Auch wir sind in Räumen freigelegter Zeit Wie weiße Spinnen, die in Einsamkeit sich weben Träumend, wie im Garten vor lang verschwundenen Monden Ein Wispern war im Rauschen dieser Blätter Wartend, daß noch einmal unser Weben so erzittert
Rubinrot auf den Lippen und sie sagte: komm Und der Wind, der ihre Haare wehen ließ War kalt und nicht von dieser Welt Und sie verging, als wäre sie ein Stich ins Licht Und seither all die Tode, die uns trennen
Kleine Tour durchs Reich der Verdammten. Es muß mal gesagt werden. The Damned haben 1985-1986 mit „Phantasmagoria“ und „Anything“ zwei Platten gemacht (und dazwischen „Eloise“), die so klingen, als hätte die Tochter von Bela Lugosi und Maila Nurmi Dave Vanian gezwungen, die besten Songs aller Zeiten zu schreiben, andernfalls sie ihn wie Turandot ihre Freier köpfen lasse. Vanian tat sein Bestes, und für Sachen wie „Sanctum Sanctorum“ oder „The Portrait“ wäre gar Lord Byron nochmal angerannt gekommen, wäre er nicht mit dem Luziferfuß umgeknickt. Dave Vanian hat zweifelsohne eine phantastische Stimme.
„Oh yeah, he’s quite a strong bloke old Dave. He actually really used to be a grave digger. He really lives the lifestyle. I know it sounds weird but he really is into it. The whole lifestyle, the motorbikes, the ex-grave digger bit and all that stuff. I like the bloke a lot, he’s a bit of an enigma. I think he’s tinged with madness. I really think he is, because of the twenty years I’ve known him he’s never changed and he’s always backed up whatever he said. Once I went round his house, he was living in a basement and he’d had a flood. I said “ ‚ello Dave how’s it going “ – He said „The drains have flooded, can you help me get this carpet out“. Actual sewage had come up through the drains and it wasn’t very pleasant. We got the carpet out and I said „What’s that under there then, that’s a pentagram. Is that like satanic stuff or what?“ And he says „It must have been put down by the previous owners of the flat“. Now does that ring true to you, the bloke sitting there dressed up as Dracula, with a hearse sitting outside the house and he’s telling me it must have been someone else who done the pentagram. I don’t think so, do you.“ – Captain Sensible
„We complement each other as songwriters, neither of us treading on each other’s toes. We both love 60s garage music and appreciate a bit of dark melancholy … And the bloke is the best singer of his generation.“ – Captain Sensible 2019
Nicht seit dem Tag, an dem ich Antipapst wurde.
Hommage an Pink Floyd mit Syd Barrett + Hawkwind + Neu! + Ron Asheton +++, + ureigene The Damned-Perfektion. Und ja, das ist Dave Vanian.
Und noch immer ist The Damned eine der unterschätztesten Bands des Planeten. Ja, The Damned war die erste Punk-Band, die im Vereinigten Königreich eine Single veröffentlichte („New Rose“, 22. Oktober 1976. Daniel Ash von Bauhaus: „The perfect single. Brilliant.“), aber wer sie auf „Punk“ reduziert, kann auch die Beatles auf „She Loves You“ reduzieren. Tatsächlich hat sich das Universum der Verdammten ähnlich atemberaubend ausgedehnt wie bei den Beatles, vielleicht in nicht ganz so rasanter Geschwindigkeit, aber die Liste ihrer Erfindungen ist lang, Psychpunk, Gothpunk, Progpunk, you name it.
Im Oktober 2019 baten The Damned ins Londoner Palladium zur „Night of a Thousand Vampires“, bei welcher Gelegenheit die Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison, Emily, erneut mit ihrer Violine bei „Curtain Call“ auf der Bühne erschien – und zwar exakt so goth, wie man sich eine Tochter von Dave Vanian und Patricia Morrison vorstellt. Bei aller schauderhaft schönen Theatralik machte dieser Abend die herausragende Virtuosität der Herren Vanian, Sensible & Co nochmals deutlich.
