Böse zu- und ausgerichtet, mit dem linken Bein zuerst aufgestanden, unwiderstehlich, wie die Strandräuber bei Lautréamont, die mit ernster Miene irgendwas über die Gespenster mit den großen schwarzen Flügeln erzählen:
10.10.2010
Bellringer Blues. Verleiht einem in den ersten 30 Sekunden das Gefühl, mit den Ohren eines betrunkenen Pferdes zu hören.
14.10.2010
Mein Kandidat für den Literaturnobelpreis 2020.
22.10.2010
Grinderman Live Docks Hamburg 21.10.2010
„Palaces Of Montezuma“ ist ja von der Schönheit, die nur Cave inmitten surrealer Bösartigkeit so zu schaffen weiß, ich kann nicht beschreiben, warum mich aber gerade der Backgroundgesang von Ellis und Sclavunos bei diesem Song so rührt. – Gestern also live, trotz Erkältungs-Brummschädel, aber der Indolenzverwalter kommt noch früh genug. Es ist mir unverständlich, wie man bei dieser Musik, zumal im Konzert, nicht komplett die Motten kriegt. Cave sieht irgendwie jünger aus als in den letzten Jahren, das liegt nicht am makellosen Bond Street-Anzug und auch nicht daran, daß seine drei Mitschinder des schmeichelnden Wohllauts wirken wie drei rettungslos durchgeknallte Propheten aus dem Altem Testament. Warren Ellis muß man live gesehen haben, das läßt sich nicht beschreiben. „You know, they used to burn men like you alive.“ („From Hell“). Der Mann ist besessen, Pazuzu & Co bilden eine Wohngemeinschaft in dem Mann, wilder Blick und Bewegungsrepertoire direkt aus „Ich sage euch, ganz Babylon wird sich erheben und eine dreiköpfige Schlange, und es wird im ganzen Land ein Scheuern und Schleifen, ein Reiben und Schubbern von aneinanderklebenden Teilen geben! Diese Teile werden wieder auseinanderfallen! Und das Schwert wird schwingen über allen elenden Sündern, und das Horn soll auf dem Haupt sein, und es hat neun Spitzen. Und das Schwert wird alles enthaupten, zack und zack und zack…“ Zack und zack und zack, und der Katze noch auf den Schwanz treten, und hier noch draufhauen, und sich noch am Boden winden und „Evil!“ brüllen, und noch mit der Violine fuchteln und alle Verantwortlichkeit von sich weisen. Jim Sclavunos hatte Geburtstag, und es gab „(I Don’t Need You To) Set Me Free“ von Grinderman 1 als Publikums-Sonderwunsch, bislang noch nicht gespielt auf der Tour. Teuflisch, insane, und gerade darum so reinigend.
05.06.2012
Mein schönstes Serienerlebnis.
For me to hold echo loop like some kind of cosmic background radiation
Hour of Goon mit Jeordie White (a.k.a. Twiggy Ramirez) und Fred Sablan: der beste Podcast ever. Zwischen Januar 2016 und September 2017 entstehen 84 Folgen. Manchmal gibt es Gäste, Shirley Manson, Eric Avery, Josh Freese und Peter Hook schauen vorbei, in der Folge „Dark Side of the Jumpsuit“ ist es Jeff Hilliard, der den Gastgebern und uns die Bedeutung der Fuck Yeah Zone erklärt.
2022 schreibt Jeordie zusammen mit Hilliard den Song „Abandon“, spielt zudem Gitarre und Bass. Eine virtuose 80s-Metal-Powerballaden-Parodie, absolut hilarious der Songtext und das Video.
Auf Spotify sind noch alle Folgen von Hour of Goon zu hören.
Eine neue Cure-Platte ist immer auch der Beginn einer neuen Ära in meinem Leben. A new deep shade of blue, where I am falling through the stars, falling in their arms. Robert Smiths Stimme, wenn ich nachts einschlafe, wenn ich morgens erwache, Melodien, Textzeilen, die wie Pfeile in tiefste Schichten des Unterbewußtseins gedrungen sind, stets verfügbar, oft unerwartet, ins Bewußtsein dringen für eine ganz persönliche Ewigkeit, eine ganz spezielle Heilung. This. Here and now. With him.
Das letzte Hemd für die Gallaghers, soso, warum nicht. Und Denken an London im Februar wäre logische und folgenreiche Konsequenz von 13 Träumen. Pawlow, na na. Ich glaube eher, es handelt sich um the old Sartre saying „eine notwendige Liebe“. Determinismus meinetwegen. Und die Zeichen. Irgendwann kann man nicht mehr zurück. Konnte ich auch nicht mehr zurück und nicht mehr bleiben. I’ve got too big to fit this time. Erinnern Sie sich noch, dass ich mal zu Ihnen sagte, vor den Briefkästen, Erkältung sei Verwirrung? Ich bin sehr erkältet.
