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Iggy Pop

Iggy Pop. Artikel von Christian Erdmann: Bild: "Lust For Life" Album Cover.

Am Abend des folgenden Tages kam Hilfssheriff James Osterberg über die Eselsbrücke in die Stadt geritten. Der Mann, den sie Iggy Pop nannten, dutzendmal geteert und gefedert, der Mann, der wußte, daß man alle Ausgänge kennen muß, bevor man durch den Eingang geht. Lang hatte er Blaßgesichtern das Feld überlassen; jetzt war er zurückgekehrt, um erneut seinen existentialistischen Halsbrecher-Report über die Bretter gehen zu lassen und die Anatomie zu schinden wie kein zweiter, den sehnigen glänzenden Gauklerkörper – man konnte sagen, dieser Körper hatte Charakterstärke – versehen mit einer rituellen Zeichnung: Narben all der Wunden, die der Mann sich zugefügt hatte in Zeiten, als die Frage „Was ist das Problem, James?“ einen konvulsivischen Anfall zur Antwort bekam, begleitet vom Metallgewitter der drei bösen Stooges, weil das Problem war, daß man für das Leben ein zweites Leben als ständigen Kurort gebraucht hätte. Well, Leute. Intensität fängt irgendwann zu brennen an. Allen, die es wissen wollten, erklärte der Mann den Grund für seinen langen Rückzug: er hatte seinen Selbstrespekt verloren. Er hatte eine völlige Neuordnung seines Lebens vorgenommen. Er hatte die Selbstauflösung angehalten und im eigenen mentalen Irrenhaus die Rolle des Platzanweisers übernommen. Eine kopernikanische Wende. Wenn man sich selber ständig in die Quere kommt, hilft ein innerer Amoklauf. Sich nichts mehr vormachen und nichts mehr mitmachen, was man nur durchmacht. Siedende Wahrhaftigkeit aushalten, einem einfachen und starken Sinn zuliebe. „Ich wollte herausfinden“, sagte der Mann, der schon alles gesehen und in der Hölle die Asche zusammengefegt hatte, „ich wollte herausfinden, was ein Liter Milch kostet.“

Das hatte es in sich. Die Würde in diesem Satz! Das ließ den Spiegel der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu Bruch gehen. Das gab Sachschaden. Das warf Scheinwelt und Fassaden in den Orkus. Ein Mantra gegen faulen Zauber und Staffage. Vordringen zum wahren Jakob. Herausfinden, was ein Liter Milch kostet. Ein Kôan war das.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Er sagte: „Es mußte getan werden, also tat ich es.“ Gott selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.

An einem Abend im Dezember konnten Leda und Aljoscha miterleben, was geschieht, wenn Iggy Pop ein paar Bühnenbretter vorfindet, und die Meute, der sie angehörten, wußte, was sie dem Mann schuldig war. Vier Helfershelfer schufen einen Klangwall, auf dem Pop wilde Zeichen machte wie Pierrot auf Glatteis. Er holte das letzte aus sich heraus, und so herausgeholt sah das letzte noch viel besser aus. Der Genosse Osterberg, er lebe hoch, hoch, hoch! Von diesem Schauspiel würde man noch Jahre zehren, und Aljoscha fühlte sich nach dem Konzert so erquickt wie ein Spatz nach einem Sandbad.

Christian Erdmann, „Aljoscha der Idiot“


Wie kann ein Mensch in das, was er an der Welt liebt, nicht „The Idiot“ und „Lust For Life“ inkludieren? Eine Welt, in der diese beiden Platten gar nicht vorkommen, ist das überhaupt eine Welt? „I love those records so much“, läßt Josh Homme die Katze aus dem Sack, als 2013 „… Like Clockwork“ erscheint. Schon 1995 A.D. sind es diese beiden Werke von Iggy Pop, die Homme zur Offenbarung gereichen, mit dramatischen Folgen: auf der Stelle löst er Kyuss auf und gründet die Queens of the Stone Age.

Iggy Pop wiederum erklärt 2016 die Queens of the Stone Age in ihrer Mischung aus Virtuosität, Emotionalität und Präzision zum Inbegriff von Brillanz; besonders zwei Stücke von „… Like Clockwork“, das Titelstück und „The Vampyre Of Time And Memory“, hätten ihn berührt wie seit 40 Jahren nichts.

Daß „Post Pop Depression“ die Vollendung einer Trilogie nach 39 Jahren ist, würde Gott selbst unterschreiben, wenn ihm denn sein derzeitiges Dasein als durchgeknallter Heckenschütze Zeit ließe, doch nach den erschütternden Todesfällen von Lemmy und David Bowie erschien „Post Pop Depression“ wie Ausgießung des heiligen Geistes, Rettung, Trost. Daß Iggy Pop und Josh Homme in aller Heimlichkeit zur Schöpfung schritten, und daß diese Schöpfung tatsächlich so großartig ist, wie man es sich nur hätte ausmalen können, injiziert eine Dosis unfaßbarer Richtigkeit ins zerrüttete Weltgeschehen. Homme ist ein Heiliger, und was er anfaßt, wird zu Gold. Gesegnet der Tag, an dem er begriff, daß der Absender der mittlerweile legendären SMS tatsächlich Iggy Pop mit seinem ollen Klapp-Phone war. Homme: „Mir war nur klar: Wenn mich hier jemand verarscht, werde ich ihn dafür umbringen.“

Ich war 20, als ich zwei große Lautsprecherboxen im Abstand von etwa 70 Zentimetern auf den Teppich stellte und meinen Kopf, der dazwischen lag, mit „Lust For Life“ in die Luft sprengte. Dieser donnernde Drumbeat, 72 Sekunden bis HERE COMES JOHNNY YEN AGAIN, die umwerfendsten Einstiegssekunden eines Songs ever.

UNCUT: Iggy claims ‚Lust For Life‘ was written in front of the TV in Berlin, with a rhythm copied from the tapping Morse Code beat of the Forces Network theme. Is this the case?

BOWIE: Absolutely.

Es gibt mehrere Gründe, warum der Roman „Aljoscha der Idiot“ heißt, aber ohne „The Idiot“ von Iggy Pop hätte ich ihn nie geschrieben.


SPIEGEL ONLINE Forum „Literatur – was lohnt es noch, zu lesen?“

September 2009

hans-werner degen:

Zweigs Dostojewski interessiert mich deutlich weniger als mein eigener…

Christian Erdmann:

„Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt.“ (Stefan Zweig)

einEi:

Stefan Zweig, der bekannte Schriftsteller, soll das gesagt oder geschrieben haben? Wann? Wo? Sie müssen schon mit Quellen arbeiten, sonst versteht hier keiner mehr, was das alles soll.

Christian Erdmann:

„Sehr schön. Wenn Sie zur Tagesordnung sprechen, gut und schön. Gut und schön, wenn Sie zur Tagesordnung sprechen. Fahren Sie fort.“ (Flann O’Brien)

KLMO:

Im Detail ist Dostojewski ein Meister der menschlichen Psychologie. Doch wie löst er die Problematik als Ganzes?

Seine Werke quellen über von Schuld und Sühne, Gott und Teufel, Paradies und Hölle, alles Metaphern, derer sich bevorzugt das Christentum bedient…

Christian Erdmann:

Iggy Pop, den die meisten nur als „Godfather of Punk“ kennen, ist ein sehr belesenes Kerlchen, was sich zuletzt darin ausdrückte, daß er sich von Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ zu einem Album inspirieren ließ. 1993 ließ er auf seiner „American Caesar“-Platte in seiner Version des Klassikers „Louie Louie“ kurz verlauten: „I’m as bent as Dostoevsky“.

Schon 1977 durfte man annehmen, daß Iggy Pop seinen Fjodor kennt: in diesem Jahr brachte er zwei Platten heraus: „The Idiot“ und „Lust For Life“. Zwei Titel, die, zusammengenommen, Dostojewski in der Nußschale ergeben.

AS BENT AS DOSTOEVSKY

Iggy Pop, The Idiot Album Cover.

zeigt sich Iggy Pop schon auf dem Cover, das sowohl von Heckels „Roquairol“

Erich Heckel, Roquairol.

(nicht umsonst schleppte Bowie Iggy in Berlin durch die Expressionismus-Sammlungen)

inspiriert ist, als auch jenen Bildern Egon Schieles gleicht, in denen die Verzerrung und Verdrehung menschlicher Gestalt wie der Ausdruck des Fehlens jeglicher inneren Ausgewogenheit wirkt. Isoliert wirkende Gestalten – die Journalistin Kerstin Bode betitelte einen Artikel über Iggy Pop mal mit „Isolierter Sprengsatz“ und spricht von seiner „grausamen Einzigartigkeit“ –; Gestalten, die Schiele in „kompromißloser Selbstentäußerung“ (Erwin Mitsch) aufs Blatt bringt, und über die Mitsch sagt: „Die organische Einheit des Körpers … wird zerrissen in einander widerstrebende und bekämpfende Teilstücke. Sie werden Spiegelbild und sichtbarer Ausdruck innerer seelischer Kräfte und Vorgänge.“

Iggy Pop „dehnt/biegt und krümmt seine Gliedmaßen zu Formen, die dem Gravitationsgesetz trotzen. Freiübungen eines Ballettänzers, der an der Starkstromleitung hängt.“ (Harald InHülsen, ca.1980).

Qual/Schmerz/Lust/Erregung.

Eines von Schieles Selbstbildnissen trägt den Titel: „Ich liebe Gegensätze“.

Werner Theurich, den Hiesigen eher als „sysop“ bekannt, schrieb nach einem Konzert von Iggy Pop in „Knopf’s Music Hall“ (heute Docks), bei dem ich auch zugegen war, über den „ewigen Märtyrer“ (Zitat Theurich): „Nicht zu reden von Iggy Pops offensiven Bühnenshows, die über das Publikum hereinbrachen, mit denen Iggy sich auslieferte, Angst machte und immer um den vollen Einsatz spielte.“

Iggy Pop im Sommer 1979:

„Ich habe gerade in der Herald Tribune eine Geschichte über den Nuklearen Endkampf gelesen; weißt du, was Bowie machen würde? Er schlägt seine Landkarte auf, sieht nach, wo die Bombe explodieren wird, steigt sofort ins Flugzeug und begibt sich an einen sicheren Ort, vielleicht Argentinien. Ich werde genau das Zentrum raussuchen, wo die Bombe aufschlägt, denn ich will es fühlen, genau da! Die Hitze spüren, den Schmerz!“

Poetische Übertreibung, vielleicht.

Brocken aus Stefan Zweig über Dostojewski:

„Von jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen, hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner Menschen liegt die ewige Nacht und glänzt das ewige Licht … Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm … die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden …

…Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal … Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander … Amor fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, die Heimsuchung als Heil … Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft … Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie … hat auch das Glück seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert und brennt wie Feuer … Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt wie zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat … leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals … Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: … was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl … Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des Kontrastes … Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf Intensität … Lust (zeugt) das Leiden und das Leiden wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze … Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt … Er will nicht wie Goethe zum Kristall erstarren … sondern Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen … Und nur so, als der „Gottesknecht“, als der Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden … Seine Helden … sind nicht friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den Urproblemen hinab … Sie wollen gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie hinaus … Sich selbst wollen sie fühlen und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, das Existenzgefühl … jenes ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen des Lebens sind …, sondern die ganz einheitliche Lust …

… Sie wollen das Leben weder erlernen noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase der Existenz.“

Wersilow und Katharina in „Der Jüngling“, kurz vor dem Ende:

„Ich weiß, ich weiß, Sie sahen, daß Sie das nicht fanden, was Sie brauchten, aber… was brauchten Sie denn? Erklären Sie mir das noch einmal…“

„Habe ich Ihnen das denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe… ich liebe heitere Menschen.“

„Heitere?“

Die Verständnislosigkeit, mit der Wersilow das wiederholt: „Heitere?“

Nochmals Stefan Zweig über die Figuren Dostojewskis:

„Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense… sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne.“

Wissen, daß man verdreht ist, verzerrt, daß man scheitert, sich in (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten zerreißt, daß man ein Idiot ist, ewiger Märtyrer, daß man sich selbst fast zugrunderichtet mit der Empathie, dem „unendlichen Mitleiden“, mit dem Versuch, panoramisch zu sein, und bei alldem ICH LIEBE GEGENSÄTZE die Wurstmacher Wurstmacher sein lassen und dort Schätze finden, wo andere ums Verrecken nichts erkennen, wissen, daß man die Einheit noch in den vertracktesten Ambivalenzen aufspüren kann, und in alldem nichts fühlen als das Leben selbst: das, lieber KLMO, ist für mich bei Dostojewski viel wichtiger als „all die Metaphern“, weil am Ende all dessen nicht sinnlose Liebe zum Exzeß steht, sondern: Lust for Life.