Ich besitze noch einen SPEX-Artikel, betitelt: „10 Jahre Damned oder Gröhl, gröhl, gröhl!“. Michael Ruff damals: „Ich muß da ganz subjektiv werden: Es ist so gut, daß es sie gibt.“ Einer der besten Sätze aus 100 Jahren SPEX. Bald heißt es „100 Jahre The Damned“ und natürlich macht ihre chaotische Brillanz keine Gefangenen, darum gilt für die Tatsache, daß wir es mit phantastischen Musikern, einem phantastischen Sänger und jederzeit phantastischen Songstrukturen zu tun haben: blink and you miss it.
Als Intro wählen die Beatles des Punk eine Version von „The Man With The Golden Arm“. Dave Vanian im feinen schwarzen Anzug, weißes Hemd, blutrote Manschettenknöpfe, schwarze Handschuhe, Sonnenbrille, The Invisible Man-Hut. Las vor einer Weile: wie kann jemand nur so dapper aussehen, der seit 500 Jahren kein Spiegelbild hat.
„Street Of Dreams“, „The Invisible Man“, „Wait For The Blackout“, „Lively Arts“, „Born To Kill“ dann annonciert Dave „We got a new album“, und sie spielen es fast zur Gänze, „exclusively on Reeperbahn!“, charmant gelogen natürlich, aber dann folgen tatsächlich 9 Songs von „Darkadelic“ am Stück.
Wir stehen in der ersten Reihe, 3 Armlängen vom Captain entfernt, da dreht sich einem schnell das Gehirn im Schädel. Madame hier gut zu erkennen am Poison Ivy-roten Haar, und als der Captain in unsere Richtung blickt und erklärt: „Nice looking audience actually… much prettier than in England“, meint er nicht mich. Women and Captains first.
The Damned pflegen liebenswerte Anarchie, schön zu sehen bei „Love Song“, als Dave Vanian aus ohnehin schon ironisch inszenierter klassischer Rockpose, der Captain und Paul Gray Schulter an Schulter, bizarres Slapstickgetümmel macht.
Der Abend besteht aus 100 Minuten ungebremster Spielfreude, als die Band zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne kommt, stehen die Herren länger als geplant ohne Gitarre und Bass da, Dave Vanian singt „Why are we waiting?“, Captain und Publikum beschließen ein „Wot!“-Impromptu, das für Entzücken auch beim Captain sorgt: „Vielen Danke, mein Damen, mein Herren!“ Bei „Eloise“ hat Paul Gray dann Probleme mit seinem Bass, der offenbar völlig verstimmt absäuft, Herr Gray kurzzeitig auch verstimmt, dafür hat er eine wunderbare Szene am Ende des neuen „The Invisible Man“-Videos: „You got the package?“ – „Just drive, fool!“ – „Charming“. Wer kennt das nicht.
„We’re cursed“, grinst der Captain, was schiefgehen kann, gehe schief, aber alles inthe best of spirits, auch bei der Vorstellung des wieder mal in eine Art totenkopfübersäten Schlafanzug gekleideten Monty Oxymoron, Captain: „How did he end up in a punk band?“, Dave: „That’s a long story.“ Bei „Smash It Up“ noch Captain an Dave: „You’re in fine voice tonight!“, und es gibt noch ein zweites Zugabenset, ganz am Ende „New Rose“. Eine der besten Debut-Singles in allen Sonnensystemen. Is she really going out with him?
„My definition of wealth is simply to meet the requirements of my imagination.“
„I am forever observing patterns in every perceived aspect of existence.“
„Sometimes, I just stare at the human condition.“
„Insanity occurs when a complex system fails to modify itself.“
„The Greek word for idiot quite literally means removing blindfolds.“
Daß Jaz Coleman a true Renaissance man ist, wußte ich. Aber hier arbeitet man sich durch eine pansophische Lawine. Kabbala, Quantenphysik, Hermetik, Magick, Numerologie, Earth Sciences, alles unter der Idee einer Supersynthesis. Hohepriester dieser Entität namens Killing Joke, deren entfesselte Macht alles überwältigt, was sich ihr in den Weg stellt, aber man findet in Colemans Werk auch einen tiefen und visionären Humanismus. Versteht sich von selbst, daß der Gedankenstrom dieser magischen Weltanschauung zuweilen in Regionen führt, die wie göttlicher Wahnsinn erscheinen. „The Greek word for idiot quite literally means removing blindfolds.“ Kann ich nicht verifizieren, aber es wäre die beste poetische Beschreibung für das, was „Idiot“ in „Aljoscha der Idiot“ bedeutet – angefangen mit: Aljoscha removing his own blindfold, Ende seines eigenen Blindgangs.
