Lange tat ich so, als haßte ich sie wie die Pest – sicheres Zeichen. Dann saß ich im Klassenraum neben ihr. Unerhört. First boy dares. Alle liehen ihr Ohr den süßen Anspielungen und warfen sich vielsagende Blicke zu. Die Störenfriede lästerten, aber allesamt begehrten sie Iris. Iris mit ihrem rotbraunen Francoise-Hardy-Haar, den Rehaugen und den langen Beinen. Sie hat mich im Zimmer ihres guten Freundes, des transvestitischen Peter T, mit Ziggy Stardust bekannt gemacht. Iris kümmerte sich nicht mehr um den Zinnober linkischer Jünglinge. Sie wußte, daß alle sie begehrten, und sie spielte die Rolle der scheuen Göttin blendend. Sie war kein Mädchen mehr. Sie war mein Inbegriff von Weiblichkeit. Irgendeine Party, die irgendein Dunstkreis von Typen nur stattfinden ließ, um Iris und mich unserem Schicksal zuzuführen, ich wußte es, Iris wußte es, alle wußten es, sie hielten ihre Gläser mit Whiskey-Cola und wollten es sehen, nun mach schon Junge, ah wie peinlich, und irgendwann im Halbdunkel küßten wir uns, und sie ließ es geschehen, aber ihre Augen sagten: „So geht das nun auch wieder nicht, junger Mann.“ Damn right. Und darum schmecken die Songs von „Goats Head Soup“ immer ein bißchen nach Whiskey-Cola und sehr nach Iris. Die Them-Version von „It’s All Over Now, Baby Blue“, die todsicher aus den verstreuten Trümmerteilen einer dieser Nächte kam, in denen man nicht wußte, wie man jetzt noch nach Hause kommen sollte, klingt nach Iris.
Ihre Arme, die sich so eng um mich schlingen, und natürlich spürt sie meine Erregung an ihrem Körper, wenn wir tanzen, und sie lacht, aber dieses Lachen bedeutete nicht, daß man rote Ohren bekommen mußte. Pink Floyd war nichts für eine beschwipste Iris. „Aaytom… atom… wie?“ Zärtlichkeiten auf dem Bett, aber sie wußte, es war zu spät. Sie war eine Frau, und eine Diva, und ich war immer noch ein Trottel, der auf dem Schulhof Fußball spielte. Und zwar mit einer grandiosen Kondition und unerbittlich, bis der jähzornige Jörg Lorenzen die Schnauze voll hatte, er hatte eigentlich immer von irgendwas die Schnauze voll, er nahm gute 20 Meter Anlauf, trat zu, rammte mir die Beine weg, für einen Moment hing ich waagrecht in der Luft und kontemplierte überrascht den Himmel, dann schmetterte ich auf die Steinplatten und rührte mich nicht mehr. Ich genoß es. Iris sah zu, und ich war soeben Opfer des hinterhältigsten Pausenfußballtacklings in der Geschichte dieses Schulhofs geworden.
Wahrscheinlich wurde sie deshalb meine Traumgöttin noch für ein Jahrzehnt. Iris of my Dream Eye.
Ich sah Sie heute, aber erst im letzten Moment, es war, als fügten Sie und Frau G. sich so perfekt ins Brunnengemälde, dass ich Sie zunächst nicht als lebend identifizierte. Erst als ich schon fast auf Höhe der BS 1 zurückblickte, bemerkte ich Ihr gelbes Halstuch und Sie. Sachen gibts.
Nun ja, genaugenommen sprach Frau G. auch gerade vom Tod und ist jetzt in S., mourning. Heute hingegen mit Frau I. und Frau A. in der Toreinfahrt die psychodramatischen Laboratorien, in denen wir alle stecken, in verzweifeltes Hinweglachen überführt. Just a temporary thing. Später sagte eine Bewohnerin der BS 2 ob des erneuten rein klimatischen Desasters zu mir: „Du Armer“. Ich sagte: „Ein Mann allein im Kampf gegen die Elemente.“ – Sie sagte: „Du müßtest ihn nur mal für uns gewinnen, den Kampf gegen die Elemente.“ – Die Frau hatte einen Punkt. Aber wer ist schon The Perfect Boy.
And the way the rain comes down hard, that’s how I feel inside. Kampf gegen die Elemente ist ein Punkt, ja. Möglicherweise morgen in snow white. Zeit für den Auftritt des Wintermantels. Eine ausgeprägte dissoziative Konversionsstörung bezgl. der Welt insbesondere des Wetters hält meine Wahrnehmung in Verwunderung. Schon wieder Weihnachten? Glauben Sie auch, dass Menschen ein bestimmtes Emotionskontingent zur Verfügung haben? Both qualitativ und quantitativ. Irgendwann weiß man, nein, ich werde nicht wahnsinnig, sondern wahnsinnig wütend. Und das ist dann das Ende des guten Porzellans. I walked away and grew old. Scherben bringen wiederum Glück. Naja.
Nein, ich glaube das nicht, weil das fou in amour fou verrückter denn je ist und die Linie zwischen wahnsinnig und wahnsinnig wütend dünner denn je. Der Kampf gegen die Projektionen killt nicht nur Energie, sondern auch sanity, weil man sich ja immer mehr darin verwickelt, die Projektionen zu übernehmen. – Und wenn man erklärt, von alldem die Nase langsam mal voll zu haben, schaufelt man sich erst recht sein eigenes Grab.
Darum war ja „Burn After Reading“ mehr als nur lustig, dieses zielsichere Aneinandervorbei der Bedeutungen, diese Mißinterpretationskunst! Kapitalkräftiger Idiot sein wäre gut. Aber darauf hinarbeiten – gelingt immer nur die eine Hälfte betreffend. – Ich lese gerade Anna Achmatowa auf Englisch. „I’m not yet cured of happiness“. Huch, Weihnachten. Ich wünsche mir komplett erliegenden Straßenverkehr und Trottoirs wie Bobbahnen. Gab’s wohl zuletzt, als The Cure mal anfingen.
Sie meinen so etwas wie self fulfilling prophecy? Man denkt den anderen so lange projektiv, bis er sich vollkommen in Gegendarstellungsversuchen verstrickt, dass nichts mehr so ist wie es ist? Damn it, ich glaub ich weiß, wovon Sie reden. Just your part in the play for today. Ich frage mich immer öfter: wofür bestrafen wir alle uns so ausführlich und zielsicher immer wieder? Trust ist das Stichwort. Vertrauen – trauen – sich trauen. Your part – her part – in this.
Ich liebe Freakshows, aber manchmal wird es auch mir zuviel. Manchmal werde ich mir zuviel. Vorgestern in diesen Song gefallen:
So tender, so beautiful and comforting. Und man fragt sich: Paul Smith in der Rolle des Aljoscha T. the beloved i.? Woher wissen die? Ein schöner Weihnachtswunsch. Ich wünsche noch eine sternenklare Nacht, und ein schwarzsamtenes Kleid dazu.
Oh, phantastisches Video, hätte mich fast auf meinem schon 3mal restaurierten Stuhl zusammenbrechen lassen. Merci bien! – Ja, so ähnlich, es geht um diese Phasen, in denen man, Sie erinnern sich, ein Angeblicher wird, errichtet aus Worten, und diesen Angeblichen treffen Affekte und Aufgeregtheiten, während er selbst gar nicht weiß, warum er da stehen soll, wo er angeblich steht. You know? Bis man dem Schöpfer der Fiktion zurufen möchte: du kämpfst vor allem gegen dich selbst. Aber wenn beim nächsten Mal die Metrokönigin im ureigenen Metropolis so tut, als hätte die Seeschlacht letztes Mal gar nicht stattgefunden, lasse ich das Logbuch auch stecken, nur so kommt man wieder in Fahrwasser. Besitzen Sie womöglich die Maximo Park-CD? Ein Klon davon unterm Tannebaum wäre tender, beautiful and comforting, ich legte Ihnen dafür die philosophisch werdenden Seelenausgräber aus Manchester ans Herz und unter selbigen.
„Sie riefen sich, aber sie konnten sich nicht hören“? So ähnlich. „Logbuch erstmal zur Seite“ klingt nach einer Strategie.
So ging es mir bei den ersten 50mal Video gucken, bin jedesmal fast zusammengebrochen. Eigentlich immernoch, wenn Paul Smith in Aktion tritt. Der Name allein ist schon großartig.
Selbstverständlich bin ich nach dem erst heute erfolgten Besuch beim Planeten der Ringe im Besitz von „Our Earthly Pleasures“. Also, abgemacht, dann schlage ich eine kurz-vor-weihnachtliche Übergabe am Brunnen vor.
Ach, Sie! Genau das hatte ich befürchtet, ja Ihnen liebevoll zugetraut – gleich los am Montag für den Sturz in Unkosten. So nicht! Na gut, so doch. Brunnen ist fein, schließlich unser Platz, und wir müssen noch herausfinden, welches Lied es ist, wenn sie unser Lied spielen.
Naja es ist… Strategie ohne Strategie. Eher so, daß, wenn der kalte Saturn first warmth then heat verströmt, man fühlt, nothing else matters. Wußten Sie, daß es ein Spiel namens „Stratego“ gibt, bei dem man mit einem Heer, dessen verschiedene Ränge dem Gegenüber verdeckt sind, die Fahne des Kontrahenten erobern muß? Man kann auch Bomben placieren, in der Hoffnung, den Feldmarschall zur Explosion zu bringen. Und es gibt einen Spion. SIE wußte immer nichts mit ihrem Spion anzufangen, das war auffällig. Dafür standen die Bomben immer wie ein Saturnring. – Hier in return schon mal ein Rundumschlag. Ich weiß nicht warum plötzlich, aber die haben Songs, die ich als fliegenden Teppich verwende.
Wäre nicht etwas Unvorhergesehenes dazwischen gekommen – der Einkauf war schon für Samstagnachmittag geplant. Sie kennen meine Emotionalität, wenn mich etwas so ins Herz trifft, habe ich keine Ruhe mehr. Hab mir noch einen Union Jack Button mitgenommen heute, musste einfach sein. Ja, das müssen wir noch herausfinden – unser Lied, am Brunnen.
Oh ich kenne Stratego, eines der wenigen Spiele, die ich früher mit meinem Bruder spielte (und seine 6 Jahre älter nützten ihm sehr bald nichts mehr). Als ich es kürzlich mal auf einem Flohmarkt entdeckte und in glücklicher Kindheitserinnerungsstimmung mitnahm, fiel mir erst auf, dass es „Krieg spielen“ ist. Trotzdem wirkt es so unschuldig wie der brave Soldat Schwejk. Der Major (oder war es der Feldmarschall?) war immer mein Favorit, mächtig und wichtig, während der Oberst immer viel freundlicher aussah. Sie meinen, IHRE Strategie änderte sich nicht und SIE verwendete den Spion nicht seinen Aufgaben entsprechend? Merkwürdig. Aber auch passend. Diese Härte auch gegen sich selbst zu wenden. Ich mache ja auch meine Erfahrungen mit kalten Saturnanwandlungen, Herz aus Stein, denkt man und dann – plötzlich schlägt alles um in unschlagbaren Humor und endet in großartigem Gelächter. Ja und dann weiß man wieder, dass man sich diesen Menschen doch nicht anders wünscht. Aber ich habe das Glück, dass mein kleiner Planet bisher noch zu mir aufsieht, beeinflussbar ist. Das wird nicht immer so sein.