Iggy Pop, David Bowie, Tony Visconti – drei der an „The Idiot“ Beteiligten hatten Dostojewskis „Der Idiot“ gelesen.

David Buckley nennt „The Idiot“ „a funky, robotic Hellhole of an album“.

Komplett abgestürzt und ausgelaugt durch die Selbstzerstörungsorgie der Stooges, die sadomasochistischen Energien ihrer Musik, die Drogenexzesse, den Nihilismus und die Torturen an Leib und Seele steht Iggy Pop schließlich vor den Türen einer Anstalt. Zu den wenigen Besuchern in der Neuropsychiatrie zählt David Bowie. Im Frühjahr 1976 nimmt er Iggy als Begleitung mit auf seine Station To Station-Tour durch Europa, surreal schöne Fotos entstehen, Bowie und Iggy in Touristenpose auf dem Roten Platz oder im Moskauer Metropol-Hotel.

Im Juli 1976, der Umzug nach Berlin läuft, beginnen Bowie und Pop im Château d’Hérouville mit den Aufnahmen zu „The Idiot“. Das sexy Höllenloch öffnet sich mit „Sister Midnight“.

Wie Bowie und Iggy Pop bei diesem Sound angekommen sind, bei dieser glorios hypnotischen strangeness, bleibt Geheimnis. „Damn, listen to what Dennis Davis is playing on ‚Sister Midnight‘ … it’s insane!“ (Iggy, 2016). Können vor Schaudern. Selbst jeder Schlag auf die crash cymbal wird von Dunkelheit verschluckt. Die brutale Insistenz, mit der das irreguläre Funk-Riff von Davis / Murray / Alomar und Iggys furchterregende Stimme Sister Midnight bearbeiten, ist betäubend. Dazu eine Gitarre, die den Mond anheult oder eine Jungfrau zersägt. Brian Eno über „The Idiot“: als würde man langsam einbetoniert.

„Calling Sister Midnight / I’m an idiot for you“. Beep.

„So as we were working on Sister Midnight, David was playing, and I was trying to tune the sound using a compressor to get a nice distortion. As I turned an equalization button on the desk, I got a sudden noise, like a ‚bip‘. I saw David, with the headphones on, startled in his chair. But he didn’t stop playing. When he came back to the control room, he asked me ‚What was that noise?‘ I told him that I made a mistake on the desk. We listened to the tape. The ‚bip‘ was clearly distinct. ‚It’s nice! We’ll keep it. ‚“ – Laurent Thibault, Schloßpächter und house engineer im Chateau d’Herouville.

Letzte Nacht unten im Labor, mit Dracula und seiner Crew. Das Album ist creepy. Kalte Dunkelheit, zwielichtige Dekadenz, expressionistische Verzerrung. Was ist, wird Obsession. „Low“ erschien zuerst, aber „The Idiot“ entstand zuerst und war Bowies Testgelände. Bowie inspiriert Iggy zu Gesang in bedrohlich tiefem Bariton, ghoulish zuweilen. Iggy: „I was working on the lyrics to ‚Funtime‘ and he said, ‚Yeah, the words are good. But don’t sing it like a rock guy. Sing it like Mae West.'“ Er entpuppt sich als verdammt guter Sänger. Iggy erhebt sich sinister majestätisch aus seiner Gebrochenheit, über postapokalyptischen Soundscapes, über Rhythmen, die, funky & robotic, einen ominösen Glamour in Bewegung bringen, und, vor allem, über all die Spuren von Verzerrung, die Bowie in die Musik legt. Zweig über Dostojewski variierend ließe sich sagen: von jedem Moment auf „The Idiot“ führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des Irdischen. Ich meine mich zu erinnern, daß ein Journalist mal schrieb: ideale Musik für eine Auspeitschparty.

Für den Nine Inch Nails-Song „Closer“ modifiziert Trent Reznor ein Drum Machine-Sample aus „Nightclubbing“. Die sleazy cabaret-Elemente von „Nightclubbing“ verleihen das Gefühl, vampirhaft, like a ghost, durch die gespenstisch ausgeleuchteten Korridore und Hinterzimmer eines mysteriösen Etablissements zu schleichen, in dem unaussprechliche Dinge vorgehen.

Funtime:

„Almost immediately, the listener is greeted by a zombie-like, dissonant chorus: ‚All aboard for funtime‘. … The guitar on the first bridge starts with an off-note, but it’s kept as it is part of the dissonant mood. During the bridges … the listener feels helpless as if he/she is strapped into some kind of horror show carousel that is careening out of control.

This out of control feeling and ever present dissonance on this song makes the listener feel that something very UN-fun is actually happening and this is the main thrust of ‚Funtime‘. The juxtaposition of ‚Fun‘ and ‚Funtime‘ with the aggressive subject matter, monster references, leering sexual content and terrifying soundscape leaves the listener not with feelings of irony but unease.“ (Bradley Banks)

In den ersten Sekunden hört man etwas, das wie leises Schluchzen klingt, vermutlich gluckst Iggy vor dem vocal take einfach in sich hinein, aber die Atmosphäre ist von Anfang an beunruhigend. Bowies Gitarre, die vom falschen Akkord hochrutscht, lutscht sich Energie von Deinen Knochen, aber das ist Dir im Labyrinth der darkrooms jetzt ganz recht.

Eine der traurig schönen Traumpuppen da unten ist Baby, und der Sänger erklärt ihr: die Welt ist immer ungerecht. „I’ve already been down the street of chance“. Please stay clean, please stay young, Iggy singt, als wolle er alle gleichzeitig hypnotisieren, Baby und die Dämonen, die es auf die Unschuld abgesehen haben. Bei 0:47 hört man einen Lautfetzen, der sich gerade noch als Bowies Stimme identifizieren läßt, wie aus dem Nebenraum des Songs, in dem sinistre Voyeure den lullaby sardonisch kommentieren.

Zwischen „Funtime“ und „China Girl“ hat „Baby“ es nicht leicht, aber wenn man den Song, sagen wir, 10mal nacheinander hört, bekommt man ein Gespür dafür, wie er der winterlichen Schneelandschaft gleicht, in der Iggy auf dem Coverbild die „Roquairol“-Pose nachstellt. Das absteigende Motiv, das Hit The Road Jack-Sachlichkeit vortäuscht und doch nur in schiere Unheimlichkeit getaucht ist, eine Landschaft, die man grimmig durchwandert, Fäuste in den Jackentaschen.

„China Girl“, Amoklauf von Liebeslied, allesverzehrende Leidenschaft, die Bilder von eskalierender Herrschaftsphantasie und Vernichtung produziert, während Taumel und Wahnsinn sich steigern bis zu drohender Selbstentleibung. „China Girl“ fängt nicht einfach an, „China Girl“ entlädt sich, mit der Hoffnung auf escape, mit ihr, ohne sie ein Wrack, Iggy klingt verletzlich, fragil, I’d feel tragic like I was Marlon Brando, dann eskaliert der bedrohliche Unterton, wird manisch bei „It’s in the white of my eyes“, Iggys Stimme „distorting the microphone preamplifier“ (Tony Visconti), und wen zwingt das nicht auf die Knie: „And when I get excited, my little China Girl says ‚Oh Jimmy just you shut your mouth. She says, Sshhh…“ Und dann ist er tatsächlich still, und dieses unfaßbar dramatische Ende nimmt seinen Lauf, Synthesizer mit Streicher-Grandeur, Bowies Saxophon glüht durch den dichten Mix, dann die gleißenden Gitarrenlinien, dann färbt sich die Sonne blutrot.

Weihnachten 2013 war Iggy Pop zum ersten Mal mit einer eigenen Radioshow auf BBC 6 Music zu hören, seit 2015 führt er als „atmospheric bartender“ regelmäßig durch den Abend, läßt uns teilhaben an seinem Gefühl für die Schönheit und Bedeutung der Songs, die er spielt, läßt uns wissen, falls wir es vergessen hatten, daß sie so viel mehr sind als nur Songs, und das Wunderbarste daran: wie er, der Godfather of (you name it), dabei Dankbarkeit und Demut durch den Äther schickt. Mit ähnlichem Gestus erklärt er 2016, der beste Teil von „China Girl“ beginnt

„when I shut up. There is a beautiful guitar line that David wrote. I knew it was good when we did it, but I was not able to appreciate it emotionally the way I do now. Every time I hear it, I feel all these things that have to do with coming and going. Because we all come, and we all go.“

Der verzerrte fernöstliche Klang, den Bowie auf „China Girl“ produziert: ein Spielzeugklavier, das Laurent Thibaults 8jähriger Tochter gehörte. Der Text würde auch Sinn ergeben, wenn „China Girl“ eine Metapher für Heroin wäre, aber die Dame, die den Song wesentlich inspirierte, war eine Vietnamesin namens Kuelan Nguyen.

Am Ende des Songs ist mir immer, als hätte ich Abschürfungen. An der Seele. Manchmal brauche ich die Pause, die das Vinyl der LP danach gewährte, immer noch.

Für „Dum Dum Boys“ spielt Bowie sich die Finger auf der Gitarre blutig, dann läßt er das Riff, das Synapsenverbindungen im Hirn herstellt, die ziemlich sleazy sind, Note für Note von Phil Palmer nachspielen (dem Neffen von Ray & Dave Davies). 7-Minuten-Ode an Aufstieg und Fall der coolen, bösen Gang, in der Iggy die Verachtung der Stooges für den Rest der Welt beschwört und ihre Geschichte damit zum Mythos macht. Siouxsie, die Edle, die später Iggys „The Passenger“ für ein Cover-Album auswählt, beschrieb „The Idiot“ als „re-affirmation that our suspicions were true: the man is a genius.“ Tatsächlich klingt „The Idiot“ geradezu absurd anders als alles andere. „The Idiot“ steht schief zur Welt, auf Trümmern, die noch rauchen.

Der Tag bricht an und du willst nicht leben, „‚cause you can’t believe in the one you’re with“, die Tricks und die Vergangenheit, der Verlust einer Unschuld, die dann auch die junge Unschuld nicht zurückbringt. „Tiny Girls“ – ah what did you think. Über der dunklen Textur spielt Bowie das wunderschönste, coolste und zugleich wehmütigste Solo auf einem Plastiksaxofon für Kinder.

Auf die Desillusionierung von „Tiny Girls“ folgt die epische Verheerung von „Mass Production“.

„I have no idea how Bowie and Pop achieved the song’s unique sound; I suspect Alomar and a synthesizer are running the show, especially during the sublimely weird instrumental passage which makes you feel like you’re on the floor of the ocean in a doomed submarine that is sending out an SOS.“ (Michael H. Little, 2016).

Dave Catching (QOTSA, EODM, Herz des Rancho de la Luna): „It sounds like they were detuning the synths too, and it always puts me in a trance whenever I listen to it.“

8 1/2 Minuten Trance.

„The first thing you hear on ‚Mass Production‘, the eight-minute industrial horror movie that finishes off The Idiot, is a synthesizer fading in, like a machine drawing breath; it’s suddenly confined to the right channel, where it now drones a single note, like a foghorn, and it’s answered by four piping notes in the left channel, a mechanical birdsong that repeats through much of the track (though often drowned in the mix). Dennis Davis‘ drum fill kicks the song into a semblance of life, and Iggy Pop appears, sounding like a man holding a hostage.“

„Mass Production“ – „is far from any sort of triumphal Futurism; there’s no nobility of the machine found here, just a nihilistic realization that even the cold promise of machinery is a lie. If ‚Mass Production‘ has a visual analogue, it’s David Lynch’s street sets for Eraserhead: a city seemingly purged of human beings and reduced to abandoned train tracks, lifeless tenements and an encroaching darkness.“ (Pushing Ahead Of The Dame)

Leben als industrielle Massenproduktion, Lyrics, in denen ein Mädchen nach der Nummer eines Mädchenduplikats gefragt wird, Austauschbarkeit und Leere und trotzdem ein seltsamer Reiz: Iggy Pop sprach immer fasziniert von der Schönheit verfallender Industriekultur. Das fadeout von „Mass Production“ post-alles, der Song geht unter in grauer endloser Ferne und otherwordliness, letzte Atemzüge of everything, devastating und – unerklärlich schön.

