Gorgeous!!! „Man sollte seine Eltern nicht verlieren.“ „Öhm, also eigentlich haben sie mich verloren.“ Ahhahaha… die Dame ist großartig, I am amused! Herrlich, dieser Adventskalender ist jetzt schon legendär. Sprung in die Seventies, zum Plattenschrank meines Bruders. Er mußte immer wieder die Platte mit den komischen blauen Figuren auflegen und Klein Katy hat getanzt… Kennen Sie Monsieur Jarre?
Dazu haben Sie getanzt? Stell‘ ich mir aber chic vor! Der Mann war doch mal mit Charlotte Rampling dings, wie heißt das noch? Naja, wie sagte Helmut Berger: „Es gibt keine Charlotte Rampling mehr!“ Es gibt auch keinen John Silver mehr! Ich meine Ivor Dean als John Silver. Ein Mann, ein Bein. Bin erst jetzt zurück wegen 6 Stunden „Die Schatzinsel“ am Stück, göttlich, heutegestern war ja Brian Molkos Geburtstag, und wenn die 70er jetzt dran sind, voila, leider etwas verspätetes zehntes Türchen:
Hähä, ja, was man mit 6 Jahren im blau-weiß geringelten Nachthemd so unter Tanzen versteht. Charlotte Rampling genau, 20 Jahre sogar, inzwischen ist er mit ner anderen ge- äh verdingst. Aber davon ahnte ich natürlich damals nichts. Schatzinsel geht 6 Stunden? Kam mir immer kürzer vor, oder gibt es noch ne andere als diese?
Brian ist toll! Und ein Song von David, schöööön. Pierrot The Clown ist aber noch schöner. Und mit welcher großartigen Band sind die beide schon mal aufgetreten, naaaa?
Back to Christmas. Hinter der 11. Tür tanzen schon wieder Puppen.
Love the Roll Call mit Headless Bill. Aber den einzig wahren John Silver sieht man natürlich hier:
Pierrot The Clown? Oh ja, einer der Kandidaten für one damn song that can make me break down and cry. The Puppini Sisters gefallen mir sehr. Benutzen denselben Lippenstift wie Robert Smith, aber das ist Ihnen sicher bekannt. Tanzen gehört natürlich unabdingbar zur Christmas Season.
Très chic. Ich glaube, Robert hat die Farbe inzwischen gewechselt, nicht mehr ganz so grell. Snoopy – sehr schön, besonders in Verbindung mit Schröder (so heißt er doch, oder?). It’s Friday, so lets dance again.
Surreal schön. 12. Sternenkrone, 12 himmlische Throne. Hohepriester hat 12 Edelsteine, 12 Engel an der Leine.
Eine engelsgleiche Sinéad, wunderschön. Möchte man gleich raus und in wallenden Kleidern durch den Nebel laufen à la recherche nach Weihnachtsgeistern. Und weil ich die beiden, die heute in der U3 ganz wunderschön „Winter Wonderland“ gesungen habe, nicht gefilmt habe, ist the thirteenth ein awful good girl.
Eartha Kitt – das phantastische „Champagne Taste“ hörte ich zum ersten Mal, als irgendwo irgendwann mal in tiefster Nacht sozusagen ins Crazy Horse Paris umgeschaltet wurde, und die Damen vom, äh, Ballett dem Song eine atemberaubende Dimension hinzufügten. „Santa Baby“ läßt ja wohl jeden Schneemann schmelzen.
Ich besitze einen Haufen Tapes mit Aufnahmen von Platten, die Titel hatten wie „Desperate Rock’n’Roll“, und so klingt das auch. Irgendwie folgerichtig habe ich den Song fürs 13. Fenster denn auch gerade auf einer Website gefunden, die mit „the worst Christmas songs ever created“ prahlt. Naja. Ich finde den schon sehr charmant. Patsy Raye & The Beatniks also, „Beatnik’s Wish“.
An Eartha kommt man eben nicht vorbei. Ich hörte heute den lieben langen Adventssonntag Oldie 95, während ich hier Weihnachtsfein zauberte. Die spielen an den Adventswochenenden 24 Stunden immer dieselben 25 Christmas Carols.
Just to please you, Mylord: mehr Trash, le numéro 14:
Very pleased! An den Engeln, die Chapman da umtanzen, komme ich auch nicht vorbei… muß erstmal raus und einmal um den Block laufen, Moment.
Die Weihnachtsüberdosis dieses Senders hatte ich vor 2 Jahren auch oft laufen, als ich diese Wohnung renovierte… seufz.
Weihnachtsfeinzauber, *pling*, Ballett, “Nachmittag eines Fauns“, ähnlicher Skandal damals wie „Sacre“.
Zwischen dem 13. und dem 17. Januar 2011 erschufen ray05 und ich im SPIEGEL ONLINE Forum „Unter deutschen Duschen – was singen Sie denn?“ den universalen Systemkünstler Dieter Kurzhorst-Faust in einer Art Free Jazz-Improvisation, ungeplant und ohne Absprachen. Hier ein Nachvollzug der kometenhaften Laufbahn des Dieter Kurzhorst-Faust, von den Anfängen bis zum Zurückspulen seines Kopfes um 15 Delsol.
13.01.2011
ray05:
ROLF: Can’t You Hear Me Knocking war das und gewünscht hat sich diesen Titel der Horst aus Marburg. Tja, liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Feuerwerk, wir begehen heute den 40. Geburtstag von Sticky Fingers, dem legendärkultigen Stonesalbum. Und ihr könnt euch heute euren Lieblingssong von dieser Platte wünschen. Sooo, wen haben wir denn jetzt in der Leitung? Das ist die Pamela, oder? Hallo Pamela!
PAMELA: Hi Rolf.
ROLF: Wie geht’s dir, Pamela, von wo rufst du an?
PAMELA: Ich sitz grad auf meiner Heizung.
ROLF: Du sitzt auf deiner Heizung. Haha, guter Witz, Pamela sitzt auf ihrer Heizung. Ist dir kalt? Ich mein, die Frage musste jetzt kommen, haha.
PAMELA: Nö. Ich bin ganz nackich.
ROLF: Uiuiui, Pamela, wir woll’n hier aber jugendfrei bleiben, hahaha.
PAMELA: Das ist so eine alte Heizung, so ein geripptes Teil.
ROLF: Aaahah. Gut. Und du bist eingefleischter Stonesfan, stimmt’s?
PAMELA: Nein halt, ich hab ja ein Headset auf. Bin also nicht völlich nackich.
ROLF: Welchen legendären Klassiker von Sticky Fingers wünschst du dir denn, Pamela?
PAMELA: Amphetamine Annie.
ROLF: Eieiei, Amphetamine Annie ist gar nicht von den Stones, daaa muss ich dich leider enttäuschen.
PAMELA: Dann was anderes.
ROLF: Wild Horses wär noch frei. Magst du Wild Horses?
PAMELA: Mhm.
ROLF: Aaaaalso, jetzt Wild Horses vom legendären Stonesklassiker Sticky Fingers, dessen 40. Geburtstag wir heute auf Radio Feuerwerk gemeinsam feiern. Pamela, magst du noch jemanden grüßen, bevor’s mit den wilden Pferden losgeht?
PAMELA: Nö.
Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
ROLF. Das war Wild Horses von den Rolling Stones, den Song hat sich die Pamela gewünscht, Pamela von der Heizung. 40 Jahre Sticky Fingers und wir hier bei Radio Feuerwerk feiern mit euch da draußen die Platte mit dem Reißverschluß. Tja, Dieter, das waren noch Zeiten, als der Andy Warhol noch mit den Jungs zusammenarbeitete, oder?
DIETER. Ja, der hat ja unheimlich viel gemacht. Der Andy.
ROLF. Ja. So, da haben wir schon den nächsten Caller in der Leitung, höre ich, das ist die Camilla, hallo Camilla?
CASMILLA. Casmilla.
ROLF. Ja grüß dich, Casmilla. Von wo rufst du an?
CASMILLA. Ich stehe vor einem Sandkrater und warte darauf, daß das Meer kommt, mit Pottwalen und Plankton und Quallen und sogar mit Schiffswracks.
ROLF. Das ist ja super, Casmilla, wie alt bist du denn?
CASMILLA. 11.
ROLF. Na sag mal – na sowas.
CASMILLA. Na sowas.
ROLF. Casmilla, wünschst du dir denn auch einen Titel von der Platte, die wir heute hier, ähm –
CASMILLA. Ja, ich möchte den mit dem bläulich-weißen Schimmer.
ROLF. Ahhmm… also ich bin nicht sicher, ob –
CASMILLA. Mißtrauen hat ein rotes Licht, weißt du?
ROLF. Casmilla, ich fürchte –
CASMILLA. Befürchtung ist orange.
ROLF. Ach.
CASMILLA. Sehnsucht ist wie Johannisbeersorbet.
ROLF. Du meinst Cassis?
CASMILLA. Mhm.
ROLF. Welche Farbe haben Lieder von Francoise Hardy?
CASMILLA. Die meisten sehen aus wie dunkle rote Rosen. Aber manche auch wie Schwertlilien.
ROLF. Welche Farbe hat es, wenn das Schicksal sich ins Fäustchen lacht?
CASMILLA. Gelb wie ein Rapsfeld.
ROLF. Und Schimpfworte, welche Farbe haben die?
CASMILLA. Schimpfworte haben keine Farbe.
ROLF. Warum nicht?
CASMILLA. Wenn man Schimpfworte braucht, kann man ja doch nicht richtig sehen.
ROLF. Also schön. Gut. Danke, Casmilla. Hier der letzte Song von Sticky Fingers, ich hoffe, es ist der mit dem verdammten bläulich-weißen Schimmer!
DIETER. Mondstein. Sie meint Mondstein.
ROLF. Schnauze!
14.01.2011
ray05:
ROLF: Dieter, du sprachst schon gestern viele Dinge an, die unsere Hörer bewegten …
DIETER: Ja, gibt viele Dinge, und alle machen was mit uns.
ROLF: Du nimmst jetzt explizit Bezug auf „Pi“, den Film.
DIETER: Ja, und ob. Ich und Darren, dann noch Kenny, der sich kurz zuvor von seiner Frau getrennt hatte… Ich mein, wir wollten damals einfach die Filmsprache komplett umkrempeln. Das wussten wir einfach, dass wir das…
ROLF: Du nimmst jetzt explizit Bezug auf „Pi“, den Film. Da findet ja ein Mathematiker die Weltformel.
DIETER: Ja, und ob. In Brooklyn damals war so eine kreative Stimmung, die man mit den Händen greifen…
ROLF: … und dann kamt ihr auf die Idee mit dem Schwarzweiß.
DIETER: Ja, die Idee kam mir, als wir drei im PizzaBag saßen, gleich um die Ecke wohnten Paul Auster, Harvey Keitel und Sidney Lumet, und das war ja ’ne ganz große Kligge damals, in der jeder jeden beeinfluss…
ROLF: Augenblick, Dieter, grad kommt ’n Anruf rein von der … Casmilla! Hejdu Casmilla, was hast du denn heute auf dem Herzen?
CASMILLA: Wollt‘ sagen, dass es gar nicht schwarzweiß ist, wenn man die Weltformel findet. Das stimmt nicht, da im Film.
ROLF: Wie denn dann?
CASMILLA: Man geht in der Lieblingsjeans zum Strand runter und dann findet man so eine Flasche, in der steckt die Formel drin und alles. Und alles war bunt und nicht schwarzweiß.
ROLF: Flaschenpost?
CASMILLA: Mhm.
DIETER: Rolf, hörmal …
ROLF: Pscht! Und was hast du dann mit der Formel gemacht, Casmilla?
CASMILLA: Meinem Bruder gegeben.
ROLF: Toll. Und wie alt ist dein Bruder?
CASMILLA: Fünf. Er heißt Arne. Du, Rolf …
ROLF: Was denn?
CASMILLA: Dieter soll sich auch mal ein Lied wünschen dürfen.
ROLF: OK, Dieter wünscht sich jetzt ein Lied. Danke für deinen Anruf, Casmilla. Wir mögen dich alle sehr. Na, Dieter, jetzt wünsch dir … Dieter? Haut der Knilch einfach so ab …
15.01.2011
Christian Erdmann:
ROLF. Mit mir im Studio Dieter Kurzhorst-Faust, der deutsche Kultregisseur. Ja, Dieter, man kann eigentlich sagen, daß du auf allen Gebieten der Kunst zuhause bist, du hast ja alles irgendwann mal gemacht. Auch Geo-Installationen, kann ich mich erinnern.
DIETER. Ja, das war damals, als wir mit der Patti unterwegs waren, der Tschäcki und ich. Die war so crazy, die Patti. Ging so eine Stunde im Kreis rum und spielte dabei Klarinette, weißte. Und dann sagte sie plötzlich: ich sah gerade ein großes, ausgetrocknetes Flußbett, das von einer merkwürdigen weißen Substanz bedeckt war, und es standen vier Sonnen darüber. Und dann meinte sie, dieses Flußbett stehe in Verbindung mit einem anderen Fluß, weit entfernt in Moskva, der gerade über seine Ufer getreten ist. Ja, und das bauten wir dann nach. Die Idee war so, das geheime Prinzip des Wassers verstehen, weißte.
ROLF. Irre. Ich kann mich noch erinnern, daß keiner so richtig –
DIETER. Wir wollten noch so eine Schutt-Anhöhe bauen, weißte, von der die Patti dann immer runterläuft, aber die hatte keine Zeit.
ROLF. Alles unheimlich spannend, Dieter. Wir wollen aber kurz den nächsten Anrufer zu Wort kommen lassen, das ist der … Arne. Gut, daß du anrufst, Kleiner.
ARNE. Wegen der Weltformel nämlich.
ROLF. Du rufst wegen der Weltformel an, Arne.
ARNE. Ich weiß, wie die geht.
ROLF. Sagst du uns auch, wie die geht?
ARNE. Meine Schwester ist blöd.
ROLF. Das ist die Weltformel?
ARNE. Nö.
ROLF. Hör mal, Arne, wir haben ja hier den Dieter, der hat ja auch mal einen Film gemacht mit einer – Dieter, bringst du mir eine Pizza mit? Also wegen der Weltformel, Arne, ich wäre da wirklich interessiert. Magst du die vielleicht verkaufen? Oder tauschen? Vielleicht gegen ein Saurierskelett aus Plastik, Superteil? Du magst doch Saurier?
ARNE. Nö.
ROLF. Fein, Arne. Ist Casmilla da bei dir?
ARNE. Ich kann Schach.