Ach ja, und natürlich mag ich Oasis schon seit Morning Glory, auch wenn ich damals Blur noch lieber mochte. Mit Oasis kann man durchaus fliegen, ja. Nochmal zu Maximo Park: Im „Our Earthly Pleasures“-Booklet: „…she felt that she had learned something, though exactly what it was she did not know. Later she remembered all the hours of the afternoon as happy – one of those uneventful times that seem at the moment only a link between past and future pleasure, but turn out to have been the pleasure itself.“ (F. Scott Fitzgerald, „Tender is the Night“).
„But turn out to have been the pleasure itself“, großartig, genau so findet man später die Schönheit scheinbar unspektakulärer Stunden. Saturndame und ich standen in Paris mal vor dem Haus, das Scott und Zelda in Paris 1928 bewohnten, phantastischer Blick auf den Jardin du Luxembourg.
Strange, daß Sie auch gerade „Stratego“ wiederentdeckten. Die kamen alle aus „Ungeduld des Herzens“, besonders der Leutnant. – Ich hab mal ein Monopoly gefertigt, mit alten Geldscheinen und Versailles und Louvre statt Parkstrasse und Schloßallee etc. Quer durch Europa. Man kann den Dogenpalast kaufen oder Fontainebleau, den Palazzo Vecchio oder Compton Anstey („Der Kontrakt des Zeichners“). Ereigniskarten wie: „Macht eine Pilgerfahrt nach Rom. Wenn Ihr die Mailänder Börse passiert, löst einen Wechsel über 4000 Gulden ein“ oder Gesellschaftskarten wie „Der unglückliche Verlauf eines Würfelspiels erleichtert Euch um 2000 Gulden“ oder „Eure jüngste Tochter nimmt den Schleier. Zahlt an das Kloster eine Mitgift in Höhe von 3000 Gulden“. That’s life with a Saturn girl. Schön haben Sie das beschrieben, und perfekt. Wenn die Anarchie unter der Unnahbarkeit ausbricht und sich für was (wen) entscheidet, gibt es kein Halten mehr.
Grabmal ohne Inschrift Eingang ohne Tür Licht ohne Quelle Weg ohne Wiederkehr Kompass ohne Norden Zeit ohne Stunden Echo ohne Ruf Weiter ohne Grund Gegangen ohne Abschied Drei Nächte ohne Mond Steine ohne Alter Klang ohne Schall Elemente ohne Namen Wissen ohne Nutzen Kreaturen ohne Augen Knochen ohne Haut Sprache ohne Worte Intelligenz ohne Gehirn Sinne ohne Sinn Chor ohne Stimmen Universum ohne Anfang Raum ohne Krümmung Särge ohne Mumien Monstren ohne Mutationen Träume ohne Träumer Energie ohne Masse Buddha ohne Lächeln Formel ohne Einstein Engel ohne Gott Teufel ohne Zweifel Schlangen ohne Grube Halle ohne Hall Statue ohne Schöpfer Augen ohne Blick Bewegung ohne Warnung Alle ohne einen Verloren ohne Verlust Kuss ohne Lippen Entzücken ohne Ende Grabmal ohne Inschrift
Aufgrund des gegen sie erhobenen Vorwurfs der Israelfeindlichkeit verzichtet Laurie Anderson auf die Pina Bausch-Professur an der Folkwang Universität der Künste in Essen.
und ein wichtiger Schritt der Künstlerin, um Deutschland auf dem Weg in die verblödete Provinzialität weiter zu unterstützen.
„Ich bin der festen Überzeugung, dass es nur eine einzige legitime Lehre des Holocaust gibt. Und das ist die absolute bedingungslose Verteidigung der Menschenrechte für alle. Punkt.“ – Deborah Feldman
Diskussion über „Sherlock – Der Reichenbachfall“ im Café de Flore, direkt nach der deutschen Erstausstrahlung, Mai 2012.
Catherine:
Uh. WAS FÜR EIN ENDE! Auch beim zweiten Mal ist dieses Finale der zweiten Staffel unfassbar schnell und grandios. Und nun in der Synchro auch endlich alles verständlich. Waren doch einige Sätze, die ich im Original aufgrund von Tempo und „Britishness“ nicht verstanden hatte. Woah, was da alles drin ist! Da haben wir auch den Clue, was Mycroft angeht. Und er fügt sich ganz wunderbar in diese komplizierte Geschichte der beiden Brüder, like you said, im Kommentar zum „Skandal in Belgravia“. Versuchen Sie sich den Vater der beiden vorzustellen! Oder war Mycroft gar derjenige, der die Vaterrolle übernehmen mußte? Würde vieles erklären, eben auch die Tee-Szene im Palast. „Wie früher…“ Ja, er hat ihn sozusagen an Moriarty verkauft. Sie erwarteten sowas ja schon.
Was für ein irres Spiel Moriarty treibt! Die Szene im Tower ist ein Meisterstück, nicht!? Moriarty tanzt seinen Triumph, während er im Begriff ist, die bestbewachten Kronjuwelen der Welt durch simple Tricks an sich zu bringen, nur um Sherlock zu zeigen, wie mächtig er wirklich ist.
Die Szene nach der Gerichtsverhandlung. Sherlock kocht Wasser, stellt Teekanne und Tassen aufs Tablett (las schon des öfteren, dass das Teeservice eines der most wanted requisites der gesamten Serie sei), weil er genau weiß, was kommt. Dann Moriarty in seinem Sessel. IOU in den Apfel schnitzend. Etwas schwierig, dass man das nicht so richtig übersetzen konnte, und der Begriff ist hier wohl weitestgehend unbekannt. In Great Britain aber eine gebräuchliche phrase, um einen Schuldschein zu bezeichnen.
Beim ersten Schauen war ich in der Szene „Zuhause bei der Riley-Journalistin“ (Katherine Parkinson) tatsächlich vollkommen verwirrt. Im ersten Moment nicht sicher, ob es „for real“ ist, dass Moriarty eine Erfindung war. Sherlocks Gesicht, sein hypnotisch-wissender Blick und entsetzt-fasziniertes Grinsen, als er erkennt, was Moriarty da treibt, erklärt aber schon wieder alles.
Wunderschön, dass Molly in dieser Folge endlich zur Heldin avancieren durfte. Denn ohne Zweifel ist sie es, die seinen Tod inszeniert. Einen Leichenschein fälscht, einen Körper für seinen ausgibt. Die mit ihm den „Fall“ plant und den richtigen Platz, zu landen. Konnte damals, als ich die Originalversion sah, nicht anders, als im Internet zu forschen, ob es Theorien dazu gibt, wie sie es gemacht haben. Oh ja, es gibt sogar ganze Videos dazu auf youtube. (Wirklich schön zu sehen, dass sogar Menschen die Zeitungen, die im Reichenbach Fall gezeigt werden, genauestens untersuchen (Standbild, Vergrößerung), ob auch alles logisch ist, was da drin steht.) :)
So ist es also von äußerster Wichtigkeit, dass Sherlock Watson zurück an seinen Standort schickt, wo er nicht sehen kann, wo er landet. Um ganz sicher zu gehen, hat er offensichtlich auch noch einen der homeless-network-gang organisiert, der Watson umfährt, damit er Zeit hat, seinen Puls zum Stillstand zu bringen und das Blut auf den Bürgersteig und sich selbst zu platzieren. Die Szene, in der Sherlock mit dem Ball spielend auf dem Boden des Labors im Bartholomews sitzt, ist so unscheinbar wie entscheidend, was mich extrem fasziniert. Mit einer speziellen Technik soll es wohl mit einem solchen Gummiball möglich sein, den Puls für eine Weile zu unterdrücken. Offen ist wohl, ob Sherlock selbst dort liegt oder ein Mensch, der ihm ähnlich genug sieht, um einen unter Schock stehenden Watson zu täuschen. Denke aber, es ist Sherlock selbst, da sie ihn sehr schnell wegbringen, vermutlich mehr oder weniger eingeweihte Kollegen von Molly. Was verwunderlich ist, – und das ist auch nicht nur mir aufgefallen – dass eine große Menge von Blut fließt, aber kein Puls mehr fühlbar sein soll. Nur ein noch pumpendes Herz kann eine solche Menge rausbringen. Aber auch das dürfte dem armen Watson in dem Moment entgehen.
Hach. Was mir wieder äußerst gut gefällt, ist die authentische Anpassung der Originalstory an moderne Möglichkeiten. Sherlock wird ein Medienstar, die Medienhaie – manipuliert von Moriarty – zerreißen ihn schließlich und als er gewahr wird, dass diese Entwicklung ihn seinen Ruf und fast sein Leben kostet, nutzt er die Chance, um erstmal unterzutauchen. Ganz wie im Original.
Christian Erdmann:
Was für ein Ende, indeed. Die Welt ist alles, was der Fall ist! Überwältigende Episode, was soll man noch sagen. Watson auf dem Friedhof vor dem „Grabstein“, wie hätte man diese Szene vergeigen können, und wie perfekt die Worte, wie perfekt noch die kleinste Bewegung Martin Freemans hier, bis zu dem angedeuteten militärischen Ehrensalut, das letzte, mit dem John die Fassung wiederfinden kann jetzt, aber auch, wie er den Grabstein berührt, seine Hand, die Unsicherheit, ob er diese Geste jetzt machen soll, und dann doch macht, in jedem Finger dieses Aufgewühltsein – großartig. Driven to tears bei den letzten Sätzen Watsons („Seien Sie bitte nicht tot… würden Sie das für mich tun? Hören Sie einfach – damit auf“).
Übrigens, der „Grabstein“. Muß unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen vom Drehort abtransportiert worden sein – stellen Sie sich vor, welch Reliquie das wäre, for a Cumberbitch. :)
Zur Inszenierung des „Falls“ haben Sie das Wesentliche ja schon vorzüglich zusammengetragen. Habe den Reichenbach-Fall gerade auf gruseligem Videotape noch einmal gesehen, hier also meine Vermutungen. :)
Ja, absolut sicher: Molly hilft Sherlock bei der Inszenierung. (Wie herzzerreißend wunderbar wieder diese Szene mit Sherlock vorher, ihr glitch: „… dann können Sie mich haben“). Sie instruiert ihn, wie er mit dem Gummiball unter der Achselhöhle seine Arterie so abdrückt, daß kein Puls fühlbar ist – Watson trifft Sherlock ja noch im Labor mit dem Ball spielend. Sie brauchen nur die paar Sekunden, in denen, das wissen sie, Watson als Freund und Arzt sichergehen will, daß Sherlock nicht mehr lebt, und sie wissen, was er tun wird. Sherlock wählt das Dach des St Bartholomew’s, damit eingeweihte Angehörige der Hospital Staff umgehend zur Stelle sein können.