G. Starostin: „Sometimes the noises get really ugly but then again it’s mass production“. „Das ist ja schrecklich! Wie das leiert!“ rief Leda eines Abends bei besagter weird instrumental passage, und es war einer dieser Momente: „Aljoscha sah, wie an einer entscheidenden Weiche ein schwerer Hebel umgelegt wurde, von einem Mann, der sein Gesicht im Schatten der Hutkrempe verbarg.“

„Though I try to die / You put me back on the line / Oh damn it to hell / Back on the line / Hell, back on the line / Again and again / I’m back on the line“.

„The Idiot“ war das letzte, das Ian Curtis in seinem Leben hörte. Für mich war in Phasen tiefster Verzweiflung, Entfremdung und Verachtung „The Idiot“ ein Teil der Mythologie, die zu Auferstehung rief. „The Idiot“ sagt: If you lived through this, you live through everything. Tief im Herzen dieser desolation liegt a new conviction.

„The Idiot“ und „Lust For Life“ bedeuteten auch: die Götter sehen diesem Mann zu in stiller Bewunderung I’M AN EASY MARK WITH MY BROKEN HEART „Ein permanenter Versuch, die Verbindung zwischen dem brodelnden Inneren, der Irrationalität / dem eigenen Irrenhaus und der (er-)wartenden Außenwelt herzustellen“ I STAND ON THE WORLD’S EDGE wer sonst ist mit mir AND I RIDE AND I RIDE smiles like a reptile HERE COMES MY FACE IT’S PLAIN BIZARRE ich fotografierte das „Lust For Life“-Cover und vergrößerte es für meine Wand, „a beaming, slightly mad-looking Iggy shot in a dressing room during the March ’77 UK tour. It’s the face of a man ready to harangue the world while he charms it“ JESUS? THIS IS IGGY ein Gesicht, aus dem man Handlungsmaximen ableiten kann THINGS GET TOO STRAIGHT I CAN’T BEAR IT selbstverständlich ist er 1977 die schönste Kreatur auf Erden I SEE THE STARS COME OUT OF THE SKY „immer auf der Suche nach der Möglichkeit, nach dem Weg, das eigene Geschick unter Kontrolle zu bekommen“ ALL OF IT WAS MADE FOR YOU AND ME „Ich weiß nichts, was ähnlich wäre wie diese Stimme. Ich denke, daß es die einsamste Stimme der Welt ist.“ (Dirk Scheuring, SPEX 1986) I’M TRYING TO BREAK IN OH I KNOW IT’S NOT FOR ME ein Märtyrer, der sich nach Liebe und Anerkennung sehnt CALLING SISTER MIDNIGHT I’M A BREAKAGE INSIDE sein Plan für später: wiedergeboren werden als schwarzer Pudel und an den Beinen der Mistress hochspringen CALLING SISTER MIDNIGHT YOU’VE GOT ME REACHING FOR THE MOON.

„I just want to say that the most provocative friend of my adult life has been David Bowie and he has absolutely opened vistas to me where I have been able to assimilate information that has allowed me to survive and also to enjoy the world I’m in a lot more…“ – 1988

1976 pflegen Bowies Tourmusiker Iggy Pop am Frühstückstisch anzutreffen, wie er beim Kaffee mit Brille auf der Nase die politischen Kommentare europäischer Zeitungen studiert. Der Mann, der am Ende einer Nacht exzessiven Konsums in Berlin von einer Telefonzelle aus, in die irgendein Witzbold ihn eingeschlossen hat, die Polizei anrufen muß, um sich befreien zu lassen, war immer einer der Intelligentesten der Delinquenten. The world’s forgotten boy ist ein Informationsassimilator mit einem enzyklopädischen Gedächtnis für Kunst und Geschichte, einer, der Bücher als Freunde betrachtet, in einem Interview 1999 zählt er als letzte Lektüre auf: Charles Dickens, Voltaire, Victor Hugo, Marquis de Sade. „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ von Edward Gibbon ist eines seiner Lieblingswerke; sein leidenschaftliches Interesse an Römischer Geschichte lebt er 1993 auf dem Song „Caesar“ als „Throw them to the lions“-Imperator aus. Römisch an ihm ist vor allem die Mischung aus Primitivismus und refinement.

Geschichte als Weg aus dem gefängnishaften Zeitgenössischen. Iggy Pop sammelt Stühle. Zu seiner Kollektion gehören ein Louis Seize-Stuhl und ein normannischer Thron. Er begann ein intensives Verhältnis zu Stühlen zu entwickeln, weil ihm lange Zeit nichts gehörte – seine Plattenverkäufe standen in gotterbärmlichem Gegensatz zu seinem Ruf -, und weil es ein gutes Gefühl war, wenigstens auf einem Stuhl sitzend sagen zu können: „Das Fernsehen blökt mich an, und die Leute betonieren alles zu und treiben mich verdammt nochmal in den Wahnsinn“, aber dies ist mein Reich. Weltherrschaft ist Herrschaft über die eigene Welt, you see.

Iggy Pop, Post Pop Depression Tour, Konzert-Ticket Hamburg, 2016.

Indianischer Gesang, Schamanentrommeln, dann hebt sich der Vorhang für die Band in leuchtend roten dinner jackets im Sixties-Stil – und für den donnernden Beat. Nach einer Minute „Lust For Life“ kündigt Josh Homme ihn an: „Ladies and Gentlemen, Mister Iggy Pop!“ Die Antwort auf Iggys Erscheinen ist ungezügelte, manische Turbulenz. Sollte es die letzte Tour des Iggy Pop sein, dann ist sie ein würdiger Triumphzug. Vor diesem Abend habe ich Iggy Pop 5 x live gesehen, und es war jedes Mal nicht nur ein denkwürdiges Spektakel, sondern auch, siehe ganz oben, eine Art Anleitung zum Himmelssturm. Diese Band aber spielt / zelebriert die Songs von „The Idiot“ und „Lust For Life“ genau so, wie sie live klingen müssen, wenn man diese beiden Platten über alles liebt. Josh Homme genießt seinen Part als Hofzeremonienmeister wie ein Schneekönig, der seine süßeste Fantasie auslebt, zusammen mit Troy van Leeuwen, Dean Fertita, Matt Sweeney und Matt Helders reproduziert er den vibe all dieser Songs getreu und punktgenau, zwangsläufig schütteln sich ein paar Elemente aus dem Queens of the Stone Age-Hexensabbat aus dem Handgelenk – Killerversionen der Originale mit Queens-Stempel, ein verdammter Traum. Iggy kracht nicht mehr von allen Seiten durch die Bühnenbretter, doch der ungezähmte Genius seiner Five Foot One macht Lust For Life zum Thema dieser Nacht und aller Nächte wie noch nie zuvor. Eine so überwältigte Freude bei allen, auf der Bühne und davor, alle komplett betäubt und euphorisiert. Als wisse tatsächlich plötzlich die ganze Welt, was sie diesem Mann schuldig ist, und als wäre die Welt überglücklich, es ihn wissen zu lassen. Das Feingefühl, mit dem Josh Homme Bowies Präsenz in die Musik von „Post Pop Depression“ eingearbeitet hat, abwesende Freunde sind anwesend heute nacht, „China Girl“ wie ein ergreifender Salut. „David’s friendship was the light of my life. I never met such a brilliant person. He was the best there is.“ – Iggy Pop 11:00 AM – 11 Jan 2016.

„FUUUUCK! BLESS YOU!“, „WHOU! WHOU! FUCKING HELL!“, er winkt jeder einzelnen Seele zu, vor „Funtime“ läßt er Boxen näher an das Publikum schieben, damit er springen kann. Bei „Fall In Love With Me“ teilt er das Meer und wandert durch den ganzen Saal. Michael Ruff, 1987: „Für Iggy Pop sind Konzerte in Hamburg seit jeher ein Heimspiel – unvergessen die kaum zu kontrollierende Begeisterung bei seinem ersten Hamburg-Auftritt vor zehn Jahren.“ An diesem Abend kulminiert die gegenseitige Zuneigung in ganzer Schärfe, Schmerzlichkeit und Schönheit. He is the best there is.

Brust in Brand setzen, Instinkt, Verletzlichkeit, Scheitern, Würde, childlike flashes of excitement, Triumphieren on your own terms. Seine Musik / sein Leben war immer eine Antwort auf die Frage, wie man mit der Welt koexistiert. Die ganze Geschichte des Iggy Pop gewährt einen Blick ins Wesen des Menschseins, für den ich endlos dankbar bin. Sagte ich endlos? Auf „Post Pop Depression“ sind Sterblichkeit und Endlichkeit nichts Unwirkliches mehr. Beliebter Schreibfehler hierzulande: „Zum Todlachen“. Das Todlachen, ich hörte es auch schon. Es klingt raffelnd, rasplig, geschrotet, dann schaumig. Dann so, als hätte er glühende Kohlen mit dem Löffel gefressen, dann wieder scharfkantig, gezackt, durchbohrend, Schnitzmesser spuckend. Manchmal abgearbeitet, schachmatt. Vaterlos, mutterlos, gottverlassen. Dann dieses Lachen, das an Jahren zunimmt, während er es lacht, bis es vergreist, vereist, zerklirrt. Zum Todlachen. Nein, ich gehe vorerst nicht dahin zurück. CALLING SISTER MIDNIGHT CAN YOU HEAR ME CALL CAN YOU HEAR ME WELL CAN YOU HEAR ME AT ALL.

Setlist

Lust For Life
Sister Midnight
American Valhalla
Sixteen
In The Lobby
Some Weird Sin
Funtime
Tonight
Sunday
German Days
Gardenia
Nightclubbing
The Passenger
China Girl

Encore:

Break Into Your Heart
Fall In Love With Me
Repo Man
Baby
Chocolate Drops
Paraguay
Success

„Mass Production“ was not played due to keyboard difficulties

„It’s endearing and almost childlike, just the way he looks at the world with those big eyes.“ – Nina Alu, 2003

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Musik

Queens of the Stone Age, Berlin Zitadelle 22-06-13

Queens of the Stone Age, Zitadelle Berlin 22. Juni 2013.

Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, erscheint am Nachthimmel ein sensationeller Vollmond. Der schwebt über der Renaissancefestung, als wolle er unbedingt in Spuckdistanz zur Größe bleiben. So war es 2010, und so ist es in dieser Nacht, in der Josh Homme sagt, daß Schluß ist, wenn Josh Homme sagt, daß Schluß ist. Und jedes Mal sagt Josh: Look at that moon. Eine reine Kausalkette. Vor „…Like Clockwork“ erklärt er: „We’ve been to a lot of places all over the world, this is one of my favourite places to play“, und man glaubt es ihm. „It’s such a beautiful night.“

Der Abend beginnt mit den Virginmarys, deren Sänger, er heißt Ally, euphorisch mitteilt, sie kämen aus Macclesfield, was, an Allys Akzent unschwer zu erkennen, nicht weit von Manchester entfernt ist. Ein echter Maxonian würde mir dafür natürlich einen Möbelladen auf den Kopf hauen. Das Trio klingt angenehm schmutzig, passend zum Staub, der sich in der Zitadelle auf die Schuhe legt.

Chris Goss, Masters of Reality, Zitadelle Berlin 2013.