ROLF. Gibst du sie mir mal? Hallo?
CASMILLA. Das mit den beiden Flüssen war auch falsch.
ROLF. Ich bin ganz Ohr, Casmilla, aber wegen der Formel –
CASMILLA. Man kann das Wasser nicht vom Land aus verstehen.
ROLF. Nicht?
CASMILLA. Das Wasser hat eine Herrscherin. Warst du mal in der Unterwelt?
ROLF. Großer Gott, nein, ich war noch nicht in der Unterwelt.
CASMILLA. Alle denken, Hades ist der Herrscher der Unterwelt. Aber in Wirklichkeit ist Persephone die Herrscherin. Hades macht eigentlich gar nichts. Persephone ist sehr schön. Aber auch sehr streng.
ROLF. Und die Herrscherin des Wassers, wie heißt die?
CASMILLA. Weiß nicht. Herrscherin. Arne möchte auch ein Lied.
ROLF. Schön, ja, also, spielen wir schnell ein Lied für Arne. Was will er denn hören?
CASMILLA. Lorelei.
ROLF. Ich glaubs nicht.
ray05:
Radio Feuerwerk proudly presents Rolfs Kulturshow, wie immer mit Rolf Krauthausen …
ROLF: Guh-ten Abend.
… und wie jeden Tag mit tatkräftiger Unterstützung von PizzaBag xxx Piiiizzzaaa Bäääg xxx 5000 mal in Deutschland, also auch gleich bei dir um die Ecke xxx Kultur geht nur mit PizzaBag xxx Piiiizzzaaa Bääääg xxx
ROLF: Und bei mir im Studio sitzt, wie schon die ganze Woche über, Dieter Kurzhorst-Faust, der deutsche Konzeptkultkünstler. Hallo Dieter, schön, dass du heute wieder mit dabei bist.
DIETER: Hallo Rolf. Macht Spaß mit euch allen hier.
ROLF: Unser Thema heute: Phänomene, die die Welt entsetzen. Dieter, du selbst hast ja Erfahrung mit entsetzlichen Phänomenen. Das wurde ja fast totgeschwiegen, was dir in Ägypten passiert ist. Erzähl nochmal. Wie gingst du damit um? Und wie stehst du heute dazu?
DIETER: Ja, das war die Sache, als wir eine von den Gizeh-Pyramiden unter Strom setzten. War angesagt damals, Dinge unter Strom zu setzen. Ich hing ja oft mit Danny rum damals und …
ROLF: Und plötzlich war die Pyramide weg, nicht wahr? Verschwunden, einfach so. Mit dir, denn du warst drin in der Pyramide.
DIETER: Ganz genau, ich hatte drinnen beim Kabelziehen meine Sonnenbrille verloren und ging nochmal rein, um sie zu suchen. Da drückte draußen einer auf den Schalter und die Kagge war am Dampfen. Ich drin in der Pyramide und plötzlich war’n wir wohl weg. Also, die Pyramide und ich gleich mit ihr.
ROLF: Irre. Wie ist das denn so, wenn man einfach so weg ist, was geht einem da durch den … Sekündchen, Dieter, hier schon der erste Anrufer zu unserem heutigen Thema: Phänomene, die die Welt entsetzten – eine Anruferin! Hallo, äh, Casmilla!
CASMILLA: Arne hat seine Pizza verschwinden lassen. Ich hab’s genau gesehen. Und jetzt will er uns alle verschwinden lassen. Mein Bruder ist sooo blöd.
ROLF: Gib ihn mir mal. Ist er da?
ARNE: Ich kann Dinge verschwinden lassen.
ROLF: Toll. Wie hast du das denn gemacht, Arne? Du weißt, hier sitzt der Dieter, der ist auch einmal einfach so verschwunden.
ARNE: Dieter hat keine Ahnung.
DIETER: Kommkomm.
ARNE: Ich lass jetzt den Dieter verschwinden. Soll ich?
ROLF: Warte, kannst du denn auch Dinge hervorzaubern?
ARNE: Ich kann König der Löwen auf dem Kazoo spielen. Soll ich?
ROLF: Nee, wünscht euch ein Lied, du oder Casmilla.
CASMILLA: Ich wünsch mir das Sphinxmäßige von Medeski/Martin/Wood. Geht das?
ROLF: Alles geht. Bommi?
BOMMI: Hamwer, das Teil.
… und wie jeden Tag mit tatkräftiger Unterstützung von PizzaBag xxx Piiiizzzaaa Bäääg xxx 5000 mal in Deutschland, also auch gleich bei dir um die Ecke xxx Kultur geht nur mit PizzaBag xxx Piiiizzzaaa Bääääg xxx …
ROLF: Bommi, hast du Dieter gesehen?
BOMMI: Wollt ich DICH grad fragen. Ist wohl Pizzanachfassen gegangen.
16.01.2011
Christian Erdmann:
ROLF. Hallöchen sagt Rolf, auch heute wieder mit mir im Studio von Radio Feuerwerk ein Gast, den ihr alle kennt, Dieter Kurzhorst-Faust, das deutsche Universalgenie, kann man sagen, Dieter, oder? Du bist ja eigentlich ein echter Renaissancemensch.
DIETER. Ja, nur daß die keine Kameras hatten damals. Sonst sträube ich mich gar nicht gegen den Vergleich, weißte. Bin ja nicht eitel.
ROLF. Haha, ja, das bringt uns gleich zu deiner nächsten Experience. So nanntet ihr das damals.
DIETER. Ja. Das hing so in der Luft damals, das Wort.
ROLF. Dieter, wie war das. Nach der irren Pyramidensache. Ihr seid einfach so mit der Kamera durch den Kabbalistenkongreß in Karinablad spaziert?
DIETER. Genau. Das Unsuchbare suchen, weißte.
ROLF. Aber dann gab es Probleme.
DIETER. Mit Marlon, ja. Der kam an, setzte sich in eine Hütte, pitscherte sich immer kaltes Wasser über die Glatze, aß das Drehbuch auf und verschwand.
ROLF. Ihr hattet ein Drehbuch?
DIETER. Bis der Fettsack das in die Finger bekam, ja.
ROLF. Ihr mußtet also improvisieren. Aber hat nicht gerade das den Film letztlich zu dem gemacht, was er ist?
DIETER. Ach, ich will mich gar nicht auf eine Beschreibung festlegen. Der Film entsteht eigentlich erst im Kopf des Zuschauers. Mein eigener Kopf war ja auch noch nicht ganz der alte. Wegen der Pyramidensache.
ROLF. Irre. Was viele ja nicht wußten, warum du immer mit der Maske rumgelaufen bist damals.
DIETER. Das war keine M-
ROLF. Dieter, wir haben da gerade einen Anrufer, hallo Arne, bist du’s?
CASMILLA. Ich bin’s. Arne sagt, er gibt Marlon Brando nur gegen Lösegeld raus.
ROLF. Aber Casmilla, das kommt ein bißchen spät, weil, Marlon ist –
CASMILLA. Ist er nicht. Er ist hier.
ROLF. Das wäre ja sensationell, Casmilla, aber nach allen Gesetzen des Lebens und des Todes –
CASMILLA. ODER MARLON. We are the hollow men, we are the stuffed men.
CASMILLA. Na?
DIETER. Vorsicht. Das kann auch Arne gewesen sein.
ROLF. Ich bin da jetzt doch etwas skeptisch, Casmilla.
CASMILLA. Na dann nicht. Ihr Ungläubigen.
ROLF. Gib uns Bedenkzeit.
CASMILLA. Arne will ein Fluchtraumschiff.
ROLF. Wir – wir klären das, Casmilla. In der Zwischenzeit, schlage ich vor… spielen wir kurz einen Song aus dem Soundtrack von „Karinablad – eine Experience“ von Dieter Kurzhorst-Faust.
17.01.2011
ray05:
ROLF: Radio Feuerwerk kommt heute live von der Kunstmultiplikale in Archangelsk, und den langen Weg ans Eismeer hat mit uns gemacht: Dieter Kurzhorst-Faust, die deutsche Ausnahme.
DIETER: Priwet!
ROLF: Dieter, deinem Lebenswerk ist hier ein eigener Pavillon gewidmet, Handaufsherz, da kommt schon ein wenig Stolz und Genugtuung auf, oder? Der eigene Pavillon, noch dazu in Archangelsk …
DIETER: Klar, das sind ja echte Profis hier am Polarkreis, und von denen eingeladen zu werden, das ist schon exzeptionell. Jewgeni Prokopotossow, der Multiplikale-Chef, klopfte ja persönlich bei mir in Bünde an, und er sagte: Dieter, wir brauchen dich, wir wollen dich unbedingt. Rolf, du kennst mich ja, ich bin nicht der Typ Künstler, der da noch eitel Nein sagt.
ROLF: Flussbett mit vier Sonnen, die Strompyramide, die Filme Pi und Kabbala im zwölfstündigen Rohschnitt, dein frühes Punkdrama Bünderfleisch, Dieter, all deine legendären Sachen werden ja hier in Archangelsk wieder gezeigt und aufgeführt – aber, mit Ptäut’s Revenge ist auch eine aktuelle Installation von dir dabei. Erzähl mal, wie kam’s dazu. Ptäut’s Revenge hat ja in der Anmutung etwas von einer Pudelmütze.
DIETER: Nun, seit geraumer Zeit hat Traumdeutung einen Impakt auf meine Arbeit. Es gab da einige Experiences in meinem Leben, die –
ROLF: Ganz kleinen Moment, Dieter, auch unsere Hörer wollen zu Wort kommen, und hier haben wir auch schon den – nee, oder?
ARNE: Pudelmütze, dass ich nicht lache.
DIETER: AAH! – der große Ptäut. Ich erkenne seine Stimme. Er will mich wieder holen! Auf sein Schiff! Er hat ein großes Raumschiff und kann jeden holen!
ROLF: Irre. Äh – …
ARNE: Marlon spielt ausgezeichnet Backgammon.
DIETER zerrt panisch an Studiokabeln: Sprich nicht mit ihm, Rolf, der große Ptäut kann jeden holen und verschwinden lassen. Marlon, mich, dich, alle! Er hat die Formel!
ROLF: Pscht! Arne, ist Casmilla auch da? Wünscht ihr euch ein Lied? Hallo? Kein Netz mehr. Bommi!
BOMMI: Leitung steht wieder. Anrufer in der Warteschleife!
ROLF: So, und da haben wir auch schon – die Casmilla! Gut, dass du anrufst. Hör mal, Kleine, sprich mal ein ernstes Wort mit Ptäut, äh, Arne. Langsam übertreibt er etwas.
CASMILLA: Arne sagt, auch die Außerirdischen haben ein Problem mit Weltraumschrott. Er hat sich bereiterklärt, den Kram verschwinden zu lassen.
ROLF: Sag dem neunmalklugen Naseweis, er soll sofort zur Erde zurückkehren.
DIETER: Das ist der furchtbare Ptäut!! So glaubt mir doch!!
BOMMI: Konferenzschaltung mit Ptäut möglich – jetzt!
ARNE: Schöne Grüße an Frau Brandt vom Kinderkarate.
CASMILLA: Ich sag Papa, es soll ein Sonnenjahr lang nur Spinat geben, wenn du nicht sofort heimkommst an die heiligen Ufer der Mnemosyne!
ARNE: Marlon will nach Alpha Centauri. Ich setz ihn dort ab, dann komm ich heim. Versprochen. Tschüß.
ROLF: Und die Weltformel kommt in die Flasche zurück, klar?
BOMMI: Hatter nich mehr gehört, der Ptäut.
ROLF: Ptäut heißt Arne, nicht Ptäut! Wann begreift ihr das!? Boah, was für ’ne Geschichte.
DIETER: Also Rolf, das mit der Pudelmütze vorhin war nicht nett.
Christian Erdmann:
ROLF. Hallo liebe Hörer, wie versprochen heute ein exklusives Interview mit The Artist Formerly Known As Dieter Kurzhorst-Faust. Dieter, schön, daß du da bist.
TAFKAD-K-F. —
ROLF. Tschuldige, TAFKAD-K-F, schön, daß du da bist.
TAFKAD-K-F. Schön, daß wir alle da sind. Wo? Nur wenige wissen das. Ganz wenige.
ROLF. Darf ich trotzdem Dieter sagen?
TAFKAD-K-F. Du kannst auch Tronc sagen oder Brückenritter, das ist doch alles unwichtig, es geht um die Substanz, um die Essenz, um das Ki, um das Ka.
ROLF. Dieter, wir alle haben das so verstanden, daß es nach der Multiplikale in Archangelsk einen großen Bruch gab bei dir. In deiner ureigenen Biographie gab es ja immer ganz stark das Radikale. Aber viele fragten sich natürlich, woran lag das jetzt. Deine Kriegserklärung an den Großen Ptäut zum Beispiel, das hat doch viele verstört.
TAFKAD-K-F. Das bringt doch überhaupt nichts, darüber zu sprechen, das sind doch alles nur negative Energien, 1 hoch 9, Dialektik, Dennis Hopper, weißte, da kann ich ja gleich in den Urwald gehen und jedem den Kopf abschlagen, der da mit so einem Boot ankommt, bringt doch nichts. Das ist doch nur Gefasel alles, von so Gehirngewaschenen, das kommt doch aus den Massenpinkelbuden, damit beschäftige ich mich gar nicht mehr, weißte.
ROLF. Dieter, wir wollen das noch besser verstehen. Da ist also dieser Moment in deinem Leben, wo du sagst, im Grunde habe ich alles erreicht, da gibt es jetzt nur eins, die völlige –
TAFKAD-K-F. Die dumme Sau.
ROLF. Wer?
TAFKAD-K-F. Der da, wie heißt der?
ROLF. Bommi. Kennst du doch, Dieter. Unser Soundman.
TAFKAD-K-F. Soundman, Soundman, wenn ich das schon höre.
ROLF. Was uns alle jetzt doch brennend interessiert, Dieter –
TAFKAD-K-F. Was ist, ruft die Schlampe jetzt an oder nicht?
ROLF. Ähm. Bommi?
BOMMI. Na gut.
CASMILLA. Bonjour.
TAFKAD-K-F. Wenn ich hier Französisch reden will, dann fahr ich nach Paris oder was, können wir auch gleich abbrechen den ganzen Nippelkram hier.
ROLF. Dieter –
TAFKAD-K-F. Neeeein, neeeein, die Botschaft heißt Liebe, verstehste, weißte, und da kommt irgendso ein Kakerlak und fragt nach meinem neuen Projekt, ich meine, was heißt das denn, neues Projekt, das sind doch alles nur Phrasen.