Ich bin auch verwirrt. Indes schrieb Zweig ja nicht „Erkältung der Gefühle“. Ich erzähle Ihnen einfach mal meinen About Schmidt. „Killing An Arab“ in die Zwischenprüfungsarbeit über Camus eingebaut, nun gut, liegt nah. „Fire In Cairo“, weil ich im Traum mal Kairo sah, ganz Kairo, panoramisch. Die grauen Soundnebel von „Faith“, „Primary“ so laut im Walkman, daß sogar das Mädchen an der nächtlichen Busstation neben mir sich dazu bewegte. Paul Baskerville spielt „Figurehead“, die pornographischen Beats von „One Hundred Years“ kommen später durch SIE. „Shake Dog Shake“ macht „The Top“ zu einer meiner liebsten, auch „Wailing Wall“. „Kyoto Song“, gerade als ich den Satz träumte: „Wir müssen erst weißen Schnee in Kyoto finden“. Vor allem aber: „The Blood“ und „Push“. „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ gehört Aljoscha. Leda sagt zu „The Kiss“: „Das ist ja schrecklich“, bei 2:25 kriecht die Gitarre über den Boden wie das, was gerade Welten trennt. Sardonische Liebe dazu. Zweimal mit IHR im Cure-Concert, einmal das roteste Rot der Lippen und der Moment, in dem dieser balletteuse, jahrhundertelang ersehnte Körper Salome beschämt zu „If Only Tonight We Could Sleep“, einmal tranquil auf der Fascination Street. Ich mochte ihn bei den Banshees, Siouxsie hatte immer wunderbare Gitarristen, aber wie der weggetretene Smithy „Hyaena“ veredelt – befremdlich schön. „The Perfect Girl“ ist Prudence, die dann doch zum Spielen rauskommt.
Jean-Jacques Beineix, „Mortel Transfert“. Über die Bredouille eines Psychoanalytikers, der, aus einem Nickerchen erwachend, die schöne Olga Kubler sehr sexy und sehr tot auf seiner Couch findet. Perversion, Psychoanalyse, schwarzer Humor, Paris und „wenn David Lynch Franzose wäre und ein Bewunderer von Chandler und Freud“. Schwer zu schlagen, die Mischung.
22.03.2007
„Mortal Transfer“ (Mortel Transfert) von Jean-Jacques Beineix. Jean-Hugues Anglade als Psychoanalytiker Michel Durand in Paris wird während einer der Sitzungen mit der aufreizend schönen Olga Kubler, einer masochistischen Kleptomanin, von einem zwanghaften Schlaf überwältigt; als er wieder zu sich kommt, ist Olga eine schöne Leiche mit sehr verrutschtem Rock und sehr irritierenden Würgemalen am Hals. Durand hat keine Idee, was passiert sein könnte, und versucht, die Leiche… loszuwerden. Die typisch falsche Hitchcock-Idee, die zur bizarren Odyssee wird. Das Problem, sich aus der Gesellschaft einer Leiche verabschieden zu wollen, ist filmisch keine so neue Idee, erfährt hier aber einige twists, die, frei nach Tertullian, gerade so absurd sind, daß es glaubhaft ist. Wenn Durand Olga über das Glatteis des winterlichen Paris zu seinem Auto zu schleppen versucht, und das Herumgeschlidder dazu führt, daß wir sozusagen die Marke ihrer Dessous lesen können, macht Beineix makabre Erotik schön wie ein Andersen-Märchen. Sehr perfide, und natürlich wieder einmal eine Hommage an ein Paris, in dem alles möglich ist.
John Cale erschien mir immer wie eine Shakespeare-Gestalt, der sinistre Calevolio, freilich ist da sein Song „Macbeth“ und sein diabolisches Gekicher auf „King Harry“ („All hail, King Harry, all hail! But a whisper of your former self! Your wives, your wives, your wives are all dead!“), die Anspielung auf „a second hand Shylock“ in „Wilson Joliet“, einem Song von „Honi Soit“ (1981), der mit „We are shuffled like a pack of cards in the dead of night“ auch eine der besten Shakespeare-Zeilen enthält, die Shakespeare nie schrieb, da ist das Shakespeare-Zitat auf dem Cover von „Fragments Of A Rainy Season“ (Banquo: „It will be rain tonight.“ – 1st Murderer: „Let it come down.“) und weiß Gott was noch, vor allem aber hatte Cale immer diese Aura des hintersinnigen Bösewichts, des undurchschaubaren Verschwörers, des Mannes mit dem secret plot, den er unter durchgedrehtem wit und gnadenlosen Sprachspielen verbirgt: bösartige Intelligenz in paranoischer Spannung und over the top. Songs „wie unlösbare Rechenaufgaben“ über „das Trügerische in uns allen“, wie Jan Wigger schrieb.