Dann wollen wir niederknien, denn nun kommt der legendäre Chris Goss. Die Masters of Reality und die Queens of the Stone Age an einem Abend sehen zu dürfen, das ist so, als ob einem Hardcore-Katholiken das Papamobil über die Füße fährt. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: wenn die Queens of the Stone Age in der Berliner Zitadelle spielen, ist Dave Catching auch da. Irgendwie. 2010 ging er mit sanftem Lächeln, ein Rucksäckchen auf dem Rücken, an uns vorbei den Weg zur Zitadelle hoch, als wir auf den Einlaß warteten, wurde dann aber nur noch in den Kulissen gesehen, wie er Photos machte von Alain Johannes und den Steinzeitköniginnen. Auch schön. Viel besser aber: nunmehr mit Hut und ZZ Top-Bart ausgestattet an der Gitarre bei den Masters of Reality. Als Intro gibt eine roboterhafte Stimme geschlagene 5 Minuten lang kryptische Outer Space-Mitteilungen von sich, und man hat an sich schon den Verstand verloren. Dann kommt Catching, und dann ER. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, Satanistenbart, der Anton La Vey der Stromgitarre, der Godfather des out of whack Rock, ultracool, bad-ass, imposant, zuckersüß: „Hello children, how are you?“ John Leamy Schlagzeug, Paul Powell Bass, Mathias Schneeberger Keyboards. Tilt-a-Whirl / Swingeroo Joe, Third Man On The Moon, High Noon Amsterdam, Domino, Deep In The Hole, Doraldina’s Prophecies und Zeugs. Außerdem hebt Goss sein Glas darauf, daß „… Like Clockwork“ umgehend auf # 1 der Billboard 200 Chart geschossen ist: „That’s how you do it, Baby.“

Birgit Fuß schreibt in ihrer Besprechung von „…Like Clockwork“ über Josh Homme: wenn seine Alben nach 45 Minuten zu Ende sind, sitzt man immer verdutzt da. Verdutzte Birgit sitzt hübsch im Je ne sais quoi: „Das Faszinierende an Josh Hommes Musik war schon immer, dass man nie genau weiß, was er da eigentlich macht.“ Eine „kaleidoskopische Wundertüte, unfassbar und unberechenbar“, in der sie unter anderem „zappeligen Surrealismus“ erkennt. Einem Rezensenten bei amazon fällt für die Musik der Queens of the Stone Age ein Gleichnis ein: das edelste Hotel am Platz, aber mit halsbrecherischer Drehtür.

„… Like Clockwork“ ist, wie ja nun bekannt, „die Audio-Dokumentation eines manischen Jahres“ (JH) und überhaupt all der Wirren und Tiefschläge seit „Era Vulgaris“, diesem Ungeheuer, das komplex ist sexy zischt. Nach extensivem Touren bis zum Sommer 2008 folgt down time für QOTSA; Josh Homme reaktiviert die Supergroup-Idee mit Dave Grohl und John Paul Jones als Them Crooked Vultures für Album und Tour, Troy van Leeuwen gründet (mit seiner hinreißenden Herzensdame Serrina Sims) Sweethead, Michael Shuman die Mini Mansions, Joey Castillo schließt sich den Eagles of Death Metal an, Dean Fertita kommt bei Jack Whites The Dead Weather unter.

Die Erschütterungen beginnen mit dem Tod von Natasha Shneider im Juli 2008. Zwar geben QOTSA auch 2010 und 2011 Konzerte im Zuge der Neu-Editionen von „Rated R“ und des Debutalbums von 1998, aber der Schnitter bittet nochmals zum Stelldichein. Eine Knie-Operation, ein Herzstillstand im Oktober 2010. Josh Homme ist kurzzeitig tot. „I woke up and there was a doctor going, ‚Shit, we lost you.‘ I couldn’t get up for four months. When I did, I hadn’t got a clue what was going on.“

Dunkelheit breitet sich aus, Homme versinkt in tiefe Depression. „I would never say, ‚I’m probably not gonna make it out of here.‘ But back then, I would definitely think it.“ Das Gefühl, ein Teil von ihm ist noch nicht wieder anwesend, verschiebt alle Wahrnehmungen.

Van Leeuwen, Castillo, Shuman und Fertita ermutigen Homme, zur Band zurückzukehren und ein sechstes Studioalbum in Angriff zu nehmen, aber der Weg führt durch dichten Nebel: „I had to ask them, ‚If you want to make a record with me right now, in the state I’m in, come into the fog. It’s the only chance you got.‘ It brought us much closer, because you never really know someone till everything goes wrong.“

Der erste Song, den Josh Homme aus dem Dunkel holt, ist „The Vampire Of Time And Memory“: „I hated it. I thought, ‚Who wants to hear this?‘ Then Brody reminded me, ‚Who fucking cares?‘ You got to start somewhere and the bottom can be a really great place.“

Die Genesis von „… Like Clockwork“ bleibt jedoch, vorsichtig ausgedrückt, schwierig; der ironische Albumtitel verweist auf Schiefgehen wie geschmiert.  Während der Aufnahmen kommt es zur abrupten Trennung von Joey Castillo. Gründe liegen noch im Dunkeln. Dean Fertita: „Yeah, we were maybe about a third of the way in, so there was still a lot of work to do. That was an emotional thing for us – we love Joey to death.“

Mit den Konzerten von 2011 hatte Homme versucht, Muse und Mission wiederzufinden: „I really wanted to make almost like a trance blues James Brown record, but that just wasn’t there for me. I was hoping that playing the first record would really inspire me and make me fall in love with music again. But I think I was just lost, looking for something in the dark. In that dark I found this record.“

„But in all honesty, the last couple of years of failure and anguish have been the best thing to ever happen to me. It gave me a chance to figure out what’s really important to me.“

„The undercurrent of the record is just be honest, and if something is scary, walk toward it, not away from it. There’s no other way I could have said any of what it says.“

„… Like Clockwork“ kann sich anfühlen wie ein dunkles Labyrinth. Was zählt, ist, daß man sich bewegt im Labyrinth. Eines der Newtonschen Grundgesetze der Bewegung lautet: safety equals death. Und was die „Dunkelheit“ betrifft: Troy van Leeuwen, nicht nur der bestangezogenste Gitarrist des Planeten, fand eine Parallele in da Vincis berühmtester Tat: „We went to the Louvre the other day and none of us had ever seen the Mona Lisa. There was a huge crowd around it and the tour guide was saying that the sort of smile she has depends on your mood: if you’re in a good mood, you see her mouth curling up, but if you’re in a bad mood, it turns down. That’s the way we see our record: some people think it’s dark and others think it isn’t. I welcome that; that’s what art is about. But to us, [the album is] a reflection of trying to say something that’s really difficult, and turning and facing it…“

Tiefgreifende Verunsicherung schließlich doch umzuschmelzen in ein rätselhaftes Meisterwerk, das ist Alchemie.

Queens of the Stone Age, Ticket Zitadelle Berlin 2013.

Wir stehen vorne links, kurz vor Troy. Mit explodierendem Glas auf der LED-Wand geht es ins wundertütische Kaleidoskop: „Keep Your Eyes Peeled“, das erste Stück von „… Like Clockwork“, das so tut, als wäre hier alles creepy as hell. „Can one so lost be found“, singt Josh. Aber er ist schon mit einem Lächeln auf die Bühne gekommen, mit den ersten Takten von „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ schießen die Flüssigkeiten aus allen Bechern, bei keiner anderen Band, so die Gazetten am Tag danach, kommt der Mob so schnell von Null auf Hundert, und nach dem Break von „No One Knows“, als nur Shumans Bass zu hören ist, zeigt Homme auf seinen Arm: „You’re makin‘ the hairs on my arms stand up straight!“ Nach dem Song gelingt ihm ein nahezu perfektes ö in „Dankeschön!“ Nagelneues wie „My God Is The Sun“ wird bejubelt wie Rückkehr des Königs. „Burn The Witch“, „Sick, Sick, Sick“ und „First It Giveth“, bis sich das Gehirn im Schädel dreht. Als man sich gerade fühlt wie eine in Blut ersoffene Fledermaus, wird das Piano für Josh zurechtgerückt: „The Vampire Of Time And Memory“. Intimer Moment und vier Minuten panoramisches Bewußtsein über das Scheißglück, daß wir alle noch da sind und hier sind.

Dann folgt, was Josh Homme zur Tanznummer erklärt. Damit meint er Sachen wie das allen sittlichen Halt zerstörende „Misfit Love“ oder, heute, „Turnin‘ On The Screw“. „If I Had A Tail“ mit THE END IS REALLY FUCKING NIGH-Clip im Hintergrund, der Gassenhauer „Little Sister“, immer noch ein bißchen heißgeliebter als gedacht. „I Sat By The Ocean“ („Silence is closer / We’re passing ships in the night / Closer and closer / We’re crashing ships in the night“), das 4 Sekunden lang wie Blurs „Coffee & TV“ klingt, bis die Slidegitarre des Betrunkenen Roboters bestätigt, daß die Queens of the Stone Age wie niemand sonst klingen. Der Song, nach dem David Letterman in seiner Late Show sagte: „Holy crap, that was great.“ Michael Shumans Bass so delicious.

Als das Volk beim lasziven Geschlängel von „Make It Wit Chu“ den Refrain anstimmt, teilt Homme die Menge ein: „Just the Ladies, let me hear you Ladies!“ Als die Mädels ihm ihr „I wanna make it, I wanna make it wit chu!“ im Chor dargebracht haben, was sonst als: „I feel the same goddamn way, I gotta tell you.“ Und als er die Jungs zum Esmitihmmachenwollenchor animiert hat, breitet er die Arme aus: „Today is Gay Pride Day.“ Er testet nochmal den Wohlfühlpegel, die Menge antwortet als Flammenmeer, abgesehen von einem Mädchen, das, wie er amüsiert feststellt, so „uhmmm“ geschaut habe gerade. „I Think I Lost My Headache“ kündigt er daher an mit: „This song goes out to the one girl who can’t stand us.“  Entführung in eeriness mit „A Song For The Deaf“ und schließlich ein episches, fast zehnmütiges „I Appear Missing“. Als Zugabe zunächst „… Like Clockwork“ – Zweifel und Introspektion, die Muse nachdenklich, Ginger Elvis in Verlorenheit und Verletzlichkeit, der Song, der den shift des neuen Albums zusammenfaßt.

Es ist 22:54 und Josh Homme klärt die Verhältnisse: „They told us we have to stop playing but fuck that shit, man. It’s you and us, fuck everybody else, man. We’re done when I say we’re done.“ Und los geht’s mit „A Song For The Dead“.

Boneface, der junge englische Künstler, der für das Artwork rund um „… Like Clockwork“ (das Albumcover dürfte von Bela Lugosis 1931er-Dracula inspiriert sein) verantwortlich ist, zusammen mit Liam Brazier auch für die Alptraumlogik der animated short films, hat zweifellos das große Los gezogen, als Josh Homme ihn zu kontaktieren wünschte. Was auch während des gesamten Konzerts auf der LED-Wand abläuft, ist durchweg phantastisch. Aber der endlose Schwarm schwarzer Vögel, der von der LED-Wand auf uns zufliegt, zu diesem Song, ist einfach nur noch mind-blowing.

Summa summarum ekstatische Stimmung, und die Band hocherfreut darüber, Gänsehaut auf beiden Seiten. My favourite Wackelclip: der Beginn von „A Song For The Dead“. Die Kamera, die sich aus Seitenlage zurechtkippt, als wäre auch The Ever Watchful Eye außer Kontrolle, das Mädchenkreischen von 0:05 – 0:07, das ganze Inferno als -> 33-Sekunden-Geniestreich.

[Edit: ich schrieb dies im Juni 2013 für Antirat; 2021 taucht plötzlich dieser Mitschnitt von 6 Songs auf, „an incomplete, unedited wide shot perspective“ aus der Konzertphase vor Sonnenuntergang, für den Film „Lo Sound Desert“ von Joerg Steineck.]

Auf theskinny.co.uk hat Josh Homme angedeutet,

…that another Queens album might arrive sooner than we think, referencing the dark before the dawn of Iggy Pop’s first two ‚Berlin period‘ solo albums, written, recorded and released in swift succession within the same year. „Part of me thinks it would be great if this was the point-counterpoint that The Idiot and Lust For Life are, y’know? I love those records so much; they came out in a quick period of time. The Idiot is very dark and Lust For Life is sorta like ‚Tah-daaah‘. I would love to answer this album with a ‚Tah-dah!‘ at some point.“

„Turns out waiting around for something to change is the wrong way to change.“

„The real man pushes himself and is totally vulnerable.“

„If it’s really easy, it’s not worth it. My grandpa used to say, ‚Life is hard because it’s worth it.‘ It’s simplifying it but it’s fucking true. The struggle is just how far you’re willing to go to chase fucking vapour.“

„I’m gonna bleed for this shit until all the blood’s gone“.