ROLF. Das stimmt schon irgendwie, Dieter. Laß uns trotzdem kurz hören, was es Neues aus Paris gibt, wo unsere Casmilla mittlerweile als Managerin arbeitet. Casmilla, die Band mit Arne, Marlon und Sun Ra hat 7 Trillionen Platten in zwei Monaten verkauft, und das nur auf Planet Algon. Wie schaffst du das alles von Paris aus?
CASMILLA. Das geht schon. Du sprichst gerade mit einer Bandaufnahme.
TAFKAD-K-F. Hör dir den Quatsch an. Bandaufnahme, wenn ich das schon höre. Erzähl mir doch, du Honigdattel, welche Darstellerin aus der Rocky Horror Picture Show mal bei einer Schwimm-Olympiade war?
CASMILLA. Little Nell Campbell.
TAFKAD-K-F. —
ROLF. Alles ganz erstaunlich, Casmilla!
TAFKAD-K-F. Scheiße, bin ich auch eine Bandaufnahme oder was?
ROLF. Casmilla, schnell noch einen Song? Unsere Zeit ist leider schon wieder um!
CASMILLA. Arnaud sagt, du sollst Dieter um 15 Delsol zurückspulen.
TAFKAD-K-F. Was soll das alles? Bin ich dann wieder live? Rolf, Rolf hilf mir!
Die 7. Tür und die zweite Kerze – something majestic:
Mh, Majestät war ja tatsächlich eine der bestangezogensten Damen des Universums. Als Cecil Beaton noch photographierte. Durchhalteansprachen an den Plebs brauchen Glamour, sonst funktioniert das kommunikationstechnisch nicht. Muß schon eine Königin sein, die mir sagt „Nicht grüßen, weitermachen!“ Auf „The Queen Is Dead“ verzichte ich dann mal lieber. „There Is A Light That Never Goes Out“ ist vielleicht nicht der beste Smiths-Song, aber der heiligste. Hoffe sehr, things are well in 059. Wünsche auch schon mal ein wunderbares 1958, und zum Thema Sandy Claws nicht vergessen:
Na klar gibt es den Sandy Claws, fallen Sie mir bitte nicht in den Rücken, auch nicht in Gestalt von The Damned, hab hier schon genug Überzeugungsarbeit zu leisten. :) Malpertuis? Bestimmt. Ich werde mal graben. Grad hab ich „Taxi“ gelesen. Immer schön, wenn Romane in HH spielen. Literarisch aber wertlos. (vgl. M. Reich-Ranicki). Das Neue in 1957 war ja, dass man sie SEHEN konnte. In der Ansprache von 2007 wird denn auch Bezug genommen auf diese erste vor 50 Jahren. Na, das erspar ich uns jetzt auch. All is well in O59, Yours, Pandora. In „Schweigeminute“ heißt der Protagonist auch Christian, ich mag das Buch aber nicht. Schade, Lenz hat ein paar sehr gute Werke. Mathieu Carrière? Vielleicht sollte ich lieber den Film sehen… Kennen Sie „Ein Mann will nach oben“? Bestimmt. Hab ich geliebt, obwohl ich noch viel zu jung war, zu verstehen. „There Is A Light…“ bestens eingeordnet, heilig und majestätisch. Ebenso wie JD. Majestätische Musik. Majestisch ist grad mein Lieblingswort, ein Zitat aus dem Making of von „Control“, das ich mir nikolaustechnisch mal wieder angetan hab.
„Ein Mann will nach oben“, meine Eltern sahen das immer, an mir ist es vorbeigegangen, leider. Würde ich wahnsinnig gern sehen, wie so viele Verfilmungen aus der Zeit. Wenigstens eine hatte ich mal gespeichert, Dostojewskis „Die Dämonen“ als Vierteiler. Großartig. So still, tief, intensiv. „Taxi“ kenne ich nicht – ich kenne überhaupt sehr wenig Zeitgenössisches, stelle ich fest. Deshalb mag ich auch Buchhandlungen fast nicht mehr – zu wenig Zeitgenossen. :) Der letzte amazon-Rezensent hat mich gerade neben Thomas Manns Zauberberg gestellt, ich hätte fast geheult.
„Abbé Doucedame, der immer weniger geneigt ist, über solche Themen zu sprechen, hat trotzdem etwas von einer gewissen Falte im Raum gesagt, um das Nebeneinandervorhandensein zweier Welten, die grundsätzlich verschieden sind, zu erklären. Malpertuis wäre nach dieser Theorie ein abscheuliches Übergangsgebiet. Dies ist nicht viel mehr als eine Metapher…“
Oui, beginnen Sie mit dem Film, unbedingt! Day 8, Mathieu Carrière in blond.
Neben dem Zauberberg ist Aljoscha gut aufgehoben, hmhm. Und Dostojewski auf der anderen Seite. Hinter der neunten Tür finden Sie einen Ausschnitt aus einem meiner all-time-favourites Filme. Ein zu Unrecht unbeachteter Film mit recht bekannten Darstellern and so very british.
Ich las über den Film, aber ich kenne ihn nicht. Werde unbedingt danach Ausschau halten, à la recherche nach mehr Momenten, in denen die Uhren die Zeiger abwerfen. Viel mehr „so very british“ als Edith Evans in „The Importance of Being Earnest“ geht wahrscheinlich nicht.
Do you remember the silver walks You used to shiver and I used to talk Then we went down to Times Square And ever since I’ve been hangin‘ ‚round there
Heard „The Velvet Underground & Nico“ when I was 16, and ever since I felt protected. Immune to bullshit. He was one of those who protected us forever… he made us feel ten foot tall. Eternally grateful. May he sleep now for a 1000 years.
„Sinistre Coolness“, somebody just said. Diese sinistre Coolness war so anziehend damals, als ich „The Velvet Underground & Nico“ entdeckte, als Satellit in den Sphären dieser jungen Lady, die mich erlöste aus endlosen Nachmittagen, an denen man sich auf HiFi-Dachböden Yes-Platten anhören mußte. „Venus In Furs“, „All Tomorrow’s Parties“, „I’m Waiting For The Man“: du gehst durch diese Tür, und du kommst nie mehr zurück.
Mit 19 fing ich an, mir Lou Reeds Solowerk zu erobern. „Berlin“ kann ich mir heute nur noch bei bestimmten Sternenkonstellationen anhören – zu intensiv die Erlebnisse damals, die „Berlin“ begleiteten. Sah Reed live mit 20, später waren mir John Cale und Nico näher, aber es war (ist) alles ein Sternbild. So wie man im Zittern von Nicos Stimme auf „I’ll Be Your Mirror“ hört, wie Reed, Cale und Morrison sie stundenlang gepeinigt hatten… Sterling Morrison: „Nico had two voices. One was a full-register, Germanic, gotterdammerung voice, the other was her wispy voice which I liked. She kept singing ‚I’ll Be Your Mirror‘ in her strident voice. Dissatisfied, we kept making her do it over and over again until she broke down and burst into tears.“ Den Take, den sie dann sang, nahmen sie.
Oder dieser unfaßbare Song „It Was A Pleasure Then“ auf Nicos „Chelsea Girl“, 8 Minuten lang. Sie hatten Nico wieder rausgeschmissen bei Velvet Underground, aber auf diesem Song begleiten sie nur Reed und Cale, most haunting. Die Velvet Underground-Reunion habe ich aus irgendeinem Instinkt heraus vermieden, „Songs For Drella“ dagegen… damals war es vor allem die berührende Schönheit dieses Moments, Reed und Cale wieder vereint zu sehen, aber das Werk scheint einem ja von Mal zu Mal noch besser jetzt, Sonntagnacht wieder gehört, danach liegt man erstmal eine Stunde sprachlos da. Reeds „Goodbye, Andy“ am Schluß, it hurts so much, now.
Reed selbst: bis „Street Hassle“, dann noch dieses Live-Album, das nur er sich trauen konnte, auf dem er z.B. „Walk On The Wild Side“ mit giftigen Monologen, verbalem Slapstick und generellem stream of consciousness auf 14 Minuten streckt, „The Blue Mask“ hat große Momente, aber der spätere Reed wollte mir immer zuviel, zuviel auf einmal, zuviel Literarisches in einem etwas bemühten New York-Modus (wo doch „Do you remember the silver walks / You used to shiver and I used to talk“ ein ganzer Film war), zuviel Suche nach perfektem Klang, die mir zu steril geriet, was soll’s, nichts schmälert die Bedeutung dieses Mannes in meinem Leben. „Up-tight – The Velvet Underground Story“ war das erste Buch, das ich mir aus Übersee kommen ließ, prä-Internet-Ära, versteht sich. Wußtest Du, daß Nico den Velvet Underground-Van fuhr? Warhol: „Nico’s driving really was insane when we hit Ann Arbor. She was shooting across sidewalks and over people’s lawns.“
The strangeness of it. Er war immer da. Dieser laszive Gang ins Gefährliche, oder gerade zurück von da, wasted, das SM-Paperback auf dem sidewalk als magisches Zeichen, die Schönheit der devianten Schönheit, „This is a song about… oh when you’ve done something so sad and you wake up the next day and remember it. This is a song called Sunday Morning.“
30.10.2013
Weil man es nicht oft genug wiederholen kann: wie „Sister Ray“ entstand.
MORRISON: There would be a big brawl over which take to use. Of course everybody would opt for the takes where they sounded best. It was a tremendous hassle, so on „Sister Ray“ which we knew was going to be a major effort we stared at each other and said: ‚This is going to be one take. So whatever you want to do, you better do it now.‘ And that explains what is going on in the mix. There is a musical struggle – everyone’s trying to do what he wants to do every second, and nobody’s backing off. I think it’s great the way the organ comes in. Cale starts to try and play a solo. He’s totally buried and there’s a sort of surge and then he’s pulling out all the stops until he just rises out of the pack. He was able to get louder than Lou and I were. The drums are almost totally drowned out.
REED: The only way to go through something is to go right into the middle, the only way to do it is to not kid around. Storm coming – you go right through the center and you may come out alright. Most people don’t even know there’s a center. [… ] ‚Sister Ray‘ … has eight characters in it and this guy gets killed and nobody does anything. The situation is a bunch of drag queens taking some sailors home with them, shooting up on smack and having this orgy when the police appear. […] I had been listening to a lot of Cecil Taylor and Ornette Coleman, and wanted to get something like that with a rock & roll feeling. When we did ‚Sister Ray‘, we turned up to ten flat out, leakage all over the place. That’s it. They asked us what we were going to do. We said ‚We’re going to start‘. They said ‚Who’s playing bass?‘ We said ‚There is no bass‘. They asked us when it ends. We didn’t know. When it ends, that’s when it ends.“
[„Glamour“ leitet sich tatsächlich von „grammar“ ab. Im Mittelalter war „grammar“ den Gelehrten vorbehalten, so erhält „grammar“ auch die Bedeutung okkultes Wissen, assoziiert wurde eine Nähe zum „Magischen“; in Schottland klang gramarye wie „glamer“, die Bedeutung erweiterte sich zu „Macht der Bezauberung“, zu „Schönheit, die magisch wirkt“.]
SPIEGEL ONLINE Forum
24.05.2007
Dr h.c. Caesar:
Karl-Heinz Böhm ist vielen Deutschen auch eher als „Kaiser“ in Erinnerung als jemand, der in Äthiopien viel Gutes tut…
Christian Erdmann:
Mir ist er vor allem in Erinnerung als ein in die Tiefen eines perversen Voyeurismus geworfener Mädchenmörder in Michael Powells Geniestreich „Peeping Tom“, einem Filmklassiker.
Über den Herr Böhm aber niemals in einer deutschen Fernsehsendung der Gegenwart befragt werden würde. Von wem auch?
Und das erklärt wohl auch, warum die Frage hier lautete, ob Romy Schneider der „letzte wahre Star des deutschen Films“ war. Das Zeug dazu hätten einige. Aber das Umfeld gibt es nicht (mehr).
Ich blicke immer neidvoll nach Frankreich, wo soeben, beispielsweise, charmante ältere Fernsehmoderatoren, mit wem soll man die überhaupt vergleichen hier, in eleganten Anzügen vor einer Kulisse begeisterter Jungfranzosen, die vermutlich alle noch nicht geboren waren, als die Band sich zum ersten Mal auflöste, die drei bösen Stooges zu Gast hatten, Iggy Pop und die Asheton-Brüder. Das ist da selbstverständlich. Das meine ich mit „Umfeld“, exemplarisch die Gottschalk-Couch, wo man immer das Gefühl hat, daß ausländische Stars, die darauf sitzen, sich fragen, wie zum Teufel sie hier reingeraten sind.
Romy Schneider hat diese Diskrepanz Frankreich – Deutschland noch in ihr eigenes „Starsein“ integriert. Mir persönlich war sie als Schauspielerin schon sympathischer als jetzt, wo, wenn ich ihre Filme sehe, mir ihr „Ich bin auf so rätselhaft unwiderstehliche Weise intensiv, daß wir jetzt gemeinsam aufs Drama zusteuern“-Flair ein wenig gegen den Strich geht, aber sie war schon eine große Schauspielerin, nichts zu wollen.
Helmut Berger sagt ja: „Es gibt keine Charlotte Rampling mehr.“ Das ist richtig, aber falsch. Es gibt, abgesehen davon, daß es Charlotte Rampling noch gibt, auch, etwa, Monica Bellucci. Aber ich habe kürzlich ein paar Folgen von Margret Dünsers „V.I.P.-Schaukel“ gesehen – echte Exzentrik scheint schon in den späten Siebzigern auf der Strecke geblieben zu sein.
In Deutschland wird das Startum heutzutage in der Regel auf denkbar oberflächlichste Weise gehandhabt. Zur Aura eines „Stars“ gehört ja auch ein gewisses Mysterium, es besteht vielleicht in einer schwer zu fassenden Mischung aus Glamour und Tiefe, und dieser Aspekt mag am Startum global verflachen. Omnipräsenz nutzt das Enigmatische eh ab. Aber in Deutschland fehlt einfach das Ambiente, es fehlt zu weiten Teilen (vgl. dagegen Iggy Pop in französischen TV-Studios) schlicht die Art von Kenntnisnahme, die sich als Respekt/Verehrung bei gleichzeitig selbstverständlichem Umgang mit dem „Star“ äußert, es fehlt vielfach die Anerkennung der Leistung (wiederum: in Frankreich erhob der Kulturminister Iggy Pop zum „Officier des arts et des lettres“) überhaupt.