Nach Erscheinen von „Honi Soit“ bezeichnete Cale sich als „musikalischer Hamlet“, der sich auf Worte konzentriere, „weil mich die Musik langweilt, ich will mich von der Musik absondern. Ein ironischer Schritt (murmel murmel).“ Tatsächlich befindet sich Cale in ironischer Position zu allen Ironie-Behauptungen. Über Rockmusik despektierlich zu sprechen, war ein täuschendes Markenzeichen des klassisch geschulten Musikers und Komponisten, während das Oeuvre seiner „Rock“-Platten immer weiter anwuchs mit Songs, die zwischen fragiler Schönheit und Psychose oszillierten, Songs über die seltsamen Beziehungen der Menschen aus der Perspektive eines Mannes, der dabei ist, jeden Respekt für anything human zu verlieren und doch Zärtlichkeit für something human aufrechterhält. Songs, deren Urgrund eine überwältigte, überwältigende Melancholie ist, a most humorous sadness, die eben nur noch in Shakespeareschen Verkleidungen auftreten kann.
„I have neither the scholar’s melancholy, which is emulation; nor the musician’s, which is fantastical; nor the courtier’s, which is proud; nor the soldier’s, which is ambitious; nor the lawyer’s, which is politick; nor the Lady’s, which is nice; nor the lover’s, which is all these: but it is a melancholy of mine own, compounded of many simples, extracted from many objects; and indeed, the sundry contemplation of my travels; which, by often rumination, wraps me in a most humorous sadness.“ – Shakespeare, As You Like It
Was kann ein Mann noch tun, der auf „All Tomorrow’s Parties“ und „Venus In Furs“ mitgespielt hat? Vom Donner gerührter Hausmeister der Wahnideen, als ich dieser Frage nachging. (Ledas Frage „Kann traurige Musik dich traurig machen?“ galt dem Widerschein, den sie bei einem Song von John Cale sah. Es war „Riverbank“.)
„Vintage Violence“, „Fear“, „Slow Dazzle“, „Sabotage“, „Honi Soit“ und vor allem „Paris 1919“ sind Platten, denen ich immer dankbar sein werde. Für die Weite, die sie eröffneten in der traumhaften Schwere eines Zimmers. Sie sind, alle zusammen, wie ein einziges Bild in allen Farben von Schönheit und Wahnsinn, Melancholie und Surrealismus. Weite: allein das Piano auf „Charlemagne“ kann Verzweiflung exorzieren.
Diedrich Diederichsen über „Paris 1919“ von 1973: „Sagen wir mal: die beste Kollektion romantischer Songs seit Schuberts ‚Winterreise‘. Der Titelsong ‚Paris 1919‘ war für mich immer eng an Proust-Lektüre geknüpft.“
Cale: „Paris 1919 ist über Sehnsüchte. Diese Platte hat mit den Sehnsüchten nach anderen Zeiten und Umgebungen zu tun. Nostalgie eben. Ich bin wahrscheinlich nicht Realist genug, um Nostalgie für ein Gift zu halten.“
Stephen Holden im Rolling Stone: „The subject of Paris 1919 is nothing less than the entirety of Western European high culture, viewed roughly from a post-World War I, Dada-Surrealist perspective. The album is an epic reassessment of history, geography and art itself. At its most accessible, the poetry is highly illusory and multifaceted. The clearest example is in the album’s most beautiful cut, Andalucia, in which impressions of a woman, a place and history are woven inextricably into a moving and mysterious entity.“
Wolfgang Bauduin nannte „Paris 1919“ ein „mit Stahlnägeln angereichertes Glas Honig“. Half Past France:
Vielleicht stammt Cales Macht, Schönheit nicht geheuer erscheinen zu lassen, schon aus der Konstellation bei Velvet Underground, die Cale in die Rolle des Sideman drängte, der Finsteres im Schilde führt. In den 80ern ist Unberechenbarkeit Cales zweiter Name. Eine meiner liebsten Reliquien aus dieser Zeit ist ein Zeitungsausschnitt mit dem Titel: „Cale not normal, claims critic“. John Cale am 7. März 1983 in der Hamburger Markthalle: die bedrohlichste Präsenz, die ich jemals auf einer Bühne sah. Auch wenn sich über einer verstimmten Gitarre die unheilschwangere Spannung schließlich löste. Damals war Cale wie Captain Kurtz: horror has a face and you must make a friend of horror. Man wußte einfach nicht, wo er noch hingeht, nachdem er etwas wie „Fear Is A Man’s Best Friend“ auf der Bühne hinter sich gebracht hatte, und seine Schwarz-wie-die-Nacht-Version von „Heartbreak Hotel“, bei der man ihn zu 90% sterben sah, war so haarsträubend intensiv, daß ich bis heute jedem seiner gutgelaunten Scherze nur zu 90% traue.