Hinzu kommt der Faustschlag des in den Plan involvierten Fahrradfahrers, der John zu Boden schickt, ihm fast die Sinne raubt, sein Wahrnehmungsvermögen schwächt. Und es wird möglich sein, ihn mit „Kommen Sie, Sie sind ja selbst verletzt“ o.ä. recht schnell von Sherlock wieder wegzuführen, tatsächlich sackt John dann ja nochmal zusammen, nachdem er den Puls gefühlt hat. Auch klar: Sherlock verlangt vom Dach aus, daß Watson zu der Stelle zurückgeht, von der aus John den „Aufprall“ nicht sehen kann. Was Watson die Sicht versperrt, ist dieses kleine brick building mit der roten Tür.
Beim zweiten camera shot vom Dach auf die Straße sagt Moriarty auffällig zu Sherlock: Oh, jetzt haben Sie ein Publikum. In dieser Einstellung sehen wir auch nochmals die beiden Busse, die in einem seltsamen Winkel geparkt sind, auch wie zur Abschirmung. (Bin aber nicht sicher, ob die später noch da sind). Jedenfalls sehen wir in diesem Moment da unten auch eine Gestalt, die auf einer der Bänke etwas abgestellt hat, etwas, das aussieht wie helle Plastiktüten. Eine Idee: diese „Plastiktüten“ könnten tatsächlich größere Airbags sein, diese Art von Luftsack, die man blitzschnell zur Expansion bringen kann.
Aber dann ist da deutlich sichtbar natürlich dieser Transporter mit Säcken, Wäschesäcke aus dem Krankenhaus, vielleicht wurde auch Vorsorge dafür getragen, daß ihr Inhalt noch weicher ist, Schaumgummi, whatever. Möglich also, daß Sherlock auf den Transporter springt. Oder, Kombination, er springt in einen großen Airbag, der unmittelbar danach wieder zum Zusammenfall gebracht wird und auf den Transporter geworfen wird, der fällt da oben nicht weiter auf. Der Transporter fährt jedenfalls während der Szene nach Sherlocks „Aufprall“ ab – ungewöhnlich, wenn da gerade von sehr weit oben jemand auf den Bürgersteig geklatscht ist.
Das muß nicht unbedingt ein clue sein, aber auffällig fand ich es schon: Sherlock müßte eigentlich eher mit dem Kopf zur Straße liegen. Tatsächlich liegt er aber eher parallel zur Straße – vielleicht eben auch schon Indiz dafür, daß er einen zweiten, wesentlich kürzeren „Fall“ hatte.
Möglich, daß Sherlock sich nach geglückter Landung von Airbag / Transporter auf den Bürgersteig fallen ließ und sogar eine (leichtere) Kopfverletzung dabei in Kauf genommen hat (remember: er läßt sich von Watson durchaus ins Gesicht schlagen). Möglich: Molly hat ihn nicht nur mit dem Gummiball, sondern auch mit Ampullen Kunstblut oder Blutkonserven aus ihrem Vorrat ausgestattet.
Sehr auffällig, und ungewöhnlich, finde ich, wie dieser „sofort herbeigeeilte“ junge Mann an Sherlock rüttelt, als Watson sich nähert. Vielleicht ein Zeichen für Sherlock, jetzt mit dem Gummiball die Arterie abzuklemmen.
Jedenfalls: Sherlock gibt Watson vom Dach aus noch einen *clue*, als er, syntaktisch noch scheinbar zum „Es ist alles wahr, ich habe Moriarty erfunden, ich bin ein Schwindler“-Thema gehörend, zu John sagt, und semantisch dabei die Ebene wechselt: „Das ist ein Trick. Bloß ein Zaubertrick.“ Kann auf dem blurred videotape übrigens nicht genau erkennen: ist das eine Träne, die da fällt bei Sherlock? Oder a drop of sweat?
Denn Angst hat er. Er hat gehofft, auf dem Dach irgendwie noch mit Moriarty fertigzuwerden. Die Angst, als Moriarty blutend auf dem Dach liegt, und er weiß, daß er jetzt springen muß, ist echt. Trotz aller Vorkehrungen ist der Sprung ein riskantes Manöver, ein großes Wagnis.
Er springt, um seine Freunde zu retten. Und Watson weiß dies nicht einmal, als er sagt: „Sie waren der beste Mann, der menschlichste… Mensch, den ich je gekannt habe.“ Sigh. John. „Ich war so allein, und ich schulde Ihnen so viel.“
Lestrade ist eingeweiht und beteiligt – es gibt diese kurze Szene zwischen cuts auf die sich vorbereitenden Killer, in der Lestrade „Ja, Sir, danke“ in den Hörer sagt – Sherlock wird springen = „die Sache“ nimmt ihren Lauf, zu wem sonst sollte Lestrade in diesem Moment „Sir“ sagen, wenn nicht zu Mycroft, der – auch wenn er in der letzten Szene im Club, als er die Zeitung mit den News von Sherlocks Selbstmord zusammenlegt, so undurchschaubar bleibt wie eh und je – demnach ebenfalls involviert ist… nachdem er seinen Bruder, wie Sie sagen, sozusagen an Moriarty verkauft, diesem „die perfekte Munition gegeben“ hat, muß er hier alles in seiner Macht Stehende tun, wenn er uns in Staffel 3 wieder unter die Augen kommen will. :)
Oh ja, die Szene mit Moriarty im Tower, ein Meisterstück, indeed. :) Er tanzt seinen Triumph, genau, es ist ein Ballett, eine Choreographie, zu Rossinis „Die diebische Elster“-Ouverture, phantastische Darstellung eines Datentransfers (von Moriartys Phone) fast nebenbei, und doch wieder clue fur Späteres (0-1). Moriarty sieht so klasse aus, in his deranged way, mit Krone und Zepter. :)
„Im ersten Moment nicht sicher, ob es ‚for real‘ ist, dass Moriarty eine Erfindung war. Sherlocks Gesicht, sein hypnotisch-wissender Blick und entsetzt-fasziniertes Grinsen, als er erkennt, was Moriarty da treibt, erklärt aber schon wieder alles.“ – Also, wirklich sensationell: die Blicke zwischen Sherlock und Moriarty. Schon im Gerichtssaal, aber tatsächlich, in Kitty Rileys Wohnung, in dieser unfaßbar geschmacklos eingerichteten Wohnung, als, sagen wir jetzt mal, Moriarty den Richard Brook gibt, der Blick unmittelbar nach Watsons „Ja, zeigen Sie mir was!“ – dieser Blick von Moriarty zu Sherlock, durch seine Hände hindurch, you know? – und Sherlocks, genau, entsetzt-faszinierter Blick zurück, das jagte mir Schauer über den Rücken. :)
Wie heißt denn Sir Prahlegott im Original?
Großartig diese hints auf Moriartys Omnipräsenz – wie die Lichter angehen im Gebäude gegenüber vom Hospital, in dem die kleine Tochter des Botschafters gerade beim Anblick Sherlocks in panische Schreie ausgebrochen ist, und auf den Fenstern wird das I O U sichtbar.
Sergeant Donovan angemessen unsympathisch, will jetzt nicht auf das verweisen, was Sibylle Berg einmal als „besserwisserische Planschkuh“ beschrieb (SB sprach immerhin vom Typus der deutschen Frau im TV, wie sie durch Christine Neubauer repräsentiert wird), aber eben auch schon brillant, wie im Reichenbachfall zum Thema wird: letztlich will the public den Außergewöhnlichen heruntergezogen sehen, giert danach, glauben zu können: auch SH ist nur ein gewöhnlicher Mensch, „sie wollen es glauben, eine Lüge, die bequemer ist als die Wahrheit.“
Man möchte nicht mehr leben ohne all das: wie der Sherlock-Hut Sherlock verfolgt und wie die Ikone mit der Ikonographie umgeht. :) Und neue Ikonographie schafft: Cumberbatch am Mikroskop, iconic. (Finde übrigens: wie er mit dem Geigenbogen auf einen Sessel zeigt für Moriarty [der sich dann in den anderen Sessel setzt], das ist eine Jeremy Brett-Geste). Sherlock und Watson, mit Handschellen aneinandergekettet, auf der Flucht durch die nächtlichen Straßen (die Farben! Das Licht!), Sherlock: „Nehmen Sie meine Hand!“, Watson: „Na toll… jetzt werden die Leute garantiert…“ – Nacht, Flucht, aber immer noch Zeit für Watsons Phobie. :) – Beide auf verschiedenen Seiten eines Gitters: „Sherlock, warten Sie! Wir müssen das Ganze… koordinieren!“ – John bei Mycroft, der auf die belastete Geschichte zwischen ihm und Sherlock verweist, „zuviele Ressentiments“. John: „Mhm. All seine Schlümpfe geklaut. Seinen Action-Man kaputtgemacht.“
Sherlock zu Molly: „Sie essen mit mir!“ – Zieht dafür zwei Chipstüten aus dem Mantel. Ja, ganz, ganz wunderbar alle Szenen mit Molly in dieser Folge. Wir haben so mit ihr gelitten („Alkalisch.“ – „Danke, John.“ – „Molly.“ – „Ja.“), und jetzt darf sie zur Heldin avancieren. Ich mag auch diesen Lestrade sehr. Der Chief Super Intendent mit der blutenden Nase: „Hinter ihm her, Lestrade!“, Lestrade mit diesem „Öhm… ja…“-Ausdruck, not in a hurry.
Hilarious: Watson im Diogenes Club, der Älteste im Sessel mit Schnappatmung.
Hat Hans Albers nicht mal Sherlock Holmes gespielt? Wie muß man sich das denn vorstellen? „Machs mir ma’n Kümmel, Misses Hudson“? :)
„Staub spricht zu uns!“
Catherine:
Sir Boast-a-lot. :)
Well, Moriarty hatte sicher viele Identitäten. Er sieht mit Zepter und Krone großartig aus, yes. Und überhaupt ist er im Reichenbachfall grandios. Andrew Scott bekam vor ein paar Tagen auch den britischen TV-Award für seine Leistung, wenn ich das richtig gesehen habe. Verdient, meine ich. Allein das Krötengesicht, das er in Watsons Richtung macht, während Sherlock aussagt!