Es gibt viele Moritaten (Marlene Dietrich würde mitsingen), viele Fragen (was hätte in anderen Ländern aus Schauspielerinnen wie Nadja Tiller werden können), Analogien aus anderen Bereichen, die erklären, warum es schwer ist, in Deutschland ein „Star“ zu sein. Es gibt eine deutsche Sehnsucht nach Harmlosigkeit, ein Phänomen, das Verona Feldbusch ebenso erklärt wie Heidi Klum, das sich zuletzt auch darin äußerte, Roger Cicero zum Song Contest zu schicken, und in dem das wirklich Herausfordernde noch allemal als zu gefährlich empfunden wird.
30.08.2007
Christian Erdmann:
Diesseits von „Promidichte“ (huah) fehlt ein gewisser Alltagsglamour, gewiß. Lippenstift bedeutet schon „Aufbrezeln“. An hellichten Tagen an der Seite einer Frau, die eine gewisse Extravaganz in Stil und Kleidung, vielleicht sogar, Göttin bewahre, einen dezidiert erotischen Faktor darin nicht für den Untergang der Emanzipationsbewegung hält, durch die Straßen gehen: Sie verbringen die Hälfte des Weges damit, den Entnervtheitsfaktor dieser Dame („Hab ich Lepra oder was?“) zu beschwichtigen. Aus den Tiefen von Passantinnenaugen dröhnt dumpf ein Echo, das an „Die deutsche Frau schminkt sich nicht“ gemahnt; wohlerzogene Hanseatinnenkinder erblicken zum ersten Mal mit großen Augen die böse Fee aus „Schneewittchen“, und haben Sie das Pech, am von jungen Müttern mit ihren Kinderwagen totalokkupierten Café in Eppendorf vorbeizukommen, entbrennt ein solcher Kampf der Kulturen, daß Sie noch so viele der vorsorglich mitgeschleppten Äpfel ins Getümmel werfen und „Kallisti, Kallisti!“ rufen können, es hört Sie keiner mehr.
Hinter einer gewissen „Schnörkellosigkeit“ verbirgt sich hier oft einfach eine gewisse Schlumpigkeit. Alles ist irgendwie gediegen, alle waschen ihre Haare in Salzwasser. Daß Jil Sander als „Queen of Less“ gilt, spricht Bände, aber auch, daß sie es nötig hat, bei der Beschreibung ihres Tuns in ein orientierungslos wirkendes und fassungslos machendes Denglisch-Kauderwelsch auszubrechen… das paßt schon irgendwie. Die Überzeugung, daß in alldem Hitler und Homophobie begründet liegen, halte ich allerdings für slightly overdressed.
09.12.2007
Christian Erdmann:
… siehe den heutigen Artikel zur gestrigen „Wetten dass“-Sendung. Man wundert sich, daß überhaupt noch internationale Stars zum „Gnadenlos-Generalisten“ Gottschalk kommen, dessen „Talk-Versuche eine zu durchleidende Qual“ sind. In französischen Musikshows unterhält man sich mit Iggy und den Stooges, und zwar kenntnisreich und mit Interesse; da unterhalten sich auch mal Bowie und Moby miteinander, Brian Molko von Placebo singt dann noch einen Bowie-Song (und zwar exzellent). Zu „Wetten dass“, schon die letzte Bastion in dieser Hinsicht, wird eingeladen, Internationalität und Event vorgetäuscht, im Grunde rauscht das aber schon am Unverständnis des Moderatoren vorbei, von dem man immer mehr den Eindruck hat, es interessiert ihn nicht nur nicht, er weiß auch im Grunde gar nicht mehr, wovon er da redet. Deutsche Talkshows, zu Kinski-Zeiten, waren voll von Gästen, die Glamour aus „dem Ausland“ mitbrachten; sehen Sie sich die Gästelisten heute an. Sehen Sie sich überhaupt Gästelisten an. Wer zum „Promi-Dinner“ erscheinen muß, weiß im Grunde, daß er als „Promi“ ausgedient hat, aber es ist symptomatisch für die Pseudo-Event-„Kultur“. Bei den Franzosen anspruchsvoller Austausch, hierzulande grassiert pompös aufgeblasenes Nixverstehertum.
Ecki Stieg:
Gainsbourgs Kommentar zu seiner Ausladung aus der Gottschalk-Sendung wg. des Textes von „Love On The Beat“: „Die französischen Kids wissen, dass Liebe dreckig sein muss. In Deutschland ist man noch nicht so weit.“
Christian Erdmann:
Erinnert mich an irgendeine Sendung, in der man eine hübsche Dame in Dessous und Nylonstrümpfen durch eine Pariser Metrostation stöckeln ließ und dann mit „Wie finden Sie das“-Mikrofon umherzog; eine Art Spätpunk winkte ab: „Sehe ich zuhause jeden Tag.“ Wahrheit oder nur eine gute Antwort, jedenfalls, von den Dessous mal extrapoliert, repräsentativ für die Mischung aus gewagt und diskret im französischen Selbstverständnis, eine gewisse Selbstverständlichkeit im Diskurs, der viel mehr Wagnisse beinhaltet als hierzulande möglich wäre, wo jede Abweichung zu einem „Fall“ aufgeblasen wird und am Ende alles auf einer völlig uninteressanten Metaebene landet.
Und „dirty“ geht schon gar nicht in einem Land, das es sexy findet, wenn Heidi Klum sich Haribos zwischen die Zehen steckt.
10.12.2007
Christian Erdmann:
In Frankreich gibt es den souveränen Umgang mit dem Außergewöhnlichen, keine Scheu vor Komplexität, der „Skandal“ ist Teil des Diskurses, um noch mal bei Bowie zu bleiben, der wundert sich wahrscheinlich seit 20 Jahren, daß er hier im deutschen Fernsehen nie auf seine Zeit in Berlin angesprochen wird, und man stelle sich das vor: Gottschalk würde auf dem Sofa mal ein Gespräch quasifranzösisch einleiten mit „Herr Bowie, Sie kamen damals ja nach Berlin, um ihrer Kokainsucht den Garaus zu machen, und Sie sind dann ja viel mit dem Fahrrad zu Ausstellungen von Expressionismus-Künstlern gefahren…“ MEIN GOTT! ER HAT KOKAIN GESAGT! Oder wäre es – MEIN GOTT! ER HAT EXPRESSIONISMUS GESAGT! – ? Man ist gar nicht mal sicher.
Kennen Sie vielleicht „Pola X“ von Leos Carax? Ein großartiger, gnadenlos ignorierter Abgrund als Film, von dem quasi keiner außerhalb Frankreichs eine Ahnung hat, was das alles soll (Melville? Wieso Melville? Welcher Melville überhaupt?) bzw. daß er existiert. Catherine Deneuve spielt mit (und sie tut das großartig), der Sohn Depardieus spielt sich die Seele aus dem Leib, und die Musik stammt vom legendären Scott Walker. Wer hat die Phantasie, sich eine solche Konstellation in Deutschland überhaupt vorzustellen?
06.03.2015
Christian Erdmann:
Schade, Herr Kuzmany, daß Sie Ihren doch recht guten Artikel mit Ihrem letzten Satz so sabotieren. „Der Mann hätte gewinnen können.“ Eben das ganz bestimmt nicht. Andreas Kümmert wäre so ungefähr Achtzehnter geworden, und dann hätten wir uns wieder gefragt, warum sich alle gegen uns verschworen haben. Die typisch deutsche Selbsttäuschung und der typisch deutsche Anspruch, es so unbedingt *ganz anders* machen zu wollen. Daß das deutsche Publikum für Kümmert votierte, beweist nur aufs Neue, daß wir den Eurovision Song Contest einfach nicht kapieren, daß wir auch nichts von Pop verstehen. Da wird mit so einem „Was sind wir Deutschen verrückt“-Habitus für Kümmert angerufen, mit der Idee, daß es Resteuropa irgendwie sexy finden soll, wenn wir einen Typen hinschicken, der übergewichtig, ungestylt, sagen wir ruhig ungepflegt und völlig uncharismatisch daherkommt.
Vor einem Jahr hat einer Ihrer Kollegen zum ESC-Contest treffend formuliert: „genau der weinerliche, wurstige, saft- und kraftlose Befindlichkeits-Schmonz, der ohnehin schon alle Kanäle verstopft“. Dieser Gestus: ich bin eigentlich nur der supernette Typ von nebenan und nur ganz zufällig auf dieser Bühne, und darum ist meine Diktion auch so schluffig, aber hör dir trotzdem mal meinen Pseudobedeutungsvoll-Song an, den ich dir ganz lässig-gefühlig vortrage, vielleicht mit meiner Schlumpfmütze auf dem Kopf? – So dermaßen angestrengt unangestrengt, bloß kein Glamour, und hach so authentisch. Grandioser Selbstbetrug.
Beim ESC gewinnt ein Gesamtpaket, und da hätte die verquaste Vorstellung von „irgendwie anders“ in Gestalt von Herrn Kümmert keine Chance gehabt. Seine Stimme ist nun auch nicht soooo überwältigend, daß es Europa vom Stuhl gehauen hätte, machen Sie sich da mal nichts vor.
15.05.2016
Christian Erdmann:
Verdient hat Jamie-Lee ihren letzten Platz allemal. Um Graham Norton zu zitieren: „There isn’t a single thing about this woman that doesn’t annoy me. Here’s Jamie-Lee, making Bjork seem great.“
Ein Mädchen mit Kuscheltieren und Gemüse auf dem Kopf, ohne jede Ausstrahlung, das vor allem beweist, daß Deutschland endgültig auf Kindergartenniveau angekommen ist. Sorry, aber das war wirklich kein professionelles Level. Extrem albern, zu glauben, das sei irgendwie „speziell“.
Die falsche deutsche Selbsteinschätzung wird geradezu grotesk repräsentiert durch Barbara Schöneberger mit ihrer Großraumdiscoanheizer-Stimme. Wie Aale-Dieter nach der Hormontherapie, vor 17 Leuten beim After-Show-Event auf der Reeperbahn mit großen Augen sich darüber wundernd, warum Jamie-Lee so schlecht abgeschnitten hat. Jessas, weil langweiliger Song und albernes Outfit unterm Strich halt Rohrkrepierer bedeuten.
14.05.2017
Christian Erdmann:
„Welcher Bewohner des Planeten Erde würde am Sonntagmorgen mit Lena nicht gerne eine Kissenschlacht machen?“
Sehr schön beschrieben, wie Lenas Appeal die Bewohner Europas einfing, und darum geht es schließlich im Pop: die Menschen einzufangen. Problem nur: nicht wenige Bewohner Deutschlands würden die Kissenschlacht mit Lena mittlerweile ablehnen, da sie ja doch wohl kurz vor dem selbstverschuldeten Hungertod steht. Das Bashen dünner Menschen gehört ja mittlerweile in Deutschland zum Inventar der PC, und genau diese political correctness – wenn Sie mir noch folgen mögen? :) – tötet nun auch das letzte bißchen Verständnis für Pop hierzulande.
Viel gibt es da ja nicht. Man kann nicht ernsthaft erwarten, daß ein Land, in dem Helene Fischer *das Ding* ist, in dem die Bendzkos und Oerdings im Schlafanzug am Küchentisch sitzen, daß dieses Land in puncto Pop auf internationaler Ebene irgendwas reißt.
Daß die Bendzkos, Oerdings etc für irgendeine „Authentizität“ stehen sollen, glaubt ja nur der, dem Pop verdächtig ist, und das muß für den Deutschen dann wohl festgestellt werden. :) Richard Hamilton bemerkte schon Ende der 50er: Pop ist, unter anderem, witty, sexy, gimmicky, glamorous. Im Pop ist es nicht nötig, „authentisch“ zu sein; Pop muß eine mit raffinierten, eleganten Mitteln hergestellte Kunst sein.
Der deutsche Song war, mitsamt Interpretin und deren Ausstrahlung bzw. Ausstaffierung, in keinster Weise mit raffinierten, eleganten Mitteln hergestellte Kunst. Es war schlicht langweilig, nichtssagend, nicht glamourös genug, um als Pop zu funktionieren, nicht authentisch genug, um im Pop-Kontext subversiv zu wirken. Wir erwarten immer, für völlig lieb- und verständnislos Zusammengeschustertes belohnt zu werden.
Das Horrorgenre gilt als trivial, beschäftigt sich aber mit äußerst untrivialen Dingen, beispielsweise den sogenannten letzten Dingen – Tod, apokalyptische Endzeit, Jenseits, Auferstehung der Toten. Jedes Feld philosophischer Betrachtung ist auch ein Feld des Horrors, und vice versa. Wenn man will, aber man muß nicht wollen, lassen sich die für das Horrorgenre bedeutsamen Probleme und Motive gliedern in die klassischen Disziplinen der Philosophie: Metaphysik, Erkenntnistheorie, Ethik, Logik, Ästhetik. Im Horrorfilm geht es, wie in der Philosophie, um die „Fragen von Tod und Leben“ (Schmid 1993, 10). Der Thrill des Horrorfilms ist von höchster philosophischer Relevanz.
Der Horrorfilm ist so alt wie die Filmgeschichte selbst. Das Genre hat Klassiker hervorgebracht, die das Etikett „Horror“ transzendieren. Filme wie Freaks, Cat People, Les yeux sans visage oder TheShining sind bedeutende Werke der Kunstgeschichte. Man muß sich fragen, ob die Denunziation des Horrorfilms als „trivial“ einen tieferen Sinn hat. Trivial bedeutet bekanntlich so viel wie: unmittelbar einsichtig, platt, abgedroschen. Aber Horrorkunst bestreitet gerade, daß an Tod und Leben, am Leib-Seele-Problem, an Sexualität und Identität, am Problem von Normalität und Abweichung, an der Frage nach dem Anderen und Fremden, nach den Grenzen der Erkenntnis, nach den Grenzen der Wissenschaft, an der Frage nach der Grenze überhaupt, an des Menschen Verhältnis zur Natur, an der Frage, warum der Mensch ein Abgrund ist, in den hineinzuschauen es einen schwindelt, an der Frage nach kosmischer bzw. gesellschaftlicher Ordnung bzw. Unordnung, an der Frage nach der „Wirklichkeit“, an der Frage nach Form, Metamorphose, Deformation und Monstrosität, am Problem von Selbstkontrolle und Kontrollverlust, am Problem von Verbot und Übertretung, am Problem des Menschen zwischen Existenz und Wesen, am Problem der Existenz von Wesen, am Problem der Willensfreiheit, an der Dialektik von Aufklärung und Mythos, von Eros und Thanatos, von Lust und Angst, Faszination und Schrecken, am Zusammenhang von Grausamkeit und Schaulust, am Problem des Übernatürlichen, am Mythos des Weiblichen, an der Frage nach Sein und Nichts und Mensch und Ding oder an Barbara Steele irgend etwas „unmittelbar einsichtig“ ist. Die Existenz von Horrorkunst ist das Beharren auf der Möglichkeit des Nicht-Einsichtig-Seins und Nicht-Durchsichtig-Seins des philosophisch brennend Wichtigen und scheinbar Geklärten. Im Grunde proklamiert das Horrorgenre, daß die finsteren Zeiten der Aufklärung endlich vorbei sind. Wie die philosophische Skepsis behauptet das Horrorgenre, daß gewisse Fragen, auf die man Antworten schon lang parat hat, nicht so und womöglich gar nicht beantwortbar sind.