Ziemlich am Anfang gibt es eine längere, großartige Passage, die davon handelt, wie Coleman sein Radio erschießt, genauer, das Radio, das einen Song von Midnight Oil spielt. „I switch on the radio and to my dismay I am subjected to a mediocre rock dirge that is completely out of context to both my mood and surroundings. As I possess the capacity to actually see music, I have the fleeting impression of an invisible yet highly toxic poison streaming forth from the radio speakers, permeating and slowly polluting this, my sacred space.“ Die ausführliche Beschreibung der konsequenten Gegenmaßnahmen ist hilarious.
World gone mad again und die Propagandaschleudern, die sich früher Nachrichtensendungen nannten, wecken gerade ähnliche Impulse in mir. Werde meinem TV irgendwann den Schädel spalten. Wenn ich rausgefunden habe, wo es seinen Schädel hat.
Zuerst schrieb mir die Marketing-Abteilung von BoD. Vito von Eichborn, einer der innovativsten Buchmacher Deutschlands, betätige sich als Herausgeber einer Edition für BoD und wäre erfreut, meinen Roman in diese Edition aufnehmen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war „Aljoscha der Idiot“ fast zwei Jahre auf dem „Markt“ – jenem Markt, von dem mir der Lektor eines renommierten Verlags gesagt hatte, ein Roman wie dieser sei dort „nicht durchsetzbar“. Ich hatte mich dann für das System Books on Demand entschieden, „Aljoscha“ also auf eigene Faust veröffentlicht, ich hatte die Erlaubnis der Erben des berühmten Frans Masereel, einen seiner Holzschnitte für das Cover verwenden zu dürfen, ich hatte all das mit Freuden bezahlt, und dummerweise hing ich nun sehr an der Art, wie dieses Werk in die Welt gekommen war. Und darauf schrieb mir dann Vito von Eichborn selbst.
Lieber Autor, schrieb er, oje, das habe er befürchtet: jemand, der so schreiben kann, hat absolut seinen eigenen Kopf. „Ihr Buch ist für mich der so seltene klassische Fall: grandios gut und absolut schwer verkäuflich. Dies ist für mich der erste Fall, in dem die literarischen Verlage offensichtlich versagt haben.“ Die Edition, schrieb er, habe ein festes Gestaltungsprinzip, aber er wolle dafür sorgen, daß wir den Masereel-Holzschnitt mitnehmen. Mit der ihm eigenen Machen-wir-uns-nichts-vor-Haltung sagte er mir: machen wir uns nichts vor, BoD kommt in den Feuilletons nicht vor, keine Versprechungen, aber: „Ihr Buch ist eine ganz seltene Perle“, und vielleicht könne seine Stimme mehr Menschen zum Lesen bringen.
Er schrieb ein Vorwort für die Neuausgabe, und wenn einer wie er sagt, dieser Roman sei „literarisch das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe“, hat das sehr große Bedeutung für einen, der tausend Nächte tief daran gearbeitet hat, ohne zu wissen, ob dieser Balg je Hosen trägt. Es war bezaubernd zu hören, wie er dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Radio-Interview von „Aljoscha“ schwärmte – wenn man die Begeisterung eines mit allen Wassern Gewaschenen so nennen darf.
Seine Emails waren immer wie kleine Stromstöße, und in einer der letzten, die ich von ihm erhielt damals, stand: „Wenn jemand schreiben muß, dann Sie!“
Gute Reise, lieber Vito von Eichborn. Danke für die Neugier, für den Enthusiasmus, für den Mut. Danke für alles.