Oh yes, das haben Sie wunderbar beschrieben, wie Watson in der Grabstein-Szene salutiert, unsicher den Grabstein berührt, wie Männer es tun, also die Schulter kurz drücken, wenn sie etwas beyond handshake ausdrücken wollen. Und wie er sagt: „Bitte seien Sie nicht tot. Könnten Sie das für mich tun?“ Hach. So bittersweet.
Dieser Transporter mit den Säcken ist ein Recycling-Wagen, in London schon zum Stadtbild gehörend. Nichts also, was die Menge, oder Watson, besonders auffallen würde. Dass der nach dem Sturz abfährt, ja, genau, liegt nahe, dass er „bestellt“ war. Sehr schön beobachtet, dass Sherlock „falsch“ liegt, könnte auch ein Hinweis sein. Moffat sagte ja, dass es einen Clue gibt, auf den noch niemand im Internet gekommen sei. Da gibt es ja die wildesten Vermutungen bis hin zur Sherlock-Gesichtsmaske, die Moriarty ja auch trug, als er die Kinder entführte, damit das Mädchen später Sherlock als Bösewicht brandmarken kann. Dachte auch schon an eine filmische Projektion von Sherlock im Fall auf die Fassade, aber das wär zu unecht. Jedenfalls twitterten Gatiss/Moffat am Tag nach der ersten Sendung des Reichenbachfalls in England: „Reingelegt! Die dritte Staffel wurde zusammen mit der zweiten bestellt und die Szene mit der Auflösung ist schon mitgedreht worden.“ :) Man hat aus der Poolscene am Ende von Staffel eins gelernt, denn es war wohl sehr schwierig, alles genau so wieder aufzubauen.
Denke, den Trick mit dem Gummiball hat Sherlock nicht von Molly, denn er sitzt im Labor – denkend – schon mit dem Ball und spielt damit gedankenverloren, während er auf Molly wartet.
Eine Träne ist es, aber ich rechne sie eher dem Beobachtetwerden durch Killer und dem Wunsch, möglichst echt zu wirken zu, als dass Sherlock wirklich Angst hat und deshalb weint. Nein, er sagt vorher zu Moriarty noch, er sei bereit, mit ihm in der Hölle zu schmoren, da er zwar auf der Seite der Engel kämpfe, aber nicht zu ihnen gehöre, Moriarty und er seien gleich und Moriarty stimmt ihm auch zu. Es muss alles geglaubt werden, sonst springt er ganz umsonst, inszeniert seinen Tod – und er plant vermutlich, eine Weile im Ausland unterzutauchen – also auch, seinen Freunden nachhaltig Schmerz zu zufügen. Eine Träne zu produzieren ist für ihn nicht schwer, wie wir in „The Great Game“ schon gesehen haben, in der Szene, in der er der vermeintlich frisch verwitweten Frau des Versicherungsbetrügers dessen früheren Bekannten vorspielt.
Ja, er sagt Watson auf dem Dach eigentlich alles, aber der kann es – mal wieder – nicht deuten. Könnte man aus der Original-Geschichte schön so übersetzt haben, denn Sherlock ist es ja sehr wichtig, dass alles möglichst „echt“ ist und Watson alles glaubt. Denn er kennt Watson schon gut genug, dass er weiß, der kann sich nicht verstellen und es sollen alle glauben, dass Sherlock tot ist. Denn es ist zu erwarten, dass Moriarty Erben oder zumindest Anhänger hat, die sich rächen wollen.
Mycroft eingeweiht, ja, Lestrade, vielleicht. Im Original sorgt Mycroft ja auch dafür, dass 221B so bleibt, wie es ist, auch wenn Mrs. Hudson das sehr irritiert. Hier sagt sie ja, sie will die Sachen weggeben. We’ll see.
Ja, sehr schön auch die Szene, in der Watson entrüstet den Diogenes Club entert und sich nach Mycroft erkundigt. Der alte Mann, mit Schnappatmung, der als erstes angesprochen wird und entrüstet den Klingelknopf mit seinem Stock bearbeitet, soll der Vorsitzende der Sherlock-Holmes-Gesellschaft sein und außerdem in einem früheren Sherlock-Holmes-Film schon mitgespielt haben. All diese Kleinigkeiten machen „Sherlock“ so wunderbar.
Christian Erdmann:
Sir Boast-a-lot, ah. :) Unbedingt verdient, der Award, auch wenn Andrew Scott ihn gegen Martin Freeman gewinnen mußte, aber der hat ihn ja schon 2011 gewonnen. Gab ja am Anfang wohl einige Irritation über diesen Moriarty, die er aber am Ende komplett weggefegt hat. Freue mich darauf, Passagen im Original zu hören wie: „Sind gewöhnliche Menschen nicht herzallerliebst? Na, Sie wissen das ja. Sie haben John. Ich sollte mir auch einen Mitbewohner zulegen. Gequält: Muß echt lustig sein.“
Very good to know, daß die Szene mit der Auflösung schon gedreht ist! Dachte mir, es wäre natürlich wichtig zu wissen, wann genau Moffat das sagte, daß es einen Clue gibt, auf den noch niemand gekommen sei, und fand heraus, daß er das wohl am 19. Januar sagte, also vier Tage nach der Erstausstrahlung auf BBC. Bin nicht sicher, ob die Sache mit dem Gummiball da schon Thema war? Muß da übrigens nochmal nachfragen, der Ablauf in der TV-Fassung ist so: Holmes und Watson bei Kitty, mit Moriarty als Brooks; auf der Straße trennen sich Holmes und Watson, Holmes begibt sich zu Molly; in der „Was brauchen Sie?“ – „Sie.“-Szene sieht man keinen Ball, nicht einmal Sherlocks Hände, dann Schnitt zur Watson-bei-Mycroft-Szene („Sie haben ihm die perfekte Munition gegeben!“), dann Schnitt zurück ins Labor, wo Sherlock auf dem Boden sitzend mit dem Ball spielt und auf John wartet. Wenn da gegenüber der Originalversion nichts rausgeschnitten ist, könnte Sherlock den Trick und den Ball schon von Molly haben.
Ah, es ist eine Träne. Thanks. :) Nein, ich hatte auch nicht gemeint, daß die Angst ihm diese Träne abringt, seine Angst hätte nur die Möglichkeit a drop of sweat eröffnet, aber wahrscheinlich kennt Sherlock das chinesische Sprichwort: „Nicht schwitzen.“ :) Well, wenn es eine Träne ist, könnte sie natürlich eine für die Killer produzierte sein, um alles möglichst echt wirken zu lassen; oder sie soll in uns die Frage aufwerfen, ob nach diesen 3 Folgen, in denen „die Beziehung wächst und gedeiht“, in denen Sherlock die erschreckende Erfahrung macht, von seinem Körper abhängig zu sein („Baskerville“), in denen er seine chymische Hoch-Zeit mit Irene Adler hatte, in denen er nach und nach „menschlicher“ zu werden scheint, sich der Gefühle anderer Menschen mehr bewußt wird, ob nach alldem tatsächlich da oben auf dem Dach etwas so Humanes wie eine Träne beweist, daß Sherlock in diesem Moment des Abschieds von Watson – denn er weiß, daß es ein Abschied für lange Zeit ist – tatsächlich bewegt ist, ob er tatsächlich fühlt, was es heißt, seinen Freund so zurückzulassen, mit dieser Vorstellung von Sherlocks Selbstmord.
Vielleicht müssen wir seinen in anderem Zusammenhang gefallenen Satz „Ich kann das nicht einfach auf- und zudrehen wie einen Wasserhahn.“ auch hierher übertragen. :)
Die knarrende Stufe, auf die Moriarty tritt, in 221B – bin sicher, es gibt die Anweisung von Sherlock, die nicht ausbessern zu lassen. :) Ich erinnere mich nicht mehr, wer es war, aber in Japan gab es in einer Zeit schwerer Unruhen irgendeinen Shogun oder Samurai oder Militärführer, der, um der Gefahr eines nächtlichen Überfalls zu begegnen, in der Mitte des Raumes schlief und seinen Parkettmeister anwies, den Boden so zu gestalten, daß jeder Schritt auf dem Boden einen Höllenlärm verursachte. :)
Der Vorsitzende der Sherlock Holmes-Gesellschaft? Ah, ja, all diese Dinge sind wunderbar. Una Stubbs kennt in England wohl auch jedes Kind – bzw. jeder, der mal Kind war.
„Ich werde einfach ich selbst sein.“ – „Hören Sie mir überhaupt zu?“
Diskussion über „Sherlock – Die Hunde von Baskerville“ im Café de Flore, direkt nach der deutschen Erstausstrahlung, Mai 2012.
Christian Erdmann:
Wie Sie ja wissen, wird der MusikerSängerKomponist Peter Hammill von Aljoscha und mir sehr geschätzt, falls irgendeine der Menschheit noch unbekannte Waffe Hammills Output zerstören sollte: bei mir nachfragen, ich habe sein Lebenswerk an einem sicheren Ort. Jedenfalls, Peter Hammill hat schon 1979 einen Song namens „Porton Down“ aufgenommen.
Die erste Platte von Hammills Band Van der Graaf Generator hieß „The Aerosol Grey Machine“, Strophe aus dem gleichnamigen Song:
You’re walking along the road one day Up comes a man dressed all in grey He blows a little aerosol in your face And you find your mind’s all over the place
Ein Delirantium, das zu hoher Suggestibilität führt – mittels Aerosoldispersion! – Zwischenzeitlich hatte ich auch „Experiment IV“ von Kate Bush im Sinn, ein Song, der zumindest auch vom Zusammenspiel von Mad Scientist und Militär handelt, ähnlich wie es von Projekt H.O.U.N.D. heißt: „Sie wollten es als Antipersonenwaffe einsetzen.“
„We were working secretly for the military“ / „They told us all they wanted was a sound that could kill someone from a distance“ – another kind of experiment also, fand aber trotzdem bemerkenswert: Holmes findet dieses Experiment namens H.O.U.N.D. in seinem Gedächtnispalast wieder und sieht dann im Computer, daß es 1986 offiziell eingestellt wurde. Kate Bush hat „Experiment IV“ 1986 veröffentlicht. :)
Aber irgendwie ist das, was für mich im Zentrum dieser Folge steht, das Verhältnis von Sherlock und John. Von „Ich habe keine Freunde, ich habe nur einen“ über die Tatsache, daß Sherlock John als Versuchskaninchen benutzt, um seinen Verdacht mit dem Zucker zu prüfen (und daß Sherlock weiß und erwartet, daß John seinen Grimm darüber überwinden wird und muß, eben weil Watson der eine ist, der das kann und will), bis zu der Tatsache, daß Watson als einziger „Ein bißchen“ hören darf (see below): this relationship itself, the chemistry.