Miserable Horrorfilme, deren volle Länge man nur mit Schutzengel übersteht, existieren, so wie es in jedem Genre miserable Filme gibt. Doch darf sich das Horrorgenre einer Vielzahl subtiler, sublimer, intelligenter Werke rühmen, in denen beileibe nicht „unmittelbar einsichtige“ Antworten auf komplexe Fragen gegeben werden. Hier von Trivialität zu reden, erinnert verdächtig an jene Art von Borniertheit, die eine Wahrheit nicht wahrhaben will, weil der Falsche sie äußert. Das Verdikt trivial ist ein Akt der Notwehr. Der Horrorfilm ist Umgang mit Verdrängung. Er inszeniert verbotene, verdrängte und verborgene Erscheinungen der individuellen Existenz oder des gesellschaftlichen Lebens. Den Horrorfilm abzulehnen heißt, den Umgang mit Verdrängung als nicht erwünscht abzulehnen.
Es gilt zu differenzieren zwischen dem Genre und dem Zustand Horror. Natürlich befinden sich das Genre und der Zustand in untrennbarem Bezug: weil der Horrorfilm zum Ziel hat, Horror auch auszulösen; weil der Zustand Horror die Strukturen des Genres generiert; weil das Genre wiederum Erkenntnisgewinn über den Zustand liefert, und weil seit der Katharsislehre des Aristoteles zur Geltung gebracht werden kann, daß die Existenz des Genres zu einer besseren Bewältigung des Zustandes verhilft. Gleichwohl gilt es zunächst, die menschliche Grunderfahrung Horror zu verstehen: der Zustand Horror beginnt mit dem Schauder des Menschen vor dem Übernatürlichen, dem Unheimlichen und Dämonischen. Das Horrorgenre beginnt, spätestens, mit der griechischen Tragödie.
Man könnte mit kaum weniger Recht behaupten, daß es mit den Höhlenmalereien beginnt. Das Bild an der Höhlenwand war auch eine Repräsentation der Kreatur, die Angst einflößt. Das Bild bedeutet Zähmung – nicht der „Bestie“, aber der Angst vor ihr. Durch die Darstellung der Tiere „wird man ihrer Herr“. Das Bild ist Annäherung an das Andere und Mächtige. Dieses wird stilisiert, wird dramatische Vorstellung: die Festlegung zum Bild hilft, die Realität zu bewältigen. Ein Bild herstellen heißt, Distanz zu erlangen; sich vor, neben und über das Abgebildete stellen, von der unmittelbar bedrohlichen Präsenz abstrahieren und eine gewisse Macht über das Gefürchtete gewinnen zu können. „Verbildlichung“ ist nicht Abbildung: „Der Mensch, der zuerst auf den Gedanken kam, das ihn Umgebende festzuhalten, hatte nicht die Absicht, eine getreue Reproduktion herzustellen.“ (Van der Leeuw 1957, 164). Es war ein Re-Präsentieren, das auf der Überzeugung beruhte, daß man sich mit der Darstellung dem Dargestellten nähern, ja bemächtigen kann. Die Herstellung der re-präsentierten Gestalt sichert zugleich Gegenwärtigkeit und Abstand.
Und der Versuch, im Bild das Dargestellte zu beeinflussen, geht davon aus, daß das Dargestellte mächtig ist.
Die Darstellung des Schrecklichen, das Bild des Grauens ist eine Auseinandersetzung mit der Angst, und diese Auseinandersetzung reicht zurück bis in die Uranfänge menschlicher Zivilisation und Kultur. Das fiktive wilde Tier an der Höhlenwand bedeutete ein Sichwappnen gegen das reale wilde Tier. Zugleich bedeutet es die Geburtsstunde des fiktiven Schreckens. Das wilde Tier an die Wand zu malen war eine versuchte, aber nicht vollends geglückte magische Erledigung der Angst. Was da half, mit dem Realen besser umzugehen, war immer noch ein Bild des Bedrohlichen. Es hatte immer noch Macht. Auch aufgund der primitiven Überzeugung, nach der durch das Bild das Wesen erscheint: “ (…) es ist also äußerst gefährlich, dämonische oder göttliche Wesen bildlich darzustellen. Man beschwört sie, indem man sie abbildet oder ihre Bilder aufstellt.“ (Van der Leeuw 1957, 169).
Das Fiktive legte Distanz zum Realen, aber zugleich drang das Schreckliche primordial in das Fiktive. Von Anfang an ist Ästhetisierung ambivalent: ein Bild des Gefürchteten herzustellen bedeutet zugleich Beschwörung seiner Nähe, das wilde Tier an der Höhlenwand vermittelt damit zugleich Lust und Schrecken, das Dargestellte, bildlich Gezeigte ist zugleich anziehend und furchterregend. Hier liegt der tiefere Sinn von Rilkes Wort vom Schönen als des Schrecklichen Anfang. Dieser Anfang bezeichnet einen genau lokalisierbaren Punkt der psychischen Topographie: dort, wo – durch Ästhetisierung, Abbildhaftigkeit und schließlich Herstellung des Schönen – das Schreckliche bis zu einem gewissen Grad überwunden wird, es also ein „Ende“ hat, dort liegt auch sein „Anfang“ – nur in der anderen Richtung. Das Schöne ist ein Spiegel, der uns eine Fähigkeit unserer Wahrnehmung reflektiert. In der Welt hinter dem Spiegel lauert das Schreckliche. Die Spiegelfläche bedeutet zugleich Ende und Anfang des Schrecklichen. Das Horrorgenre ist eine Art des Durchgangs durch den Spiegel. Es muß von der Schönheit des Schrecklichen handeln, weil es in Erinnerung ruft, daß es das Schöne ohne das Schreckliche gar nicht gäbe.
Nicht jeder Schrecken ist tatsächlich lebensbedrohlich, aber jeder Schrecken läßt sich psychisch zu einer Bedrohung der eigenen Existenz verlängern, ist potentielle Totalzersetzung von gesicherter Weltwahrnehmung, gesichertem Identitätsgefühl und kontrolliertem Handeln, potentielle Destruktion eines Gefühls grundsätzlichen In-Sicherheit-Seins.
Eine Anthropologie des Horrors hätte den Zustand Horror in einem Geflecht aus anthropologischen Grundbegriffen zu lokalisieren: Grenze, Form, Erkenntnis, Ordnung, Identität, das Andere. Durch den Zusammenhang dieser sich wechselseitig bedingenden Konzepte entsteht „Wirklichkeit“, der „Kosmos“ als erkennbare, verstehbare, übersichtliche Einrichtung, die „Welt“ als Gesamtheit des Seienden in irgendwie geordneter Einheit, als sinnvolles Verhältnis von Innenwelt und Außenwelt. In der Konfrontation von Grenze, Form, Erkenntnis, Ordnung und Identität mit Formen des Anderen – mit ihrem jeweiligen Anderen – äußert sich die Bedrohung von Makrokosmos und Mikrokosmos durch das ihrer Konstitution inhärente Horrorpotential.
Menschliche Erkenntnis basiert auf den Prinzipien von Grenze, Form und Ordnung. Erkennen heißt, etwas als etwas erkennen, und es gibt kein erkennbares Etwas ohne Form und Grenze. Eine als Tarantel auf einem Kirschkuchen erkannte Tarantel auf einem Kirschkuchen grenzt sich in ihrer Tarantelform nicht nur vom Kirschkuchen, sondern vom gesamten Nicht-Tarantel-Sein überhaupt ab. In der Erkenntnis, so wenigstens die klassische Konstellation, steht ein erfassendes Subjekt einem erfaßten Objekt gegenüber. Damit das Subjekt die Bestimmungen des Objekts erfassen kann, muß das Objekt als Objekt erfaßt sein, differenziert von anderen Objekten. Indem das erkennende Subjekt das Objekt als ein Gegenüberstehendes erfaßt und das erfaßte Objekt von anderen zu erfassenden Objekten abgrenzt, stellt der Erkenntnisprozeß eine Ordnung des Wirklichen her.
Erkenntnis strebt nach dem klar Bestimmten und Differenzierten, also voneinander Abgegrenzten, sie zielt auf das der Form nach Einheitliche und tendiert nicht nur zur widerspruchsfreien Ordnung, sondern zur Widerspruchsfreiheit als Ordnung. Erkenntnis folgt in der Antike dezidiert, in der Moderne diskret, aber habituell einer Strategie des Logos. Als Logos galt in der Geistesgeschichte zunächst die weltdurchwaltende Vernunft, die kosmische Ordnungskraft; der Logos war Signum des göttlichen Ordners des Weltganzen, dem es als Bestem nur gegeben ist, das Schönste zu tun (Platon, Timaios 30 a/b), und nichts ist – für Platon und mehrheitlich seit Platon – schöner als ein vernünftig geordnetes und durch Vernunft in seiner Ordnung erkennbares Ganzes. Die göttliche Macht hatte alles Sichtbare „in ungehöriger und ordnungsloser Bewegung“ (Platon 2019, 29) vorgefunden: eine Art Chaos also, aber sichtbar. Auch das Schöne, das der Logos à la Platon schuf, ist das Ende des Schrecklichen, könnte aber jederzeit auch wieder dessen Anfang werden, sobald dieses geordnete Formannehmen voneinander abgegrenzter Dinge in Auflösung geriete.
Da die Rede vom Sichtbaren ist, erklärt sich von selbst, wie die Strategie des Logos auf dem Prinzip des Eidos beruht. Das Wort eidos bedeutet zunächst Urbild, Form, Gestalt, Wesen und gewinnt dann Färbungen, die sich mit den Bedeutungen von Logos überschneiden: Begriff, Idee. Der Gehalt des Terminus Logos fächert sich weiter auf: Rechenschaft, Begründung, Wort, Rede, Gedanke, Sinn, Begriff, Sprache, Ordnung, Vernunft. Heraklit hatte den Logos eingeführt als das ewige Prinzip, nach dem das Weltganze geordnet ist. Nicht die ständige Veränderlichkeit der Phänomene, wie man nach seiner Auffassung, daß alles fließt, annehmen könnte, sondern die innere Balance aller Dinge und die innere Einheit aller Gegensätze ist das Zentrale bei Heraklit: der Logos ist das die Einheit Stiftende, das stabilisierende innere Gefüge des Kosmos, die unsichtbare Struktur und Harmonie, die (laut Fragment 54) mehr gilt als die sichtbare. Vielleicht „gilt“ sie mehr, aber psycho-logisch gesehen ist sie später als die sichtbare Harmonie. Der Logos à la Heraklit teilt sich als Struktur des Seins im Erkanntwerden dem Denken mit, ist als Gedanke aussprechbar: ein Prinzip des Seins überträgt, indem es erfahren wird, seine Struktur dem Bewußtsein, der Sprache, bewirkt das geordnete (vernünftige) Reden. Dieser Sichtweise gereicht die Vernunft zur Repräsentation des Logos als der einigenden Ordnungskraft, die den Kosmos durchwirkt: Vernunft, die mit innerer Logik vorgeht, ist deckungsgleich mit dem Weltlogos. Durch die Bewegung, mit der sich das Sein „in das Denken und das Wort hinein realisiert“ und differenziert, Logos also „Realisierung von Grundstrukturen des Seienden“ (Schadewaldt 1978, 27) bedeutet, sucht sich das Denkgeschehen seine Objektivität zu garantieren. Tatsächlich aber ist die „sichtbare Harmonie“ ihrerseits Produkt einer anthropologischen Disposition: der Notwendigkeit, dem Prinzip des eidos zu folgen, sichtbar voneinander abgegrenzte Formen zu sehen und so eine Ordnung in die Welt hineinzuregeln.
Sokrates bzw. Platon erklären Logos zur begründeten Rede, die, weil sie von etwas Rechenschaft gibt, Erkenntnis zeitigen kann. Auf Logos-Rede kann man sich verlassen, denn es ist Rede der Form, und dies kann sie sein aufgrund voneinander abgegrenzter Inhalte. Aber schon die Bedeutung von Logos als Wort verrät das Auftauchen des Logos aus dem Eidos: Logos als Wort bedeutet nicht Vokabel, sondern ein Wort, dessen Form durch einen zugrundeliegenden vernünftigen Gedanken zustandekommt; es bedeutet, daß sinnvoll etwas zu etwas erklärt wird, und das ist möglich, weil es möglich ist, es als etwas anzusehen und zu betrachten. Der Logos verbietet die Ansichtssache, weil die in Rede stehende Sache als Eidos ansichtig ist, klar bestimmt durch Grenze und Form; erfaßbar als Bild, Begriff, Idee. Logos handelt vom Übergang einer sinnvollen Anordnung einzelner, voneinander abgegrenzter Formen aus dem Sein in das Bewußtsein. Das Verschiedene wird der Vereinheitlichung unterzogen und zusammengesetzt durch den Logos. Logoi sind (harmonische) Verhältnisse (vgl. Aristoteles, Metaphysik 986a). Angeordnet werden kann nur, was schon Grenze und Form hat, und das Angeordnete ist das Zusammengelegte, Gesammelte, Zusammengelesene: Logos stammt ab von legein, ursprünglich auflesen, sammeln, zusammenlegen, ordnen, zusammenlesen, zählen. Der Logos aktiviert die vernünftigen Funktionen des Menschen: Sprechen, Denken, Rechnen. Zählen wird Aufzählen wird Erzählen: etwas herzählen bedeutet, etwas in bestimmter Ordnung zu nennen, einen bestimmten Zusammenhang herzustellen, ein „Gefüge von Verhältnissen und Bezügen“ sichtbar zu machen: Logos erscheint hier als „Proportionalität“ (Schadewaldt 1978, 73 ff.).