Josh Homme

Verlauf der Soirée:

Keep Your Eyes Peeled
You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire
No One Knows
My God Is The Sun
Burn The Witch
Sick, Sick, Sick
First It Giveth
The Vampyre Of Time And Memory
Turnin‘ On The Screw
If I Had A Tail
Little Sister
I Sat By The Ocean
Make It Wit Chu
I Think I Lost My Headache
A Song For The Deaf
I Appear Missing

… Like Clockwork
A Song For The Dead

craveonline.com → „…Like Clockwork“:

[…] as the distant sounds of crashing glass grow closer in the first moments of the new Queens of the Stone Age album …Like Clockwork, that anxiety of uncertainty returns. An anticipatory snake of cold, ominous awe weaves through you as the nightmare carousel grinds back into motion.

More real, raw and direct than ever before in both production and composition, …Like Clockwork […] is the long-awaited studio return of Joshua Homme, Troy Van Leeuwen, Michael Shuman and Dean Fertita, alongside a trio of drummers – beloved departing slugger Joey Castillo, returning extended-family member Dave Grohl, and newest member Jon Theodore of The Mars Volta […] While 2007’s Era Vulgaris was a razor-sharp whipcrack in a vortex of cool, beyond the signature sexual chocolate, …Like Clockwork is a trip of honest fragility bleeding through deeply layered textures and harmonies, a pendular swing volleying between forlorn vulnerability and fire-christened renewal. The much-discussed „no trick at all“ approach to QOTSA’s typically enigmatic haunt is far more an autobiographical narrative lean than a lack of sonic trap doors.

This is not a free-balling drunk-robot sequel to Songs For The Deaf a decade later, a high-velocity ride packed with a cocksman’s banquet of caricaturized drunken narrators. The guests aren’t paraded out in traditional cameo-spotlight fashion; there are no „take it away Elton!“ moments. Yes, Queens finally have their true queen in Elton John, but the glitter-shitting rolodex of contributors on the album is a gathering of threads weaving through a tapestry, rather than ropes of highlighted selling-point rock embroidery. When a new voice rises from the collective, before an impact of presence can be established they step back into the mix, joining the chorus of the great pirate ship once more. You’ll give yourself whiplash turning to the speaker when Trent Reznor’s voice rips through the bass-driven fabric on „Kalopsia,“ but before you can lock in he’s gone. Later, near the end of the magnificently cutting „Fairweather Friends,“ the same happens with Mark Lanegan – and it’s damned delicious.

Barbed with uptempo hooks and a guitar line so perfectly addictive, „I Sat By The Ocean“ is an inevitable radio smash, which in a merciful world will offer the FM dial some relief from the relentless „Little Sister“ and „No One Knows“ rotation. Crisp, bright production makes this a guaranteed home run, but as the sunshine enema really starts to sink in, the lyrical veil is pulled and we realize we’re inside a Rock ’n‘ Roll confessional with an impaled heart. This carries dramatically into „The Vampyre of Time and Memory,“ and calling it a reflection of recent well-publicized developments in the desert family doesn’t seem a stretch […] The presence of pain is evident. Joshua seems downright despondent, warier than ever and ready to give up the ghost, over a pensive piano line: „I want God to come and take me home / ’cause I’m all alone in this crowd / Who are you to me? Who am I supposed to be? Not exactly sure, anymore.“ The hopelessness is jarring, an unsettling departure from the signature wisecracking swagger we’re so accustomed to. „Aint no confusion here, it is as I feared / The illusion that you feel is real,“ he sings in a doubled, delicate vocal. A lonely guitar solo flies briefly after the first verse, expressing a bilious, desolate sadness. „Does anyone ever get this right? I feel no love.“

Like the breaking rays of dawn, a loop of rising chimes at the onset of „If I Had a Tail“ is a warm wave of revitalizing energy, kicking into a subdued-funk Stones groove with a popped collar that flies even closer to Keef in the guitar solo. Sexy, sardonic and shameless, this is a ride in the kind of car Daddy never wants to see pull in the driveway to pick up his girl – because she’ll be walking differently when she gets back.

[…] Our first taste of new material after a six year absence, „My God Is The Sun“ is the clearest connecting thread to where the band left off, on the gloriously labyrinthian „The Fun Machine Took a Shit and Died.“ Dangerously careening, complicated and as epic as the arrival of giant warlord aliens riding rabid elephants, it’s a full flex of the gargantuan velocity the band is capable of – a testament to how hard each member works to push their own envelope. The synaptic tangle burns away to reveal double-barreled good-riddance scorn in „Fairweather Friends,“ a gorgeously finger-pointing fuck you that minces no words in a diagnosis of damnation. The body moves independently when Elton pounds the keys, a rhythmic recall of the dearly departed Natasha Shneider, as swarms of Lanegan, Reznor, the visiting piano-rock legend and more flow in a thick, bubbling choral-vocal undercurrent.

[…] New stickman Jon Theodore is featured only on the title track, a sparsely piano-driven, mourning heartbreaker that ends the album on the most somber, discouraging note possible: „It’s all downhill from here.“ As we find ourselves on the far banks of the most difficult era of Queens of The Stone Age’s existence, the spilled blood still drying, new hope springs from Homme taking off the mask and showing what’s beneath the leather. While the tone of the album’s exit is ominous, these are the sounds of fighting demons in real time – honest struggle and catharsis alchemized and tantalized by the most revered gang in Rock.

Josh was right – the best trick of all truly is no trick at all.

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Musik

Jeordie White Bass Pick

Jeordie White (Twiggy Ramirez) Bass Pick. Nine Inch Nails, Columbiahalle Berlin, 24.03.2007.

Nine Inch Nails, Columbiahalle Berlin, 24.03.2007.

Trent Reznor, Aaron North, Jeordie White (Twiggy Ramirez), Alessandro Cortini, Josh Freese.

Jeordie White, Nine Inch Nails.
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Musik

Sharin Foo hievt Merch

Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.

SPIEGEL ONLINE Forum 

04.09.2007 

jot-we:

Aaaaah, Raveonettes! Eine bemerkenswerte Band und allerherrlichstes Gequietsche! Bekannte Töne, klar, aber während sich andere Retro-Bands klagsam dem „No-Future“-Gebot fügen, werden bei den Raveonettes die überkommenen Elemente doch eher cool zelebriert als lustvoll ausgelebt…

Christian Erdmann:

Aus dem Lumpenproletariat erheben sich aber Stimmen, die sagen, das coole Zelebrieren wird lustvoll ausgelebt. Sie werden oft mit The Jesus & Mary Chain verglichen, aber erstens fehlte denen das Leader of the Pack-Element und zweitens die Frau. Genosse Vorsitzender der Akustischen Kommission, ich muß Ihnen Bericht erstatten: ich sympathisiere mit allen Richtungen, in die sich The Raveonettes bewegen, aber zu der Sextheorienentfaltung über B-flat minor auf „Whip It On“ werde ich auch in 27 Jahren noch überm Matschkäsekuchen selig lächeln.

Sharin Foo, Sune Rose Wagner in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo, Sune Rose Wagner in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.

27.11.2008

Christian Erdmann:

Interessant ist aber, daß die Raveonettes „Lust Lust Lust“ ohnehin so klingen lassen, als käme sie aus guten Gründen aus dem Nebenzimmer. Und wenn sie wirklich mal aus dem Nebenzimmer kommt, ist man zwei Räume höher. Innenarchitektonisches Rätsel, die Platte.

Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.

02.12.2008

Christian Erdmann:

Eigentlich ist „Lust Lust Lust“ immer noch eins meiner Alben dieses Jahres, aber die zweiköpfige Sexmaschine aus Kopenhagen / USA hält nicht viel von fauler Haut und reicht eine Handvoll Digital-EPs nach. Jeder Song der Raveonettes variiert alles, was David Lynch je im Rock ’n‘ Roll zu suchen hatte.

07.12.2009 

Volker Paul:

Wie war das Konzert?

Christian Erdmann:

Konzert war hyggelig psychedelisch, und ich hab ein Autogramm von Sharin Foo.

Genaugenommen bin ich auch noch in sie reingeschubbert, als ich mich direkt nach dem Konzert im engen, dunklen Garderobengang irgendwie komisch umdrehte, und sie gerade zum Merch-Stand eilte. Vor dem Konzert sahen wir, wie sie die Merch-Kisten höchstdarselbst auf den Tisch hievte. Die Wikingerfrau ist ja gewohnt, alles selbst zu machen, seit sie Erik verabschiedete mit „Und wenn du an so ein Gebäude mit gekreuzten Stäben obendrauf kommst, bring einen Leuchter mit.“ 

Volker Paul:

Wie bekommst Du das nur immer hin, dass Du gleich irgendwie in Kontakt mit diesen Typen kommst? Sieht Sharin Foo in echt auch so kühl, blond und aufregend aus wie auf den Fotos?

Christian Erdmann:

Also daß sie mich da im Korridor elektrisch auflud, war ja reiner Zufall, und am Merch-Stand war sie zwar sehr blond und aufregend, wirkte aber sehr zugänglich, also kaufte ich eine 7″ von ihr und nahm all meinen Schuljungen-Mut zusammen, „Would you sign it?“

Trotz Zugänglichkeit – sie hat Augen, daß du in Nullkommanichts zu einem beschleunigten System wirst und aufpassen mußt, daß du dich nicht einfach in deine Atome auflöst. Unwirklicher Scheiß, das Leben. 

Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.
Sharin Foo in "Attack Of The Ghost Riders", Video by The Raveonettes.

21.02.2011

Christian Erdmann:

Die Raveonettes sind auch schon wieder da, kann wieder prima ein kleiner Dream Man aus einer dunklen Lynchfilmecke kommen und rückwärts dazu tanzen.

The Raveonettes, Sharin Foo, Sune Rose Wagner.
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Musik

Ryuichi Sakamoto

Ryuichi Sakamoto in "Furyo - Merry Christmas, Mr Lawrence" von Nagisa Oshima, 1983.
Ryuichi Sakamoto in "Furyo - Merry Christmas, Mr Lawrence" von Nagisa Oshima, 1983.

SPIEGEL ONLINE Forum

29.01.2010

Christian Erdmann:

… Tanizakis Konzept japanischer Ästhetik, die beinhaltet, daß Schönheit nicht in den Objekten selbst zu suchen sei, sondern zwischen ihnen, im Helldunkel, im Schattenspiel; im nicht restlos Ausgeleuchteten, im Indirekten und Angedeuteten; …

KLMO:

Habe gerade auch das Büchlein von Tanizaki „Lob des Schattens“ gelesen. Dass hier die japanische Kultur eine größere Sensibilität gegenüber den westlichen Kulturen aufzuweisen hat, ist für mich eine neue Erkenntnis.

Christian Erdmann:

Hast Du das Gespräch von Gero von Boehm mit Ryuichi Sakamoto gesehen? Sehr interessant: von Boehm spricht Sakamoto auf den Film „Merry Christmas Mr Lawrence“ an. Britische Soldaten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf Java, 1942. Major Celliers, gespielt von David Bowie, gerät in eine hochkomplexe, erotisch aufgeladene Beziehung zum Kommandeur des Lagers, Yonoi, gespielt von Ryuichi Sakamoto, der ein strenges bis sadistisches Regiment walten läßt, aber auch deutlich als feinsinniger Mensch erkennbar ist, der gegen seine eigenen Neigungen kämpft. Lawrence ist der britische Colonel unter den Gefangenen, der in der hochangespannten Lage versucht, eine Brücke zwischen den Kulturen herzustellen, der Japanisch sprechende Vermittler, aber die Lage eskaliert, weil Yonoi, zerrissen zwischen seiner Faszination für Celliers (Tabu der Homosexualität in ultranationalistischem Kontext) und dem Druck, seiner Rolle entsprechen zu müssen, zunehmend die Selbstbeherrschung verliert, provoziert von Celliers, der ihn durchschaut. Als Yonoi einen dramatischen Aufmarsch aller Gefangenen inklusive der Schwerverwundeten befiehlt und ein letztes Mal Informationen einfordert, ist er kurz davor, dem Gefangenensprecher den Kopf abzuschlagen. In diesem Moment tritt Celliers hervor, geht auf Yonoi zu, und küßt ihn. Yonoi fällt in Ohnmacht, Celliers wird büßen.