Eine meiner Lieblingsszenen:
„Oh, bitte. Könnten wir das nichtmal lassen?“ „Was denn?“ „Sie tun immer so verdammt geheimnisvoll, mit ihren… Wangenknochen… und schlagen den Kragen hoch, um cool auszusehen…!“
Wunderbar. Als könnte Holmes seine Wangenknochen abstellen. And now we get it, die Szene vorher: als Holmes und Watson CROSS KEYS BOUTIQUE ROOMS VEGETARIAN CUISINE ansteuern und Sherlock den Mantelkragen hochschlägt. Indignierter Blick von Watson. Sherlock: „Es ist kalt.“ Ende der Szene. :)
Wunderbar: Gary. Sieht aus wie der *grumpy innkeeper through the ages*, mit period costume könnte er in Hitchcocks „Jamaica Inn“ auftauchen – „Hab kein Doppelzimmer mehr für euch, Jungs.“ Watsons ewige Prüfung: „Macht nichts, wir sind nicht…“ – und dann entpuppt sich Gary selbst als Hälfte eines queer couple. „Schnarcht Ihrer auch?“ – *kreisch*. Beim zweiten Sehen fällt wieder auf, wie *meticulously consistent* alles läuft. Die „Wette“ mit Fletcher, dem Touristenführer, und der sagt: „Ich hab ihn gesehen, vor einem Monat. War allerdings Nebel, ich konnte nicht viel erkennen.“ Danach „Man kriegt da ein ganz mulmiges Gefühl“ und: wer weiß, was die seit Jahren auf uns draufsprühen. – Nebel, mulmiges Gefühl, draufsprühen – garantiert irgendwo in Sherlocks Gedächtnispalast abgespeichert. Man könnte sogar denken, die Szene am Anfang, als Sherlock auf Nikotinentzug Henry Knight, erm, bittet, sich eine Zigarette anzuzünden („Und jetzt halten Sie die Klappe und rauchen Sie!“), und dann – wenigstens Passivrauchen – ungebührlich nah an Henry den Rauch einsniffelt, ist nicht nur herrliche Sherlock-Exzentrik, die Szene ist fast schon metaphorischer clue.
Die Szene, in der Sherlock sich plötzlich doch für Henry Knights Fall begeistert, weil er – wenn ich es richtig verstehe -, Bluebell, das verschwundene leuchtende Kaninchen, damit zusammenbringt, daß Henry nicht „dog“ sagt, sondern „hound“ (verstehe ich es richtig: die deutsche Fassung muß da improvisieren, und geht in die Richtung: seltsam altmodische Aussprache von „hound“), und weil Projekt H.O.U.N.D. im Gedächtnispalast schon mal Zeichen gibt, hat eine seltsame Extra-Ebene: als wäre Cumberbatch-Sherlock selbst Doyle-Fan, oder Fan der vielen Baskerville-Verfilmungen, plötzlich („Hound!“) inspiriert dadurch, daß es diese Verbindung mit ihm selbst gibt, daß auch er jetzt einen „Hounds / Baskerville“-Fall hat. Wenn man nur die Szene am Kamin nähme, das Tempo, mit dem Sherlock John beweist, „Es ist alles in Ordnung mit mir“, seine Deduktionen über die Witwe und den Fischer, nur diese Szene im Hinblick auf cinematography und editing würde reichen als Beweis, daß „Sherlock“ ein 5-Gänge-Menu ist und der übliche Krimi aus Deutschland im Vergleich dazu eine leergekratzte Pommes-Schale. Aus Pappe. Some favourites:
„Sind wir gerade in eine Militärbasis eingedrungen, um wegen eines Kaninchens zu ermitteln?“
„Die Frage ist nur, ging es dabei auch um Tödlicheres als Kaninchen.“ – „Das ist gelinde gesagt ein weites Feld.“
„Oh, sehen Sie, da ist Schimmel.“
Wie Sherlock Kaffeezubereitung simuliert.
Wie Sherlock „U.M.Q.R.A.“ sagt.
And like I said, das untrügliche Indiz dafür, daß…
„Also lagen Sie falsch.“ „Nein.“ „Mhm. Sie lagen falsch. Es war nicht der Zucker. Sie lagen falsch.“ „Ein bißchen.“
… Cumberbatch-Sherlock Steinbock ist: sein Tonfall bei „Ein bißchen.“ :)
Catherine:
Ja, alles ganz ausgezeichnet! :) Muss zugeben, dass „Baskerville“, was das excitement angeht, etwas abfällt neben „Belgravia“ und „Reichenbach“. Dennoch mochte ich „Baskerville“ schon immer besonders gern, als Roman und als Film. Und ja, die Beziehung Sherlock / John ist hier der Mittelpunkt, würde ich auch so sehen. Sehr schön, wie Sie sagen, „weil Watson der eine ist, der das kann und will“, genau, er will. Wie wir im Reichenbachfall dann ja auch hören, waren die 18 Monate mit Sherlock die beste Zeit seines Lebens. Komplementärnarzisst Watson hält ihn aus, auch weil er ihn braucht. Die Frauengeschichten sind lächerlich uninteressant gegen die atemberaubenden Abenteuer mit Sherlock, der wilde und unberechenbare Alltag mit ihm und allem, was dazu gehört. Nicht, dass Watson das selbst zugeben könnte. Er versucht immer wieder, eine Frau faszinierend zu finden, aber sie bleiben nur flüchtige Vergnügungen, Ablenkungen, wenn Sherlock grad in seiner eigenen Welt unterwegs ist oder keinen Fall hat. Er genießt es, die Anmeldung im Gasthaus auszufüllen, auch wenn er immer wieder gegen den nun schon running gag „gay couple“ angehen muss.
Sehr interessant, was Sie da an Parallelen gefunden haben, zur Aerosol-Droge und H.O.U.N.D. Sache. Denke, Peter Hammill wird den Produzenten auch nicht unbekannt sein. Von Kate Bush mal ganz abgesehen.
Was mich wundert, ist, dass Gatiss und Moffat es sich erlaubt haben, ungewöhnliche Dinge zu tun. Im Kommentar zur ersten Folge sagt einer von ihnen noch: „Imagine Sherlock driving a car!“ und daraufhin allgemeines Gelächter. Hier nun fährt er den Geländewagen zur Militärbasis.
It may be, but… dachte, dieser Clue, dass Sherlock das altmodische Wort „hound“ registriert, stammt aus Jeremy Bretts „Baskerville“. Kann mich aber täuschen, im Originaltext taucht es nicht auf.
Auf der Fleischrechnung im vegetarischen Restaurant (ein Widerspruch, der sogar Watson auffällt), steht als Lieferant „Undershaw“. Wohl das Haus, in dem Doyle den „Baskerville“–Roman schrieb. Verfolgte grad via FB ein „Preservation Trust“-thing, es wurde ein e-book mit Holmes-Geschichten, von Fans verfasst, veröffentlicht und weitere Spendenaktionen ins Leben gerufen, um eben dieses Haus vor dem Abriß zu retten.
Im Reichenbachfall schlägt Sherlock wiederum den Mantelkragen zurück, um den Kindern keine Angst zu machen. Funktioniert aus bekannten Gründen ja nicht, aber die Verbindung zur Szene, die Sie oben beschreiben, ist unverkennbar. Auch weil er im letzten Teil immer mal nachfragt, ob es passend sei, was er sagt. Die Beziehung wächst und gedeiht. :)
Christian Erdmann:
Im Vergleich zu „Belgravia“ und „Reichenbachfall“ mag diese Folge etwas weniger exciting sein, im Vergleich zu „Baskerville“ aber ist deutsches TV dann wieder so tattrig, daß man auch irgendwas schon Totes harpunieren möchte. Oha, ja, Zeit, Jeremy Bretts „Baskerville“ auch wieder zu sehen. Mußte auch an Jeremy Brett denken, als Cumberbatch am Anfang dieser Folge Papiere im Zimmer umherschleudert.
Yes, Watsons Frauengeschichten, er weiß ja selbst, wie wenig sie ihm bedeuten, und steht deshalb auch bei der Hunde ausführen-Szene in „Belgravia“ wie ein ertappter Schuljunge vor Jeanette. (Die von einer Chaplin-Enkelin gespielt wird.) Interessant aber schon auch, wie Sherlock das, was er tatsächlich tut (Johns emails an seine Freundinnen lesen), in einen glorios kuriosen Konjunktiv verpackt, der an dieser Stelle ziemlich aus heiterem Himmel kommt und der, auch wenn wir die Gereiztheit qua Drogenentzug abziehen, das Aufkeimen eines bis dahin völlig unbekannten Gefühls (eine Anwandlung von Eifersucht) ebenso verrät, wie er gleichzeitig die Qualität des Inkriminierten schon unmißverständlich macht: „Wollte ich lyrische Ergüsse hören, würde ich Johns emails an seine Freundinnen lesen.“
Sherlock driving a car. Auch nur ein Schauplatz für das, was herauskommt, wenn man Screwball ins Britishness-Bad taucht. Wunderbar. „Ich (räusper) hab den schon ewig.“ (Mycrofts Ausweis). Oder Johns sarkastische Reaktion-der-Militärbasis-impersonation: „Kommt doch rein, das Teewasser kocht schon.“
Ah, wußte ich auch nicht, das mit „Undershaw“, danke! Bin ja mit den Original-Doyle-Geschichten beileibe nicht so vertraut wie Sie, manchmal aber doch genug, um z.B. hilarious zu finden, was in dieser Folge aus dem Kerzensignal in Doyles „Baskerville“ wird.
Naja, Peter Hammill und Kate Bush waren eher Assoziationen, nicht unbedingt verbunden mit der Vermutung, daß es konkrete Einflüsse waren. Aber Produzenten, Autoren, speziell Gatiss in diesem Fall können diese Dinge ja ebenso in the back of their minds gehabt haben, als es darum ging, was man aus dem seltsamen Naturforscher bei Doyle macht.
Würden Sie übrigens sagen, daß in dieser „Baskerville“-Interpretation auch ein bißchen „The Devil’s Foot“ war? Wenn die Serie ein solcher Erfolg bleibt, wird es für die Autoren immer verwickelter. Ich meine, was machen sie, wenn sie dann tatsächlich bei „The Devil’s Foot“ ankommen?
Fand übrigens die Szene mit der Gasmaske / Sherlocks Moriarty-Vision tatsächlich ziemlich schaurig.
Ja, die Beziehung wächst und gedeiht. Sherlocks Euphorie über „Der Tatort ist gleichzeitig die Mordwaffe“, Watson: „Sherlock. Das Timing.“ – „Nicht gut?“
Memo: „Ist gegen die Regeln.“ – „Dann sind die Regeln eben falsch!“
Ich gehe doch nicht des guten Essens wegen ins Pariser Procope, sondern weil ich die Penunzen da verjuxen will, wo mir Diderot ins Essen hustet. Zum Haus pilgern, in dem Lautréamont verhungert ist, soviel Zeit muß sein, bevor die letzten Schuhe durchgewetzt sind. Halsabschneiderei ist überall, es kommt wirklich nur darauf an, wo man sich den Hals abschneiden läßt.