Als Cale 1977 auf dem Höhepunkt von Punk durch England tourt, ist er angewidert von den Gewalttätigkeiten und der zur Schau gestellten toughness der Pogo-Meute. Er nimmt ein totes Huhn mit auf die Bühne und köpft es während der zweiten Strophe von „Heartbreak Hotel“.
„Thwock! I decapitated it and threw the body into the slam dancers at the front of the stage, and I threw the head past them. Everyone looked totally disgusted. The bass player was about to vomit and all the musicians moved away from me. Even the slam-dancers stopped in mid slam. It was the most effective show-stopper I ever came up with.“
Angeblich sollen auch die Worte gefallen sein: ‚Okay, if you’re into violence, here’s some Haiti for you.“
Bald darauf: „Sabotage“. R. Jäger auf amazon.de:
„Sabotage, live mitgeschnitten im New Yorker CBGB’s im Juni 1979, ist reine Klaustrophobie, eine der radikalsten Aufnahmen des Rock’n’Roll, die bis heute viele, die sich aus vergleichbaren Positionen heraus explizit zu vergleichbaren Thematiken äußern, fast harmlos erscheinen läßt. Cales Hass ist reif, unerbittlich, unanfechtbar, systematisch und niemals kopflos. Ebenso radikal wie subtil entstellt der ausgebildete Orchestermusiker und Cage-Schüler die von Deerfrance gesungene, trügerisch hübsche Ballade ‚Only Time Will Tell‘ durch eine einzelne, wohlgesetzte, disharmonische Note (…) Exzellente Band mit u.a. dem (kurz darauf verstorbenen) Ex-Contortion George Scott, dessen knurrend kriechender Bass einem wirklich den letzten Nerv rauben kann, und dem späteren Lounge Lizards-Drummer Doug Bowne. Eine ähnliche Platte existiert nicht.“
„Mercenaries (Ready For War)“: psychotischer Rasseldassel ohnegleichen.
Mercenaries are useless, disunited, unfaithful They have nothing more to keep them in a battle Other than a meager wage Which is just about enough to make them wanna kill for you But not enough to make them wanna die for you I’m just another soldier boy Just another soldier boy Looking for work Looking for work Looking for war My rifle is my friend My rifle is my friend I clean my rifle every day I clean my rifle every day That’s why my rifle is my friend Ready for war, ready for war Ready for war, ready for war Did some work in Zaire, the jolly old Belgian Congo Went back to Geneva to get paid Back there in Geneva, that’s were the money grows That’s were the money grows, that’s were the honey flows They didn’t wanna pay me They didn’t wanna pay me, but they did Tryin‘ to separate me from my money is like separate me from my life Ready for war, ready for war Ready for war, ready for war Let’s go to Moscow, let’s go to Moscow Let’s go, let’s go, let’s go to Moscow Find the backdoor to the Kremlin Push it down and walk on in Say Howdy-owdy-doody-aye-doody-aye-a 5000 feet and closing Target visibility 1-9 4000 feet and closing Target visibility 3-6 3000 feet and closing Target visibility 7-9 2000 feet and closing Visibility 1-10 1000 feet and closing Visibility 7-4 500 feet and closing Visibility zero! Ready for war, ready for war You better be ready for war
Deerfrance: „He was decades ahead of his time, always has been. John never left a room in the state he found it, onstage or off. I have never seen a performer give more and being on stage with him was like being strapped into an Apollo spacecraft. There was nothing he wouldn’t do to make the performance unforgettable, or to raise the consciousness of the crowd. He really never left a performance without rearranging the audience’s chromosomes. All life must be lived that way. There is an expression in France about being serious. Really, if you are not serious, what are you, kidding?“
John Cale in Hamburg 2012, Kampnagel: „Hello Hamburg, good to see you“, begrüßt er uns aufgeräumt, beginnt mit seiner jungen Band das lange Intro von „Captain Hook“, und bei der ersten Zeile, die Cale singt – „I lost my memory today, the day my ship set sail“ – habe ich schon fast Tränen in den Augen. Warum? Weil die „Sabotage“-Version von „Captain Hook“ mit dem ätherischen Backgroundgesang von Deerfrance in der Kathedrale meines Schädels liegt und weil es so ein weiter Weg war von da nach hier, über die verdammten sieben Meere und bei jedem „Can’t you see you’re losing me, again“, bei jedem Scheitern: BY HOOK OR BY CROOK, I AM THE CAPTAIN OF THIS LIFE. Es folgt „Bluetooth Swings“, und es wird viele neue Songs geben heute abend, verkündet Cale, „so fasten your seatbelts.“