Von Boehm bemerkt, daß der Regisseur Bernardo Bertolucci dies „die schönste Kußszene der Filmgeschichte“ nannte: „Weil es zwei Männer waren?“ Sakamoto: „Probably…“ – Ein sehr höfliche, japanische Art zu sagen: Blödsinn. Im nächsten Satz sagt Sakamoto dann, einer wie Bertolucci nehme „Dinge wahr, die andere nicht sehen“. Sakamotos Antwort hier, würde ich sagen, ist auch ein Beispiel für das Indirekte. :)

Empfehlung dazu: die drei Geschichten „Trennender Schatten“, „Die Saat und der Säer“ sowie „Das Schwert und die Puppe“ von Laurens van der Post, Original erschienen 1963, unter dem Sammeltitel „Das Schwert und die Puppe“ 1994 bei Diogenes erschienen. Van der Post stand in den 1930ern dem Bloomsbury Set nahe und war während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft selbst eine Art Mr Lawrence. Feinfühliger Versuch, die „japanische Seele“ zu ergründen, insgesamt ein Zeugnis für das Aufrechterhalten von Würde, Hoffnung und Verständnis under pressure, zumal in Zeiten der Eskalation kulturellen Mißverstehens.

KLMO:

Natürlich habe ich das Interview gesehen. Wie Sakamoto sein Freiheitsideal radikal umsetzte, hat mich am meisten fasziniert.

Schon als Kind bekennt er rigoros, dass er keinen Beruf anstrebe. Beruf heißt für ihn Bindung, Abhängigkeit – und das lehne er ab.

Dass der schon in der Kindheit mit solch einem Freiheitswillen durchdrungen war, ist allein schon ein Ausnahmephänomen. Er folgt und vertraut nur seiner eigenen Kreativität und wird dabei noch erfolgreich. Dabei auch interessant, dass er sich ungern in der Musik festlegen will und andererseits die chinesische Kultur und Musik eingehend studiert, um einer Filmmusik, die er komponiert, gerecht zu werden. Dabei bestach beim Interview immer wieder seine Gelassenheit ohne jeden Pathos.

Christian Erdmann:

„Es sind die kleinen Ziele, viele kleine Ziele.“ – Ein überaus sympathischer Mensch von stiller, beeindruckender Offenheit, fürwahr. Trotz Haßliebe zur chinesischen Kultur – „Und die chinesische Fünftonmusik mag ich sowieso nicht“ – die Essenz dieser Musik verstehen zu wollen: gerade wenn eine solche Haltung, übertragbar auf beliebige Zusammenhänge, so selbstverständlich wirkt wie bei ihm, wird einem deutlich, wie häufig man sie bitter vermißt. – Schön auch seine Antwort auf die Frage, was er in New York „hört“: den Sound von 1 Million Klimaanlagen.

Ryuichi Sakamoto, 1952 - 2023,

Ryuichi Sakamoto

17.01.1952 – 28.03.2023

R.I.P.

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Musik

The Damned

Dave Vanian, The Damned.

SPIEGEL ONLINE Forum, 17.09.2008

Kleine Tour durchs Reich der Verdammten. Es muß mal gesagt werden. The Damned haben 1985-1986 mit „Phantasmagoria“ und „Anything“ zwei Platten gemacht (und dazwischen „Eloise“), die so klingen, als hätte die Tochter von Bela Lugosi und Maila Nurmi Dave Vanian gezwungen, die besten Songs aller Zeiten zu schreiben, andernfalls sie ihn wie Turandot ihre Freier köpfen lasse. Vanian tat sein Bestes, und für Sachen wie „Sanctum Sanctorum“ oder „The Portrait“ wäre gar Lord Byron nochmal angerannt gekommen, wäre er nicht mit dem Luziferfuß umgeknickt. Dave Vanian hat zweifelsohne eine phantastische Stimme.

„Oh yeah, he’s quite a strong bloke old Dave. He actually really used to be a grave digger. He really lives the lifestyle. I know it sounds weird but he really is into it. The whole lifestyle, the motorbikes, the ex-grave digger bit and all that stuff. I like the bloke a lot, he’s a bit of an enigma. I think he’s tinged with madness. I really think he is, because of the twenty years I’ve known him he’s never changed and he’s always backed up whatever he said. Once I went round his house, he was living in a basement and he’d had a flood. I said “ ‚ello Dave how’s it going “ – He said „The drains have flooded, can you help me get this carpet out“. Actual sewage had come up through the drains and it wasn’t very pleasant. We got the carpet out and I said „What’s that under there then, that’s a pentagram. Is that like satanic stuff or what?“ And he says „It must have been put down by the previous owners of the flat“. Now does that ring true to you, the bloke sitting there dressed up as Dracula, with a hearse sitting outside the house and he’s telling me it must have been someone else who done the pentagram. I don’t think so, do you.“ – Captain Sensible

„We complement each other as songwriters, neither of us treading on each other’s toes. We both love 60s garage music and appreciate a bit of dark melancholy  … And the bloke is the best singer of his generation.“ – Captain Sensible 2019

Nicht seit dem Tag, an dem ich Antipapst wurde.

Hommage an Pink Floyd mit Syd Barrett + Hawkwind + Neu! + Ron Asheton +++, + ureigene The Damned-Perfektion. Und ja, das ist Dave Vanian.

Motörhead und The Damned, Konzert-Ticket Sporthalle Hamburg, 2014.

Dave Vanian Poster: hier

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Musik

The Damned, Hamburg, 07.03.2023

Und noch immer ist The Damned eine der unterschätztesten Bands des Planeten. Ja, The Damned war die erste Punk-Band, die im Vereinigten Königreich eine Single veröffentlichte („New Rose“, 22. Oktober 1976. Daniel Ash von Bauhaus: „The perfect single. Brilliant.“), aber wer sie auf „Punk“ reduziert, kann auch die Beatles auf „She Loves You“ reduzieren. Tatsächlich hat sich das Universum der Verdammten ähnlich atemberaubend ausgedehnt wie bei den Beatles, vielleicht in nicht ganz so rasanter Geschwindigkeit, aber die Liste ihrer Erfindungen ist lang, Psychpunk, Gothpunk, Progpunk, you name it.

Im Oktober 2019 baten The Damned ins Londoner Palladium zur „Night of a Thousand Vampires“, bei welcher Gelegenheit die Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison, Emily, erneut mit ihrer Violine bei „Curtain Call“ auf der Bühne erschien – und zwar exakt so goth, wie man sich eine Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison vorstellt. Bei aller schauderhaft schönen Theatralik machte dieser Abend die herausragende Virtuosität der Herren Vanian, Sensible & Co nochmals deutlich.

Ich besitze noch einen SPEX-Artikel, betitelt: „10 Jahre Damned oder Gröhl, gröhl, gröhl!“. Michael Ruff damals: „Ich muß da ganz subjektiv werden: Es ist so gut, daß es sie gibt.“ Einer der besten Sätze aus 100 Jahren SPEX. Bald heißt es „100 Jahre The Damned“ und natürlich macht ihre chaotische Brillanz keine Gefangenen, darum gilt für die Tatsache, daß wir es mit phantastischen Musikern, einem phantastischen Sänger und jederzeit phantastischen Songstrukturen zu tun haben: blink and you miss it.

Als Intro wählen die Beatles des Punk eine Version von „The Man With The Golden Arm“. Dave Vanian im feinen schwarzen Anzug, weißes Hemd, blutrote Manschettenknöpfe, schwarze Handschuhe, Sonnenbrille, The Invisible Man-Hut. Las vor einer Weile: wie kann jemand nur so dapper aussehen, der seit 500 Jahren kein Spiegelbild hat.

„Street Of Dreams“, „The Invisible Man“, „Wait For The Blackout“, „Lively Arts“, „Born To Kill“ dann annonciert Dave „We got a new album“, und sie spielen es fast zur Gänze, „exclusively on Reeperbahn!“, charmant gelogen natürlich, aber dann folgen tatsächlich 9 Songs von „Darkadelic“ am Stück.

Wir stehen in der ersten Reihe, 3 Armlängen vom Captain entfernt, da dreht sich einem schnell das Gehirn im Schädel. Madame hier gut zu erkennen am Poison Ivy-roten Haar, und als der Captain in unsere Richtung blickt und erklärt: „Nice looking audience actually… much prettier than in England“, meint er nicht mich. Women and Captains first.

The Damned pflegen liebenswerte Anarchie, schön zu sehen bei „Love Song“, als Dave Vanian aus ohnehin schon ironisch inszenierter klassischer Rockpose, der Captain und Paul Gray Schulter an Schulter, bizarres Slapstickgetümmel macht.

Der Abend besteht aus 100 Minuten ungebremster Spielfreude, als die Band zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommt, stehen die Herren länger als geplant ohne Gitarre und Bass da, Dave Vanian singt „Why are we waiting?“, Captain und Publikum beschließen ein „Wot!“-Impromptu, das für Entzücken auch beim Captain sorgt: „Vielen Danke, mein Damen, mein Herren!“ Bei „Eloise“ hat Paul Gray dann Probleme mit seinem Bass, der offenbar völlig verstimmt absäuft, Herr Gray kurzzeitig auch verstimmt, dafür hat er eine wunderbare Szene am Ende des neuen „The Invisible Man“-Videos: „You got the package?“ – „Just drive, fool!“ – „Charming“. Wer kennt das nicht.

„We’re cursed“, grinst der Captain, was schiefgehen kann, gehe schief, aber alles in the best of spirits, auch bei der Vorstellung des wieder mal in eine Art totenkopfübersäten Schlafanzug gekleideten Monty Oxymoron, Captain: „How did he end up in a punk band?“, Dave: „That’s a long story.“ Bei „Smash It Up“ noch Captain an Dave: „You’re in fine voice tonight!“, und es gibt noch ein zweites Zugabenset, ganz am Ende „New Rose“. Eine der besten Debut-Singles in allen Sonnensystemen. Is she really going out with him?

Bad Smartphone Pics:

The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.
The Damned, Grünspan Hamburg, 07.03.2023. Foto von Christian Erdmann.

A Night of a Thousand Vampires

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Musik

111 Lieblingsvideos [5]

111 Lieblingsvideos [5] von Christian Erdmann. Bild: "Lazarus", David Bowie.

089

Chuck Berry – You Never Can Tell

(„Pulp Fiction“, Quentin Tarantino)

1964 / 1994

090

Ladytron – International Dateline

2005

091

Sylvie Vartan – Irrésistiblement

1968

092

Garbage – Push It

1998

093

Oasis – Champagne Supernova

1996

094

Barry Ryan – Eloise

1968

095

Jane’s Addiction – Just Because

2003

096

Oasis – Go Let It Out

2000

097

Missing Persons – Destination Unknown

1982

098

David Bowie – I’m Afraid Of Americans

1997

099

The Who – Happy Jack

1966

100

Propaganda – Dr. Mabuse

1984

101

Gudrun Gut & Blixa Bargeld – Die Sonne

1995

The Cramps: Bikini Girls With Machine Guns.

102

The Cramps – Bikini Girls With Machine Guns

1990

Watch here

103

ABBA – Ring Ring

1973

104

Adriano Celentano (w/ Raffaella Carrà) – Prisencolinensinainciusol

1972 / 1974

105

Madonna – Frozen

1998

106

The Smashing Pumpkins – Disarm

1994

107

Rykarda Parasol – The Loneliest Girl In The World

2017

108

Christine Owman feat. Mark Lanegan – Familiar Act

2013

109

The Rolling Stones – Brown Sugar

1971

110

Iggy Pop – The Passenger

1977 / 2020

111

David Bowie – Lazarus

2016

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Musik

111 Lieblingsvideos [4]

111 Lieblingsvideos [4] von Christian Erdmann. Bild: Shirley Manson, Garbage.

067

The Raveonettes – That Great Love Sound

2003

068

Duran Duran – The Chauffeur

1982

069

Die Krupps – Nazis auf Speed

2013

070

Garbage – Milk

1995

071

Nine Inch Nails – We’re In This Together

1999

072

The Rolling Stones – Child Of The Moon

1968

073

Depeche Mode – Where’s The Revolution

2017

074

Rykarda Parasol – The Cloak Of Comedy

2013

075

The Yardbirds – Stroll On

(„Blow-Up“, Michelangelo Antonioni)

1966

076

Nico – I’m Not Sayin‘

1965

077

Garbage – No Gods No Masters

2021

078

A Perfect Circle – Judith

2000

079

Crime & The City Solution – Six Bells Chime

(„Der Himmel über Berlin“, Wim Wenders)

1987

080

St. Vincent – Pay Your Way In Pain

2021

081

Propaganda – Duel

1985

082

Blondie – The Hardest Part

1979

083

The Raveonettes – The Christmas Song

2004

084

Eurythmics – Love Is A Stranger

1982

085

Siouxsie & The Banshees – Face To Face

1992

086

Talk Talk – Such A Shame

1984

087

Lush – Nothing Natural

1991

088

Serge Gainsbourg & Brigitte Bardot – Bonnie And Clyde

1967

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Musik

Nick Cave & The Bad Seeds: Push The Sky Away

Nick Cave & The Bad Seeds: Push The Sky Away Cover.