08.01.2008
„Ich kenne keine andere Gnade als die, geboren zu sein.“ (Lautréamont)
Avalokiteshvara, 11köpfiger Herr des großen Mitleids. Sein Kopf zersprang in Teile aus Mitleid mit den leidenden Wesen. Lautréamonts Kopf zersprang in Teile aus Mitleid mit den bitteren Farben. Und alle Teile schrieben gleichzeitig am „Maldoror“.
Paris, den 12. März 1870
Sehr geehrter Herr,
lassen Sie mich ein wenig zurückgreifen. Ich habe bei M. Lacroix (B. Montmartre, 15) ein poetisches Werk veröffentlichen lassen. Aber als es gedruckt war, weigerte er sich, es erscheinen zu lassen, weil das Leben darin in zu bitteren Farben gemalt war, und weil er den Staatsanwalt fürchtete. Es war etwas von der Art des Manfred von Byron und des Konrad von Mickiewicz, aber noch viel schrecklicher. Die Ausgabe hat 1.200 Franc gekostet, wovon ich 400 Francs schon vorgeschossen hatte.
Rue du Faubourg Montmartre No. 7. „Only later I found out that the hotel I used to stay in during my earlier visits to Paris, the Hotel Lausanne in Rue Geoffroy Marie, opposite the Les Folies Bergère cabaret, is just around the corner from the place where Lautréamont died.“ [ from a letter I wrote ]
26.03.2008
Lautréamont sei an einem „bösartigen Fieber“ erkrankt, sagte der Hotelbesitzer, aber vielleicht ist er auch einfach nur verhungert.
11.08.2008
Lautréamont ist quasi eingegangen, 24jährig, nachdem er den monströsen „Maldoror“ beendet hatte. Warum? Einfach nur Zufall, oder weil die Gewißheit, nach diesem Werk, in das man doch alles von sich hineinlegte, keinen Weg mehr offen zu haben, der das Überleben sichert, die Konstitution unwiderruflich schwächte?
31.10.2010
Passend zu Eurem Treiben hier: gestern, Spätnachmittag in der THALIA-Buchhandlung, ich hatte noch einen 10-Euro-Gutschein, wir begutachten also in der hintersten Ecke die „Klassiker“, Fischer hat diese hübsch gebundenen Retro-Ausgaben von Thomas Mann, da liegen die „Buddenbrooks“, meine Ausgabe ist von 1930, zerscheddert, ich denke also an einen Tausch, kostet aber 14. The Missus findet „Sleepy Hollow“ von Irving, ich taste mich weiter durch die Möglichkeiten. Verkäufer so um die 30 kommt: „Finden Sie, was Sie suchen?“ – „Ja. Kann mich nur nicht entscheiden.“ Er nickt, sieht uns da irgendwie weiter zu, kommt wieder mit einem Buch in der Hand. „Ich habe das Gefühl, das hier wäre etwas für Sie.“ – Aha? Und was überreicht er mir? Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror. Ich liebe es, daß ich offenbar den Eindruck erwecke, ein perverser Libertin zu sein. Die Leute denken immer, ich hätte ein dunkles Geheimnis. Und das, äh… stimmt ja auch.
„Ja, phantastisch, aber das besitze ich schon, Edition Sirene, wo man die Seiten mit einem blutigen Messer aufschneiden mußte, wissen Sie? Sehr schön.“ Ich erzähle ihm also von diesem Gutschein, an sich hätte ich diese Buddenbrooks im Visier, kostet 14, ist aber ein bißchen angestoßen, sehen Sie? Ob er es auch für 12 machen würde? „Tja, ich weiß nicht… und wenn Sie den Zauberberg nähmen?“ The Missus: „Den kennt er auswendig.“ – So geht das noch eine Weile weiter, und wir haben alle viel Spaß. Später, wir stehen schon an der Kasse mit den Buddenbrooks, kommt er durch den ganzen Laden nochmal angerannt: „Das hier ist etwas für Sie. Ich weiß es.“ – Und er bringt mir noch so einen Skandalfranzosen.
[SPIEGEL ONLINE Forum]
(Wunderbarerweise durfte man die Seiten dieser Ausgabe tatsächlich aufschneiden.)
Comte de Lautréamont, eigentlich Isidore Lucien Ducasse, wurde 1846 in Montevideo, Uruguay geboren und starb 1870 in Paris. Einzelheiten seines Lebens und die Umstände seines Todes sind weitgehend unbekannt.
Eine kurze Biographie
Von Hartmut H. Gatzke
Isidore Ducasse wurde am 4. April 1846 in Montevideo geboren und starb unter ungeklärten Umständen am 24. November 1870 in Paris. Im Vorwort zu seinen Poésies schrieb er: Ich werde keine Memoiren hinterlassen, und es ist wirklich nicht viel, was seinen Biographen von ihm persönlich zur Verfügung stand: außer seinem Werk existieren lediglich sieben Briefe. Ein recht kurzer Brief an einen Kritiker, einer an Victor Hugo, zwei an seinen Bankier M. Darasse, drei an seinen Verleger Lacroix.
Sein Vater, Francois Ducasse, wurde am 12. März 1809 als viertes von acht Kindern im Dörfchen Bazet, in der Nähe von Tarbes in den Pyrenäen geboren. Mit dreißig Jahren, am 20. November 1839, wandert Ducasse, wie so viele Franzosen zu jener Zeit, nach Uruguay aus und heiratet dort am 31. Januar 1846 die im siebten Monat schwangere, erst vierundzwanzig Jahre alte Célestine Jacquette Davezac, die ihm wohl schon zuvor den Haushalt geführt hatte. Am 4. April wurde ihr einziges Kind Isidore Lucien geboren. Die Mutter starb schon im nächsten Jahr, am 10. Dezember 1847, kurz nach Isidores Taufe am 16.11.1847, wahrscheinlich an einer epidemischen Krankheit, denn sie wurde noch am gleichen Tag begraben.
Isidore war erst dreizehn Jahre alt, als er allein die etwa einmonatige Seereise von Montevideo nach Bordeaux antrat. Von Oktober 1859 bis August 1862 war er als Internatsschüler des kaiserlichen Gymnasiums von Tarbes eingeschrieben. Zum Vormund von Isidore hatte Francois Ducasse seinen Jugendfreund Jean Dazet aus Tarbes ernannt. Zum Sohn Dazets, Georges, etwa vier Jahre jünger, entwickelte Isidore eine tiefe Freundschaft, die er unter anderem in den Gesängen des Maldoror beschreiben wird.
Ah! Dazet! du, dessen Seele von der meinen unzertrennlich ist; du, der schönste der Söhne des Weibes, obgleich noch ein Jüngling; du, dessen Name dem größten Jugendfreunde Byrons gleicht, du, in dem die sanfte Tugend der Kommunikation und die göttlichen Grazien, einig und unzerstörbar verbunden, in edler Gemeinschaft beisammen wohnen, als wärest du ihre natürliche Residenz, warum bist du nicht bei mir, die Brust an meine Brust gepreßt …
(Die Gesänge des Maldoror, 1868, Erster Gesang, Strophe 9)
Am 11. August 1862 fand die Preisverleihung im Internat von Tarbes statt. Isidore verließ das Internat und tauchte 1863 in der Rhetorikklasse (was in etwa einer Unter- oder Oberprima entspricht) des Gymnasiums von Pau auf und bleibt dort bis zum August 1865.
Ein Jahr zuvor starb sein Vormund Jean Dazet. Isidore wohnte in den Jahren 1865 bis 1867 bei dessen Witwe Madeleine Dazet und ihrem Sohn Georges. Unbekannt bleibt, was Isidore in dieser Zeit unternommen hat. Als ihn jedoch sein Vater im Frühjahr 1867 nach Montevideo bat, stand in seinem Visum vom 25. Mai 1867 „ohne Beruf“. Isidore hielt sich nur kurz in Montevideo auf. Anscheinend konnte er seinen vermögenden Vater überzeugen, ihm Geld für eine schriftstellerische Karriere zur Verfügung zu stellen. Über den Bankier Darasse, der mit dem französischen Konsulat in Montevideo Geschäftsbeziehungen unterhielt, ließ Vater Ducasse seinem Sohn fortan die nötigen Gelder zukommen.
Seit Ende 1867 lebte Isidore Ducasse offenbar in Paris, zunächst in einem Hotel in Rue Notre-Dame-des-Victoires Nr. 23. Isidore musste zwar oft umziehen, arbeitet aber intensiv am ersten Gesang des Maldoror,
schreibt hauptsächlich nachts, am Klavier sitzend, und deklamierte seine Sätze beim Klang der Akkorde, was die Hotelbewohner zur Verzweiflung brachte. [s. Léon Genonceaux, 1890]
Anfang August 1868 ging das Manuskript in Druck. Der Erste Gesang erschien anonym Anfang November 1868 zuerst bei der Imprimerie Balitout, Questroy & Cie. In ihr kam der Name Dazet noch mehrfach vor. In seinem Brief an Victor Hugo vom 10.11.1868 schrieb Ducasse:
Sehr geehrter Herr,
ich schicke Ihnen 2 Exemplare einer Broschüre, die aus von mir ungewollten Gründen nicht im Monat August erscheinen konnte. Sie erscheint jetzt bei zwei Buchhändlern des Boulevard, und ich habe mich entschlossen, an etwa zwanzig Kritiker zu schreiben, damit sie mich kritisieren. Im Monat August wurde sie jedoch schon von der Zeitung La Jeunesse besprochen.
In einer zweiten Ausgabe, erschienen in Bordeaux in einer Sammlung Parfums de l’âme, finden wir anstelle des Namens nur D….. Offenbar hatten Georges Dazet und dessen Bruder Jean-Paul Dazet gegen die Nennung des Namens protestiert. Der große Buchstabe D und die vier folgenden Punkte waren ihnen aber immer noch zu deutlich, so daß die dritte Fassung, die bei dem Verleger Lacroix 1869 erscheint, statt des D…. abstoßende Tiere enthält. Die schon oben zitierte Passage liest sich nun so:
O Krake mit dem seidenen Blick! du, dessen Seele von der meinen unzertrennlich ist; du, der schönste Bewohner des Erdballs, der einem Serail von vierhundert Saugnäpfen befiehlt; du, in dem die sanfte Tugend der Kommunikation und die göttlichen Grazien, einig und unzerstörbar verbunden, in edler Gemeinschaft beisammen wohnen, als wärest du ihre natürliche Residenz, warum bist du nicht bei mir, deinen Quecksilberleib an meine Aluminiumbrust gepreßt …
Der erste Gesang wurde am 1.9.1868 in La Jeunesse, einer Zeitschrift für Literatur, Kritik und Philosophie, vom Leiter dieser Revue, Alfred Sircos, kurz besprochen. Ein Jahr später wurde die Gesamtausgabe (nicht mehr anonym, sondern unter dem Pseudonym Comte de Lautréamont) gedruckt, die aber nicht in den Buchhandel gelangte. Der Verleger Lacroix hatte, wie der Autor in einem seiner wenigen erhaltenen Briefe (12.3.1870) andeutete, die Auslieferung verweigert, weil das Leben darin in zu herben Formen gemalt ist und weil er den Staatsanwalt fürchtete.