„Hey Ray“, „Perfection“, dann mit „Guts“ der zweite Klassiker, und Cale variiert die berühmte, Kevin Ayers geltende erste Zeile zu „The bugger in the short sleeves fucked his wife“. Mittlerweile erweist sich Gitarrist Dustin Boyer, mir bislang unbekannt, als einer dieser mir bislang unbekannten Gitarristen, die als „Hellcat“ (Sturgis Nikides auf „Honi Soit“) dem „Flight Surgeon“ die blitzescharfen Klingen reichen: „anbetungswürdig“, wie die MoPo schreiben wird. Mit „I Wanna Talk 2 U“ und „Scotland Yard“ folgen zwei weitere Songs von „Shifty Adventures In Nookie Wood“, dann mit „Praetorian Underground“ ein Stück von der bis heute nicht als CD veröffentlichten „Caribbean Sunset“. Später wird mit „Satellite Walk“ (von „Artificial Intelligence“) ein weiteres Stück folgen, das sich zickig-maschinös & funky zielsicher einfügt in die Klangwelt der zwielichtigen Abenteuer im Lustwald, durch die Cale seine Nutty Professor-Erscheinung trägt: würdevolles Peroxidblond über Pepitamuster-Jacke. Dann hängt eine E-Gitarre über der Jacke: „Was folgt, ist eine von hypnotischen Beats getriebene Jahrhundert-Version des Klassikers ‚Helen of Troy‘. Hammerhart!“ (MoPo).
Mit Akustikgitarre das bewegende „Whaddya Mean By That“ von der „Extra Playful“-EP („You ask if you hurt me / Whaddya mean by that? / Look round the corner / You don’t remember that?“) und „The Hanging“, mechanisierter Power-Pop, Situationistische Internationale-Pop, devianter Populismus. „Catastrofuk“, im von Cales Tochter Eden dirigierten Video liefert Cale als Astronaut eine weiße Tulpe bei einer Weltraum-Domina ab, die ihm dafür ein neues Spielzeug schenkt. Und das ist genau, wo Cale sich gerade aufhält, sich verjüngend mit sardonisch-kryptischen Späßen, die keiner so richtig versteht, die aber trotzdem Spaß machen. Letztes Stück ist „Nookie Wood“, hypnotisch kriechend, täuschend hymnisch, seltsam unterkühlt im heißen Sexwald, tight und wackelig zugleich.
„Nach einer Zugabe hat das euphorisierte Publikum noch immer nicht genug. Doch auch minutenlanges Klatschen lockt den Meister nicht mehr auf die Bühne. Neulich war es ein Österreicher, der die Menschen begeisterte, weil er sich aus 40 Kilometern Höhe zurück auf die Erde stürzte, nun katapultierte ein Genie das Publikum in die höchsten Höhen des Rock’n’Roll-Himmels. John Cale gibt ein triumphales Konzert auf Kampnagel.“ (MoPo)
Die Zugabe ist „Dirty Ass Rock’n’Roll“, das er genauso spielt wie einer, der mit pink gefärbtem Haar im Buckingham-Palast erscheint, um sich den Order of the British Empire abzuholen. Serious kidding. Schließlich mag die Queen Pink, oder etwa nicht.
Über etwas wie „Child’s Christmas in Wales“ hinaus gibt es diese Unterströmungen bei Cale, die in die Kindheit führen. Eine Art von Imagination, die half, eine traumatische Kindheit zu überstehen, in reverse now: Bilder, in denen Fragmente stecken, die von weit her kommen. Aber auch diese Dringlichkeit, in „What’s Welsh for Zen“ schreibt er, als Kind haßte er es, schlafen zu gehen: „somewhere in the world there was something going on, and I’d miss it“. Direkte Linie von dort zu einem Satz wie „You can’t take a vacation in the middle of an idea, you’ve got to go push it.“ – Anyway: „Holding on, with both eyes, to things that don’t exist“ aus „Gideon’s Bible“, der ganze Text des Songs scheint von Kindheitserinnerungen durchsetzt („a messy day with Clancy“), von Kindheitsphantasien (China), auch eine „grand old mother greedy“ erscheint, man denkt an Cales walisische Großmutter, die den Gebrauch der englischen Sprache aus dem Haus verbannte, Cale konnte sich mit seinem englischen Vater erst unterhalten, als er mit 7 Englisch in der Schule zu lernen begann („My grandmother, I really didn’t like her and she didn’t like me“), mit alldem im Sinn fand ich in diesem Früh-80er-Artikel über Cale, wie er, nachdem er gerade wieder in den wildesten Verschwörungstheorien unterwegs war, über die DDR sagt: „Aber sie haben viele Spielsachen in der DDR. Sie haben Spielzeug-Eisenbahnen und sie haben diese altertümlichen Puzzle-Spiele aus festem dickem Holz. Ich liebe die.“ :)
SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – Was lohnt es noch, zu lesen?“
Mixolydian:
Ohne Cut-ups hätte es weder das Eno/Byrne-Referenzalbum „My Life In The Bush Of Ghosts“ noch die in dessen Nachfolge immer ausgefeilter werdende Sampling-Technik in der Musik gegeben. Die Cut-up-Methode war ein Experiment, das sich als extrem einflußreich erwiesen hat. Hier wurden einfach neue Wege aufgezeigt. Ohne Innovatoren wie Burroughs, Gysin oder auf dem musikalischen Feld Eno, Byrne, Fripp oder Cale wären wir heute um einige Kunstwerke ärmer.