Das Übernatürliche: die Religionsgeschichte kennt es als das Göttliche oder als Wunder, der Okkultismus kennt es als das Übersinnliche, die Filmwelt kennt es als Greta Garbo. Das, was wir das „Natürliche“ nennen, ist Teil eines Ganzen, das wir, würden wir es kennen, die „wirkliche Welt“ nennen dürften. „Übernatürlich“ wäre dann alles, was zwischen unserer „natürlichen“ Welt und dem Ende der „wirklichen“ Welt webt und lebt. Das Wunderwerk Push The Sky Away ist mit diesem Raum vertraut.

Das 15. Studioalbum der Bad Seeds ist das erste ohne Mick Harvey, und Nick Cave hat sich darauf besonnen, daß er seinen eigenen Eno hat, nämlich Warren Ellis. Ein Mann, der den Klang von fallendem Schnee kennt. Und Ellis sorgt als dominante Figur mit bewundernswertem Sinn für das präzis Diffuse, mit ätherischen und schemenhaften Klängen, mit seinen drones, mit unheimlichen Flötentönen, Orgelwellen und anderweltlichen loops ganz maßgeblich dafür, daß die Songs auf Push The Sky Away spukhaft heimgesucht werden; daß ein Hauch des Übernatürlichen über ihnen liegt.

Eine Textur, die Caves Lyrics auf diesem Werk virtuos komplementiert, in denen hinter dechiffrierbarer Aktion immer wieder ein ganz anderes Narrativ zu existieren scheint, oder, wenn man so will: ein Narrativ des Ganz Anderen.

The tree don't care what the little bird sings

Daß der Song, der das Album mit sinistrer Mattigkeit eröffnet, nicht „We Know Who You Are“ heißt, sondern WE NO WHO U R, Cave für den Titel die reduktionistische Schreibweise des Netzeitalters wählt, gab Anlaß, bei the little bird an Twitter zu denken. Schließlich hatte Cave ja auch erklärt, es fasziniere ihn, „how on the internet profoundly significant events, momentary fads and mystically-tinged absurdities sit side-by-side“; so fragen die Songs auch danach, „how we might recognise and assign weight to what’s genuinely important“. Vielleicht geht es um die Wirkkraft des Internet in WE NO WHO U R, vielleicht deuten Lyrics wie „We know who you are / We know where you live“ auf die Invasion der Privatsphäre durch die virtuelle Sphäre. Das Internet macht auch deshalb aus Menschen Furien, weil scheinbar allen alles offen liegt. Tatsächlich irren wir im Internet auch nur durch einen dunklen Wald.

Würde Clara WE NO WHO U R hören, es käme ihr ganz anderes in den Sinn.

Von Friedrich Schelling gibt es ein relativ unbekanntes Fragment namens „Clara. Über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt“. Verfaßt wohl recht unmittelbar nach Caroline Schellings Tod im Jahre 1809, wendet sich das philosophische Gespräch Clara den Dingen einer anderen Welt zu, um festzustellen: die andere Welt beginnt in dieser Welt, und diese Welt ist immer auch eine andere.

Clara, die Protagonistin, ist erfüllt von dem „Gefühl eines namenlosen Schrecklichen in der Natur“, von dem sie sich „mit schauerlicher Lust bald vielleicht angezogen, bald wieder abgestoßen“ fühlt. Betrachtung der Natur ist für Clara mit Grauen verbunden. Es grause ihr davor, wie in der Natur „alles Bezug hat auf den Menschen“. Die Natur scheine ein „geheimes verzehrendes Gift“ in sich zu haben, und würde nicht diesen „Schauern der Natur“ eine andere Macht in ihr das Gleichgewicht halten, sie müßte schier vergehen im Gedanken an „dies ewig ringende, nie seiende Sein“.

Clara fühlt, daß dieses Andere beständig auf sie übergreift, beständig eine Grenze zu überschreiten sucht, und das Wort vom ringenden, aber nie seienden Sein spricht als das Schreckliche der Natur nicht das Undurchdringliche ihrer Beschaffenheit an; es handelt sich vielmehr um die Ahnung, daß etwas in der Natur um eine andere Beschaffenheit ringt.

Der Zusammenhang des Menschen mit der Natur, den Clara einen „magischen“ nennen wird, werde wesentlich davon bestimmt, „wie viel von dieser Sinnenwelt selbst ganz Unsinnliches ist“.

Vielleicht sei dieses Unsinnliche ein unterschwelliges Aufbegehren der Natur gegen die unaufhörliche Gewalt des Todes, die in ihr herrscht. Vielleicht sehne sich die Natur danach, „von der Vergänglichkeit erlöst zu werden. Eben dies, daß nichts dauert, diese innere Notwendigkeit, nach der endlich alles zerstört wird, und die nur um so gräßlicher ist, je stiller sie ist, eben diese ist das Ängstigende in der Natur.“

Der Mensch als körperlich-geistiges Wesen ist Berührungs- und Übergangspunkt zweier Welten, und das namenlose Schreckliche in der Natur ist ihr Bestreben, diesen Übergangspunkt zu erreichen. Das Sein ist deshalb nie einfach seiend, weil eine strebende Macht in der Natur gleichsam ihrer Vorhut nacheilt, dem Menschen.

Als ob die Natur „wisse“, daß sie vor der Gegenwart des Menschen einen Abgrund von Vergangenheit darstellt, versucht sie im Menschen ihre eigene Zukunft zu erreichen. Sie scheint ihn mit stummem Seufzen anzuklagen oder stürzt sich auf ihn, richtet ihre Pfeile auf ihn, verschlingt ihn, sie verwüstet und vernichtet. Die eingeschlossene Kraft in der Natur, die sich „zu entwickeln bereit war“, so empfindet es Clara, teilt sich mit, weil sie, als noch bewußtloser, aber werdender Geist, ihr Potential zu entfalten sucht; alles an ihr sucht den Menschen und will sich seiner bemächtigen.

Darum also sehen die Dinge so aus, als ob sie bereit wären, „noch ganz andere Lebenszeichen von sich zu geben als die jetzt bekannten“. Das „Schreckliche“ ist das Maß ihrer Regung als Freiheitsdrang, die freie Reaktion der Dinge auf ihre Unfreiheit. Das Schreckliche ist Reaktion eines Innen auf ein Innen im Außen.

The trees will stand like pleading hands
We go down with the dew in the morning light

Nick Cave tat kund, zentrales Thema von „Push The Sky Away“ sei „the tension between the male and the female“. Aber, sagt Clara, es geht auch um das namenlose Schreckliche in der Natur und seine Interaktion mit dem Menschen. The trees all stand like pleading hands. Natur als Hieroglyphe für Geist, für das Eingeschlossensein einer sich gleichwohl regenden Freiheit. 

WE NO WHO U R: im Video (Regie: Gaspar Noé)

folgen wir einem Schatten durch einen spärlich und unheimlich angeleuchteten Wald. Nichts geschieht. Grauen angedeutet, nichts explizit. Wir wissen nichts, nur, daß etwas Schreckliches geschehen ist, geschehen wird, geschehen muß. Daß wir ein Potential durchschreiten, das sich unserer zu bemächtigen sucht. Wer ist das „Wir“, das sich mit dem Morgentau auf die Welt senkt? Wer weiß im „We know who you are“, und was? Gespenstisch und sphärisch die Klänge, eine weibliche Stimme begleitet Cave durch seine ernste Ergebenheit wie in frühen Leonard Cohen-Songs, aus dem Nichts schwirren fragile, melancholische Flötenklänge heran, all das kündet von schwelender Bedrohung und ist doch von seltsam verzauberter Schönheit, Caves Stimme auf unbegreifliche Weise tröstlich, zu Beginn dieser intensiven Kommunikation zwischen Mensch und Mächten namens Push The Sky Away. Vielleicht spricht hier irgendwas mit einer kosmischen Stimme, vielleicht brütet irgendwas auf Rache, vielleicht begegnen wir auch einer Natur, die im Sinne Claras an Schönheit teilhaben möchte, es aber noch nicht kann („Tree don’t care what the little bird sings“), vielleicht ist die eingeschlossene Kraft in der Natur aber auch Erlösung. There is no need to forgive.

Bald werden uns die Bäume noch viel fremdere Zeichen geben, als Clara jemals ahnen konnte.

You wave at the sky with wide lovely eyes

WIDE LOVELY EYES klingt wie ein herzergreifendes, zärtliches Liebeslied, aber wide lovely eyes sind das, was jemand an einer Frau erkennt, die er aus der Ferne beobachtet: „And me at the high window watching“. Meerjungfrauen hängen mit ihrem Haar von Straßenlaternen, aber vielleicht gehören die auch zum Inventar des sicher Brighton-inspirierten „dismantled funfair“, den die Frau ebenso durchwandert wie einen Tunnel, der ans Meer führt. Und dort löst sie ihre Schnürbänder, arrangiert sorgfältig ihre Schuhe auf den Kieselsteinen und steigt ins Wasser, möglicherweise für immer („You wave and wave with wide lovely eyes / Distant waves and waves of distant love / You wave and say goodbye“). Aber war sie nicht schon immer im Verbund mit den Elementen? Wie sonst könnte sie dem Himmel zuwinken? Und wie sonst könnte der Himmel es verstehen, dieses Winken with wide lovely eyes, wenn er nicht, wie Clara es ausdrückt, Bezug hätte auf den Menschen?

Gehören die crystal waves und die waves of blue dem Meer oder den Augen der Frau?

„The night expands / I am expanding“: der magische Zusammenhang des Menschen mit der Natur, im vom Nick Cave abgestempelten Lyricsheet gar ohne /. Die zurückhaltende Gitarre, strummed throughout, schürt Spannung und klingt wie ablaufende Zeit. Und der Refrain klingt wie Wellen, unendlich sanfte Wellen.

All of you young girls where do you hide?
Down by the water and the restless tide

Das Wasserthema, bzw. das Thema Frau & Wasser, setzt sich fort in WATER’S EDGE. Mädchen kommen aus der Großstadt, um die local boys mit erblühender Laszivität um den Verstand zu bringen, nicht irgendwo, sondern on the water’s edge. Way down where the stones meet the sea. Rastlos pulsierender, voluminöser Bass und ominöse, mysteriöse Viola, dunkel und bedrohlich anschwellend, wie Wellen, die an den Strand schlagen. Die Mädchen with white strings flowing from their ears, vermutlich iPod, und a bible of tricks they do with their legs, aber alles in geisterhafter Atmosphäre, aus Caves voyeuristischer Perspektive. Vom will of love zum thrill of love zum chill of love: Warnung, während die Violinen ängstlich werden. Übergangsritus, erotisches Spiel mit dem Feuer, das Suchen nach einer Sprache, am Ende – auch wenn der Bass throb immer nur so tut, als käme gleich die Detonation – Bilder, die eine rape scene andeuten könnten, vielleicht kennt sich der Beobachter auch nur zu gut aus mit beflecktem Eros.