Logos ist stimmige Rede, weil sie zu einem wohlgefügten Ganzen verbindet. Zur Zeit Homers galt Sprache nahezu nur dann als Sprache, wenn sie Wohlklang aufwies, wenn sie das Harmonische und Stimmige verriet. Das Gesammelte kann in geordnetes Reden übergehen, sofern Bestandteile voneinander abgegrenzt und in harmonische Form gebracht werden.
Grenzsetzung und Formverlangen sind anthropologische Grundbedürfnisse. Grenze und Form sind die Primärfaktoren unserer „Wirklichkeit“, die ersten Medien jeder Kosmogonie, Bedingungen, ohne die Erkenntnis nicht Erkenntnis sein könnte. Gravierende Auflösungserscheinungen von Grenze und Form provozieren den Zustand Horror. Der im engeren Sinne rationalen Welterkenntnis ist stets ein Modus der Überwindung eingewoben. Die Strategie des Logos versteht sich als Überwinderin der mythischen Weltsicht, in der Grenzen durchlässig bleiben und die Elastizität der Metamorphose regiert. Ratio verlangt immer neues Beharren darauf, daß der „Welt“ vernunftgemäßes Erkennen entspricht. Ratio bedeutet ursprünglich das Abrechnen und Berechnen und entwickelt sich, wie Logos, vom sinnvollen Zusammenlegen, vom Stimmen der Rechnung her. Summen geben Rechenschaft, Rechenschaft gibt Aufschluß, berechnende Rücksicht wird Erwägung, das aus Überlegung Hervorgegangene zeitigt Begründung, die Ratio wird Grund, und wo ein den Gegenstand erklärender Grund ist, sind vernunftmäßige Verhältnisse: Maße, Gesetzmäßigkeiten, Regeln, mit einem Wort: da ist Ordnung. Erkenntnis ist Mobilisierung der Prinzipien Grenze und Form im Namen der Strategien von Logos und Ratio.
„Rationalität“ hat also eine Provenienz, die nahezu synonym ist mit Aufrechterhaltung des Kosmos. Rationalität als die den westlichen Kulturkreis dominierende Weise des Zugriffs auf die Welt behauptet, daß die Welt ohne Ratio ohne Grund ist, ohne Fundament, und also ins Bodenlose versinkt; zudem verbindet sie die Auflösung von (oder Auflehnung gegen) Grenze und Form mit dem Irrationalen. Das Horrorgenre feiert die Saturnalien von Logos und Vernunft – die Zeit, in der die innere und äußere Ordnung außer Rand und Band gerät.
Selbst eskalierende Ratio hat ihren Grund in der visuellen Anschauung, die wiederum unmöglich wäre ohne die Prinzipien von Grenze und Form. Grenze und Form sind „apollinische“ Prinzipien: Camille Paglia hat apollinische Strukturiertheit zum Charakteristikum des westlichen rationalen Denkens, der abendländischen Kultur überhaupt erklärt: das Streben des westlichen Menschen ist auf die Form, auf die abgegrenzte Identität der Dinge gerichtet.
Tatsächlich läßt sich sagen, daß die berühmte Geste des ausgestreckten Armes des Gottes Apollon alles symbolisiert, was Erkenntnis sichert und gesicherte Erkenntnis zeitigt: Abstandnahme, Distanzierung, Vergegenständlichung, Verobjektivierung, Verbildlichung, Ästhetisierung, Vereinheitlichung, Grenzziehung, Formgebung, Sicherung von Identität und Ordnung. Damit ist nicht das Abendland umschrieben. Aber es sind vorherrschende modi einer in der westlichen Zivilisation vorherrschenden Tendenz, die sich unter dem Begriff des Apollinischen zusammenfassen läßt. Der Zusammenbruch des sicheren Abstands zu den abgegrenzten Objekten und festumrissenen Formen, die Außerkraftsetzung der erkenntnissichernden modi, die dem Menschen die Überzeugung erlauben, sich der Welt zu bemächtigen, der Rücksturz in chaotisches Verwischen und Verschmelzen der Grenzen, Formen und Identitäten bedeutet Horror. Und in einem apollinischen Kosmos entspricht der Zustand Horror der lärmenden Dissonanz des Dionysischen.
Paglia unterstreicht, daß Identität in der westlichen Kultur weitgehend synonym ist mit abgegrenzter Identität. Dies betrifft die Dinge wie die personale Integrität: der abendländische Begriff der Individualität ist apollinisch. Das Konzept der Identität ist abhängig vom Konzept der Grenze und zwangsläufig auch Funktion der Form-Bedeutung. Ich-Identität, Übereinstimmung der Person mit dem, was sie ist, setzt voraus, daß dieses Etwas, an dem Übereinstimmung stattfindet, eine Form hat. Affizierbarkeit der personalen Identität bedeutet, daß etwas – das Andere – ihre Grenze trifft, bedeutet die potentielle Veränderbarkeit ihrer Form. Wenn die festumrissene Grenze der Identität so spezifisch westlich ist, erscheint auch ihre erhöhte Enervierbarkeit durch das Andere, ihre erhöhte Anfälligkeit für Horror spezifisch westlich. Buddha ist der unbegrenzt Existierende, der kein Anderes kennt: seine Unbegrenztheit begründet seine Untangiertheit, seine Nichtaffizierbarkeit.
Personale Identität bedeutet, daß es ein Anderes gibt, das nicht zu ihr gehört: Identität und das Andere bedingen sich ebenso wechselseitig wie Ordnung und Erkenntnis. Wie es keine Identität ohne das Andere und kein Anderes ohne Identität gibt, so gibt es keine Erkenntnis ohne Ordnung und keine Ordnung ohne Erkenntnis. Ohne die Konzepte von Grenze und Form wiederum gibt es weder Erkenntnis noch Ordnung, und ohne das Konzept der Grenze gibt es keine Form: im Werden zur Gestalt findet das Unbegrenzte Begrenzung. Offenkundig also hat das Konzept der Grenze in diesem anthropologischen Koordinatensystem die tragende Rolle.
Laut Karl Jaspers gibt es drei Anlässe für Philosophie: das Staunen, den Zweifel und die Grenzsituation, jene Situation, in welcher der Mensch seine Existenz erfährt und seiner Endlichkeit gewahr wird: Sterben und Tod, Schmerz, Leiden, Kampf, Schuld. Sichtlich nun ist auch Horror eine Grenzsituation; ein Zustand, der das Gewahrwerden von Endlichkeit abfordert, indem er an Identitätsgrenzen rührt: sei es in der Konfrontation mit Tod und Auflösung, die an die Begrenztheit des Lebens, an die Endlichkeit personaler Identität überhaupt gemahnt, sei es im herausfordernden Zugriff auf eine bestimmte Grenze in der Konstitution des Selbst, der immerhin noch die Möglichkeit eines Todes im Leben beschwört – den Tod des alten Selbst.
Die Grenze erzeugt das Jenseits der Grenze: das Andere, das Fremde. Der Zustand Horror vermerkt die Bedrohung und das Überschreiten von Grenzen elementarer Bedeutung, den plötzlichen Einbruch oder Übergriff des Anderen und Fremden. Es gibt Horror, seit es die Wahrnehmung von Grenzen gibt, und es gibt die Wahrnehmung von Grenzen, seit es Wahrnehmung gibt. Wo keine Grenze ist, kann nichts wahrgenommen werden außer Chaos. Das heißt, kann Chaos wahrgenommen werden? Wo Chaos konstatiert werden soll, muß es immerhin die Grenze geben, die eine Perspektive ermöglicht, aus der das Chaos wahrgenommen werden kann. Wenn Paglia bemerkt, das Chaos der archaischen Nacht sei „formlos und grenzenlos“ (Paglia 1995, 359) gewesen vor der Geburt des Blicks, ist damit die Blickdominanz der westlichen Kultur als Maßnahme gegen das Chaos angesprochen. Wir fürchten eine Grenze zum Chaos, die wir mit ordnungshörigem und ordnungsschaffendem Blick fernzuhalten suchen; aber wir glauben an die Existenz dieser Grenze.
Es gibt keine Erkenntnis ohne Grenzen. Die Grenze etabliert Ordnung durch Differenzierung: undifferenzierte Einheit oder Chaos oder Formlosigkeit oder Anarchie wird in Ordnung überführt durch Akte der Abgrenzung. Die Grenze ist elementares Prinzip der Seinsgestaltung – und Abgrenzung ist elementares Prinzip der Identität. Indem durch Abgrenzung das Andere entsteht, stellt sich Identität her, und die Art und Weise der Grenzziehung bestimmt, in welchem Maße das Andere das Fremde ist. Das in der Herstellung von Ordnung und Identität konstituierte Andere wird zum potentiellen Horror, wenn seine Entfernung durch die Grenze zu weit oder nicht weit genug gegangen ist; wenn es zu fremd geworden oder zu nah geblieben ist. Durch die Grenze selbst gerät Horror zur ständigen Unio mystica – zur geheimnisvollen Einheit – mit dem Anderen.
Eine Grenze des Selbst ist tangiert und steht auf dem Spiel, die sich beim Menschen der Frühzeit auch dadurch erst befestigte, daß er im Horror die Grenzverletzung empfand. Der überwältigende, schaudernmachende Eindruck beweist etwas, das überwältigt worden ist und schaudert; mir widerfährt, also bin ich – horreo ergo sum. Die erste plötzliche Konfrontation mit einem Anderen in der archaischen Menschheit war der Übergriff des Numinosen, empfunden als Schauder vor dem mysterium tremendum und dem Ganz anderen, wie Rudolf Otto es nennt.
Die Strategie des Logos vermag den Zustand Horror nicht abzuschaffen, denn Horror dringt gerade aus den Sollbruchstellen dieser Strategie und beweist die Anfälligkeit der Aufklärung für den inhärenten Feind, das von ihr vermeintlich Überwundene. Angst, Verstörtheit, Unglück, Beunruhigungen, Spannungen fliehen zu Rationalisierungsbestrebungen. Die Grenzziehung als anthropologische, erkenntnistheoretische oder auch soziale conditio sine qua non soll den Horror bannen, Furcht minimieren, diffuse Weltangst lindern, soll Form, Ordnung, Identität und Erkenntnis gewährleisten – und enthält doch in dem Maße ein gesteigertes Potential für Horror, je rigoroser die Grenzen gezogen werden. Je mehr das Andere durch rigide Grenzziehung zum Fremden wird, um so befremdlicher und horrender wird der Kontakt mit ihm, wenn die Grenze keine Ab- und Ausgrenzung mehr leistet. Dialektik der Aufklärung: je mehr beherrschbar und beherrscht wird, um so stärker wird der Rest an Unbeherrschtem und Unbeherrschbarem zur Quelle der Angst.
Eine Anthropologie des Horrors hätte also der These zu folgen, daß Horror die beständig lauernde Immanenz in den humanen Strategien zur Weltbewältigung ist, eine durch das Streben nach Weltbewältigung gesetzte Immanenz, eine Art ghost in the machine in der Entwicklung der rationalen, logisch-vernunftgebundenen Welt- und Selbsterkenntnis. Horror ist der auf Grenze, Form, Ordnung und abgegrenzter Identität basierenden apollinischen Strukturierung der Welt notwendig inhärent. Zuerst bestimmt die Art des Horrors die Art der Rationalität: Strategien der Weltbewältigung sind zunächst Strategien zur Vermeidung von Horror. Als Geist in der Rationalitätsmaschine wird der Zustand aber nach wie vor akut, wenn deren Strategien versagen oder sich als unzulänglich, als verkürzend herausstellen. Der Zustand Horror verweist auf die andere Seite der apollinischen Struktur. Im Horrorgenre erscheinen Wesen und Zustände, deren Herkunft die „Hohlräume in der abendländischen Kultur“ (Leppmann 1993, 149) sind. Indem das Genre Horror den Zustand Horror vorsätzlich beschwört, erinnert es an die von den rationalen Strategien ausgeblendeten Bereiche und kritisiert die von ihnen geschaffenen Paradigmen. Grenze, Form, Ordnung oder Identität als anthropologische Grundkonstanten bzw. erkenntnistheoretische Versicherungen werden vom Horrorgenre in ihren deutlichen oder möglichen Verengungen angegriffen; die Frage des Bezugs zum Anderen – und zum Anderen der rationalen Paradigmen – wird stets aufs neue zugespitzt.
Horrorkunst würde nicht auf diese Weise kritikfähig sein können, wenn der Zustand Horror lediglich aus Repulsion und Abscheu bestünde; dann käme es stets zur Reduktion auf den Status quo, zur Affirmation und Festigung bestehender äußerer und psychischer Gefüge. Der Zustand Horror ist jedoch wesentlich Ambivalenz: eine Mischung aus Abscheu und Lust, aus Repulsion und Faszination. Und diese Lust, diese Faszination am Anderen des Status quo verleiht dem durch das Horrorgenre transportierten Unbehagen über das allzu Verengende der rationalen Strategien Gewicht. Abscheu und Repulsion sind Reaktionen der Beschränkung, apollinische Bekräftigung bestehender, versichernder Grenzen und Formen. „Das Apollinische ist stets reaktionär“ (Paglia 1995, 162). Lust hingegen ist stets Lust an der Erweiterung, also auch an dionysischer Grenzauflösung. Freud definierte Eros als das Streben danach, größere Einheiten zu schaffen. Der Schauder des Horrors bedeutet eine Art Aufrichten der Antennen: zur Kommunikation mit dem Unbekannten, Unvertrauten, Unheimlichen. Jede Art von Horror hat diese erotische Komponente: die plötzliche und violente oder aber sukzessive, jedoch anhaltende Öffnung zum Austausch mit dem Anderen, ein Austausch, der das eigene Selbst moduliert und modifiziert. Der Reiz des Schreckens besteht darin, diese Öffnung zu ertragen. Nicht trotz der Aufklärung gibt es eine Lust an der Angst, sondern wegen ihr.
Horror steht in der Dialektik von Grenze und Entgrenzung, von Form und Formlosigkeit bzw. Deformation, von kognitiver Orientierung und kognitiver Desorientierung, von Ordnung und Chaos; in der Dialektik von Ich-Identitäts-Sehnsucht und Ich-Identitäts-Auflösungs-Sehnsucht; schließlich in der Dialektik des Selben und des Anderen, des Eigenen und des Fremden. Virulent wird der Zustand Horror in der Wechselwirkung einer auf Grenze, Form, Ordnung und Identität sich beziehenden apollinischen Beharrungstendenz und einer dionysischen Auflösungstendenz. Das Horrorgenre thematisiert zugleich den Schrecken der Nichtvorhandenheit von Grenze, Form, gesicherter Erkenntnis, Ordnung, Identität, und die Lust an der zeitweiligen Nichtvorhandenheit all dessen; der Zustand Horror schillert zwischen der Sehnsucht nach dem integren, abgeschlossenen Selbst und der Sehnsucht nach dem Anderssein, der Metamorphose. Zwischen der Angst, daß man die Kontrolle über das eigene Schicksal verliert, und der Lust daran.