Christian Erdmann:
Ich denke, daß der Zufall stets in die künstlerische Arbeit integriert ist (Genie besteht ja auch in der Fähigkeit, sich den Zufall zunutze zu machen), und daß die Cut-up-Methode sozusagen nur die extremere Form des Sichauslieferns an dieses Prinzip ist. Sie legt den Akzent zunächst auf die reine Methode, den reinen Prozeß, ohne Vorplanung und vorgegebene Bedeutung. Indem Dinge zusammenkommen, die sonst nicht zusammenkommen, entstehen neue Bedeutungen. Lautréamont sprach von der Schönheit der zufälligen Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem Seziertisch. Ich persönlich mag es als Leser sehr, mich zu fragen: wie kommt das denn jetzt da hin, solange all die Türen, die sich da öffnen, noch als einem Korridor zugehörig erkennbar sind. Burroughs oder Lautéamonts „Gesänge des Maldoror“ können sehr labyrinthisch (minus Ariadnefaden) werden, zur sehr anstrengenden Reise durch einen Kopf. Hypertroph scheinende Willkür ist natürlich enervierend. Aber durch die offene Kollaboration mit dem Zufall sind Werke von unglaublicher Schönheit entstanden.
Für sein „Low“-Album, das er mit Eno zusammen aufnahm, wollte David Bowie ein langsames Stück mit nahezu religiöser Atmosphäre – das war alles, was er Eno vorgab. Eno schlug vor, erst einmal eine Spur mit Fingerschnipsern aufzunehmen. Das taten sie dann, ca. 430mal Fingerschnipsen. Das notierten sie. Jeder der beiden nahm sich dann willkürlich bestimmte Sektionen vor und spielte auf dem Synthesizer Sequenzen dafür ein. Dann löschten sie die Schnipser und schrieben, abgestimmt auf die zugeteilten Taktmengen, weitere Sequenzen darüber. Keine „Komposition“ im eigentlichen Sinne also, aber dieser ungewöhnliche Entstehungsprozeß ist das letzte, woran man bei dem Stück „Warszawa“ denkt, das einen noch immer auf die Knie sinken läßt – zeitgenössische Klassik eben.
Bowie hat sich auch in seinen Texten zuweilen der Cut-up-Methode bedient, auch für das „1. Outside“-Album, das so starken Einfluß auf David Lynch hatte („Lost Highway“). Auf „1. Outside“ erzählt Bowie zwar eine Geschichte, die Cut-up-Methode erlaubt es dem Autor einer Geschichte aber auch, der Geschichte dazu zu verhelfen, sich selbst zu erzählen und ihren Autor zu überraschen. Textsegmente arbeiten als Bedeutungsgeneratoren. Ein Titel des Albums lautet „The Hearts Filthy Lesson“. Wer würde diese Worte schon zusammendenken? Nach dem ersten Schreck ergeben viele Dinge Sinn. Genau wie bei Träumen, und oft gleicht alles, was Cut-up-Methode gleicht, dem Vokabular von Träumen. Träume sind Cut-ups.
Aber zugegeben, es kommt sehr darauf an, wer sich dieser Techniken befleißigt. Grundsätzlich kann diese Technik natürlich schrecklich unsinniges Getröt produzieren, aber das gelingt auch Autoren, die sich ganz prometheisch sehen. Quod licet Bowie, non licet bovi.
Eliza:
Eben. Sich allein auf den Zufall zu verlassen, garantiert zunächst nur, dass was Zufälliges dabei rauskommt.
Es muss ein gewisses, recht hohes Minimum an Gestaltung dabei sein, bevor mir der Ausdruck Kunst einleuchtet.