Held dieses sechsteiligen Prosagedichtes ist Maldoror, dessen Namen wie der des Comte de Lautréamont mehrere Deutungen zuläßt. Maldoror kann als die aufgehende Sonne des Bösen (l’aurore du mal) oder der Vergolder des Bösen gelesen werden. Der Name Lautréamont wird mit dem Helden Duhamel Latréaumont des gleichnamigen Romans von Eugène Sue in Verbindung gebracht. Man vermutet, dass die Vokalumstellung von Ducasse beabsichtigt war und der Name nun, lesbar als l’autre Amon (der andere Engel, der Engel des Bösen), mystische und apokalyptische Bedeutung erhalten sollte.
Am 19.7.1870 erklärte Napoléon III. Preußen den Krieg. Die Lage für die später belagerte Stadt Paris und ihre Einwohner verschlimmerte sich rapide und wurde schon bald katastrophal. Seit dem 17.9. konnte niemand mehr Paris verlassen, geschweige denn hineinkommen. Die Tiere des Jardin des Plantes, Elefanten, Antilopen, Kängurus, wurden geschlachtet und für horrende Preise an reiche Leute verkauft. Ratten bekam man erst ab 2 Francs aufwärts. Am 24.11.1870 starb Isidore Ducasse, Schriftsteller, 24 Jahre alt, geboren in Montevideo (Südamerika), … um 8 Uhr in seinem Domizil, Rue du Faubourg Montmartre Nr. 7, ohne weitere Auskünfte.
Der belgische Buchhändler Jean-Baptiste Rosez hatte Lacroix den gesamten Bestand seines Lagers billig abgekauft und Lautréamonts Werk postum veröffentlicht. Diese Ausgabe war identisch mit der von 1869 und machte ein Werk bekannt, das zunächst nur wenig Leser fand. Einzig von Joris-Karl Huysmans ist ein positives Echo überliefert: „Ah! aber ja, mein lieber Destrée, das ist ein ganz verrücktes Talent, dieser Comte de Lautréamont … Was zum Teufel konnte wohl der Mensch im Leben machen, der diese furchtbaren Träume geschrieben hat?“ [Brief Huysmans an Destrée vom 27.9.1885].
Remy de Gourmont war bis 1891 Angestellter der Pariser Nationalbibliothek und entdeckte dort eine verschollene Publikation des ersten Gesanges von Maldoror, deren Varianten er im Mercure de France veröffentlichte und kommentierte. Andere berühmte Leser seiner Gesänge waren Maurice Maeterlinck und Andrè Gide, der es zuerst am 23. November 1905 las und am selben Tag in sein Tagebuch notierte:
„Ich habe eben, zunächst leise, dann laut den außerordentlichen sechsten Gesang des Maldoror (Kap. I, II und III) gelesen. Durch welchen Zufall kannte ich ihn noch nicht? Ich frage mich sogar, ob ich nicht überhaupt der einzige bin, der ihn bemerkt hat. ‚Je mehr der erste Band sich dem Ende zuneigt, spürt man, wie das Bewußtsein schwindet, schwindet…‘, schreibt Gourmont. Nehmen wir an, er hat diese Seiten nicht gelesen; das ist weniger kränkend für Gourmont, als anzunehmen, daß er sie gelesen hat, ohne sie zu bemerken.
Das ist nun etwas, was mich zur Raserei begeistert. Mit einem Sprung geht er da vom Abscheulichen zum Hervorragenden über. Großartig der Briefwechsel zwischen Maldoror und Mervyn, die Beschreibung des Eßzimmers der Familie, die Gestalt des Commodore, die kleinen Brüder, ‚das Barett von einer aus dem Flügel des Ziegenmelkervogels der Karoline gerissenen Feder überragt, mit bis zu den Knien reichender Samthose und Strümpfen aus roter Seide‘, die ’sich an den Händen fassen und sich in den Salon zurückziehen und dabei aufpassen, das Ebenholzparkett nur mit den Fußspitzen zu berühren‘ usw… usw… Ich muß das alles Copeau vorlesen. Welche Fülle in der ‚Voreingenommenheit‘ dieser Zeilen.“
„On the Road“ ist ein fabelhafter Roman oder Erlebnisbericht, das hat aber nicht mehr mit „Black Spring“ zu tun als z.B. Ovid. Da gehts um Autofahren und Amphetaminkonsum und Sex … bei Miller geht es um existenzielle Nöte und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Sex.
Christian Erdmann:
Aber wenn man den ganzen Kerouac nimmt, geht es bei ihm um existenzielle Nöte (Liebe / Frauen zähle ich bei ihm dazu) und Überleben in einer Umgebung, die man nicht wirklich versteht, und Zen. :) Seine sehr persönliche Art von Zen. Die eine Schrift, die er sorgfältig überarbeitet hat, ist die „Schrift der Goldenen Ewigkeit“.
Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sagte mal: „I’m a Pisces, and Pisces have this weird inability to be completely spontaneous. We’re too conscious of our actions. I’ve always been way too sensible for my own good.“
Wie dem auch astrologisch sei, zufällig ist Kerouac auch Sternzeichen Fische, und für Kerouac trifft dies ganz gewiß zu – diese „seltsame Unfähigkeit, vollkommen spontan zu sein“, dieses „sich seiner selbst ständig allzusehr bewußt sein“. Roter Faden seines Lebens, wie er es beschreibt. Er ist der Beobachter. Auf seltsame Weise zugleich immer mittendrin und immer am Rand. Der Song „Some Weird Sin“ auf dem „Lust For Life“-Album von Iggy Pop könnte geradezu von Kerouac handeln:
I never got my license to live They won’t give it up So I stand on the world’s edge I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill That’s when I want Some weird sin Things get too straight I can’t bear it I feel stuck, stuck on a pin I’m trying to break in Oh I know it’s not for me And the sight of it all Makes me sad and ill Etc
Einerseits bei Kerouac seine Fähigkeit zum – real häufig stummen – Mitleiden mit allem, was ist, andererseits: „I stay under glass“ – erneut Iggy Pop, „The Passenger“, ebenfalls auf „Lust For Life“ – „I am the passenger / And I ride and I ride / I ride through the city’s backsides / I see the stars come out of the sky / Yeah the bright and hollow sky“ – ständiges Unterwegssein, und ständiges Gefühl des Verlorenseins dabei, ebenfalls sehr Kerouac’sch. Der Bezug zu „Lust For Life“ (und dieser Lust verleiht Kerouac zugleich ja auch Ausdruck) ist gar nicht so weit hergeholt: immerhin ist mit der ersten Zeile des Gassenhauers „Lust For Life“, „Here comes Johnny Yen again“, eine Figur von William S. Burroughs angesprochen.
Die im Leben also immer etwas unter Glas bleibende Spontaneität schleudert Kerouac dann Hals über Kopf in sein Schreiben. Wie häufig dann bei Kerouac in der Rückschau das Bedauern – das Bedauern darüber, nicht ins Zentrum der Situation gelangt zu sein, aufgrund der von Corgan an sich selbst festgestellten Eigenheiten -, und trotzdem, zugleich, die Liebe zu allem, was geschah, geschieht, geschehen wird, das große: „Was kommt als Nächstes?“ als Mantra.
Gut – Kerouac war einer meiner Männer so zwischen 18 und 21 Jahren, aber fond affections werde ich immer hegen.
[SPIEGEL ONLINE Forum 08.04.2008]
Im März 2013 wird im Londoner Victoria & Albert Museum die Ausstellung David Bowie Is eröffnet, kurz darauf erscheint eine Liste mit Büchern, die Bowie unter den Tausenden, die er im Laufe seines Lebens gelesen hat, ausgewählt hat als jene 100, die für ihn besonders prägend und bedeutend waren. „On The Road“ von Jack Kerouac ist eines dieser 100 Bücher. „On The Road“ zelebriert das Unterwegssein als Daseinsgrund, als intensive Gegenwärtigkeit und ständigen Aufbruch zu neuen Perspektiven zugleich; Bowie würde immer viel zu sehr in Bewegung sein, um Bewegungen anzugehören. Auch war Bowie fasziniert von Kerouacs spontaner Prosa, die „das literarische Äquivalent zum improvisatorischen Elan des Bebops“ war: „Seine Liebe zur Unmittelbarkeit hat Bowie von Kerouac“ (John O’Connell, Bowies Bücher, Köln 2020, 158 ff.). Und für Bowie war Kunst immer auch spirituelle Suche; auch dafür war Kerouac ein Vorbild. Die Bekanntschaft mit Kerouac verdankte David Bowie seinem älteren Halbbruder Terry. Der Journalist Al Aronowitz: „The night before Bowie’s Carnegie Hall debut in New York, I’m sitting with him over a room service dinner in his Plaza Hotel suite while he amazes me with the story of how, when he was a teenager, reading On The Road had been his turning point. It opened up all possibilities for him.“
Bob Dylan sagt über „On The Road“: „It changed my life like it changed everyone else’s.“
Miscellaneous:
Traumtagebuch
Schnee ist da, Kinder, die durch die graue Luft schlittern – ich lauf heim durch die dunkle Moody, die dunkle Gershom, rede darüber, bis zu meinem dunklen Haus in der Sarah – alles und jedes hat diese Dunkelheit der Dinge, vergraben in dem verwesenden Boden – ICH bin es – ich sehe jetzt meinen Baum aus meiner Hand wachsen, durch die Knochen sehe ich den November scheinen, ich warte auf kommende Frühlinge und auf Blüten für meine Finsternis, ich bin der Frankenstein meines eigenen 6 Fuß Grabes, lebt wohl, ihr kleinen goldenen Kinder dieser fröhlichen verrückten Welt.