Horror ist anthropologische Notwendigkeit gerade durch das anthropologische Grundbedürfnis nach kognitiver Orientierung. Die plötzliche Konfrontation mit dem Anderen als dem, was den prinzipiell zu immer mehr Rationalität strebenden Strategien kognitiver Orientierung prinzipiell zuwiderläuft, die Konfrontation mit dem, was im Hinblick auf Grenze, Form, Ordnung und Identität das Andere darstellt und in seiner Bedrohlichkeit doch zugleich faszinierend und anziehend wirkt, ist die klassische Horrorsituation.
In seiner Theorie der Moderne namens Philosophie des Geldes (1900) erkennt Georg Simmel im Hinblick auf das Lebensgefühl und den Stil des modernen Individuums die Distanz als eine grundlegende Bestimmung. Simmel diagnostiziert die Tendenz zu einer immer größer werdenden inneren Distanzierung zwischen dem Ich und seinen Lebensinhalten, inneren wie äußeren, als ein Signum der Moderne, das sich weit über den Bereich des bloß Ästhetischen hinaus kundgibt. Das Interesse seiner Zeit begreift Simmel als in ungewöhnlich hohem Maße auf Entfernung und Vergrößerung der Distanz gerichtet: er konstatiert die grundsätzliche Neigung, die Dinge möglichst aus der Entfernung auf sich wirken zu lassen. Das ästhetische Interesse gilt Simmel hier nur als das anschaulichste Zeitzeichen. Generell habe das moderne Individuum, wie Simmel feststellt, eine Scheu vor der konkreten Nähe entwickelt, womöglich gar eine verkümmerte Empfindungsfähigkeit dieser konkreten Nähe gegenüber. Den seinerzeit dominierenden Kunststil des Symbolismus deutet Simmel als Berührungsangst, als Furcht, in allzu nahe Berührung mit den Objekten zu kommen, und als Symptom einer Hyperästhesie der Moderne. Es liegt nahe, den Zustand und das Genre Horror auch im Lichte einer solchen Diagnose zu betrachten: im Phänomen Horror verbirgt sich auch eine Dialektik von Nähe und Distanz.
Apollon und Dionysos haben in diesem Zusammenhang nicht nur emblematische Funktion; vielmehr sind das Apollinische und das Dionysische zu verstehen als zwei grundsätzlich differente Einstellungen zu Nähe und Distanz, als zwei genuin zu unterscheidende Verhaltensweisen zu Grenze, Form, Ordnung, Identität und den modi des Erkennens, als zwei Arten, sich zum Anderen zu verhalten. Der Zustand Horror oszilliert zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen, zwischen dem Willen zur Umgrenztheit und der Lust an der Auflösung.
Horror, als Kompositum aus Angst und Lust, als Reaktion auf die Andersheit des Anderen, als Grenzgang zwischen der Sehnsucht nach Grenze und der Sehnsucht nach Entgrenzung, wird durchzuckt von einem irritierenden Reflex: der Lust an der Zufügung, dem lustvollen Aushalten des Erleidens von Macht, Übergriff und einer Art von Gewalt. Horror ist ein Intensimeter im sadomasochistischen Labor der Psyche.
Kein schmaler Grat läßt in solchem Maße Wanderungen zu wie die Grenze. Ernst Cassirer hat in seiner Philosophie der symbolischen Formen eine Reihe von mythischen Indifferenzen zusammengefaßt und erklärt, welche Grenzen im mythischen Weltbild nicht gezogen wurden – oder werden. Das Horrorgenre handelt auch vom Einbruch dieses mythischen Weltbildes in das moderne, wissenschaftliche, vernunftgeleitete Weltbild. Es handelt vom atavistischen Untergraben der Strategien, die Logos, Rationalität und Aufklärung hinsichtlich der Grenzziehungen zwischen, unter anderem, Leben und Tod, Mensch und Tier, Vergangenheit und Gegenwart, Ich und Nicht-Ich, Erscheinung und Wesen, psychischen Funktionen und materieller Existenz, Substanz und Kraft, einem Ort und seiner „Macht“ für unwiderlegbar und unwiderruflich halten. Cassirers Beschreibung des mythischen Weltbildes liefert Parameter für die Analyse des Horrorgenres.
Eine Phänomenologie des Horrors hätte die verschiedenen Erscheinungsformen des horrenden Anderen zu untersuchen. Versionen des Anderen, die auftreten könnten: das Übernatürliche, das Nichtseiende, das Unheimliche, der Tod, das Formlose, das Monströse, das Dämonische, das andere Ich, die Natur, das Heidnische, die Sexualität, der Körper, die Frau. Es sind dies selbstredend auch Erscheinungsformen einer kulturellen Herstellung des Anderen. Ein eigenes Kapitel würde dem Vampir zustehen, nicht nur, weil es sich um den populärsten Vertreter des Horrorgenres handelt, sondern vor allem, weil Vampirismus wie kein anderes Motiv des Horrorgenres über die Lust an der Zufügung aufklärt.
Eine Ideologie des Horrors hätte zu untersuchen, mit welchen Zielsetzungen Horror evoziert wird. Es gibt eine Geschichte des Einsatzes von Schreckbildern zur Einschüchterung, etwa in den Höllenvorstellungen, die als moralisches Druckmittel mit dem Ziel der Verhaltenskontrolle und letztlich einer Aufrechterhaltung des gewünschten Status quo propagiert wurden. Eine gängige These zum Horrorgenre lautet, daß es als eine Art „mythische Aufklärung“ funktioniert, über den in gesellschaftlicher, sozialer oder geschlechtlicher Hinsicht erwünschten Status quo informiert und opportunes Verhalten propagiert. Das Andere und Fremde werde mit dem Bösen assoziiert, das in die jeweils sakrosankte Struktur eindringt, doch führe der Horrorfilm dieses potentiell Zersetzende nur vor, um es wieder zu überwinden und so die Stabilisierung der herrschenden Zustände und erneutes Dissimilieren vom Anderen und Fremden nahezulegen. Vertretern dieser These gilt das Horrorgenre als morality play mit stets demselben repressiven und reaktionären Ausgang. Was in Frage zu stellen wäre.
Die Verabreichung von realem Schrecken oder Schreckbildern war auch stets zur Lusterzeugung dienlich. Realhorror hat seine Geschichte auch als öffentliches Spektakel, von den römischen Schauspielen, bei welchen der Darsteller des Herkules im Nessushemd tatsächlich verbrennen mußte, bis zu den Hexenverbrennungen und öffentlichen Hinrichtungen. Die Verabreichung von Horror-Bildern soll demgegenüber als Surrogat gelten, das einen nach Grausamkeit lüsternen Voyeurismus befriedigt und entschärft. Wenn aber schon die Verabreichung von Realhorror als Kanalisierung des Instinkts zu realer Gewalttätigkeit gelten soll und somit selbst Surrogatfunktion einnimmt, wird eine Grenze zwischen Realhorror und Schreckbild fließend: beides scheint auf dieselbe psychische Disposition zu treffen.
Womit die Ebene der Rezeption angesprochen ist. Warum setzen sich Menschen überhaupt dem Schreckbild oder dem Realhorror aus? Von welcher Art ist der Genuß daran? Und in welcher Beziehung steht dieser Genuß mit den Intentionen, die hinter der Produktion von Schreckbildern stehen? Sind die Botschaften, die angeblich vermittelt werden sollen, wirklich die vermittelten Botschaften? Ist nicht vielmehr die Behauptung, der Horrorfilm solle eine bestimmte Botschaft vermitteln, ihrerseits verdächtig, insgeheim selbst die Stabilisierung des Status quo für vermittlungsbedürftig zu halten? Der Horrorfilm ist hier in solchem Maße offen für Ambivalenzen, daß zu fragen ist, ob die ihm lange zugeschriebene Intention nicht eine aus bestimmten Gründen propagierte Fiktion ist; es sind längst ganz andere Botschaften empfangbar als Konformismus, Konsolidierung der Ordnung und Exorzierung des Anderen.
Im Horrorgenre wird auch das nicht aufzuhebende Andere im Ich thematisiert; aus dem desintegrierten Ich eine neue Haltung dem Anderen und Fremden gegenüber zu entwickeln, ist der Ansatz von Julia Kristeva in Fremde sind wir uns selbst. Wo Immanenz des Fremden im Eigenen konstatierbar ist, bedeutet das Fremde hassen und bekämpfen nichts anderes als: das eigene Unbewußte, das eigene „dunkle“ Andere hassen und bekämpfen. Wenn ich mir selbst Fremder bin, gibt es keine Fremden, die fremder wären als ich.
Dies eröffnet den Blick für die subversive Ethik des Horrors. Integrale Andersheit zu erkennen, kann bedeuten, das Andere integral zu behandeln. Grenze, Form, Identität, Ordnung sind geschlossene Konzepte; Horror ist ein Weg ins Offene, und das Offene ist ein Weg aus dem Horror. Der Zustand Horror birgt hochexplosives erotisches Material; wenn Horror eine erotisch aufgeladene Konfrontation mit dem Anderen und Fremden ist, heißt dies zumindest für die Dauer des Affekts: sich in größerer, erweiterter Einheit mit dem Anderen und Fremden zu befinden. Worauf es ankäme, wäre: den Affekt dadurch letztgültig aufzuheben, daß etwas an ihm ins Unendliche verlängert wird – der intensive Austausch mit dem Anderen und Fremden. Die Bilder des Horrors bedeuten in diesem Sinne: Öffnungen zur Andersheit.
Der Zustand Horror befreit kurzfristig von der Rationalität. Aber ein Zustand namens das Offene könnte längerfristig vom Horror befreien. Nach Jaspers ist die existenzerhellende Grenzsituation immer auch Durchgangssituation. Wohin also? Zur Fortsetzung von Kierkegaards Der Begriff Angst mit anderen Mitteln: nicht der Sprung in den Glauben wie bei Kierkegaard, sondern der Sprung ins Offene ist zu wagen, als Geste gegen die einseitig verengte und verengende, verselbständigte Rationalität, die „lebensfeindlich (…), (selbst)zerstörerisch, imperialistisch“ (Collmer 1994, 344) wirkt, sofern sie die grausame Geschlossenheit der Form und die lediglich ausgrenzende Grenze verlangt, aus dem Konzept der Ordnung Ambivalenz und Widerspruch, aus dem Konzept der Identität „verstörende“ Metamorphosen herauszuhalten sucht, sofern ihre Logik nicht Alogik zu umgreifen lernt und sofern ihr Bezug zum Anderen permanent genau jene Geister beschwört, die sie zu bannen sucht.
Die Beschäftigung mit dem Zustand Horror ist notwendig auch eine Zustandsbeschreibung der westlichen, abendländischen Rationalität. Der Zustand Horror reflektiert präzise, wie diese Rationalität sich konstituiert, was sie bedroht und wo ihre Defizite liegen. Sich auf den Zustand und das Genre Horror einzulassen heißt, sich auf das Unbehagen in der Rationalität einzulassen. Wo Rationalität in Hyperrationalität umschlägt, die Hypermuster schafft, Hyperordnung oder Hyperidentität einschleusend, kann Horrorkunst als Korrektiv wirken. Der Zustand Horror ist dezentrierte Rationalität; das Genre Horror ist kalkulierte Dezentrierung hypertropher Rationalität. Wenn Hyperrationalität ihrem immanenten Horror ständig ausgeliefert ist, bedarf es der Offenheit nicht für Irrationales, aber für Para-, Kontra- und Neorationales. Das Gegenteil von Hyperrationalität muß nicht Obskurantismus sein.
Selbst dort, wo im Plot die Interaktion mit dem Anderen und Fremden jäh abgebrochen wird, mahnt der Horrorfilm doch unentwegt zur Überprüfung des eigenen Bezugs zum Anderen und Fremden. Selbst dort, wo er Repression bebildert, kann er progressiv wirken. Selbst dort, wo der Plot restriktiv zur Ordnung ruft, kann der Film sie destabilisieren. Horror als die Kraft, die stets das Eigene will und doch das Fremde schafft. Der Stoff, aus dem die Alpträume sind, verdient einen Traum am Grenzstein: über die Grenze als Sicherheitsfaktor und als Unsicherheitsfaktor, über die Weisen, sie zu überschreiten, über den Wert der Grenzerfahrung und die Horizonterweiterung durch den Grenzgang. Ist das noch (oder schon) Philosophie? Philosophie bedeutet: Liebe zur Weisheit. Philosophie des Horrors bedeutet: Liebe zur Weisheit des Horrors.
Die Philosophie des Horrors ist interdisziplinär und zuweilen disziplinlos. Sie versucht sich objektiv am Aufspüren eines Urphänomens, erlaubt sich aber auch gnadenlose Subjektivität. Sie ist geboren aus der Erkenntnis, daß Philosophie dem Horror nicht entkommen kann – und Horror der Philosophie nicht entkommen können sollte.
Literatur:
Aristoteles: Metaphysik, Reinbek bei Hamburg 1994. Collmer, Thomas: Pfeile gegen die Sonne. Der Dichter Jim Morrison, Augsburg 1994. Heraklit: Fragmente, München und Zürich 1986. Leppmann, Wolfgang: Rilke. Sein Leben, seine Welt, sein Werk, Bern und München 1993. Paglia, Camille: Die Masken der Sexualität, München 1995. Platon: Sämtliche Werke, Band 4, 25. Auflage Reinbek bei Hamburg 2019. Schadewaldt, Wolfgang: Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen, Frankfurt am Main 1978. Schmid, Hans: Fenster zum Tod. Der Raum im Horrorfilm, München 1993. Van der Leeuw, Gerard: Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh 1957.
Ein Akt aus dem SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“
stoppelfeld:
Leidet der Deutsche an der „Krankheit zum Tode“?
avenir:
Wenn einem diese Krankheit zugeschrieben werden darf, dann wohl weniger dem Deutschen, sondern vielmehr dem Österreicher. Die Mesalliance des Wieners mit dem Tod ist wohl ein beredtes Beispiel hierfür. Die Lieder von Hans Moser bis Wolfgang Ambros, durchsetzt mit morbiden Zeilen.