Christian Erdmann:
Du kennst doch sicher Shaftesbury, den englischen Philosophen? (Ich meine den 3rd Earl). Der sprach vom Künstler / Schöpfer als „second maker“, als „Prometheus under Jove“. Der von mir oben angesprochene Typus wäre sozusagen „Cut-up-artist under Prometheus“ (in einer Person).
Goethe hat von Shaftesbury den Begriff der „inneren Form“ geklaut: die „inward form“ des Kunstwerks / des Charakters / der vorbildhaft Teile zu einem Ganzen fügenden Natur. Wobei Shaftesbury für seine Zeit übrigens recht weit darin ging – sein Weg führte schon über das, was später deutlich als Begriff des „Erhabenen“ erschien –, auch das „Dissonante“ in diese „innere Form“ einzugliedern. Die „innere Form“ erlaubt vieles, eben auch Nutzbarmachung des Zufalls, Eingliederung sich selbst schaffender Bedeutungen etc., nur darum ging es mir, mein Respekt vor den Beherrschern der inneren Form ist grenzenlos.
Wenn poetische Sprache nicht auch zum Ziel hat, Vorstellungen davon, „was geht“, hinter sich zu lassen, wozu dann überhaupt Poesie?
Stefan Möhler:
Der Künstler ist immer der zweite Schöpfer. Eigentlich eher ein Seher, der vermag, Dinge zu realisieren, die sich anderen eben nicht von alleine erschließen. Ob es ihm nun gelingt, diese Realisation für alle Menschen sichtbar zu machen oder nicht, ist dabei völlig unerheblich.
Immer ist ein Kunstwerk ein Aufruf zur Auseinandersetzung: mit eigenen Gedanken, Urteilen, Sichtweisen, Vorurteilen, eingefahrenen Denkstrukturen, Blindheit – letzten Endes mit sich selbst.
Wer dazu nicht in der Lage ist, und ja, solche Menschen gibt es tatsächlich, dem erschließt sich weder Kunst noch deren vielfältige Möglichkeiten der Rezeption. Daran werden weder Kunstwerke selbst noch Worte über dieses Faktum irgendetwas ändern können. Das kann man bedauern, aber nicht ändern.
Christian Erdmann:
Es spricht etwas aus dem Künstler, den Du „Seher“ nennst, das er selbst nicht völlig kontrolliert, aber er muß versuchen, soviel Kontrolle wie möglich darüber zu gewinnen. Er muß das, „was geht“, überwinden, und dieses „was geht“ war nicht nur im Hinblick auf die Form gemeint, es ist immer auch das, was für die menschliche Realität bislang Gültigkeit besaß. Wäre der Künstler in glücklicher Übereinstimmung mit der Welt, wie sie ist, und den Konditionen, die sie stellt, würde er dann Kunst schaffen wollen? Das soll keine revolutionäre Pose der Kunst an sich beschreiben, aber ist der Künstler nicht immer der Träumer irgendeines „Anderen“, selbst wenn der Unterschied zum affirmativ Säuselnden kaum noch spürbar sein sollte, auch die vehementeste Opposition zum Zeitgeist ist da vielleicht letztlich nur ein gradueller Unterschied, wiewohl die Skala derartige Unterschiede bereithält, daß vielen der Größten (Hölderlin, Artaud, Nijinsky etc) der Rückweg aus ihrer Kunst in die „normale Umgebung“ nicht mehr gelang.
School of Seven Bells: Name einer legendenumwobenen Akademie für Taschendiebe im Südamerika der 80er, deren Existenz ein Mythos sein könnte. Name eines Trios, bestehend aus Benjamin Curtis, Ex-Secret Machines, und den Zwillingsschwestern Alejandra und Claudia Deheza. Hier geht es um Fragen wie: wie wirklich ist das Traumreich, und wie weit kann man das Geschehen dort steuern oder beeinflussen. Eine der Schwestern versteht die Seven Bells als sieben Köpfe, und die Tracks der Band als Botschaften zwischen diesen imaginären Sieben. Kann man dazudenken, man kann sich aber auch einfach so betören lassen.
„Alpinisms“ erschien Ende Oktober 2008, der Guardian beschreibt die Musik als „ethereal dronerock“ und „Krautrock Cocteau Twins“. Weitere Fundstücke: gleichermaßen mittelalterlich wie futuristisch, verwirrende Höhen und klaustrophobische Tiefen, kryptische Metaphorik plus Technologie, gekonnt verdrehter Sirenengesang-Powerpop, alpine Engel in Schuluniformen, Esoterik in der akribischen Konzeption wieder auseinandergeschraubt, Größe behauptet und bewiesen, kristalliner Zauber, meditativer Strudel, Psychedelik in ätherischen Ölen, stereoskopisches Stimmenmantra, transzendentalste Durchschlagskraft seit Ravi Shankar. Und, sehr wichtig: „Weder inszenierte Entrücktheit, noch pathosschwangeres Ganz-nah-ins-Mikro-Hauchen“ (ah Hölle), „und trotzdem pure weibliche Verlockung“ (BR-Online).