Zuvor, oder später, versuchte ich, ein paar gelbe Notizblöcke vom Schreibtisch der Western Union zu stehlen, im Marble Subway Korridor, war mir aber nicht darüber klar, wieviele, bis ich mich schließlich entschloß, alle zu stehlen, doch da fingen die hübschen Sekretärinnen an, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, obwohl sie mir in Wirklichkeit gar keine Aufmerksamkeit schenkten
Mit meinen Malstiften zeichne ich eine bewundernswert schöne Szene einiger Gebäude am späten Nachmittag, vielleicht Kirchen oder Läden, aber weil ich reichlich Rosa und ein tiefes Tintenblau verwende und dick mit der Hand auftrag habe ich eine Farbe voll von Ehrfurcht und dem Geheimnis der späten Sonne auf altem Stein geschaffen, die wunderschön ist, etwas, das menschliche Augen nie zuvor gesehen haben, ein Kunstwerk, eines Da Vinci, sogar eines Rembrandts würdig – ich bin nur leicht erstaunt, zu erkennen, daß ich ein derart großer Künstler bin (…)
Eines Tages werde ich wiedergeboren werden in dieser großen Stadt in einem anderen Weltsystem, in der Vergangenheit oder der Zukunft, wo ein einziger 3 Meilen hoher Berg sich gegen den blauen Himmel abhebt – Mit all meinem Gefühl in mir, alles was ich brauche ist die Weisheit des Landes
Die Verblendung des Duluoz
… denn niemand kann mir weismachen, Herr Gott noch mal, daß dieser sozusagen massive homerische Krieg zwischen den Griechen und Trojanern lediglich auf wirtschaftliche Dinge zurückzuführen sei, daß es dabei nur um Handel und Gewerbe ging; was war denn mit dem Gewerbe in Helenas Keuschheitsgürtel?
Ich saß draußen auf der Veranda und lehnte mich weit zurück, mit den Füßen auf dem Geländer, und schaute zum erstenmal in meinem Leben hinauf zu den Sternen. Eine klare Augustnacht, die Sterne, die Milchstraße, der ganze Zauber klar. Ich starrte und starrte, bis sie zurückstarrten. Wo zum Teufel war ich, und was sollte das alles?
In meinen Träumen kommt es manchmal vor, daß ich vollgepackt bin, und andere Leute rennen neben mir her, auch auf dem Weg zum Bahnhof. Ich bitte sie darum, meinen Mantel oder meinen Schirm zu halten, aber sie lehnen immer höflich ab. Und daher gehe ich durchs Leben und muß mehr tragen, als ich tragen kann. Und niemand stört sich daran.
Denn obwohl ich ein loyaler Mensch bin, ist mir nichts geblieben, gegen oder für das ich loyal sein könnte.
… so sitzt er [Burroughs] langbeinig auf seinem Stuhl und betrachtet den leeren Bürgersteig, „wo es nichts zu betrachten gibt“, womit ich sagen will, daß der verdammte Planet, von dem er kommt, allen Lebens bar gewesen sein muß. („Ich bin Agent und komme von einem anderen Planeten“, sagte er.)
Und deshalb, meine liebenswürdigen Dummköpfe, wie traurig, wie wahr, wie notwendig, daß vielleicht ein ganzer Tag wie ein durchnäßter Lumpen sein muß, trostlos, qual-voll, wie der letzte Tag der Welt (der er einmal sein wird), und alle „Fenster werden verdunkelt sein und die Töchter der Musik niedergeworfen“ (…)
Tristessa
(Bull Gaines) „Wenn du Opium hast, brauchst du nichts mehr. Das ganze gute O geht dir in die Adern und du hast ein Gefühl, als ob du Hallelujah singst!“ Und er lacht. „Bring mir Grace Kelly auf diesen Stuhl, Morphium auf den da, und ich nehme das Morphium.“ „Ava Gardner auch?“ „Ava Gvavna und alle Briezen in allen Ländern der Erde.“
Unerträglich, wenn sie mich wegstieße und No, no, no sagte, wie in den französischen Filmen, wo die enttäuschten schnurrbärtigen Helden von der kleinen Blondine – der Frau des Bremsers – an einem Zaun im Rauch um Mitternacht auf dem französischen Rangierbahnhof abgewiesen werden.
Ich sehe Tristessas Bein und entschließe mich, den Ausgang des Schicksals zu vermeiden und jenseits der Himmel zu ruhen.
(„I look at Tristessa’s leg and decide to avoid the issue of fate and rest beyond heaven.“)
Passing Through (Desolation Angels)
„Habe ich alles gesagt?“ fragte Lord Richard Buckley, bevor er seinen Geist aufgab.
„Was geht mich die Universität an, laß mich weiterschlafen!“ Ich träumte gerade von einem geheimnisvollen großen Berg, auf dem sich die ganze Welt befand, alles andere konnte mir gestohlen bleiben.
Denn der einzige Grund für das Leben oder eine Geschichte ist doch: „Was passiert als nächstes?“
… oder wie die alten Fotografien, die man auf den Bodenspeichern von verlassenen Connecticut-Farmhäusern findet und die ein 1860er Kind in einer Wiege zeigen, und es ist bereits tot (…)
Und warum? Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: „Der Himmel ist herrlich, nur müßte es ihn auch geben„, und deshalb gleich fielen?
[Burroughs, Tanger] … kraftvoll ausschreitend wie ein meschuggener deutscher Philologe in der Emigration (…)
… und während ich dann auf seinem Bett saß und las, geschah es oft, daß er sich beim Runtertippen seiner Geschichte plötzlich vor Lachen darüber krümmte und manchmal sogar auf dem Boden wälzte. Ein seltsam komprimiertes Lachen, das von ganz tief innen kam, während er tippte. Damit aber kein Truman Capote denkt, er sei nur eine Schreibmaschine, zückte er zuweilen seinen Füller und begann auf Schreibmaschinenbogen zu kritzeln, die er, sobald sie voll waren, über die Schulter warf wie Doktor Mabuse, bis der ganze Boden mit den seltsamen etruskisch-unentzifferbaren Zeichen seiner Handschrift bestreut war. Mittlerweile waren, wie schon gesagt, seine Haare total zerzaust, aber da ich mich um sonst nichts weiter kümmerte, schaute er ein paarmal beim Schreiben hoch und sagte mit offenen blauen Augen zu mir: „Weißt du, daß du der einzige Mensch in der Welt bist, der im Zimmer sitzen kann, während ich schreibe, ohne daß ich überhaupt merke, daß du da bist?“ Ein großes Kompliment übrigens.
Nichts kann fader sein als „coolness“ (…), posierte, ja in Wirklichkeit starre Lässigkeit, unter der sich eine persönliche Unfähigkeit verbirgt, etwas Gewaltiges oder Interessantes aufzunehmen (…)
Aber ich sage dir, nichts ist schrecklicher als die leeren Morgengrauenstraßen einer amerikanischen Stadt, es sei denn den Krokodilen im Nil zum Fraß vorgeworfen zu werden, bloß damit Katzenpriester lächeln können.
Ist die Wirklichkeit der unwirkliche Teil der Unwirklichkeit?
Maggie Cassidy
… Kinder, die sich aneinanderklammern für das, was sie für einen reifen, selbstbewußten Kuß halten (…)
An ihrem Hals versteckte ich mich wie eine verirrte Schneegans aus Australien, suchte den Duft ihrer Brüste …
Schon kann ich sehen, wie sich im Stirnrunzeln hübscher Mädchen Stendhalsche Intrigen formen (…)
Ich umschlang ihre nachgiebige, sehnsuchtsvolle Taille, ihr Beckenknochen drückte gegen meinen, ich biß die Zähne zusammen in der Erinnerung an die Zukunft –
… meine heißen Augen spürten die sanften, kühlen Fingerspitzen, die Freude, das Streicheln und das Kaum-Berühren, die weibliche süße verlorene verträumte in sich versunkene vorausdenkende tieferdige aprilhafte Liebkosung (…)
Ich war bereits in den rotziegeligen Hotels inmitten des New York von 1939 gewesen und hatte meinen ersten Sex mit einem rothaarigen älteren Mädchen erlebt, einer professionellen Hure – ich war herumgelaufen und hatte damit angegeben wie all die anderen Irren der Schule, hatte schluckend im Bett gewartet, sie kam den Flur mit scharfem Absatzgeklapper herunter, ich wartete mit klopfendem Herzen, die Tür öffnete sich, diese vollkommen gebaute Hollywood-Schönheit schwebte herein mit dem Reichtum ihrer schweren Brüste (…)
Lonesome Traveller
… & sowieso nichts anderes zu tun habe als mit langem Gesicht das wirkliche Amerika mit meinem unwirklichen Herzen zu durchstreifen …
Was sind schon 5 Dollar für einen Märtyrer?
… während ich den Paris Soir las und dazu die Musik im Radio mit Neuigkeiten aus meinem ersehnten Paris – so saß ich da mit unerklärlichen bohrenden Erinnerungen, so als sei ich schon einmal auf der Welt gewesen und hätte schon einmal in dieser Stadt gelebt, unter Brüdern (…)
Im Britischen Museum fand ich im Rivista Araldica IV, S. 240, meine Familie: „Lebris de Keroack. Kanada, ursprünglich aus der Bretagne. Blau auf einem goldenen Streifen mit drei silbernen Nägeln. Motto: Lieben, arbeiten und leiden.“ Ich hätte es wissen können.
The Dharma Bums
„Denk nur mal an den Haiku, der vielleicht der größte von allen ist. Er geht so: ‚Der Sperling hüpft die Veranda entlang. Seine Füße sind naß.‘ Von Shiki. Du siehst die nassen Fußspuren wie eine Vision vor deinem geistigen Auge, und doch siehst du in diesen paar Worten auch den ganzen Regen, der an dem Tag gefallen ist, und beinahe riechst du die nassen Tannennadeln.“
Der Wald ist schuld daran, wenn dir so zumute ist. Er sieht immer vertraut aus wie etwas längst Verlorenes, wie das Gesicht eines vor langer Zeit gestorbenen Verwandten, wie ein alter Traum, wie der Fetzen eines vergessenen Liedes, der über das Wasser treibt, und vor allem wie die goldenen Ewigkeiten einer vergangenen Kindheit und vergangener Mannesjahre, und wie alles Leben und alles Sterben und aller Herzenskummer seit Millionen von Jahren (…)
Was ist ein Regenbogen, Herr? Ein Reif für die Demütigen.
Om Mani Padme Hum Gepriesen sei der Donnerschlag in der finsteren Leere
The Subterraneans
(Mardou Fox) (…) denn sie war es, die später sagte: „Männer sind so verrückt, sie wollen das Wesentliche, die Frau ist das Wesentliche, sie halten es direkt in Händen, doch sie laufen weg und errichten große abstrakte Gebäude.“
Die Regennacht deckt alles zu, küßt überall Männer Frauen und Städte in plätschernd trauriger Poesie, mit lieblichen Reihen aus trompetenblasenden Engeln hoch oben, und sie spielen die letzten orientalisch-geheimnisvollen Pazifik-gewaltigen paradiesischen Lieder, ein Ende der irdischen Angst.
kicks joy darkness. Jack Kerouac Tribute Album, 1997.