Doch für den Österreicher ist der Tod nur selten eine ernste Angelegenheit. In der Literatur nimmt allenfalls Josef Winkler, der Büchnerpreisträger, den Tod wirklich ernst. Die Mehrzahl der österreichischen Schriftsteller geht mit dem Tod humorvoll um. Man lese nur Robert Menasse oder Norbert Gstrein. Sogar Thomas Bernhard geht den Tod humorvoll an, was nicht heißen soll, dass er darüber seine Witze macht. Es ist ein beißender Humor, dem sich der Tod hier ausgesetzt sieht.
Was kommt dabei raus? Der Tod wird ins Leben geholt, er gehört zu uns. Dabei muss man nicht todtraurig sein, sondern sich auch über ihn lustig machen. Dies ist ein Topos, der stark im katholischen Glauben verankert ist. Der ernste Glauben ist immer mit einem verschmitzten Lächeln verbunden.
Christian Erdmann [Aljoscha der Idiot]:
Wieso haben die Franzosen eigentlich Madame la Mort und wir bloß Gevatter Schnitter?
river runner:
Wieso haben die Spanier „La Palida“, und warum heisst sie bei uns „Der Bleiche“?
Lo sorprendió la Pálida una tarde.
Ihn überraschte eines Abends der Bleiche.
Lieber Aljoscha, kannst du mir erklären, warum der Borges den Gracían nicht abkann? Schon wieder steht der Vorwurf der Eitelkeit im Raum: „Sólo un vano herbatio… nur ein eitles Herbarium.“ Ist das fair von Borges, oder hat der das einfach nur so dahingeschrieben, weil es sich reimt?
Christian Erdmann:
Ah, la Pálida! … hing gerade dem Gedanken nach, daß die rationalistische Tradition der Franzosen nie ihre genuine Nähe zur Erotik verhindert, ich meine, wo sonst gibt es ein Buch wie die „Liaisons Dangereuses“, die „Schlimmen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, das derart Sprache und Erotik verbindet, die Sprache der Erotik und die Erotik der Sprache, und demnach es ganz natürlich scheint, wenn die Franzosen das Verlangen haben, sich einen „gut ausgearbeiteten Tod“ (Rilke in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) wenigstens sprachlich noch als bittersüße Umarmung vorzustellen. Jetzt müssen wir das also mindestens auf Spanien erweitern, bzw. was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Lieber Aljoscha, kannst du mir erklären, warum der Borges den Gracían nicht abkann?
Hm. Wegen schweren Leidenschaftslos seyns?
„Leidenschaftslos seyn: eine Eigenschaft der höchsten Geistesgröße, deren Ueberlegenheit selbst sie loskauft vom Joche gemeiner äußerer Eindrücke.“ (Gracian)
Was ich verlange, wenn das Drüben noch was vorhat: einen Blick werfen auf die Archetypen und die Herrlichkeiten und Muster, nach denen alles geschieht. Ich vermute ja, wenn man das sähe, würde man eh gleich tot umfallen.
Na gut, gewisser Widerspruch hier. Epikur sagt ja, sind wir, ist der Tod nicht; ist der Tod, sind wir nicht. Und er hat ja bekanntlich zugleich recht und schmählich unrecht. Es gibt das Grauen vor diesem letzten „Zustand“, in dem eine Verwandlung an uns ohne uns stattfindet, es gibt die Furcht davor, daß, wenn der Tod ist, auch wir gegenwärtig sein könnten. Es gibt ebenso die Furcht davor, daß wir als Tote gerade kein Vermissungserlebnis haben werden. Horror vacui. Daß der Tod ein Problem für die Lebenden ist, wird auch ohne Epikur klar. Daß der Tod ein Problem für die Toten sein könnte, bleibt trotz Epikur, wie man angloamerikanisch sagt, mind-boggling. Epikur will uns damit beruhigen, daß Totsein keine grauenvolle Erfahrung ist, weil Totsein überhaupt keine Erfahrung ist. Sehr tröstlich. Man stelle sich das vor: keine Erfahrung. Und viel Spaß noch beim Versuch, sich das vorzustellen. Wir können nicht anders: auch den Übergang ins Nichts denken wir als Übergang.
„Sterben hieße nichts anderes, als ein Nichts dem Nichts hinzugeben, aber das wäre dem Gefühl unmöglich, denn wie könnte man sich auch nur als Nichts mit Bewußtsein dem Nichts hingeben und nicht nur einem leeren Nichts, sondern einem brausenden Nichts, dessen Nichtigkeit nur in seiner Unfaßlichkeit besteht.“ (Kafka, Tagebücher)
Nachdem Rilkes Malte Laurids Brigge den Tod des Christoph Detlev Brigge beschrieben hat, den schweren Tod, der sich nicht drängen läßt – „Er war für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den man den Schrecklichen nennt, später und immer.“, schließt er:
„Warum soll ich tun, als wären jene Nächte nicht gewesen, da ich aufsaß vor Todesangst und mich daran klammerte, daß das Sitzen wenigstens noch etwas Lebendiges sei: daß Tote nicht saßen.“
Und wenn „die Toten im Grabe an irgend etwas denken, so ist es dieses: wie sie unter der Erde das benachbarte Grab erreichen können, um das Leichentuch der Abgeschiedenen zu lüpfen und sich ihrem Schlummer zu gatten…“ (Flaubert, November).
„Sterben! Was heißt das? Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode reden.“
„Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht!“ (Goethe, Werther)
schlafschule69:
… was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Genau kann ich das jetzt auch nicht sagen, aber ich musste spontan an Morgensterns Galgenbruders Lied denken:
Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid
Sophie, mein Henkersmädel, komm, küsse mir den Schädel! Zwar ist mein Mund ein schwarzer Schlund – doch du bist gut und edel! Sophie, mein Henkersmädel, komm, streichle mir den Schädel! Zwar ist mein Haupt des Haars beraubt – doch du bist gut und edel! Sophie, mein Henkersmädel, komm, schau mir in den Schädel! Die Augen zwar, sie fraß der Aar – doch du bist gut und edel!
Reklov:
Wieso haben die Franzosen eigentlich Madame la Mort und wir bloß Gevatter Schnitter?
Es hängt mit der Sprache zusammen: la mort kommt von lateinisch mors, mortis fem.; Tod ist dagegen schon im Althochdeutschen als Verbalabstraktum zu „sterben“ ein Maskulinum, vgl. z. B. Kluge etc. Ähnliches gibt’s auch bei die Sonne / der Mond, im Lat. (und demzufolge in den romanischen Sprachen) sol, masc., luna, fem. (weswegen es unsinnig ist, im Sonnengesang von Franziskus (?) „fratre sole“ wörtlich mit „Bruder Sonne“ bzw. „sorore luna“ mit „Schwester Mond“ zu übersetzen).
Christian Erdmann:
„Touwen“, sterben, aha, naja. An sich verschiebt es die Frage für mich nur. Das Verbalabstraktum hätte doch rein theoretisch auch weiblich sein können, nein? Mentalität oder überlieferte Vorstellungen oder was auch immer hat es aber offensichtlich verhindert. Fänden Sie es sehr müßig, wenn man trotzdem weiterfragte, warum es eine römische weibliche Personifikation des Todes gab, im romanischen Sprachraum also diese Idee sich behaupten konnte, und warum man im Deutschen (im germanischen Sprachraum überhaupt? keine Ahnung) lieber den Tod schuf? Für Hel blieb da immerhin die Hölle, gut – aber ist das Degradierung oder Beförderung? Frag ja nur.
Reklov:
Ich betrachte solche Dinge (Wortstämme, -wurzeln) als Sprach“axiome“ und somit mit Aussicht auf Antwort kaum hinterfragbar. — Hel ist (wieder nach Kluge) die Todesgöttin. Im Germanischen ist der Tod also mask., seine Göttin fem.: Da haben wir also je nach Bedarf beides. Ähnliches hatten auch die Römer mit ihrem Unterweltherrscher Pluto(n), dem Bruder Jupiters und Neptuns. Die Römer und die Germanen hatten also zwei Wörter für ihre Vorstellung vom Tod: das den eigenen Tod betreffende war mors, das für den Herrscher der danach kommenden „Welt“ Pluto. Ähnlich auch mit Geschlechtsvertauschung die alten Germanen. Das Relikt von Hel ist im kath. Denken das Fegefeuer, das aber, soweit ich weiß – ich bin protestantisch erzogen -, keinen „Herrscher“ hat.
ray05:
… was steckt überhaupt hinter dem weiblich personifizierten Tod als image?
Nun, auch „das Leben“ ist ja weiblich [la vie] und l’existence ja auch; und jetzt kann ich mir gut vorstellen, dass der Lebenskreislauf von Geburt bis einschließlich Tod einfach komplett Frauensache ist. Wenn eine Frau das Leben schenkt, dann nimmt sie’s auch wieder. Warum wir Germanen hierzu einen „aktiv-männlichen“ Nichter, einen Auslöser und In-Marsch-Setzer brauchen, hm, keine Ahnung :)
tzscheche:
… daß die rationalistische Tradition der Franzosen nie ihre genuine Nähe zur Erotik verhindert, ich meine, wo sonst gibt es ein Buch wie die „Liaisons Dangereuses“, die „Schlimmen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, das derart Sprache und Erotik verbindet…
Wenn etwas die französische Kultur vor allen anderen auszeichnet, so ist es die ewige Lust zur steten Verfeinerung, zum raffinement.
Nichts ist dem Franzosen fremder als die Weltenschwere deutscher Romantik oder die Inbrunst angelsächsischer Dichtung. Was bedeuten schon Shakespeares bluttriefende Dramen gegen den Feingeist eines Racine oder eines Corneille ?
So liegt ja auch in dem von Ihnen zitierten Werk die Erotik nicht in der Erfüllung der Wollust, sondern vielmehr in der kunstvollen (und wortreichen) Inszenierung ihrer Anbahnung, bzw. sogar ihrer Verhinderung im allerletzten Moment.
Christian Erdmann:
Geradezu folgerichtig stammte dann auch der erste ernstzunehmende (weil er eben auch den Roman ernst nimmt) Essay zu Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ von einem französischen Philosophen, Gilles Deleuze.
tzscheche:
Habe weder Sacher-Masoch, noch den dazugehörigen Essay gelesen, wohl aber Texte von Deleuze. Er ist ein vorzügliches Beispiel für die französische Lust am intellektuellen Spiel, die Fähigkeit, Welt sprachlich zu dekonstruieren und unter neuen Blickwinkeln wieder zusammenzufügen. Mille Plateaux ist so ein Text oder auch Le Pli: Leibniz et le baroque.
Christian Erdmann:
„Die Sprache der Erotik und die Erotik der Sprache“ (s.o.), man könnte auch sagen: bei denen ist Erotik Philosophie und Philosophie ist erotisch. Was schon mal eine ideale Voraussetzung dafür ist, daß man in Frankreich „den“ Philosophen nicht als Volltrottel betrachtet, der sich nur mit sinnlosem Zeugs beschäftigt. Der darf da richtig integriert sein in den Alltag, der Philosoph.
Bin auch sicher, daß in einem französischen Literaturforum die Verengung von „Belletristik“ auf „Romane“ sofort als Mißverständnis aufgeklärt würde.
@ray05:
Im Raum Tirol, Südbayern, Kärnten hat eine „Teadin“ überlebt. :)
Ob das jetzt tatsächlich Indiz dafür ist, daß der Tod „hierzulande ursprünglich ein weibliches Gesicht“ hatte, keine Ahnung.
ray05:
Apropos raffinement. Die Verfeinerung ist im Französischen auch männlich. :)
Christian Erdmann:
Die Frau ist ja auch schon verfeinert. :)
ray05:
Von wem? :)
Christian Erdmann:
Die kommen so auf die Welt. :)
ray05
Raffiniert ausgedacht. :)
river runner:
Lieber Aljoscha,
du grübelst mit „Hm“, ob Borges den Gracían wegen schweren Leidenschaftslos seyns abgelehnt hat. Dies ist zu vermuten. Aber ist seine Behauptung: „No hubo música en su alma… Er hatte keine Musik in der Seele…usw.“ wahr? Ich prüfe hier gerade die Frage, ob Baltasar Gracian leidenschaftlich oder nicht leidenschaftlich war.
Zu diesem Zweck habe ich zunächst einmal geprüft, ob Baltasar Gracian von irgendjemand leidenschaftlich geliebt wurde. Dazu habe ich bei amazon gelesen, dass sich Dein Buddy Nietzsche von ihm angezogen gefühlt haben soll. Könntest du einmal nachprüfen, ob Nietzsche leidenschaftliche Gefühle für Baltasar Gracian hatte?
Arthur Schopenhauer hat ihn sogar so sehr geliebt, dass er spanisch gelernt hat, nur um ihn übersetzen zu können. Der eher zurückhaltende Schopenhauer ist so auf Gracian abgefahren, dass er seinen „unvergleichlichen Criticón“ für „eines der besten Bücher der Welt“ hält, „vielleicht der größten und schönsten Allegorie, die je geschrieben worden“ Meine Frage an dich als Künstler und Philosoph: Was geht da ab, bei Nietzsche und Schopenhauer?
Aus der Buchbeschreibung: „Wenn Gracián ein Moralist ist, dann vor allem in dem Sinn, dass er die mores, die Sitten, vor allem aber die Unsitten wie kaum ein Zweiter kennt.“
Aljoscha, Baltasar Gracían ist mir ein Rätsel, da kann mich jetzt nur ein Nietzsche-Zitat von dir zu ihm weiterbringen.
Christian Erdmann:
Aber ich schlafe weder mit Gracian noch mit Nietzsche unterm Kopfkissen. :) Was Nietzsche neben dem kunstvollen Stil der Aphorismen und dem, was er für einen geschulten Psychologenblick hielt, beeindruckt haben könnte? Gracians „sabio“ war ein „Bewanderter“, ein kritischer Geist, ein Trugdurchschauer, ein Unabhängiger, aber auch ein kluger Lebenstaktiker, dem es vor allem um die innere Freiheit ging, für deren Bewahrung man auch mal, als Selbstschutz, Proteus sein muß, sich den Umständen entsprechend verstellen. Das von Dir geforderte Nietzsche-Zitat käme dann aus der „Fröhlichen Wissenschaft“:
„Und, um hier einiges zu verschweigen: so will ich doch meine Moral nicht verschweigen, welche zu mir sagt: Lebe im Verborgenen, damit du dir leben kannst !“
Vielleicht waren es auch die gar nicht so komplexen, verschlungenen, sondern die ganz einfachen Sachen bei Gracian, z.B.: „Sich keine Narren auf den Hals laden.“ :)