„Zuletzt verschlug es Aljoscha in einen Schallplattenladen. Ein alter schwarzer Bluessänger sang alten schwarzen Blues. Der Mann an der alten schwarzen Kasse sah aus wie Majakowski. An einem Ständer hingen T-Shirts. Aljoscha sah sie gelangweilt durch, bis er eines mit dem Erkennungszeichen des Kollektivs Einstürzende Neubauten fand. Auf dem schwarzen Stoff zeichnete sich ein archaisches Symbol ab, das an eine Höhlenmalerei der Frühzeit erinnerte. Nur war hier kein Tier dargestellt von Menschenhand, sondern eine menschliche Gestalt, die so wirkte wie die Vorstellung, die ein Tier vom Menschen haben könnte. Ein Rückgrat, davon ausgehend Arme und Beine, statt Händen oder Füßen nur die Andeutung einer atavistischen Drehung der Extremitäten; der Kopf ein Kreis, überdimensional vergrößert, und in den Kopf-Kreis war ein Mittelpunkt gemalt. Wie der Herzmittelpunkt in der Umrißzeichnung eines Elefanten in der Pindal-Höhle, 12000 Jahre alt. Was bedeutete dieser Mittelpunkt hier? Gesicht? Blick? Brennpunkt? Verdacht auf Innewohnendes? Vermuteter Sitz einer Matrix, die für unfaßbare Vorgänge im Innern der Gestalt verantwortlich ist?
Reduktion auf das Wesentliche, äußerste Stilisierung, äußerste Verdichtung. Diese Figur, dieses ins Quintessentielle implodierte Menschlein, strahlte gespenstische Intensität aus. Unheimlich stand es da wie die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, unheilschwanger in seiner primitiven Indifferenz, und lud sich auf mit Exzentrizität – mit extremer Abweichung vom gegenwärtig eingenommenen Punkt.“
Streckbank, Peitschen, Brandmarkeisen, Daumenschrauben und andere Folterwerkzeuge dokumentieren im Holstentor den Strafvollzug im späten Mittelalter. Schandschilder aus dem 18. / frühen 19. Jahrhundert: damit behängt, mussten Verurteilte ihre Strafzeit auf dem Markt abstehen.
Die alten Salzspeicher: hier drehte Friedrich Wilhelm Murnau im Sommer 1921 Szenen für „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922).
Max Schreck als Graf Orlok findet sein Domizil in der Stadt Wisborg in den zerfallenen Lagerhäusern, der Nosferatu bewohnt jenes „schöne, öde Haus“, den Hutters vis-à-vis.
Auch Werner Herzog drehte hier Szenen für „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979).
Die Kirchenuhr im Lübecker Dom, 1628.
Das 17 Meter hohe Triumphkreuz des Bernt Notke. Es wurde von Albert II. Krummendiek, Bischof von Lübeck und Kanzler des Dänenkönigs Christian I., aus eigenen, wenn auch geliehenen Mitteln gestiftet und 1477 aufgerichtet. Krummendiek ist in der Triumphkreuzgruppe als Stifter und als Gegenfigur zu Maria Magdalena dargestellt. „… nebst einer Magdalena, unter welcher Gestalt, der Sage nach, seine Beischläferin dargestellt ist“, bemerkt um 1820 der Prediger Zietz. Krummendieks Finanzen blieben nach dieser Stiftung zerrüttet.
Schatten haben ein Eigenleben.
Maria und Maria Magdalena.
Ein freundlicher Bewohner des Doms.
Das Museum im St. Annen-Kloster.
Rathaus, Renaissance-Erker zur Breiten Straße.
Rathaus-Nordfassade am Marienkirchhof, auf dem der historische Weihnachtsmarkt stattfindet.
In der Marienkirche: die beim verheerenden Brand in der Nacht vom 28. zum 29. März 1942 heruntergestürzten Glocken am Boden des südlichen Turms.
Marienkirche
Tympanonfenster von Markus Lüpertz.
Marienkirche
St. Jakobi. Die Jakobikirche wurde 1334 als Kirche der Seefahrer und Fischer geweiht.