprecher den Kopf abzuschlagen. In diesem Moment tritt Celliers hervor, geht auf Yonoi zu, und küßt ihn. Yonoi fällt in Ohnmacht, Celliers wird büßen.
Von Boehm bemerkt, daß der Regisseur Bernardo Bertolucci dies „die schönste Kußszene der Filmgeschichte“ nannte: „Weil es zwei Männer waren?“ Sakamoto: „Probably…“ – Ein sehr höfliche, japanische Art zu sagen: Blödsinn. Im nächsten Satz sagt Sakamoto dann, einer wie Bertolucci nehme „Dinge wahr, die andere nicht sehen“. Sakamotos Antwort hier, würde ich sagen, ist auch ein Beispiel für das Indirekte. :)
Empfehlung dazu: die drei Geschichten „Trennender Schatten“, „Die Saat und der Säer“ sowie „Das Schwert und die Puppe“ von Laurens van der Post, Original erschienen 1963, unter dem Sammeltitel „Das Schwert und die Puppe“ 1994 bei Diogenes erschienen. Van der Post stand in den 1930ern dem Bloomsbury Set nahe und war während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft selbst eine Art Mr Lawrence. Feinfühliger Versuch, die „japanische Seele“ zu ergründen, insgesamt ein Zeugnis für das Aufrechterhalten von Würde, Hoffnung und Verständnis under pressure, zumal in Zeiten der Eskalation kulturellen Mißverstehens.
KLMO:
Natürlich habe ich das Interview gesehen. Wie Sakamoto sein Freiheitsideal radikal umsetzte, hat mich am meisten fasziniert.
Schon als Kind bekennt er rigoros, dass er keinen Beruf anstrebe. Beruf heißt für ihn Bindung, Abhängigkeit – und das lehne er ab.
Dass der schon in der Kindheit mit solch einem Freiheitswillen durchdrungen war, ist allein schon ein Ausnahmephänomen. Er folgt und vertraut nur seiner eigenen Kreativität und wird dabei noch erfolgreich. Dabei auch interessant, dass er sich ungern in der Musik festlegen will und andererseits die chinesische Kultur und Musik eingehend studiert, um einer Filmmusik, die er komponiert, gerecht zu werden. Dabei bestach beim Interview immer wieder seine Gelassenheit ohne jeden Pathos.
Christian Erdmann:
„Es sind die kleinen Ziele, viele kleine Ziele.“ – Ein überaus sympathischer Mensch von stiller, beeindruckender Offenheit, fürwahr. Trotz Haßliebe zur chinesischen Kultur – „Und die chinesische Fünftonmusik mag ich sowieso nicht“ – die Essenz dieser Musik verstehen zu wollen: gerade wenn eine solche Haltung, übertragbar auf beliebige Zusammenhänge, so selbstverständlich wirkt wie bei ihm, wird einem deutlich, wie häufig man sie bitter vermißt. – Schön auch seine Antwort auf die Frage, was er in New York „hört“: den Sound von 1 Million Klimaanlagen.

Ryuichi Sakamoto
17.01.1952 – 28.03.2023
R.I.P.

Pattie Boyd has slammed today’s youth for being ‚woke‘ and ‚oversensitive‘, adding that she misses her heyday in the ‚totally free‘ Swinging Sixties.
The model, 78, claimed the snowflake youths have stolen her hard-won freedoms, adding that she finds the change in attitude to be ‚odd‘.
She said: ‚Everybody’s so different, particularly young people now. You know, they’re woke and over-sensitive about everything. And I thought, „How odd.“
‚I feel that there’s been a huge cycle, because in the 1960s we broke away. We wanted freedom, we fought for it, and we wore outrageous clothes and short dresses.
‚Artists painted outrageous things, filmmakers started being totally free. Here was a freedom suddenly.
‚I feel that cycle is now coming to an end. The freedom has been taken away. It’s the opposite of the 1960s, when we were brave and we could say and do anything.‘
Daily Mail 05/2022




Auch wir sind in Räumen freigelegter Zeit
Wie weiße Spinnen, die in Einsamkeit sich weben
Träumend, wie im Garten vor lang verschwundenen Monden
Ein Wispern war im Rauschen dieser Blätter
Wartend, daß noch einmal unser Weben so erzittert
Rubinrot auf den Lippen und sie sagte: komm
Und der Wind, der ihre Haare wehen ließ
War kalt und nicht von dieser Welt
Und sie verging, als wäre sie ein Stich ins Licht
Und seither all die Tode, die uns trennen


SPIEGEL ONLINE Forum, 17.09.2008
Kleine Tour durchs Reich der Verdammten. Es muß mal gesagt werden. The Damned haben 1985-1986 mit „Phantasmagoria“ und „Anything“ zwei Platten gemacht (und dazwischen „Eloise“), die so klingen, als hätte die Tochter von Bela Lugosi und Maila Nurmi Dave Vanian gezwungen, die besten Songs aller Zeiten zu schreiben, andernfalls sie ihn wie Turandot ihre Freier köpfen lasse. Vanian tat sein Bestes, und für Sachen wie „Sanctum Sanctorum“ oder „The Portrait“ wäre gar Lord Byron nochmal angerannt gekommen, wäre er nicht mit dem Luziferfuß umgeknickt. Dave Vanian hat zweifelsohne eine phantastische Stimme.
„Oh yeah, he’s quite a strong bloke old Dave. He actually really used to be a grave digger. He really lives the lifestyle. I know it sounds weird but he really is into it. The whole lifestyle, the motorbikes, the ex-grave digger bit and all that stuff. I like the bloke a lot, he’s a bit of an enigma. I think he’s tinged with madness. I really think he is, because of the twenty years I’ve known him he’s never changed and he’s always backed up whatever he said. Once I went round his house, he was living in a basement and he’d had a flood. I said “ ‚ello Dave how’s it going “ – He said „The drains have flooded, can you help me get this carpet out“. Actual sewage had come up through the drains and it wasn’t very pleasant. We got the carpet out and I said „What’s that under there then, that’s a pentagram. Is that like satanic stuff or what?“ And he says „It must have been put down by the previous owners of the flat“. Now does that ring true to you, the bloke sitting there dressed up as Dracula, with a hearse sitting outside the house and he’s telling me it must have been someone else who done the pentagram. I don’t think so, do you.“ – Captain Sensible
„We complement each other as songwriters, neither of us treading on each other’s toes. We both love 60s garage music and appreciate a bit of dark melancholy … And the bloke is the best singer of his generation.“ – Captain Sensible 2019
Nicht seit dem Tag, an dem ich Antipapst wurde.
Hommage an Pink Floyd mit Syd Barrett + Hawkwind + Neu! + Ron Asheton +++, + ureigene The Damned-Perfektion. Und ja, das ist Dave Vanian.