7/2010
Vor einer Woche erschien „Disconnect From Desire“, zweites Album von School of Seven Bells. Die kristallklaren Engelsstimmen sind nur aufgrund irgendeiner kosmischen Zerstreutheit hier. Ich bin süchtig nach diesem Dante Gabriel Rossetti drone.
01/2011
School of Seven Bells: „Disconnect From Desire“. Der stereoskopische Flug durch Kristallpaläste, den andere als Melodieführung der Stimmen der Zwillinge Deheza bezeichnen würden, endet hier bei einer existentialistischen Audrey Hepburn in einem japanischen Teehaus. Mit anderen Worten, die entrückte Schönheit ist einerseits zugänglicher geworden, andererseits hat man immer noch Skrupel, dabei überhaupt zu atmen. Yugen, wie man in Japan sagt. Subtile Tiefe, aber so fern und geheimnisvoll, daß daraus kein Blick in eine menschliche Seele wird. Disconnect from Desire? Hab lange auf sowas gewartet: das Ätherische wirklich ätherisch und nicht nerviges Pseudoelfengezirpe, wirkungsvoll angetrieben von einem, der sich mit Geheimen Maschinen auskennt.
03/2012
„Ghostory“ von School of Seven Bells bleibt der schönste Spuk derzeit. „The Night“ bei Fallon habe ich jetzt wohl 98mal gesehen, weil es wahrscheinlich der Moment ist, in dem Alejandra Deheza mit ihrem betörend erschreckten Blick und Curtis fühlen, wie traumhaft ihr Schiff auf den Wellen tanzt, obwohl eine Schwester über Bord gegangen ist, und wohin die Reise jetzt geht. Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses von „Ghostory“.
Benjamin Curtis verstarb am 29. Dezember 2013 im Alter von 35 Jahren. Ten years gone. Rest in peace.
Aljoscha liebt Leda, weil er sie glücklich machen will. Da tritt Katharina auf den Plan, und Aljoschas Welt gerät aus den Fugen, weil er nun sich selber glücklich machen will. Soweit die äußere Handlung dieses Romans vom Typ „Junge trifft Mädchen“, der schwerwiegendsten aller Grundkonstellationen – und ja, tatsächlich, auch hier geht es wieder um alles oder nichts: die Welt gewinnen oder irgendwann als Tölpel sterben. Nun lässt Erdmann seinen Helden aber nicht Berge erklimmen und Ozeane durchschwimmen, auch die Heere des Maharadscha und General Custers Kavallerie haben nichts von Aljoscha zu befürchten, nein, ganz im Gegenteil: kein einziges Hindernis widerstrebt bockig dem Sinnen und Trachten des Helden; außer der bangen Frage: Warum ist SIE so unvorstellbar anders, warum ist überhaupt plötzlich alles so unvorstellbar anders?
Um diese Frage für Aljoscha zu beantworten, vollzieht Erdmann auf 320 Seiten fulminanter erlebter Rede eine fast beispiellose sprachlich-hermeneutische Tiefenbohrung in die Eingeweide der Bedeutungszusammenhänge und Wirkkräfte von Platon und Ovid über Dante bis Kant, Mahler und Nick Cave. Man liest recht fassungslos von Aljoschas und Ledas Reise nach Florenz, einem instruktiven Flashback in die Asservatenkammer der Renaissance – und nun wird uns klar, auf welche Bahn Aljoscha mit der geheimnisvollen Katharina geraten ist: Es geht um den Eros, das Streben nach dem Göttlichen. Streben und Lieben sind eins, nämlich erotisch, und Katharina ist die Inkarnation des vom gebeutelten Aljoscha schon immer Erstrebten. Ein Wiedererkennen: Wer um sein Schicksal weiss, der muss es erhaschen, sonst gerät die Welt aus den Fugen. Puuh, arme Leda.
Puuh, glücklicher Leser: Eine einzigartige literarische Meisterleistung in Sprachverdichtung gelingt Erdmann im atemlosen Schlussteil des Romans. Mit „Löse das Rätsel. Finde das Wort. Sei würdig“ [S. 259] beginnt die nervenzerfetzende Achterbahnfahrt Aljoschas, letzte Ausfahrt Happy Ending. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas vergleichbar Brillantes in deutscher Sprache gelesen zu haben. Vielleicht das Kapitel „Schnee“ in Thomas Manns Zauberberg.