Dem a girl named Bee ausgeliefert war. Thema einer Schiffsladung von Nick Cave-Songs ist, daß Frauen zur Obsession werden können. Thema vieler Nick-Cave-Songs ist, daß es nicht immer ein gutes Ende nimmt. JUBILEE STREET spielt nach dem Mord an einer Prostituierten, aus der Perspektive eines Freiers, wohl des Mörders, der vom Red Light District, in dem Bee „a 10 ton catastrophe on a 60 pound chain“ anzog, nicht loskommt. Während die Akkordfolge des Songs immer intensiver wird, bewegt sich der Mann, dessen Name auf jeder Seite ihres kleinen schwarzen Buches stand, zwischen Scham und Euphorie, schließlich in eine übernatürliche Transformation: „I am alone now. I am beyond recriminations. The curtains are shut. The furniture is gone. I’m transforming. I’m vibrating. I’m glowing. I’m flying. Look at me now. I’m flying.“ Und er entschwindet in ein Crescendo, das die hypnotischen Linien von Ellis‘ wehmütig klagender Violine in einen majestätischen Streicherhimmel wandelt, ein unheimlicher Chor begleitet die Himmelfahrt.

„Niemand sonst steht mit so viel Eleganz und Stil im nebligen Eingang eines Bordells wie Nick Cave. […] „I got love in my tummy / And a tiny little pain“ singt er da, im Neonröhrenlicht, und es ist so zwielichtig, so gefährlich, so brutal, wie nichts anderes auf der Welt. Das Video der sinistren Vorabsingle ‚Jubilee Street‘, durch das Cave so herrlich großkotzig schlendert, ist keine sechzig Sekunden alt, da blickt man dem Abgrund auch schon ins Gesicht.“ [plattentests.de]

For I have seen your face
On the floor of the ocean

Auf dem Cover von Push The Sky Away wirkt Susie Cave, née Bick, wie eine langbeinige Meerjungfrau [Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides hat gerade kanonisiert, daß MERMAIDS sich an Land mit Beinen versehen], die sich in das lichtdurchflutete Schlafzimmer verirrt hat und noch auf Zehenspitzen menschlichen Gang ausprobiert, erste vorsichtige Schritte auf festem Grund. Cave öffnet gerade die shutters, um Licht auf das zu werfen, was da erscheint. Doch, es ist tatsächlich seine Frau.

„Hey! Ho! / Oh baby don’t you go / All supernatural on me“, warnte Cave 2004 auf Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus. Andernfalls hole er den Grinderman. „Übernatürlich“ dort also Synonym für Unantastbarkeit, das erotisch Unerreichbare, „supernatural“ als Zustand verhinderter Erotik. Mittlerweile hat er ihr Antlitz jedoch wieder auf dem Meeresgrund gesehen („Die Vagina als Eingang in den Ozean, als Teil aller Ozeane …“ – Theweleit), verbindet in der Metapher das Sexuelle mit dem Übernatürlichen, was konfessionell in den Glauben an the Rapture mündet. Man kann an Gott, Meerjungfrauen oder 72 Jungfrauen an einer Kette glauben, why not why not. Außerdem sind sie unübersehbar da, die Nixen. „Fired from her crotch“, also aus dem Ozean der Einen, fällt Cave vornüber ins Narrativ des Ganz Anderen und kontempliert die Schönheit der Meerjungfrauen. Sie sonnen sich auf Felsen, unerreichbar für den Verstoßenen, sie winken und gleiten zurück ins Wasser.

Die Musik behauptet einfach, daß Cave den lockenden und gefährlichen Wasserfrauen tatsächlich zusieht. Eine schimmernd plätschernde Gitarre, so wie es nur in mythischen Welten plätschern und sprudeln kann. Blind, wer nicht das Sonnenlicht auf geheimnisvollem Wasser tanzen sieht. Ein klagender, sehnsüchtiger Klang ganz am Rande des Songs, vom numinosen Ende der wirklichen Welt. So ein Liebeslied, so einen Verschmelzungswunsch muß man erstmal schreiben können, betört von den erotischen Reizen der Nixen, also vom Ganz Anderen. Das Beste an beiden Welten ist, daß sie nur eine sind.

„I mean she’s so present within the record anyway. I think she’s walking in and out of that record all the time.“ – Nick Cave

Ein schabender Bass pocht bedrohlich auf einer einzigen Note, tief und mit niederträchtiger Beharrlichkeit. Flirrende, unheimliche Violinenklänge. Melancholisch funkelnde Pianospritzer. Im Keller des Songs, kaum hörbar, rumpelt ein wenig Percussion. Und Cave spricht wie zu sich selbst. Was das ergibt? Eine qualvoll schöne Ballade. Sie heißt WE REAL COOL (wie das Gedicht von Gwendolyn Brooks von 1959) und verachtet das Coole. Sie steht allein im Geisterhaften und will doch Ode sein an die Frau, mit der zusammen das Ende der wirklichen Welt erreichbar ist. Oder wäre. Wenn sie nur wüßte, was sie wissen müßte, nach all der Zeit, o Jesus. „The tension between the male and the female“ in Form eines bittersüßen Wer war es, der…? „Wrote you a book you never read“ – who was it? Yeah, you know.

„Who measured the distance from the planets / Right down to your big blue spinning world“. Der Liebende, der verzweifelt an cooler Gleichgültigkeit gegenüber Bedeutungen, die man in Herzschlägen und Tränen maß. „I hope you’re listening“, warnt Cave. „Who chased your shadow running out behind / Clinging to your high-flying heels / Who was it? / Yeah you know, we real cool.“

Real cool, die Bedeutungen zu negieren, ihnen gegenüber achtlos zu sein. Der Liebende kennt die Entfernung zu den Sternen, wie nur der Liebende sich in der wirklichen Welt auskennt, und warnt: nimm mir nicht das Wesen meines Wissens. Sonst bleiben nur die Faktoide der natürlichen Welt: „Sirius is eight-point-six light years away / Arcturus is thirty-seven“. Und „Wikipedia is heaven / When you don’t want to remember no more“. Wenn einem die Erinnerung genommen wird, an das Entfernungsmessen in der besten aller möglichen Welten.

And the sky will devour the children

FINISHING JUBILEE STREET beschreibt zunächst Poesie als die Macht von Bildern, neue Bilder zu beschwören. Ein Song, der davon handelt, wie sich nach dem Schreiben eines Songs eine Obsession in eine andere transformiert. „I had just finished writing Jubilee Street“, als er, Nicholas Edward Cave, in tiefen Schlaf fällt und beim Aufwachen davon überzeugt ist, daß er im Traum ein sehr junges Mädchen namens Mary Stanford zu seiner Braut gemacht hat. Und dann handelt der Song davon, wie die Traum-Information die Wirklichkeit verändert. Wieder schleicht sich ein Ganz Anderes ein, um die Instabilität der „natürlichen“ Welt zu dokumentieren. Die mädchenhafte Braut zieht Blitze aus dem Himmel, und Nicholas Edward Cave sucht Mary Stanford („I said Hey little girl where do you hide?“) in einer surreal gewordenen Wirklichkeit, die das Mädchen als numinose Macht zu durchweben scheint, irrationale Ängste auslösend. Der Himmel wird die Kinder verschlingen. Die Natur scheine ein „geheimes, verzehrendes Gift“ in sich zu haben, fand Clara. „Last night your shadow scampered up the wall / It flied and leaped like a black spider between your legs / And cried / ‚My children! My children! They are lost to us!‘ All of this in her dark hair! O Lord!“ Der unheimliche spoken-word account löst sich ab mit einem Refrain – „See that girl / Coming on down / Coming on down / Coming on down“ – auf die unfaßbar schönste, perplex machende Melodie, die je auf Erden zu hören war, vocals von Martha Skye Murphy. „Und von dieser phlegmatischen Frauenstimme, die sich da im Refrain ausbreitet, wird man nachts noch träumen“ [plattentests.de]. Und beim Aufwachen davon überzeugt sein, daß man im Traum…

HIGGS BOSON BLUES kennt keine andere Welt mehr als die surreale. „Can’t remember anything at all“ – ein halluzinatorischer road trip auf dem Lost Highway, unterwegs nach Geneva [Genf -> CERN], lange schwarze Straße, schwüle schwarze Nacht, am Kreuzweg Robert Johnson mit seiner 10-Dollar-Gitarre, und Luzifer, Johnsons Geschäftspartner, „a 100 black babies running from his genocidal jaw“. Robert Johnson und der Teufel, Mann, „Don’t know who is gonna rip off who“. Bäume stehen in Flammen. Im Lorraine Motel predigt ein Mann „in a language that’s completely new“. Ein Schuß, und alle bluten. Der da unterwegs ist mit dem Higgs Boson Blues, er will begraben werden mit einer mumifizierten Katze. Die Regenzeit ist nur noch simuliert. Miley Cyrus vollendet das Thema Frau & Wasser, sie treibt in einem kalifornischen Swimming-Pool. Tot oder lebendig. Es gibt nichts mehr zu erinnern außer: you’re the best girl I ever had. Regentage machen einen immer so traurig.

Freud bemerkt in seiner Studie zur Psychopathologie des Alltagslebens, daß Cave auf dem Textblatt nicht Miley Cyrus schreibt, sondern Mylie Cyrus (vgl. Kylie). Wie genau treibt das Starlet im Pool? Und warum?

„Well, I don’t know that she’s face down,“ sagt Cave. „Maybe she’s on a lilo. In some ways, if she is lying on a lilo then it’s even more of a devastating image, considering the nature of the song and the absolute spiritual collapse that’s happening all around her. No, let’s say she’s just on a lilo. Let me just say: I’ve got nothing particular against Miley Cyrus. The whole thing came about because I was in Madame Tussauds with my kids and they were hugging Miley Cyrus’s waxwork. Elizabeth Taylor as Cleopatra was in the next room. They were groping Miley Cyrus, and I’m going, well, hang on a second, you’ve got Elizabeth Taylor here. ‚Who?‘ And that had some impact on me, and that’s why she’s floating in the pool.“

Absolute spiritual collapse. Der da unterwegs ist, weiß nicht mehr, wohin noch und was tun; Geneva liegt am Ende eines Weges quer durch Zeit und Raum, irgendwo auf dem Weg epidemieverbreitende Missionare, im Lorraine Motel wurde Martin Luther King ermordet.

Joseph Lykken, am CMS-Experiment des Large Hadron Collider beteiligter Physiker, hat anhand der im Juli 2012 veröffentlichten Daten über das Higgs-Boson errechnet, daß das Universum instabil ist. Beim Jahrestreffen der AAAS (American Association for the Advancement of Science) faßte er seine Ergebnisse zusammen und formulierte dabei den Satz:

„The universe wants to be in a different state, so eventually to realize that, a little bubble of what you might think of as an alternate universe will appear somewhere, and it will spread out and destroy us.“

Woran erinnert der Satz, daß das Universum einen anderen Zustand annehmen will? Right. Lykken weiß aber wohl nichts von Claras Ahnung, daß etwas in der Natur um eine ganz andere Beschaffenheit ringt.

Die Odyssee durch die grotesken Szenen der spirituellen Katastrophe, der phantasmagorische und immer deliriösere trip, auf dem zwangsläufig alles durcheinanderwirbelt, erklärt nicht, warum Materie Masse hat. Aber wenn in der Erosion aller Wahrheiten deutlich wird, was der Welt Gewicht verleiht („you’re the best girl I ever had“), bleibt nur eins. 

PUSH THE SKY AWAY. You’ve gotta just keep on pushing / Keep on pushing / Push the sky away.

„… assertion of self-belief in the face of uncertainty“ (Andy Gill). Nie war der psychosexuelle Feuer-und-Schwefel-Sermon so fern wie hier, wenn Nick Cave über diesem komplett anderweltlichen orgelartigen Klang mit einer der beseeltesten vocal performances seines Sängerdaseins schließlich sich selbst entsendet in den offenen Raum jenseits des Himmels.

Ein wunderschöner Anblick.

Alles Bekannte wandelt sich auf Push The Sky Away, etwas Ungreifbares, Traumgleiches verfremdet die Bilder, alles Ausgesprochene verweist auf Unausgesprochenes, seltsam schwerelos und schwebend bewegt sich alles hier, und so wie Mary Stanford Blitze aus dem Himmel zieht, so zieht Warren Ellis Klänge aus der Unergründlichkeit. 

„Well, if I were to use that threadbare metaphor of albums being like children, then Push The Sky Away is the ghost-baby in the incubator and Warren’s loops are its tiny, trembling heart-beat.“ –  Nick Cave

2013