Und noch immer ist The Damned eine der unterschätztesten Bands des Planeten. Ja, The Damned war die erste Punk-Band, die im Vereinigten Königreich eine Single veröffentlichte („New Rose“, 22. Oktober 1976. Daniel Ash von Bauhaus: „The perfect single. Brilliant.“), aber wer sie auf „Punk“ reduziert, kann auch die Beatles auf „She Loves You“ reduzieren. Tatsächlich hat sich das Universum der Verdammten ähnlich atemberaubend ausgedehnt wie bei den Beatles, vielleicht in nicht ganz so rasanter Geschwindigkeit, aber die Liste ihrer Erfindungen ist lang, Psychpunk, Gothpunk, Progpunk, you name it.
Im Oktober 2019 baten The Damned ins Londoner Palladium zur „Night of a Thousand Vampires“, bei welcher Gelegenheit die Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison, Emily, erneut mit ihrer Violine bei „Curtain Call“ auf der Bühne erschien – und zwar exakt so goth, wie man sich eine Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison vorstellt. Bei aller schauderhaft schönen Theatralik machte dieser Abend die herausragende Virtuosität der Herren Vanian, Sensible & Co nochmals deutlich.
Ich besitze noch einen SPEX-Artikel, betitelt: „10 Jahre Damned oder Gröhl, gröhl, gröhl!“. Michael Ruff damals: „Ich muß da ganz subjektiv werden: Es ist so gut, daß es sie gibt.“ Einer der besten Sätze aus 100 Jahren SPEX. Bald heißt es „100 Jahre The Damned“ und natürlich macht ihre chaotische Brillanz keine Gefangenen, darum gilt für die Tatsache, daß wir es mit phantastischen Musikern, einem phantastischen Sänger und jederzeit phantastischen Songstrukturen zu tun haben: blink and you miss it.
Als Intro wählen die Beatles des Punk eine Version von „The Man With The Golden Arm“. Dave Vanian im feinen schwarzen Anzug, weißes Hemd, blutrote Manschettenknöpfe, schwarze Handschuhe, Sonnenbrille, The Invisible Man-Hut. Las vor einer Weile: wie kann jemand nur so dapper aussehen, der seit 500 Jahren kein Spiegelbild hat.
„Street Of Dreams“, „The Invisible Man“, „Wait For The Blackout“, „Lively Arts“, „Born To Kill“ dann annonciert Dave „We got a new album“, und sie spielen es fast zur Gänze, „exclusively on Reeperbahn!“, charmant gelogen natürlich, aber dann folgen tatsächlich 9 Songs von „Darkadelic“ am Stück.
Wir stehen in der ersten Reihe, 3 Armlängen vom Captain entfernt, da dreht sich einem schnell das Gehirn im Schädel. Madame hier gut zu erkennen am Poison Ivy-roten Haar, und als der Captain in unsere Richtung blickt und erklärt: „Nice looking audience actually… much prettier than in England“, meint er nicht mich. Women and Captains first.
The Damned pflegen liebenswerte Anarchie, schön zu sehen bei „Love Song“, als Dave Vanian aus ohnehin schon ironisch inszenierter klassischer Rockpose, der Captain und Paul Gray Schulter an Schulter, bizarres Slapstickgetümmel macht.
Der Abend besteht aus 100 Minuten ungebremster Spielfreude, als die Band zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommt, stehen die Herren länger als geplant ohne Gitarre und Bass da, Dave Vanian singt „Why are we waiting?“, Captain und Publikum beschließen ein „Wot!“-Impromptu, das für Entzücken auch beim Captain sorgt: „Vielen Danke, mein Damen, mein Herren!“ Bei „Eloise“ hat Paul Gray dann Probleme mit seinem Bass, der offenbar völlig verstimmt absäuft, Herr Gray kurzzeitig auch verstimmt, dafür hat er eine wunderbare Szene am Ende des neuen „The Invisible Man“-Videos: „You got the package?“ – „Just drive, fool!“ – „Charming“. Wer kennt das nicht.
„We’re cursed“, grinst der Captain, was schiefgehen kann, gehe schief, aber alles in the best of spirits, auch bei der Vorstellung des wieder mal in eine Art totenkopfübersäten Schlafanzug gekleideten Monty Oxymoron, Captain: „How did he end up in a punk band?“, Dave: „That’s a long story.“ Bei „Smash It Up“ noch Captain an Dave: „You’re in fine voice tonight!“, und es gibt noch ein zweites Zugabenset, ganz am Ende „New Rose“. Eine der besten Debut-Singles in allen Sonnensystemen. Is she really going out with him?
Bad Smartphone Pics:







A Night of a Thousand Vampires

She’d sigh like Twig the Wonder Kid / And turn her face away
